FUSSNOTEN:

[193] =Kintzger Thal=, an der Kinzig im Schwarzwald.

[194] =Schiltach=, Baden, Mittelrheinkreis.

[195] =verzögern=, hinhalten, kümmerlich durchbringen.

[196] =Herbsthausen=, Jaxtkreis, Würtemberg.

[197] =eingehen=, einwilligen, übernehmen.

[198] =Galaunen=, Galonen, Tressen.

[199] =hotten=, vorwärts gehen.

[200] =letz=, verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links.

[201] =Knebelspieß=, Spieß mit einer Querstange unter der Spitze,

für die Saujagd bestimmt.

[202] =ausreuten=, ausrotten.

[203] =hundsklinkerisch=, niederträchtig, verkommen.

Das siebenundzwanzigste Capitel.

Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage

selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar

an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie sagt einem

verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien,

behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder

zustellen.

In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels

darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweg

geworfen, retterirte mich auch mit dem Rest der übrig gebliebenen

Armee, so wol als der Touraine[204] selbsten, biß nach Cassel; und

demnach mein Mann todtgeblieben und ich niemand mehr hatte, zu dem ich

mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich

endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der schwedischen

Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich

mit uns bei Wartburg[205] conjungirt. Und indem ich bei ihnen einen

Leutenant antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen

Hand zum Stehlen, wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern

mehr Tugenden, deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde

ich gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder ~Oleum

Talci~[206] noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß und schön zu

machen, weil sowol mein Stand selbsten als mein Mann diejenige Couleur

von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet. Derowegen

fienge ich an mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden

Unguenten also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so

höllrieglerisch[207] aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren

worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich über meine

vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto weniger schickte sich

das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, daß ich es auch mit keiner

Obristin vertauscht haben wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer

alten ägyptischen Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte

ich zuvor, außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht

wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze so perfect, daß

ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passiren mögen.

Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall ohne

Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr einheimste und

meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als sonst meiner zehne. Höret,

wie mirs einsmals so übel gelungen! Wir lagen über Nacht und ein Tag

ohnweit von einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein

dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich machte mich

auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als Geld auszugeben oder

etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen gedachte, als was

ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu erhandeln

verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hinein passirt, als mir eine

Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte

kommen, ihrer Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten

vernahm ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her,

daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein andere

gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, dann da ich zu

der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett zu, daß sie

auch alle Calendermacherei, ja der elenden[208] Madamoisellen Meinung

nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir

endlich ihre Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse,

den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu

bringen.

»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren und

sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er gleich einen Harnisch

anhaben wie der große Goliath.«

Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben

diß und begehrte auch nichts anders, als daß meine Künst alsobald ins

Werk gesetzt würden. Ich sagte, wir müssen allein sein, und es müste

alles unbeschrieen zugehen.

Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen

auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer.

Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als

sie um ihren Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich

Halsgehäng, das sie eben anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als

ich diese Kleinodien hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier,

machte etliche Knöpf[209] daran, murmelte unterschiedliche närrische

Wörter darzu und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach

sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.«

Da wir hinkamen, überredet ich sie, daß sie sich auszöge biß aufs Hemd,

und unterdessen als solches geschahe, machte ich etliche wunderbare

Characteres an den Boden eines großen Fasses voll Wein, zoge endlich

den Zapfen heraus und befahl der Damen, ihren Finger vorzuhalten, biß

ich die Kunst mit dem Zapfen droben im Hause auch der Gebühr nach

verrichtet hätte. Da ich nun das einfältige Ding dergestalten gleichsam

angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem Bette,

mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte.

Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte samt dem

Ihrigen[210] vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre Kleinodia waren

mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser Lager mit meiner Beute

gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer Officier aus der Guarnison,

der solche wieder von mir fordert.

Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; doch kan ich nicht

sagen, daß er mich geprügelt, hingegen aber schweren, daß er mich

rechtschaffen gedegelt[211] habe; dann nachdem er seinen Diener

absteigen lassen, um mich zu besuchen, ich aber demselbigen mit meinem

schröcklichen Zigeunermesser begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe,

da zog er von Leder und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen,

sondern färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, daß ich wol

4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich glaube auch, der

Teufel hätte biß auf diese Stund noch nicht aufgehöret zuzuschlagen,

wann ich ihm meine Beut nicht wieder hingeworfen. Und dieses war vor

dißmal der Lohn beides meiner artlichen Erfindung und des künstlichen

Betrugs selbsten.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 40 / 92 题