FUSSNOTEN:

[455] =handig=, hurtig, behende.

[456] =wehrlich=, gut befestigt und vertheidigt.

[457] =Wasserburg=, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern.

[458] =Mühldorf=, Stadt im Amtsbezirk gleichen Namens, Baiern.

[459] =Pfarrkirchen=, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts

in Niederbaiern.

[460] =Hilperstein=, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines

Bezirksamts, Baiern.

[461] =Heideck=, bei Hilpoltstein.

[462] =Musterschreiber=, der die Musterrollen führt, in welche die

Namen der Soldaten eingetragen werden.

[463] =beiseits=, besonders.

Das einundzwanzigste Capitel.

Springinsfeld verheurath sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk

er misbraucht, wird wieder ein Witwer und nimt sein ehrlichen Abschied

hinter der Thür[464].

»Ich war damals ein Mann von ungefähr 50 Jahren und traf zu bemeldtem

Regenspurg eine verwittibte Leutenantin an, die war nit viel jünger,

hatte auch nicht viel weniger Geld als ich. Und weil wir einander

öfters bei der Armee gesehen, machten wir desto ehender Kundschaft

mit einander. Sie merkte Geld hinter mir und ich hinter ihr auch, und

dannenhero fieng gleich eins das ander an zu vexiren, ob es nicht

mit uns beiden ein Paar geben könte, sagten auch beidenseits, wers

nicht glauben wolte, der möchte es zählen. Sie war in dem Land zu

Haus, darin man allerhand Religionen passiren läßt[465], und solches

war vor mich, weil ich noch keiner zugethan, sintemal ich alsdann

die Wahl haben konte, unter so vielen eine anzunehmen, die mir am

besten gefiele. Sie konte von ihren Reichthumen zu Haus nicht genug

aufschneiden, viel weniger genug beklagen, daß sie in ihrer Jugend

gleich im Anfang des Kriegs von ihrem Mann seligen von denselbigen[466]

