[332] =neuangestandener=, neu eingetretener.
[333] =stürzen=, störzen, sich als Landfahrer umhertreiben.
[334] =Freundschaft=, Verwandtschaft.
[335] =lieber=, ~interj.~, ~quæso~.
[336] =Stamm=, Abstammung, Stand.
[337] =aus dem Geschirr schlagen=, wie: über den Strang schlagen.
[338] d. h. an deinen eigenen Erfahrungen abnehmen, wie es andern
ergeht.
Das zehnte Capitel.
Springinsfelds Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.
»Nun, das sei dann genug von den Weibern geredet«, sagte Simplicius,
»seitemal ich sehe, daß ich dich doch nicht anders oder eine zu
heurathen persuadirn können; hingegen aber möchte ich wol von dir
vernehmen, wo du gebürtig, wie du in Krieg kommen und wie es dir
bißhero darinnen ergangen, biß du aus einem so tapfern Soldaten zu
einem solchen elenden Stelzer worden seiest.«
Springinsfeld antwortet: »So du dich nicht gescheuet hast, deinen
eignen Lebenslauf aller Welt durch den offenen Druck vor Augen zu
legen, so werde ich mich auch nit schämen, den meinigen hier im
Finstern zu erzählen; vornehmlich weil bereits offenbar sein soll,
was zwischen mir und der Courage vorgangen, die gleichwol uns beide,
wie ich vernehme, mit einander verschwägert. Jetzt höre dann deines
Schwagers Ankunft.«
»Meine Mutter ist eine Griechin aus Peloponeso von hohem altem
Geschlecht und großen Reichthumen, mein rechter Vatter aber ein
albanesischer Gaukler und Seiltanzer und darneben von schlechter
Ankunft[339] und geringen Mittlen gewesen. Als dieser mit einem zahmen
Löwen und einem Dromedari in der Gegend, darin meiner Mutter Eltern
gewohnet, herum zohe[340] und beides diese Thier und seine Kunst
um Geld sehen ließe, gefiele Besagter meiner Mutter, die damal ein
junges Ding von 17 Jahren war, dessen Leibsproportion und Geradigkeit
so wol, daß sie sich gleich in ihn vernarrete, also daß sie mit
Hülf ihrer Ammen einen Anschlag machte, ihren Eltern ein Stück Geld
auszufischen und mit besagtem meinem Vatter wider ihrer Eltern Wissen
und Willen darvonzuziehen. Und solches hat ihr auch zu ihrem Unglück
geglückt, unangesehen sie einander aufrecht[341] geehlicht. Also wurde
meine Mutter aus einer seßhaften vornehmen Damen eine umschweifende
Comödiantin, mein Vatter ein halber Junker, und ich selbst die erste
und letzte Frucht dieser ersten Ehe, sintemal mein Vatter, da ich kaum
geboren worden, von einem Seil herunter stürzet und den Hals zerbrach,
durch welchen leidigen Fall meine Mutter also zeitlich zu einer Wittib
wurde.«
»Zu ihren erzörnten Eltern hatte sie das Herz nit wieder heimzukehren,
ohne daß sie sich damaln auch über die hundert Meilen von denselbigen
im Dalmatia bei einer Compagnie Comödianten befande; hingegen war
sie schön, jung und reich und hatte dannenhero unter meines Vattern
hinterlassenen Cameraden viel Werber. Von dem sie sich freien ließe,
der war ein geborner Sclavonier und der allerfertigste in derjenigen
Profession, die mein Vatter geübt hatte. Dieser zohe mich auf, biß
ich das elfte Jahr erreichte, und lehrete mich alle ~principia~
seiner Kunst, als Trompetn, Trommelschlagen, Geigen, Pfeifen, beides
auf der Schalmei und Sackpfeifen, aus der Taschen spielen, durch den
Reif springen und andere seltzame Aufzüg und närrische Affen-Posturen
machen, also daß ein jeder leichtlich sehen konte, daß mir das eine und
das ander mehr angeborn als angeflogen oder durch fleißige Instruction
angewöhnet worden. Dabei lernete ich lesen und schreiben, griechisch
reden von meiner Mutter und sclavonisch von meinem Vatter. So begriffe
ich auch mithin in Steyr, Kärnten und andern angrenzenden teutschen
Provinzen um etwas die teutsche Sprach und wurde in Summa Summarum in
Bälde ein solcher feiner kurzweiliger Gauklerknab, daß mich gedachter
mein Vatter bei seinem Handwerk zu missen um keine 1000 Ducaten
verkauft hätte, wann gleich alle Tag Jahrmark gewesen wäre.«
»In solcher meiner blühenden Jugend vagirten wir mehrentheils in
Dalmatia, in Sclavonia, Macedonia, Servia, Wossen[342], Walachei,
Siebenbürgen, Reußen, Polen, Littau, Mährn, Böhmen, Ungarn, Steyr
