[350] =mehrentheils=, ~adv.~, wie »theils« von Grimmelshausen öfter
als Substantiv gebraucht.
[351] =Occasion=, Treffen, Gefecht.
[352] =Unterhabende=, Untergebene.
[353] =die kleine Seit=, die Kleinseite, ein Stadtviertel von Prag.
[354] =zusprechen=, zuerkennen.
[355] =dem Holtzischen Regiment=, vgl. S. 178, Anm. 1.
[356] =Anfall=, das Zufallen.
[357] =eine Stadt und Vestung=: Ingolstadt, auf welches der
König von Schweden im April 1632 einen vergeblichen Angriff machte;
dabei fiel Markgraf Christoph von Baden.
[358] =Georg Friedrich von Holtz=, ein »Soldat von Fortun«,
stieg bis zum Feldmarschall-Lieutenant im Dienst des Kurfürsten von
Baiern; starb 1666.
[359] =dem großen Atlante.= Es ist hier nicht der mythische
Atlas, sondern eine der mit diesem Namen damals schon benannten
Kartensammlungen gemeint. Vgl. unten S. 208.
[360] =verfügen=, ausmachen, verabreden.
[361] =überein=, durchaus.
[362] =courtois=, höflich.
[363] =auszahlen=, voll bezahlen.
Das zwölfte Capitel.
Springinsfeld wird ein Trommelschlager, darnach ein Musquetierer; item
wie ihn ein Baur zaubern lernet.
Als Springinsfeld Obiges von diesen dreien namhaften Verschwendern
erzählt hatte und nun ein wenig pausirte, sagte Simplicissimus:
»Dieser letzte thät zwar thörlich genug, aber gleichwol weislicher als
die zween erstern, und ich kan mir keine größere Thorheit unter den
Menschen einbilden, als derjenige eine begehet, der viel Gelds hat
und mit einem anfahet zu spielen, der wenig vermag. Aber mit dieser
Erzählung bistu aus dem Gleis deines eignen Lebenslaufs gefahren,
welchen ich so herzlich zu vernehmen verlange. Wir verblieben bei den
Spanischen in Niederland. Wie gieng dirs daselbst weiters?«
Springinsfeld antwortet: »Ich kan nit anders sagen, als wol; dann wann
ich denselben Krieg gegen dem letzteren vergleichen soll, so war jener
gülden und dieser eisern. In jenem wurden die Soldaten ausbezahlt und
gebraucht, doch aber ihr Leben nicht leichtlich hazardirt; in diesem
aber wurden sie ohnbezahlt gelassen, die Länder ruinirt und beides
Bauern und Soldaten durch Schwert und Hunger aufgeopfert, also daß man
auf die Letzte schier nicht mehr kriegen konte.«
Simplicius fiele ihm in die Rede und sagte: »Entweder redestu im
Schlaf, oder wilst wieder aus dem Weg treten. Du wilst den Krieg
unterscheiden und vergißt abermal deiner eignen Person; sage darvor,
wie es dir selbst gangen.«
»Ich muß ja wol«, antwort Springinsfeld, »ein wenig Umstände machen,
wann ich der vorigen guten Täge gedenke und mich zugleich des
nachfolgenden Ellends erinnere; aber die Folge meiner Histori ist
diese. Ich kam mit den Spanischen in die untere Pfalz, als Ambrosius
Spinola dasselbe glückselige Land gleichwie mit einer Sündflut
überfiele und in kurzer Zeit wunderviel Städte unter seinen Gewalt
brachte. Da machte ichs mit unordenlichem Leben so grob, daß ich
darüber erkrankte und zu Worms (allwohin sich Don Gonsales de Cordua
retirirt, nachdem er die Frankenthalische[364] Belägerung wegen Ankunft
des Mansfelders, welchen Tilly zu Mannheim über den Rhein gejagt,
aufheben müssen) krank zuruck geblieben, alwo ich den ersten Tuck
empfand, den mir das Glück im Krieg erwiesen; dann ich muste mich mit
Bettlen behelfen und viel schmähliche Reden hören, weil ich nichts zu
verzehren hatte. Sobald ich aber wieder ein wenig erstarkte, ließe ich
mich durch zween andere Kerl überreden, daß ich mit ihnen gegen[365]
der Tillyschen Armee gieng, welche wir durch Abweg erreichten, eben als
sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder und ihrem Unglück entgegen
marschierte.«
»Ich war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17 Jahren, und
gleichwol wurde ich noch nicht vor capabel gehalten, mich unter die
~Tirones~[366] aufzunehmen; aber zu einem Tambour hätte man keinen
ärgern Ausbund kriegen können, maßen ich auch vor einen solchen
aufgenommen und, so lang ich mich darzu gebrauchen ließe, auch darvor
gehalten wurde. Wir bekamen damal zwar ein wenig Stöße, es war aber
nichts gegen denen zu rechnen, die wir hernach vor Wimpfen wieder
austheileten. Hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen, weil
es sich in dem Nachzug befande; dort aber erwies es seinen Valor desto
tapferer. Ich selbst thät damals etwas Ohngewöhnlichs: ich henkte meine
