FUSSNOTEN:

[233] =gedenken=, denken an etwas.

[234] =im Pfenningwerth zehren=, einzelne Gerichte verzehren, wobei

der Wirth den Preis angibt, damals gebräuchlich, etwa wie jetzt

~à la carte~ essen.

[235] =vor=, zuvor.

[236] =aufreiben=, vertilgen.

[237] =Chili=, vielleicht durch die Größe der Einwohner bekannt,

wie das angrenzende Patagonien.

[238] =Chica=, vielleicht Chico, Stadt in Mexico.

[239] =Electuarium=, Latwerge.

[240] =Theriak=, Gegenmittel gegen (thierische) Gifte.

[241] =~faeces~=, Hefen.

[242] =Kronzer=, Grunzer, Schnorrer, Bettler.

[243] =sich betragen=, sich behelfen.

[244] =freurt=, friert (mhd. ~vriust~).

[245] =ungeheißen= (unaufgefordert), dreist, frech.

Das dritte Capitel.

Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.

Ich muste mich verwundern und freuete mich, daß ich derjenigen

unversehenen Zusammenkunft beiwohnen solte, von welchen ich in

Simplicissimi Lebensbeschreibung so viel seltzams Dings gelesen, und

von denen ich aus Anstalt der Courage selbst dergleichen geschrieben.

Als sich ihre Wortwechslung geendigt und Simplicius ein Glas voll Wein

heraus gehoben, das er dem Springinsfeld zum Willkomm zugetrunken

hatte, da kam noch ein Gast herein, welchen ich der Kleidung und Jugend

nach vor meines gleichen, das ist vor einen Schreiberknecht hielte. Er

stellete sich an eben den Ort zum Stubenofen, wo ich zuvor und nach mir

auch Springinsfeld gestanden, gleichsam als wann alle ankommende Gäste

zuvor dorthin hätten stehen müssen, ehe sie sich hätten niedersetzen

dörfen; und gleich hernach folgte ein überrheinischer Baur, der ohn

Zweifel ein Rebmann[246] war; dieser ruckte vor jenem die Kappe und

sagte: »Herr Schaffner, ich bitte, ihr wollet mir einen Reichsthaler

geben, damit ich mein Kärst[247] aus der Schmieden lösen möge, alwo ich

sie hab gerben[248] lassen.«

»Ach was zum Schinder ist das?« antwortet jener; »was machstu mit der

Gerst in der Schmieden? Ich hab vermeinet, man gerbe sie in der Mühlen.«

»Meine Kärst! meine Kärst!« sagte der Baur.

»Ich hörs wol«, antwortet der Schaffner; »vermeinestu dann, ich sei

taub? Mich wundert nur, was du damit in der Schmieden machst, sintemal

man die Gersten in der Mühl zu gerben oder zu röllen[249] pflegt.«

»Ei, Herr Schaffner«, sagte der Baur, »ich sagte euch von keiner

Gersten, sonder von meinem Kärsten, damit ich hacke.«

»Ja so«, antwortet der Schaffner, »das wäre ein anders«, und zählet

damit dem Bäuerlein einen Thaler hin, den er auch gleich in seine

Schreibtafel aufnotirte. Ich aber gedachte: Sollestu ein Schaffner über

Rebleut sein und weist noch nichts von den Kärsten! Dann er befahl dem

Bauren, daß er solche zu ihm bringen solte, um zu sehen, was es vor

Creaturen wären, und was der Schmied daran gemacht hätte. Simplicius

aber, der diesem Gespräch auch zugehöret, fieng an zu lachen, daß er

hotzelte[250], welches auch das erste und letzte Gelächter war, das

ich von ihm gehöret und gesehen, dann er verhielte sich sonst gar

ernsthaftig und redete, ob zwar mit einer groben und mannlichen Stimme,

viel lieblicher und freundlicher, als er aussahe, wiewol er auch mit

den Worten gar gesparsam umgieng. Springinsfeld hingegen verlangte

die Ursach solches Lachens zu hören, ließe auch nicht ab am Simplicio

zu bitten, biß er endlich sagte, die vom Schaffner letztverstandene

Wort des Bauren hätten ihn an einen Possen erinnert, den er auch wegen

eines misverstandenen Worts in seiner unschuldigen Jugend, zwar wider

seinen Willen, angestellet, wessentwegen er gleichwol ziemliche Stöße

eingenommen.

