hier erzählt, bevor wir von Henry's Pan scheiden. Vor vier Jahren, als
sie noch an Mynheer van de Berg verheiratet war und mit ihm im
wildreichen, allein ungesunden Maschonalande der Elephantenjagd halber
verweilte, erkrankte er an demselben Fieber, wie jene, die ich an dem
Gewässer getroffen. Drei Monate lag dieser schon darnieder; als sich
keine Aussicht auf Besserung zeigte, lud sie ihn auf den Wagen, ergriff
die Peitsche und trieb das lange Ochsengespann nach dem entfernten
Matabelekraal, in welchem sich der Missionär Thompson aufhielt, um von
diesem Hilfe zu erflehen. Doch schon drei Tage später starb ihr Mann,
die Hilfe war zu spät gekommen. Im selben Jahre verehelichte sie sich
mit Schmitt, der vor sieben Jahren am Ramakhoban-River seine erste
Gemahlin an derselben Krankheit verloren hatte.
Am 23. schoß Schmitt im Walde einen Elandstier und zeigte mir den
Talgsack, in dem sich das Herz befand; dieses Talgstück wog 29 Pfund.
Als ich mich darüber wunderte, antwortete man mir, daß das durchaus
nicht eines der schwersten sei; dieses Elandtalg hält in Bezug auf seine
Qualität die Mitte zwischen Fett und Rindstalg. Ich suchte die beiden
Lotriets von der Jagd abzuhalten, da sie fieberkrank waren, doch erhielt
ich von beiden die leider nur zu begründete Antwort. »Herr, unsere
Familien können doch nicht Hungers sterben.« Auch die beiden Lotriets
vermehrten die Sammlung meiner Erzählungen von Löwenjagden durch einige
interessante Episoden aus ihren vieljährigen Jagden im Bamangwato- und
Matabele-Lande.
Zu meiner Genugthuung nahm ich bei allen den Kranken, mit Ausnahme
jenes, der an Carcinoma litt, am 25. eine Besserung ihres Zustandes
wahr, besonders an jenen, welche in Lebensgefahr schwebten; sie waren
sämmtlich derselben entrückt. Der eine der beiden Lotriets beschrieb mir
eine Stelle, an welcher beinahe täglich vier Strauße, darunter zwei
Hähne, zu finden waren, ihnen selbst einige Stunden aufzulauern, hatten
weder er noch sein Bruder die nöthige Kraft, und da er sich besser
fühlte, wollte er mir seine Erkenntlichkeit in der Weise an den Tag
legen, daß er mir die Jagdbeute verschaffen wollte; aus den bereits
entwickelten Gründen konnte ich jedoch sein Anerbieten nicht annehmen.
In der Nacht vom 24. auf den 25. hatte ein Löwe auf die etwa eine Stunde
weit entfernte Umzäunung, in welcher die Lotriets ihre Zugthiere
hielten, einen Angriff gemacht, als der durch den Löwen in der Umzäunung
wachgewordene Diener mit einem Feuerbrande aus seiner Grashütte
heraussprang und den Löwen in die Flucht schlug.
Am 26. verließ ich Nachmittags Henry's Pan und zog weiter in forcirten
Tagemärschen nordwärts, um eine wasserlose Strecke möglichst bald
überwunden zu haben. In der einförmigen Gegend -- der Weg führte mehrere
Tage durch tiefsandigen Wald -- fiel uns ein Baobab auf, welcher
unmittelbar über der Erde 98 Fuß 10 Zoll im Umfange hatte. Minder arm
und eintönig als die Gegend war die Vogelwelt auf dieser Strecke: unter
den Raubvögeln fielen mir namentlich die ziemlich häufig sichtbaren
Buteo's auf, unter den Nachtraubvögeln fand ich Zwergeulen, unter den
Singvögeln waren zwei Pyrolarten und Fliegenschnapper bemerkenswerth,
die Männchen der letzteren waren durch einen langen Schweif
ausgezeichnet, auch überraschte mich die große Zahl der kleineren
Sänger, ich traf hier mehr derselben an, als an manchen anderen Orten
mit mannigfacher und üppiger Vegetation. Am zahlreichsten von allen
waren jedoch die Würger vertreten, namentlich auffallend war eine große
Species mit prachtvoll rothem Unterleib und Kehle, welche sich die
niederen und dichtesten Gebüsche zum Aufenthalte gewählt.
Gelbgeschnäbelte Tukane waren nicht selten zu erblicken, in großer Menge
wieder die kleineren, langschwänzigen Wittwenarten, sowie die
wiedehopfartigen und Bienenfresser. Meine Sammlungen wurden auch durch
zahlreiche Pflanzen, besonders Samenarten und Früchte, Holzschwämme etc.
vermehrt.
Am 30., nachdem wir den beträchtlichen Aufstieg auf das waldige Plateau
bewältigt, gelangten wir auf eine hochbegraste, nach zwei Seiten von
Wäldern umsäumte Ebene. Dieser Abhang des Plateaus zeichnete sich durch
einige bisher von mir nicht beobachtete Thier- und Pflanzenspecies
tropischen Charakters aus. Manche der Leguminosen (Bäume) fielen mir
durch das eigentümliche Entleeren ihres Samens auf. In Folge der
Sonnenhitze barsten die Samenschoten mit einem lauten Geräusche, wobei
die Samen herumgestreut wurden. Tausende von kleinen Bienchen schwärmten
in der Luft, verkrochen sich in die Haare, Kleider und belästigten
Augen, Ohren und Nase. Seitdem wir den Nata-River verlassen hatten,
waren wir langsam höher und höher gestiegen, nun schien es mir, daß wir
den Culminationspunkt des Plateau's erreicht hatten. Am Nachmittage
fuhren wir zum ersten Male nach längerer Zeit an einigen unbedeutenden,
Melaphyr und Quarzit aufweisenden, niederen Höhen entlang, an welchen
sich namentlich der Baobab bemerkbar machte, die übrigen Bäume und
Sträucher aber, wahrscheinlich ob des steinigen Bodens mehr oder weniger
verkrüppelt erschienen. Am Abend langte ich endlich an dem längst
ersehnten ersten Zuflusse des Zambesi an; es war nur ein Bächlein,
welches nahe an unserem Lagerplatze seinen Ursprung nahm, doch bildete
es stellenweise tiefe Tümpel, denen man, so verlockend sie auch zum Bade
einluden, nicht trauen durfte, da sich in ihnen oft Krokodile aufhalten.
Das Gras an den Lichtungen ringsum und in den Thälern war
niedergebrannt, stellenweise brannten noch die Büsche, die
wahrscheinlich durch Straußenjäger in Brand gesetzt worden waren, um
rasch das frische Gras zum Keimen zu bringen und damit die Strauße an
diese Orte zu fesseln. Von dem Deikha-Flüßchen ab, mehrere Thäler, deren
Regenabflüsse nach den letzteren zuführten, sowie bewaldete Sand- und
Felsenhügel am 31. überschreitend, gelangte ich am Abend in das obere
Thal des Panda ma Tenka-Flüßchens, das eine Strecke lang nach Norden und
später nach Nordwest floß, und nachdem es zahlreiche Regenzuflüsse,
sowie Spruits und stets fließende Berggewässer aufgenommen, unterhalb
der Victoriafälle in den Zambesi mündet. Ich fand am linken Abhange zum
Flusse mehrere Wägen vor, denn die ebenerwähnte Stelle bildet, seitdem
englische Händler mit den Zambesivölkern in Verkehr zu treten begonnen
haben, das Rendezvous derselben und ebenso der Elephantenjäger. Hier
hatte der Zambesihändler Westbeech eine Handelsstation errichtet, welche
aus einem umzäunten, eine Hütte und ein viereckiges Lagerhäuschen
enthaltenden Gehöfte bestand. Einige Zeit im Jahre verweilte der Händler
selbst hier, in seiner Abwesenheit versahen seine Geschäftsführer
Blockley und Bradshaw die Geschäfte. Kam er vom Süden mit neuen Waaren
hieher, nachdem er Elfenbein nach den Diamantenfeldern geführt, so trat
er von hier aus seine Handelszüge nach Schescheke und den Zambesi
abwärts an.
[Illustration: Unterricht im Elephantenjagen.]
Ich traf in der Handelsstation Herrn Blockley an und in den Wägen Herrn
Anderson, dessen ich schon erwähnt und der sich auch diesmal sehr
freundlich zeigte. Als ich mich darüber wunderte, daß man hier so hohe
Umzäunungen um die Wägen errichtet hatte, antwortete man mir: »Ja, aber
die Löwen laufen auch hier wie die Hunde herum.« Der Weg war
thatsächlich mit frischen Löwenspuren bedeckt. Die Löwenabenteuer,
welche sich in der letzten Zeit in der unmittelbarsten Nähe der Station
zugetragen, bilden einige der interessantesten, die ich meinen
Tagebüchern einverleiben konnte. Ich will dem Leser eines derselben hier
anführen und zwar jenes, bei welchen die schon an Henry's Pan erwähnten
Lotriets und zwar der ärmere der beiden Brüder und dessen zahlreiche
Familie argen Schaden erlitten.
Am linken Ufer des Flüßchens, d. h. an dem zum wiesigen Thale
herabführenden Waldabhange, einige hundert Schritte oberhalb der
Handelsstation, standen im Mai 1875 fünf Wägen und ein zweirädriger
Karren. Um die Zeit als sich dieses Abenteuer zutrug, waren die Besitzer
der Wägen mit Ausnahme des A. Lotriet, der sich auf die Elephantenjagd
begeben, anwesend. Obgleich man täglich Löwen in unmittelbarer Nähe oder
auch weiter ab brüllen hörte, hatte sich doch keines der Raubthiere noch
zu einem Angriff auf Menschen und Hausthiere erkühnt und dadurch die
Lagerinsassen in vieler Hinsicht sorglos gemacht, wofür die äußerst
primitive Umzäunung des Lagers sprach.
Auch der 15. Mai verlief ruhig und die ihm folgende Nacht schien den
Bewohnern des Thales umsoweniger gefahrdrohend zu werden, als der Mond
sein silbernes Licht so hell über Berg und Thal ergoß, daß sich die
Objecte deutlich und in großer Ferne abhoben. Trotzdem unterließen es
die Matabele-Diener auch in dieser Nacht nicht, wie sie es in dunklen
Nächten zu thun gewohnt waren, zwei mächtige Feuer zu beiden Seiten
ihrer Hütten anzuzünden. Die Weißen hielten nur ihre Bedürfnisse in den
Wägen, sie selbst, mit Ausnahme Y.'s, schliefen in den Grashütten
nebenan. In der Lotriet'schen Hütte hatten sich die kleineren Kinder
bereits zur Ruhe gelegt, nur die Mutter und die älteste Tochter waren
noch wach, sie saßen an der niedrigen Thüröffnung und blickten durch
dieselbe in die mondscheinhelle Nacht hinaus. Da schien es der Frau, als
ob sie auf einer der freien Stellen vor der Hütte einen dunklen
Gegenstand sich bewegen gesehen hätte. Um besser sehen zu können, kroch
die Beobachterin aus der Hütte und sah schärfer nach dem Gegenstande.
Auch die Tochter lugte aus dem Innern hervor, doch beide konnten den
sich nähernden Gegenstand nicht erkennen, nicht eher, als bis er auf
eine größere, grell beschienene Lichtung herausgetreten war und sich nun
beiden als ein Löwe erkennbar machte. Mit einem Schrei stürzte die
Mutter nach dem Wagen zu und suchte in diesem Zuflucht, während die
Tochter eine Matte gegen die Thüröffnung der Hütte preßte, um sie zu
verschließen. In ihrer Angst vergaß die Frau alle Rettungsmaßregeln,
unterließ es, die Matabele-Diener herbeizurufen, welche mit Feuerbränden
den Löwen verscheuchen und das am Wagen angekoppelte Pferd retten
konnten. Kaum war die Frau in denselben gelangt, so fühlte sie einen
heftigen Ruck am Wagen, dem ein lautes Fauchen und ein zweiter Ruck
folgte, mit dem sich, nach dem Hufschlag zu urtheilen, das Pferd von dem
Wagen losgerissen zu haben schien. Die Frau spähte nun aus, und sah, wie
sich das Pferd mit dem Löwen am Rücken weiter zu schleppen suchte. Nun
schrie die Frau um Hilfe, als jedoch die muthigen Matabele aus ihrer
Hütte hervorstürzten und zu den Bränden griffen, war das Pferd schon
niedergestürzt. Der Löwe hatte es durch wiederholte Bisse in den Nacken
getödtet. Bei dem Geschrei der Frau hatten auch alle ihre Kinder wie Mr.
M. Schutz in den Wägen gesucht. Für Mr. Y. wäre es eine Kleinigkeit
gewesen, von seinem Wagen aus die ihm zur Verfügung stehenden
Hinterlader auf das Raubthier abzufeuern, doch er konnte sich nicht zu
einer solchen Heldenthat ermannen und überließ es den unbewaffneten
Matabele, mit dem Thiere fertig zu werden. Den Muthigen war das Glück
hold und da einige ihrer Wurfgeschosse gut trafen, jagten sie das Thier
in die Flucht.
[Illustration: Nächtlicher Ueberfall durch einen Löwen.]
Man wußte mir nicht zu sagen, warum am folgenden Tage der Cadaver des
Pferdes nicht entfernt worden war, er blieb liegen und am nächsten Abend
wiederholte der Löwe seinen Besuch, um sich an dem Raube gütlich zu
thun. Doch diesmal machte er schon vorhinein durch anhaltendes Gebrülle
die Bewohner der drei Wägen auf seine Ankunft aufmerksam und da war der
vorsichtige Mr. Y. der erste, welcher auf Rettung dachte. Der Ansicht,
daß weder die Wägen, noch die Grashütte ihre Insassen vor den Klauen des
Löwen schützen können, ließ er sich von seinen Matabele-Dienern einen
Assagai reichen und sich in den nahen Mapanibaum emporheben, der sich
über den Hütten seiner Diener erhob. Die übrigen Weißen suchten Schutz
in ihren Wägen, während die Diener den Löwen abermals durch Feuerbrände
zu verscheuchen suchten. Doch gelang es ihnen diesmal nicht, das
Raubthier blieb, es hatte sich an die brennenden Wurfgeschosse gewöhnt,
ja es sprang nach ihnen und die Schwarzen hatten keine Zeit, die
Assagaien aus ihren Hütten zu holen, sondern nahmen eiligst Zuflucht
hinter den Wägen ihrer Herren. Ihnen folgend passirte der Löwe den
Mapanibaum, auf dem Y. thronte und der selig in dem Gedanken, daß der
Löwe von seiner Anwesenheit keine Ahnung hatte, sich auch mäuschenstille
verhielt. Nun feuerte Frau Lotriet ein Gewehr ab, das sie sich im Wagen
zurechtgestellt und blind geladen hatte, um das Thier zu schrecken und
es von jeden weiteren Angriffen auf die Hütten und Wägen abzubringen.
