[504] =Zirlberg=, Tirol, im Oberinnthal, mit der steilen Martinswand.
[505] der =ellende Anblick=, bezieht sich auf den »armseligen
Steinhaufen«.
[506] =Beg=, =Bei=, Herr, Titel höherer Beamten und
vornehmer Fremden; =Beglerbeg=, =Beilerbei=, Titel der Statthalter,
welche sich drei Roßschweife vortragen lassen.
[507] =Bassa=, Pascha.
[508] =erkantlich=, erkenntlich, dankbar für geleistete Dienste.
[509] =ohnedel=, unadelich.
[510] =Fabeln=, Fieberphantasien.
[511] =Unlust=, Schmuz.
[512] =genießen=, ~cum genet. pers.~, von jemand Hülfe erhalten.
[513] =freuen=, ~trans.~ wie im Mhd., erfreuen.
Das sechsundzwanzigste Capitel.
Was die Leirerin weiters vor Possen angestellt, und wie sie endlich
ihren Lohn bekommen habe.
»Damit ich dann solches mein liebs Weibchen desto ehender wieder
antreffen möchte, so gesellete ich mich zu allerhand Störern[514],
Landläufern und solchen Leuten, bei welcher Gattung sie die meiste Zeit
ihres Lebens zugebracht. Bei denselben fragte ich fleißig nach, konte
aber weder Stumpf noch Stiel von ihr erfahren. Endlich kam ich auch
in diejenige Stadt, darinnen ich etwan hiebevor in die venetianische
Kriegsdienste kommen; daselbst gab ich mich meinem Wirth zu erkennen
und erzählte ihm, wie mirs seithero in Candia gangen, der mir dann als
ein guter alter Teutscher und zeitungsbegieriger Mann gar andächtig
zuhörete. Und als ich hingegen auch fragte, was sich seithero meiner
Abwesenheit Guts bei ihnen zugetragen, kam er unter andern auch auf
das Gespenst, das hiebevor die Abtisse so visierlich[515] geplagt
und vexirt, welches aber nunmehr wieder allerdings aufgehört hätte,
also daß man darvor halte, dasselbe Gespenst sei eben dasjenige
wunderbarliche Weibsbilde gewesen, deren Körper neulich ohnweit von
hinnen verbrant worden wäre. Weilen dann nun diß eben dasjenig war, was
ich zu wissen verlangte, so spitzte ich nit allein die Ohren, sonder
bat auch, er wolte mir doch die Histori ohnschwer[516] erzählen.«
»Darauf fuhre der Wirth in seiner Rede fort und sagte: Eben damals,
als die Abtissin von dem Gespenst so gequält und allerdings in einen
Argwohn gebracht wurde, als buhle sie mit ihrem Pistor[517], trugen
sich andere dergleichen Possen mehr beides hier in der Stadt und auf
dem Lande zu, also daß theils Leute vermeinten, es wäre dem Teufel
selbst verhängt[518] worden, diese Gegend zu plagen. Theils kamen
die Speisen vom Feur, anderen ihre Geschirr voll Wein oder Bier, dem
dritten sein Geld, dem vierten seine Kleider, ja sogar etlichen die
Ringe von den Fingern hinweg, welche Sachen man hernach doch anderwärts
in andern Häusern und auch bei andern Personen ohne ihr Wissen, daß
sie es hatten, wieder mehrentheils gefunden, woraus jeder Verständiger
leicht schlosse, daß der ehrlichen Abtisse auch Unrecht geschehen
wäre. Dann das war folgender Zeit gar nichts Neues mehr, daß einer
der andern Person nächtlicher Zeit die Kleider hinweg genommen und
andere darvor hingelegt worden, ohne daß man wissen konte, wie solches
zugangen und beschehen wäre. Es hielte ohnlängst hernach ein Freiherr
nicht weit von hinnen Beilager, warbei es wo nit fürstlich, jedoch
gräflich hergieng; bei welchem hochzeitlichem Ehrenfest der Braut ihr
herrlicher Schmuck und Kleidung, damit sie denselben Tag geprangt
hatte, samt dem Nachtzeug hinweg genommen und hingegen ein schlecht
Weiberkleid voller Läuse, wie es die Soldatenweiber zu tragen pflegen,
darvor hingelegt wurde, welches viel vor ein Zeichen hielten einer