»Ach, was war das?« fragte Springinsfeld.

»Es ist unnöthig«, antwortete Simplicius, »daß ich euch zu einer

eitelen Thorheit reize, darvor ich das übermäßige Gelächter halte, ohne

welches ihr aber die Histori nit anhören könnet, dann ich würde mich

auf solchen Fall mit fremder Sünde beladen.«

Ich warf meine Karten mit unter und sagte: »Hat doch mein hochgeehrter

Herr selbsten in seiner Lebensbeschreibung so manchen lächerlichen

Schwank eingebracht; warum wolte er dann jetzt seinen alten Cameraden

zu Gefallen ein einzige lächerliche Geschicht nicht erzählen?«

»Jenes thät ich«, antwortet Simplicius, »weil fast niemand mehr die

Wahrheit gern bloß beschauet oder hören will, ihr ein Kleid anzuziehen,

dardurch sie bei den Menschen angenehm verbliebe, und dasjenig

gutwillig gehöret und angenommen würde, was ich hin und wider an der

Menschen Sitten zu corrigiren bedacht war. Und gewißlich, mein Freund,

er sei versichert, daß ich mir oft ein Gewissen drum mache, wann ich

besorge, ich seie in eben derselben Beschreibung an etlichen Orten all

zu frei gangen.«

Ich replicirt hinwider und sagte: »Das Lachen ist den Menschen

angeborn, und hat solches nit allein vor allen andern Thieren zum

Eigenthum, sonder es ist uns auch nutzlich, wie wir dann lesen, daß

der lachende Democritus[251] in guter Gesundheit 109 Jahr alt worden,

dahingegen der weinende Heraclitus[252] in frühem Alter eines elenden

Tods und zwar in einer Kühhaut, darin er sich wicklen lassen, seine

Glieder zu heilen, gestorben; dahero dann auch Seneca[253] ~in libro

de tranquillitate vitæ~, alwo er dieser beiden Philosophen gedenkt,

vermahnet, daß man mehr dem Democrito als dem Heraclito nachfolgen

soll.«

Simplicius antwortet: »Das Weinen gehöret dem Menschen so wol als das

Lachen eigentlich zu, aber gleichwol allzeit zu lachen oder allzeit zu

weinen, wie diese beide Männer gethan, wäre eine Thorheit; dann alles

hat seine Zeit. Gleichwol aber ist das Weinen dem Menschen mehr als

das Lachen angeboren, dann nicht allein alle Menschen, wann sie auf

die Welt kommen, weinen (man hat nur das einige Exempel des Königs

Zoroastris[254], der, wie er geborn, alsbald gelacht, so zwar von

Nerone[255] auch gesagt wird), sonder es hat der Herr Christus unser

Seligmacher selbst etlichmal geweinet; aber daß er jemals gelacht, wird

in H. Schrift nirgends gefunden, sonder hat vielmehr gesagt: Selig

seind, die weinen und Leid tragen, dann sie werden getröst werden!

