Von Sebituani angeführt, war ein Zweigstamm der zwischen dem oberen

Oranje- und oberen Vaal-River wohnenden Basuto nach Norden ausgewandert.

Der Durchzug durch die Betschuana-Reiche wurde von denselben mit Gewalt

erzwungen und nach der Unterjochung vieler am centralen Zambesi und

unteren Tschobe, namentlich der östlichen Bamaschi und der Marutse ein

an 2000 Quadratmeilen umfassendes Reich, das der Makololo gegründet,

außerdem viele Völker des Ostens bis an den Kafuefluß tributpflichtig

gemacht. Als jedoch schon unter dem folgenden Herrscher Sekeletu

Zwistigkeiten unter den Makololo ausbrachen und sich diese zu offenem

Parteikampfe steigerten, griffen die unterjochten Marutse zu den Waffen,

warfen sich auf die zwischen dem Tschobe und Zambesi sich aufhaltenden

Makololo und schlugen diesen ohnehin auch durch die Malariafieber

decimirten Stamm in mehreren Gefechten, wobei die gesammte männliche

Bevölkerung bis auf zwei Männer und die Knaben ausgerottet wurde. Von

den südlich vom Tschobe wohnenden Makololo traf auch die etwa 2000 Köpfe

zählende männliche Bevölkerung ein ähnliches Los. Wären sie am rechten

Tschobe-Ufer geblieben, so hätte das Makololoreich bis heutigen Tags

noch fortbestanden, so aber fürchteten sie die durch die Mabundas und

andere unterjochten Völkerschaften verstärkten Marutse, verließen das

Stromgebiet des Tschobe und wandten sich zu den westlichen Bamangwato,

nach dem N'gami-See; sie wurden von dem Könige derselben,

Letschuatabele, scheinbar freundlich aufgenommen, allein ihre

Vernichtung war schon im Vorhinein beschlossen. Der Abgesandte des

Königs begrüßte sie mit den Worten: »Wenn Ihr Freunde der Bathowana

seid, dann lasset Eure Speere und Schlachtbeile draußen bei Euren Frauen

und kommt als Freunde in die Stadt.« Das thaten auch die Makololo. Kaum

waren sie aber im Berathungsraume angelangt, d. h. in die Kotla

eingetreten, als die Bathowana den Eingang mit Aesten und Baumstämmen

versperrten und die in der Umzäunung befindlichen Makololo bis auf den

letzten Mann niedermetzelten. Mit den Frauen geschah dasselbe wie bei

den Marutse, die Sieger theilten sie unter sich, der König wählte sich

die schönsten, dann kamen die Häuptlinge an die Reihe und der Rest wurde

vom Herrscher verschenkt. Seither finden wir unter den dunkelgefärbten

Bathowana's und den nördlich vom Zambesi wohnenden Völkern des

Marutse-Reiches Frauen von braunem Teint, auf welche sich die dunklen

Stämme nicht wenig einbilden, da sie das lichtere Colorit als eine

Veredelung ihrer Race ansehen. Sepopo nahm nun das Land der Makololo mit

Ausnahme des östlichen Bamaschi-Territoriums und ihres südlich vom

Tschobe gelegenen Gebietes (aus Furcht vor den Matabele) in Besitz.

Nördlich von den Marutse erstreckte sich das Mabunda-Reich, welches von

Königen aus der Herrscherfamilie der Marutse regiert wurde. Vor wenigen

Jahren starb die Königin der Mabunda, welche auf ihrem Todtenbette

Sepopo's älteste Tochter Moquai zur Nachfolgerin ernannte. Da jedoch

Moquai die Nachstellungen von Seite ihres Vaters befürchtete, übergab

sie ihm die Regierung ihres Reiches, und so fand ich bei meinem Besuche

nördlich vom Zambesi ein vereinigtes Marutse-Mabunda-(Mambunda-)Reich

von Sepopo, dem directen Nachkommen der alten Königsfamilie der Marutse

beherrscht.

[Illustration: Empfang bei Sepopo.]

Während des Frühstücks ließ er die wichtigsten Repräsentanten der 18

größeren, sich in 83 Zweigstämme theilenden Stämme herbeirufen, und

stellte sie mir vor. Von den 18 größeren waren die meisten in Schescheke

mit einem oder mehreren Häuptlingen in einer Zahl von 10 bis 500

vertreten. Die wichtigsten Stämme des Reiches sind: die Marutse, Mabunda

(die beiden herrschenden), Masupia, Matonga, Makalaka, Mankoë, Mamboë,

Manansa, Mabimbi, Bajezi, Bakalomo, Bamata, Banjoka, Basuto, Batoka,

Livanga, Manenga, welche sich wiederum in folgende Zweigstämme theilen:

Aimalio, Aitunga, Alumba, Aluschanga, Ambolela, Ambume, Amoodé, Angoko,

Aquanga, Babuiko, Bahumokume, Bajaoma, Bajeji, Bakabololule, Bakalomi,

Balea, Bolioa, Balobule, Balomokmeci, Bamakoma, Bamalingo, Bamata,

Bamomba, Bamosima, Banamo, Bonoka, Baoë, Bapalesi, Baquanti, Basetuta,

Basioma, Basimavotomo, Basuto, Batoka, Boemenda, Boo, Emafoa, Emunonoco,

Jabia, Jamoë, Jëta, Kasabe, Katulama, Kombala, Liamba, Liamankua, Liato,

Livanga, Linkamba, Loena, Lujana, Luketa, Luueku, Mabimbi, Mafumbe,

Makalaka, östliche Nolianga, westliche Notulu, Malundasieeme,

Mambalango, Mamboë, Mabunda, Mampakani, Manansa oder Manandscha, Mankoja

= Mankoë, Manengo, Marutse, Maschoscha, Masupia, Matomo, Matonga oder

Ma-beker, M'Banga, Milanka, M'Kanda = Makanda, M'Koma = Makoma, Moëna,

Moëlopuma, Monojanda, Nambo, Nikalulunda, Ojukamonde, Salama, Sima,

Wafi, Wassiwanda. Außer diesen schon seit beträchtlicher Zeit in dem

Gebiete ansässigen Stämmen finden wir hie und da zerstreut angesiedelt:

Matabele, Menons-Makalaka und Masarwa; die beiden letzteren sind als

Flüchtlinge aus dem Süden über den Zambesi gekommen (die Masarwa, ein

Vasallenstamm der Bamangwato und Menons-Makalaka, ein den Matabele

tributpflichtiger Stamm).

Die Marutse bewohnen die fruchtbaren Thäler des Barotselandes zu beiden

Seiten des herrlichen Zambesistromes, von Sekhose (Süd) an,

stromaufwärts bis an 150 englische Meilen südlich von der Vereinigung

des Kapombo mit dem Liba. Ich glaube, daß die Barotse der fruchtbarste

Theil des Reiches ist und sich sowohl für die Viehzucht als für den

Ackerbau vorzüglich eignet. Sie hat Ueberfluß an Wild und

wildwachsenden, dem Menschen sehr nützlichen vegetabilischen Produkten,

von denen Gummi elasticum eines der wichtigsten sein dürfte. Das Land

besitzt viele bedeutende Städte und war früher der Wohnsitz der

Königsfamilie. Die Mabunda's umwohnen das Land der erstgenannten von

Nordost und Ost, wobei jedoch die Hauptmasse des Landes östlich von der

Barotse, am oberen Mittellauf der Flüsse Njoko (Noko), Lombe und Loi zu

liegen kommt.

Die Mankoë haben einen Landstrich inne, der von Norden her an das Gebiet

der Mabunda grenzt und seine größte Ausdehnung von West nach Ost hat,

aber nicht auf das westliche Zambesi-Ufer hinübergreift. Die Mamboë

wohnen nördlich von den letzteren am unteren Kapombo und Liba. Die

Bamomba und Manengo leben im Weichbilde der Stadt Kavagola am oberen

Zambesi. Die Masupia bewohnen das Land südöstlich der Barotse bis 30

englische Meilen unter der Tschobe-Zambesi-Vereinigung längs des Zambesi

und an 50 englische Meilen den Tschobe stromaufwärts. Die Batoka wohnen

östlich von den Masupia am linken Zambesi-Ufer bis etwa 30 englische

Meilen unterhalb der Victoria-Fälle. Die Matonga sind Grenznachbarn der

letzteren und theilweise der Masupia (von Norden her); die Hauptmasse

lebt am Mittellaufe des Kaschteja- (Livingstone's Madschila-) Flusses.

Die westlichen Makalaka wohnen am unteren Kaschteja zwischen den Matonga

und Masupia. Die östlichen Makalaka leben als östliche Nachbarn der

Batoka den Zambesifluß abwärts, Wanke's Kraal ist ihre größte

Niederlassung. Die Lujana wohnen am Südufer des Zambesi, westlich von

den Masupia's. Die Wohnsitze der übrigen Stämme ziehen von den Lujana

gegen die Südgrenze der Barotse, ferner nördlich von den Matonga,

Makalaka und östlich von den Mamboë und Mankoë, doch auch in kleineren

Gebieten, da, wo sich oft zwei der erwähnten größeren Stämme berühren,

oder sie sind über das Gesammtreich zerstreut worden und bilden kleine

Colonien im Lande der Makalaka, Mambunda, Marutse etc.

Die meisten der genannten Stämme sind wirkliche Unterthanen und werden

mit Ausnahme der Marutse als Sklaven angesehen, nur ungefähr ein

Viertheil sind Tributzahlende und dies meist Stämme des Ostens (Batoka,

östliche Makalaka, Mabimbi etc.) Durch Sepopo's Grausamkeiten sind viele

Eingeborne aus dem Reiche nach Süden hin geflohen und da dem Tyrannen

dadurch auch viele Schwierigkeiten in dem Centrum des Reiches erwuchsen,

hat sich in den letzten Jahren das Tributverhältniß der an den Grenzen

nach Nordost und Ost wohnenden Stämme bedeutend gelockert. Die den

eigentlichen (wirklichen) Unterthanen auferlegten Steuern bestehen in

Getreideabgaben (Kleinkorn, Kafirkorn, Mais); im Abliefern bestimmter

Mengen getrockneter Früchte, Kürbisse, Tabak, Gummi elasticum, Matten,

Canoës, Rudern, Waffen, Holzarbeiten (Töpfe, Schüsseln,

Musikinstrumente), Thierhäuten, frischem und getrocknetem Fisch- und

Nilpferdfleisch. Außerdem sind Elfenbein, Honig und das nahrhafte

Manza Krongut und jeder sie verkaufende, resp. vertauschende

Unterthan wird mit dem Tode bestraft. Die Tributzahler haben dem

Marutse-Mabunda-Herrscher jährlich eine bestimmte Zahl Elfenbeinzähne

(männlicher und weiblicher Elephanten) und Häute einer großen grauen und

dunkelbraunen lang behaarten Lemurspecies abzuliefern.

Die herrschende Sprache im Gesammtreiche, ich möchte sagen, das Mittel

des leichten Verständnisses zwischen den einzelnen Stämmen, ja ein

wahres Bindeglied, ist die der vernichteten Makololo. Die Makololo haben

sich viel schweres Unrecht zu Schulden kommen lassen, des Geschickes

gerechter Arm hat sie ereilt, doch mit ihrem Verschwinden vom

Schauplatze der Geschichte des centralen Süd-Afrika ist eine

Versöhnungspalme emporgewachsen; ihre Sprache, das Sesuto ist geblieben,

sie vererbte sich auf die Besieger, sie wurde diesen nothwendig,

namentlich als durch Vergrößerung des Reiches (in Folge der Vereinigung

mit dem Mabunda-Reiche) und engeren Verkehr mit den südlich vom Zambesi

wohnenden Völkern sich mehr und mehr und ohne alles absichtliche Zuthun

von Seite der Beherrscher, ein gemeinsamer, namentlich nach der

letzteren Richtung hin leicht verständlicher Sprachlaut nothwendig

erwies.

Welch' eine große Hilfe für den Forscher, wenn er sich im Süden ohne

Schwierigkeit die Sesutosprache zu eigen machen könnte. Die gegenwärtige

Makololo-Sprache ist nicht mehr das reine Sesuto, sondern durch die

Vermischung mit dem Serotse etwas corrumpirt; ein der Sesutosprache

Mächtiger ist im Marutse-Mabunda-Reiche vollkommen sicher. Als ich den

König über die Ausdehnung seines Reiches befragte, da meinte er, daß

seine Leute 15 bis 20 Tagreisen zu gehen hätten, bevor sie die nördliche

Grenze erreichen könnten; nach diesen mit ihm, seinen Häuptlingen, den

Abgesandten der nördlich wohnenden Maschukulumbe und den portugiesischen

Händlern gepflogenen Besprechungen und nachdem ich die Entfernungen nach

Tagreisen in Meilen verwandelt, zog ich die Grenzlinien des Reiches, wie

sie auf der Karte zu sehen sind. Die Grenze wird nach Norden und Osten

von den Maschukulumbe, nach Südwest von den Bamaschi, nach Süden von den

Bamangwato-Reichen und dem Matabelelande gebildet.

Sepopo's Name bedeutet in der Serotse »einen Traum«, seine Mutter hieß

Mangala. Die Vorstellung der in Schescheke anwesenden Häuptlinge und

Würdenträger -- darunter war auch Kapella, der Commandant der Truppen --

schloß der König mit dem häßlichen Maschoku, dem Scharfrichter, einem

riesigen Mabunda, und seinen zwei Schwiegersöhnen, welche zugleich seine

Schwiegerväter waren. Er hatte nämlich von beiden letzteren je eine

Tochter zur Frau genommen und ihnen dafür zwei seiner unmündigen

Töchterchen als Frauen zugesagt.

Als er die gegenseitige Vorstellung schloß, näherten sich mit lauten

Schangwe-Rufen drei Marutse seiner Hütte und brachten drei

Büffelschwänze; der König hatte sie ausgeschickt, um mich und Blockley

mit Fleisch zu versorgen. Bei dieser Vorstellung wurde Honigbier

getrunken, worin Lunga, die schönste der Basutofrauen, Unglaubliches

leistete. Bevor ich noch schied, zeigte mir der König seine beiden

Leibärzte, welche ihn mit Zaubermitteln zu versehen haben, so oft er

sich auf die Jagd begibt. Den Tag benützte ich, um mir die Stadt zu

besehen, und am Abend fand ich mich wieder in dem königlichen Gehöfte

ein. Am selben Abend kam auch Makumba von Impalera und brachte die

betrübende Nachricht, daß der Händler Y., den ich an Schneemanns-Pfanne

getroffen und ihm angerathen hatte, so schnell wie möglich nach Panda ma

Tenka zu meinem Wagen zu reisen, gestorben sei, bevor er noch dahin

gelangt war.

Vom 20. auf den 21. ereignete sich ein Intermezzo, welches die Harmonie

zwischen mir und dem Könige etwas störte. In Folge der Generosität des

Freundes Blockley ging es in unserem Höfchen wieder so lustig wie die

Nacht zuvor her; es mochte wohl schon Mitternacht sein, bevor die in

einen ausgezeichneten Humor versetzten schwarzen Damen und Herren die

drei riesigen Biertöpfe geleert hatten. Als sie endlich vor Müdigkeit

und in Folge des reichlichen Biergenusses in Schlummer verfielen, da

waren es die Kalebaßpiano's, welche mit ihren Tönen jeden Versuch zum

Einschlummern illusorisch machten. Endlich lullten mich die sich

wiederholenden Weisen in den wohlverdienten Schlaf ein, doch es währte

nicht lange und ich wurde durch das Bellen eines Hundes wieder geweckt.