Knurrend und sich nach seinen Feinden umblickend, zog sich der Angreifer
zurück, was die Matabele wieder bewog, sofort aus ihrem Verstecke hervor
nach den Feuern zu stürzen und Feuerbrände zu ergreifen.
Der unter lautem Geschrei unternommene Angriff hatte auch Erfolg, einige
brennende Wurfgeschosse trafen den Löwen so gut, daß er aufsprang und
verschwand, Arnold Lotriet fühlte sich sehr niederschlagen, als er von
dem Verluste hörte, denn ein Pferd, das bereits die endemische Pneumonie
überstanden, ist in allen tsetsefreien Gegenden ein wahrer Talisman.
Unter den südafrikanischen Löwen unterscheide ich drei Species, den
gewöhnlichen vollmähnigen, wie wir ihn in der Berberei treffen, den
mähnenlosen und den von den Holländern Krachtmanetje genannten, der sich
durch ein kurzhaariges lichtes Fell, doch hauptsächlich durch eine kurze
und nie über die Schulter reichende Mähne auszeichnet. Den
Bondpoote-Löwen der Holländer habe ich als selbständige Species
ausgegeben, da es sich ergab, daß vollmähnige Löwen in ihrer Jugend
ebenso braun und schwärzlich gescheckt sind. Ich habe dies an einem
Thiere, das ich mir hielt, beobachtet -- so wie sich in den ersten zwei
Jahren die schwarzen Flecken mehren, so verschwinden sie mit dem
zunehmenden Alter des Thieres.
Die in Nord-Afrika lebenden gemeinen vollmähnigen Löwen sind in
Süd-Afrika die seltensten, man findet sie nur hie und da zerstreut vor.
Die mähnenlosen waren früher häufig am Molapo, jetzt findet man noch
welche im Thale des zentralen Zambesi und des unteren Tschobe. Ich
beobachtete, daß ihr Fell auffallend licht gefärbt ist. Die
gewöhnlichste Art ist die bis zur Schulter bemähnte, in manchen Gegenden
findet man eben nur diese vor, sie ist eine der häufigsten und bewohnt
das Thal des Limpopo von der Mündung des Notuany abwärts, und sind ihre
Vertreter im Alter von zwei bis vier Jahren besonders verwegen und
gefährlich.
Im Allgemeinen ist der südafrikanische Löwe ein äußerst kluges und
berechnendes Thier, er »denkt« viel. Den ihm gegenüber stehenden Feind,
mag nun der Löwe der Angreifer oder der Angegriffene sein, sucht er zu
»beurtheilen« und da wo er denselben überlegen findet, wird ihn selbst
eine wiederholte Verwundung nicht zum Angriffe verleiten. Im Allgemeinen
sucht er zu imponiren, zu schrecken, um sich seiner Beute leichter zu
vergewissern. Einmal geschieht dies durch sein Brüllen, das andere Mal
dadurch, daß er den Kopf hochgehoben langsam einherschreitend die Zähne
fletscht, ein drittes Mal wieder, daß er in großen Sätzen
herangesprungen kommt, oder auch, daß er im scharfen Trab sich nähert
und dabei ruhig brummt. Da er die ganze Zeit hindurch, möge er in dieser
oder in jener Weise seine Schreckmethode in Ausführung bringen, seinen
Gegner stets scharf im Auge behält, entgeht ihm auch die leiseste
Bewegung nicht; die ihm gegenüber beobachtete Bewegungslosigkeit ist das
Beste, was man in einem solchen Augenblicke thun kann. Während eine
Bewegung mit der Hand oder irgend welche andere den Löwen im Allgemeinen
nicht herausfordert, so kann es doch geschehen, daß junge Löwen durch
diese Bewegung gereizt werden und zum Angriff übergehen. Doch gibt es
Umstände, wenn sie auch selten sind, bei welchen alte und erfahrene
Löwen, die einen ihnen gewachsenen Gegner zu würdigen wissen,
ohneweiters zum Angriffe übergehen. Solch' einem Angriffe jedoch kann
der Mensch leichter begegnen, da er in der Regel weniger vorsichtig und
berechnet ist. Wir finden diese Angriffsweise bei Löwinnen, welche ihre
Jungen bewachen, bei Thieren, welche lange gehungert haben und endlich
bei solchen, die auf einer Hetzjagd oder von einer größeren
Menschenmenge verfolgt werden. Sehr wichtig für den Menschen bleibt es
immer, daß er den Löwen zuerst erblickt und beobachten kann; für den
Neuling, daß er sich dabei an seinen Anblick gewöhnt, wenn dies auch nur
einige Minuten währt, bevor der Kampf oder die gegenseitige Vorstellung
beginnt. Selbst für einen erfahrenen Jäger wird es oft unangenehm, wenn
sich Mensch und Thier zugleich erblicken, dann wird es oft schwierig,
dem Löwen und seiner Taktik erfolgreich zu begegnen, d. h. ihm im selben
und weiteren Momente zu »imponiren« suchen, wenn der Jäger nicht schon
zuvor in der Lage war und die Gelegenheit ersah, dem Löwen eine tödtlich
verletzende Kugel zuzusenden. Der schlimmste Fall für den Menschen ist
jedoch jener, bei welchem der arme Käfersucher oder der Bewunderer der
schönblüthigen Liliaceen im Eifer sich in seinem Lieblingsstudium ergeht
und längere Zeit hindurch von dem Raubthiere beobachtet ist, dieses
plötzlich hinter ihm aufbrüllt und im selben Momente vielleicht sich zum
Sprunge anschickt. Während es, wenn auch seltene Fälle gibt, in denen
Eingeborne beim Feuer oder unter anderen Verhältnissen von Löwen
überrascht, mit heiler Haut davon kommen, ist kein Fall bekannt, in dem
ein einzelner Mensch, der vor einem Löwen die Flucht ergriffen, nicht
von diesem niedergeworfen worden wäre.
Löwen, die an das Aufblitzen und den Knall des Schusses gewöhnt sind,
die häufig gejagt wurden und in deren Gebiete nur wenig Wild, oder nur
solches vorhanden ist, dessen sie nicht habhaft werden können, sind
stets muthiger und gefährlicher als jene, welche in wildreichen Gegenden
wohnen und selten einen Menschen zu Gesicht bekommen. So sind in
Süd-Afrika die Löwen am Maretsane- und Setlagole-Flusse berüchtigt und
auch jene im Matabele-Lande verwegene Thiere. Kein Raubthier, mit
Ausnahme des Fuchses, benimmt sich so listig wie der Löwe, wenn er sich
einer schwer erreichbaren Beute bemächtigen will und entwickelt eine um
so größere Schlauheit, in je größerer Zahl er seiner Beute nachspürt.
Die Thiere versuchen sich in Treibjagden, doch theilen sie sich oft in
der Verfolgung, indem ein Theil das Wild, auf das sie ihr Augenmerk
gerichtet haben, beschleicht und nachdem ihm dieses gelungen, sich dem
Wilde zeigt, um dieses nach der entgegengesetzten Seite zu scheuchen, in
welcher der andere Theil im Hinterhalte auf dem Anstande liegt. Diese
Verfolgungsmethode beobachten sie namentlich bei Thieren, welche sich
durch rasche Flucht der ihnen drohenden Gefahr leicht entziehen können,
ferner bei solchen, welche hoch über das Gras blicken und so den
heranschleichenden Räuber, wenn er näher herangekommen, bemerken können,
ferner auch bei solchen, deren Fleisch von ihnen besonders gesucht und
jedem anderen vorgezogen wird. Zu diesem Wilde gehören in erster Reihe
Pferde, Zebra, überhaupt Einhufer und Giraffen.
Kurz nach meiner ersten Ankunft in Panda ma Tenka in einem der kleinen
Seitenthäler, deren ich auf meiner Fahrt nach der Gaschumaebene gedenken
werde, wurden zwei Zebra's in der letztgenannten Weise getödtet. Eine
Zebratruppe graste in dem Thale, mehrere Löwen kamen das Thal
heruntergelaufen. Nachdem sie eine Zeit lang den Pferden ihre
Aufmerksamkeit geschenkt, verließen zwei ihre Genossen und liefen dem
linken bewaldeten, das Thal begleitenden Höhenabhang entlang nach
abwärts. Die übrigen hockten sich an der Stelle nieder, an welcher sie
zuerst die Zebra's erblickt hatten; die beiden ersten, die »Antreiber«,
überholten das im Thale grasende Wild und schlichen sich, als sie etwa
200 Schritte unterhalb desselben gelangt waren, von der Höhe in's Thal
hinab. Doch dadurch kamen sie unter den Wind und die Zebra's wurden auf
sie aufmerksam, bevor sie noch nahe gekommen waren. Die letzteren zogen,
sich häufig thalabwärts umsehend, im Schritt thalaufwärts. Die beiden
ihnen folgenden Löwen hoben zeitweilig ihre Köpfe über das Gras, was,
nachdem sie dies mehrmals wiederholt hatten, die Zebra's zur schleunigen
Flucht veranlaßte. So liefen die nichts ahnenden Thiere, die bewaldeten
Erhebungen zur Rechten und Linken für gefährlich haltend, über die
wiesige Thalsohle förmlich in den Rachen der Löwen. Diese hart an den
Boden geschmiegt, holten zum todtbringenden Sprunge aus, als eben die
Zebra's an ihnen vorbei galoppirten. Zwei wurden das Opfer der Räuber,
d. h. zwei der Löwen saßen im Sattel, und während der Rest der Zebra's
nach rechts und links auseinander stob und sich erst weiter oben im
Thale vereinigte, um die Flucht fortzusetzen, widerhallte das Thal von
dem Gebrülle der siegreichen Löwen. Als noch die Ebenen zwischen dem
Hart-River und Molapo an Straußen reich waren, verloren die daselbst mit
zahlreichen Pferden jagenden Jäger so manches derselben, ohne daß sie
die Räuber je züchtigen konnten. Trotzdem daß die Pferde in der Nähe der
Wägen gehalten wurden, wußten die Löwen in der Regel ihren Angriff zu
einer solchen Zeit zu unternehmen, um welche an denselben tiefe Stille
und Ruhe herrschte. Während mehrere Löwen sich im Umkreise von zwei bis
drei englische Meilen in's Gras niederduckten, machte sich einer daran,
seinen Genossen die Pferde zuzujagen; nur selten geschah es, daß er bei
dieser Gelegenheit von den Hunden am Wagen ausgewittert, es mit dem
Leben büßte, in der Regel kam er unbehelligt mit seiner Beute davon. Das
Thier schlich sich flach auf der Erde wie ein Reptil dahinkriechend, bis
in die unmittelbare Nähe des Wagens, zwischen eines der Pferde und den
Wagen, oder zwischen zwei Pferde, um auf diese Weise das eine Pferd
durch sein Erscheinen aufzuscheuchen. Das erschreckte Pferd zog sich in
den meisten Fällen nach der dem Löwen entgegengesetzten Seite zurück und
dies war eben die Richtung, in welcher die Raubgenossen auf dem Anstande
lagen. Diese Art des Angriffes ist die gewöhnlichere, wo das Terrain
eine mit zwei bis drei Fuß hohem Gras bedeckte Ebene ist. Ich schließe
vorläufig diese Charakterskizze des Löwen und werde später noch
Gelegenheit finden, die Angriffsweise des Löwen auf die einzelnen
Wildarten zu schildern.
Am Abend des Tages nach meiner Ankunft im Panda ma Tenka-Thale war ich
mit Anderson zu Blockley zum Nachtimbiß geladen, da gab es Suppe aus
Büffelfleisch und marinirte Stockfische, von Morton & Co. aus London
präparirt. Von Blockley erfuhr ich, daß Westbeech schon vor neun Monaten
die durch Rev. Mackenzie an ihn gesandte Nachricht von meiner Ankunft an
Sepopo überbracht hatte und daß dieser mir die Erlaubniß willig ertheilt
hatte, ihn besuchen zu dürfen, zu welcher der König die Worte
hinzufügte, er höre gern, daß ich auf dieser meiner Reise seinen
Elephanten nichts Uebles anthun wolle und selbst auch im gegentheiligen
Falle ich ebenso willkommen als Monary sei. Unter dem Namen Monary aber
ist im Marutse-Reiche Livingstone gekannt. Blockley hatte nicht allein
in des Königs Residenz viele Monate zugebracht, sondern auch gleich
Westbeech auf des Königs Einladung diesen in seinem Mutterlande, der
Barotse, aufgesucht und ihm bei dieser Gelegenheit unter den größten
Schwierigkeiten einen Wagen bis nach der Barotse gebracht.
Ich zog später in Gesellschaft Blockley's nach Schescheke und habe
außerdem längere Zeit in seiner Nähe zugebracht, sein Betragen mir
gegenüber war jederzeit ein so freundliches, daß ich mich seiner nur mit
dem Gefühle der tiefsten Dankbarkeit erinnere. In Panda ma Tenka traf
ich auch eine Anzahl von Bakwena's, geführt von einem königlichen
Prinzen, welche Sepopo besuchen wollten; sie überbrachten ihm eine alte
Mähre als Geschenk Seschele's. Die Abgesandten Seschele's erkannten mich
sofort, ich aber nicht sie.
Da Herr Blockley schon am 2. zu Sepopo abreisen wollte, entschloß ich
mich, ihn zu begleiten. Meinen Wagen wollte ich unter der Obhut Th.'s in
Panda ma Tenka zurücklassen und Meriko sollte bis zu meiner Rückkunft
die Ochsen hüten. Pit entschloß ich mich als einzigen Diener mit hinüber
zu nehmen. Da die Zugthiere hier einen guten Preis hatten verkaufte ich
drei der meinen, um mir Elfenbein an Stelle des zu Ende gegangenen
Baargeldes zu verschaffen und war entschlossen, den Rest nur dann zu
verkaufen, wenn mir von Sepopo selbst die Erlaubniß, die
Nord-Zambesi-Gebiete durchforschen zu können, gegeben werden sollte. Ich
verkaufte auch einen meiner Hinterlader an Herrn Blockley und erzielte
einen guten Erlös, den ich zum Ankaufe von Thee, Kaffee, Zucker etc.
verwendete.[7] Westbeech hatte bereits vor vier Jahren den Handel mit
Sepopo eröffnet, seiner Fürsprache bei dem Könige hatten alle übrigen
Händler es zu verdanken, wenn ihnen das Marutsereich offen stand, ihm
selbst kam es vor Allem zu statten, daß er drei Eingebornen-Sprachen,
und zwar das Sesuto, Setebele und Setschuana fließend sprach.