Seneca, als ein Heid, mag das Lachen dem Weinen wol vorziehen; wir

Christen aber haben mehr Ursach, über die Bosheit der Menschen zu

weinen als über ihre Thorheit zu lachen, weil wir wissen, daß auf die

Sünde der Lachenden ein ewiges Heulen und Wehklagen folgen wird.«

»Bei mein Eid«, sagte hierauf Springinsfeld, »wann ich nit glaube, du

seiest ein Pfaff worden!«

»Du grober Gesell«, antwortet ihm Simplicius, »wie darfst du das Herz

haben, so leichtfertig vor ein Ding zu schwören, wann du mit deinen

eignen Augen das Widerspiel sihest? Weist du auch wol, was ein Eid ist?«

Springinsfeld muste sich ein wenig schämen und bat um Verzeihung; dann

Simplici Mienen waren so ernsthaft und bedrohenlich, daß er einen

jeden damit erschröcken konte. Ich aber sagte zu demselbigen: »Weil

meines hochgeehrten Herrn Reden und Schriften voller Sittenlehren

stecken, so muß ohne Zweifel diejenige Geschichte, deren er sich mit

einem so herzlichem Gelächter erinnert, beides lustig zu hören und

etwas Nutzlichs daraus zu lernen sein«, mit Bitte, er wolte sie doch

ohnbeschwert erzählen.

»Nichts anders«, antwortet Simplicius, »lernet[256] sie, als daß einer,

so jemand etwas Nöthiges fragt, solche Sprach und Wort gebrauchen

soll, daß sie der, so gefragt wird, geschwind verstehe und in der Eil

einen richtigen Bescheid darüber geben könne; sodann, daß einer, der

gefragt worden, die Frag aber nicht eigentlich und gewiß verstanden,

nit alsobald antworten, sonder von dem Fragenden, vornehmlich wann er

von höherer Qualität ist, noch einmal seine Frag zu vernehmen gebührend

begehren soll. Die lächerliche Histori ist diese. Als ich noch Page

beim Gouverneur in Hanau war, da hatte er einsmals ansehenliche

Officier zu Gaste, darunter sich auch etliche Weimarische befanden,

denen er mit dem Trunk trefflich zusprechen ließe. Die Fremde und

Heimische waren gleichsam in zwo Parteien unterschieden, einander wie

in einer Battalia mit Saufen zu überwinden. Das Frauenzimmer stund

auf und verfügte sich in sein Gemach, gleich nachdem man das Confect

aufgestellt, weil ihnen mitzugehen die Gewohnheit verbote; die Cavalier

aber sprachen einander so scharf zu, sich stehend vollends aufzufüllen,

daß sich auch etliche mit dem Rucken an die Stubthür lehneten, damit

ja keiner aus dieser Schlacht entrunne, welches mich an diejenige

Marter ermahnet, darmit Tiberius[257], der römische Kaiser, viel Leut

getödtet; dann wann er solche umbringen lassen wolte, ließe er sie

zuvor zu vielem Trinken nöthigen, ihnen hernach die ~s. h.~ Harngäng

dermaßen vernußbicklen[258], daß sie den Urin nicht lassen könten,

sonder endlich mit unaussprechlichen Schmerzen sterben musten. Endlich

entwischte einer, der damal kein größer Anliegen und Begierde hatte,

als das Wasser zu lassen, und weil es ihn ohn Zweifel gewaltig drängte,

liefe er wie ein Hund aus der Kuchen, der mit heißem Wasser gebrühet

worden, in welcher Eil er mir zu seinem und meinem Unglück begegnete,

fragende: «Kleiner, wo ist das Secret?»

»Ich wuste damal weniger als der Teutsche Michel[259], was ein Secret

war, sonder vermeinte, er fragte nach unserer Beschließerin, welche wir

Gret nanten, die sonst aber Margaretha hieße und sich eben damals beim

Frauenzimmer befand, dahin sie die Jungfer rufen lassen. Ich zeigte ihm

hinten am Gang das Gemach und sagte: «Dort drinnen.»«

»Darauf rennete er darauf los, wie einer, der mit eingelegter

Lanzen in einem Turnier seinem Mann begegnet. Er war so fertig, daß

das Thüraufmachen, das Hineintreten und der Anbruch des strengen

Wasserflusses in einem Augenblick miteinander geschahe in Ansehung und

Gegenwart des ganzen Frauenzimmers. Was nun beide Theil gedacht und wie

sie allerseits erschrocken, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich

kriegte Stöße, weil ich die Ohren nit besser aufgethan; der Officier

aber hatte Spott darvon, daß er nicht anders mit mir geredet.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 47 / 92 题