[276] =toll=, keck und auffallend gekleidet.
[277] =angehen=, gelingen.
[278] =einzig=, einzeln.
[279] =Göttelgeld=, Pathengeld; vgl. Gotte, Göttel, Pathe.
[280] =Gewelsch=, Sprachverdrehen, von =welschen=.
[281] =eitel=, (nicht anders als) durchaus.
[282] =als=, stets, fortwährend.
[283] sämmtlich in Baden, Mittelrheinkreis.
[284] Die =Murg=, Nebenfluß des Rheins, am Fuß des Kniebis
entspringend, bei Rastatt mündend.
[285] =untergeben=, zum Reiten geben.
[286] Das Sprichwort lautet: Wer selten reitet, dem thut der
A. weh.
[287] =Rick=, Rück, Rücken, Höhenzug.
[288] =Horb=, Städtchen, Würtemberg, Schwarzwaldkreis.
[289] =Gernsbach= in Baden, Mittelrheinkreis.
[290] =Anacharsis=, ein Scythe, der auf seinen Reisen in
Griechenland Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit
der Lebensweise. Er lernte auch Solon kennen. Nach seiner Rückkehr
wurde er von seinem Bruder Saulios getödtet, weil er griechischen
Götterdienst einführen wollte. Herodot, ~IV~, 76. Cicer. ~Tusc.~ B. 32.
90. Für die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich nirgends ein
Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten
Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und gehört dann an
den Schluß des vorhergehenden Satzes.
[291] =verehren=, ~trans.~, um dem Herrn damit ein Geschenk zu
machen.
[292] =zu ihrer eigenen Hand=, in ihrem Namen.
Das sechste Capitel.
Der Autor continuirt vorige Materia und erzählet den Dank, den er von
der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.
Simplicius fragte, wie dann Springinsfeld mit ins Gelag kommen wäre,
und was sie mit ihm zu schaffen gehabt hätte. Ich antwortet: »Soviel
ich mich noch zu erinnern weiß, ist sie, wie ich bereits gemeldet, in
Italia seine Matreß oder, allem Ansehen nach, er vielmehr ihr Knecht
gewesen, maßen sie ihm auch, wann es anders wahr ist, was mir diese
Schandvettel angeben, den Namen Springinsfeld zugeeignet.«
»Schweig, daß dich der Hagel erschlag, du Schurk«, sagte Springinsfeld,
»oder ich schmeiß dir Blackscheißer[293], der Teufel soll sterben, die
Kandel[294] übern Kopf, daß dir der rothe Saft hernach gehet!«
Und seine Wort wahr zu machen, ertappte er die Kandel. Aber Simplicius
war eben so geschwind und weit stärker als er, auch eines andern Sinns,
enthielte ihne derowegen vom[295] Streich und bedrohete ihn, ihn zum
Fenster hinaus zu werfen, wann er nicht zufrieden sein wolte. Indessen
kam der Wirth darzu und gebote uns den Frieden, mit ausdrucklicher
Anzeigung, wann wir nicht still wären, daß bald Thurnhüter und
Fausthämmer vorhanden sein würden, die den Ursächer solcher Händel
oder wol gar uns alle drei an ein ander Ort führen solten. Ob ich nun
gleich hierauf vor Angst zitterte und so still wurde wie ein Mäusel, so
wolte ich doch gleichwol die Scheltwort nicht auf mir haben, sonder zum
Ammeister[296] gehen und mich der empfangnen Injuri halben beklagen;
aber der Wirth, so Springinsfelds Ducaten gesehen und einige davon zu
kriegen verhoffte, sprach mir neben Simplicio so freundlich zu, daß
ichs unterwegen ließe, wiewol Springinsfeld noch immerhin wie ein alter
böser Hund gegen mir griesgramete. Zuletzt wurde der Verglich gemacht,
daß ich dem Springinsfeld auf beschehene Abbitt die empfangene Schmach
vergeben und hingegen sein und Simplici Gast sein solte, so lang ich
nur[297] selber wolte.