hinweg geraubt und bei Einnehmung ihres Heimats zu seinem Weib wider

ihren Willen gemacht worden wäre, worbei man unschwer abnehmen kan,

daß sie nicht mehr jung gewesen, weil ihr so wol als mir die erste

Einnehmung der Festung Frankenthal[467] gedachte. Was darfs aber vieler

Umstände? Wir machtens gar kurz mit einander und traten nicht allein

mit der Heurathsabred, sonder auch mit der Copulation geschwind

zusammen. Beiderseits Zubringens halber ward unter andern auch diß

abgehandelt und verschrieben, daß ich, wann sie vor mir absterben

solte ohne Leibserben, darzu bei ihr dann ohnedas keine Hoffnung mehr

war, alsdann die Tage meines Lebens den Sitz und Genuß auf ihrem Gut

haben, ihren Sohn aber, den sie von ihrem ersten Mann hatte, ehrlich

aussteuren solte. 100 Gulden behielte ich mir vor, dieselbe hin zu

vermachen und zu verschenken, wohin ich wolte. Als nun diese Glock

dergestalt gegossen, eileten wir in ihr Vatterland, alwo ich zwar ein

wolgelegen steinern Wirthshaus fande wie ein Schloß, aber darum weder

Oefen, Thüren, Läden noch Fenster, also daß ich beinahe so viel zu

bauen hatte, als wann ichs von neuem hätte angefangen. Das überstunde

ich mit feiner Geduld und wendet mein Geldchen, und was mein Weibchen

hatt, getreulich an, so daß ich vor einen braven Wirth in einem braven

Wirthshause gehalten werden konte; und mein Weib konte auch den

Judenspieß so wol führen, als ein sechzigjähriger Burger von Jerusalem

hätte thun mögen, also daß unser Seckel, ohnangesehen der schweren

Ausgaben (dann ich muste auch Friedengeld[468] geben, da ich doch viel

lieber noch länger Krieg haben mögen), nicht leichter, sonder viel

schwerer wurde, vornehmlich darum, weil es damals viel reisende Leut

gab, beides von Handelsleuten, Exulanten und abgedankten Soldaten, die

ihr Vatterland wieder suchten, welchen allen mein Weib gar ordenlich zu

schrepfen wuste, weil ihr Haus hierzu sehr gelegen war.«

»Hierbeneben schachert ich auch mit Pferden, welcher Handel mir

trefflich wol zuschlug, und gleich wie mein Weib ein lebendigs

Erzmuster eines Geizwansts war, also gewöhnte sie mich auch nach

und nach, daß ich ihr nachöhmte und alle meine Sinne und Gedanken

anlegte, wie ich Geld und Gut zusammen scharren möchte. Ich wäre auch

zeitlich zu einem reichen Mann worden, wann mich das Unglück nicht

anderwärtlicher Weise geritten.«

»Es werden gemeiniglich diejenige, so prosperirn, von andern Leuten

beneidet und angefeindet, und das um so viel desto mehr, je mehr

bei denen, so reich werden, der Geiz verspürt wird; dahingegen die

Freigebigkeit bei männiglich Gunst erwirbt, vornehmlich wann sie mit

Demuth begleitet wird. Solchen Neid verspüret ich nicht ehender, als

biß seine Würkung ausbrach; dann gleichwie meine Nachbarn sahen, daß

meine Reichthum zusehens grüneten und aufwuchsen, also fienge ein jeder

an, nachzusinnen, durch welchen Weg mir doch solche so häufig zufallen

möchten, so gar daß auch etliche entblödeten zu gedenken, ich und mein

Weib könte hexen. Und also gab ein jeder ohn Wissen auf mein Thun und

Lassen heimlich genaue Achtung. Unter andern war ein Erzfunk[469] an

demselbigen Ort, dem ich ehemalen ein schön groß Stück wolgelegener

und fast lustiger Wiesen abpracticirt, das er mir nit gönnet, wiewol

ichs ihm ehrlich bezahlt hatte. Derselbe beriethe sich mit einem

Holländer und einem Schweizer, dann es wohneten allerlei Nationen an

selbigem Ort, wie sie mir doch hinter die Quelle meiner Reichthum

kommen und mir eins anmachen[470] möchten, und hierauf waren sie desto

geflissener, weil bereits etliche deren Landsleute aufgewannet[471]

hatten und verdorben waren, als welche sich nicht in dieselbe Landsart

schicken können. Einmals kamen mir zween Wägen voll Wein, der durch die

Umgelter[472] gleich angeschnitten und in Keller gelegt wurde, eben

als ich den folgenden Tag eine ansehenliche Hochzeit tractiren solte.

Weil nun gedachte meine drei Neider mir zugetrauten, ich könte aus

Wasser Wein machen, schütteten sie mir noch denselben Abend etwas von

geschnittenen Stroh, das man den Pferden unter dem Habern zu füttern

pflegt, in meinen Brunnen, und als sich dasselbige den andern Tag

auch in dem Wein fande, sihe, da war mir die Hand im Sack erwischt.

Man visitirt alle Faß und fande mehr Wein, als ich eingelegt hatte,

und in jedwederen Faß etwas von dem Häckerling; und ob ich gleich

schwören konte, daß ich von dieser Mixtur nichts gewust, dann mein

Weib und ihr Sohn waren ohne mich vor dißmal so endlich[473] gewest,

so half es doch nichts, sonder der Wein ward mir genommen und ich noch

darzu um 1000 fl. gestraft, welches meinem Weibchen dermaßen zu Herzen

gieng, daß sie vor Scham und Bekümmernus darüber erkrankte und den Weg

aller Welt gieng. Es wäre mir auch die Wirthschaft ferners zu treiben

gar niedergelegt worden, wann desselbigen Orts ein andere solche

ansehenliche Gelegenheit vorhanden gewesen wäre, die sich zu einer

Wirthschaft geschickt hätte.«

»Nach dieser Geschichte wurde ich allererst gewahr, was vor Freunde und

was Feinde ich bißher gehabt. Ich wurde so veracht, daß kein ehrlicher

Mann etwas mehr mit mir zu schaffen wolte haben. Niemand grüßte mich

mehr, und wann ich jemand einen guten Tag wünschte, so wurde mir nicht

gedankt. Ich kriegte schier keine Gäste mehr, ausgenommen wann etwan

irgends ein Fremdling verirret, oder ein solcher noch nichts von meiner

Kunst gehöret hatte. Solches alles war mir schwer zu ertragen, und weil

ich ohnedas auch eine Kurzweil mit zweien Mägden angestellt hatte,

welches in Bälde seinen Ausbruch mit Händen und Füßen nehmen würde, so

packte ich von Geld und Geldswerth zusammen, was sich packen ließe,

setzte mich auf mein bestes Pferd, und als ich vorgeben, ich hätte

meiner Gewohnheit nach Geschäfte zu Frankfort zu verrichten, nahm ich

meinen Weg auf die rechte Hand der Donau zu, dem Grafen von Serin[474],

der damal fast die ganze Welt mit dem Ruf seiner Tapferkeit erfüllet,

wider den Türken zu dienen.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 68 / 92 题