Als ich meine Augen öffnete, schien es mir in der Hütte ungewöhnlich

hell und doch hatte ich die Oeffnung mit einer Kiste geschlossen; nun

bemerkte ich plötzlich einen dunklen Körper in der niedrigen, 2½ Fuß

hohen Thüröffnung. Ein Eingeborner war eben im Begriffe, sich mit der

rechten Hand der neben mir auf einer Kiste liegenden Kleider zu

bemächtigen. Ich hatte außer einigen über mir hängenden Assagaien, die

ich Tags zuvor erstanden, keine Waffe bei mir. Bevor ich noch zum Stoße

ausholen konnte, war der Dieb aus der Oeffnung verschwunden, ich stürzte

ihm nach, doch derselbe war in Begleitung eines Gehilfen, einen Stock

und einen Fisch zurücklassend, zwischen den Hütten verschwunden. Dieses

nächtliche Abenteuer regte mich so auf, daß ich für den Rest der Nacht

das Auge nicht schließen konnte. Als ich am nächsten Morgen den König

davon benachrichtigte, antwortete er mir ausweichend, und ich konnte

bemerken, daß ihm an diesem Tage meine Begegnung nicht sonderlich freue.

Doch ich ließ nicht ab und wollte, daß er die Sache untersuchen lasse.

Ich nahm nun zu einer List Zuflucht, sandte einen von Blockley's Dienern

in die Stadt und ließ bekannt machen, daß ich einen Stock am Flusse

gefunden hätte, und daß ich diesen Gegenstand gerne von seinem Besitzer

erstehen würde. Ich ließ den Stock beschreiben und war begierig, ob die

versprochenen Glasperlen den Dieb eruiren würden. Spät am Nachmittage

fand sich ein ältliches Individuum ein, welches, als man ihm den Stock

zeigte, auf diesen losstürzte und ihn als sein Eigenthum reclamirte. Nun

erst, nachdem er auch den getrockneten Fisch als sein Eigenthum

bekannte, führte ich ihn zum Könige, der eben beim Nachtmahle saß. Da

jedoch ein Freund des Beschuldigten, der mit ihm gekommen war, rasch

heim eilte, um das gestohlene Gut zu verstecken, so fanden die

Abgesandten des Königs nichts in seiner Hütte und er wurde unschuldig

erklärt. Als ich mich jedoch mit diesem Urtheilsspruch nicht zufrieden

gab, meinte der König, daß er den Mann mir zu Liebe bestrafen wolle. Auf

meine Frage, welche Strafe er über den Mann verhängen würde, antwortete

er, daß ihm der Tod bestimmt sei. Damit konnte ich mich nun wieder

keinesfalls einverstanden erklären und bat den König, den Mann auf

freien Fuß setzen zu lassen, bemerkte jedoch dem Könige gegenüber, daß

ich jeden nächtlichen Eindringling künftighin niederschießen werde.

Sepopo meinte hierauf, daß dies das Beste wäre und theilte dies den

zahlreich Versammelten sofort mit lauter Stimme mit.

Am Abend kamen Männer von der Barotse, darunter auch ein von Sekeletu

gefangen genommener Matabele und brachten ihre Abgaben an Korn. Der

König zeigte den Ankömmlingen das Innere seiner Hütte, auf das er nicht

wenig stolz war. Nachdem ich am selben Tage durch Masangu, einem

Würdenträger, den man vielleicht am richtigsten Arsenal-Verwalter nennen

könnte, aufmerksam gemacht worden war, daß der König in Folge der durch

den Diebstahl mir zugethanen Beleidigung geneigt wäre, mir Satisfaction

zu geben, wollte ich die Gelegenheit benützen und den König formell um

die Erlaubniß bitten, sein Reich bereisen zu dürfen. Gleich bei meiner

Ankunft in dem Höfchen fiel mir unter den dreißig in tiefer Stille

Hockenden ein Mann ob seiner äußerst demüthigen und unterwürfigen

Stellung auf, die Verschmitztheit, die aus seinem Gesichte

hervorleuchtete, brachte mir die Vermuthung bei, daß ich es nicht mit

einem Eingebornen des Marutsereiches zu thun habe; nachdem ich ihn etwas

näher fixirt, war ich dessen sicher, daß es ein Halbkast war. Als ich

den günstigsten Moment für gekommen hielt, rückte ich mit meinem

Ansuchen heraus; ich frug den König, ob er mein ihm durch Westbeech

gestelltes Ansuchen kenne, und als er dies bejahte, erläuterte ich nun

den Zweck meiner Reise.

[Illustration: Hafen von Schescheke.]

Nachdem der König zugehört verhielt er sich einige Minuten ruhig, dann

warf er die Frage auf: »Spricht der weiße Doctor die Serotse oder die

Sesuto?« Ich antwortete verneinend. »Spricht der weiße Doctor die

Sprache dieser beiden Männer,« und er wies auf zwei zu seiner Linken

liegende Männer, von denen mir der eine als Halbkast und durch sein

verdächtiges Aussehen so aufgefallen war. Als ich mich darauf

erkundigte, was dies für Leute seien, antwortete mir der eben erwähnte,

indem er seinen Hut lüftete mit demüthiger Stimme. »Wir sind

portugiesische Händler von Matimbundu und gute Christen.« Das waren also

die sogenannten Mambari, von denen ich schon so viel Unfreundliches

vernommen. Der mir vom Könige als ein »großer Mann« und Doctor

vorgestellte, hieß Sykendu. Als der Mann zu mir aufsah, war ich durch

seinen gleißnerischen Blick in meiner erstgefaßten Meinung nur bestärkt.

Als Sepopo vernahm, daß ich auch ihre Sprache nicht verstehe, meinte er,

daß ich sie in Schescheke erlernen müßte, da mir diese Männer als Führer

und Dolmetscher ausgezeichnete Dienste leisten könnten, und so hörte

ich, daß den portugiesischen Händlern (ich lernte später noch mehrere

kennen) von Loanda, Mossamedes und Benguela jene Gebiete, die wir bis

jetzt zwischen der Westküste und dem Bangweolo-See und nach Osten bis an

die Mündung des Kafueflusses als eine ^Terra incognita^ betrachten, in

allen Details bekannt sind; sie kennen nicht allein die verschiedenen

Eingebornenreiche und ihre Herrscher, sondern auch die Unterhäuptlinge

und die Charakterzüge derselben. Sie kannten auch alle Höhenzüge und

Flüsse, welche man auf einem Zuge durch diese Gebiete zu überschreiten

hatte. Und doch hatten es diese Leute, ebensowohl als ihre weißen

Collegen von der Westküste für gerathen gefunden, von diesen Kenntnissen

zu schweigen, um nicht Handelsleute anderer Nationen nach den an

Elfenbein und Gummi reichen Ländern zu locken. Ich ersuchte Sepopo um

zwei Führer, doch bevor er noch antworten konnte, überraschte mich

Sykendu mit einer Antwort. Seinen Hut abermals lüftend, beugte er den

Kopf bis zur Erde und indem er ein lateinisches Kreuz schlug, machte er

einen Schwur bei der Mutter des Heilandes, daß er und der neben ihm

liegende Bruder die beiden besten Christen im Innern und deshalb auch

die besten Führer wären. Dies war wohl die Antwort auf die mißtrauischen

Blicke, mit denen ich die Männer zu betrachten mich nicht erwehren

konnte. Abermals herrschte auf einige Minuten Stille, dann meinte

Sepopo, es wäre gut, wenn ich mir vielleicht die Serotse oder die

Sprache der Makololo aneignen würde. Er meinte, ich würde dann etwas

verhüten, was Livingstone auf seinem Zuge durch das nördliche Mamboeland

begegnet. Der Monary (Livingstone) konnte sich mit den Leuten nicht

verständigen und deshalb dachten jene Häuptlinge, daß er ein Zauberer

und mit dem Regen vom Himmel herabgefallen sei. Monary mußte jeden von

ihnen mit einem Gewehre beschenken, um sie vom Gegentheile zu

überzeugen. Sykendu warf sodann die Frage auf, ob der Engländer auch

wisse, daß man ihre Führerdienste gut bezahlen müsse, worüber ihn Sepopo

vollkommen beruhigte. Sykendu forderte vier 80 Pfund schwere

Elephantenzähne als Führerlohn, ich bot jedoch nur vier solche zu 40

Pfund unter der Bedingung, daß diese von mir bei Sepopo deponirt würden

und meinen Führern erst bei ihrer Rückkehr von Matimbundu, wohin sie

mich zu bringen hatten, vom Könige auszufolgen wären. Als ich jedoch

einige Monate später Schescheke verließ und mich auf meine Weiterreise

begab, zog ich ohne die beiden Mambari, ich hatte sie nämlich in der

Zwischenzeit als Sklavenhändler kennen gelernt und anderweitige Gründe

gefunden, ihnen zu mißtrauen.

Als an jenem Abend die Sache mit den Mambari in's Reine gebracht worden

war, versprach Sepopo, mich mit Kähnen und Bootsleuten zu versehen, die

Letzteren sollten mich bis nach der Barotse bringen, hier sollten diese

von Marutse-Männern und in jeder weiteren Provinz bis in das Mamboëland

durch neue Leute abgelöst werden. Die Mamboë jedoch hätten mich bis an's

große Wasser, d. h. das Meer zu begleiten, wofür ich einen jeden mit

einer Muskete zu entlohnen gehabt hätte, während die mir blos auf kurze

Strecken mitgegebenen Bootsleute mit Hemden oder Kattun bezahlt werden

sollten. Außerdem versprach der König den am Flusse wohnenden

Völkerschaften den Befehl zu ertheilen, mich und meine Gefährten mit den

nöthigen Lebensmitteln zu versorgen. Er rieth mir zwar an, mich nach

Norden gegen den See Bangweolo zu wenden, da ich dann mit Trägern reisen

und Kähne ersparen würde, was für ihn angenehmer und für mich

gefahrloser sein würde.

Wie oft bereute ich es später, seinem Rathe nicht gefolgt zu sein. Ich

dachte der Wissenschaft mehr zu nützen, wenn ich den Zambesi bis an

seine Quellen verfolgte und anderseits hoffte ich, daß mich die

Bootfahrt weniger ermüden würde und ich meine Kräfte für die weitere

große Landreise reserviren könnte.

Ich entschloß mich, so bald wie möglich in das Panda ma Tenka-Thal

zurückzukehren, meine Angelegenheiten zu ordnen und mich dann wider nach

Schescheke zurückzubegeben, um meine Reise nach dem Zambesi aufwärts

fortzusetzen. Am 22. besuchte ich die nach Osten zu gelegene, zum Aufbau

der neuen Stadt bestimmte Stelle; auf dem Wege dahin wie am Orte selbst

bot sich mir ein höchst interessanter, pittoresker Anblick. Die Erbauung

der neuen Stadt war im vollen Zuge, der Fluß wimmelte von Kähnen, in

denen Männer Gras, Pfähle, Schilfrohr herbeizuschaffen bemüht waren. Da

waren eben einige beladene Kähne im Begriffe den Fluß zu kreuzen, um

sich ihrer Last an unserem Ufer zu entledigen, während andere eben

abstießen, zahlreiche andere stromaufwärts und abwärts dahinglitten.

Landeinwärts schleppten einzeln oder im Gänsemarsch einander folgende

Männer und Frauen riesige vorne überhängende und hinten beinahe bis zur

Erde reichende Grasbündel heran. Andere Haufen von Männern trugen an

Pfählen riesige Thongefäße aus den königlichen Kornkammern, um sie in

dem neu zu errichtenden königlichen Gehöfte zu placiren. Von Zeit zu

Zeit begegnete ich einem »wandelnden Dache«. Ich sah vor mir eines der

kugelförmigen Grasdächer sich in dem hohen Grase bewegen, oder ich wurde

durch das plötzliche Erscheinen eines anderen aus meinen Träumereien

gerissen. Nur bei näherer Untersuchung konnte ich die Locomobile dieser

Dächer erkennen, schwarze Schenkel wurden in dem hohen Grase sichtbar,

es waren jene der Träger, welche zu 10 bis 30 durch das hohe Gras

schlichen. An der Vorderseite hatte man eine kleine Oeffnung angebracht,

durch welche der leitende Träger herauslugte. Manche der Arbeiter zogen

singend, andere tanzend dahin, wieder andere liefen in scharfem Trab an

mir vorüber. Auch die Königinnen waren nicht müßig, ich sah welche im

vollen Stolze ihrer Würde einherschreitend und von einem Trosse

Grasbündel tragender Dienerinnen begleitet.

Einmal rief mich der Gruß: »Moro (Guten Morgen), Moro! Njaka Makoa

(Doctor, Weißer) wach und als ich mich umkehrte, sah ich den

Masupia-Häuptling Makumba mit einer Schaar seiner Leute an mir

vorüberpassiren. In der Blockley's Gehöfte von drei Seiten (nach Norden,

Westen, Osten) umgebenden Stadt Alt-Schescheke waren zahlreiche Menschen

mit dem Abbrechen der Rohrhütten und Häuschen und der Uebersiedelung

ihres Eigenthums beschäftigt. Auch Blockley packte seine sieben Sachen

zusammen, um sich einstweilen in Neu-Schescheke in einer für ihn auf

Befehl des Königs errichteten Grashütte niederzulassen.

Ich war, nach Alt-Schescheke zurückgekehrt, eben mit meinem Tagebuche

beschäftigt, als mich der wiederholte Ruf »Molelo, Molelo« (Feuer)

emporriß und vor die Hütte trieb. Ich sah zwar nur ein brennendes

Gehöft, doch dieses eine stand in der Mitte einiger hundert anderer aus

trocknem Rohr errichteter, von der Sonnenhitze gedörrter, und deshalb

rasch in ein Flammenmeer verwandelter Hütten. Ein starker Ostwind fachte

die Flammen immer mehr an, an den nach dem Flusse zu mündenden Pfaden

erschienen heulende und schreiende Frauen und Kinder. Dazwischen

dröhnten die Detonationen der Schüsse aus den in den Hütten

zurückgelassenen Gewehren. Die Kugeln schlugen bald hier bald dort ein

und gefährdeten die Lage der den Brandplatz umgebenden Leute in hohem

Grade. Sowie ich meine wenigen Sachen aus der Hütte herausgeschafft

hatte, kam Blockley herbeigerannt. Er kam um Schaufeln zu holen, da sich

am Waldesrande, an der dem Feuer entgegengesetzten Seite die Hütte

befand, in welcher Westbeech sein, sowie das an Sepopo verkaufte

Schießpulver aufbewahrt hatte. Es galt nun den Pulvervorrath so rasch

als möglich aus der Hütte zu schaffen und es in dem feuchten Boden zu

vergraben, da ein Waldbrand zu befürchten war. Nach Westen, etwa 30

Schritte weit, lag des Königs Pferdestall (aus Pfählen errichtet) und

nach Osten eine kaum zwei Meter ab liegende Gruppe von Hütten, doch da

sie beide von der Hauptmasse, die vor uns (nach Norden) im Feuer stand,

circa fünfzehn Schritte entfernt waren, weniger gefährlich. Die meiste

Gefahr drohte eben von vorne, wo zwei Rohrgehöfte aus der Masse

hervortretend, unserer Schilfumzäunung auf fünf Meter Entfernung

gegenüberstanden, sie war noch vom Feuer verschont geblieben. Wirkte

auch der durch die Flammen sausende Wind mit dem tausendfachen

Geknatter, das von dem Brande zahlloser Rohrschäfte herrührte, sowie die

von der Sonne und von dem Feuer ausgehende Gluth sinnebetäubend, so

verschuldeten es doch in erster Linie die sich entladenden Gewehre, daß

sich die Reihen der Löschenden so stark lichteten, und ich fürchten

mußte, im Augenblicke der höchsten Noth allein zu stehen. Ich hatte nur

meinen Diener Pit und einen von Blockley's Dienern bei mir, welche die

wenigen Thon- und Kürbisgefäße, die uns zur Verfügung standen, am Flusse

füllten und dabei noch die Hälfte davon im Eifer der Arbeit zerschlugen.