Nach diesem Vertrag fragte mich Simplicius, wie ich dann wieder von den
so genannten Zigeunern hinweg kommen wäre, und mit was vor Geschäften
dieselbige ihre Zeit in den Wäldern passirt hätten. Ich antwortet: »Mit
Essen, Trinken, Schlafen, Tanzen, herum Rammlen, Tabaksaufen[298],
Singen, Ringen, Fechten und Springen. Der Weiber größte Arbeit war
Kochen und Feuern, ohne[299] daß etliche alte Hexen hie und da saßen,
die junge im Wahrsagen oder vielmehr im Liegen[300] zu unterrichten.
Theils Männer aber giengen dem Gewild nach, welches sie ohne Zweifel
durch zauberische Segen zum Stillstehen zu bannen und mit abgetödten
Pulver, das nicht laut kläpfte[301], zu fällen wusten, maßen ich
weder an Wild noch Zahm keinen Mangel bei ihnen verspüren konte. Wir
waren kaum zween Tag dort still gelegen, als sich wieder eine Partei
nach der andern bei uns einfande, darunter auch solche waren, die
ich bißhero noch nicht gesehen. Etliche, die zwar nit beim besten
empfangen wurden, anticipirten bei der Courage (ich schätze, aus ihrem
allgemeinen Seckel) Geld; andere aber brachten Beuten, und kein Theil
gelangte an, das nicht entweder Brod, Butter, Speck, Hühner, Gäns,
Enten, Spanferkel, Geißen, Hämmel oder auch wol gemäste Schwein mit
sich gebracht hätte, ohne eine arme alte Hex, welche anstatt der Beuten
einen himmelblauen Buckel mitbracht, als die über der verbotenen Arbeit
ertappt und mit trefflichen Stößen und Schlägen abgefertigt worden war.
Und ich schätze, wie dann leicht zu gedenken, daß sie obengedachte
zahme Schnabelweid und das kleine Viehe entweder in oder um die Dörfer
und Baurenhöfe hinweg gefüchslet oder hin und wieder von den Heerden
hinweg gewölfelt haben. Gleichwie nun täglich solche Compagnien bei uns
ankamen, also giengen auch alle Tag wieder einige von uns hinweg, zwar
nicht alle als Zigeuner, sonder auch auf andere Manieren bekleidet, je
nachdem sie meines Davorhaltens ein Diebsstück zu verrichten im Sinn
hatten. Und dieses, mein hochgeehrter Herr, waren die Geschäfte der
Zigeuner, die ich, so lang ich bei ihnen gewesen, observirt habe.
»Wie ich aber wieder von ihnen kommen, das will ich meinem
hochgeehrten Herrn, weil ers zu wissen verlangt, jetzunder auch
erzählen, ob mir gleich die gehabte Kundschaft mit der Courage zu eben
so geringen Ehren gereicht als dem Springinsfeld oder dem Simplicissimo
selbsten.«
»Ich dorfte[302] täglich über 3 oder 4 Stund nicht schreiben, weil
Courage nicht mehr Zeit nahm mir zu dictirn; und alsdann mochte ich mit
andern spazieren gehen, spielen oder andere Kurzweil haben, worzu sich
dann alle gar geneigt und gesellig gegen mir erzeigten; ja die Courage
selbst leiste mir die mehrigste Gesellschaft, dann bei diesen Leuten
findet durchaus einige Traurigkeit, Sorg oder Bekümmernus keinen Platz.
Sie ermahnten mich an die Marder und Füchse, welche in ihrer Freiheit
leben und auf den alten Kaiser[303], doch vorsichtig und listig genug,
hinein stehlen, wann sie aber Gefahr vermerken, eben so geschwind als
vortheilhaftig[304] sich aus dem Staub machen. Einsmals fragte mich
Courage, wie mir diß freie Leben gefiele. Ich antwortet: Ueberaus wol!
