FUSSNOTEN:

[190] =Mechaberis=, scherzhaft oder misverstanden statt

~moechator~, Ehebrecher.

[191] =Losung=, verabredetes Wort oder Zeichen.

[192] =~taliter qualiter~=, auf diese gute Art.

Das sechsundzwanzigste Capitel.

Courage wird eine Musquetiererin, schachert darbei mit Tabak und

Branntewein. Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen todten

Soldaten antrifft, den er ausziehet und, weil die Hosen nicht herunter

wolten, ihm die Schenkel abhaut, alles zusammen packet und bei einem

Bauren einkehret, die Schenkel zu Nachts hinterlässet und reißaus

nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher Poß zuträgt.

Damals lagen weit herum keine kaiserliche Völker oder Armeen, zu

welchen ich mich wieder zu begeben im Sinn hatte. Weil mirs dann nun an

solchen mangelte, so gedachte ich mich zu den Weimarischen oder Hessen

zu machen, welche damal im Kintzger Thal[193] und der Orten herum sich

befanden, um zu sehen, ob ich etwan wieder einen Soldaten zum Mann

bekommen könte. Aber ach! die erste Blüte meiner ohnvergleichlichen

Schönheit war fort und wie eine Frühlingsblum verwelket, wie mich dann

auch mein neulicher Unfall und daraus entstandene Bekümmernus nicht

wenig verstellet. So war auch mein Reichthum hin, der oft die alte

Weiber wieder an Männer bringet. Ich verkaufte von meinen Kleidern und

Geschmuck, so mir noch gelassen worden, was Geld golte, und brachte

etwan zweihundert Gulden zuwegen; mit denen machte ich mich samt einem

Boten auf den Weg, um mein Glück zu suchen, wo ichs finden möchte.

Ich trafe aber nichts als Unglück an, dann ehe ich Schiltach[194]

erlangte, kriegte uns eine weimarische Partei Musquetierer, welche

den Boten abprügelten, plünderten und wieder von sich jagten, mich

aber mit sich in ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein

kaiserliches Soldatenweib aus, deren Mann vor Freiburg im Breisgau

todt blieben wäre, und überredet die Kerl, daß ich in meines Mannes

Heimath gewesen, nunmehr aber Willens sei, mich ins Elsaß nach Haus zu

begeben. Ich war, wie obgedacht, bei weitem nicht mehr so schön als

vor diesem, gleichwol aber doch noch von solcher Beschaffenheit, die

einen Musquetierer aus der Partei so verliebt machte, daß er meiner

zum Weib begehrte. Was wolte oder solte ich thun? Ich wolte lieber

diesem Einzigen mit gutem Willen gönnen, als von der ganzen Partei mit

Gewalt zu demjenigen gezwungen werden, was dieser aus Lieb suchte.

In Summa, ich wurde eine Frau Musquetiererin, ehe mich der Caplan

copulirte. Ich hatte im Sinn, wieder wie zu Springinsfeld's Zeiten eine

Marquetenterin abzugeben, aber mein Beutel befand sich viel zu leicht,

solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine böhmische

Mutter, und überdas bedunkte mich, mein Mann wäre viel zu schlecht

und liederlich zu solchen Handel. Doch fienge ich an, mit Tabak und

Branntewein zu schachern, gleichsam als ob ich wieder halbbatzenweis

hätte gewinnen wollen, was ich kürzlich bei Tausenden verloren. Es kam

mich blutsauer an, so zu Fuß daher zu marschieren und noch darzu einen

schweren Pack zu tragen, neben dem, daß es auch zu Zeiten schmal Essen

und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings ich mein Lebtag

nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt brachte ich einen

trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht allein schwer tragen, sondern

auch schneller laufen konte als manch gutes Pferd. Gleich wie ich nun

dergestalt zween Esel zusammen brachte, also verpflegte ich sie auch

besten Fleißes, damit ein jeder seine Dienste desto besser versehen

könte. Solcher Gestalt nun, weil ich und meine Bagage getragen wurde,

konte ich mich auch um etwas besser patientirn, und verzögerte[195]

also mein Leben, biß uns der von Mercy, in Anfang des Maien, bei

Herbsthausen[196] treffliche Stöße gab. Ehe ich aber fortfahre, solchen

meinen Lebenslauf weiters hinaus zu erzählen, so will ich dem Leser

zuvor ein artliches Stückel eröffnen, das mein damaliger Mann wider

seinen Willen ins Werk setzte, als wir noch im Kintzger Thal lagen.