Mein Beispiel eiferte bald mehrere Eingeborne zur Nachahmung an und so

gelang es mir, der Verbreitung des Feuers eine Schranke zu setzen,

nachdem ich die Rohrumzäunung unseres Gehöftes niedergerissen hatte.

Mehr als die Hälfte von Alt-Schescheke wurde durch diesen Brand

zerstört; als Sepopo von der Baustelle von Neu-Schescheke aus das Feuer

sah, machte er seinem Unmuth in einer für seine Umgebung recht fühlbaren

Weise Luft. Er hieb auf sie mit dem Stocke los, bis er sich müde

geschlagen. Freudig begrüßte ich den siegreich zurückkehrenden Blockley,

dem es gelungen war, das Schießpulver zu retten und auch er gab seiner

Freude Ausdruck, daß ich sein und Westbeechs Waarengehöfte gerettet

hatte. Ich hatte keine Ahnung, daß ich selbst in der größten Gefahr

schwebte, da in dem Gehöfte, dessen Rettung mir gelungen war, Blockley

700 Pfund Schießpulver in einer Kiste aufbewahrt hatte.

Am nächsten Tage kamen mehrere Kähne von der Barotse, welche der König

zu meiner Verfügung stellte; er rieth mir, rasch zu meinem Wagen nach

dem Panda ma Tenka-Thale zu eilen und mich bald wieder in Schescheke

einzufinden. Ich blieb in Neu-Schescheke, nachdem ich zu Blockley

übersiedelt war und das Häuschen in Alt-Schescheke verlassen hatte, bis

zum 30. August. Die Zeit meines Aufenthaltes in der königlichen Residenz

verwendete ich meist zur Vermehrung meiner ethnographischen Sammlungen

und zum Studium der Gebräuche der hier so zahlreich versammelten

Eingebornenstämme des Reiches, nebstbei zur Erlernung der

Sesuto-Sprache. Da ich dem Versprechen des Königs zufolge den Weg nach

der Westküste offen zu haben wähnte, schloß ich mit Blockley ein

Geschäft ab, wobei er sich verpflichtete, meinen Wagen mit den

Sammlungen nach Schoschong zu bringen, wo sie einstweilen deponirt

werden sollten. Dafür verkaufte ich ihm, da er es außerdem sehr

benöthigte, mein Gespann für Elfenbein und verschiedene Waaren, wie

Calico, Glasperlen etc.

Ich will nun im Folgenden einige Züge aus dem Charakter der das

Marutse-Mabunda-Reich bewohnenden Stämme anführen und mit der Erzählung

einiger Begebenheiten in der Zeit vom 26. bis 30. August die Schilderung

meines ersten Besuches bei Sepopo schließen.

Mit Ausnahme der östlich von den Matabele wohnenden Maschona ist kein

Stamm in Südafrika so thatkräftig wie mehrere das Marutse-Mabunda-Reich

bewohnenden Stämme und da die Producte ihrer Kunstfertigkeit reichlich

im ganzen Lande verbreitet sind, fallen sie dem vergleichenden

Ethnologen sofort in die Augen und sprechen für die relativ hohe

Culturstufe der Stämme. Dieses Uebergewicht über die südafrikanischen

Stämme wird aber noch schlagender, wenn wir ihre Geschicklichkeit im

Canoefahren, Fischen etc., ins Auge fassen. Die Fertigkeit in der

Production von Gegenständen aus Metall, Bein, Horn, Haut, Holz und ihre

sonstigen Verrichtungen lassen auf eine nicht unbedeutende Stufe

geistiger Fähigkeiten schließen. Sie lechzen nach jeder Belehrung und

Unterweisung und begreifen leicht. Zur Vervollständigung der Parallele

zwischen ihnen und den Stämmen südlich des Zambesi muß ich jedoch auch

erwähnen, daß sie in moralischer Beziehung tiefer als die meisten der

Eingebornenstämme Süd-Afrika's stehen, doch ist diese Erscheinung durch

den primitiven, urwüchsigen Zustand bedingt, in dem Wilde, wenn sie von

der wohlthätig auf sie einwirkenden Außenwelt abgeschlossen sind,

verbleiben und keineswegs ein erworbenes Laster, wie wir es bei der

Hottentottenrace finden. Deßhalb glaube ich auch mit Rücksicht auf ihre

geistigen Fähigkeiten, daß sich diese Schattenseite ihres Charakters

allmälig heben lassen wird.

[Illustration: Uebersiedlung nach Neu-Schescheke.]

Ein weiterer tief im Wesen und in der Tradition des Volkes begründeter

Uebelstand ist der Hang zum Aberglauben, worin die Völker des Reiches

die übrigen Süd-Afrika's weit überragen und der durch die zahlreichen

Menschen, die ihm zum Opfer fallen, noch verschärft wird. Unter allen

anderen südafrikanischen Stämmen herrscht derselbe nur bei den Zulu's

und Matabele's in ähnlich abschreckendem Maße. Da jedoch am Zambesi das

Königshaus die Hauptschmiede des Zauberschwindels ist und die Könige

ihre Grausamkeiten oft aus Aberglauben ausüben, somit von ihnen derselbe

wissentlich bei den Unterthanen genährt und verbreitet wird, dieselben

dann wegen der vielen aus diesen Untugenden des Königs und seiner

Rathgeber hervorgehenden Schreckensthaten das Oberhaupt mit seinen

Lehren vom Zauber und Aberglauben fürchten und hassen lernen, so wäre es

am zentralen Zambesi mehr als irgendwo in Süd-Afrika lohnenswerth, diese

abergläubischen Gebräuche, das wichtigste Hinderniß der Civilisation zu

schwächen und zu beseitigen.

Der König der Marutse ist unumschränkter Herrscher und Besitzer des

Landes und seiner Bewohner. Trotzdem aber streckt -- mit Ausnahme

Sepopo's, dessen Regierung die eines Tyrannen war -- der Herrscher nur

selten seine Hand nach fremdem Eigenthume aus. Der jeweilige Herrscher

oder die Herrscherin (die Frauen sind bei den Nord-Zambesistämmen als

Regentinnen, weil sie weniger grausam als die Männer sind, beliebter)

bestimmen ihren Thronfolger schon bei Lebzeiten. Derselbe kann Knabe

oder Mädchen, muß aber stets einer Marutse-Mutter entsprossen sein. Bei

den conservativen Betschuana's gilt der erste männliche Sprosse der

ersten Frau als Nachfolger und diese Bestimmung besitzt solche

Rechtskraft, daß selbst im Falle eines frühzeitigen Ablebens des

rechtmäßigen Königs, der erste Sohn, dem die verwitwete Königin das

Leben gibt, der rechtmäßige Herrscher des Landes wird. Im Jahre 1875

bestimmte Sepopo, daß sein sechsjähriges Töchterchen die zukünftige

Herrscherin des Marutse-Reiches werden solle, von Rechtswegen hätte

Moquai, seine älteste Tochter, die rechtmäßige Thronfolgerin sein

sollen, da sie jedoch als Königin der Mabunda's einen großen Anhang im

Lande hatte, schien sie ihm als Thronfolgerin zu gefährlich. Die erste

Frau des Königs wird »Mutter des Reiches« genannt.

Der König gilt auch für den größten Zauberer und Heilkünstler und unter

dem Deckmantel dieser bei den meisten Völkern so geachteten Künste

wurden von Sepopo die schrecklichsten Verbrechen begangen, wobei er nach

Herzenslust das Volk hinterlistig täuschte, trotzdem er selbst vom

Unsinn vieler abergläubischer Gebräuche durchdrungen war.

Der jeweilige Herrscher des Marutse-Reiches besitzt sehr große

Einnahmsquellen. Außer seinen ausgedehnten bebauten Ländereien, die

theils von ganzen Colonien seiner dazu beorderten Unterthanen, theils

von seinen vielen mit zahlreichem Gefolge versehenen Gemahlinnen

bewirthschaftet werden, betragen die directen Abgaben, wie der

eingezahlte Tribut ganz erstaunliche Mengen an allerlei Artikeln, welche

ein Marutse-Fürst sich nur wünschen kann und repräsentiren einen

bedeutenden Werth. Da Gummi elasticum wie auch Elfenbein, die ihm als

Krongut abgeliefert werden müssen, die wichtigsten Tauschartikel bilden,

so ist der Herrscher der eigentliche und erste Kaufmann des Landes. Er

kauft oft Wagenladungen von Waaren im Werthe von 3--5000 £ St.,

verschenkt den größten Theil davon an seine nächste Umgebung oder an die

ihn zufällig aus den entlegeneren Theilen des Reiches aufsuchenden

Unterthanen, wobei jedoch die vertheilten Waffen, wie Gewehre etc. stets

des Königs Eigenthum verbleiben. Trotzdem gelüstet es oft doch noch dem

Könige nach einer schönen, einem der wohlhabenderen seiner Unterthanen

angehörenden Rindviehheerde, die ihm seiner Auffassung nach zugehört,

die er jedoch des guten Scheines halber nicht ohneweiters ausgeliefert

haben will, sondern sich ihrer auf andere Weise bemächtigt, z. B.

dadurch, daß er einfach den Besitzer des Hochverrathes, der Zauberei

ober eines Mordes anklagt, verurtheilt und hinrichten läßt.

Der Herrscher kann das Leben nehmen wann und wie er will; er kann zu

Sklaven machen wen und wie viele er will; er kann seine Hand nach der

Frau eines Jeden ausstrecken, wenn diese sein Wohlgefallen erregt, wobei

er einfach den Gemahl zur Seite schiebt und ihm eine andere Frau

anbietet oder gibt; er kann ferner die Kinder den Eltern entreißen, wenn

diese zu dieser oder jener Zauberei nothwendige Objecte bilden sollten.

Die Regentinnen können sich nach Gefallen einen Gemahl wählen, ohne

Rücksicht, ob der Mann schon durch eheliche Bande gebunden ist oder

nicht. Der Regent besitzt immer das Schönste, was von den

Nachbarvölkern, was von den Weißen ausgetauscht, oder was kunstvollst im

Reiche selbst ausgearbeitet wurde. Hochverrath wäre es, wenn Jemand

Schöneres oder Werthvolleres als der Herrscher besitzen würde. Oft bot

ich den Leuten Geschenke an, die jedoch, wenn es ungewöhnlichere Objecte

betraf, mit den Worten zurückgewiesen wurden: »Wir dürfen es nicht

nehmen, wir wissen nicht, ob es Sepopo besitzt.«

Im Bauwesen überragen die Völker des Marutse-Mabunda-Reiches die meisten

südlich vom Zambesi wohnenden Eingebornenstämme, den in diesem Fache

Gewandtesten kommen sie gleich. Es gilt dies jedoch nur von den feste

Wohnsitze innehabenden Stämmen, nicht aber von jenen, die sich blos

periodisch der Ernte, der Fischerei oder der Jagd halber kurze Zeit an

einem selbstgewählten oder ihnen vom Statthalter oder König angewiesenen

Orte aufhalten. Solche periodische Wohnsitze finden wir namentlich an

den Ufern der großen Flüsse, an östlichen und südlichen Waldabhängen und

im Dickicht der Wälder, wo mitten in denselben ebene Lichtungen das Wild

anlocken. Feste Wohnsitze sind über das ganze Land zerstreut; das Land

der großen Städte ist aber die Barotse. Die Völker bauen im Allgemeinen

gefällige, angenehme und gediegene Hütten und Häuser und -- was sehr in

die Wagschale fällt -- sehr rasch. Es läßt sich leicht erkennen, daß es

namentlich die Natur ist, in der die Völker leben, die ihnen das

Baumaterial so reichlich und unter so geringer Mühe liefert und so das

Bauen erleichtert, allein wir dürfen den Leuten auch einen gewissen

Sinn, ein größeres Verständniß in dieser Fertigkeit nicht absprechen,

die wir bei den meisten der südlich vom Zambesi wohnenden Stämme

vermissen, denen ebenfalls von der Natur das Baumaterial in

unmittelbarer Nähe und reichhaltig gespendet wird. Ich erwähnte bereits,

in welch' kurzer Zeit Neu-Schescheke aufgebaut wurde. Man kann nicht

behaupten, daß die Hütten der Betschuana-, der Zulu-, Hottentotten-Race

etc. mehr Schutz gegen das Feuer gewähren, als jene nördlich des

Zambesi; hier jedoch wird der durch das Feuer verursachte Schaden so

leicht und rasch ersetzt, daß das Unglück minder fühlbar wird.

Das Flußnetz des Marutse-Reiches mit seinen ausgedehnten, hoch und dicht

bewachsenen Marschen bietet den Bewohnern reichliche, fruchtbare,

wohlgelegene Ansiedlungsstellen und das Riesenwälder bildende Schilf ein

vorzügliches Baumaterial, Holz zum Baugerüste, Lattenwerk, Bast, und

daraus wie aus Palmenblätter geflochtene Seile und Taue, Nägel und

Klammern, dichtes riesiges Gras als Eindeckungsmaterial, Sand und Thon

zum Cement finden sich fast überall und wo es fehlt, kann es mit den

raschen Booten in kurzer Zeit herbeigeschafft werden. Dabei hilft Einer

dem Andern, wo es nöthig ist. Bezüglich ihrer Anlage sind die Städte so

nahe als es die jährlichen Ueberschwemmungen gestatten, an die Flüsse

angebaut und in der Regel von einem Kranze von Dörfern umgeben, in denen

meistens Leibeigene wohnen, die für ihre Herren in der Stadt in deren

nächster Umgebung Felder bestellen, Getreide anbauen oder auch

Viehheerden hüten müssen. Außerdem sind die Städte bedeutend reiner

gehalten als jene südlich des Zambesi, wozu, wie zur persönlichen

Reinlichkeit, auch wieder der Ueberfluß an Wasser die Erklärung gibt.

