FUSSNOTEN:

[260] Johann Stumpf, geb. 1500, gest. 1566 zu Zürich. Seine Schweizer

Chronik, 1548, ist ein umfangreicher Foliant.

[261] =garind=, grind, Kopf.

[262] =belebten=, verlebten.

[263] =spanischer Mantel=, ein schwerer Zuber mit einem Loch im

Boden, den der Delinquent tragen mußte; mit einem =steinernen Mantel=

ist das Gefängniß gemeint.

[264] Die ersten Drucke haben »von andern«.

[265] =Krumm-Schiltach=, Baden, Oberrheinkreis.

[266] =Stäuber=, Stöber, Spürhund; =Wind=, Windhund.

[267] =Gejaid=, Jagd.

[268] =bestäten=, bestätigen, das Vorhandensein eines Wildes an einem

bestimmten Orte, den die Hunde anzeigen, feststellen.

[269] =werklich=, spaßhaft, wunderlich.

[270] =wie noch=, wie jetzt noch.

[271] =Geschmelzte Arbeit=, Schmelz, Email.

[272] =Zahlperlen=, die größten, die nicht nach dem Gewicht, sondern

nach der Zahl verkauft werden.

[273] =Serge=, deutsch Sarsche, leichtes Tuch.

[274] =lustig=, reizend, hübsch.

[275] =Aurach=, Urach, Würtemberg, Schwarzwaldkreis, hatte schon

damals bedeutende Leinenindustrie.

Das fünfte Capitel.

Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt.

»Nun diese tolle[276] Zigeunerin, welche von den andern eine gnädige

Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der Dame von Babylon

gehalten wurde, wann sie nur auf einem siebenköpfigen Drachen gesessen

und ein wenig schöner gewesen wäre, sagte zu mir: «Ach, mein schöner

weißer junger Gesell, was machstu hier so gar allein und so weit von

den Leuten?»

»Ich antwortet: «Mein großmächtige, hochgeehrte Frau, ich komm von

Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an den Rheinstrom in eine

Stadt zu reisen, entweder daselbst ein mehrers zu studieren, oder einen

Dienst zu bekommen, dann ich bin ein armer Schuler.»«

»«Daß dich Gott behüet, mein Kind», fragte sie, «woltestu mir nicht

ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und etwas schreiba? Ich

wolte dir alle Tag ein Reichsthaler geben.»«

»Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten; wer weiß

aber, was du schreiben solst! So großes Anerbieten ist vor suspect zu

halten. Und wann sie nicht selbst gesagt hätte, daß mich Gott behüten

solte, so hätte ich vermeinet, es wäre ein Teufelsgespenst gewesen,

das mich durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation

der Hexenzunft hätt einverleiben wollen. Mein Antwort war: Wann es mir

nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben, was sie begehrt.«

»«Ai wol nai, main Kind», sagte sie hierauf; «es wird dir gar nichts

schaden, behüt Gott! Komm nur mit uns; ich will dir darneben auch Essen

und Trinken geben, so gut ichs hab, biß du fertig sein wirst.»«

»Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als der Beutel öd

von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmeiß wie ein Gefangner

war, sihe, so schlendert ich mit dahin und zwar in einem dicken Wald,

da wir die erste Nacht logirten, allwo sich allbereit etliche Kerl

befanden, die einen schönen Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein

Feuermachens, Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach

vollkommen versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also

nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser wurde ein

Zelt von weißem Barchet aufgeschlagen, welches sie auf ihrem Maulesel

unterm Sattel führet; sie aber führte mich etwas beiseits, setzte sich

unter einen Baum, hieße mich zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi

Lebensbeschreibung hervor.«

»«Seht da, mein Freund», sagte sie, «dieser Kerl, von dem diß Buch

handelt, hat mir ehemalen den grösten Schabernack angethan, der mir

die Tage meines Lebens jemal widerfahren, welches mich dergestalt

schmirzt, daß mir unmüglich fällt, ihm seine Buberei ungerochen

hingehen zu lassen; dann nachdem er meiner gutwilligen Freundlichkeit

genug genossen, hat sich der undankbare Vogel (mein hochgeehrter

Herr verzeihe mir, daß ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut,

nicht allein mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten

schlimmen Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht geschämet,

alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen, beides

mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch den offentlichen

Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine erste an mir begangene

Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränkt; dann als ich vernommen,

daß sich der schlimme Gast verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen,

welches meine Kammermagd eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen

mit mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Thür legen lassen, mit

Bericht, daß ich solche Frucht von ihm empfangen und geboren hätte, so

er auch glauben, das Kind zu seinem großen Spott annehmen und erziehen

und sich noch darzu von der Obrigkeit tapfer strafen lassen müssen, vor

welchen Betrug, daß er mir so rechtschaffen angangen[277], ich nicht

1000 Reichsthaler nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden

vernommen, daß dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger Erb sein

werde.»«

Simplicius, so mir bißher andächtig zugehöret, fiele mir hier in die

Red und sagte: »Wann ich noch wie hiebevor in dergleichen Thorheiten

meine Freud suchte, so würde mirs keine geringe Ergetzung sein, daß ihr

diese Närrin einbildet, sie habe mich hiemit hinters Liecht geführt, da

sie mir doch dardurch den allergrößten Dienst gethan und sich noch mit

ihrem eitlen Kützlen biß auf diese Stund selbst betreugt; dann damals,

als ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei ihr

selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius, dessen

ich nicht verläugnen kann, weil er mir sowol im Gemüt nachartet, als

im Angesicht und an Leibsproportion gleichet, von derselben Kammermagd

als einer losen Zigeunerin geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein

Exempel, daß oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich

selbst betriegen, und daß Gott die große Sünden, wo kein Besserung

folgt, mit noch größern Sünden zu strafen pflege, davon endlich die

Verdammnus desto größer wird. Aber ich bitte, er fahre in seiner

Erzählung fort; was sagte sie ferners?«

Ich gehorchte und redet weiters folgendermaßen: »Sie befahle mir, ich

solte mich ein wenig in meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung

informirn, um mich darnach haben zu richten, dann sie wäre Willens,

ihren Lebenslauf auf eben diese Gattung durch mich beschreiben zu

lassen, um solche gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren,

und das zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine

begangene Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere

Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor dißmal haben möchte, aus dem

Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser obliegen möchte; sie

wolte indessen Schreibzeug und Papier zur Hand bringen und mich nach

vollendter Arbeit dergestalt belohnen, daß ich zufrieden mit ihr sein

müste.«

»Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu thun, als zu

lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit ich auch meines

hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz expedirte. Da es aber den

dritten Tag an ein Schreibens gehen solte, wurde es unversehens Alarm,

nit daß uns jemand angegriffen oder verfolgt hätte, sondern als ein

einzige[278] Zigeunerin in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam,

die eine reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen,

Göttelgeld[279] und allerhand Sachen, so man den Kindern zur Zierde

um die Hälse zu hängen pflegt, erschnappt hatte. Da war ein seltzam

Gewelsch[280] zu hören und ein geschwinder Aufbruch zu sehen. Die

Courage (dann also nennet sich diese allervornehmste Zigeunerin

selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte die Ordre und theilet das

Lumpengesindel in unterschiedliche Troupen aus, mit Befelch, welche

Wege diese oder jene brauchen, auch wie, wo und wann sie wieder an

einem gewissen Ort, den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten.

Als nun die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber

zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten

und zwar eitel[281] wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen den

Schwarzwald hinunter, in solcher unsäglichen schnellen Eil, als

wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro deswegen ein ganzes

Heer nachgejagt hätte. Sie höret auch nicht auf zu fliehen, und

zwar als[282] auf der obersten Höhe des Schwarzwalds, biß wir das

Schutter-, Kinzcher-, Peters-, Noppenauer-, Cappler-, Saßwalder-

und Bieler-Thal[283] passirt und die hohe und große Waldungen über

der Murg[284] erlangt hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager

aufgeschlagen. Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd

untergegeben[285], darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng:

Wer selten reit &c.[286]«

»Ich merkte wol, daß diese Suite der Courage, die mit mir in 13 Pferden

und eitel Männern und Weibern, aber in keinen Kindern bestunde,

alles Vermögen der übrigen Zigeuner, so viel sie an Gold, Silber und

Kleinodien zusammen gestohlen, mit sich führte und verwahrte. Ueber

nichts verwundert ich mich mehr, als daß diese Leute alle Rick[287],

Weg und Steg an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und daß

bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt war, ja

ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung. Noch dieselbe Nacht,

als wir kaum ein wenig gessen und geruhet hatten, wurden zwei Weiber

in die Landstracht verkleidet und gegen Horb[288] geschickt, Brod

zu holen, unterm Vorwand, als wann sie solches vor einen Dorfwirth

einkauften, wie dann ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach[289] ritte, der

uns gleich den andern Tag ein paar Lägel Wein brachte, die er seinem

Vorgeben nach von einem Rebmann gekauft hatte.«

»An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die gottlose

Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie es intitulirt,

oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung in die Feder

zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch, sonder brauchte

eine solche Manier, die ihren klugen Verstand und dann auch dieses

genugsam zu verstehen gab, daß sie auch bei Leuten gewesen und sich

mit wunderbarer Verwandelung der Glücksfäll weit und breit in der Welt

umgesehen und viel darin erfahren und gelernet hätte. Ich fande sie

überaus rachgierig, so daß ich glaube, sie sei zu dem Anacharse[290]

selbst in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann auch

besagtes Tractätel, um den Herrn zu verehren[291], zu ihrer eignen

Hand[292] hat schreiben lassen; von welchem ich weiters nichts melden,

sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn Zweifel bald drucken lassen

wird, bezogen haben will.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 49 / 92 题