Am 2. August wollte ich Panda und Tenka verlassen, um mich mit Blockley
nach dem Tschobe und zu Sepopo zu begeben, als zwei Manansa, deren ich
noch bei der Beschreibung der Victoriafälle gedenken will, ankamen und
meldeten, daß eine Truppe ihres Stammes mit Elfenbein herankäme.
Blockley verschob auf diese Nachricht hin seine Abreise. Er hatte die
Manansa mit Gewehren versehen, und nun theilten sie die Jagdbeute mit
ihm, indem jeder der Eingebornen einen Zahn von jedem getödteten
Dickhäuter in Anspruch nahm. Diese Theilung der Beute währte so lange,
bis sich der Manansa so viel erworben, daß er sich ein Gewehr und
Schießpulver kaufen konnte, worauf ihm dann der ganze Erlös zufiel, für
welche er dann Kleidungsstücke, Messingdraht, Decken u. s. w. erstand.
In dieser Weise hatten auch Halbcastmänner aus der Colonie, welche mit
den Händlern als Wagentreiber in die Zambesi-Gegenden gekommen waren, so
viel erworben, daß sie Wagen und Ochsen erstanden.
Trotz der Ausbreitung des Elfenbeinhandels und des Umstandes, daß
hierbei Tausende und Tausende von Elfenbeinzähnen jahrelang durch die
Hände der weißen Händler gingen, brachte derselbe diesen keinen
materiellen Gewinn. Vor 20 Jahren, als noch südlich vom Zambesi
Elephanten und Strauße sehr zahlreich waren, gab es nur wenige Jäger,
denen es vortrefflich gut ging, deren Gewinn lockte von Jahr zu Jahr
immer neue herbei, bis sich ihre Zahl um das vierzigfache gesteigert
hatte und deren Erwerb eben so rasch als die Zahl der werthvollen Thiere
abnehmen mußte. Was bei dem Walfischfang in den europäischen Nordmeeren
zu Tage trat, d. i. dessen allmälige Erschöpfung, war auch bei dem
Handel mit Elfenbein zu befürchten. Der Anbau von Weizen, Zucker,
Baumwolle und Reis muß an die Stelle der Jagd treten, und nur der Handel
mit den Erträgnissen des Ackerbaues wird von Jahr zu Jahr blühender sich
gestalten können. Das Verbot der Betschuana-Könige, in ihren Gebieten
Elephanten zu jagen, die Maßregeln, die der König der Matabele, La
Bengula, in dieser Beziehung dictirte, hauptsächlich aber das Verbot der
Waffenausfuhr nach Norden aus den südafrikanischen Colonien werden
allmälig diese Wandlung anbahnen.
[Fußnote 7: Ein Pfund Thee kam hier auf 12, ein Pfund Kaffee auf 4, 1
Pfund Zucker auf 4 Shillinge zu stehen.]
Am 3. September machten wir uns endlich auf den Weg. Blockley hatte
einen Wagen mitgenommen, welcher die für Sepopo bestimmten Handelsgüter
führte, derselbe sollte neun Meilen südlich von der Mündung des Tschobe
in den Zambesi zurückgelassen werden, und die Waaren dann mittelst
Träger bis an den Tschobe und den Zambesi fortgeschafft, um weiterhin
mittelst Kähnen den Zambesi aufwärts nach der neuen Residenz des
Marutse-Mambundakönigs befördert zu werden.
Wir passirten auf den ersten Meilen unserer Fahrt ein interessantes
hügeliges Terrain, welches von zahlreichen nach Nordost und Ost in das
Panda ma Tenka-Flüßchen fließenden Bächen und Spruits durchzogen war;
die deren Thäler trennenden Hügel waren steinig und in der Regel
stellenweise auch dicht mit Bäumen bestanden. Eine markante Stelle auf
dieser Strecke bildete ein mächtiger über eines dieser Flüßchen sich
erhebender Baobab, dessen Umgebung durch den Aufenthalt eines dunkel
bemähnten, mächtigen Löwen, welcher den Jägern und Händlern schon viel
Schaden angerichtet hatte, berüchtigt war.
Abends machten wir Halt, da eine bewaldete Bodenerhebung von West nach
Ost vor uns hinzog, welche der Tsetsefliege zum Aufenthalte diente und
der Zugthiere halber nur bei Nacht passirt werden konnte. Wir trafen an
unserer Lagerstelle einen Halbeastjäger, der etwa 20 Meilen weiter
Strauße gejagt hatte, und nach Panda ma Tenka zurückzukehren im Begriffe
war, um von Blockley einige Waaren zu kaufen. Blockley und »Africa«, so
hieß der Mann, verließen mich nun; ersterer hatte jedoch seinen Dienern
den Auftrag gegeben, mit dem Wagen noch 30 Meilen weit die Reise
fortzusetzen und dann auf ihn zu warten, er wollte so rasch als möglich
nachkommen, um mit mir weiter zu reisen. Africa war mit einigen Leuten
Sepopo's am südlichen Tschobe-Ufer zusammengekommen, und diese hatten
ihm die Nachricht überbracht, daß König Sepopo in Folge der schlechten
Aufführung des Bakwena-Prinzen an seinem Hofe sehr erbittert sei.
Schon während der Fahrt hatte uns das Gebrülle eines Löwen begleitet,
während der Rast kam es derart nahe, daß wir uns schußbereit halten und
mächtige Feuer anzünden mußten. Die Nacht wurde so dunkel, daß wir kaum
auf zehn Schritte vor uns sehen konnten. Wir passirten nach zwei Uhr den
Tsetsewald und erreichten am folgenden Morgen eine rings vom Walde
umsäumte Grasebene, Gaschuma genannt. Sie zeigte zahlreiche, ziemlich
tiefe, von Wassergeflügel bewohnte Lachen, ich passirte sie später noch
dreimal und jedesmal fand ich zahlreiches Wild an derselben. Diesmal
waren es Zebra's, Zulu-Hartebeeste und Harrisböcke. Zum ersten Male
beobachtete ich auch hier die Orbecki-Gazellen.
Am Morgen fuhren wir weiter und über eine zweite Ebene, beide aus dem
schönsten Humusboden bestehend, den man sich nur denken konnte und der
es förmlich unmöglich macht, die Stelle in der Regenzeit zu passiren.
Wir hielten wieder an einem Gehölze und an einer Regenlache, Saddler's
Pan genannt.
Nächsten Tages änderten wir unsere nördliche Richtung in eine
nordwestliche und gelangten zu einer ausgetrockneten Lache, deren Ufer
mehrere Fächerpalmen schmückten. Aehnliche Bäume, die sich durch ihre
besondere Höhe auszeichneten und auf der Gaschuma-Ebene standen, waren,
wie mir später Westbeech mittheilte, aus reinem Muthwillen von einem
Händler oder Jäger gefällt worden.
Abends gelangten wir zu einer anderen, Schneemans-Pan genannten
Regenlache. Hier hatten wir Blockley zu erwarten und ich benützte die
Zeit, um von den am Wagen sich aufhaltenden Manansa's über ihre Sitten
und Gebräuche, sowie ihre Sprache Näheres zu erfahren. Ich erhielt diese
gewünschten Aufschlüsse von einem Manansa, der als Kind mit einem
Händler nach dem Süden gegangen war und sich hier an einen Farmer
verdingt hatte, wobei ihm Gelegenheit geboten war, sich die holländische
Sprache anzueignen. Ich verzeichnete 305 Worte und Phrasen der Manansa-
oder Manandscha-Sprache (von den Jägern haben sie den Spitznamen
Maschapatan erhalten).
An Schneemanns Weiher war ich nicht wenig überrascht, von dem Händler
Y., dessen ich an Henrys-Pan gedacht, besucht zu werden. Ich konnte
nicht umhin, ihm wegen seines Benehmens den Lotriets gegenüber Vorwürfe
zu machen. Er war diesmal lebensgefährlich am Fieber erkrankt und ich
rieth ihm, so rasch wie möglich nach Panda ma Tenka zurückzukehren und
gab ihm einen Brief an Th. mit den nöthigen Recepten mit. Er hielt
jedoch meine Warnung für übertrieben und überflüssig, verzögerte seine
Abfahrt und starb bevor er noch Panda ma Tenka erreicht hatte. Während
Blockley von der Rechtlichkeit der Marutse so viel zu erzählen wußte,
berichtete Y. das Gegentheil davon. Ich forschte später nach dem Grunde
dieser Differenz der Urtheile und fand, daß die Marutse und Masupia von
Schescheke zuvor nicht diebisch gewesen, und es erst wurden, als der
unglückliche Y. bei ihnen eingekehrt war. Er hatte alle seine Diener am
südlichen Tschobe-Ufer Elephanten jagen lassen und behalf sich in
Schescheke, wohin ihn der König Sepopo mit seinen Kähnen hatte bringen
lassen, ohne Diener. So dachte er hier selbst, dort durch seine Diener,
Elfenbein zu erbeuten. Doch er wurde fieberkrank und konnte sich von
seinem Lager nicht rühren, ja kaum sprechen. Die Hütte, die er bewohnte,
war abgetheilt, in der kleineren Abtheilung befand sich sein Lager, in
der größeren, die er von seinem Lager übersehen konnte, waren seine
Waaren unvorsichtiger Weise zur Schau ausgestellt. Dies reizte die
Bewohner von Schescheke, sie besahen sich nicht wie das Jahr zuvor --
seitdem ein englischer Händler vom Süden gekommen war -- die Waaren von
Außen, sondern drangen in die Hütte ein, betasteten die Gegenstände und
als sie daran Niemand hinderte, nahmen sie so manches, später Vieles
mit. Bei meinem späteren Besuche hatte ich viel über den diebischen
Charakter mancher Bewohner Schescheke's zu klagen.
Am 7., an welchem Tage ich Blockley erwartete, erkrankte ich an
Kolik-Symptomen und dies nach dem Genusse von rothschaligen, rundlichen
Bohnen; ich fand, daß der Farbstoff der Schale das schädliche Pigment
sei, weshalb das erste Absudwasser, das sich violett färbt, abgegossen
und frisches nachgegossen werden müsse, und beobachtete auch später, daß
die Eingebornen eine ähnliche Procedur mit denselben vornehmen. Am
Nachmittage stellten sich einige Manausa ein, die mir Talg zum Tausche
anboten. Nachdem ein wohlgenährtes Eland erlegt ist, wird der Talg in
einer thönernen Schale geschmolzen und in einem aus der Platoïdes
desselben Thieres verfertigten Säckchen aufbewahrt. Unsere Diener
brachten grünlich-braunen Honig, der von einer winzigen Biene herrührt
und säuerlich schmeckt und dessen reichlicher Genuß die Sinne betäubt --
er wirkt auch als ein Laxativ ohne Kolikschmerzen hervorzurufen. Die
Erzeuger dieses Honigs besitzen keinen Stachel und nach der Beschreibung
von Seite der Diener und der Masarwa's hielt ich sie mit jenen Bienen,
die uns in dem nördlichen Theile des sandigen Waldplateaus überfielen,
für identisch.
Am 8. ziemlich Früh langte Blockley, von zwei Dienern begleitet, von
Panda ma Tenka an, worauf wir uns auf den Weg machten, um in der Nacht
das zweite und bis zum Zambesi reichende Tsetsegebiet bis zu der
Leschumo-Haltstelle zurückzulegen. Wir erreichten das obere Leschumothal
-- eine enge, beiderseits von einer mäßigen, doch tiefsandigen
bewaldeten Bodenerhebung umsäumte Wiesenfläche, nach Mitternacht. Der
Wagen wurde hier zurückgelassen, die Zugthiere aber sofort wieder nach
Schneemanns Pan zurückgetrieben, damit sie bei Tagesanbruch aus dem
Bereiche des Tsetse-Gebietes waren.
Am 9. August sandte Herr Blockley eben einen Boten an Makumba, den
Masupia-Häuptling (eines den Marutse unterthänigen, an der Mündung des
Tschobe in den Zambesi wohnenden Stammes), um von diesem -- der in
Impalera, einem Dorfe am jenseitigen Tschobe-Ufer, wohnte -- Träger zu
erbitten, mit deren Hilfe die Güter bis an den Tschobe befördert werden
sollten.
Wir zogen eine kurze Strecke das Leschumothal nach abwärts, es wurde
sumpfig und felsig, aus dem dichten und hohen Ufergrase sprangen hie und
da Rietbock-Gazellen auf, welche nach kurzem Laufe weiter abwärts ein
ähnliches Versteck aufsuchten. Eine Stunde später verließen wir das Thal
und wandten uns auf einem Pfade nach Nordwesten, um eine sandige,
dichtbewaldete Bodenerhebung zu betreten. Am Abhange dieses »Sandbultes«
fanden wir sehr zahlreiche Büffel und noch zahlreichere
Elephantenspuren. Die Riesenthiere mußten in der verflossenen Nacht hier
durchpassirt sein. Die Spuren, die in dem Sande kaum einen Zoll tiefe
Eindrücke hinterlassen hatten, führten in einer Breite von 20 Schritten;
die Heerde hatte offenbar Eile, denn die von ihnen durchzogene Strecke
war mit zerknickten Stämmen, Aesten und Büschen besäet. Am häufigsten
waren armdicke Stämmchen entwurzelt und schenkelstarke Bäume im unteren
Drittel so gebrochen, daß der übrige Stamm noch an der Rinde oder an der
Bruchstelle am Rumpfe hing. Doch gab es auch welche, die stärker und in
der Mitte ihrer eigentlichen Stammeshöhe (4 bis 6 Fuß über dem Boden)
vorkommen gebrochen waren, der Bruch war dann ein solcher, daß der
zurückgebliebene stehende Baumstumpf (namentlich der gebrechlicheren
Holzarten) nach unten oft bis zur Wurzel herab geborsten war. Sehr
häufig waren die quer in die Bahn hineinragenden Aeste anderer Bäume
herabgerissen worden und daß dies mit Riesenkraft geschah, konnte man
daraus entnehmen, daß oft ein großes Rindenstück von dem Stamme mit
herabhing oder mit dem Aste herabgerissen worden war.[8]
[Illustration: Elephantenheerde auf der Flucht.]
Wir kamen in eine seichte in das Leschumothal führende Niederung, welche
mit schönen Mimosenbäumen bewachsen war, deren Krone dem ermüdeten
Wanderer den köstlichsten Schatten spendeten, nur hie und da vermochte
der Sonnenstrahl die dichte Laubkrone zu durchdringen. Aus der
Einsenkung ging es wieder hinauf in einen sandigen Wald, dessen Boden
sich nach Nordwest etwas verflachte, um plötzlich gegen das Thal des
Tschobe und Zambesi abzufallen. Unvergeßlich bleibt mir das Panorama,
das sich meinen Blicken an jenem Tage bot, als ich plötzlich aus dem
Walde heraustrat und in das Thal der beiden Ströme herabblickte.