Unter den verschiedenen Stämmen des Reiches fand ich die Marutse im

Bauen praktischer als die von ihnen unterjochten und tributpflichtigen

Stämme. Bei den Marutse beobachtete ich drei wesentlich von einander

verschiedene Bauarten, und zwar: concentrische hohe, cylindrische und

Langbauten. Die concentrische Bauart besteht aus zwei Häusern, von denen

das eine, an Umfang kleinere, jedoch höhere, in ein weiteres,

niedrigeres hineingebaut ist und beide von einem kegelförmigen

Riesendache überdacht werden. Die Form des inneren Hauses ist die eines

Kegelstutzens, es trägt ein eigenes kleines, gewölbtes, niederes Dach,

die Form des äußeren Hauses ist eine cylindrische. Das gemeinschaftliche

Dach reicht von der Spitze des Innenbaues ein bis zwei Meter über den

Außenbau und wird an seiner Peripherie von einem Pfahlkranze gestützt,

wodurch noch um den Außenbau eine schattige Veranda geschaffen wird. Den

Bau dieser Häuser übernehmen die Frauen, jenes des Königs die

Königinnen, nachdem ihnen ihre Männer, hier die Diener oder die dazu

beorderten Unterthanen das nöthige Material herbeigeschafft, geebnet und

mit Cement (aus Thon und Sand hergestellt) angeworfen haben. Die

Baustellen haben gewöhnlich einen Umfang von 6 bis 12 Meter. Die

Peripherie wird zu einer 30 bis 40 Centimeter tiefen, 10 bis 15

Centimeter breiten Furche vertieft und in diese lose Bündel von starkem,

über vier Meter hohem Rohr eingelassen und die Furchen sodann

ausgefüllt. Mittelst zwei bis vier Palmenblattstricken wird diese

cylindrische Rohrmauer der Quere nach durchflochten, die Rohrstengel

fest mit einander verbunden, wobei ich beobachtete, daß diese zum

Durch-, Um- und Aneinanderflechten der Rohrbündel und Stengel benützten

Querverbindungen nach oben zu kürzer werden, so daß statt einer

cylindrischen eine kegelstutzförmige, etwa drei bis vier Meter hohe

Rohrmauer entsteht, welcher Vorgang auch genau der Natur des

Baumaterials entspricht.

In einer Höhe von drei bis vier Meter über dem cementirten Boden wird

das Rohr gleichmäßig abgeschnitten und dann in allen Fällen die

Außenseite, bisweilen auch die Innenfläche dieser Rohrwand cementirt.

Nachdem dies vollendet, wird von Männern das niedere kegelförmige

Rohrdach geflochten und von den Frauen einer enganschließenden Kappe

gleich, dem Baue aufgesetzt und von außen cementirt. Mit einer in der

Regel dem Hofeingange entgegen blickenden Thüröffnung von halb ovaler

Gestalt, die man in die Rohrwand einschneidet und deren Rahmen man durch

kunstvolles Cementgesimse ersetzt, vollendet man den Bau des

concentrischen Hauses. Bei der Anlage des Außenbaues wird in ähnlicher

Weise vorgegangen. Auch hier wird eine Furche gegraben, der Boden

cementirt und Rohrbüschel, doch nur von 2-2/3 bis 3-1/3 Meter Höhe

eingepflanzt, die etwa 30 Centimeter tief im Boden sitzen. Da diese

Umfassungsmauer die Wucht des Hauptdaches zu tragen hat, wird die

Rohrwand durch zahlreiche, eng aneinander oder höchstens 50 Centimeter

von einander abstehende, ihr an Höhe gleichkommende oder sie um einige

Centimeter überragende, der Rinde beraubte Pfähle gestützt. Die

Außenfläche dieses äußeren Hauses ist stets, die Innenfläche zumeist

cementirt, weshalb man kaum das leichte Baumaterial vermuthen würde.

Genau mit der Oeffnung des Innenbaues correspondirend ist auch an dem

Außenbaue die Thüre angebracht, bei allen größeren Bauten von

Manneshöhe, 2½ Meter hoch und 80 Centimeter bis einen Meter breit. Ist

der Außenbau (12 bis 24 Meter im Umfange) von den Frauen vollendet, so

wird das Hauptdach von Männern geflochten und die Verandapfähle in einer

Entfernung von 1 bis 1½ Meter von dem Außenbau eingerammt. Der Raum

zwischen diesen Pfählen und dem Außenbau, d. h. das Trottoir der Veranda

wird etwa 10 bis 20 Centimeter hoch aufgeschüttet und cementirt. Ist nun

inzwischen das kegelförmige Riesendach fertiggestellt, so wird es dem

Außenbau aufgesetzt, die schwierigste Procedur bei der gesammten

Bauthätigkeit. In einem Tempo wird das Dach von 40 bis 60 Männern

mittelst 3 bis 4½ Meter langen Pfählen von der Erde gehoben und auf die

kürzeren Pfähle gestützt; nun verwechseln einige, nach und nach alle die

kurzen Pfähle gegen die längeren und abermals wird das Dach in einem

Tempo hoch aufgehoben, daß der Rand an einer Stelle auf der Dachspitze

des Innenbaues ruht und dann mit Bedacht von der entgegengesetzten Seite

weitergehoben, bis es über dem Dache des Innenbaues liegt. Das

ungleichmäßig die Veranda überragende Rohr wird nun zugestutzt und von

Männern wie Frauen das Dach mit dem trockenen, vorjährigen Ufergras

gedeckt. Dabei wird zuerst das Dach mit einer 15 bis 30 Centimeter

dicken Graslage regendicht überschüttet und mit Fächerpalmenstricken und

Tauen netzartig umwunden, um es gegen den Wind widerstandsfähig zu

machen.

Auf das Glätten des grauen Cementes und vor Allem auf den gesimsartigen

Rahmen der inneren Thüre, auf welcher dünne Leisten auf das Feinste und

symmetrisch ausgeführt sind, wird die größte Mühe verwendet. Der

König besitzt in seinem Hofe drei solche in dem Winkel eines

gleichschenkeligen Dreieckes stehende Häuser; zwei bis drei Königinnen

je eines; die Würdenträger in der Regel eines bis zwei. Namentlich schön

und gediegen sollen jedoch die königlichen Gebäude in der Barotse

gearbeitet sein. Die Nebenhäuser der Königinnen sind nach Art der

backofenförmigen Bauten der Masupia's gearbeitet. Der königliche Hof

besteht aus mehreren um die Gebäude des Regenten concentrisch

angeordneten Häusergruppen.

Die königlichen Wohnhäuser sind von einer elliptischen Umzäunung umgeben

und werden nach außen hin von zwei concentrischen Gehöftkreisen umfaßt,

die je sechs bis acht Gehöfte zählen, welche von den Königinnen bewohnt

werden, im weiteren Umkreise befindet sich sodann das königliche

Vorrathshaus, das Küchen-Departement, die Hütte für die königliche

Musikbande; im vierten äußersten Kreise stehen das im europäischen Style

gehaltene Berathungshaus und die Hütten der Dienerinnen und Diener. Die

Häuptlinge wohnen in einem weiten concentrischen Kreise um den Complex

der königlichen Wohnungen, oder wenn sich, wie in Neu-Schescheke, die

königlichen Gebäude an ein Gewässer lehnen, in einem Kreissegmente,

wobei jedem Häuptlinge die Stelle, an der er sich in der Residenz

niederlassen soll, genau ausgemessen ist. Den Hofeingang versperrt man

bei Nacht, um die Raubthiere abzuhalten, mit einer aus Rohr gearbeiteten

Thüre.

Eine zweite Bauart, hauptsächlich bei einem Zweigstamme der Marutse im

Gebrauche, ist die cylindrische. Die in diesem Style aufgeführten Hütten

sind cylindrisch und hoch, selten und dann nur an der Innenwand

cementirt. Sie haben einen Durchmesser von 3 bis 4 Meter und sind mit

einem 1 bis 1¼ Meter hohem Rohrdach gedeckt, welches an seiner Spitze

verschiedene, aus Holzstücken, Gras- und Strohseilen verfertigte

Verzierungen trägt.

Eine andere Bauart der Hütten bei den Marutse ist die giebeldachförmige,

mit einem gewöhnlich in der Mitte angebrachten, der Hofthür zugekehrten

niedrigen Eingang, an dessem Rahmen das Baumaterial, Schilfrohr oder

Gras, vorspringende Kämme bildet, um den Regen abzuhalten und einen

besseren Verschluß zu sichern. Die armförmigen, oben bogenartig in

einander greifenden Rohrbündel sind durch zahlreiche, dünnere aus

gleichem Material geformte Latten der Quere nach verbunden. Bei größeren

Bauten wird der Giebel durch drei bis fünf Pfähle gestützt und durch

Matten-Verschalung das Innere in zwei ungleiche Räume getheilt, von

denen der kleinere als Empfangs-, der größere als Schlafraum benützt

wird. Solcher Giebelbauten enthält ein größeres Gehöfte einen bis zwei,

bei einem Wohlhabenden findet sich in der Regel noch eine Rundhütte als

Kornkammer und bei einem Häuptlinge eine ähnliche als Berathungshaus.

Der Hofraum ist von länglich-ovaler Form und das Hauptgebäude mit seiner

Frontseite dem Eingange zugekehrt.

Von den in Schescheke lebenden Marutse wohnen zwei Drittel derselben in

solchen Häusern unter dem Häuptlinge Maranzian. Die Mabunda's haben den

Langbau der Marutse im Gebrauch, nur sind ihre Hütten kürzer und breiter

und haben einen flacheren First. Die Umzäunung ist eine viereckige und

besteht aus ½ bis 2 Meter hohen Pfählen, die in einer Entfernung von ein

bis zwei Meter in die Erde eingelassen sind, und einem sich an diese

mittelst Querstangen stützenden Rohrzaun.

[Illustration: Musikinstrumente der Marutse.]

Außer den genannten drei Häusern fand ich in dem königlichen Hofraume

noch drei Hütten, welche mir auffielen, erstlich des Königs Apotheke und

sein Badezimmer, eigentlich ein auf dünnen Pfählen ruhendes Strohdach

mit einem Durchmesser von etwa drei Meter und mit einem fünf Fuß hohen

Pfahle in der Mitte. Dieser Pfahl war mit kleinen Körbchen, Kalebassen,

Säckchen, Antilopenhörnern, Knochen, Korallensträngen etc. behangen,

unter denen die gefäßartigen Objecte heilende Kräuter, sowie Gifte,

deren man sich zu den Hinrichtungen bediente, doch auch allerlei

Zauberschwindel, Zauberinstrumente und Mittel aus Holz, Rohr, Vogel- und

Thierknochen, Elephanten- und Nilpferd-Elfenbein, Fruchtschalen,

Thierklauen, zu Pulver gebrannte Knochenstücke, ferner die Schuppen des

Schuppenthieres und des Krokodils, Schlangenhaut, Tuch- und Wolllappen

enthielten. Auch auf dem Boden der Hütte lagen solche Gegenstände in

verschiedenen Gefäßen und an der Innenseite des Hüttendaches war ein

Medicinkistchen aufgehangen, das ein portugiesischer Händler einst

Sepopo verehrt hatte. Außerdem hingen einige Musikinstrumente in der

Hütte und jeden Abend wurde eine riesige runde Holzschüssel

hereingebracht, in der Sepopo sein Bad nahm. Vor derselben stand eine

kleinere Hütte mit einem prismatischen Dache, in welcher verunstaltete

Elephantenzähne, deren man zufällig auf der Jagd habhaft geworden war,

sowie einige Gefäße mit allerlei Zaubermitteln lagen, deren sich der

König auf der Jagd bediente. Hinter dem Empfangshause erhob sich ein

ähnlich geformtes, bedeutend kleineres, prismatisches, auf einen

Baumstamm gehobenes Dach, unter welchem eine Unzahl von

Elephantenschwänzen als Trophäen dieser in der Nähe von Schescheke

erlegten riesigen Dickhäuter, sowie eine Gruppe von Assagaien, die

größten und bestgearbeiteten im ganzen Lande vor dem schädlichen

Einflusse des Regens geschützt wurden. Zwischen dieser Hütte und der

hohen Rohrumzäunung standen auf Holzgestellen und Stäbchen einige Gefäße

(Kürbisschalen und Thon), in welcher zur Jagd benöthigte Zaubermittel

aufbewahrt wurden. Bei meinen Gängen durch die Stadt fand ich in jedem

Höfchen einen Baumast oder einen kleinen trockenen Stamm eingepflanzt,

an dem die Kopfskelette der Antilopen sowie die Atlaswirbel der größten

Säugethiere, die Jagdtrophäen des Herrn des Gehöftes, hingen und die von

dessen Thatkraft Zeugniß geben sollten. Nach dem Tode des Mannes werden

dann diese Trophäen auf sein Grab niedergelegt.

[Illustration: Kischitanz.]

Am 26., als ich mich eben am Ufer des Flusses erging, warf sich ein

Krokodil aus dem Wasser auf einen im Kahne stehenden Mann, der sich

jedoch durch einen Sprung auf das sandige Ufer zu retten vermochte.

Von den Portugiesen, von dem Könige und seinen Häuptlingen, sowie von

Blockley erfuhr ich, daß der Madschila-River ein ähnlich sandiges und

bewaldetes Hochplateau wie jenes zwischen den Salzseen des centralen

Süd-Afrika und dem Zambesi-Gebiete durchströme, bei den später

unternommenen Ausflügen in dieser Richtung hin konnte ich jedoch

bemerken, daß das Land größere, zum Ackerbau vorzüglich geeignete

Lichtungen besaß, welche gegenwärtig zahlloses Wild beherbergten.

[Illustration: Kischitänzer-Maske.]

Am 27. machte ich wiederholte Versuche, um vom Könige Kähne zu meiner

Rückkehr nach Panda ma Tenka zu erlangen, wurde aber mit leeren

Ausflüchten vertröstet. Tags zuvor hatte der König mir zu Ehren einen

Mabunda-Tanz aufführen lassen. Die Idee dieses Tanzes ist eine

verwerfliche, auch ist es vielleicht von Interesse zu wissen, daß die

Schwarzen des Marutse-Reiches sich der in diesem Tanze enthaltenen

Unschicklichkeit bewußt sind und deshalb nur maskirte Männer daran

theilnehmen. Auffallend vorgeschritten erscheinen die Völker des

Marutse-Mabunda-Reiches in ihren musikalischen Begriffen. In der

Fertigkeit der Handhabung musikalischer Instrumente finden sie zwar

Rivalen in den Stämmen an der Ostküste Süd-Afrika's, die häufiger mit

den Portugiesen in Berührung kamen, im Gesange sind ihnen die

Matabele-Zulu überlegen. Im Marutse-Mabunda-Reiche fand ich zum ersten

Male eine vom Könige zu seiner Unterhaltung und Verherrlichung

gehaltene, aus einheimischen Künstlern recrutirte Musikbande. Sie

besteht aus mehreren Tambours, welche längliche, röhren- und

kegelstutzförmige einfache, sowie sanduhrartig geformte Doppeltrommeln

mit ihren Hohlhandballen und Fingern bearbeiten; die Doppeltrommeln

hängen an einem um den Nacken geworfenen Riemen, während die länglichen

von den resp. Künstlern »geritten« werden. Die wichtigsten Instrumente

der Capelle sind die Myrimbas (Kalebaßpianos), welche ähnlich den

Doppeltrommeln getragen werden. Die Musikbande besteht aus 20 Mann, von

denen jedoch nur sechs bis zehn jedesmal auftreten, damit eine

hinreichende Anzahl für den Nachtdienst und als Reserve erübrigt wird.

