FUSSNOTEN:

[204] =Touraine=, Turenne, vgl. die Einleitung.

[205] Die =Wartburg= in Thüringen.

[206] ~=Oleum Talci=~, flüssige Schminke aus Talk.

[207] =höllrieglerisch=, von Höllenriegel, mhd.~helle-rigel~, wie

Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel.

[208] =elend=, leidend.

[209] =Knopf=, Knoten.

[210] Im Druck steht »=dieser=« -- »=Seinigen=«.

[211] =degeln=, von =Degen=, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln,

mit der flachen Klinge schlagen.

Das achtundzwanzigste Capitel.

Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih

gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu

schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun

jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die

Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt

ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.

Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott

von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee,

die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann

beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht

allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe

auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir

das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe,

daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich

noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf

setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden

probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser

abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich

ich mich zu den Zigeunern schicke.

Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen

großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212] war, welcher Ursachen wegen

und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern,

Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde.

Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei

seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme

etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen

und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er

dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es

roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens,

daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande,

daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich

folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich

ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem

Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine

große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich

erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns

hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und

sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich

etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich

ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann

über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang,

weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle

alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant

einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen

bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so

gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch

alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen

thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von

andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um

ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte,

stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln

wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe

den Uebelthäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil

exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte

sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich

dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und

Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen

ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern

nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den

Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach

geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die

Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter

zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe,

dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir

nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber

im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und

Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus

den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns

entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur

Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer

kahlen[213] Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken

lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib

und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf

unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten,

mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die

Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu,

welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in

den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch

bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und

jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das

Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte

derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem

Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg

wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen

frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten

von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller

Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.

Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero

unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und

Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man

ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander

beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte.

Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers

verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder

Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern

uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden

des Landmanns als[214] der großen Herren selbst, denen wir manches

Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns

nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas,

dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von

waserlei[215] Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen,

deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol,

daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen

Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder

wol gar mit Gabelreuterinnen[216] betrogen und also gar des Teufels

Schwager worden sei.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 41 / 92 题