Trommel auf den Buckel und nahm hingegen eines Todtbliebenen Musquet
und Bandelier und gebrauchte mich damit im allervördersten Glied
dermaßen, daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen, sonder ihm auch
mein Obrister selbst gefallen lassen muste. Und damit erlangte ich
dasselbig mal nicht allein Beuten, sonder auch ein ziemlich Ansehen,
daß ich meine Trommel gar ablegen und fürderhin eine Musquete tragen
dörfte.«
»Unter diesem Regiment half ich den Braunschweiger bei dem Main
schlagen, item bei Stattlo[367], und kam auch endlich mit demselbigen
in Dänemärkischen Krieg in Holstein, ohne daß ich noch ein einzig
Härlein Bart oder eine empfangene Wunden aufzuweisen gehabt hätte. Und
nachdem ich bei Lutter den König selbst besiegen helfen, wurde ich
kurz hernach in eben solcher Jugend gebraucht, Steinbruck, Verden,
Langwedel, Rothenburg, Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu
helfen, und endlich um meines Wolverhaltens, auch meiner Officier Gunst
willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf Salva Guardi[368] gelegt,
allwo ich beides meinen Leib erquickte und meinen Beutel spickte. So
kriegte ich auch unter diesem Regiment drei seltzame Nachnamen. In
der Erste nante man mich den General Farzer, weil ich, da ich noch
ein Trommelschlager war, auf einer Bank liegend den Zapfenstreich
ein ganze Stund lang, auch wol länger, mit dem Hintern verrichten
oder hören lassen konte. Zum andern wurde ich der hürnen Seifrid[369]
genant, weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Banddegen[370],
den ich in beiden Händen führte, dreier Kerl erwehrete und sie übel
zu schanden hauete. Den dritten brachte mir ein Diebsbaur auf, als
welcher verursachte, daß man der ersten beiden Namen vergaß und mich
wegen eines lächerlichen Possens, den ich mit ihm anstellete, forthin
den Teufelsbanner nennete. Das fügte sich also. Demnach ich einsmals
etliche Roßhändler mit friesländischen Pferden aus unserm Quartier in
ein anders convoirte und selbigen Tag nicht wieder heim kommen konte,
übernachtet ich bei gedachtem Bauren, der auch ein paar Kerl von unserm
Regiment bei sich im Quartier liegen und eben denselbigen Tag ein
paar feister Schwein gemetzget hatte. Er war nit wol mit übrigem[371]
Bettwerk versehen und hatte auch keine warme Stub, wie dann selbiger
Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist, und derowegen logirte ich
im Heu, nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten guter neugebachener
Würste abgespeiset hatte. Dieselbe schmeckten mir so wol, daß ich nicht
darvor schlafen konte, sonder lag und spintisirte, wie ich auch der
Schweine selbst theilhaftig werden möchte. Und weil ich wol wuste, wo
sie hiengen, nahm ich die Mühe, stunde auf und trug ein halb Schwein
nach dem andern in einen Nebenbau und verbarg sie daselbst unter das
Stroh, der Meinung, solche die künftige Nacht mit Hülf meiner Cameraden
zu holen. Des Morgens aber, als es tagen wolte, nahm ich beides von dem
Bauren und seinen Söhnen, das ist den Soldaten, die bei ihm lagen,
einen freundlichen Abschied und gieng meines Wegs; aber der Baur war
so bald in meinem Quartier als ich selbsten, und klagte mir, daß ihm
die verwichne Nacht zwei Schwein gestohlen worden wären. Was, sagte
ich, du schlimmer Vogel, wilstu mich mit Diebsaugen ansehen? Ich machte
auch so gräßliche Mienen, daß dem Tropfen angst und bang bei mir wurde,
sonderlich als ich ihn fragte, ob er Stöße von mir haben wolte. Weil er
ihm nun leicht die Rechnung machen konte, wo es hinaus laufen würde,
wann er mich desjenigen, so ich verrichtet, bezüchtigte, das zwar auch
sonst niemand als eben ich gethan haben, er aber gleichwol nicht auf
mich erweisen könte, da kam der schlaue Vocativus auf ein andern Schlag
und sagte: «Min Heer, ik vertruwe ju nichtes Böse, maer iken hebbe mi
segen laten, dat welche[372] Kriegers wat Künste konden maken, derliken
Saken weder bitobrengen; wann gi dat künnt, ik sal ju twen Richsdaler
gewen.»«
»Ich überschlug die Sach, weil wir gleich wol als in unsern Quartiern
Ordre halten musten, und ersanne bald, wie ihm zu thun wäre, damit
ich die zween Thaler mit Manier bekommen möchte, sagte derohalben zum
Bauern: «Mein Vatter, das wäre ein anders. Er bitte meinen Officier,
daß er mir erlaube, mit ihm heim zu gehen, so will ich sehen, was ich