So treten auch die beiden königlichen Cithervirtuosen meist einzeln auf.

Die Musikanten müssen auch Sänger sein, um in den freien Intervallen,

oder bei den gedämpften Klängen der Instrumente mit schreiender Stimme

des Königs Lob zu verkünden.

Die zum Dienst Befohlenen müssen sich jederzeit bereit halten, dem oder

jenem ihnen vom Könige Bezeichneten vorzuspielen, sie haben den König

bei seiner Ankunft in der Stadt zu empfangen, ihn auf seinen Ausgängen

zu begleiten und müssen bei öffentlichen Tänzen, Hochzeiten etc., doch

immer nur auf des Königs ausdrücklichen Befehl spielen. Außer den drei

Trommelarten und zahlreichen Sylimbas (citherartigen Instrumenten) fand

ich bei der königlichen Musikcapelle noch Streichinstrumente aus

Fächerpalmenrippen, eiserne Glöckchen und eine klöppellose Doppelglocke,

sowie aus Fruchtschalen verfertigte Schellen, ferner aus Elfenbein, Holz

und Schilfrohr gearbeitete Pfeifchen. So werden die Streichinstrumente

beim Elephantentanz, die Glocken beim Kischitanz, die Schellen bei den

Hochzeits-Ceremonien verwendet; für den prophetischen Tanz der Masupia

leiht der König flaschenförmig ausgehöhlte, durchlöcherte, mit trockenen

Samen gefüllte, faustgroße Kürbisse, welche geschüttelt, schellenartige

Laute erzeugen. Nur die aus Fruchtschalen bereiteten Schellen, einige

Glöckchen und kurze Pfeifen sind in ähnlicher Form unter der Bevölkerung

zu finden, häufiger das citherartige Instrument, doch meist in

untergeordneter Gestalt; die größten und bestgearbeiteten besitzt der

König, wie ihm überhaupt alle Capellen-Instrumente gehören, so daß es

mir nicht gelingen konnte, diese zu den schönsten Handarbeiten im

Marutse-Reiche gehörenden Objekte meinen Sammlungen einzuverleiben,

dagegen erstand ich mehrere kleine citherartige Instrumente. Die

Gemeinden, d. h. Niederlassungen, haben in der Regel bei den meisten

Stämmen längliche kleine Trommeln, je eine, in der Berathungs- oder

Gemeindehütte aufbewahrt, die bei besonderen Jagderfolgen, bei

Vergnügungen, bei Bestattungen erschallen.

Die Weisen und Melodien der Marutse-Mabunda sind im Allgemeinen eintönig

doch zahlreich und zeigen, daß einiger Unterricht in kurzer Zeit

verhältnißmäßig guten Erfolg haben würde. Selbstverständlich ist hier

die Musik nur ein mechanisches Bearbeiten der einzelnen Instrumente, nur

bei den Citherspielern fand ich eine Ausnahme. Ich erwähne namentlich

die beiden königlichen Citherkünstler, zwei Greise, die unstreitig mit

Gefühl spielten. Sie sangen, d. h. summten dazu, doch ihre Stimme war

genau den bald ruhig fließenden Accorden entsprechend gemessen, bei der

sich allmälig zu Piano und Pianissimo dämpfenden Melodie zu einem

flüsternden leisen Gesange gesunken, um wieder allmälig zu einem Forte

überzugehen. Ich vermißte hier glücklicher Weise das mißtönende

krächzende Einfallen, wodurch sich der plötzlich in ein schreckliches

Fortissimo ausbrechende Gesang des Obertambours kennzeichnete.

Noch eines Musik-Instrumentes muß ich erwähnen, ich bedauere blos, daß

ich es überhaupt nennen muß, und daß ich es im Marutse-Lande vorfand; es

sind vier Kriegstrommeln, die nur zur Kriegszeit geschlagen, gewöhnlich

im Berathungshause aufbewahrt werden. Der Wahnsinn des Aberglaubens

machte sie zu grausigen Objecten, ihr rother Anstrich, die rothen

Flecken am Trommelfelle, sind Blutzeichen; sie enthalten trockene

Fleisch- und Knochenstücke, die, unschuldigen Kindern angesehener Eltern

bei Lebzeiten abgeschnittenen Finger und Zehen, welche Amulete

(Beschwörungsmittel) abgeben sollten, um dem neuerbauten Schescheke

Krieg und Feuer, und dem Reiche räuberische Ueberfälle fern zu halten.

Im Gesange stehen die Bewohner des Marutse-Mabunda-Reiches höher als die

Betschuana, in manchen Formen ebenbürtig der Zulu-Race, doch werden sie

von diesen und den Matabele durch deren großartige Kriegs- und

Todtengesänge übertroffen. Der oben erwähnte Tanz, den ich am 26.

beobachtete, ist ein Landesgebrauch der Mabunda, wird Kischitanz genannt

und nur auf des Königs Geheiß getanzt und hat geschlechtliche Aufregung

zum Zwecke. Den Kischitanz tanzen zwei oder vier Männer, von denen je

einer den Mann, der andere die Frau vorstellen soll; die große

Röhrentrommel begleitet den Tanz; die Tänzer sind von einem Haufen

junger Leute umgeben, die zu dem Trommelschlag singend in die Hände

klatschen und aus deren Mitte zuerst einzeln, dann je zwei neue Tänzer

hervorkommen und gegen den König gewendet, ihren körperverdrehenden Tanz

beginnen. Ein Anlauf, ein Annähern von der einen, ein Zurückweichen von

der anderen Seite etc. sind das Wesen und die gebräuchlichen Gesten des

Tanzes. Die Costüme sind königliches Eigenthum, es war mir daher nicht

möglich, sie zu erwerben.

Dasselbe besteht aus der eigentlichen Maske, dem Netzwerk und der

Lendenumhüllung. Die Maske, von Knaben aus Thon und Kuhdünger modellirt,

ist mit rothem Ocker und Kalk bemalt und ein ziemlich bedeutendes

Product des Mabunda-Fleißes. Die Maske ist bedeutend größer als der

Kopf, den sie nebst dem Halse vollkommen bedeckt und einer mit

niedergeschlagenem Visir versehenen Helmhaube ähnelt. Für die Augen und

den Mund, seltener für die Nase, sind kleine Spalten offen gelassen. Die

scharf hervorragenden Züge der Maske sind den als Wasserspeier benützten

Zerrgestalten ähnlich und die Maske am Cranium mit Buckeln versehen, am

mittleren in der Regel als Schmuck Schwanzhaare des gestreiften Gnu, an

den übrigen Federbüsche befestigt. An der Maskenhaube oder unter ihr so

weit hinausreichend, daß der Halstheil bedeckt wird, sehen wir das

Netzgewand, das aus einer langen geschlossenen, mit langen Aermeln und

daran befestigten Netzhandschuhen, aus federspuldickem Bastnetzwerk

gearbeiteten Jacke und aus ähnlichen hohen Strümpfen besteht. Von den

Lenden bis zu den Knöcheln reicht eine in Falten gelegte Wolldecke oder

Carosse, welche die die Frau vorstellende Maske trägt, über der

letzteren wird noch je ein Thierfell vorne und hinten getragen. Bis auf

einen um den Hals bandartig geschlungenen Strohwisch ähnelt die

weibliche Maske der männlichen, die letztere zeigt auffallendere

Haubenverzierungen. Am Stahlringe, der um die Hüften läuft, sind

rückwärts einige Glöckchen befestigt, die bei der leisesten

Körperbewegung erklingen. Der Kischitanz, der eine Unzahl von Zuschauern

anlockt und zu dem Kinder nicht zugelassen werden, wird in Schescheke

meist in vierzehntägigen Zwischenräumen aufgeführt.

[Illustration: Am Ufer des Zambesi.]

Am 27. bemerkte ich einige Leute des Alumba-Stammes, welche sich durch

eine besondere Haarfrisur auszeichneten. Die einzelnen kleinen Knoten

ihres wolligen Haares werden mit einem aus Fett und Brauneisenstein

bestehenden Brei derart bestrichen, daß die Wolle vollkommen verhüllt

wird und die 1 bis 2½ Zoll langen Haarknoten an dem herabhängenden Ende

bedeutend verdickt erscheinen. In dieser Weise wird nur das Wollhaar am

Scheitel behandelt, und zwar in etwa vier über einander liegenden Lagen.

Einige der Marutse trugen am Halse Schuppen des Schuppenthieres und

Reste einer Schildkrötenart, welche sie mit gutem Erfolg als

blutstillendes Mittel gebrauchten. Auch zeigte man mir ein Stückchen

Buschholz, an dem man bei Keuchhusten-Anfällen, kleine Kinder mit Erfolg

saugen läßt.

Bei seinen Besuchen, die uns Sepopo abstattete, brachte er stets, von

einem ganzen Trosse seiner Diener begleitet, bedeutende Mengen von

Elfenbein, um von Blockley namentlich Gewehre und Schießpulver zu

kaufen. Während des Nachtmahls stellten sich dann die Schützen ein,

welche am folgenden Morgen zur Jagd befohlen waren; der König gab jedem

circa einen Liter Schießpulver und merkte sich genau den Mann. Blockley

klagte über die Forderungen Sepopo's, die dieser an ihn stelle,

besonders darüber, daß er nach jedem Kaufe ein bedeutendes Geschenk

begehre. Westbeech hatte dies eingeführt und den König daran so gewöhnt,

daß dieser nunmehr sich ohne Geschenk nicht zufrieden gab. Anfangs, da

Westbeech der einzige Händler war, welcher seine Waaren am Zambesi

feilbot und dies am rechten Tschobe-Ufer geschah, konnte er für seine

Waaren jeden beliebigen Preis fordern und bekam ihn auch, als jedoch

andere Händler, durch diesen Erfolg angelockt, nach Schescheke gingen,

waren sie vollkommen in der Gewalt des Königs und da sie sich noch

überdies überboten, klagten sie über den schlechten Ertrag des Handels.

Als ich am 28. den König besuchte und wir abermals über meine Reise

sprachen (der König war in Folge eines Streites mit Blockley in

schlechter Stimmung und ich trachtete ihn, indem ich ihm durch Mahura

lustige Reisebegebnisse erzählte, wieder in guten Humor zu bringen),

zeichnete er mir im Sande mit seinem Stöckchen meine Route durch sein

Reich, zeichnete den Lauf des oberen Zambesi und seiner Nebenflüsse, daß

mir förmlich das Herz vor Freude pochte. Den König freute das Interesse,

das ich an seinen Mittheilungen nahm, er rief zwei vorübergehende Männer

herbei. Es waren zwei Manengo vom oberen Zambesi, welche die mir

bezeichnete Strecke mehrmals bereist hatten und vom Könige befragt, die

eben von ihm beschriebene Route selbst bestimmen sollten. Und siehe da

-- ihre Erklärung stimmte mit der des Königs _vollkommen überein_.

Als ich Abends eben damit beschäftigt war, an meinem Tagebuche zu

arbeiten, versuchte es Jemand, sich durch die Eingangsöffnung zu

drängen. Es war eine Frau, die den Basuto-Diener April suchte. Ihr Mann

hatte bei dem Brande Alles verloren und von April ein kleines Geschenk

an Glasperlen erhalten, wofür er sein Mulekau wurde und nun dessen Frau

während der Zeit seines Aufenthaltes in Schescheke als Gegengeschenk

erhalten hatte.

Alles was Sepopo bei mir sah und ihm neu erschien, wollte er, wenn es

ein ihm brauchbar dünkender Gegenstand war, besitzen, andernfalls aber

wenigstens die Erklärung des Gegenstandes erhalten. So befragte er mich

über meinen Compaß; um ihm die Wichtigkeit des Instrumentes zu zeigen,

zeichnete ich die östliche Hemisphäre in den Sand, dann Afrika allein

und darauf meine Route wie die verschiedenen, südlich vom Zambesi

liegenden, unabhängigen Betschuana-Reiche.

Am Nachmittage besuchte ich das königliche Küchen-Departement, das

mehrere Personen zählte und unter der Leitung einer Frau stand. Die

riesigen Korngefäße ruhten auf Holzgestellen, in eigenen, aus Matten und

Rohr erbauten Hütten. Im Allgemeinen war Alles sehr reinlich gehalten.

Zur Zeit meines Besuches wurde eben -- das Feuer wird stets im Höfchen

auf einem niedrigen Heerde angemacht -- von einem Diener Nilpferdfleisch

in einem riesigen Topfe gekocht. Das Fleisch war ziemlich gar und wurde

auf einer Holzschüssel servirt, dann aus dieser auf kleinere zertheilt

und der Königin zugesendet.

Spät Abends kam ein Bote vom Panda ma Tenka-Thale mit der Nachricht, daß

Westbeech mit dem Händler Francis von Schoschong daselbst angekommen

sei. Da ich am nächsten Morgen die versprochenen Kähne zur Abreise zu

erhalten hoffte, arbeitete ich bis gegen Morgen an den entworfenen

Zeichnungen.

Früh am 29. wurde ich auch zu den Kähnen gerufen. Diese sollten mich bis

zur Makumba-Landungsstelle bringen und dann hier liegen bleiben, um die

von Westbeech zu erwartenden Waaren nach Schescheke zu bringen. Die

Stromfahrt nach abwärts war nicht minder angenehm als die Fahrt zu

Sepopo. Ich gab mich der Betrachtung der reichen Vogelwelt hin und hatte

bald an den insbesondere durch einen verlängerten Unterkiefer

ausgezeichneten, schwarzweiß-gescheckten Scheerenschnäbeln

(^Rhynchopsinae^), den riesigen Marabus und den großen Eisvögeln mehr

denn hinreichende Studienobjecte gefunden. Die Binsen waren mit

Schnecken bedeckt und das Ufer von den Krabben förmlich durchlöchert.

Ein Loch lag neben und über dem andern. Das Wasser war in den wenigen

Tagen, seitdem ich den Strom aufwärts befahren hatte, um 18 Zoll

gefallen.

Am nächsten Morgen, nachdem wir an der Bucht übernachtet, fuhren wir

weiter, die Bootsleute thaten dabei ihr Möglichstes, rasch vorwärts zu

kommen, und schätzte ich die Geschwindigkeit, mit der wir uns vorwärts

bewegten auf vier bis fünf englische Meilen in der Stunde. Als ich nach

Impalera gelangte, fand ich hier die Händler Westbeech und B. Francis,

sowie einen Gehilfen des ersteren, welche eben im Begriffe waren, Sepopo

begrüßen zu gehen. Sie hatten ihre Wägen in Panda ma Tenka

zurückgelassen. Francis war diesmal wie auf allen seinen Handelszügen

von seiner von Weißen wie Schwarzen hochgeschätzten Gemahlin begleitet.

