Springinsfeld sagte darauf: »Was geheits mich?«

Aber der gute Simplicius schüttelt den Kopf mit einem tiefen

Seufzen[315].

Es war damals schier um 2 Uhr Nachmittag, und wir hatten alle drei

überflüssig genug gefüttert, als Springinsfeld Simplicium fragte, womit

er sich doch ernähre, und was sein Stand, Handel und Wandel wäre. Er

antwortet ihm: »Daß will ich dich sehen lassen, ehe ein halbe Stund

vergehet.«

Und als er kaum das Maul zugethan hatte, kam sein Knan[316] und Meuder

samt einem starken Bauernknecht daher, welche zwei Paar ausgemäste

Ochsen vor sich trieben und in Stall stelleten. Er verschaffte, daß

besagte seine beide Alte alsobalden aus der Kälte in die warme Stub

gehen musten, welche in der Wahrheit aussahen, wie ihre Bilder auf

Simplicii Ewigem Calender[317] darstellen; und als der Knecht auch

hineinkam, befahl er dem Wirth, daß er ihnen Essen und Trinken geben

solte; er selbst aber nahm den Sack, den sein Knecht getragen, und

sagte dem Springinsfeld: »Jetzt komm mit mir, damit du sehest, womit

ich mich ernähre!«

Mir aber sagte er, wann ich wolte, so könte ich wol auch mitgehen.

Also zottelten wir alle drei auf einen volkreichen Platz, wohin

Simplicius einen Tisch, eine Maß neuen Wein und ein halb Dutzet leere

Gläser bringen ließe. Das hatte ein Ansehen, als wann wir dorten auf

offenem Markt in der größten Kälte hätten mit einander zechen wollen.

Wir kriegten bald viel Zuseher, behielten aber keinen beständigen

Umstand[318], dieweil die grimmige Kälte einen jeden wieder fortzugehen

drang[319]. Das sahe Springinsfeld, sagte derohalben zum Simplicio:

»Bruder, wiltu, daß ich dir diese Leute hier still stehend mache?«

Simplicius antwortet: »Die Kunst kan ich wol selber, aber wann du

wilt, so lasse sehen, was du kanst!«

Hierauf wischte Springinsfeld mit seiner Geige herfür und fieng an zu

agirn und zugleich darunter zu geigen. Er machte ein Maul von 3, 4,

5, 6, ja 7 Ecken, und indem er giege[320], musicirte er auch mit dem

Maul darunter, wie er zuvor im Wirthshause gethan hatte. Da aber die

Geige, als welche in der Wärme gestimmt worden, kein gut in der Kälte

mehr thun wolte, übte er allerhand Thierer Geschrei, von dem lieblichen

Waldgesang der Nachtigallen an bis auf das forchterlich Geheul der

Wölfe, beides inclusive, warvon wir dann ehender als in einer halben

Viertelstund einen Umstand bekamen von mehr als 600 Menschen, die vor

Verwunderung Maul und Augen aufsperrten und der Kälte vergaßen.

Simplicius befahl dem Springinsfeld zu schweigen, damit auch er dem

Volk sein Meinung vorbringen könte. Als diß geschahe, sagte Simplicius

zum Umstand: »Ihr Herren, ich bin kein Schreier, kein Storger, kein

Quacksalber, kein Arzt, sonder ein Künstler. Ich kan zwar nit hexen,

aber meine Künste seind so wunderbarlich, daß sie von vielen vor

Zauberei gehalten werden. Daß aber solches nit wahr sei, sonder alles

natürlicher Weis zugehe, ist aus gegenwärtigem Buche zu ersehen,

als warinnen sich genugsame glaubwürdige Urkunden und Zeugnussen

dessentwegen befinden werden.«

Mit dem zog er ein Buch aus dem Sack und blättert darin herum, dem

Umstand seine glaubwürdige Schein zu weisen, aber sihe, da erschienen

eitel weiße Blätter. »So!« sagt er darüber, »so sehe ich wol, ich stehe

da wie Butter an der Sonnen. Ach«, sagte er zum Umstand, »ist kein

Gelehrter unter euch, der mir einige Buchstaben hinein blasen könte?«

Und demnach zween Stutzer zunächst bei ihm stunden, bat er den einen,

er solte ihm nur ein wenig ins Buch blasen, mit Versicherung, daß es

ihm weder an seinen Ehren noch an seiner Seligkeit nichts schaden

würde. Da derselbe solches gethan, blättert Simplicius im Buch herum.

Da erschiene nichts anders als lauter Wehr und Waffen.

»Ha«, sagte er, »diesem Cavalier gefallen Degen und Pistolen besser als

Bücher und Buchstaben; er wird ehender einen braven Soldaten als ein

Doctor abgeben. Aber was soll mir das Gewehr in meinem Buch? Es muß

wieder hinaus.«

Und mit dem bliese Simplicius selbst an das Buch, gleichsam als wann er

dardurch geblasen, und wiese darauf dem Umstand wiederum im Umblättern

nur weiße Blätter, warüber sich jedermann verwunderte. Der ander

Stutzer, der neben erstgedachtem stunde, begehrte von sich selbst, auch

in das Buch zu blasen. Als selbiges geschehen, blättert Simplicius im

Buche herum und wiese dem Stutzer und Umstand eitel Cavaliers und Dames.