[Fußnote 8: Der beschränkte Raum gestattet es mir nicht, hier näher auf
die Gewohnheiten und die Lebensweise der afrikanischen Elephanten
einzugehen.]
So war ich doch an den Strom gelangt, von dem ich als Knabe so viel
gelesen und geträumt hatte. Vor mir öffnete sich ein weites, nach rechts
etwa drei Meilen breites, nach links in seiner größten Ausdehnung durch
eine unabsehbare Ebene begrenztes Thal. An meiner Seite war es von dem
bewaldeten felsigen Abhang des sandigen Hochplateaus beherrscht. Die
Mitte dieses Thales nehmen zwei Inseln ein, das Land, welches den
Zambesi und Tschobe nach ihrer theilweisen Vereinigung zwischen dieser
und ihrer eigentlichen noch von einander scheidet. Die östliche, die
»Prager« Insel ist einige hundert Schritte lang und etwas weniger breit,
die zweite 2 Stunden lang und 1 bis 1½ Stunden breit. Die erste ist
flach, die zweite zeigt bewaldete Felsenkuppen, von denen sich nur eine
in der östlichen Hälfte, zahlreiche und meist zusammenhängende in der
westlichen befinden. Am Fuße der östlichen liegt Impalera, Makumba's
Stadt, zur Zeit meines Besuches die »Wacht« des Marutse-Reiches nach
Süden. Vor dieser Masupia-Niederlassung schimmert tief unter dem
Beschauer und etwa eine Stunde von ihm entfernt, das von Schilfmassen
besäumte an 300 Schritte breite Bett des Tschobestromes. Die Höhen auf
der großen Impalera-Insel sind ein Verbindungsglied des Abfalls, der
nach Westen zu bis an den Tschobe herantritt, ihn mit Felsenbänken
durchzieht und so Stromschnellen bildet, dann sich zu den Impalera-Höhen
erhebt, um nochmals nach Nordnordost den Zambesi mit Felsenrissen zu
durchziehen, hier ähnliche doch bedeutendere Schnellen und Inseln zu
bilden und sich mit dem, bei den Victoriafällen an das linke
Zambesi-Ufer herantretenden felsigen Plateau-Abfall zu verbinden.
Das Thal war nach Westen nur durch den bläulichen, von dem röthlichen
Glanz der untergehenden Sonne in seinen tieferen Partien in Feuerpracht
schimmernden Horizont umsäumt. Die unbegrenzte Ferne hinter den
unabsehbaren Schilfrohrdickichten war das Land, dem meine eigentliche
Forschungsreise galt, dort wollte ich erringen, was ich seit meiner
Kindheit erstrebt.
VI.
Im Tschobe- und Zambesithale.
Das Thal des Tschobe und seine Vegetation. -- Signalisirung meiner
Ankunft. -- Die ersten Boten aus dem Marutse-Reiche. --
Landschaftscenerie an den Stromschnellen des Tschobe. -- Begegnung mit
Masupias. -- Mein Mulekau. -- Geschichte der Matabele-Einfälle in das
Reich Sekeletu's. -- Ein Masupia-Grab. -- Thierleben am Tschobe. --
Makumba. -- Begegnung mit englischen Officieren in Impalera. -- Die
Hütten der Masupia. -- Der Schlangenhalsvogel. -- Meine erste Bootfahrt
auf dem Zambesi. -- Die Schilfrohrwälder an den Ufern des Zambesi und
das Thierleben in denselben. -- Letschwe und Puku Antilopen. --
Krokodile und Flußpferde. -- Jagd auf Flußpferde. -- Ankunft in
Alt-Schescheke. -- Blockley's Kraal.
[Illustration: Bootfahrt im Zambesi.]
Das Thal des Tschobe-Rivers ist gegen seine Mündung eine halbe bis drei
englische Meilen breit, ähnlich auch das Thal des Zambesi, so weit es
noch oberhalb der Victoriafälle die Tschobe-Victoriahöhen begleiten. Mit
Ausnahme jener Stellen, an welchen die Felsenhöhen unmittelbar mit ihren
Ausläufern herantreten, sind die Ufer beider Flüsse sandig, ähnlich wie
die des Zugaflusses und der meisten Zuflüsse des schon erwähnten
Hochlandbeckens des centralen Süd-Afrika; die felsigen Ufer, die, wie
schon erwähnt, ober der Vereinigung beider Flüsse (am rechten
Tschobe-Ufer einige Meilen weiter aufwärts als am linken Zambesi Ufer)
beginnen, sind meist der Abfall eines tiefsandigen Plateaus. Auf dieser
Strecke, sowie am Flusse abwärts fanden wir eine üppige tropische
Vegetation, stromaufwärts nimmt sie, so weit als ich gelangen konnte,
etwas ab. Beim Eintritte in das Thal fallen dem Besucher sofort neue
Baum- und Buscharten auf. Die meisten tragen Früchte, welche, mit
Ausnahme der bis zu zwei Fuß langen, armdicken, wurstförmigen des
Moschunkulu, eines Giftbaumes, theils zu verschiedenen häuslichen
Zwecken verwendet, theils genossen werden. Welche Wandlung die
Vegetation im Zambesithale und auf dem angrenzenden Plateau im Vergleich
zu den südlicher gelegenen Strecken im Innern Süd-Afrika's erfährt,
können wir schon aus der Thatsache ersehen, daß sich die Bewohner am
centralen Zambesi (wohl um so mehr am unteren und oberen Zambesi) das
ganze Jahr hindurch nur von Früchten ernähren können. Jeden Monat im
Jahre finden wir irgend welche Frucht oder eßbare Samen zur Reife
gediehen. Auch die Thierwelt ist reichhaltiger, darunter namentlich
Vögel, Schlangen, Fische, Insecten, und unter diesen wieder besonders
Schmetterlinge. Auch der Mensch ist in jenen Gebieten aus eigener Kraft
höher entwickelt als die Bewohner der Gegenden südlich vom Zambesi.
An einer Uferstelle, welche durch eine kleine Bucht und durch einen
prachtvollen Moschunkulubaum ausgezeichnet war und sich einige hundert
Schritte oberhalb der am jenseitigen (linken) Ufer gelegenen
Masupia-Niederlassung Impalera befand, ließ ich, da es der gewöhnliche
Landungsplatz der den Strom übersetzenden Eingebornen war, einen Skerm
und eine Grashütte errichten. Unterdessen schritt ich zum Flusse hinab
und fand den Tschobe stellenweise 2 bis 300 Schritte breit und so tief,
daß sein Gewässer tiefblau erschien. Die dicht beschilften Ufer gaben
den zahlreichen Krokodilen Gelegenheit, ohne gesehen zu werden, stets
auf der Lauer zu liegen und nicht weit ab auf der klaren Fluth wiegten
und schaukelten zahlreiche Nyhmphaeaceen einer kleinblüthigen und nur
wenige Blumenkronenblätter besitzenden Species.
Auf den Rath der mir von Blockley mitgegebenen Diener, welche schon
mehrmals mit ihrem Herrn hier gewesen waren, feuerte ich einige Schüsse
ab, um die Bewohner von Impalera von unserer Ankunft in Kenntniß zu
setzen. Bald darauf kamen zwei Männer in einem etwa 8 Schuh langen, 14
Zoll breiten und 10 Zoll tiefgehenden, aus einem Baumstamme mit der
Pallahaxt ausgehöhlten Kahne an unser Ufer. Es waren zwei dunkelbraune
Gestalten, groß und stark gebaut, welche das primitive Bekleidungsstück
der Banthufamilie Süd-Afrika's in der geschmackvollsten Weise, die ich
bis jetzt beobachtet habe, angelegt hatten. Sie trugen einen ledernen
Leibgurt, um den bei dem einen drei ausgearbeitete Felle kleinerer
Thiere, bei dem anderen ein etwa drei Meter langes Calicostück so
geschlungen war, daß dieses eine vordere und hintere Schürze und einen
die Lenden bedeckenden mittleren Theil bildete. Unstreitig sahen sie in
diesem primitiven Anzuge schmucker aus als die Zulu, Makalaka,
Betschuana, Colonial-Kaffern etc.
Ich gab ihnen ein Messer, um mich bei ihrem Häuptlinge Makumba
anzumelden, zu gleicher Zeit erwähnten auch meine Diener, daß
Dschorosiana (Georg), Maniniani (der kleine Georg, im Gegensatze zu
Westbeech, der ob seiner Größe Dschorosiana Umutunja genannt wurde), im
Leschumothale auf Träger harre, um des Königs Handelsgüter nach Impalera
zu bringen; die Männer sollten jedoch auf ihrem Wege nach dem
Leschumothale Korn bringen, welches Dschorosiana Maniniani mit Sipaga
(kleinen Glasperlen), Talama (große Glasperlen) und Sisipa (2½ Meter
Kattun) austauschen wolle. Während der Zeit unserer Besprechung hockten
die beiden Männer auf der Erde und standen, nachdem der Manansa-Diener
seine Rede beendet mit einem ^Autile intate^ (wir haben verstanden,
Freund) auf, um sich mit den Worten ^Camaja koschi^ (wir sind im
Begriffe zu gehen, Herr) von mir zu verabschieden. Früh am 11. unternahm
ich einen Ausflug flußaufwärts und fand in dem Thale zahllose Spuren von
Büffeln, Roen und Kudu's, Wasserbock-Antilopen, Pallah-, Deuker- und
Orbecki-Gazellen, Schakalen, Leoparden und Löwen. Auch sah ich
zahlreiche Hyänenspuren und von den Felsenhügeln tönte unaufhörlich
Paviangebelle in's Thal herab, während mich in dem Palmengebüsch
zahlreiche Affen zu einigen Schüssen verleiteten. Vom Wildgeflügel
beobachtete ich zwei Francolinus-Arten, das Perlhuhn, von Sumpf- und
Wassergeflügel den Scopus (Hammerkopf), drei Arten der Spornkibitze,
^Hoplopterus^, Sattelstörche, (^Mycteria Senegalensis^, Shaw), mehrere
Arten von Enten und eine Plectropterus-Art, Sporngänse, sowie eine
Plotus- (Schlangenhalsvogel) und eine Kormoran-Art (^Phalacrocorax^),
Am anziehendsten fand ich den Tschobe an und über den Stromschnellen,
welche sich etwa sechs Meilen oberhalb seiner Mündung und drei Meilen
oberhalb unseres Landungsplatzes befanden. Oberhalb dieser
Stromschnellen verbreiten sich in einer marschigen Gegend in einem
wahren Riesenschilfwalde die Verbindungsarme mit dem Zambesi; es sind
breite natürliche Canäle mit ruhig fließendem Wasser, welche ich mit dem
Auge weit verfolgen konnte. An den Stromschnellen liegen sehr viele
kleinere und größere Felseninseln, die theils kahl, theils mit Sand
bedeckt und von welchen letzteren wieder einige mit Schilf, andere mit
dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen sind. Da, wo zwischen zwei
Felseninseln ein kleiner Wasserstrahl einen winzigen Verbindungsarm
bildet, fand ich äußerst geschickte, aus Rohr gearbeitete, den in
Mittel-Europa gebräuchlichen ähnlich geformte Fischreusen. Auf den
Inseln war auch eine reiche Vogelwelt vertreten, namentlich Sumpfvögel,
welche die höheren Felsenriffe sowie das sandige Ufer occupirt hatten
und in den feuchteren Partien sich herumtummelten. Besonders reich
schien mir der Fluß an Krokodilen zu sein während ich an den Schnellen,
die ich Blockleyschnellen taufte, Wasserleguane bemerkte.
Als ich Abends zu unserem Lager zurückkehrte, traf ich 17 Masupia's
daselbst an, es waren prächtige Gestalten, welche ihre Haarwolle an der
Craniumhöhe in kleine Zöpfchen geflochten trugen und ihre Haare auch
sonst mit verschiedenem Schmucke, wie Haarbüschel verschiedener kleiner
Raubthiere und Gazellen, Korallen und kurzen Glasperlenschnürchen
zierten. Als besonderen Schmuck trugen sie Armringe, die bei einigen aus
Thierhaut, bei anderen, offenbar wohlhabenderen, aus Elfenbein
verfertigt waren. Ich erhandelte von diesen für Glasperlen und Kattun
Alles, was sie mit sich gebracht hatten, Assagaie, Messer, Kafirkorn und
Bohnen. Jener, dem ich gestern das Messer geschenkt, brachte mir heute
einen aus Thon von den Frauen mit der Hand gearbeiteten und mit
Butschuala (Kafirkorn-Bier) gefüllten Topf. Dadurch und ohne es zu
ahnen, wurde ich sein Mulekau (d. h. ich konnte Alles, was sein Haus
bot, beanspruchen). Dieses Mulekauthum ist einer der unglückseligsten
Gebräuche des Marutsereiches, indem dadurch die bei den Völkern dieses
Reiches in einem höheren Grade als bei den anderen Südafrikanischen
Stämmen beobachtete eheliche Zuneigung früh untergraben wird. Da man auf
Alles, in dem Hause des Mulekau Anspruch machen kann, sind auch die
Frauen des Hauses davon nicht ausgenommen, und mein Mulekau wunderte
sich nicht wenig, als ich einige Tage später, nach Impalera kommend, von
seinem Anbote, mit Ausnahme von Fischen, Bier, Korn und einigen
ethnographischen Gegenständen, keinen Gebrauch machen wollte.
[Illustration: Impalera.]
Die Anwesenden theilten mir durch den Manansa-Diener August mit, daß der
Häuptling Makumba auf dem jenseitigen Zambesi-Ufer auf der
Elephantenjagd weile und mich nicht eher sehen und grüßen dürfe, als die
Antwort des Königs Sepopo auf mein Ansuchen in Impalera eingelangt sei.
Aus diesem Grunde nahmen sie auch kein Geschenk für ihren Häuptling
Makumba an. Die in Impalera sowie am Tschobe aufwärts und am Zambesi
abwärts wohnenden Masupia haben den Strom zu überwachen und weder einem
Weißen noch Farbigen ohne Wissen und Willen des Königs das
Ueberschreiten des Flusses zu gestatten. Ihr Verhältniß zum Könige des
Marutsereiches hatte mir später Makumba mit einigen Worten klar
dargelegt. Ich bemerkte auch an ihnen, daß sie das »Mein und Dein« nicht
sonderlich respectirten, ihre Gelüste aber bezähmten, wenn man sie bei
ihren Besuchen im Lager scharf fixirte.
Am 12. erhielt ich zahlreiche Besuche von den Masupia's von Impalera,
sie frugen wiederholt meine Diener, von denen die Manansa der von den
Masupia's gesprochenen Makololosprache vollkommen mächtig waren, ob mein
freundlicher Begleiter Dschorosiani Maniniani, Matabele-Diener im
Leschumothale habe; sie hatten den Auftrag, keinen Weißen, selbst wenn
er vom Könige die Erlaubniß zum Besuche des Reiches erhalten hätte, den
Eintritt in das Reich zu gestatten. Wenn ich Matabele-Diener gehabt und
trotzdem darauf bestanden hätte, das Marutse-Reich zu besuchen, hätte
ich wie Stanley, d. h. mit Gewalt vorgehen müssen.