Er war mit zwei Wägen und einem entfernten Verwandten, Oppenshaw, als

Gehilfen (Clerk) gekommen. Westbeech, der sich erst einige Monate zuvor

mit einer Farmerstochter aus dem westlichen Transvaal-Gebiete

verehelichte, kam in der Begleitung seiner jungen Frau, eines Gehilfen

Buuren und eines Mannes mit Namen Walsh, der früher Soldat und dann

Gefangenwärter in Hope-Town gewesen war und sich sehr gut auf das

Abbalgen der Vögel verstand. Er sollte eben dieser Arbeit in den

Zambesi-Gegenden obliegen und beide sich in den Ertrag theilen.

Westbeech und Francis wollten von ihrem Besuche bei Sepopo rasch nach

dem Panda ma Tenka-Thale zurückkehren und dann nach den Victoriafällen

gehen, um dieses Naturwunder ihren Frauen zu zeigen.

Von den angekommenen Händlern erhielt ich meine Correspondenz, darunter

willkommene Briefe aus der Heimat, aus den Diamantenfeldern

(Griqualand-West), aus den Transvaaler Goldfeldern, auch 60 Zeitungen,

deren freie Ränder mir später von großem Nutzen sein sollten; darunter

ein Exemplar der »Diamond News« mit meinem ersten über die dritte Reise

veröffentlichten Artikel. Meine Abreise war durch die Abwesenheit des

Häuptlings Makumba verzögert worden. Das Uebersetzen über den Tschobe

schien mir zwar leicht zu bewerkstelligen, allein ich brauchte ja

Träger, um die in Schescheke gesammelten Objecte und das für den Verkauf

von Ochsen von Blockley erhaltene Elfenbein nach dem Panda ma

Tenka-Thale schaffen zu lassen. Die zweite Ueberfahrt über Tschobe

verursachte mir viel Sorgen und Aerger. Mangel an Trägern und ein Boot,

das ein faustgroßes Leck hatte, wodurch der Transport meiner Sammlungen

sehr gefährdet wurde, hielten mich in steter Aufregung. Im Leschumothale

angekommen, fand ich die schon erwähnten englischen Officiere, Mr. Loud

und Fairly, die einen zweiten Besuch bei Sepopo machen wollten, sie

gestatteten mir, mich ihres Wagens nach Panda ma Tenka zu bedienen. In

der Nacht zum 3. wurde das Gespann geholt und ich verließ das Thal. Auf

meinem Zuge nach der Gaschuma-Ebene beobachtete ich, daß das Abbrennen

des Waldgrases eine Verminderung der Tsetse zur Folge hatte und das Gras

bereits neu zu sproßen begann.

Am Mittag des 4. langten wir in der Gaschuma-Ebene an, welche, trotzdem

sie wieder abgebrannt worden war, an den noch begrasten Stellen

zahlreiches Wild beherbergte. Am Wagen befanden sich auch zwei den

englischen Officieren gehörige Pferde, welche unglücklicher Weise gerade

dem nachlässigsten ihrer Diener anvertraut waren. Ohne meinen Warnungen

Gehör zu schenken, ritt derselbe am nächsten Morgen mit den Pferden

voraus. Als wir uns der Baobabstelle näherten, befahl ich meinem Diener

und dem Wagenlenker scharf auszuspähen, denn ich war dessen sicher, daß

der bekannte Löwe dem störrigen Diener begegnet war. Da es noch nicht

vollkommen Tag war, konnten wir nicht viel sehen, doch bemerkte der

Wagenlenker den Gesuchten auf einem Baume stehend und blos ein Pferd des

Capitän M. nahebei. Das geübte Auge des Hottentotten erkannte zu

gleicher Zeit in den einige hundert Schritte entfernten Büschen zu

unserer Rechten einen sich zurückziehenden Löwen. Mich auf den Bock

stellend, spähte ich aus und sah auch bald darauf das Pferd einige

Schritte links vom Wege mit ausgerissenen Eingeweiden daliegen. Einige

kleine Wunden im Nacken zeigten, wie es der Löwe getödtet. Die Sache

trug sich folgendermaßen zu. Ungefähr auf 300 Schritte dem schon

erwähnten Baobab nahegekommen, wurde der Diener von dem Löwen

angegriffen und bei der Verfolgung vom Pferde abgeworfen, während der

Löwe, ohne sich um den Mann weiter zu kümmern, den Pferden nachsetzte.

Hierbei trat dem Eisenschimmel des Herrn Fairly die herabgleitende Decke

bei dem Fluchtversuche hindernd in den Weg, so daß das Thier eingeholt

und niedergerissen wurde. Der Schwarze suchte seine Zuflucht in dem

nächsten Mapanibaume, auf welchem er auch bis zur Annäherung unseres

Wagens verblieb, während das zweite Pferd bis zu unserer Ankunft, etwa

sechzig Schritte entfernt ruhig graste. Ich nahm mit den Dienern

Verfolgung des Löwen auf, jedoch ohne Erfolg.

VIII.

Ausflug zu den Victoriafällen.

Ankunft in Panda ma Tenka. -- Neue Enttäuschungen. -- Theunissen verläßt

mich. -- Aufbruch nach den Fällen. -- Jagd auf Orbecki-Gazellen. -- Eine

Giraffenheerde. -- Die Süßwassertümpel in der Umgebung der

Victoriafälle. -- Thier- und Pflanzenleben in denselben. -- Ein

schmerzenreicher Gang. -- Der erste Anblick der Fälle. -- Unser Skerm.

-- Charakteristik der Fälle. -- Großartigkeit und Pracht derselben. --

Höhe und Breite der Fälle. -- Die Inseln an der Fallkante. -- Höhe der

Dunstsäulen. -- Die Erscheinung der Fälle bei Sonnen-Auf- und

Niedergang. -- Die Abflußrinne des Zambesi unterhalb der Fälle. --

Felsenbildungen. -- Vegetation und Thierleben an den Fällen. -- Jagd auf

Paviane. -- Ein interessantes Löwenabenteuer. -- Die Manansa's. --

Schicksale und Charakter derselben. -- Ihre Sitten und Gebräuche. --

Brautwerbung und eheliches Leben bei denselben. -- Todtenbestattung. --

Rückkehr nach Panda ma Tenka.

[Illustration: Jagd auf Bushvaarks.]

In Panda ma Tenka angelangt, fand ich reges Leben in Westbeechs

Pfahlumzäunung, mehrere Wägen waren eingetroffen, ein ganzer Troß von

Dienern bewegte sich bunt durcheinander und dazwischen heulten und

liefen nicht weniger als etwa 20 Hunde. Leider fand ich, daß der Regen

in meinen Wagen gedrungen war und mir die aus Thierfellen bereiteten

Kisten derartig beschädigt hatte, daß die meisten der in ihnen

aufbewahrten Insecten, Pflanzen und Samen verdorben waren. Einige der

bei meiner Abreise zurückgebliebenen Händler fand ich bedenklich am

Fieber erkrankt. Während meiner Abwesenheit wurde einer der Diener

Khama's, des Bamangwato-Königs, der von diesem an den schon erwähnten

Jäger Africa verdungen worden war, von einem Elephanten getödtet. Africa

mußte später, als er nach Schoschong kam, als Entschädigung 50 £ St.

zahlen.

Nach dem Besuche der Victoriafälle wollte Westbeech mit seinem Gehilfen

Bauren einen dreimonatlichen Aufenthalt in Schescheke nehmen, Blockley

sollte es indeß versuchen, mit Wanke, dem östlich von den Victoriafällen

wohnenden Makalaka-Fürsten Handel zu treiben, während Bradshaw in Panda

ma Tenka bleiben, die Oberaufsicht führen und von den Madenassana's und

Masarwa's Elfenbein einhandeln sollte. Mein Gefährte Th. hatte vollauf

zu thun, um für die am Wechselfieber erkrankten Elfenbeinhändler die

nöthigen Medicamente zu bereiten. Während ich tagsüber Ausflüge

unternahm und meine Vorbereitungen zur zweiten Zambesi-Reise traf,

benützte ich die Nachtstunden zur Erledigung meiner Korrespondenz und

Aufzeichnung meiner Erlebnisse.

Am 10. September kehrten Westbeech und Francis von Sepopo zurück und

brachten je einen circa 50 Pfund schweren Elfenbeinzahn als Geschenk des

Königs für ihre Frauen mit. Sie waren auf ihrer Rückfahrt auf mehr als

30 Krokodile und 5 Nilpferde gestoßen, wobei sie von einem der letzteren

angegriffen wurden. Mein zweiter Aufenthalt in Panda ma Tenka brachte

mir viele Sorgen und Enttäuschungen, meine Mühe, Diener und Träger zu

finden, war leider vergeblich. Meine Enttäuschung erreichte den höchsten

Grad, als ich von einem der Händler erfuhr, daß mein Gefährte Th. mit

mir nicht weiter gehen und mich hier verlassen wolle, um nach dem Süden

zurückzukehren; ich hatte mich auf ihn verlassen und seinethalben andere

Offerten zurückgewiesen. Th. war mir die ganze Zeit bisher immer treu

und willig beigestanden und ich konnte es kaum glauben, daß er mich in

der gegenwärtigen entscheidenden Stunde meiner Reise, in welcher ich

einen Freund so nöthig hatte, verlassen konnte, dieses Mißgeschick war

indeß unabwendbar und wurde noch dadurch verschärft, daß Pit sich derart

ungeberdig benahm, daß ich ihn entlassen mußte.

[Illustration: Zusammentreffen mit Giraffen.]

Es war eine Wiederholung jener vielen Enttäuschungen am Vorabende der

Ausführung einer lange gehegten Idee oder eines lange gefaßten Planes,

wodurch ich mich plötzlich von meinem angestrebten Ziele weit

zurückgeschleudert sah. Wo sollte ich Diener miethen, die mir auf meiner

Weiterreise nach Nordwest als Träger dienen mußten? In dieser

unangenehmen Lage, in einer Situation, in der ich, von meinen Leuten

verlassen, selbst nicht im Stande war, in den Wäldern nach Osten die

Eingebornendörfer aufzusuchen, um neue Diener zu miethen, wurden

Westbeech und Francis meine Retter. Als die Beiden meine Noth erfuhren,

versprachen sie mir unter den südlich von den Victoriafällen wohnenden

Manansa oder den ihnen benachbarten Batoka's Diener zu werben -- doch

unter der Bedingung, daß ich sie zu den Victoriafällen begleitete, wohin

sie sich begeben wollten um »^the splendid falls^« ihren Frauen zu

zeigen. Da half kein Zögern und ich ging. Es gelang mir noch zuvor einen

Masupia-Mann, den ich »Elephant« taufte und der vom Zambesi hergekommen

war, um bei einem Eingebornen oder weißen Jäger Arbeit zu suchen, zu

miethen.

Es war eigentlich nicht meine Absicht, die Victoriafälle aufzusuchen

(sie lagen etwa 50 englische Meilen rechts ab von meiner Reisetour),

allein durch diese eigenthümlichen, unerwarteten Umstände _gezwungen_,

mußte ich mich zu einem Besuche derselben entschließen. Heute schätze

ich mich glücklich, der Aufforderung der beiden Händler Folge geleistet

zu haben. Meinen Wagen der Aufsicht der Leute Westbeechs überlassend,

machte ich mich mit den neuen Freunden auf den Weg. Wir fuhren in zwei

Wägen bis zur Gaschuma-Ebene. Die Gegend zwischen der früheren

Handelsstation am Panda ma Tenka-Flüßchen und Gaschuma ist für den

Reisenden sehr anziehend. Wir gelangten gegen 3 Uhr Morgens zu den

ersten Teichen der Gaschuma-Ebene. Die Richtung nach derselben war eine

nordnordwestliche, während die Victoriafälle nordöstlich lagen, wir uns

daher von der Gaschuma-Ebene nach Osten zu wenden und dann eine

Ostnordost-Richtung einzuschlagen hatten.

Um die von der Tsetse inficirte Gegend zu den Victoriafällen durchziehen

zu können, mußten die Wägen mit den Ochsen auf der Gaschuma-Ebene

zurückgelassen werden und bedienten wir uns für die Weiterfahrt eines

von sechs Langohren gezogenen Karrens. Die Reise-Gesellschaft bestand

aus folgenden Personen: Westbeech und seine Frau, Francis und dessen

Frau, Bauren, Oppenshaw, Walsh und mir, ferner vier Cap-Halfcastmännern,

meinem Masupia-Diener und zwanzig Makalaka's und Matabele's. Diese

benutzten wir als Träger, um unsere Nahrung, Kochgeschirre und Decken

fortzuschaffen.

Auf der Gaschuma-Ebene, welche durch dichte Fächerpalmenbüsche und

einige prachtvolle Fächerpalmen geschmückt ist, blieben wir bis zum 15.,

um eine tüchtige Umzäunung um unsere Wagen zu errichten, denn zahlreiche

Löwenspuren nöthigten uns zur größten Vorsicht. Das Gras auf der Ebene

war zum größten Theile niedergebrannt, nur hie und da zeigten sich noch

dichtere Partien. Stellenweise fing neues Gras zu sprossen an und hier,

kaum daß man sie wahrnehmen konnte, lagen flach auf der Erde paarweise

oder zu Vieren die schönen, zierlichen Orbecki-Gazellen, die bei unserer

Annäherung plötzlich aufsprangen und in Sätzen davon eilten, um sich in

der Entfernung von einigen hundert Schritten nach uns umzusehen.

Ich und O. (F.'s Freund) hatten einige der Thiere verfolgt und waren so

von der langsam sich vorwärts bewegenden Karawane abgekommen. Da jedoch

unsere Verfolgung nutzlos war, wandten wir uns nach unseren Gefährten,

hatten auch schon hundert Schritte nach dieser Richtung hin

zurückgelegt, als kaum 30 Schritte vor uns blitzähnlich ein

Orbecki-Pärchen aufsprang. Freund O. schießt auf das eine Thier, das

kaum 50 Yards von uns entfernt stehen blieb und bricht ihm den einen

Vorderlauf nahe am Knöchel, allein auf drei Füßen jagt das Thier in

großen Sätzen weiter. Wir folgen, doch schon auf 200 Schritte Entfernung

springt es wieder auf; wir schießen neuerdings und fehlen, erst ein

dritter von mir abgefeuerter Schuß traf das in großen Sätzen flüchtende

Thier in die Lenden. Es fiel im Sprunge und als wir es erreichten, war

es verendet. Da kein Diener in der Nähe war, mußten wir es abwechselnd

tragen, bis wir nach zweistündigem Marsche in der brennenden Hitze zu

den tief im Walde lagernden Genossen stießen.

Nachmittag brachen wir auf und legten sechs Meilen, im Ganzen bisher

dreizehn englische Meilen zurück. Diese Strecke war von der

Gaschuma-Ebene und einem tiefsandigen Walde gebildet. Dann passirten wir

vier Thäler und schlugen in dem bedeutendsten, dem fünften, unser

Nachtlager auf. Diese Thäler waren seicht, die Spruits bis auf jene im

vierten und fünften trocken, hochbegrast und vertieften sich nach

Südost, wohin die Flüßchen sich wandten, um sich in den Panda ma

Tenka-Fluß zu ergießen. In dem dritten Thale trafen wir eine

Giraffenheerde an, die an uns in einer Entfernung von 600 Schritten

thalabwärts vorbeipassirte. Auf der Strecke von der Gaschuma-Ebene bis

zu unserem Nachtlager trafen wir folgende Wildarten, nebst frischen

Spuren von Thieren, die kurz zuvor unsern Pfad gekreuzt haben mußten.

