FUSSNOTEN:

[219] Sprichwörtlich: verhöhnen und schimpflich behandeln.

[220] =ein anders=, auf andere Weise.

[221] =Fachtung=, von Facht, Fächer, Fächelung. Der Autor will sagen

Verachtung. Jakob Grimm, Wörterbuch, nimmt ebenfalls eine absichtliche

Entstellung an.

[222] In den Ausgaben als Druckfehler: »und täglich«.

[223] =besprechen=, anreden.

[224] =aufenthalten=, trösten.

[225] =mit=; die Ausgaben haben »mit einer«, oder »mit meiner«.

[226] =gesessen sein=, durch Grundbesitz sicher sein?

[227] =als=, mhd. ~allez~, stets, fortwährend; =mithin=, im Gehen,

unterwegs.

[228] =unbescheiden=, indiscret, unverständig.

[229] =~s. h.~=, ~salvo halore~, wie ~salva venia~.

[230] =abführen=, wie anführen, anleiten; vgl. oben S. 89, Anm. 1.

[231] =Product=, Schulwitz, an manchen Orten noch jetzt gebräuchlich,

Schlag auf den Hintern.

[232] =das Geschenk=, den üblichen Zehrpfennig für wandernde

Handwerksburschen.

Das zweite Capitel.

Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.

Daselbst wurde ich viel höflicher empfangen als von obengedachter

höflichen Jungfrauen; dann der Hausknecht kam gleich und fragte: »Was

beliebt dem Herrn?«

Ich gedachte[233] zwar heut diesen ganzen Tag der Schreiberdienst,

jetzt aber der Stubenofen, sagte aber doch zu ihm: »Ein gute halb

Maß Wein«, die er mir auch gleich langte, dann es war kein Badstub,

darin man die Hitz bezahlte, sonder ein Ort der Zehrung, darin man die

benöthigte Wärme umsonst hatte oder wenigist in die Zech rechnete.

Ich setzte mich mit meiner halben Maß Wein sehr nahe zum Ofen, um mich

rechtschaffen auszubähen, alwo sich an eben demselbigen Tische ein Mann

befande, der im Pfenningwerth zehrete[234] und dreschermäßiger Weis mit

beiden Backen so gewaltig zuhiebe, daß ich mich darüber verwunderte.

Er hatte allbereit eine Supp im Magen und vor[235] zwei Kraut und

Fleisch allerdings aufgerieben[236], da ich hinkam, und fragte noch

darzu nach einem guten Stück Gebratens, welches verursachte, daß ich

ihn besser betrachtete; da sahe ich, daß er nicht nur zum Fressen,

sonder auch an der Gestalt viel ein anderer Mensch war, als ich mein

Lebtag jemals einen gesehen; dann von Proportion des Leibs war er

so groß, als wäre er in Chili[237] oder Chica[238] geboren worden.

Sein Bart war ebenso lang und breit als des Wirths Schiefertafel,

dahin er der Gäste aufgetragene Zehrung annotirte; die Haupthaar aber

kamen mir vor wie diejenige, die ich mir etwan hiebevor eingebildet,

daß Nabuchodonosor dergleichen in seiner Verstoßung getragen habe.

Er hatte einen schwarzen Kittel an von wüllenem Tuch, der gieng ihm

biß an die Kniekehlen, auf ein ganz fremde und beinahe auf die alte

antiquitätische Manier mit grünem Wüllentuch an den Näthen unterlegt,

gefüttert und ausgemacht. Neben ihm lag sein langer Pilgerstab,

oben mit zweien Knöpfen und unten mit einem langen eisernen Stachel

versehen, so dick und kräftig, daß man einem gar leicht in einem

Streiche die letzte Oelung damit hätt reichen mögen.

Ich vergaffte mich schier zum Narren über diesem seltzamen Aufzug, und

indeme ich ihn je länger je mehr betrachtete, wurde ich gewahr, daß

sein ungeheurer Bart ganz widersinns, das ist wider die europäischen

Bärt geart und gefärbt war; dann die Haar, so ererst bei einem halben

Jahr gewachsen, sahen ganz falb, was aber älter war, brandschwarz, da

doch hingegen bei andern Bärten von solcher Farb die Haar zunächst

an der Haut ganz schwarz und die übrige je älter je falber oder

wetterfärbiger zu erscheinen pflegen. Ich gedachte der Ursach nach

und konte keine andere ersinnen, als daß die schwarze Haar in einem

hitzigen Lande, die falbe aber in einem viel kältern müsten gewachsen

sein, und solches war auch die Wahrheit; dann nachdem dieser auf sein

Gebratens warten und also mit dem Essen ein wenig pausiren muste, ließe

ers über das Trinken gehen, da er dann nit weniger thun konte, als

mir eins zuzubringen, wann er anders haben wolte, daß ihm jemand den

Trunk gesegnen solte, weil ohne mich noch kein anderer Gast vorhanden;