Die Matabele sind bei den Völkern des Marutsereiches so wie nördlich von
Zambesi, doch auch von den östlich anwohnenden Maschonas so gehaßt, wie
die mohammedanischen, schwarzen Sclavenjäger, die von der Ostküste ihre
Raubzüge gegen die großen Seen Central-Afrika's unternehmen, von den
Bewohnern der Negerländer Central-Afrika's. Als Begleiter hätten sie es
mir ermöglicht, den afrikanischen Continent vom Süden nach Norden zu
durchqueren, allein die mir nachfolgenden Weißen hätten es dafür büßen
müssen. Zweimal hatten es die Matabele unter der Regierung des am
centralen Zambesi herrschenden Königs Sekeletu versucht, ihre Raubzüge
auch auf die nördlich vom Zambesi liegenden Gebiete auszudehnen, doch
beide Versuche mißlangen. Einmal gelangten sie über die Stromschnellen,
auf eine oberhalb der Victoriafälle liegende Insel, welche von den
Batoka's, einen an Sekeletu Tribut zahlenden Stamm, mit der Manzafrucht
bebaut war. Da einige Tage später Hochwasser herabkam, war ihnen die
Rückkehr abgeschnitten, sie gruben sich aus Nahrungsmangel die
Manzawurzel aus dem Boden, und erlagen alle, da dieselbe nur im
getrockneten Zustande genossen werden kann, im frischen jedoch giftige
Eigenschaften besitzt, dem Genusse derselben. Bei einem zweiten Versuche
wurde eine Truppe Matabele von einem Masupia auf eine Insel
stromaufwärts übersetzt. Darauf entschuldigte sich der Mann, daß er von
der Arbeit sehr ermüdet sei und zur Fortsetzung der Ueberfahrt den
Beistand einiger Landsleute in Anspruch nehmen müsse. Ganz gegen ihre
Gewohnheit schenkten die Matabele den Worten des Mannes vollen Glauben
und ließen ihn ziehen. Der Masupia kehrte aber nicht wieder und hatte so
die Feinde seines Landes in die Falle gelockt und sich weiter um sie
nicht gekümmert. Auf der Insel gefangen, hatten die Zulus kein
angenehmes Los. Da sie im Speeren der Fische nicht geübt waren, und den
Fluß ob seiner vielen Krokodile nicht zu durchschwimmen wagten, auf der
Insel aber mit Ausnahme einiger weniger Früchte, der Fächerpalme, nichts
Genießbares vorfanden, war ihre Lage sehr schlimm und der Hunger so
groß, daß sie ihre aus Ochsenhaut verfertigten Sandalen und Schilde im
Wasser aufweichten, sie mit ihren Speeren zerschnitten und genossen. In
Folge der Nahrungsnoth starben viele, der Rest wurde vom Könige
Sekeletu, der inzwischen mit zahlreichen bemannten Kähnen von Linyanti
herbeigeeilt war, ohne Schwierigkeiten überwältigt, gefangen genommen,
und in der Barotse, dem Mutterlande der Marutse, welche damals seine
Unterthanen waren, angesiedelt.
Während meines zweimaligen Besuches am Marutsehofe hatte ich Gelegenheit
einige dieser nach Schescheke Tribut abführenden Matabele kennen zu
lernen. Sie trugen zwar noch die bekannten, aus Federn gearbeiteten
Kopfverzierungen, doch der kriegerische Geist der Zulus war aus ihnen
gewichen, sie waren, wie mir König Sepopo mittheilte, ganz vorzügliche
Ackerbauer geworden.
[Illustration: Grab eines Masupia-Häuptlings.]
Einer von den schon erwähnten, mich am 12. besuchenden Masupia war ein
grauwolliges Männchen, welches sich darauf viel einbildete, den
verstorbenen König Sekeletu, unter dem das Makololo-Reich vernichtet
wurde, bedient zu haben. Ich erstand an diesem Tage für dreiundeinhalb
Meter gewöhnlichen Kattuns einen Ziegenbock, den man von Impalera
herübergebracht hatte. Derselbe war in Folge des Stiches der
Tsetsefliege auffallend klein. Als der Bock geschlachtet wurde, setzte
sich mein Mulekau in der Erwartung eines Geschenkes neben demselben
nieder, das heißt: er machte als neuer Freund seine Rechte geltend,
deren eines es war, jederzeit wenn er mich zur Essenszeit besuchte, von
mir Bewirthung fordern zu können. An diesem und am folgenden Tage zogen
die Masupia, im Ganzen vierzig Mann, haufenweise zu Blockley nach dem
Leschumo-Thale; sie brachten auf Verlangen Korn zum Verkauf, welches sie
in etwa drei bis vier Liter fassenden, aus Kürbisschalen verfertigten
Gefäßen, mittelst Tragstangen transportirten. Diese Gefäße waren mit
Bast umflochten und mit solchem auch an den Tragstangen befestigt.
Diese Kürbisgefäße werden von allen südafrikanischen Stämmen zu den
verschiedenartigsten Zwecken benützt. Die häufigste Verwendung finden
sie aber im Marutse-Reiche und werden von dem Mambunda-Stamme mit
eingebrannten Zeichnungen (Menschen und Thiere darstellend) verziert.
Man gebraucht sie im Allgemeinen als Wassergefäße, wobei sie auch mit
einem aus Riemen gearbeiteten Netze umspannt sind. Die Vasallenstämme
der Betschuana, die Makalahari, Barwa, Masarwa und Madenassana, die
keinen Ackerbau betreiben, bedienen sich zu solchen Zwecken der
Straußeneier. Mittelgroße Kürbisschalen gebrauchen die meisten
Banthu-Stämme als Gefäße zur Aufbewahrung fetter Substanzen. Der
kleinsten bedienen sich namentlich die südlich von Zambesi wohnenden als
Schnupftabaksdosen, und die plattgedrückten, sowie gleichmäßig weiten,
cylindrischen werden zu Musikinstrumenten verwendet.
In der Nacht auf den 13. ließen sich zum erstenmale die Nilpferde mit
ihrem dumpfen Brüllen hören. An diesem Tage kam ein Basuto, mit Namen
April, der Blockley begleitet, um von Sepopo die Erlaubniß zu erhalten,
Elephanten in dessen Gebiet jagen zu können, mit 18 Masupia, welche nach
dem Leschumo-Thale Korn getragen hatten und nun mit Blockley's Gütern
beladen waren; sie trugen 50--60 Pfund per Mann. Blockley selbst hoffte
noch am selben Abend im Tschobe-Thale eintreffen zu können.
Am 14. zeitlich Morgens unternahm ich einen Ausflug flußabwärts und
stieß auf demselben auf verlassene Eingebornengehöfte der Masupia,
welche sich nach der Zerstörung des südlich an die Victoria-Fälle
angrenzenden Manansa-Reiches durch die Matabele -- auf das jenseitige
Tschobe- und Zambesi-Ufer geflüchtet hatten. Ich fand im Thale einige
Gräber von Masupia-Häuptlingen. Es waren kahle, elliptische Stellen, auf
denen Antilopenschädel und Elephantenhauer aufgepflanzt waren; die
letzteren so angebracht, daß ihre Spitzen nach außen und unten
hervorragten. Jene, die schon vor geraumer Zeit auf das Grab gepflanzt
waren, trugen deutliche Spuren des Verwitterungs-Processes an sich, sie
waren gebleicht, porös und zersplittert; mehr nach der Mitte des Grabes
zu, doch nahe an diesen standen ein Paar besser erhaltene, wenn auch
kleiner, 20--30 Pfd. schwere -- doch auch viele von diesen waren schon
durch die Einflüsse der Atmosphäre beschädigt, während die zuletzt
gesetzten Milchzähne, daher werthlose Gaben waren. Sie wurden in aller
letzter Zeit eingepflanzt, als die Marutse den Werth des Elfenbeins
kennen gelernt, und der Herrscher, trotz dieses Actes der Pietät seiner
Unterthanen, seine Revenuen nicht geschmälert sehen wollte.
Auf dem Heimwege fand ich längs des Flusses Sikomoren, von denen sich
namentlich eine dadurch auszeichnete, daß der Stamm, sowie die Aeste mit
Feigen -- leider unreifen -- ungemein dicht behangen waren. Am
Nachmittage kam Blockley aus dem Leschumo-Thale und bezahlte jedem
Masupia als Traglohn ¼ Pfund Glasperlen. Dabei wollten die Masupia's die
ihnen angebotenen blaßrothen Glasperlen nicht annehmen; sie begehrten
kaiserblaue, indem sie betonten, daß sie für dieses Geld Assagaie kaufen
wollten, und der Stamm, von dem sie diese Waffen zu kaufen gewohnt
waren, gegenwärtig nur an den letzteren Glasperlen Gefallen finde.
Einen recht interessanten Anblick bot die Ueberfahrt der mit Blockley
zurückkehrenden Kornverkäufer. Spät am Nachmittage stiegen sie in ihre
Kähne, die etwa 20 an der Zahl in der nahen kleinen Bucht lagen und
ruderten dem jenseitigen Ufer zu. Je nach der Größe des Canoes hatte
dieses ein bis vier der dunklen Gestalten als Bemannung. Die meisten der
engen, von 7 bis 16 Fuß langen Kähne waren mit den leeren Korngefäßen,
einige mit Brennholz gefüllt, auch waren hie und da Fleischstücke von
einer erlegten Büffelkuh zu sehen. Die letzten der Truppe waren fünf
unserer Besucher, darunter auch mein Mulekau, er hatte einen der
kleinsten, die anderen, einen der größeren Kähne zur Verfügung. Da er
seine Kunst im Rudern glänzen lassen wollte, bemühte er sich, vor seinen
vier Gefährten das jenseitige Ufer zu erreichen. Da auch die übrigen
nicht zurückbleiben wollten, entspann sich vor meinen Augen eine
originelle Regatta. Es gelang zwar meinem Mulekau, einen ziemlichen
Vorsprung zu gewinnen, doch in der Mitte des Stromes verfing sich ein
Windstoß in den Falten seines Kubu (Mantel) und trieb ihn mit seinem
Kahn zurück, während seine Gefährten ihn nun leicht überholten.
Eitelkeit hatte ihm diesmal die Siegespalme entrissen, indem er sich von
Pit aus den von mir für zwei Schlachtbeile eingetauschten Calico (6
Meter) eine Kubu (Decke) zuschneiden ließ, die ihm verhängnißvoll
geworden war.
[Illustration: Am Tschobe-Ufer.]
Am 15. schiffte sich Blockley ein, ich selbst mußte noch hier auf die
Antwort des Königs warten und benützte die Zeit bis dahin zu weiteren
Ausflügen. Ich fand weitere zwei warme, salzhaltige Quellen und
vermehrte meine Fischsammlung mit einigen von den Masupias in der Bucht
und in den Flußdickichten gespeerten Fischen. Auch hier hatte ich wie am
Limpopo wiederholt die Gelegenheit, Krokodile nach den, auf über dem
Wasser hängenden Büschen und Röhrichten sitzenden Eis- und Sumpfvögeln
schnappen und sich dabei bis zwei Fuß hoch mit dem Oberkörper aus dem
Wasser emporheben zu sehen.
[Illustration: Wildebene bei Blockley's Kraal.]
Die Nacht vom 15. auf den 16. brachte ich am Flusse zu, indem ich das
nächtliche Thierleben unmittelbar am Wasser beobachten wollte. Ich
wählte mir eine etwas kahle Sandstelle aus, an der ich durch einige
Binsen gegen den Fluß gedeckt, mit Hilfe des Mondlichtes ziemlich
deutlich Alles um mich, namentlich die Gegenstände in dem Wasser der
Lagune beobachten konnte. Gegen 11 Uhr kam eine Pallah-Heerde an das
obere Ende der Lagune, der führende Renner mit einem tiefen Brüllton die
Sicherheit des Ortes seinen Schützlingen meldend. -- Das meiste
Interesse flößte mir ein Pärchen der großen Fischotter ein, welches von
dem Schilfrohrdickicht am jenseitigen Ufer der kleinen Bucht ausgehend,
den seichten Rand derselben abjagte und im Fischfang weit mehr Geschick
zeigte, als die zahlreich aus dem Wasser emporschnellenden Krokodile.
Die Thiere blieben etwa zwei Fuß vom Wasser entfernt, am Rande des
Gewässers einige Momente stehen, dann sprangen sie vorwärts und liefen
rasch durch einige der nächsten Binsen, indem sie mit den Schnauzen die
Stellen um die Binsenwurzeln absuchten; kehrten hiernach wieder zurück
und auf's Ufer, um da die Beute zu verzehren, welche mir nur aus kleinen
Fischen zu bestehen schien.
Am nächsten Tage machte ich einen größeren Ausflug flußaufwärts, doch
war ich nicht im Stande, obgleich es eine interessante Hetzjagd war,
weder einer der Roen-Antilopen oder Pallahgazellen, noch eines der
zahlreichen Paviane habhaft zu werden; hingegen war es mir vergönnt,
namentlich schöne große Eisvögel (^Ceryle Maxima^), ferner Bienenfänger
und Kukuke zu beobachten. Nachmittags begrüßten mich am jenseitigen Ufer
mehrere rasch aufeinander folgende Gewehrschüsse, es war das Rumela (der
Gruß), welchen der Häuptling Makumba abfeuerte, um mir anzuzeigen, daß
die zum Könige abgesandten Boten mit einer für mich befriedigenden
Antwort von Schescheke angelangt waren. Der Sitte gemäß hatte ich darauf
in ähnlicher Weise zu erwidern und benützte diesen Anlaß, um nach den
Früchten des Maschungulubaumes zu schießen. Da es mir gelang, einige
derselben zu spalten, andere zu durchbohren, hatte ich in den Augen der
anwesenden Masupia's sehr an Ansehen gewonnen. Bald darauf stießen zwei
kleine Kähne vom jenseitigen Ufer ab, um mich hinüber zu bringen. Der
untere Tschobe wie der Central-Zambesi sind tiefe Ströme (ich schätze
ihre Tiefe auf 30 bis 40 Fuß), welche selbst größeren Dampfern freie
Schifffahrt ermöglichen. Leider sind die schiffbaren Strecken nach je 50
bis 100 englischen Meilen durch Felsenbänke unterbrochen, welche
Stromschnellen verursachen.
