II.

Der seltzame Springinsfeld.

Der seltzame

=Springinsfeld=,

Das ist

Kurtzweilige, lusterweckende und

recht lächerliche Lebensbeschreibung

Eines weiland frischen, wolversuchten

und tapfern Soldaten,

Nunmehr aber ausgemergelten,

abgelebten, doch dabei recht

verschlagnen

Landstörzers und Bettlers,

Samt

seiner wunderlichen Gaukeltasche.

Auf Anordnung des weit und

breit bekanten Simplicissimi

Verfasset und zu Papier gebracht

von

~Philarcho Grosso~ von

Tromerheim.

* * * * *

Gedruckt in ~Paphlagonia~ bei

Felix Stratiot.

Anno 1670.

Inhalt.

=Das erste Capitel.= Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung

den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert.

=Das zweite Capitel.= Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.

=Das dritte Capitel.= Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder

widerfahren.

=Das vierte Capitel.= Der Autor geräth unter einen Haufen

Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.

=Das fünfte Capitel.= Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung

dictirt.

=Das sechste Capitel.= Der Autor continuirt vorige Materiam und

erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn

empfangen.

=Das siebente Capitel.= Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene

treffliche Losung.

=Das achte Capitel.= Mit was vor einem Geding Simplicissimus den

Springinsfeld die Kunst lernete.

=Das neunte Capitel.= Tisch- und Nachtgespräch, und warum

Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.

=Das zehnte Capitel.= Springinsfeld's Herkunft, und wie er

anfangs in Krieg kommen.

=Das elfte Capitel.= Von dreien merkwürdigen Verschwendern

wahrhafte Historien.

=Das zwölfte Capitel.= Springinsfeld wird ein Trommelschlager,

hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete.

=Das dreizehnte Capitel.= Durch was vor Glücksfall Springinsfeld

wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer

unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.

=Das vierzehnte Capitel= erzählet Springinsfeld's ferner Glück

und Unglück.

=Das funfzehnte Capitel.= Wie heroisch sich Springinsfeld im

Nördlinger Treffen gehalten.

=Das sechzehnte Capitel.= Wo Springinsfeld nach der Nördlinger

Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.

=Das siebzehnte Capitel.= Springinsfeld bekomt Succurs und wird

wiederum ein reicher Dragoner.

=Das achtzehnte Capitel.= Wie es dem Springinsfeld von dem

Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.

=Das neunzehnte Capitel.= Springinsfeld's fernere Historia biß

auf das kaiserliche Armistitium.

=Das zwanzigste Capitel.= Continuatio solcher Histori biß zum

Friedensschluß und endlicher Abdankung.

=Das einundzwanzigste Capitel.= Springinsfeld verheurathet

sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird

wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür.

=Das zweiundzwanzigste Capitel.= Türkenkrieg des Springinsfelds

in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen.

=Das dreiundzwanzigste Capitel.= Seines blinden Schwähers, der

Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder

nacheinander los.

=Das vierundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin vor

lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen

unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen

dem Türken wird.

=Das fünfundzwanzigste Capitel.= Was und wie Springinsfeld in

Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.

=Das sechsundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin weiters für

Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.

=Das siebenundzwanzigste Capitel.= Endlicher Beschluß von des

Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.

Das erste Capitel.

Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung

dieses Werkleins befördert.

Als ich verwichne Weihnachtmeß in eines vornehmen Herrn Hof mit

höchst verdrießlicher Patienz, um eine Resolution zu erlangen,

aufwartete, auf eine Supplication, darinnen ich gar beweglich um

einen Schreiberdienst gebeten und in derselben meinen hohen Fleiß mit

den allerandächtigsten Worten gerühmt, auch die Beständigkeit meiner

unvergleichlichen Treu genugsam versichert hatte, gleichwol aber der

gewünschte Bescheid dermaleins nicht kommen wolte, sihe, da wurde ich

noch viel ungeduldiger, vornehmlich als ich sahe, daß die schmutzige

Kuchen- und stinkende Stallratzen in ihrer Aestimation passirt, ich

aber wie ein ungesalzener Stockfisch, den man auch keiner fernerer

Versuchung würdigt, verachtet wurde. Ich hatte damals allerlei Gedanken

und grillenhaftige Einfäll, und wie ich in erstgedachter Bursche

höhnischen Angesichtern lesen konte, bedunkte mich, sie würden sich

endlich unterfangen, mir den Hut zu drehen und den Kunzen mit mir zu

spielen[219], wann ich entweder nicht bald ein angenehme Resolution

kriegte oder ohne dieselbige von mir selbst darvon gienge. Bald sprach

ich mir wiederum ein anders[220] zu und versichert mich selbst eines

weit bessern Ausgangs.

