FUSSNOTEN:

[246] =Rebmann=, Weinbauer.

[247] =Kärst=, zweizinkige Hacke, besonders zum Gebrauch in den

Weinbergen.

[248] =gerben=, gar, fertig machen, speciell von Hülsenfrüchten:

entkörnen, also doppelsinnig.

[249] =röllen=, durch Rollen enthülsen.

[250] =hotzeln= (schaukeln, wiegen), sich schütteln.

[251] =Demokritos= von Abdera zwischen 470 und 360 v. Chr.

Das Hauptziel der Erkenntniß ist ihm die Gemüthsruhe. Daher die Sage,

die ihn den lachenden nennt (γελασῖνος).

[252] =Heraklitos= aus Ephesus, 500 v. Chr., wegen der

ernsten Richtung seiner Philosophie dem Demokritos entgegengesetzt.

[253] ~L. Ann. Seneca, de tranquillitate =animi=, cap. 15:

Democritum potius imitemur quam Heraclitum.~

[254] =Zoroastris=, nach Plinius, ~hist. natur. VII, 15, fin.~

[255] =Nero.= Grimmelshausen's Quelle? Plinius weiß nichts

davon; er sagt in angeführter Stelle: ~risisse =unum= hominem

accepimus~.

[256] =lernen=, lehren, wie gewöhnlich bei Grimmelshausen.

[257] =Tiberius Nero=, Suet., ~Tiber. cap. 62~, hatte diese

Marter erfunden, ~ut larga meri potione oneratos repente veretris

=deligatis= fidiculorum simul et urinae tormento distenderet~.

[258] =vernußbicklen= heißt demnach: fest unterbinden.

[259] Gemeint ist der »T. Michel« in Grimmelshausen's Schrift dieses

Namens.

Das vierte Capitel.

Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug

der Courage.