Am jenseitigen Ufer gelandet, wurde ich mit abermaligen Schüssen von
Makumba begrüßt und hatte sie zu erwidern. Was mir beim Betreten des
Masupiadorfes sofort auffiel, waren die aus Schilfrohr erbauten Hütten
und Gehöfte. Die meisten waren nach dem System der Doppelbauten, wie ich
sie bei Mosilili's Ruinenstadt antraf, errichtet. Dieselben hatten einen
Durchmesser von 9 Fuß, die äußeren einen solchen von 25 Fuß bei einer
Höhe von 12 Fuß. Weder zuvor noch später beobachtete ich so hohe
Schilfrohr-Umzäunungen wie in Impalera und bei einem Zweigstamme der
Marutse. Das Schilfrohr war hier in seiner ganzen Höhe belassen,
einestheils, um das Spiel der Winde abzuhalten, anderntheils, um dem
andringenden Schwalle des Hochwassers in den Sommermonaten besser zu
widerstehen und die Hütten zu schützen. Einige Hütten zeigten
Backofenformen, bestanden aus einer Veranda und zwei Kammern und waren
aus Schilfrohr und Gras aufgeführt.
In der Mitte der Niederlassung auf einem Rasenplatze stand eine
Berathungshütte, d. h. eines jener kegelförmigen, auf einigen dünnen
Pfählen ruhenden Strohdächer, und in diesen fiel mir besonders ein
länglicher, hohler Gegenstand, eine Morupa (Trommel) auf, welche sich,
wie ich später erfuhr, in den meisten Dörfern des Marutse- und
Masupia-Reiches vorfindet. Das Trommelfell ist durchbohrt und ein
Stäbchen durch die Oeffnung gesteckt, durch welches oben ein
Querstäbchen läuft. Man entlockt dieser Trommel einen dem Knarren neuer
Stiefel nicht unähnlichen Ton, und wird derselbe dadurch erzeugt, daß
man das Stäbchen im Innern der 1½ Fuß langen röhrenförmigen Trommel mit
der, mit einem befeuchteten Baobab-Baststücke umwickelten Hand schnell
reibt. Die Trommel findet nur dann Verwendung, wenn die Insassen des
Dorfes den siegreich von einer Löwen- oder Leopardenjagd Heimkehrenden
entgegengehen, um sie mit Gesang und Tanz zu empfangen.
Ich wurde von Makumba, einem dunkelfarbigen Masupia von etwa 40 Jahren,
freundlich empfangen und traf noch am selben Tage zwei englische
Officiere, Captain McLoud und Fairly, sowie Herrn Cowley, welche von
Natal der Jagd halber an den Zambesi gereist waren. Sie hatten auch
deshalb Sepopo ersucht, sein Reich betreten zu dürfen. Der König sagte
es zu, und die Herren waren, nachdem sie ihm ihre Geschenke überbracht,
eben im Begriffe, nach Panda ma Tenka zu ihren Wägen zurückzukehren, um
sich für die großen Jagden im Marutse-Reiche zu rüsten. Leider wurden
sie bitter enttäuscht und trotz aller ihrer Opferwilligkeit von Sepopo
nicht gut behandelt.
Captain McLoud erzählte mir, daß er einen Elephanten erlegt habe, dessen
Hauer je hundert Pfund schwer waren. König Sepopo hatte sie in Empfang
genommen und ihm nach seiner Rückkehr nach Schescheke zwei andere, die
er selbst erbeutet, als Ersatz versprochen. Makumba hatte uns in einer
seiner Wohnungen mit Butschuala (Kafirkornbier) bewirthet. Es wurde in
großen Holztöpfen servirt und mit aus Kürbisschalen verfertigten
Schöpflöffeln getrunken. Während des Gespräches machte Makumba, der
seinem König treu ergeben war und später sogar sein Leben für ihn
aufopferte, mich auf des Königs Eigentümlichkeiten aufmerksam, damit ich
mein Betragen darnach einrichten konnte. Bevor ich Impalera verließ,
machte ich wiederholt Gänge durch das Dorf und fand, daß man die
Niederlassung in drei Gehöftgruppen eintheilen konnte. Die dem Flusse
anliegende Gruppe zählte 135, jene gegen den einige hundert Schritte
nach Norden zu liegenden Hügel, auf dem die Bewohner von Impalera sich
bei Hochwasser zu flüchten pflegen, 25 und die westliche 32 Wohnungen.
Die Frauen des Dorfes trugen keine Schürzen, wie wir sie in so
mannigfacher Form bei den Betschuana's finden, sondern bis an die Knie
reichende aus gegerbtem Leder verfertigte Röckchen. Im Allgemeinen fand
ich das Aussehen der Leute bedeutend besser, als das der Betschuana.
Makumba verließ noch am selben Tage Impalera, um sich nach seiner
Residenz, welche am linken Zambesi-Ufer liegt, zu begeben. In Impalera
wohnte nur eine seiner Frauen mit ihren Dienerinnen, um für den
Häuptling das Feld zu bestellen, und ihn zu empfangen und zu bewirthen,
so oft er Impalera mit seinem Besuche beehrte. Er kam diesmal, um mich
in des Königs Namen zu bewirthen. Als ich ihm für seine Freundlichkeit
dankend, ein Geschenk anbot, wies er dieses mit den Worten zurück.
»Würde ich es thun, so hätte ich es mit meinem Leben zu büßen, wir
dürfen von keinem Fremden, ob Schwarzer oder Weißer ein Geschenk
annehmen, bevor nicht der König eines empfangen.«
Spät am Nachmittage des 17. brachen wir auf, um zu der Landungsstelle am
Zambesi zu gelangen, welche in der Nähe eines großem Baobab gelegen,
Makumba-Hafen genannt wird. Die Bootsleute errichtetem für mich und
Blockley einen Skerm; hier verbrachte ich am Ufer des Riesenstromes,
nach dem ich mich jahrelang gesehnt hatte, die erste Nacht zu. Die
Makumba-Landungsstelle liegt unmittelbar an den schon erwähnten
Stromschnellen des Zambesi, kaum vier englische Meilen oberhalb seiner
Vereinigung mit dem Tschobe. Vor uns im Strome lagen die zahlreiche
theils bewaldeten, theils beschilften Inseln. An einigen über die
Stromschnellen hängenden kahlen Aesten saßen Schlangenhalsvögel, und an
den hervorragenden braunen Felsenrissen hatten Kormorane Stellung
genommen. Sie tauchten in die Fluth, ließen sich von dem Wasser nach
abwärts tragen und fischten, mieden jedoch die von Krokodilen bewohnten
Tiefen. Auffliegend, ließen sie sich wiederum an den Felsenblöcken
nieder und breiteten ihre Flügel aus, um sie zu trocknen. Wir schossen
mehren der Vögel, doch konnten wir uns nur zweier bemächtigen, die
übrigen, wie ein von mir erlegter Schrei-Seeadler (^Haliaëtus vocifer^),
wurden von dem Wasser fortgetragen und fielen den Krokodilen zur Beute.
Während der Nacht ließen sich die Nilpferde in Intervallen von zehn zu
zehn Minuten hören, doch blieben wir in Folge des mächtigen, gegen den
Fluß zu angezündeten Feuers von einem Besuche der unwillkommenen Gäste
verschont.
Am 18. unternahm ich nach Sonnenaufgang meine erste Bootfahrt auf dem
Zambesi. In einem gebrechlichen, kaum 18 bis 20 Zoll breiten, aus einem
Baumstamme ausgehöhlten Kahne, dessen Bord nur 2½ Zoll über das Wasser
ragte, schaukelt sich der Reisende auf der klaren Fluth, die unter ihm
schwärzlich-blau erscheint und von der großen Tiefe des Stromes spricht,
während sie sich vor und hinter ihm als ein dunkelblaues Band hinzieht
und die in allen Nüancen des Grün prangenden Inseln umschlingt. Zu
unserer Rechten, etwa sechs Fuß über dem Strome, erhebt sich eine dichte
Wand des riesigen Schilfrohrs, welche sich stellenweise meilenweit in's
Land hineinzieht. Hie und da gewahren wir förmliche Grotten in der
ganzen Breite dieser Schilfrohrmassen, zu welchen Gänge -- die Pfade der
Nilpferde -- führen, welche dieser riesige Dickhäuter benützt, um vom
Flusse aus auf die Weide gelangen zu können. Zahlreiche schöne Winden
mit rothen Blüthen schlängeln sich an den Schilfrohrstängeln empor und
beleben in anmuthiger Weise die dunkle Wand des rauschenden
Schilfwaldes. Zu unserer Rechten breitet sich eine morastige Schilfinsel
aus, ringsum von den wunderlichen Formen der Papyrusstaude, wie mit
einem spitzen Kragen umsäumt, die äußersten der Stauden, deren Stängel
theilweise vom Wasser bespült werden, bewegen deutlich ihre Fiederköpfe,
sie zittern und jene an der stärkeren Strömung schaukeln hin und her. An
kleinen freien Stellen zwischen den phantastischen Gebilden der
Papyrusstauden sieht das Auge hie und da plötzlich weiße, rothe, graue,
oder schwarze Farbentöne durchschimmern und bevor wir uns noch dessen
versehen, ist ein Silber-, Purpur- oder grauer Reiher aufgeflogen,
während wir zahlreiche kleinere Arten des Reihers, der Dommel und
anderer Sumpfvögel, an den etwas gebeugten Stängeln der Staude nach
Fischchen auslugend, beobachten können.
Biegt man in einen der von den Bootsleuten seltener aufgesuchten Arme
ein, so sieht man sich bald von Wildgänsen und Enten umschwärmt, während
die Sandbänke von Klaffschnäblern, Strandläufern und drei Möwenarten
wimmeln. Durch ihren langgezogenen Schrei ziehen die pärchenweise auf
Bäumen oder an erhöhten Uferstellen sitzenden Schrei-Seeadler die
Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich; immer wieder tauchen neue und
anziehende Erscheinungen aus der Thierwelt an dem Ufer des mächtigen
Stromes auf. Zu der interessanten Uferscenerie, dem durch eine bunte
vielstimmige Vogelwelt belebten Schilfrohrwald zu unserer Rechten und
den Papyrusdickichten zu unserer Linken gesellt sich noch der Reiz, den
die Fahrt in dem Canoe auf den Reisenden ausübt. Wir können uns kein
malerischeres Bild denken, als die Bemannung der die Fluthen schnell
durchschneidenden und doch schwer beladenen Kähne, die dunklen Gestalten
der Marutse mit ihren langen Rudern und ihren aus gegerbten Fellen
bestehenden, mit weißem und rothem Calico umwundenen, im Winde
flatternden Schurzfellen. Der am Bootschnabel stehende Mann lenkt
denselben. In einem Tempo werden die Ruder in's Wasser getaucht und
diese Bewegung zuweilen mit Gesang begleitet. Unmittelbar hinter dem
vordersten Ruder sitzt der Reisende und hinter ihm haben in der Regel
noch drei bis vier, doch zuweilen bis eilf weitere Bootsleute Posto
gefaßt und führen stehend ihre Ruder. Die längsten der Kähne messen 22
Fuß.
Ich schätze die Breite des Flusses, je nachdem und in welcher Anzahl
Inseln denselben verbreitern, auf 300 bis 1000 Meter. An vielen Stellen
ist das Ufer unterwaschen und senkt sich unmittelbar zur Tiefe des
Stromes. An den beschilften Stellen beträgt die Tiefe, acht Fuß vom Ufer
entfernt, sechs Fuß, während dieselbe Tiefe an den mit Binsen
bewachsenen Stellen erst in einer Entfernung von 20 Fuß beobachtet wird.
Nach einer dreistündigen Bootfahrt lichtete sich das rechte beschilfte
und bewaldete Ufer zu einer in weiter Ferne von einem Gehölze begrenzten
und von zahllosem Wilde belebten Grasebene, welche die Masupia und
Marutse, Blockley zu Ehren Blockley's-Kraal benannt haben. Hier verließ
ich das Boot und ging dem Ufer entlang weiter. Nahe an dem Schilfwalde,
häufiger noch am Rande des Laubwaldes, trieben sich Büffelheerden herum.
Zum erstenmale beobachtete ich hier Letschwe- und Puku-Antilopen, welche
in Heerden zu Hunderten auf den Grasebenen weideten. Die ersteren Thiere
größer, die letzteren kleiner als die Bläßbock-Antilopen, waren durch
ein gelblich-braunes (wie bei allen Wasserantilopen) dichtzottiges Fell
und ein Paar nach vorwärts gekrümmter Hörner ausgezeichnet. Außerdem sah
ich Trupps von Rietbockgazellen im hohen Grase hinter den
Schilfrohrpartien. Nach dem Gehölze zu bemerkte ich zahllose Heerden von
Zebra's und kleinere 10 bis 20 Stück zählende Trupps des gestreiften
Gnu.
[Illustration: Nilpferdjagd.]
Wir fuhren stets nahe am Ufer und dies namentlich, um den tagsüber sich
in der Strommitte aufhaltenden und nur zeitweilig an der Oberfläche
auftauchenden Nilpferden auszuweichen. Hatten wir an manchen Stellen der
Strömung halber den Fluß zu kreuzen, so wurde dies von den Bootsleuten
so schnell wie möglich ausgeführt. Als wir das linke Ufer mit dem an der
betreffenden Stelle von einer Papyrus-Insel gebildeten rechten,
vertauschten und stromaufwärts dahin glitten, fiel es mir auf, daß die
Leute plötzlich innehielten und der mir zunächst stehende Ruderer mir
das Wort Kubu zuflüsterte. Ueber die Bedeutung dieses Wortes blieb ich
nicht lange im Zweifel, denn mein freundlicher Nachbar wies auf eine
etwa 200 Schritte entfernte Stelle im Strome vor uns, an welcher ein
dunkler kurzer Klotz auftauchte und dem ein niedriger doppelter
Wasserstrahl entstieg, bald darauf erschien auch ein zweiter. Es waren
die Köpfe von Nilpferden. So wie die dunkle Masse unter dem Wasser
verschwand, wurde äußerst leise und langsam vorwärts gerudert, und als
wir mit der Stelle, wo die Thiere zuerst erschienen, in eine Linie
gekommen waren, wurde wieder stille gehalten. Blockley und ich hielten
unsere Gewehre schußbereit; zuerst erschienen diesmal die Köpfe zweier
junger Thiere, dann der große Kopf des männlichen Thieres, dem jener
eines weiblichen unmittelbar folgte. Von acht auf die beiden letzteren
abgefeuerten Schüssen trafen zwei den Alten hinter das Ohr. Die
Bootsleute behaupteten, daß das Thier tödtlich getroffen sei, und es
mußte auch der Fall gewesen sein, denn obgleich wir noch eine Stunde
lang gegen den Willen der Eingebornen, welche, wenn nicht mit den
kleinsten ihrer Kähne und mit eigens dazu verfertigten Speeren
ausgerüstet, aus der Nähe dieser Thiere so schnell wie möglich zu kommen
trachten, auf derselben Stelle blieben, tauchten immer wieder nur drei
Köpfe, nicht aber jener des Alten auf.
