[312] =Losung=, Erlös, Einnahme.
[313] =Mein=, ~interj.~: Ich bitte dich, ~quæso~.
[314] =keine Stiege= &c., soll wol heißen; wenn ich die
Wahl hätte zwischen deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine
Mühe geben, keinen Schritt darum thun, denn es ist kein Unterschied
dazwischen.
[315] =Seufzen=, ~subst. masc.~ Seufzer.
[316] =Knan=, Vater.
[317] Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden Calender«
befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie.
[318] =der Umstand=, die Umstehenden.
[319] =dringen=, ~trans.~, wie drängen.
[320] =giege=, gieg, starkes ~præt.~ zu geigen, wie =stieg= zu
steigen.
[321] =Fatzvogel=, wie Spaßvogel.
[322] =mit Kupfer handeln=, rothen Ausschlag im Gesicht haben.
[323] =aufhasteln=, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben.
[324] =rahn=, rahnig, dünn.
[325] Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der
Cumäischen Sibylle gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl.
Lactant., ~Divin. instit.~ B. ~I~, 6.
[326] =seinen Willen darvor gemacht=, gegeben hatte, was er haben
wollte.
[327] =Rabbi=, Meister.
[328] =spitzigs Lederlein=, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel,
gebraucht wie Pfifferling.
Das achte Capitel.
Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst
lernete.
»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar
ein ungeschliffen Maul!«
»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe
nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.«
»Wie ist dir dann?« fragte jener.
»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur sagen dörfte,
du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest doch wenigst sonst einen
trefflichen Lehrmeister gehabt.«
»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch
festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch
ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, was geb ich dir vor Ursachen, so
böse Gedanken von mir zu machen?«
»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen
genugsam gesehen.«
Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß
du allbereit so alt, so lang in der Welt herum geloffen und gleichwol
noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften,
wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon
du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und
Verblendungen hältst.«
»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, daß dir das
Geld gleichsam zuschneiet, da[329] ich doch mit so großer Müh und
Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrath haben und
behalten will, beides an meinem Leib und an meinem Maul ersparen muß.«
»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, diß Geld komme
mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? Meine beide Alte haben die
4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch
laboriren müssen, biß ich die ~materiam~ verfertigt, daraus ich heut
Geld gelöst.«
»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine
Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?«
Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern?
Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur
deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kan!«
Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den
Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher Weis könte, und
bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch
wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könte.
»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner
Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es mir so trefflich
zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe
oder einer Hochzeit einfinden und meine Zuhörer mit diesem artlichen
Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könte? Würde es nicht
zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine
alte Possen und Grillen übe?«
»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte
Possen und Grillen, wie du es nennest, gar unterwegen ließest; dann
sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben
gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu,
wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott
das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. Wann ich in
deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin
ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen,
mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar
füglich irgends in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen
köntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter
abgeben möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt und
Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt Thorheiten angeklebet
und in allerhand Sünden und Lastern gleichsam wie ein Sau im Morast
geschwemmt und umgewälzt haben; aber viel ärger und noch eine größere
Thorheit ists, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht
einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also auch
nicht an unsere Bekehrung gedenken.«
»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich mein Geld,
das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen gebracht, in ein Kloster
oder Spital steckte, solches zu belohnen damit es mich meiner Freiheit
beraubte.«
Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, wann du eine
vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der
Sünd, ein Sclav des Teufels und also, ach leider, auch ein Feind Gottes
verbleibest. Ich beharre noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich
beides rathsam und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich
der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der
Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein
spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.«
Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Thaler von mir vor
die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen denen, die ihnen gern
zuhören. Hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch
auf deine Erinnerung bedenken wolle.«
Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz
befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt und verwendet werden,
also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine
Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er
zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei
oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem
Mark mit dem Buch üben sahest?«
Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch noch, wann ich
dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.«
»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns[330], der
dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, und versprech mir, dich
auch desjenigen allweg, so oft du das Buch brauchest, zu erinnern, was
ich dir ferner sagen werde! So will ich dich nit allein die vermeinte
Kunst umsonst und ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder
ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die
Kunst nit wirst üben können.«
Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er
sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. Simplicius antwortet:
»Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so
erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der
Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand
Sünden so vielmal besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen,
so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg
zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was vor
Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also erinnere dich
auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei, bei
den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich
damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor
grausamen Gotteslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden;
bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei,
und wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß
diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der
Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen.
Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift
nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige,
Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer
und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen, und daß
dannenhero derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen
Lastern verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse.
Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern
vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit
nit ist, also bedenke du hingegen und führe wol zu Gemüth, daß die
allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt
durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus
gebracht werden.«
»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zu viel;
wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!«
Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kanst, so wirstu
auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch
umgehen sollest.«
»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.«
»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon
selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen
gedenken sollest.«
»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichsthaler
und wäre dieser Obligation ledig.«
Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht thun;
nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, solches
zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds
werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den
geringsten Heller von dir zu nehmen, sintemal er nicht weiß, wie du
dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht,
du versprechest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir
gesagt, wann du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.«
Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir
fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen Nutzen und auch meinen
Schaden nicht begehrest. ~Ma foi~, Bruder, es steckt etwas darhinter,
das ich nicht verstehe. So viel kan ich schließen, weil du mir mit
Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich
mit mir meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine
schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen
verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir
vor solche Kunst haben willst.«
Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld
alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte
ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich
auch stracks eins dergleichen machen könte, wie ich dann etliche Tage
hernach thät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt
gemein zu machen[331]