Orbecki's, Deuker-, Rietbock- und Steinbock-Gazellen, Wasser-Antilopen,

Zulu-Hartebeests, Kudu's, Giraffen, Büffel, Elephanten und Zebra's.

Das Flüßchen, an dem wir übernachteten, hieß Tschetscheta. Dasselbe floß

bald in dünnem Strahle über Steine, bald durch einen schilfigen Morast,

um gleich darauf einen tiefen, klaren, breiten Tümpel zu bilden. Die

Thäler waren alle hochbegrast, das Gras stellenweise bis fünf Fuß hoch

und dicht, und der Boden humusreich. Diese klaren Tümpel der oberen

Zuflüsse des Panda ma Tenka-River und einige, welche hoch oben liegen

und von Krokodilen nicht erreicht werden können, gehören zu den

interessantesten Punkten der hügeligen Umgebung der Victoriafälle. Ich

habe manche Stunde, in der Betrachtung derselben versunken, hier

durchträumt; das klare Wasser zeigt uns, daß der Tümpel von Krokodilen

frei ist und darum lohnt es sich der Mühe, sich in das Gras

auszustrecken und dem Leben und dem Bilde unter der schimmernden

Oberfläche einige Betrachtung zu widmen.

Da wo hohes Gras diese Miniatur-Weiher umgibt, wäre es gefährlich, sich

denselben ohne Vorsicht zu nähern, hohes Gras an Flüssen ist ein

gesuchter Aufenthalt aller Katzenarten Süd-Afrika's und deshalb ist es

nöthig, erst einige Steine in das Gras vor sich zu werfen, um sich zu

vergewissern, daß das Feld rein sei. Nachdem dies geschehen, nähern wir

uns dem Tümpel. Nahe an unserem Lagerplatze lag ein vier Meter breiter,

zwei Meter tiefer und zehn Meter langer Weiher, in den sich ein kaum

zehn Zentimeter breiter Wasserstrahl ergoß, der Abfluß in ein

Binsendickicht war etwas breiter.

Die Fluth war klar, man konnte leicht die Objecte am Grunde des Weihers

erblicken. Wohl die Hälfte der krystallenen Fluth war von einem zarten,

hier hell-, dort dunkelgrünen, die mannigfachsten und groteskesten

Formen und Gestalten bildenden Algengewebe durchsetzt. Hier stieg es in

Schichten empor, neben und übereinander gelagert, den zarten, theilweise

oder halb durchsichtigen Wölkchen in den azurnen Höhen ähnlich, dort zur

Linken, nahe dem Ausflusse bildete es ein dunkles Labyrinth von Grotten

und Höhlen, während es sich zu unserer Rechten zu dem wunderlichen

Gebilde einer Burgruine aufgethürmt hat. Deutlich sieht man den

Bergsockel, dessen dichten Lagen ein hohes, viereckiges Prisma und ein

dieses noch um einige Zoll überragender Cylinder, eine Warte ein Thurm

entsteigt; beide Gebilde, mit einem beiläufigen Durchmesser von 12 Zoll

sind in dem untersten Drittel ihrer Höhe mit einem Querarme verbunden,

der in seiner unteren Hälfte durchbrochen erscheint, diese breite Spalte

in dem zarten Algengewebe, durch die eben ein Fischchen schoß, glich

einer gothischen Thoröffnung. Oben an dem prismatischen Wartthurme

sonderten sich vom Pflanzengebilde einige wenige kurze, theilweise

spitzige Fortsätze ab, welche arg beschädigten Zinnen täuschend ähnlich

waren.

Vom Hintergrunde gegen des Weihers Mitte reicht ein dunkelgrüner, unter

dem Wasser bedeutend umfangreicher erscheinender Säulenwald, die Stengel

des über dem Wasser säuselnden Rohres. An einer freien Stelle in der

Fluth vor uns, zwischen dem Ufer, an dem wir im Grase ausgestreckt, und

den mannigfachen Gebilden der Algen, steigen drei spiralförmig gewundene

Stengel einer großbluthigen Nymphaea empor, zwei tragen die bekannten

flachen, großen und glänzenden Blätter, der dritte eine schöne hellblaue

Blüthe. Wie ein funkelnder Stern liegt sie auf dem Krystallspiegel. Noch

andere Algenformen (nebst jener erwähnten) entsteigen dem dunklen Grunde

des Weihers, manche mit zersägten und lappigen Blättern, ähnlich denen

verschiedener Farrenkräuterarten.

Anfangs scheinen uns diese Pflanzengebilde ruhig zu schlummern, doch

gewöhnt sich das Auge an das Bild, so nimmt es eine leise Strömung wahr,

welche in der klaren Fluth durch den Einfluß des dünnen Wasserstrahles

von rechts her erzeugt wird -- und die Folge davon? -- Die Rohrsäulen

vibriren, jetzt stärker, nach und nach schwächer, bis sich wieder eine

rascher zu bewegen scheint. Und die Grotten, Höhlen und die wundersam

geformten Ruinen der Algen? Jene rechts, namentlich die beiden senkrecht

aufgetürmten Formen zittern deutlich und ununterbrochen, während sich

die dem Abflusse nahen stark nach diesen neigen, als wenn sie Lust

hätten, den scheidenden Tropfen nach dem nächsten Weiher zu folgen.

Einige gelbblüthige Wasserpflanzen und jene gelappten Cryptogamen am

Boden strecken sich, als würden sie sich sehnen, gleich der

reichblätterigen Blume der Wasserrose, welche als erklärte Königin des

kleinen Seereiches sich auf der spiegelnden Oberfläche hin- und

herwiegt, auch die Höhe und mit ihr die letztere zu erreichen, um sich

am Tage von den Sonnenstrahlen erwärmen und küssen, von den Schatten der

Nacht kühlen und vom Morgenthau erfrischen zu lassen.

Das Bild im Weiher gestaltet sich für den Beschauer noch anziehender

durch das Leben der Thierwelt, welcher das Gewässer zum bleibenden

Aufenthalte dient. An der freiesten Stelle, um der Sicherheit halber

Rundschau halten zu können, liegen mehrere dunkelgestreifte

barsch(?)artige Fische, bis auf die leichten, kaum merkbaren Bewegungen

ihrer Schwanzflossen unbeweglich. Zeitweilig tauchen aus den

Grottenlabyrinthen der Algen etwa fußlange, langbebartete Welse auf,

welche meist paarweise, bald neben, bald hinter einander schwimmend,

sich necken und spielen. Doch was ist jener dunkle, gelblich marmorirte,

querüber im Schilfwalde, auf dem gegenüberliegenden Ufer und, wie es

scheint, unbeweglich liegende Gegenstand? Eine Schlange? -- Nein, jetzt

rührt es sich; das eine spitze Ende berührt die Wasseroberfläche, es ist

ein Leguan, der auf die befloßten Bewohner des Weihers lauert. Und

außerdem welch' emsig Treiben der niederen Thierwelt! Kleinere und

größere Wasserkäfer, Dytiscus- und Hydrophilus-Arten, sowie auch

Wasserspinnen, die einen emsig sich emporrudernd, die anderen, schon mit

dem hellschimmernden Luftbläschen versehen, wieder hinab eilend, um sich

unter den Blättern der Wasserpflanzen, oder in dem Algengewebe zu

verbergen. Gleich Seiltänzern klimmen ihre Larven und jene der Lybellen

die Stengel der Seerosen auf und nieder, während jene der Uferfliegen

mühsam kleine, puppenförmige Gehäuse nachschleppen.

Am nächsten Morgen ging es weiter; wir hatten zahlreiche Flüßchen und

tiefe, von schwarzem Humusboden bedeckte und mit hohem Gras überwachsene

Thäler zu überschreiten. Die Flüßchen flossen nach Südsüdwest, nach Süd,

nach Südost und Ost und ergossen sich, wie ich denke, alle in den Panda

ma Tenka-Fluß. Die Thäler waren theils durch felsige Höhen, theils durch

sandige Wälder von einander getrennt. Wir trafen Kudu's, Stein- und

Wasserböcke, Bushvaarks und zahlreiche Elephantenspuren. Am Nachmittage

kamen wir über einen hohen, tiefsandigen Wald in ein größeres und

breiteres Thal, in das von beiden Seiten mehrere Seitenthäler

einmündeten. Unser Nachtlager schlugen wir an einem stets fließenden

Wasser auf, welches auch die sämmtlichen Gewässer, die aus den

Seitenthälern in das Hauptthal münden, aufnimmt und von den hier früher

wohnenden Manansa der Matopa-Fluß genannt wird. Auf zwei Drittel seines

Laufes stellt der 5 bis 22 Fuß breite, 1 bis 4 Fuß tiefe Fluß einen

Gebirgsfluß dar, dessen Bett sich gegen seine Mündung (unterhalb der

Victoriafälle) verbreitert.

Am folgenden Morgen, den 17. September (1875), verließen wir zeitlich

unser Lager, um noch am selben Tage die Victoriafälle zu erreichen. Mir

war dieser und alle die ferneren Tage dieser Reise, bis zu meiner

Heimkehr nach Panda ma Tenka, zu Leidenstagen geworden. Um meine

Fußbekleidung für die fernere lange Reise zu schonen, hatte ich zu

diesem Ausfluge mir von einem im Panda ma Tenka-Thale jagenden Händler

ein Paar Schuhe gekauft; leider zerfielen dieselben schon am zweiten

Tage und ich sah mich gezwungen, die lose anhängenden Stücke mit

Riemchen an den Fuß zu binden. Dazu waren die durchwanderten Gegenden

sehr dornenreich und steinig, und die Felsenplatten durch die heiße

Sonne glühend geworden.

[Illustration: Leben und Weben am Grunde der Süßwassertümpel.]

Schon am selben Morgen und zwar an einer Biegung des Matopa-Thales -- es

wendet sich plötzlich nach Osten -- hörte ich deutlich ein dumpfes

Gebrause, einem in weiter Ferne gleichmäßig rollenden Donner nicht

unähnlich. Da ich meinen Gefährten voraus war -- ich ging immer rascher,

um mich dann auf einige Momente niedersetzen zu können, konnte ich es

mir Anfangs nicht erklären, allein nach und nach schien es mir der erste

Vorbote des berühmten Wasserfalles zu sein. Wir hatten mehrmals den

Matopa-River und manchmal unter großen Schwierigkeiten zu überschreiten;

ich ging voraus, denn meine Füße schmerzten mich sehr, und ich sehnte

mich darnach, mich auf einige Stunden ausruhen zu können. An dem

steilen, bewaldeten Abhange des linken Ufers beobachtete ich einige

flüchtige Zebra's, denen ich, soweit die Richtung ihrer Flucht mit

meinem Ziele, den vor mir noch in ziemlicher Entfernung ober den

Katarakten aufsteigenden Wasserdünsten, zusammenfiel, einige Stunden

nachschlich, doch nicht rasch genug in den zum Matopa-Flüßchen führenden

Schluchten folgen konnte. Je weiter ich ging, desto müder fühlte ich

mich; spät am Nachmittag mußte ich die Sohlen der zerstückelten Schuhe

tragen und trachtete barfuß die Fälle zu erreichen. Ich fühlte mich

jeden Moment mehr und mehr abgemattet, da ich vom Morgen her nichts zu

mir genommen hatte. Endlich gegen 4 Uhr langte ich, über eine

tiefsandige Waldeshöhe eilend, bei dem Falle an. Mir durch die Gebüsche

Bahn brechend, stand ich am Rande des Abgrundes, in den sich die Wässer

stürzen. -- Ich werde nie diesen Anblick vergessen.

Die Füße waren jedoch nicht mehr im Stande, die Körperlast zu tragen,

und so mußte ich mich auch von dem herrlichen Anblick trennen und dem

Ufer aufwärts folgend, einige Wildfrüchte zu erhaschen suchen. Ich

schlich mehr, als ich ging und mußte mich an den Bäumen und Sträuchern

festhalten, um nicht umzusinken, da endlich auf einem halbverdorrten

Klapperbäumchen entdeckte ich eine Frucht. Ich wußte, daß sie ein süßes

Fleisch barg, schlug sie mit einem Steine herab, zerschlug die dünne

gelbliche Schale und leerte in wenigen Augenblicken den Inhalt, als mir

der Same der Frucht auffiel, welcher jenem von ^Nux vomica^ täuschend

ähnlich war. Einige Minuten nach dem Genusse der Frucht stellte sich

auch wirklich heftiges Erbrechen ein und ich sank vollkommen ermüdet

nieder. Mühselig kroch ich zu dem Ufer des Zambesi und schlürfte von dem

klaren Wasser, das meine Lebenskräfte wachrief. Um meine Reisegefährten

aufmerksam zu machen, feuerte ich einige Schüsse ab, erhielt aber keine

Antwort. Nach einer halben Stunde fühlte ich mich wieder besser, und als

ich etwa 50 Schritte gegen den Wald gegangen war, sah ich die ersten

meiner Genossen aus diesem heraustreten. Zwischen drei laubreichen,

breitkronigen Bäumen, etwa 500 Schritte vom Zambesi und 900 Schritte von

dem Falle wurde nun ein »Skerm« errichtet.

Mit dem Betreten der von Büffeln, Elephanten, Löwen etc. bewohnten

Districte drängt sich den zu Fuß Reisenden die Nothwendigkeit auf,

allabendlich einen Skerm (Schirm, Schutz) anzulegen, innerhalb dessen er

die Nacht unbelästigt zubringen kann. Je nach der Anzahl der Begleiter

und Diener errichtet man einen bis drei solcher Skerme, welche, von

halbmondförmiger Gestalt, aus in die Erde eingetriebenen, etwa sechs Fuß

hohen und mit Zweigen durchflochtenen Pfählen bestehen. In dem zu zwei

Drittel umzäumten Raume befindet sich das Nachtlager; die offene Seite

wird durch ein oder mehrere Feuer geschützt, welche wie eine Secante die

offenen Enden des Halbmondes verbinden. Abwechselnd muß einer der Diener

die Nacht über wachen, um diese Feuer zu unterhalten. Unsere Diener

machten vier Skerme, einen mit zwei Grashütten für die zwei Ehepaare,

einen für uns Junggesellen, Mr. W., B., O. und mich, einen für die

Capdiener (Halbcast), welche sich über die Zulu's und Makalaka's erhaben

fühlend, mit diesen nicht einen und denselben Schlafraum theilen

wollten, und einen für sich selbst. Unser Lagerplatz lag etwa in der

Mitte des eigentlichen Zambesi-Thales, zwischen dem Flusse und der

tiefsandigen, dichtbewaldeten Bodenerhebung, welche einigermaßen

parallel als die Senke eines Hochplateaus und eines Hügelnetzes schon

von der Tschobe-Mündung ab den Fluß stromabwärts begleitet. Längs des

Flusses zieht sich ein dichtes Gebüsch von Saropalmen und zwischen

diesem und jener Bodenerhebung liegt das eigentliche mit hohem Grase

bewachsene, von dichtem Busch- und Baumwuchs bedeckte Thal, aus welchem

die stolzen Fächerpalmen und mächtigen Baobabbäume dem Auge sofort

auffallen. Wir hielten uns drei Tage in der Nähe der Fälle auf, und

trotzdem ich durch meine wunden Füße viel zu leiden hatte, muß ich doch

diesen Zeitraum als einen der mich befriedigendsten meines ganzen

Aufenthaltes in Süd-Afrika bezeichnen. Ich halte die Victoriafälle des

Zambesi für eine der großartigsten Erscheinungen auf der Erdoberfläche.