Geduld, Geduld! sagte ich zu mir, Gut Weil will Ding haben! dann ich

brachte alles das hinterst zum vördersten vor, weil ich ganz verwirret

ware. Erlangstu diesen Dienst, so kanstu diesen Schindhunden diese

Fachtung[221] schon eintränken.

Ich wurde aber nicht allein von diesen unerträglichen[222] innerlichen

Anfechtungen, sonder auch von der damaligen grimmigen Kälte von

außenhero dergestalt geplagt, daß ein jeder, der mich gesehen und die

Kält nit selbst empfunden, tausend Eid geschworen hätte, ich wäre mit

einem drei- oder viertägigen Fieber behaft. Das Gesind liefe hin und

wieder, ohne daß sie meiner viel geachtet oder mich besprochen[223].

Als ich mich aber am allerbesten mit guter Hoffnung speisete und

aufenthielte[224], da wurde ich eines holdseligen Kammerkätzchens

gewahr; deren schenkte ich gleich mein Herz; dann als sie recta gegen

mich gieng, konte ich mir nichts anders einbilden, als dieses wäre ein

ohnzweifelbares Omen, daß ich ihr Serviteur werden würde. Das Herz

hupfte mir gleichsam vor Freuden, weil mich der Wahn einer solchen

künftigen Glückseligkeit versicherte. Da sie aber zu mir kam und ihr

kirschenrothes Mäulchen aufthät, sagte sie: »Guter Freund, was habt

ihr hier zu thun? Seid ihr vielleicht ein armer Schüler, der etwan ein

Almusen begehrt?«

Da gedachte ich gleich: diese Wort schlagen alle deine Hoffnung zu

Boden; dann weil wir Schreiber eben so hoffärtige Geister, was sage

ich: hoffärtige? ich will sagen: gleich so großmüthige Sinne haben

und besitzen, als etwan die Schneider selbsten, die sich bei großen

Herren zutäppisch machen, wann sie erstlich ihre Kammerdiener und

endlich zu ihren Herrn -- man denke doch nur, wie verwirrt ich damals

in mir selbst gewesen, weil ich noch jetzt alles so irrig und verwirrt

vorbringe -- ich hatte sagen wollen: zu Herrn werden (dann große Herren

werden ja weder Schreiber noch Schneider über sich zu Herrn setzen),

als bedunkte mich, die Jungfer solte sich nach meiner Einbildung

accommodirt und gesagt haben: Was beliebt meinem hochgeehrten Herrn?

oder: Was verlangt derselbe hier vor Geschäfte zu verrichten? Nun was

bedarfs vieler Wort? Ich wurde ganz bestürzt und konte die Jungfer doch

keiner Unbescheidenheit beschuldigen, weil sie ihre Frag mit einer

wolständigen Red vorgebracht; auch konte ich kaum so viel Wort in

meinem Capitolio (so der alten Römer Rüst- und Waffenkammer gewesen)

aus allem Vorrath, den ich darin hatte, zusammen bringen, diesem ersten

Streich, der mir empfindlicher als eine dichte Maulschell vorkam, der

Gebühr nach zu begegnen. Doch lallete ich endlich mit[225] aus Forcht,

Hoffnung und Kälte verursachter zitterender oder babender Stimme so

viel daher, daß ich derjenig Monsieur wäre, der auf Recommendation

ehrlicher Leute ihres Herrn Schreiber zu werden verhoffte.

»Ach mein gar lieber Gott«, antwortet das Rabenaas, »ist er derselbig?