Unter den größeren Säugethieren Südafrika's halte ich das Hippopotamus
dem unbewaffneten Menschen gegenüber für das gefährlichste. In der
freien Natur kennt und leidet das Thier nur jene Objecte in seiner Nähe,
die es stets um sich sieht. Jeden ihm fremd erscheinenden Gegenstand
behandelt es als einen seine Ruhe störenden Feind; trifft es bei seinem
Ausgange oder Heimwege zum Flusse (in den Schilfrohrgrotten) ein solches
Object, mag es nun ein Ochs, ein Pferd, ein Stachelschwein oder eine
Kiste, ein angestrichener Holzblock, eine quer über gehängte Wolldecke
oder gar ein menschliches Wesen sein, so stürzt es sofort darauf los, um
sich den Weg frei zu machen. Geschieht es nun, daß der betreffende
Gegenstand rasch entfernt wird oder daß sich das lebende Wesen in die
Büsche zurückzieht, so geht das Nilpferd seines Weges ruhig weiter, es
hat den Gegenstand, der seinen Stumpfsinn für einen Moment aufgeregt
hat, vergessen.[9] Vor ihm findet der unbewaffnete Mensch, der doch so
oft aus einer Begegnung mit dem Löwen und in der Mehrzahl der Fälle, aus
einer solchen mit dem Leoparden, und Büffel (wenn er diese Thiere nicht
gereizt) unbehelligt hervorgeht, keinen Pardon.
Wird von mehreren auf derselben Stelle im Flusse auftauchend Nilpferden
eines verwundet, so kommen die Uebrigen seltener zur Oberfläche des
Wassers, und war die Wunde eine tödtliche, so erscheint das leblose
Thier eine Stunde nach seinem Tode an der Oberfläche und treibt mit den
Wellen abwärts. In einem solchen Falle verstehen es die Völker des
Marutse-Reiches sich auf leichte Weise des Kadavers zu bemächtigen. Ein
an eine Grasschnur befestigter Stein wird über dem Cadaver geworfen, und
indem man das freie Ende der Schnur in der Hand festhält, vermag man mit
einem leisen Zuge der Hand den Coloß gegen das Ufer zu ziehen. Die
Bewohner des Marutsereiches, vor Allem aber die längs dem Zambesi-Ufer
wohnenden, Marutse, Masupia, Batoka und namentlich jedoch die letzteren,
welche ob ihrer Geschicklichkeit im Jagen dieses Dickhäuters von den
Marutsekönigen aus ihren am oberen Zambesi befindlichen Wohnsitzen
geholt und längs dem Flusse in kleinen Dörfern angesiedelt wurden, um
den königlichen Hof sowohl, wie die in den am Flusse grenzenden den
Provinzen wohnenden Häuptlinge mit frischen und getrockneten Fischen und
Nilpferdfleisch zu versorgen, sind passionirte Jäger des Thieres.
[Fußnote 9: Dies Alles beruht wohl auf der Gehirnquantität der
Körpergröße des Thieres gegenüber.]
Diese Stämme haben die kleinsten ihrer Kähne, die kaum eine Person
tragen und äußerst schwierig zu regieren sind, jedoch blitzschnelle
Bewegungen zulassen, Mokoro tschi Kubu (Nilpferdkanoe) genannt. Zur Jagd
bedienen sie sich besonders großer, mit einem einfachen Widerhaken
versehener, langgestielter Assagaie, welche jedoch, da der Stiel aus
weichem Holze gearbeitet ist, nicht schwerer als die gewöhnlichen
kleineren Wurfspeere sind. Als ich später nach Schescheke kam,
berichtete man mir einen höchst traurigen Fall, der sich im vorigen
Jahre (1874) auf einer Sandbank in der Nähe dieser Stadt abgespielt
hatte. Ein den Fluß herabfahrender Masupia bemerkte an der Sandbank ein
schlafendes Nilpferd und hielt es für eine leichte Sache, dasselbe zu
erlegen. So geräuschlos wie möglich heranrudernd, kam er in die
unmittelbare Nähe des Thieres. Er steigt aus dem Boote, nähert sich dem
Thiere und stößt ihm den Speer hinter die Schulter ein. Doch das Eisen
erzeugte nur eine unbedeutende Wunde, indem es an einer Rippe abglitt.
Bei dem Stoße erhob sich das Thier und wandte sich so rasch, daß der
Mann nicht bei Seite und aus seinem Gesichtskreise springen konnte. Da
er sich jedoch sofort von dem Thiere angegriffen sah, warf er sich flach
auf die Erde, um sich unsichtbar zu machen. Doch er mußte diese Bewegung
nicht behend genug ausgeführt haben, um selbst das stumpfsinnige
Geschöpf zu täuschen, denn das Thier warf sich auf ihn und wollte den
Mann zertreten. Als dieser sich wehrend den rechten Arm ausstreckte,
fühlte er denselben auch zwischen den scharfen Hauern des Feindes und
bis auf einen Hautlappen durchbissen. Der unwillkürliche Versuch, auch
die linke Hand zur Abwehr auszustrecken, hatte eine völlige Amputation
derselben zur Folge. Vorüberfahrende Fischer fanden den Verstümmelten in
sterbendem Zustande.
Ich habe wiederholt Nilpferdfleisch genossen, doch konnte ich demselben
keinen besonderen Geschmack abgewinnen. Als ein Leckerbissen wird die
gelatinöse dicke Haut desselben gebraten betrachtet. Roh zugeschnitten,
gibt sie gute Handhaben für Messer und kleinere Werkzeuge, da sie
getrocknet zusammenschrumpft und den Eisentheil festhält.
Wird von den Masupia oder Marutse flußaufwärts oder abwärts bis zu zehn
geographischen Meilen von Schescheke entfernt, ein Flußpferd erlegt, so
wird beinahe in allen Fällen die Hälfte nach Schescheke dem Könige
überbracht, dabei gilt der Brustkorb als Königsstück. In der Regel
verläßt das Hippopotamus sein Element am Abend und geht auf die Weide,
wobei es oft wählerisch ist und zuweilen grasend neun englische Meilen
stromaufwärts streift, um bei Tagesgrauen den Heimweg nach dem Flusse
anzutreten, d. h. die Stelle aufsucht, an der es am Tage im Flusse oder
in der Lagune geweilt, und seine Anwesenheit durch wiederholtes
Auftauchen und »Blasen« kundgibt. Zuweilen wurden die Flußpferde neun
bis zehn englische Meilen weit vom Strome im Walde und dann meist
schlafend angetroffen. Weniger beschwerlich ist die Jagd auf diese
Thiere im östlichen und südlichen Matabele, sowie im Maschona-Land, wo
sie im Süden vom Limpopo, im Norden vom Zambesi die Zuflüsse aufwärts
verfolgen und sich in der Tangente derselben aufhalten. Matabele-Händler
berichteten mir Fälle, in welchen Maschonas vor ihren Augen mit
breitschneidigen Dolchen die Nilpferde im Wasser angriffen und auch
bewältigten.
Die Nilpferde waren in früheren Jahren über ganz Südafrika verbreitet;
die an den Felsenhöhen angetroffenen Gravirungen der Buschmänner
beweisen, daß sie einst nicht nur die Flüsse, sondern auch die
salzhaltigen Regenpfannen bevölkerten.
Man findet sie noch in den Flüssen Natals und in der Cap-Colonie
berichtete man mir, daß sie noch am Unterlaufe einiger der Flüsse in
Kaffraria vorgefunden werden. Im centralen Südafrika trifft man sie von
Süden her zuerst im Limpopo an. Obgleich der Zambesi von Krokodilen
wimmelt, und sie die Hauptursache waren, warum die Bootsleute so sehr
die Nilpferde mieden, sahen wir doch kein einziges. Die Ufer bestanden
aus Thon und Humus in abwechselnden 2 bis 18 Zoll starken Lagen, von
einer torfähnlichen Masse aus den angeschwemmten und vermoderten
Pflanzenresten gebildet. Hie und da, wo eine seichte Einsenkung aus der
Grasebene zu unserer Rechten in eine Rinne endend, am Flusse ihren
Abschluß fand, hatten die Masupia-Fischer ein bis zehn Fuß hohes
Schilfrohrgitter errichtet und damit die Vertiefung gegen den Fluß zu
abgesperrt. Wir machten etwa 3 bis 3½ englische Meilen per Stunde und
kreuzten an dem ersten Tage zehnmal den Strom und dies theils um
scharfen Biegungen desselben, theils um der starken Strömung
auszuweichen. Während wir einen Ueberblick über die Grasebene zur
Rechten (Blockley's Kraal) mit all' ihrem Wildreichthum bis an das sie
begrenzende Gehölze genossen, war uns der Ausblick nach Süden und Westen
durch hohes Schilfrohrdickicht vollkommen verwehrt. Diese lagunenreichen
Dickichte zwischen dem unteren Tschobe und dem Zambesi sind ein wahrer
Lieblingsaufenthalt der Elephanten und Nilpferde. Auf einer sandigen
Insel, auf welcher wir eine verlassene Hütte trafen, schlugen wir unser
Nachtlager auf. Während einige mit ihren Assagaien und Messern das
Schilfrohr abschnitten, es zu Bündeln banden, gruben andere mit den
gleichen Werkzeugen Löcher in den Sand, in welchen die zu Pfählen
verbundenen Schilfbündel eingelassen wurden. Inzwischen hatten drei
Kähne abgestoßen, um vom gegenüberliegenden Ufer getrocknetes Gras
herbeizuschaffen und es auf die oben in ihren Wipfeln vereinigten
Rohrbündel zu werfen. Die nachtmützenförmige etwa 4½ bis 6 Fuß hohe, 2
bis 2½ Fuß breite Hütte war von den Männern in unglaublich kurzer Zeit
fertiggestellt.
Am folgenden Vormittage passirten wir am linken Ufer einen an seiner
Mündung etwa 50 Meter breiten, an Krokodilen reichen Fluß Kascha oder
Kaschteja (der von Livingstone gebrauchte Name Madschilla mußte bei den
Makololo im Gebrauche gewesen sein). Schon einige hundert Schritte
oberhalb der Mündung verengte sich der Fluß stellenweise bis zu 15
Meter; trotz der stellenweise geringen Tiefe (drei Fuß) wäre das
Durchwaten desselben ein gefährliches Wagestück, denn die getrübte Fluth
verräth die tückischen Insassen des Gewässers nur zu deutlich. Wir
begegneten mehreren Kähnen mit Leuten aus Makumba's Stadt, welche
Elfenbein nach Schescheke zu Sepopo gebracht hatten und nun mit
Schießmaterial und zwei Wolldecken als Gegengeschenk auf dem Heimweg
waren. Nach einem erfrischenden Bade an einer seichten und
ungefährlichen Stelle steuerten wir rüstig weiter, um noch vor Abend die
neue Residenz zu erreichen. Die Nähe dieser tsetsefreien Niederlassung
der Masupia verkündeten uns schon kleine Viehheerden, welche längs des
Flusses und wohl bewacht weideten.
Alt-Schescheke lag etwa 1½ Meilen westlich von der Stelle, wo der Strom
von Süden her eine plötzliche Wendung nach Osten macht, an einer
Zambesi-Lagune. Der Marutse-Hof residirte von jeher in dem fruchtbaren
und für die Viehzucht so wohlgeeigneten Mutterlande Barotse. Sepopo, zur
Zeit meines Besuches König des Reiches, hatte sich viele Grausamkeiten
unter seinem Stamme zu Schulden kommen lassen, weshalb er in der Barotse
mißliebig wurde, seine Residenz verließ und sich in der zum größten
Theile durch die Tsetse inficirten Masupia-Provinz niederließ. Ein
zweiter Grund der Uebersiedlung war seine Unzufriedenheit mit den
portugiesischen Elfenbeinhändlern von der Westküste, deren Waaren ihm im
Vergleiche zu jenen Westbeech's werthlos schienen, weshalb er bemüht
war, seine neue Residenz den von Süden kommenden Händlern näher zu
rücken.
Als wir uns der Residenz näherten, rieth Blockley an, unsere Ankunft mit
einem Rumela anzuzeigen. Kaum waren die Salutschüsse verhallt,
erschienen Menschengruppen unter den Bäumen und einige zwanzig Schüsse
folgten sofort als Gegengruß; sie bewiesen, daß sich der König unter der
Menge befand und selbst die Anlage der neuen Stadt leitete. Unter dem
Geschrei der Menge, das uns nun entgegenscholl und welches die
Bootsleute aneiferte, hatten wir eine Viertelstunde später das Ufer an
den Bäumen erreicht und an eine Stelle, wo einige Kähne an's Land
gezogen waren, angelegt. Zur Audienz bei dem Herrscher am centralen
Zambesi hatten wir in Gala zu erscheinen, meine Bestürzung war daher
keine geringe, als zur Completirung des Anzuges mein Hut fehlte.
Blockley ließ mir kaum Zeit, mein Gepäck zu durchsuchen, denn schon
ertönten von den Bäumen her die Klänge der Myrimba.
Wie ich schon früher erwähnte, war mein Kommen dem Könige seit mehreren
Monaten bekannt, er hatte sich wiederholt bei Westbeech und Blockley um
mich erkundigt und geäußert: »Wenn doch der Njaka käme, der wie Monari
(Livingstone) in seinem Reiche reisen wolle.« Deshalb sollte sich auch
mein Empfang feierlicher gestalten, als er seit Livingstone den 15
Blaßgesichtern, die vor mir das königliche Antlitz Sepopo's geschaut,
bereitet worden war.
VII.
Der erste Besuch im Marutse-Reiche.
Mein Empfang bei Sepopo. -- Der Libeko. -- Sepopo auf Schleichwegen. --
Sepopo's Residenz. -- Geschichte des Marutse-Mabunda-Reiches. -- Die
Stämme des Reiches und ihre Wohnsitze. -- Unterthanen-Verhältnisse
derselben. -- Die Sesuto-Sprache. -- Portugiesische Händler am Hofe
Sepopo's. -- Sepopo erteilt mir die Erlaubniß zur Bereisung seines
Landes und beschreibt mir den einzuschlagenden Weg. -- Der Bau von
Neu-Schescheke. -- Brand von Alt-Schescheke. -- Culturstufe der Stämme
des Reiches. -- Der Aberglaube und seine Opfer. -- Thronfolge. --
Machtbefugnisse des Herrschers. -- Das Bauwesen bei den Völkern des
Reiches. -- Dreifache Bauart der Hütten. -- Das Innere des königlichen
Gehöftes. -- Der Kischitanz. -- Sepopo's Musikcapelle. -- Die
Musik-Instrumente bei den Marutse-Mabunda's. -- Kriegstrommel. -- Die
Kischitänzer-Masken. -- Rückfahrt nach Impalera. -- Ankunft in Panda ma
Tenka. -- Ein Löwenabenteuer.