künftigen unglückseligen Ehe. Aber diese Wahrsager gaben damit nur ihre
Unwissenheit zu erkennen.«
»Den nächst hierauf folgenden Maimonat spazierte ein Beckenknecht auf
einen Sonntag in einen etwan drei Meil von hier entlegenen Wald, des
Willens, Vogelnester zu suchen und junge Vögel auszunehmen; dieser
war beides von Angesicht und Leibsproportion ein schöner ansehnlicher
Jüngling und darneben fromm und gottsförchtig. Wie er nun an einem
Wässerlein hinauf schliche und sich hin und wieder umschauete, wurde
er eines Weibsbilds gewahr, die sich in demselbigen Wasser badet. Er
vermeinte, es wäre irgends eine Dirn aus dem Flecken, darin er damals
dienete; derowegen ließe er sich durch den Fürwitz bereden, daß er
sich niedersetzte; zu verharren, biß sie sich anlegte, damit er sie an
den Kleidern kennen und alsdann etwas an ihr, um daß er sie nackend
gesehen, zu vexieren haben möchte. Es gieng wie er gedachte, aber
doch etwas anders, dann nachdem diese Dame aus dem Wasser gestiegen,
legte sie keine Baurnjuppe an, sondern ein ganz silbern Stück[519]
mit guldenen Blumen. Hernach setzte sie sich nieder, kämpelt und
zöpfte ihre Haar, legte köstliche Perlein und andere Kleinodien um
den Hals und zierte ihren Kopf dergestalt mit dergleichen Geschmuck,
daß sie einer Fürstin gleichsahe. Der gute Beckenknecht hatte ihr
bißhero mit Forcht und Verwunderung zugesehen, und weil er sich vor
ihrer ansehenlichen Gestalt entsetzte, wolte er darvon gehen und sich
stellen, als wann er sie gar nicht gesehen hätte. Weil er aber gar zu
nahe bei ihr war, also daß sie ihn sehen muste, schrie sie ihm zu und
sagte: Höret, junger Gesell, seid ihr dann so grob und unhöflich, daß
ihr nicht zu einer Jungfrauen gehen dorft?«
»Der Beck wandte sich um, zog seinen Hut ab und sagte: Gnädigs
Fräulein, ich gedachte, es gezieme sich nit, daß ein unadelicher
Mensch, wie ich bin, sich zu einem solchen ansehnlichen Frauenzimmer
nähere.«
»Das müßt ihr nicht sagen, antwortet die Dame, dann es ist ja ein
Mensch des andern werth, und überdas hab ich schon etlich hundert Jahr
allhier auf euch gewartet. Sintemal es dann nun Gott einmal geschickt
hat, daß wir diese lang gewünschte Stund erlebt haben, so bitt ich euch
um Gottes willen, ihr wollet euch zu mir niedersetzen und vernehmen,
was ich mit euch zu reden habe.«
»Dem Beckenknecht war anfangs bang, weil er sorgte, es wäre ein
teufelischer Betrug, dardurch er zum Hexenhandwerk verführt werden
solt. Als er sie aber Gott nennen hörete, setzte er sich ohne Scheu zu
ihr nieder; sie aber fieng folgender Gestalt an zu reden.«
»Mein allerliebster und werthister Herzfreund, ja nach dem lieben Gott
mein einiger Trost, mein einzige Hoffnung und mein einzige Zuversicht,
euer lieber Nam ist Jacob und euer Vatterland heißt Allendorf; ich aber
bin Minolanda, der Melusinen Schwester Tochter, die mich mit dem Ritter
von Staufenberg[520] erzeugt und dergestalt verflucht hat, daß ich von
meiner Geburt an biß an Jüngsten Tag in diesem Wald verbleiben muß,
es seie dann Sach, daß ihr mich zu euerer Herkunft zu euerm Ehegemahl
erwählen und dardurch von solcher Verfluchung erlösen werdet; doch mit
diesem ausdrucklichen Vorbehalt und Geding, daß ihr euch wie bißher vor
allen Dingen der Tugend und Gottesforcht befleißigen, aller anderer
Weibsbilder müßig gehen und diesen unsern Heurath ein ganz Jahr lang
verschwiegen halten sollet. Darum so sehet nun, was euch zu thun ist!