»Sehet«, sagte er, »dieser Cavalier löffelt gern, dann er hat mir

lauter junge Gesellen und Jungfern in mein Buch geblasen. Was soll mir

aber so viel müßige Bursch? Es seind fressende Pfänder, die mir nichts

taugen; sie müssen wieder fort.«

Und alsdann bliese er wieder durch das Buch und zeigte allem Umstand

im Umblättern eitel Weißes. Diesem nach ließe Simplicius einen

ansehenlichen Burger hineinblasen, aus dessen Ansehen ein großes

Vermögen zu vermuthen war, hernach umblättert er das Buch und wiese ihm

und dem Umstand lauter Thaler und Ducaten, sagende: »Dieser Herr hat

entweder viel Geld, oder wird bald viel bekommen, oder wünscht doch

aufs wenigst ein ziemliche Summa zu haben. Das, was er herein geblasen,

wird mein sein.«

Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem er wol 300

zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs Buch und sagte: »So

muß man diese Kerl aufheben.«

Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur weiß Papier. Ließe

darauf einen andern mittelmäßigen Stands hinein blasen, blättert im

Buch herummer, und als eitel Würfel und Karten erschienen, sagte er:

»Dieser spielt gern, hingegen ich nit, darum müssen mir die Karten

wieder weg.«

Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte er abermal dem

Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel[321] unterm Umstand sagte, er

könte lesen und schreiben, er solte ihn hinein blasen lassen, er wüste,

daß alsdann schöne Testimonia erscheinen würden.

»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich widerfahren.«

Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so lang er wolte,

und als es geschehen, zeigte er ihm und dem Umstand lauter Hasen-,

Esels- und Narrenköpf im Umblättern und sagte: »Wann ihr sonst nichts

als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs

auch wol unterweg können lassen.«

Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte Haus hörete.

Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer wieder abschaffen, könt

deren Stell wol selbst vertreten. Und mit dem bliese er wieder durch

das Buch und zeigte dem Umstand wiederum wie zuvor nur weiße Blätter.

»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich dieser

Narren wieder los bin worden!«

Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu handlen[322].

Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch auch herein, zu sehen

was ihr könnet!«

Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und andern sonst

nichts als Trinkgeschirr.

»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der trinkt gern, und

ich mache gern Gesegne Gott.«

Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu ihm: »Secht,

mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk vor euch, der euch

auch bald zu theil werden soll.«

Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander einschenken,

welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er wieder durch das

Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße Blätter und sagte, so viel

Trinkgeschirr könte er vor dißmal nit füllen, er hätte selber Gläser

genug zu gegenwärtiger seiner einzigen Maß Wein.

Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, blättert

darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften.

»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! Diß sein meine

glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor gesagt. Diese will ich in

dem Buch lassen, gegenwärtigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten

halten und ihm auch eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen

trefflichen Urkunden geholfen hat.«

Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gaukelei ein

Ende.

Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen

und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, daß ich mich vor keinen Arzt,

sonder vor einen Künstler ausgebe. Das sag ich noch, aber gleichwol

kan man mich gar wol vor einen Weinarzt halten; dann die Wein haben

auch ihre Krankheiten und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein

Wein weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln[323] könte, so hilf ich

ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet und

seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist er rahn[324] und so

roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreien

Tagen wieder; schmeckt er nach einem schimmlichten Faß, so bring ich

ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor

Muscateller trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder in

Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend oder anderer

Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher stopfen und beides vor

Speis und Trank, wie an theils Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet

werden könte, sehet, ihr Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr

ihn entweder vor Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den

allerbesten oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken

sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie

gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen stellen.«

Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll

Wein und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas

einen Tropfen, in das ander zwei, ins dritte drei und ins vierte vier,

davon sich der Wein in den Gläsern alsobalden in unterschiedliche

Farben veränderte, je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes

gegossen hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen,

verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, wie er

allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er die Vornehmste

aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche sich alle über diese

geschwinde Veränderung und unterschiedliche Geschmack und Arten der

Wein verwunderten.

»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun die Gewißheit

dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, daß einer Erbsen groß

dieses Elixirs in eine Maß und ein solche Büchse voll in einen Ohmen

zu viel sei, den Wein aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem

spanischen Wein oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein,

den man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust hat,

lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der mag mir heut von

diesem Elixir abkaufen, dann morgen findet er ein Büchsel wol nit mehr

feil um 6 Batzen, wie heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen

halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar nöthig

Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache wie die Sibylla

mit ihren Büchern[325]«. Wir hatten damals bei 1000 Personen zum

Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, und da es an ein Kaufens

gieng, hatte Simplicius beinahe nicht Hände genug, Geld einzunehmen

und Büchsen hinzugeben; ich aber verspendirte den vorhandenen Wein

vollends, den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe

ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen versilbert

und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also daß er die halbe Theil

Leut, so deren noch begehrten, muste leer hingehen lassen.

Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen wieder an sein

Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen darvor gemacht[326],

giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, alwo Simplici Knan die

4 Ochsen allbereit um hundert und dreißig Reichsthaler verkauft hatte

und fertig war, Simplicio das Geld darzuzählen.

»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit ich mich

ernähre?«

»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, ich

sei ein Rabbi[327], Geld zu machen, aber jetzt sehe ich wol, daß du

mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel selbst sei nur vor ein

spitzigs Lederlein[328] gegen dir zu rechnen.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 52 / 92 题