Ach, er schlage solche Gedanken aus dem Sinn, dann ein solcher, der den

Dienst haben will, welchen er verlangt, muß meinen gn. Herren entweder

um 1000 Thaler gesessen sein[226], oder um solche Summa einen Bürgen

stellen. Mir ist allbereit vor dreien Tagen ein halber Reichsthaler

gegeben worden, ihme solchen zuzustellen, wann er sich anmeldet, und

unser los Gesind hat mir nit einmal gesagt, daß ihr da seied; ich wolte

euch sonst so lang in dieser Kälte nit haben stehen lassen.«

Man kan leicht gedenken, was ich damal vor eine Nase hatte. Ich

gedachte: halt, da schlag Venus zu, so darf Vulcanus eines Knechts

weniger! Ich hatte gar nit den Willen, angeregten halben Thaler zu

nehmen, maßen ich mich auch drum wehrete, weil ich mir einbildete,

solche Abfertigung wäre meiner schreiberischen Reputation schimpflich

und zuwider. Doch gedachte ich: wer weiß, wo dir dieser Herr noch eine

Gnad erweisen kan! Schob ihn derowegen in Sack und faßte eine Hoffnung,

mit der Zeit durch die liebe Geduld den gebetenen Dienst noch zu

erlangen, welchen ich mitsamt des Herrn Gnad verscherzen würde, wann

ich so trutzig und halsstärrig diß geringe Geld ausschlug.

Solcher Gestalt nahm ich meine Abfertigung, und die Jungfer selbst gab

mir das Geleit biß unter das Thor, weil sie dasselbe, als gegen dem

Mittagimbs, gleich zu beschließen willens. Da machten wir nun noch als

mithin[227] wegen des halben Thalers unsere Complimenten, unter welchen

der Jungfer diese Wort entfuhren: »Er nehme ihn nur kecklich hin und

versichere sich, daß mein gn. Herr und Frau auch das Geringste, so

ihnen zu Dienst geschihet, nit unbelohnt lassen, und solte ihnen einer

nur auf die Heimlichkeit mit einem Liecht vorgehen.«

Das verdrosse mich so grausam übel und jagte mich so in Harnisch,

daß ich der Jungfer mehr unbescheiden[228] als vernünftig antwortet:

»So saget euren gn. Herrn«, sprach ich, »wann er mir einen jeden

~s. h.~[229] Arschwisch, darzu er meine Supplication unweislich

brauchen möchte, ehe er sie gelesen, so theur bezahlen wolle, so

werde es ihm ehender an Geld, als mir an Papier, Federn und Dinten

manglen.« Darauf trollte ich mich eine lange Gasse hinauf, vor Zorn

mehr unsinnig als ohnwillig. Ich wuste es denen, so mich ~in literis~

abgeführt[230] hatten, so wenig Dank, daß mich auch reuete, daß ich

meinen Präceptoribus mit dem Hintern nit ins Angesicht geloffen,

wann sie mir etwan zu Zeit einen Product[231] geben. Ach, sagte ich,

warum haben dich doch deine Eltern nicht ein Handwerk oder Dreschen,

Strohschneiden oder dergleichen so etwas lernen lassen? So hättest

du da jetzunder auch bei jedem Bauren Arbeit und dörftest nicht vor

großen Herren thun stehen, ihnen zu schmeichlen; köntestu doch nur

jetzt das allerverächtlichste Handwerk, das sein mag, so fändestu

gleichwol Meister, die dich des Handwerks halber aufnehmen und dir das

Geschenk hielten[232], wann sie dir gleich keine Arbeit gäben &c. In

diesem deinem Stand nimt sich aber kein Mensch deiner an, und bist der

allerverachtetste Bärnhäuter, der sein mag!

In diesem meinem Unwillen passirte ich ein weiten Weg. Gleichwie mir

aber der Zorn nach und nach vergieng, also empfande ich die damalige

grausame Kälte je länger je mehr, deren ich bißhero so hoch noch nit

geachtet hatte; ja sie quälte mich dergestalt, daß ich nach einer

warmen Stub seufzete, und demnach eben ein Wirthshaus gegen mir stunde,

gienge ich mehr der Wärme halber hinein, als den Durst zu löschen.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 44 / 92 题