Ich sagte zum Simplicio, es wäre schad, daß er diese Histori nicht

auch in seine Lebensbeschreibung eingebracht hätte; er aber antwortet

mir, wann er alle seine so beschaffne Begegnussen hinein bringen

hätte sollen, so wäre sein Buch größer worden als des Stumpfen

Schweizerchronik[260]; überdas reue ihn, daß er so viel lächerlich Ding

hinein gesetzt, weil er sehe, daß es mehr gebraucht werde, anstatt des

Eulnspiegels die Zeit dardurch zu verderben, als etwas Guts daraus

zu lernen. Darauf fragte er mich, was ich selbst von seinem Buche

hielte, und ob ich dardurch geärgert oder gebessert worden wäre. Ich

antwortet, mein Judicium wäre viel zu gering, entweder dasselbige

zu schelten oder zu loben; und ob ich gleich nit wider das Buch,

sonder ihn, Simplicissimum, selbsten schreiben müssen, dabei auch des

Springinsfelds nicht zum rühmlichsten gedacht worden, so hätte ich

doch das Buch weder gelobt noch getadelt, sonder damals gelernet, daß

derjenig, so übermannet sei, sich nach derjenigen Willen und Anmuthung

schicken müste, in deren Gewalt er sich befände. Als ich dieses gesagt

und meiner Muttersprach nach ziemlich schweizerisch geredet, welche

Mundart andere Teutsche vor grob, ja zum Theil gar vor hoffärtig und

unhöflich zu halten pflegen, Springinsfeld aber solches mit angehöret,

als welcher die Ohren wie ein alter Wolf spitzte, da ich ihn nennete,

sagte er: »Potz grütz, du Gölschnabel! hätt ich di dußa, i wottar da

garint[261] rüra!«

Aber Simplicius antwortet ihm: »Ich hätte schier gesagt: du alter

Geck, es ist nit mehr um die Zeit, die wir zu Soest belebten[262] und

unserm Muthwillen nach gleichsam über das ganze Land herrschten. Du

must jetzt mit deiner Stelzen nach einer andern Pfeifen tanzen, oder

gewärtig sein, wann du es zu grob machst, daß man dir einen steinernen

oder wol gar einen spanischen Mantel[263] anlegt. In dieser freien

Stadt stehet jedem zwar auch frei, zu reden was er will; wer aber über

die Schnur hauet, der muß es auch verantworten oder büßen.«

Mich hingegen fragte Simplicius, wer oder was mich dann gemüßiget

hätte, wider seine Person zu schreiben; und sonderlich verwundere

ihn, daß auch neben ihm des Springinsfelds gedacht werden müssen,

neben welchem er doch die Tage seines Lebens über drei Vierteljahr

nicht zugebracht. Ich antwortet: »Wann ihm mein hochgeehrter Herr,

wie ich mich dann keines andern versehe, die Wahrheit gefallen

lassen und mir, was ich gethan, verzeihen, zumalen auch vor diesem

importunen Springinsfeld, dessen Humor und ohngewichtiger Sinn mir

vorlängst andictirt worden, versichern will, so will ich ihnen beeden

so wunderliche Geschichten von ihnen selbsten erzählen, daß sie sich

auch beede selbst darüber verwundern sollen, mit Versicherung, wann

ich meinen hochgeehrten Herren von solchen löbl. Qualitäten beschaffen

zu sein gewust hätte, als ich jetzunder vor Augen sehe, daß ich

seinetwegen keine Feder angesetzt haben wolte, und solten mir gleich

die Zigeuner den Hals zerbrochen haben.«

Ob nun gleich Simplicius ein groß Verlangen hatte, zu hören, was ich

vorbringen würde, so sagte er doch zuvor: »Mein Freund, es wäre ein

dumme Unbesonnenheit, ja wider alle Gerechtigkeit und die Darstellung

eines tyrannischen Sinns, wann wir einander[264] strafen wolten um

Sachen, die wir selbst begangen. Hat er in seinem Schreiben meine

Laster gerüttelt, so übertrage ichs billich mit Geduld, dann ich habe

andern die ihrige, doch, daß es ihnen an ihren Ehren nicht nachtheilig

sein kan, unter fremden Namen, auch rechtschaffen durchgehechelt.

Verdreust es diejenige, so ich getroffen, warum haben sie dann nicht

tugendlicher gelebt, oder warum haben sie mir Ursach gegeben, solche

Laster und Thorheiten zu tadlen, die mir, ehe ich sie gesehen, in

meiner Unschuld ganz unbekant gewesen? Er erzähle nur her; ich

versprich und versichere alles, was er von mir begehrt und gebeten.«

Ich antwortet: »Ich möchte gleich reden oder schweigen, so würde doch

bald weltkündig werden, was ich zu schreiben mich zwingen lassen

müssen.«

Darauf wandt ich mich gegen dem Springinsfeld und fragte ihn, ob

er in Italia nit eine Matresse gehabt, die Courage genant worden.

Er antwortet: »Ach die Bluthex! Schlag sie der Donner! Lebt das

Teufelsviehe noch? Es ist kein leichtfertigere Bestia seit Erschaffung

der Welt von der lieben Sonnen niemal beschienen worden!« »Ei, ei«,

sagte Simplicius zu ihm, »was seind das abermal vor leichtfertige

unbesonnene Wort?« Zu mir aber sprach er: »Ich bitte, er fahre doch nur

fort, oder er fahe doch vielmehr an zu erzählen, was ich so herzlich zu

hören verlange.«

Ich antwortet: »Mein hochgeehrter Herr wird sich bald müd gehört haben,

dann dieses ist eben diejenige, deren er im sechsten Capitul des

fünften Buchs seiner Lebensbeschreibung selbst gedacht hat.«

»Es gilt gleich«, antwortet Simplicius, »er sage nur, was er von ihr

weiß, und schone meiner auch nit!«

Auf solches erzählete ich folgender Gestalt, was Simplicius wissen

wolte.

