[464] =den Abschied hinter der Thür nehmen=, heimlich davon gehen.
[465] die bairische Pfalz.
[466] =von denselbigen=, nämlich von ihren Reichthümern.
[467] =Frankenthal=, die Einnahme oder vielmehr die
Belagerung geschah im Jahre 1621; vgl. oben S. 182.
[468] =Friedengeld=, Abgaben, Steuern zu den Kosten der
Friedensverhandlungen, wie aus dem Nachsatz hervorgeht. Vgl.
Grimmelshausen's »Traumgesicht« (Ausgabe 1684), S. 739.
[469] =Funke=, =Fünkchen=, Schelm, verwegener Mensch.
[470] =eins anmachen=, etwas anthun, zu Leide thun.
[471] =aufgewannet.= Die übrigen Drucke haben »darauf gewohnet«.
=Aufwannen=, mit dem Vermögen aufräumen, es durchbringen oder
verlieren.
[472] =Umgelter=, Zolleinnehmer.
[473] =endlich=, mhd. ~endelich~, anstellig, hurtig, fleißig,
geschäftig.
[474] =Graf von Serin=, vgl. die Einleitung.
Das zweiundzwanzigste Capitel.
Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehlichung mit
einer Leirerin.
»Was ich mir gewünscht, das hab ich auch gefunden und erhalten, ohne
daß ich nicht dem Serin, sonder dem Römischen Kaiser selbst gedienet.
Ich kam eben, als etliche freiwillige Franzosen sich eingefunden, ihrem
König zu Gefallen wider die türkische Säbel Ehr einzulegen. Derselbe
Krieg gefiele mir nicht halber, und ich hatte auch weder ganzes noch
halbes Glück darinnen, weil ich mich anfänglich nicht darein richten
oder den Brief recht finden konte, zu lernen, wie mans machen müste,
daß man sich auch reich und groß kriegte. Doch schlendert ich so mit
und suchte jederzeit in den allerschärfsten Occasionen entweder meinen
Tod oder Ehr und Beuten zu erlangen, verblieb aber allzeit in dem Pfad
der Mittelmaß, und wann ich gleich zu Zeiten irgends eine Beut machte,
so hatte ich doch niemals weder das Glück noch die Witz[475] noch die
Gelegenheit, solche zu meinem Nutz aufzuheben und zu verwahren. Und
solcher Gestalt brachte ich mich durch[476] biß in die allerletzte
Hauptaction, in deren die Unserige zwar oben lagen, ich aber mein
vortrefflich Pferd durch einen Schuß verlor und unter demselben liegen
verbleiben muste mit gesundem Leibe, biß beides Freund und Feind das
Feld getheilt und sich etlichmal über mich hinüber geschwenkt hatten;
da ich dann von den Pferden so ellend zertreten worden, daß ich alle
Kräfte meiner Sinnen verloren, von den Siegern selbst vor todt gehalten
und auch als ein Todter gleich andern Todten meiner Kleider beraubt
worden, in denen ich etliche schöne Ducaten versteckt hatte.«
»Da ich nun wieder zu mir selber kam, war mir nicht anders, als wann
ich geradbrecht oder mir sonst Arm und Bein entzwei geschlagen worden
wäre. Ich hatte nichts mehr an als das Hemd und konte weder gehen,
sitzen noch stehen, und weil jeder verpicht war, die Todte zu plündern
und Beuten zu machen, als ließe mich auch ein jeder liegen, wie ich
lag, biß mich endlich einer von meinem Regiment fande, durch dessen
Anstalt ich zu unserer Bagage gebracht und da von diesem, dort von
jenem mit Kleidern und einem Feldscherer versehen wurde, der mich hin
und wieder mit seinem ~Oleum Bapolium~[477] schmirbte[478].«
»Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt worden. Der
Marquetender, so mich führen, und der Feldscherer, so mich curiren
solte, waren beide unwillig, und überdas muste ich Hunger leiden um
einen geringen Pfenning, dann mit dem Commißbrod wurde meiner mehrmals
vergessen, und bettlen zu gehen hatte ich die Kräften nicht. Indem
ich mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich müste auf dem
Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein geringes
Glück an, daß ich nämlich mit andern Kranken und Beschädigten mehr in
die Steirmark muste, alwo wir verlegt wurden, unsere Gesundheit wieder
zu erholen. Das währete, biß wir nach dem unversehenen Friedensschluß
zum theil unseren Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich
auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder Heller noch
Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem Leib behielte.«
»Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht gar richtig, in
Summa da war guter Rath theuer und bei mir Bettlen das beste Handwerk,
das ich zu treiben getraute. Dasselbe schlug mir auch besser zu als der
