[485] =grandig=, heftig, außerordentlich.
[486] =übertreiben=, übermäßig in Anspruch nehmen.
[487] =Spenglerleben=, ein faules Vagabundenleben, wie es
die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie
träges Gähnen.
[488] =Trillstern=, Drehscheibe, eine Art Roulette.
[489] =Riemenspiel=, =Riemenstechen=, ein derartig
künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen
will, stets vorbeisticht.
[490] =abgehen=, einschlagen, gelingen.
[491] =Zwickgabel=, gabelförmiger Zweig.
[492] =sich geheien=, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der
Bedeutung: sich packen.
[493] =brühen=, necken, foppen.
Das vierundzwanzigste Capitel.
Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen
angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder
ein Soldat gegen dem Türken wird.
»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konte,
schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren Bündl oder Pack auch
mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen; dann ich wuste wol,
daß sie kein Geld darinnen, sonder unser Baarschaft in ihrer Brust
vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt
desselbigen Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich[494] tönet, so
gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen
Schalmei und Geigen darin zu suchen.«
»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche mich
dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig
und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen solte. Sie gaben
mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichsthaler, und
da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut
oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen
mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm und
mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen. Und
dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären,
durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Thun und
Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen
und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man
Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in Candia wie dem
Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.«
»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das
schöne Bild auf der Säulen[495] allda betrachtete und sonsthin
nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in
Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus
wol hören konte, daß es Reichsthaler waren. Da ich nun die Hand in Sack
steckte und ein Handvoll Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs
Stimm, die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du
dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du wissest,
daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest,
um willen du dich meines Glücks nicht theilhaftig gemacht. Vor dißmal
gehe hin und versaufe diese, auf daß du deines Ellends ein wenig
vergessen mögest!«
»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen Fehler
vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten
und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber sie ließe sich gegen
mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine
Herberg und zechte beides mit den Werbern und ihren Neugeworbenen im
Brantwein biß in den Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem
Wirth Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel Gold
und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter
sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte Ducaten eines Schlags
befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs
Secret, als hätte ich sonst was thun wollen, beschaute aber nur meine
Thaler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib
obbemeldten reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich
keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn,
Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein Weib, das junge Rabenaas?
Sie hat nicht nur mir, sonder bei hundert Personen unterschiedlichen
Stands von ihren gestohlenen Thalern hin und wieder dem einen drei,
dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun
reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn
wieder; was aber arm, gewissenlos und meines gleichen gewesen, hat
ohne Zweifel sowol als ich behalten, was es in seinem Sack gefunden.
Und ich kan nit ersinnen, warum sie diß gethan haben muß, es habe
sich dann diese Vettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen.
Doch kan auch wol sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas
anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als
es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve[496] gieng und hin und
wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Thaler
von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrentheils
ihrem Herrn zugestellt worden. Dieses verursachte, daß des Herrn
unschuldig Gesind, welches Diebstahls halber im Verdacht und deswegen
befängnußt war, wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der
bestohlene Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die Thaler
wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist
viel schwerer als das Silber, und Sol[497] ist nicht so beweglich oder
leichtveränderlich wie Luna.«
»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Banquet
gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehenlich
Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal
und hatten die vier beste Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da
es nun bei dem Confect auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich
unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem
Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen,
waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen
gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die übrige mit
großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem
Winkel, darin die Spielleute gesessen, ein gählings Gelächter noch
mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet, daß nicht etliche unter
der Thüren erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal
erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen
zu bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie
bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner Tischbecher,
Platten und ander Geschirr mit einander herum tanzten; und obgleich
diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang
niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche
und Soldaten geholet, das Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen
abzutreiben; den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, und
nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr
nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war,
stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen unbesonnenen Pöfels
dergestalten, daß diejenige lucke[498] Klügling, die gestern wegen der
seltzamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so
muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder
unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, zu lästern
und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der
Armen Schweiß verschwendet.«
»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courage
als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellt.
Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin auf einem großen und reichen Stift
zu Gefallen ihre Leir gestimmt, um derselben ein Liedlein, und zwar ein
geistlichs, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen
Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese hören und
ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu streng und scharf den
Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die
ihr eben so verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines
solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu
erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen
pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und ihr etwan
eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester zu capiteln
vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es[499], eine Schlang oder
wol gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärpfer als ein
zweischneidig Schwerd befunden habe.«
»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine Hur an? antwortet
sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß
wir nicht all Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen
Tägen essen können Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm
darum, und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich
im übrigen auch ungestiegelfritzt![500] Wer weiß, wann vielleicht nicht
so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerinn als
Nonnen gefunden würden &c.«
»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. Jetzunder
aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen
als von der Abtissin und einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts
unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste,
das sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern
und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches in die Pfisterei[501]
trug. Dem Becken[502] steckte sie die Ring an seinen Finger und legte
der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht
jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel
durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt,
weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch
gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht zugewachsen,
kan man leicht erachten. Man redete noch von vielen Sachen, damit sich
das Gespenst mit der Abtissin vexirt, worwider weder Weihwasser, Agnus
Dei[503] noch andere Sachen nichts helfen wolten, darvon man aber die
Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wol erfahren konte.«
»Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft zusammen
gebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte zuruck bleiben, sihe,
da befand sich der Betrieger selbst betrogen, und muste der gute
Springinsfeld eben sowol als die andere um die Candische Gruben
springen, die er andern durch sein Zusprechen gegraben hatte, doch daß
ich die Stell eines Corporals zu Fuß bedienen solte.«