kan ausrichten.»«
»Dessen war er zufrieden und gieng alsobalden mit mir zu meinem
Corporal, der mir um soviel desto ehender erlaubte, mitzugehen, weil
er mir an dem Winken meiner Augen ansahe, daß ich den Bauren betriegen
wolte; dann wir hatten in den Quartiern sonst nichts zu thun, als zu
kurzweilen, seitemal wir den König von Dänemark aus dem Feld gejagt
und alle Belägerung geendigt hatten, maßen wir damals der Cimbrier
ganzen Chersonesum[373], alles was zwischen dem Baltischen Meer und
großen Oceano, zwischen Norwegen, der Elb und Weser lag, geruhiglich
beherrschten.«
»Zu unserer Hinkunft ins Baurenhaus fanden wir den Tisch schon gedeckt
und mit einem Potthast[374], einem Stück kalten Rindfleisch aus dem
Salz, mit trögen[375] Schunken, Knackwürsten und dergleichen Dings wie
auch mit einem guten Trunk Hamburger Bier geziert. Mir aber beliebte,
zuvor die Kunst zu brauchen und alsdann erst zu schlampampen. Zu
solchem Ende machte ich mit meinem bloßen Degen enmits over Deelen[376]
zween Ring in einander und zwischen dieselbige etliche Pentalpes[377]
und ander närrisch Gribes-Grabes, wie mirs einfiele, und als ich
fertig damit war, sagte ich zum Umstand, wer sich förchte oder zum
erschröcken geneigt sei und derohalben den leibhaftigen Teufel und sein
Mutter selbst in grausamer Gestalt nicht anzusehen getraue, der möge
wol abtreten. Darauf gieng alles von mir weg, biß auf einen Böhmen,
der auch bei dem Bauren in Quartier lag, welcher bei mir verblieb,
mehr weil er auch gern zaubern gelernet, wann er nur einen Lehrmeister
gehabt, als daß er vor anderen beherzter gewesen wäre. Wir wurden beide
verschlossen und verriegelt, damit ja niemand das Werk verhinderte, und
nachdem ich dem Böhmen bei Leib- und Lebensgefahr still zu schweigen
auferlegt, trate ich mit ihm in den Ring, wie er eben anfieng wie ein
Espenlaub zu zittern. Weil ich dann nun einen Zuseher hatte, so muste
ich der Sach auch ein Ansehen machen und eine Beschwerung brauchen,
so in einer fremden Sprach geschehen muste. Derowegen thät ich solche
auf Sclavonisch und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden:
«Hier stehe ich zwischen den Zeichen, welche die Einfältige bethören
und Narren den Kolben lausen. Derohalben, so sag du mir, du General
Farzer, wohin der Hürnen Seifrid die vier Schwein versteckt, welche er
verwichne Nacht diesem närrischen Bauren gestohlen, um solche künftige
Nacht mit seinen guten Brüdern vollends abzuholen.«
»Und nachdem ich solche Beschwerung ein paar mal wiederholet, machte
ich so seltzame Gauklersprüng in meinem Ring und ließe so vielerlei
Thierer Stimme mithin hören, daß der Böhm, wie er mir hernach selbst
bekant, vor Angst in die Hosen gethan hätte, wann er meine schnackische
Beschwerung nicht verstanden. Wie ich nun des Dings bald müd wurde,
antwortet ich mir selber mit einer hohlen dümpern[378] Stimme,
gleichsam als wann sie von fernen gehöret würde: Die vier halbe Schwein
liegen im Nebenbau auf dem Stall unterm Stroh verborgen.«
»Und damit hatte das ganze Werk meiner Zauberei ein Ende. Der Böhm aber
konte das Lachen kaum verhalten, biß wir aus dem Ring kamen.«
»«O Bruder», sagte er auf Böhmisch zu mir, «du bist wol ein Schalk,
die Leute zu äffen.» Ich aber antwortet ihm in gleicher Sprach: «Und
du bist wol ein Schelm, wann du die Geheimnus dieses Stücks nicht
verschweigest, biß wir aus diesen Quartieren kommen; dann solcher
Gestalt muß man den Bauren kratzen, wo sie es bedörfen.»«
»Er versprach, reinen Mund zu halten, und hielte es nicht nur schlecht
hinweg, sonder log noch einen solchen Haufen Dings darzu, was er
nämlich in währender Action vor Spectra gesehen, daß die, so mich vorm
Hause nur gehöret hatten, alles glaubten und mit ihrer Autorität so
viel bezeugten, daß man mich vor ein Schwarzkünstler hielte, und mich
beides Baurn und Soldaten den Teufelsbanner nenneten. Ich bekam auch
bald mehr Kundenarbeit und glaube, wann ich noch länger bei demselbigen
Regiment verblieben wäre, es hätten mir etliche auch zugemuthet, ich
solte Reuter in Feld und hingegen ganze Parteien und Esquadronen
unsichtbar machen[379]. Der Baur, nachdem er sein schweinen Fleisch
wieder hatte, gab mir die zween Reichsthaler mit großem Dank und samt
seinen Soldaten den ganzen Tag Fressen und Saufen vollauf.«