ungrische Krieg, dann ich fande ein faules Leben und süßes Brod, bei
welchem ich bald wieder meine vorige Kräfte eroberte, weil diejenige
gern gaben, die bedachten, daß ich um Erhaltung der Christenheit
Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.«
»Als ich nun meine Gesundheit wieder völlig erhalten, kam mir drum nit
in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu verlassen und mich ehrlich
zu ernähren, sonder ich machte vielmehr mit allerhand Bettlern und
Landstörzern gute Bekant- und Cameradschaft, vornehmlich mit einem
Blinden, der viel bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen
eine einzige gerade[479] Tochter hatte, die auf der Leier spielte und
nicht allein sich selbst damit ernährte, sonder noch Geld zuruck legte
und ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich alter
Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen Profession
ein Stab deines vorhandenen und nunmehr verwiesenen[480] Alters sein.«
»Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten zu einem Weib
bekommen möchte, überkam ich eine Discantgeige ihr zu Gefallen und half
ihr beides vor den Thüren und auf den Jahrmärkten, Baurentänzen und
Kirchweihen in ihre[481] Leir spielen, welches uns trefflich eintrug,
und was wir so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen
Vorthel. Die allerweißeste Stücklein Brod ließe ich ihr zukommen, und
was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen bekamen, ließe
ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bißweilen bei ihnen etwas Warms
schmarotzte, insonderheit wann ich etwan da oder dort einem Bauren
eine Henn abgefangen, die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das
ist beim allerbesten) zu säubern, zu füllen, zu spicken und entweder
gesotten oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol der
Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so verträulich mit mir,
daß ich mein Vorhaben nicht länger verbergen oder aufschieben konte,
sonder um die Tochter anhielte, darauf ich dann auch das Jawort stracks
bekam, doch mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß ich mich,
so lang ich sein Tochter hätte, nirgendshin häuslich niederlassen
noch den freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines
ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterthänig zu machen nit
verführen lassen solte; zweitens solte ich auch fürderhin des Kriegs
müßig stehen, und drittens mich jeweils auf des Blinden Ordre mit
seiner Familia aus einem friedsamen guten Land in das ander begeben.
Dahingegen versprach er mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten
und zu führen, daß ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten,
ob wir gleich bißweilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen müsten.«
»Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da sich allerhand
Landstörzer von guten Bekanten beifanden, als Puppaper[482],
Seiltänzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher[483],
Scheerenschleifer, Spengler[484], Leirerinnen, Meisterbettler,
Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist. Ein einzige alte
Scheuer war genug, beides Tafel und das Beilager darin zu halten,
in deren wir auf türkisch auf der Erden herum saßen und gleichwol
auf alt teutsch herum soffen. Der Hochzeiter und seine Braut muste
selbst in Stroh verlieb nehmen, weil ehrlichere Gäste die Wirthshäuser
eingenommen hatten, und als er murren wolte, um daß sie ihre
Jungfrauschaft nit zu ihm bracht, sagte sie: «Bistu so ein ellender
Narr, daß du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol
andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Bräuten
nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müste ich
mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen, sonderlich weil
dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt worden.»«
»Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte zwar das Maul
um etwas henken, aber sie sagte mir ausdrücklich, wann ich sie diß
Narrenwerks halber, das doch nur in einem eitelen Wahn bestünde,
verachten wolte, so wüste sie noch Kerl, die sie nicht verschmähen
würden.«