und demnach mir das Maul, welches die grausame Kälte ganz starrhart

zugefrört hatte, auch nunmehr wieder ein wenig begunte aufzuthauen,

sihe, da kamen wir gar miteinander in ein Gespräch, warin ich ihn

zum allerersten fragte, ob er nicht ererst vor ungefähr einem halben

Jahr aus India kommen wäre. Doch damit er keine Ursach haben möchte,

zu antworten: was gehets dich an? brachte ichs meines Bedunkens gar

höflich vor, dann ich sagte: »Mein hochgeehrter Herr beliebe meiner

vorwitzigen Jugend zu vergeben, wann sie sich erkühnet zu fragen, ob

derselbe nicht allererst vor einem halben Jahr

aus India kommen.«

Er verwunderte sich, sahe mich an und antwortet: »Wann ihr sonst keine

Nachricht und Kundschaft von meiner Person habt, als daß ihr mich

jetzt das erste mal sehet, so messe ich euerer Jugend keinen Vorwitz,

sonder einen rechtschaffenen Verstand und ein solches Judicium zu,

welche beide ein Begierde in euch erwecken, dasjenig eigentlich zu

wissen, was euer Verstand von mir gefaßt und das Judicium beschlossen

habe; derowegen sagt mir zuvor, woraus ihr abgenommen, daß ich vor

einem halben Jahr noch in India gewesen, so will ich euch hernach zu

vernehmen geben, daß ihr von mir und meiner Reise recht geurtheilt.«

Als ich ihm nun sagte, daß mir die Haar seines Barts solches zu

verstehen geben, antwortet er, ich hätte recht und damit an Tag gelegt,

daß noch mehr als nur dieses hinter mir stecke.

Hierauf mahnet er mich, Bescheid zu thun. Dieweil er aber seinen Wein

mixtirt, scheuete ich mich zu trinken; dann er hatte aus seinem Sack

ein zinnern Büchse gezogen, in deren ein Electuarium[239] war, das

allerdings dem Theriak[240] gleich sahe; aus derselben nahm er eine

Messerspitze voll derselbigen Materi und mischets unter ein gemeines

Trinkgläslein neuen Wein (dann er trank kein alten, sonder nur neuen

Zweenbatzenwein), davon er so dick und gelb wurde, daß er schier

einer widerwärtigen Purgation oder doch wenigist einem alten Baumöl

sich vergliche. Wann er nun trinken wolte, so gosse er jederzeit ein

einzigen Tropfen hiervon in das Glas, davon der milchfarbe neue Wein

sich alsobalden veränderte, alle noch in sich habende unvergohrne

~faeces~[241] zu Boden fallen ließe und wie ein alter abgelegner

Wein von Farb dem Gold gleich erschiene. Er sahe wol, daß ich keinen

sonderlichen Lust zu seinem Getränk trug, sagte derowegen, ich solte

kecklich trinken, es würde mir nichts schaden; und als ich mich

überreden ließe, den Wein zu versuchen, befande ich ihn so lieblich

kräftig und gut, daß ich ihn vor Malvasier oder spanischen Wein

getrunken hätte, wann ich nicht gesehen, daß es ein neuer Elsasser

gewesen. Darauf erzählte er mir, daß er diese Kunst bei den Armeniern

gelernet, und erwiese im Werk, daß ein alter abgelegener, sonst an sich

selbst sehr köstlicher Wein, wie ich damal vor mir stehen hatte, von

diesem Elixir, wie ers nennet, bei weitem nicht so gut wurde als ein

gemeiner neuer; dessen gab er Ursach, daß der neue seine Kräfte noch

völliger bei einander und, wie in etlichen Jahren dem alten geschehen,

noch nichts darvon verloren hätte.

Wie wir nun so von dem Wein und dieser Kunst miteinander discurirten,

da trat ein alter Kronzer[242] mit einem Stelzfuß zur Stuben hinein,

den die eingenommene Kälte auch gleich wie mich zum Stubenofen triebe.

Er hatte sich kaum ein wenig gewärmet, als er eine kleine Discantgeige

hervorzog, dieselbe stimmte, vor unsern Tisch trate und eins daher

striche, worzu er mit dem Maul so artlich humset und quickelirt, daß

einer, der ihn nur gehört und nicht gesehen, hätt glauben müssen, es

wären dreierlei Saitenspiel untereinander gewesen. Er war ziemlich

schlecht auf den Winter gekleidet und hatte auch allem Ansehen nach

keinen guten Sommer gehabt, dann sein magere Gestalt bezeugte, daß

er sich mit den Schmalhansen betragen[243], und seine ausgefallene

Haar, daß er noch darzu eine schwere Krankheit überstehen müssen. Der

Schwarzrock, so bei mir saße, sagte zu ihm: »Landsmann, wo hastu dein

anderes Bein gelassen?«

»Herr«, antwortet dieser, »in Candia.«

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 45 / 92 题