Und ob gleich alles erlogen war, was ich gesagt, so henkte ich jedoch
noch ferner dran, daß ich mir schon nicht nur einmal gewünscht, auch
ein Zigeuner zu sein.«
»«Mein Sohn», sagte sie, «wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, so ist
der Sach bald geholfen.»«
»Ja, mein Frau«, antwortet ich, »wann ich auch die Sprache könte.«
»«Diß ist bald gelernet», sagte sie; «ich hab sie ehe als in einem
halben Jahr begriffen. Bleibt ihr nur bei uns! Ich will euch ein schöne
Beischläferin zum Heurath verschaffen.»«
»Ich antwortet, ich wolte noch ein paar Tag mit mir selbst zu Rath
gehen und bedenken, ob ich sonst irgends ein besser Leben als hier zu
kriegen getraute; des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern
zu hocken, wäre ich schon vor längsten müd worden; so möchte ich auch
nicht arbeiten, viel weniger erst ein Handwerk lernen; ohne, welches
das Schlimmste wär, daß ich auch ein schlecht Patrimonium von meinen
Eltern zu hoffen hätte.«
»«Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn», sagte das Rabenaas
weiters, «und kanst leicht hierbei abnehmen und probieren, was unser
Manier zu leben vor anderer Menschen Leben vor einen Vorzug habe, wann
du nämlich sihest, daß kein einzig Kind aus unserer Jugend zu dem
allergrößten Fürsten gieng, der es aufnehmen und zu einem Herrn machen
wolte; es würde alle solche hohe fürstliche Gnaden vor nichts schätzen,
die doch andere knechtisch gesinnte Menschen so hoch verlangen.»«
»Ich gab ihr gewonnen und gedachte doch bei mir selber, was ihr
Springinsfeld gewünscht, und indem ich ihr dieser Gestalt das Maul
machte[305], als wenn ich bei ihr verbleiben wolte, hoffte ich desto
ehender die Freiheit, mit andern auszugehen, und also Gelegenheit zu
bekommen, mich wieder von ihr abzuscheiblen[306].«
»Eben um dieselbe Zeit kam eine Schar Zigeuner, die brachten eine
junge Zigeunerin mit sich, die schöner war, als die allerschönste
aus diesen Leuten zu sein pflegen. Diese machte so wol als andere
bald Kundschaft zu mir (dann man muß wissen, daß unter dieses Volks
ledigen Leuten wegen ihres Müßiggangs die Löffelei eine Gewohnheit ist,
deren sie sich weder zu schämen noch zu scheuen pflegen) und erzeigte
sich so freundlich, holdselig und liebreizend, daß ich glaube, ich
wäre angangen[307], wann mich nicht die Sorg, ich würde auch hexen
lernen müssen, darvon abgeschröckt, und ich nicht zuvor der Courage
Leichtfertigkeit und lasterhaftes Leben aus ihrem eignen Maul gehört
hätte. Eben darum traute ich desto weniger und sahe mich desto besser
vor; doch erzeigte ich mich gestältiger[308] gegen ihr als gegen einer
andern. Sie fragte mich gleich nach gemachter Kundschaft, was ich der
Frau Gräfin, dann also nannte sie die Courage, zu schreiben hätte. Als
ich ihr aber die Antwort gabe, es wäre ohnnöthig, daß es die Jungfer
wüste, war sie nit allein wol damit zufrieden, sonder ich merkte auch
an der Courage selbsten meiner Einbildung nach, daß sie solche Frag an
mich zu thun befohlen und also meine Verschwiegenheit probiert hatte,
dann sie ward mir immer je freundlicher, wie ich Narr vermeinte.«
»Damals war ich allbereit in 14 Tagen nicht mehr aus den Kleidern
kommen, wessentwegen sich dann die Müllerflöhe häufig bei mir
einfanden, welches heimliche Leiden ich meiner Jungfer Zigeunerin
klagte. Dieselbe lachte mich anfänglich gewaltig aus und nannte mich
einen einfaltigen Tropfen; aber den andern Morgen brachte sie eine
Salbe, welche alle Läuse vertreiben würde, wann ich nur darmit nackend
bei einem Feur, der Zigeuner Gewohnheit nach, mich wolte schmieren
lassen, welche Arbeit sie, die Jungfer, auch gern verrichten wolte.