Er gieng ein[197], auf seiner Officier Zumuthen und mein Gutbefindung,

sich in alte Lumpen zu verkleiden und mit einer Axt auf der Achsel, in

Gestalt eines armen exulirenden Zimmermanns, einige Brief an Ort und

Ende zu tragen, dahin sonst niemand zu schicken wegen der kaiserlichen

Parteien, welcher wegen es unsicher war. Solche Briefe betrafen die

Conjunction etlicher Völker und andere Kriegsanschläg. Es ware damals

von grimmiger Kälte gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren, so

daß mich das arme Schaf auf seiner Reise schier gedauret hätte. Doch

muste es sein, weil ein ziemlich Stück Geld zu verdienen war, und er

verrichtet auch alles sehr glücklich. Unterwegs aber fande er einen

todten Körper in seinen Abwegen, die er der Enden wol wuste, welcher

ohne Zweifel eines Officiers gewesen sein muß, weil er ein Paar rother

scharlachener Hosen mit silbern Galaunen[198] verbrämt anhatte,

welcherlei Gattung damal die Officier zu tragen pflegten; so war

sein Köller samt Stiefeln und Sporen auch den Hosen gemäß. Er besahe

den Fund und konte nicht ersinnen, ob der Kerl erfroren oder von den

Schwarzwäldern todtgeschlagen worden wäre. Doch galte es ihm gleich,

welches Tods er gestorben; das Koller gefiele ihm so wol, daß ers ihm

auszog, und da er dasselbige hatte, gelüstet ihn auch nach den Hosen,

welche zu bekommen er zuvor die Stiefel abziehen muste. Solches glückte

ihm auch; als er aber die Hosen herab streifte, wolten solche nicht

hotten[199], weil die Feuchtigkeit des allbereit verwesenden Körpers

sich unter den Knien herum, allwo man dazumal die Hosenbändel zu binden

pflegte, sich beides in das Futter und den Ueberzug gesetzt hatte und

dannenhero Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammen gefroren waren. Er

hingegen wolte diese Hosen nicht dahinten lassen, und weil der Tropf

sonst kein ander Mittel in der Eil sahe, eins vom andern zu ledigen,

hiebe er dem Corpo mit seiner Axt die Füße ab, packte solche samt Hosen

und Koller zusammen, und fande mit seinem Bündel bei einem Bauern ein

solche Gnad, daß er bei ihme hintern warmen Stubenofen übernachten

dorfte.

Dieselbe Nacht kälbert dem Bauern zu allem Unglück eine Kuhe, welches

Kalb seine Magd wegen der großen Kälte in die Stuben trug und zunächst

bei meinem Mann auf eine halbe Well Stroh zum Stubenofen setzte.

Indessen war es gegen Tag, und meines Manns eroberte Hosen allbereit

von den Schenkeln aufgethauet; derowegen zog er seine Lumpen zum

Theil aus und hingegen das Köller und die Hosen, die er umkehrte oder

letz[200] machte, an, ließe sein altes Gelümp samt den Schenkeln beim

Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus und kam wieder glücklich in

unser Quartier.

Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb Rath zu schaffen.

Als sie aber die beide Schenkel samt meines Mannes alten Lumpen und

Schurzfell darbei liegen sahe und meinen Mann nicht fande, fienge

sie an zu schreien, als wann sie mitten unter die Mörder gefallen

wäre. Sie liefe zur Stuben hinaus und schlug die Thür hinter ihr zu,

als wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen dann nicht

allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft erwachte und

sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, wessenwegen ein Theil

ausrisse, das ander aber sich in die Wehr schickte. Der Bauer selbst

vernahm von der Magd, welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die

Ursach ihres Geschreis, daß nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den

sie über Nacht geherbergt, biß auf die Füße gefressen und ein solches

gräßliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte, daß sie glaube, wann sie

sich nicht aus dem Staub gemacht, daß es auch an sie gesprungen wäre.

Der Bauer wolte das Kalb mit seinem Knebelspieß[201] niedermachen,

aber sein Weib wolte ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub

lassen, sondern vermittelte, daß er den Schultheißen um Hülf ansuchte.

Der ließe alsobald der Gemein zusammen läuten, um das Haus gesamter

Hand zu stürmen und diesen gemeinen Feind des menschlichen Geschlechts,

ehe er gar zu einer Kuhe aufwüchse, bei Zeiten auszureuten[202]. Da

sahe man nun ein artliches Spectakel, wie die Bäurin ihre Kinder und

den Hausrath zum Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die

Bauren zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schröcklichen Wurm

samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen genugsame

Zeugnüs einer großen Grausamkeit einbildete. Der Schultheiß gebote, das

Haus zu stürmen und dieses greuliche Wunderthier niederzumachen; aber

es schonete ein jeder seine Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und

Kind darvon, wann ich umkäme?

Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen, daß man das

Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht von einem Lindwurm

oder Drachen besprungen worden, hinweg brennen und dem Bauern selbst

aus gemeinem Seckel eine Ergötzung und Hülfe thun solte, ein anders zu

bauen. Solches wurde fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit

trösteten, sie müsten gedenken, es hätten solches die Diebskrieger

hinweg gebrant.

Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde trefflich Glück

zu dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses ungefähr begegnet. Ich

gedachte: was würde er erst ins Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor

den Springinsfeld abrichte!

Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch[203] darzu;

überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen vor Herbsthausen

todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz verstehen konte.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 39 / 92 题