FUSSNOTEN:

[188]: =Fund=, Erfindung, List.

[189] =Holzcur=, Decoct von Pockenholz, ~lignum Guajaci~.

Das fünfundzwanzigste Capitel.

Courage wird über ihren Uebelthaten erwischt und der Stadt verwiesen.

Jetzt solte ich zwar abbrechen und aufhören von meinem fernern

Lebenslauf zu erzählen, weilen genugsam verstanden worden, was vor eine

Dame Simplicius übertölpelt zu haben sich gerühmet. Gleichwie er aber

von deme, was allbereit gesagt worden, ohne Zweifel fast nichts als

Spott und Schand haben wird, also wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was

ich noch fürters anzeigen werde.

Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt, beides von

Obsgewächs, Kräuter und Blumen, der sich dorfte sehen lassen und

alle andere trutzte; und neben mir wohnete ein alter Mechaberis[190]

oder Susannenmann, welcher ein Weib hatte, die viel älter war als er

selbsten. Dieser wurde zeitlich innen, von was vor einer Gattung ich

war, und ich schlug auch nicht ab, im Nothfall mich seiner Hülf zu

bedienen, wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten zusammen kamen

und gleichsam im Raub und höchster Eil Blumen brachen, darmit es sein

eifersüchtige Alte nit gewahr würde, wie wir dann auch nirgends so

sicher als in diesem Garten zusammen kommen konten, als da das grüne

Laub und die verdeckte Gäng unserer Meinung nach vor den Menschen,

aber nicht vor den Augen Gottes, unsere Schand und Laster bedeckten.

Gewissenhafte Leut werden darvor halten, unser Sündenmaß seie damal

entweder voll und überhäuft gewesen, oder die Güte Gottes hätte uns zur

Besserung und Buße berufen wollen. Wir hatten einander im Anfang des

Septembris Losung[191] gegeben, denselbigen lieblichen Abend im Garten

unter einem Birnbaum zusammen zu kommen, eben als zween Musquetierer

aus unserer Guarnison ein Anschlag gemacht hatten, selbigen Abend

ihren Part von meinen Birn zu stehlen, wie sie auch den Baum bestiegen

und zu brechen anfiengen, ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es

war ziemlich finster, und mein Buhler stellte sich ehender ein als

ich, bei dem ich mich aber auch gar bald befande und dasjenige Werk

mit ihm angienge, das wir ehmalen mit einander zu treiben gewohnt

waren. Potzherz! ich weiß nicht wie es gienge, der eine Soldat regte

sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr besser wahrzunehmen, und

war so unvorsichtig, daß er alle seine Birn, die er gebrochen hatte,

verschüttelt, und als selbige auf den Boden fielen, bildeten ich

und der Alte sich nichts anders ein, als es wäre etwan ein starkes

Erdbiden von Gott gesendet und verhängt, uns von unsern schandlichen

Sünden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches mit Worten

zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken von einander

liefen. Die auf dem Baum aber konten sich des Lachens nicht enthalten,

welches uns noch größere Furcht einjagte, sonderlich dem Alten, der da

vermeinte, es wäre ein Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich

ein jedes von uns in seine Gewahrsam.

Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schrie ein Musquetierer:

»Ich weiß was.« Ein anderer fragte ihn mit vollem Hals: »Was weist du

dann?« Jener antwortet: »Es hat heut Birnen geerdbidmet.«

Diß Geschrei kam je länger je stärker, also daß ich gleich merkte, was

die Glocke geschlagen, und mich in Angesicht anröthete, wiewol ich mich

sonst zu schämen nit gewohnet war. Ich machte mir gleich die Rechnung,

daß ich eine Hatz ausstehen müste, gedachte aber nicht, daß es so grob

hergehen würde, wie ich hernach erfuhr; dann nachdem die Kinder auf

der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wusten, konte der Magistrat

nichts anders thun, als daß er mich und den Alten beim Kopf nehmen und

jedweders besonders gefangen setzen ließe. Wir leugneten aber beide wie

die Hexen, ob man uns gleich mit dem Henker und der Tortur dräuete.

Man inventirt und verpetschirt das Meinige und examinirt mein

Hausgesind bei dem Eid, deren Aussag aber wider einander liefe, weil

sie nit alle von meinen losen Stücken wusten und mir die Mägd getreu

waren. Endlich verschnappte ich den Handel selbst, als nämlich der

Schultheiß, welcher mich Frau Bas nennete, oft zu mir in das Gefängniß

kam und großes Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr ein Freund

der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er mich in aller

falschen Verträulichkeit überredet, mein Alter hätte den begangenen

und oftmals wiederholten Ehebruch gestanden, fuhre ich unversehens

heraus und sagte: »So schlag ihm der Hagel ins Maul, weils der alte

Scheißer nicht hat halten können!«

Bate demnach meinen vermeinten Freund, er wolte mir doch getreulich

dadurch helfen. Er aber hingegen machte mir eine scharfe Predigt daher,

thät die Thür auf und wiese mir einen Notarium und beisichhabende

Zeugen, die alle meine und seine Reden und Gegenreden angehört und

aufgemerkt hatten.

Darauf gieng es wunderlich her, die meiste Rathsherrn hielten darvor,

man solte mich an die Folter werfen, so würde ich viel mehr dergleichen

Stücke bekennen und alsdann nach befindenden Dingen als eine unnütze

Last der Erden um eines Kopfs kürzer zu machen sein, welcher Sentenz

mir auch weitläuftig notificirt wurde. Ich hingegen ließe mich

vernehmen, man suche nicht so sehr der lieben Gerechtigkeit und den

Gesetzen ein Genügen zu thun, als mein Geld und Gut zu confisciren.

Würde man so streng mit mir procedirn, so würden noch viel, die vor

ehrliche Burger gehalten werden, mit mir zur Leiche gehen oder mir das

Geleit geben müssen. Ich konte schwätzen wie ein Rechtsgelehrter, und

meine Wort und Protestationes fielen so scharf und schlau, daß sich

Verständige darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, daß ich auf eine

Urfed die Stadt quittiren und, zu mehr als wohlverdienter Strafe, alle

meine Mobilia und liegende Güter dahinten lassen muste, darunter sich

gleichwol mehr als über 1000 Reichsthaler baar Geld befande. Meine

Kleidungen und was zu meinem Leib gehörte, wurde mir gefolgt, außer

etliche Kleinodien, die einer hier, der ander dort zu sich zwackte. In

Summa was wolte ich thun? Ich hatte wol Größeres verdient, wann man

strenger mit mir hätte procediren wollen; aber es war halt im Krieg,

und dankte jedermänniglich dem gütigen Himmel (ich solte gesagt haben:

jederweiberlich), daß die Stadt meiner so ~taliter qualiter~[192] los

worden.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 38 / 92 题