und Kärnten herummer; und da wir in diesen Ländern viel Geld
aufgehoben[343] hatten und mein Stiefvatter willens war, seines Weibs
Eltern auch zu besuchen (als vor denen zu erscheinen er sich nicht
scheuete, weil er sich gar einen reichen Kerle zu sein bedunkte und wie
ein Graf aufziehen konte), sihe, so nahm er seinen Weg aus Histria[344]
in Croatiam und Sclavoniam; von dannen führt ers durch Dalmatia und
Albania per Gräciam in Moream zu gehen, alwo dann meiner Mutter Eltern
sich befanden.«
»Als wir nun durch Dalmatiam passirten, wolte mein Vatter seine Kunst
auch in der berühmten Stadt Ragusa sehen lassen, oder vielmehr
dieselbige auch um einen guten Zehrpfenning schätzen[345], als
welche damal in völligem Flor und Reichthum stunde. Wir kehrten
daselbst zu solchem Ende ein, und zwar nicht in der Kirchen, sonder
unserer Gewohnheit nach in dem allerbesten Wirthshause; und als wir
blößlich[346] eine Nacht ausgeruhet, gieng mein Stiefvatter hin,
um Consens anzuhalten, daß er beides seine bei sich habende fremde
Thier und seine Kunst um die Gebühr dem Volk möchte weisen. Es wurde
erlaubt, und ehe solche Erlaubnus kaum erbeten ward, wurde ich samt
meinem Stiefbruder, der mir weder in Dexterität unserer Kunst noch
in andern Stücken bei weitem nicht zu vergleichen, mit einem Reif,
einer Gaukeltaschen und andern Instrumenten, geschickt, zu sehen, ob
ich nicht auf den Schiffen, die damals im Hafen lagen, ein Stuck Geld
verdienen könte. Ich gehorsamte gern, der Meinung, dem Schiff- und
Wasservolk durch meine krumme und seltzame Luftsprüng Freud und Lust zu
machen; aber ach! ich gelangte an ein Ort, das alles meines Jammers,
Elends und eignen Unlusts ein Anfang war; dann nachdem etliche Schiffe
außer dem Hafen segelfertig auf der Reide[347] lagen, die nur auf guten
Wind warteten, etliche neugeworbene Völker, darunter zwo Compagnien
albanesische Speerreuter waren, nach Hispanien zu führen, sihe, da
geriethen wir unversehens auf dieselbe Schiffe, weil wir durch einen
der Ihrigen im Nachen[348] überredet worden waren, es würde daselbst
ein trefflich Trinkgeld setzen, maßen uns auch derselbige Nache mit
überführte. Wir hatten unsere Exercitia kaum angefangen, als sich aus
Mitternacht ein Wind erhub, der bequem war, aus dem Adriatischen Meer
in das Sicilianische zu laufen; demselben vertrauten sie die Segel,
nachdem die Anker gelupft waren, und lehreten mich und meinen Bruder
das Schiffen wider unsern Willen erdulden. Jener thät, als wolte er
verzweifeln; ich aber ließe mich noch trösten, nicht allein darum, weil
ich von Natur alles gern auf die leichte Achsel nehme, sonder auch,
weil mir der eine Rittmeister, der sich ganz in meine Gestuosität[349]
verliebt, gleichsam güldene Berge versprach, wann ich bei ihm bleiben
und sein Page abgeben würde. Was solte ich thun? Ich konte wol
gedenken, daß kein Schiff unserthalben wieder zurück fahren, noch die
Raguser zweier entführten Gauklerbuben wegen, wann sie nicht geliefert
wurden, diesen Schiffen nachjagen und mit ihnen eine Seeschlacht
angehen oder einen Krieg anfahen würden. Derowegen gab ich mich nur
desto geduldiger drein, genosse es auch besser als mein Bruder, welcher
sich dergestalt kränkte, daß er starb, ehe wir wieder von Sicilia
abfuhren, alwo wir noch einige Fußvölker einnahmen.«
»Von dannen gelangten wir in das Mailändische, und so fort zu Land
durch Saphoiam, Burgund, Lotharingen ins Land von Lützenburg, und also
in die Spanische Niederlande, alwo wir neben andern Völkern mehr unter
dem berühmten Ambrosio Spinola wider des Königs Feinde agirten. Um
dieselbige Zeit befande ich mich noch ziemlich wol content: ich war
noch jung, mein Herr liebte mich und ließe mir allen Muthwillen zu;
ich wurde weder durch strenges Marschiern noch andere Kriegsarbeiten
abgemattet; so wuste ich auch noch nichts vom verdrüßlichen
Schmalhansen, als welcher damals bei weitem noch nicht so bekant bei
unser Soldatesca war, als er sich nachgehends im teutschen Krieg
gemacht hat, in welchem ihn auch Obriste und Generalspersonen haben
kennen lernen.«