Während wir an manchen Wasserfällen die Masse des niederstürzenden

Wassers wie an dem Niagara, bei anderen die Höhe der senkrechten Wand,

über die sich das Wasser in die Tiefe stürzt, bewundern, erregt bei den

Victoriafällen nicht nur der in einer Unzahl von einzelnen Strahlen und

Massen getheilte Fall des Wassers, sondern auch der Abfluß des

herabgestürzten Wassers in einer engen, steilwandigen und tiefen

Felsenschlucht, deren Breite sich zu der Strombreite oberhalb der Fälle

etwa wie 1:13 verhält, unser Staunen und Entzücken.

Der von Westen nach Osten zu fließende Strom macht an den Fällen eine

plötzliche Wendung nach Süden, so daß das Ufer an dem wir stehen zum

westlichen, das gegenüberliegende zum östlichen wird. Da jedoch der Fluß

unter denselben nicht in seiner vollen Breite abfließt, ist es dem

Beschauer möglich, einen großen Theil des den Fällen gegenüber nicht

bedeutend tiefer als diese liegenden südlichen Ufers als Standpunkt zu

benützen, um mit dem Gesichte nach Norden gekehrt, die Victoriafälle

betrachten zu können. Leider ist jedoch der unmittelbare Rand des

Abgrundes, in den sich die Wasser stürzen, und der wie erwähnt, den

Fällen gegenüberliegt, durch die stetig auf ihn fallenden Wasserdünste

so glatt, daß man nicht bis unmittelbar an dieselben herantreten kann.

Wir stehen nun etwa 100 bis 200 Schritte von einer klippenreichen,

schwarzbraunen, an 400 Fuß hohen Felsenwand entfernt, ihre untere

Begrenzung können wir nicht sehen; über ihre obere stürzen sich die

Wasser des Zambesistromes. Mehrere durch üppige tropische Vegetation

geschmückte Inseln, etwas über 100 Schritte vom westlichen Ufer

entfernt, theilen den Fall gleich in seinem westlichsten Viertel, und

auch weiterhin nach dem Ostufer ist er unmittelbar über dem Abgrunde, am

Rande der Felsenwand gelegene kleinere und größere, jeder Vegetation

baare, braune Felseninseln circa dreißigmal getheilt. Zu unserer Linken

zwischen den bewachsenen Inseln und dem Westufer ist die Felsenwand

niedrig, so daß das Wasser mit Wucht nach der Kante zueilt und hier in

einem einzigen, wohl 100 Schritte breiten Schwall bogenförmig in die

Tiefe stürzt. Zwischen diesem und den nächsten Strahl ist eine große

Fläche der schwarzbraunen Felsenwand zu erblicken, welche auch überall,

zwischen und hinter den dünnen oder auch breiten, lichten,

weißerscheinenden und zur Tiefe schießenden oder senkrecht über die

Felsenwand herabfallenden Strahlen zu sehen ist, und so einen dunklen

Hintergrund gewährend, diese nur noch deutlicher und schöner hervorhebt.

Die einen sind so dünn, daß sie den Grund nicht erreichen, schon im

oberen oder im unteren Drittel, manche in der Hälfte des Falles

zerstäuben, um als Dunst emporzusteigen. Manche, etwa drei bis fünf

Meter breit, erreichen den Abgrund -- doch mit zerstäubenden und

aufkräuselnden Rändern -- dort wieder fällt ein breiter Strahl auf eine

vorspringende Felsenzacke, daß er sich bricht und in Cascadenform zur

Tiefe stürzt, am wichtigsten schien mir der vom linken Uferrande in die

Tiefe schießende Wasserstrahl. Die Mannigfaltigkeit der fallenden

Wasserstrahlen und Massen ist gewiß unerreicht.

Haben wir diesen durch einige Zeit unsere volle Aufmerksamkeit gewidmet,

so ist es lohnend, den Blick zu erheben, bis er gegen Norden dem blauen

Horizont begegnet. Im weiten Hintergrunde das herrliche Grün der Fächer-

und Saropalmen, mit denen die in der Ferne über das Flußbett zerstreuten

Inseln bewachsen sind, welches angenehm von dem lichten Azur der Höhen

absticht, und neben und um diese Inseln die tiefblauen Ränder des

Stromes, seine Fluthen, die noch so still, so langsam fließen, daß es

scheint, als würden sie stille stehen, und folgen wir ihnen nach der

Richtung, in welcher wir stehen, so sehen wir sie anfangs wenig, doch

dann, je näher sie uns rücken, um so bewegter, bis sie einige Ketten

quer über den Fluß sich hinziehender und größtentheils aus dem Wasser

hervorragender Felsenblöcke erreichen, gegen diese anprallend

zurückweichen, um sich nun zwischen den freien Lücken und Nischen mit

vervielfachter Geschwindigkeit dem Abgrunde zu nähern, die schroffe

Kante zu erreichen und dann brausend in die Tiefe zu stürzen. Besonders

schön erscheinen die mit den Fächer- und Saropalmen und Palmengebüsch,

mit Lianen und Aloëarten bewachsenen, über dem Abgrunde liegenden und

von drei Seiten von den schäumenden Wogen umgebenen Inseln. Nachdem

Livingstone diese Fälle -- zu Ehren der Königin Victoria --

»Victoriafälle« genannt hat, erlaubte ich mir, das hochinteressante, die

Victoriafälle beiderseits umgebende Hügelland zu Ehren des Prinz-Gemahls

»^The Albert country^« und die Inseln zu Ehren der königlichen Prinzen

und Prinzessinnen mit deren Namen zu belegen.

Wenden wir uns zu dem südlichen und zugleich westlichen Ufer, an dem wir

stehen, und zu jenem Abgrunde, der wie ein Felsentrog zwischen uns und

den Fällen sich befindet und das herabstürzende Wasser aufnimmt. Unser

Ufer, wie das gesammte unter den Fällen ist eine Felsenbank, die mit

Humus und Thonerde bedeckt, einer besonders in der unmittelbaren Nähe

der Fälle üppigen Vegetation Raum gewährt.

Indem wir an dem Rande des Abgrundes stehen, genießen wir den Schatten

riesiger Sykomoren, Mimosen, etc. Diese Bäume, welche unsere schlanksten

Pappeln an Höhe überragen, haben meist wohl eine erst im letzten

Sechstel oder Achtel ihrer Höhe beginnende Krone, diese aber ist so

dicht, daß man unter ihnen wie unter einem ausgespannten Schirm steht.

Armdicke Lianen, schnurgerade oder in Spiralen emporsteigend, verbinden

den Fuß des Baumes mit seinem Gipfel und bieten den Affen Gelegenheit,

dem verborgenen Beobachter ihre Kletterkünste vorzuführen. Außer den

hohen Bäumen sind es noch dichte Saro- und Fächerpalmen-Gebüsche und

riesige Farrenkräuter, welche zur Ueppigkeit der Scenerie dieses Ufers

so viel beitragen. Der Reisende schreitet bei einem Gange durch diese

hochinteressanten Formen Floras über einen elastischen, schwellenden

Teppich von kleinen Blumen und Moos, der von Feuchtigkeit durchtränkt

ist, am Rande des Abgrundes aber, da, wo der nackte braune Felsen

hervorblickt, sehen wir einzeln oder in Knäueln, kleine, erbsen- bis

hühnereigroße, etwas plattgedrückte, rundliche, dunkelgrüne Algen lose

dem Felsen aufliegen.

Diese Ueppigkeit der Vegetation ist zu gutem Theil auf die continuirlich

von den Fällen herrührenden und auf die gegenüberliegenden Ufer

herabfallenden, reichlichen Wasserdünste zurückzuführen. Unaufhörlich

steigen längs der oberen Kante des Falles mit den einzelnen Fallstrahlen

correspondirende Säulen von Wasserdünsten einige hundert Fuß hoch in die

Lüfte, auf 50 englische Meilen weit sichtbar. Eben während unseres

Betrachtens sind sie unmittelbar vor uns so dicht, daß sie die

gegenüberliegende Stelle vollkommen verhüllen, doch schon im nächsten

Augenblicke hat sie ein mäßiger Windhauch von Osten her nach Links zu

gedrängt, nur eine dünne und durchscheinende Säule ist zurückgeblieben,

welche wie ein Schleier mehrere der vor uns herabstürzenden Strahlen

verhüllt und nun ein wahrhaft märchenhaftes Bild hinzaubert, denn auch

das tiefe Blau der Fluth über dem Falle und jene herrlichen Inseln mit

den Palmen erscheinen uns so fern gerückt und doch wieder so nah, wie in

einen Nebelschleier gehüllt.

Von unvergleichlicher Schönheit und malerischem Reize sind diese Fälle

bei Sonnen-Aufgang oder Niedergang, wenn kreisrunde, in den Dunstfäden

erscheinende Regenbögen den Effect erhöhen. Das Aufsteigen der Dünste

ist mit einem eigenthümlichen Zischen verbunden, und doch ist dies nur

zeitweilig zu hören, wenn der Wind das Getöse aus dem Grunde der

Felsenschlucht, das den Beschauer im wahren Sinne des Wortes betäubt,

etwas abschwächt. Wie ich schon erwähnt, können wir von dem Südufer --

dem besten Standpunkte des Beobachters -- den Boden des Abgrundes nicht

sehen (wohl von der westlichen Seite, wenn wir uns an den Rand einer

bebuschten Schlucht durcharbeiten können), und darum wirkt das

furchtbare Getöse, das von der Tiefe aus die Lüfte erfüllt und

meilenweit wie das ununterbrochene Rollen des Donners vernommen wird,

nur um so betäubender auf die menschlichen Sinne ein. Wir hören ein

Brüllen und Zischen, zeitweise deutlich das eigentümliche Anschlagen

stürzender Wassermassen an den harten Felsenklippen, der Felsenboden

unter uns scheint zu zittern, als käme dies Getöse aus einer Höhle unter

uns. Wenn wir in die Tiefe des Abgrundes hinabsehen könnten, es würde

die Sinne befriedigen und das ängstliche Gefühl, das sich unwillkürlich

unser bemächtigt, bannen, so aber kommt es uns vor, als stünden wir an

einem Höllenkrater, in dem die Elemente, in einem Vernichtungskampf mit

einander begriffen, rasen. Wie klein, wie machtlos und unansehnlich

erscheint der Mensch gegen solch' ein Product der Natur!

[Illustration: Die Victoriafälle.]

Wir wandten uns nun nach der tieferen Felsenschlucht, durch welche die

ganze Wassermasse des Stromes abfließt. Dieser Abfluß geschieht im

Zickzack, und in folgender Richtung. Von dem Felsenthore (dem Ausfluß)

etwa 300 Schritte weit ist die Richtung südlich, geht dann unter einem

stumpfen Winkel plötzlich auf 1000 Schritte in eine westsüdwestliche

über, welche nach einem scharfen Winkel auf 1100 Schritte in eine

südöstliche umschlägt u. s. w. Wenn wir von dem Thore längs derselben

hinschreiten -- so weit es nämlich die einmündenden Schluchten, die

wegen ihrer Steilheit umgangen werden müssen, gestatten -- so bietet

sich dem Auge, man möchte sagen alle 200 Schritte ein neues Bild der

steilen, die Schlucht bildenden Felsenwände. Hier stehen sie senkrecht,

schroff, als wären sie scharf abgemeißelt, hier erhebt sich eine braune

bis schwärzliche Felsenmauer, dort wieder eine ähnliche dunkle

Felsenwand, hie und da mit grünen und rothen Flecken, stellenweise

marmorirt; Punkte, die sofort in's Auge fallen und zu dem dunklen

Hintergrund einen äußerst angenehmen Contrast bilden. Der Wind hat von

dem hochliegenden Ufer lose Erdtheile herabgeweht, welche sich mit

Aloësamen in den Felsenritzen eingenistet haben, diese fingen an zu

sprossen -- die Wurzeln klemmten sich in die feinen Ritzen -- hefteten

sich innig an den Felsen an und nun gediehen die Pflanzen in den

vollständig mit Erde und vertrockneten Blatttheilen gefüllten

Felsenspalten vortrefflich, wie ihre mächtigen Blüthenähren es beweisen.

Der reife Samen wird in den Fluß hinabgeführt, um weit, weit von den

Fällen, an dem Ufer desselben Stromes neue Keime auszuwerfen und das

Ufer zu schmücken.

Manche Partien der Felsenwände neigen sich terrassenförmig zur Tiefe und

erscheinen theils jeder Vegetation bar, theils an den oberen

horizontalen Flächen mit Vegetation überwuchert. Doch an vielen Stellen

und dies namentlich am westlichen Ufer, sehen wir eine üppige Baum- und

Buschvegetation bis zur mittleren Höhe oder bis zum Strome selbst

herunterreichen. Sie bekleidet die vielen nach abwärts führenden, doch

sehr steilen Schluchten, welche dem Regenwasser der nächsten Umgebung

zum Abfluß dienen. Manche vereinigen sich an ihrer Mündung zu einer

einzigen. In dieser Weise wechseln die Bilder längs der langen Partien

der Zickzacklinie. Die Ueberraschung ist noch größer, wenn wir die

Formen der Wände im kurzen Zickzackscheitel betrachten.

Ich will blos drei solcher Punkte besonders hervorheben. Das rechte

(westliche) Ufer der kurzen Strecke unter der Abflußöffnung ist ein

senkrecht abfallender Felsen, der gegen die Fälle zu etwas zurücktritt

und im Canal eine rundliche Bucht bildet, dann jedoch, nach Osten als

scharfe Felsenwand hervortretend, die westliche Wand des engen

Felsenthores bildet, welches den herabgestürzten und unten wieder

vereinigten Gewässern des Zambesi den Abfluß gestattet. Das uns

gegenüberliegende Ufer, die östliche Wand dieses Thores, wird von einer

kegelstutzförmigen, nach hinten (Osten) mit dem Hinterlande

zusammenhängenden Felsenhöhe gebildet, welche im unteren Drittel, jeder

Vegetation baar, schroff abfällt, in den zwei oberen Dritteln jedoch mit

prachtvoller, tropischer Vegetation ringsum überwuchert terrassenförmig

aufsteigt und mit ihrer Umgebung, dem rechts und links gähnenden

Abgrunde, dem brausenden dunkelblauen Strom an ihrem Fuße, einen

gewaltigen Eindruck hervorruft. Als ich noch im Schauen dieser

Felsenscenerie versunken dastand, tauchte in meinem Geiste ein nie

geschautes, doch oft geträumtes Bild: die hängenden Gärten der

Semiramis, auf.

Sieben Jahre in Süd-Afrika. Zweiter Band. Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879) · 第 20 / 27 题