Werdet ihr mich ehelichen und diese Ding halten, so werde ich nicht
allein erlöst, sonder wie ein ander Mensch auch Kinder zeugen und zu
seiner Zeit seliglich aus dieser Welt abscheiden, ihr aber werdet der
reichst und glückseligst Mann auf Erden werden; wann ihr mich aber
verschmähet, so muß ich, wie ihr bereits gehöret habt, biß an Jüngsten
Tag hier verbleiben und werde alsdann über euere Unbarmherzigkeit
ewiglich Rach schreien; das Glück aber, so ihr alsdann euer Lebtag
haben werdet, werden auch die Allerunglückseligste nicht mit euch
theilen wollen.«
»Der Beckenknecht, der sowol die Geschichte oder Fabul der Melusinä
als des Ritters von Staufenberg gelesen und noch viel mehr dergleichen
Märlin von verfluchten Jungfrauen gehöret hatte, glaubt alles, was
ihm gesagt worden; derohalben besonne er sich nicht lang, sonder gab
das Jawort von sich und bestätiget solche Ehe mit oft wiederholtem
Beischlaf. Sie aber gab ihm nach verrichter Arbeit etliche Ducaten
und nahm ein güldenes Kreuzlein, mit Diamanten besetzt und mit
Heiligthum[521] gefüllt, von ihrem Hals, das sie ihm gleichfalls
zustellte, damit er nicht sorgen solte, er hätte vielleicht mit einem
Teufelsgespenst zu thun. Und zum Beschluß wurde abgeredet, daß sie ihn
fürderhin die meiste Nächte in seiner Schlafkammer besuchen wolte,
worauf sie vor seinen Augen verschwunden.«
»Es waren kaum vier Wochen vergangen, als dem Beckenknecht bei der
Sach anfieng zu grausen; und indem ihm sein Gewissen sagte, es könte
mit dieser heimlichen und wunderbarlichen Ehe nicht recht hergehen,
da ereignete sich eine Gelegenheit, mit deren er hieher kam und
seinem Beichtvatter alle Geschichte außerhalb der Beicht vertraute.
Als dieser verstunde, was diese Meerfein[522] oder Minolanda, wie sie
sich genennet, vor einen Habit anhatte, und sich darbei erinnerte, daß
eben ein solcher einer vornehmen Fräulin bei ihrem Beilager entwendet
worden, gedachte er der Sach ferner nach und begehret auch das Kreuzlin
zu sehen, so ihm seine Beischläferin verehrt hatte. Als er solches
sahe, überredet er den Beckenknecht, daß ers ihm nur ein einzige halbe
Stund ließe, selbiges einem Jubilierer[523] zu weisen, um zu vernehmen,
ob das Gold auch just[524] und die Steine auch gut wären; er aber
verfügte sich sogleich damit zu obengemeldter Frauen, die zu allem
Glück hier war, und als sie solches vor das ihrig erkante, wurde der
Anschlag gemacht, wie diese Melusina beim Kopf bekommen werden möchte;
worzu der geängstigte Beckenknecht seinen Willen gab und alle mögliche
Hülf zu thun versprach.«
»Diesem nach wurden den dritten Abend zwölf beherzte Männer mit
Partisanen geschickt, die in des Becken Kammer um Mitternacht stürmten
und Thüren und Läden wol in acht nahmen, damit, als solche eröffnet,
niemand hinaus entrinnen könte. So bald solches geschahe, und auch
zugleich zween mit Fackeln in das Zimmer getreten waren, sagte der
Becker zu ihnen: Sie ist schon nit mehr da.«
»Er hatte aber das Maul kaum zugethan, da hatte er ein Messer mit
einem silbern Heft in der Brust stecken; und ehe man solches recht
wahrgenommen, da stak einem andern, der eine Fackel trug, eins im
Herzen, darvon derselbige alsobald todt darnieder fiele. Einer von
den Bewehrten ermaße, aus welcher Gegend diese Stich herkommen waren,
sprang derowegen zuruck und führte einen solchen starken Streich gegen
demselben Winkel zu, daß er damit der so unselig als unsichtbarn
Melusinen die Brust bis auf den Nabel herunter aufspielte[525].
Ja dieser Streich war von solchen Kräften, daß man nit allein die
vielgedachte Melusina selbst dort todt liegen, sonder ihr auch Lung
und Leber samt dem Ingeweid in ihrem Leib und das Herz noch zapplen
sehen konte. Ihr Hals hieng voller Kleinodien, die Finger staken
voll köstlicher Ring, und der Kopf war gleichsam in Gold und Perlen
eingehüllet. Sonst hatte sie nur ein Hemd, ein doppeltafften Unterrock
und ein Paar seidener Strümpfe an; aber ihr silbern Stück, das sie auch
verrathen, lag unter dem Hauptkissen.«
»Der Becker lebte noch, biß er gebeicht und communicirt hatte; er starb
aber hernach mit großer Reu und Leid und verwundert sich, daß so gar
kein Geld bei seiner Schläferin gefunden worden, dessen sie doch ein
Ueberfluß gehabt hätte. Sie ist ohngefähr aus ihrem Angesicht vor 20
Jahr alt geschätzt, und ihr Körper als einer Zauberin verbrant, der
Beck aber mit obgemeldten Fackeltrager in ein Grab gelegt worden. Wie
man noch vor seinem Abschied erfuhr, so hatte das Mensch beinahe eine
österreichische Sprach gehabt.«