Ich schämte mich aber viel zu sehr und sorgte darneben, es möchte
mir gehen wie Apulejo[309], welcher durch dergleichen Schmiersel in
ein Esel verwandelt worden. Indessen quälte mich aber das Ungeziefer
so greulich, daß ichs nicht mehr erleiden kunte; dannenhero ward ich
gezwungen, diese Salbung zu gebrauchen, doch mit dieser Condition,
daß sich die Jungfer zuvor von mir schmieren lassen solte, und
alsdann wolte ich ihr nachfolgen und ihr auch stillhalten. Zu
solcher Verrichtung nun machten wir etwas fern von unserm Läger ein
absonderlichs Feur und thäten dabei, was wir abgeredet hatten.«
»Die Läuse giengen zwar fort, aber den Morgen frühe sahe ich mit Haut
und Haar so schwarz aus wie der Teufel selber. Ich wuste es noch nicht
an mir, biß mich die Courage vexierte und sagte: «So, mein Sohn, ich
sehe wol, du bist deinem Wunsch nach schon ein Zigeuner worden.»«
»Ich weiß noch nichts darvon, mein hochgeehrte Frau Mutter«, antwortet
ich. Sie aber sagte: «Beschaue deine Hände!»«
»Und mit dem ließe sie einen Spiegel holen, in welchem sie mir eine
Gestalt wiese, die ich wegen übermäßiger Schwärze selbst nicht mehr vor
die meinige erkante, sonder darvor erschrak.«
»«Diese Salbung, mein Kind», sagte sie, «gilt bei uns so viel, als bei
den Türken die Beschneidung; und welche dich gesalbet hat, die mustu
auch zum Weib haben, sie gefalle dir gleich oder nicht.»«
»Und mit dem fieng das Teufelsgesindel mit einander an zu lachen, daß
sie hätten zerbersten mögen.«
»Als ich nun sahe, wie mein Handel stunde, hätte ich Stein und Bein
zusammen fluchen mögen; aber was wolte oder solte ich anders thun, als
nach deren Willen mich zu accomodirn, in welcher Gewalt ich damals war?«
»«Hei», sagte ich, «was geschneidts[310] dann auch mich? Vermeinet ihr
dann wol, diese Veränderung sei mir so gar ein großer Kummer? Höret nur
auf zu lachen, und sagt mir darvor, wann ich Hochzeit haben soll!»«
»«Wann du wilt, wann du wilt», antwortet Courage; «doch der Gestalt,
wann wir auch einen Pfaffen darbei werden haben können.»«
»Ich war damals mit der Courage Lebenslauf allbereit fertig, ohne[311]
daß ich noch ein paar, ich weiß aber nit was vor, Diebsstück darzu
hätte setzen sollen, die sie verübet, seit sie eine Zigeunerin worden.
Derowegen begehrte ich gar höflich die versprochene Bezahlung. Sie aber
sagte: «Ho, mein Sohn, du bedarfst jetzt kein Geld; es wird dir noch
wol kommen, wann du Hochzeit gehalten haben wirst.»«
»Ich gedachte: Hat dirs der Schinder in Sinn geben, daß du mich hiermit
halten solst? Und als sie merkte, daß ich etwas sauers darzu sehen
wolte, setzte und verordnete sie mich vor der ägyptischen Nation
Obersten Secretarium durch ganz Teutschland und that Promessen, daß
mein Heurath mit ihrer Jungfer Basen, sobald es nur Gelegenheit geben
würde, vollzogen und mir zwei schöne Pferd zum Heurathgut mitgegeben
werden solten. Und damit ich dieses desto steifer glauben solte,
dorfte meine Jungfrau Hochzeiterin nit unterlassen, mich mit ihrer
gewöhnlichen Freundlichkeit zu unterhalten. Diese Geschichte war kaum
verloffen, als wir aufbrachen und mit guter Ordre fein gemach samt Weib
und Kind etwan selbdreißigst das Bielerthal herunter marschierten,
auf welchem Weg Courage ihren stattlichen Habit nicht anhatte, sonder
auch wie sonst ein andere alte Hex aufzog. Ich war unter den Fourieren
und halfe das Quartier auf etlichen Bauernhöfen machen, in welcher
Verrichtung ich mich keine Sau, sonder ein vornehmes Mitglied der
ansehenlichsten Zigeuner zu sein bedunken ließe. Den andern Tag
marschierten wir vollends biß an den Rhein und blieben zunächst an
einem Dorf, alwo ein Ueberfahrt war, in einem Busch bei der Landstraßen
über Nacht, um den folgenden Tag vollends über Rhein zu gehen. Aber des
Morgens, da der schwarze Secretarius erwachte, sihe, da befande sich
der gute Herr ganz allein, maßen ihn die Zigeuner und seine Braut so
gar verlassen, daß er von ihnen auch sonst nichts als
nur die holdselige Farbe zum freundlichen Gedächtnus noch übrig hatte.«