[Illustration: Im Papyrusdickicht.]
Ein Haufen sämmtlich mit den schon erwähnten ledernen und Kattunschürzen
bekleideter Eingeborner meldete uns des Königs Anwesenheit. Morena
Sepopo war uns thatsächlich sehr nahe, denn nach kaum 200 Schritten
stand ich dem Könige gegenüber. In europäische Kleidung gehüllt, ein
englisches mit einer weißen Straußfeder geschmücktes Hütchen am Kopfe
kam er, ein Mann von circa 35 Jahren, leichten Schrittes mir entgegen.
Sein Gesicht war breit, sein Ausdruck angenehm, die Augen groß und ihre
anscheinende Gutmüthigkeit verrieth keineswegs den Tyrannen, der in ihm
verkörpert war. Lächelnd streckte er mir seine Hand entgegen, begrüßte
auch Blockley und würdigte sogar den Diener April eines Kopfnickens. Der
König war von einigen seiner hervorragenden Würdenträger umgeben, von
denen nur einer eine Hose, zwei andere Wolldecken über den Rücken
geschnallt trugen, die übrigen unterschieden sich nur durch zahlreiche
Bracelets von dem Haufen ringsum. Das in die Augen Springende des Zuges
war die Musikcapelle des Königs. Neben dem Könige schritten zwei
Myrimbaschläger, d. h. zwei Musiker, welche an einem Riemen ein
Kalebaßpiano trugen und es mit zwei Schlägeln bearbeiteten. Neben diesen
Männern, welche die haarsträubendsten Melodien hervorzauberten,
schritten Tambours, welche riesige röhrenförmige Trommeln mit ihren
Fingern schlugen und dazu sangen. Dann erst folgte der Troß. Der König
führte uns unter eine der hohen Mimosen und hier kam ein europäisch
gekleideter Mann hinzu, der mir als ein Betschuana vorgestellt wurde und
seit drei Jahren an Sepopo's Hofe als Dolmetsch lebte.
Jan Mahura hieß das pfiffige, corpulente Individuum, das auch sofort
sein Amt übernahm, während sich Blockley allein sehr gut dem Könige und
dem Volke ringsum verständlich machen konnte. Durch Mahura stellte sich
mir der Herrscher mit den Worten: ^Kia Sepopo morena a Zambesi^ (ich,
Sepopo, der Herrscher vom Zambesi) vor. Dann setzte er sich auf ein
kleines Holzstühlchen nieder, das ihm ein Diener nachtrug und lud uns
mit einer Handbewegung ein, uns auf die Erde niederzulassen. Als der
König mein Zaudern bemerkte, seinem Winke Folge zu leisten, ließ er zwei
ringförmige Grasbündel herbeiholen und sie als Sitze anweisen. Nun half
kein Zögern und ^nolens volens^ mußte ich mich bequemen, mich mit meinem
schwarzen Gala-Anzuge niederzusetzen. Wir hatten kaum unsere primitiven
Sitze eingenommen, als Sepopo meinen Begleiter Blockley mit zahllosen
Fragen bestürmte.
Da ich noch nie zuvor einer so lebendigen Auseinandersetzung in
Sesuto-Serotse-Sprache beigewohnt, konnte ich dem Gespräch nicht folgen
und wandte meine Aufmerksamkeit den Umsitzenden zu. Sie theilten sich
eben, um einem gebeugten jungen Manne, der eine große Holzschüssel trug,
Raum zu geben. Ein Herold verkündete sein Amt; kaum hatte er uns
begrüßt, als sich ein Duft von Bratfischen verbreitete, der mir die
Unverständlichkeit der Sprache erträglicher machte. Der Mann stellte die
Schüssel auf den freien Raum zwischen dem Könige und uns. Derselbe griff
sofort zu und reichte den Häuptlingen Kapella und Maschoku je einen
Fisch, und nun erst, nachdem diese den halben Fisch bereits verzehrt
hatten, und er sich versichert halten durfte, daß die Speise nicht
vergiftet sei, bot er mir und Blockley je einen Fisch und bediente sich
selbst. Unsere Finger mußten Messer und Gabel ersetzen, wobei uns der
Herrscher eines über 5000 Quadratmeilen großen Reiches mit gutem
Beispiele und nicht geringer Fertigkeit voranging. Trotz unseres sehr
fühlbaren Hungers -- wir hatten seit Früh nichts zu uns genommen --
durften wir, um keinen Verstoß gegen die Landessitte zu begehen, nur den
halben Fisch verspeisen, und mußten den Rest dem nächstansitzenden
Häuptling reichen, dieser aß auch nur einige Bissen und gab den Rest
seinem Nachbar. So wurde mit zehn Fischen die ganze Versammlung gespeist
und selbst die Leibeigenen durften sich an den Köpfen der Fische
delectiren.
Die Bewohner des Marutse-Reiches verstehen es vortrefflich, Fische
zuzubereiten, dieselben werden theils im eigenen Thran geschmort, theils
an der Sonne getrocknet und dann auf Kohlen gebraten. Diese in der
erstgenannten Weise zubereiteten Arten sind jene von den Zambesi-Völkern
Tschi-Mo, Tschi-Gatschinschi, Tschi-Maschona etc. genannten, während sie
Raubfische mit Ausnahme des an den Lippen stark bewehrten Inquisi
verschmähen. So sah ich sie selten den schildköpfigen Wels genießen, und
zwar hauptsächlich deshalb, weil das Fleisch dieses in Süd-Afrika so
gemeinen Thieres im Zambesi von einem Parasiten, einem spiralförmigen,
ähnlich den Trichinen eingerollten, drei Zentimeter langen Wurme
förmlich durchsetzt ist. Eine große Menge von Fischen wird an der Sonne
getrocknet und monatelang aufbewahrt, in Körbe gepackt, nach Norden
geschickt und damit Handel getrieben.
Nach beendetem Mahle brachten mehrere Diener einige mit Wasser gefüllte
Holzschüsseln, mit deren Inhalte sich die nächste Umgebung (der innere
Kreis) die Lippen netzen mußte. Das Wunderlichste war jedoch das zweite
Reinigungsmittel, um sich von den Fettresten des Mahles zu befreien.
Einer der Diener brachte auf einer kleinen Holzschale etwa 20
wallnußgroße, schmutziggrüne Kugeln. Der König und sein Hofstaat nahmen
je eine -- auch uns schob man die Schüssel zu -- bestrichen und rieben
sich die Hände ein und wuschen sie hierauf. Meine Neugierde, den Stoff
dieser Kugeln zu untersuchen, erregte allgemeine Heiterkeit. Jan Mahura
»übersetzte« mir die Worte des Königs. »Rieche Herr«, worauf ich über
den seifenartigen Charakter der Kugeln keinen Zweifel mehr hatte. Wir
Weißen griffen nun zu den Sacktüchern, um die Hände zu trocknen, während
Sepopo ein Libeko, d. h. seinen Nasenlöffel, nahm und sich damit die
Feuchtigkeit von den Fingern abschabte, bis sie trocken waren, dasselbe
thaten auch die Häuptlinge und die ihnen zunächst Sitzenden, doch gab es
welche in den hintersten Reihen, welche selbst einen Libeko ersparen
wollten und sich einfach die Hände an dem reinen Kieselsande trocken
abrieben.
Dieser Libeko ist ein bei den Banthustämmen gebräuchliches, eisernes
flaches, 1 bis 4 Zentimeter breites, 4 bis 35 Zentimeter langes, an
einer Gras- oder Glasperlenschnur oder einem Riemchen etc. getragenes
Miniaturschäufelchen, welches die Stelle eines Sacktuches vertritt und
dessen Gebrauch die Verbreiterung der Nasenflügel und die Verunstaltung
des Gesichtes zur Folge hat. Da sich die Sonne schon zum Untergange
neigte, brach der König, von uns und den spielenden und singenden
Musikern gefolgt, auf. Er lenkte seine Schritte nach unserem
Landungsplatze, wo er mit seinen Leuten drei der Kähne bestieg, um eine
Lustfahrt zu unternehmen. Während der Fahrt ließ er tüchtig drauf
losknallen, worauf die ihm Folgenden würdig erwidern mußten. Nach circa
fünf Minuten verließen wir den Strom, bogen in eine Lagune ein und
waren, eine westliche Zweiglagune aufsuchend, nach einer guten
Viertelstunde an Ort und Stelle, am Landungsplatze von Alt-Schescheke
angelangt. Kaum 20 Fuß über dem eigentlichen Thale, am Rande eines
tiefsandigen Gehölzes, lag das an das alte Masupia-Dorf angebaute
Schescheke, welches der König mit der neu angelegten Residenz
vertauschen wollte. An der Landungsstelle lag das aus Holz und Schilf
errichtete Gehöfte des Händlers Westbeech, worin er seine Waaren so
lange aufbewahrte, bis sie Sepopo gegen Elfenbein ausgetauscht hatte. Im
Hofraume des Gehöftes standen drei Hütten, eine von dem Koch des
Elfenbeinhändlers bewohnt, eine als Küche und die dritte als Wohnhaus
für die Diener verwendet. Hinter dem Häuschen, zwischen demselben und
dem Zaune, stand eine vierte, etwa fünf Fuß hohe, zwei Meter im
Durchmesser haltende Hütte, ähnlich jener der Koranna's (brodlaibförmig)
mit einem niedrigen Eingange, daß man nur nach Art der Vierfüßler
hineingelangen konnte. Diese sollte mein Palast sein, meine Wohnung
während des ersten Aufenthaltes in der Residenz eines mächtigen Königs.
Bevor ich sie bezog, wurde ich noch mit Blockley vom König zum
Nachtmahle gerufen; er saß auf einem mit Zement gepflasterten Höfchen
auf einer Matte. Zu seiner Linken nahmen wir auf einem ähnlichen Teppich
Platz, während sich einige neben der Königin zu seiner Rechten
niederließen. Es wurde gekochtes Elandfleisch auf Tellern servirt, auch
fehlten Messer und Gabeln nicht, deren Gebrauch dem Marutse-Hofe von den
von der Westküste kommenden Händlern beigebracht worden war. Als
Zuspeise zum Fleisch reichte man Manza, einen durchscheinenden Mehlbrei,
den ich später sehr nahrhaft fand.[10] Nach Tisch wurde ein
dickbauchiges, in einem langen gekrümmten Halstheil endigendes
Kürbißgefäß mit Impote (Honigbier) hereingebracht und dieses in
Blechbechern und in den von Westbeech dem Könige geschenkten Gläsern
credenzt. Der Mundschenk setzte sich, nachdem er in die Hände geklascht,
auf den freien Raum zwischen dem Könige und das Volk und trank selbst
den ersten Becher, dann nippte der König von dem nächsten und gab den
Rest der Lieblingskönigin zu seiner Rechten, dann mir und Blockley; auch
von den Häuptlingen wurden manche bedacht, doch nur uns wurde die Ehre
des »Zunippens« zu Theil. Nach beendetem Trunke des Impote stand der
König auf, zog seine Stiefel aus, reichte sie der Dienerin, die das
Essen herbeigebracht, und begab sich dann in seine Wohnung, in welcher
ich ihn am nächsten Morgen zu besuchen und mich beim Frühstück
einzufinden versprach.
[Fußnote 10: Ich hoffe die Manzawurzel zu einem der Ausfuhrmittel aus
dem Marutse-Reiche zu machen.]
Ich schlief schon seit zwei Stunden auf meinem Kistenlager, als ich
durch einen Lichtschimmer und ein Geräusch in dem kleinen Raume der
vorderen Kammer des Waarenhäuschens erwachte. Ich sah nun Sepopo von
seinen Leuten begleitet, unter den von Blockley mitgebrachten Waaren
herumkramen und endlich eine Wagenlaterne, um die er schon am Tage den
Händler vergebens angesucht, ergreifen, und sich dann schleunigst
entfernen. Dies war jedenfalls eine originelle Art und Weise, wie sich
der Marutse-Herrscher ihm gefallende Gegenstände zu verschaffen wußte.
Bevor ich noch die Erzählung meiner Erlebnisse am ersten in Schescheke
zugebrachten Tage beschließe, will ich noch einer Episode erwähnen, die
sich während des Impote-Trinkens zutrug. Es erschienen nämlich während
desselben vier mit Elfenbein beladene Männer, legten ihre Last auf einen
Haufen der in der Mitte der Umzäunung niedergelegten Elephantenzähne,
knieten dann nieder und klatschten in die Hände, indem sie zugleich
fünfmal mit der Stirne die Erde berührten und »Schangwe, Schangwe«
riefen. Dann standen sie auf und setzten sich in die hinterste Reihe und
blieben hier so lange ruhig sitzen, bis der König sein Mahl beendet.
Sodann krochen sie, dazu aufgefordert, etwas näher und klatschten sowohl
während als nach seiner Rede leise in die Hände und erzählten mit einem
nicht endenwollenden Wortschwall die Jagd, auf welcher sie das Elfenbein
erbeutet. Der König befahl ihnen am nächsten Tage wiederzukommen, um
Schießbedarf und eine kleine Belohnung entgegenzunehmen. Das Elfenbein
war als Krongut sein Eigenthum und die an die Unterthanen ausgegebenen
Gewehre waren diesen nur geliehen, d. h. wurden stets als des Königs
Eigenthum betrachtet und konnten jeden Augenblick zurückgefordert
werden.
Bei den anderen Weißen, die den König besuchten, war es Sitte, das
Geschenk, welches die Erlaubniß des Königs, das Land zu betreten,
erwirken sollte, vom rechten Tschobe-Ufer aus, bevor man noch Impalera
betreten, zuzusenden. Von mir wurde dies nicht gefordert, sondern ich
überreichte mein Geschenk, welches in einem Snider-Hinterlader und 200
Patronen bestand, erst nach meiner Ankunft.
Während das Nachtmahl am vorhergehenden Abend vor der Hütte eingenommen,
wurde das Frühstück in der Wohnung servirt. Die längliche einem acht Fuß
hohen Giebeldache nicht unähnliche Grashütte war durch eine Scheidewand
in zwei Hälften getheilt, in der vorderen Kammer, in welcher wir unser
Frühstück einnahmen, waren die Wände mit Marutse-Waffen, riesigen
Gewehren und auffallenden Kleidungsstücken darunter einer
portugiesischen Dragoner-Uniform, und riesigen Elephantenzähnen
geschmückt. Ich benützte die günstige Stimmung des Königs um mir von ihm
Aufklärungen über die Geschichte der Marutse und seines Reiches geben zu
lassen, und will im Folgenden diese Aufschlüsse, soweit sie mir später
von Häuptlingen bestätigt wurden, wiedergeben.