FUSSNOTEN:

[475] =die Witz=, ~fem.~ wie im Mhd., der Verstand.

[476] =durch=, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«.

[477] =~Oleum Bapolium~=, ~Oleum popoleum~, Pappelöl, aus den Knospen

der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel.

[478] =schmirben=, mhd. ~smirwen~, schmieren.

[479] =gerade=, gerade gewachsen.

[480] =verwiesen=, wie im Mhd. ~verwisen~, hinausgewiesen, verbannt,

heimatlos.

[481] =in ihre=, zu ihrer.

[482] =Puppaper=, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen

sein Affenspiel treibt.

[483] =Haftenmacher=, der Hefteln und Stecknadeln macht.

[484] =Spengler=, Gürtler, Klempner.

Das dreiundzwanzigste Capitel.

Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird

Springinsfeld nacheinander wieder los.

»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485]

Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so

verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach

und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen

wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu

machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub

zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486] und

hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese

ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu

kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich

auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die

Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem

Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes

Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte

mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen

Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen

den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer frommen Leirerin

zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und

gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht

trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich

etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt

verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare

Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern,

das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen

Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als

ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit

viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und

Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487],

darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich

zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.«

»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens,

das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen,

alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter

folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der

älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein

suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen

vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur

starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer

Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen,

weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein

ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches

reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte,

auch besser zuschlug.«

»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich

auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich

zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den

Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und

zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld

nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander im

Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden

Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken,

was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch

einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel-

und Riemenspiel[489] aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu

vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so

gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten

oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491]

liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte.

Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet

und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den

Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe

ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick

verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in

die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser,

wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines

Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte.

Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte

mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich

selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.«

»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was

ich habe.«

»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden

hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren

Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie

sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen

Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im

Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß

ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten

und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst

um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir

das Nest in die Hand. Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie

wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit

einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen

hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein

Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im

Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte

und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt,

sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen.

Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol

fühlen, wohin sie es gelegt hatte.«

»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, nicht wenig

verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen nichts gesehen noch

gehöret. Hingegen erzählte mir mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal

von einem Kerl gesagt, der ein solches Nest gehabt und sich durch

dessen Kraft und Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an

Ort und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das hätte er

unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch einen großen Schatz

gesamlet; wann ich derowegen wolte, so könte ich durch diß Kleinod

unserer Armuth auch zu Hülf kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich

und gefährlich, und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer

fände, der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann

einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt werden

möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben und allererst in

meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen legen wolte, so wolte ich

ehender das Nest verbrennen.«

»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret hatte, erwischte

sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: Du albere alte Hundsfutt,

du bist weder meiner noch dieses Kleinods werth, und es wäre auch

immer schad, wann du anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben

zubringen soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines

Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen wird,

genießen sollest.«

»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte sich doch

in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen lassen, was wir

täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen Leuten erhielten,

dabei wir gleichwol keinen Hunger leiden dörften. Sie antwortet: Ja,

ja, du alter Hosenscheißer, gehei dich[492] nur hin, und brühe[493]

deine Mutter! &c.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 70 / 92 题