»Gleich auf nächstverstrichnem Herbst, da es, wie bekant, einen

ausbündigen Nachsommer setzte, war ich auf dem Weg begriffen, mich

aus meinem Vatterland gegen dem Rheinstrom, und zwar auf hieher zu

begeben, entweder als ein armer Schüler Präceptorsweis, wie es hier

gebräuchlich, meine Studien fortzusetzen, oder auf Recommendation

meiner Verwandten, von denen ich zu solchem Ende Schreiben bei mir

hatte, einen Schreiberdienst zu bekommen. Da ich nun auf der Höhe des

Schwarzwaldes von Krummenschiltach[265] hieherwarts wanderte, sahe

ich von weitem einen großen Haufen Lumpengesindel gegen mir avanzirn,

welches ich im ersten Anblick vor Zigeuner erkennete, mich auch nicht

betrogen fande; und weil ich ihnen nit trauete, verbarg ich mich in

eine Hecke, da sie zum allerdicksten war. Aber weil diese Bursch viel

Hunde, so wol Stäuber[266] als Winde bei sich hatten, spürten mich

dieselbige gleich, umstellten mich und schlugen an, als wann ein Stück

Wildbret vorhanden gewest wäre. Das höreten ihre Herren alsobalden

und eileten mit ihren Büchsen oder langen Schnaphahnen-Röhren auf

mich zu. Einer stellte sich hieher, der ander dorthin, wie auf

einem Gejaid[267], da man dem bestäten[268] und aufgetriebenen Wild

aufpasset. Als ich nun solche meine Gefahr vor Augen sahe, zumalen

die Hunde auch allbereit an mir zu zwacken anfiengen, da fieng ich

auch an zu schreien, als wann man mir allbereit das Weidmesser an

die Gurgel gesetzt hätte; hierauf liefen beides Männer, Weiber,

Knaben und Mägdlein herzu und stellten sich so werklich[269], daß

ich nicht schließen konte, ob mich das garstige Volk umbringen oder

von den Hunden erretten wolte. Ja ich bildete mir vor Forcht ein,

sie ermordeten die Leute, die sie dergestalt wie mich an einsamen

Orten betreten, und zehrten sie hernach selbst auf, damit ihre

Todtschläge verborgen blieben. Es gab mich auch wie noch[270] Wunder,

und ich verfluchte das Zusehen derjenigen, denen das Wild und die

jagdbare Gerechtigkeiten zuständig, daß sie ihre Länder mit bei sich

habenden Hunden und Gewehr von diesem beschreiten Diebsgesindel also

durchstreichen lassen!«

»Da ich mich nun solchermaßen zwischen ihnen befande wie ein armer

Sünder, den man jetzt aufknüpfen will, so daß er selbst nicht weiß,

ob er noch lebendig oder bereits halb todt seie, sihe, da kam ein

prächtige Zigeunerin auf einem Maulesel daher geritten, dergleichen

ich mein Tage nicht gesehen, noch von einer solchen gehöret hatte,

wessentwegen ich sie dann, wo nicht gar vor die Königin, doch wenigst

vor eine vornehme Fürstin aller anderer Zigeunerinnen halten muste.

Sie schiene eine Person von ungefähr sechzig Jahren zu sein, aber wie

ich seithero nachgerechnet, so ist sie ein Jahr oder sechs älter. Sie

hatte nicht so gar wie die andere ein pechschwarzes Haar, sonder etwas

falb, und dasselbe mit einer Schnur von Gold und Edelgesteinen wie

mit einer Kron zusammen gefaßt, an dessen Statt andere Zigeunerinn

nur einen schlechten Bendel oder, wans wol abgehet, einen Flor oder

Schleier oder auch wol gar nur eine Weide zu brauchen pflegen. In ihrem

annoch frischem Angesicht sahe man, daß sie in ihrer Jugend nicht

häßlich gewesen. In den Ohren trug sie ein Paar Gehenk von Gold und

geschmelzter Arbeit[271], mit Diamanten besetzt, und um den Hals eine

Schnur voll Zahlperlen[272], deren sich keine Fürstin hätte schämen

dörfen. Ihre Serge[273] war von keinem groben Teppich, sonder von

Scharlach und durchaus mit grünem Plüsch-Samet gefüttert; nebenher

aber, wie ihr Rock, der von kostbarem grünem englischen Tuch war,

mit silbernen Passamenten verbrämt. Sie hatte weder Brust noch Wams

an, aber wol ein Paar lustiger[274] polnischer Stiefel; ihr Hemd war

schneeweiß, von reinem Auracher Leinwat[275], überall um die Näthe

mit schwarzer Seiden auf die böhmische Manier ausgenähet, woraus sie

hervor schiene wie eine Heidelbeer in einer Milch. So trug sie auch ihr

langes Zigeunermesser nicht verborgen unterm Rock, sondern offentlich,

weil sichs seiner Schöne wegen wol damit prangen ließe; und wann ich

die Wahrheit bekennen soll, so bedunkt mich noch, der alten Schachtel

seie dieser Habit sonderlich zu Esel (hätte schier: zu Pferd, gesagt)

überaus wol angestanden, wie ich sie dann auch noch biß auf diese Stund

in meiner Einbildung sehen kann, wann ich will.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 48 / 92 题