[187] =zwagen= ~c. dat.~, waschen.
Das vierundzwanzigste Capitel.
Wie Simplicissimus und Courage Kundschaft zusammen bekommen und
einander betrogen.
Wir musten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulden, als die
Churbairische und Französische, Weimarische in der schwäbischen Gränze
einander in den Haaren lagen und sich zwackten. Unter denselbigen waren
die meiste Officierer trefflich geneigt auf dasjenige, was ich ihnen
gern um die Gebühr mitzutheilen pflegte. Demnach ichs aber beides aus
großer Begierde des Gelds, das ich wieder damit gewonnen, als meiner
eigenen unersättlichen Natur halber gar zu grob machte, und beinahe
ohne Unterschied zuließe, wer nur wolte, sihe, da bekam ich dasjenige,
was mir bereits vor zwölf oder funfzehen Jahren rechtmäßiger Weise
gebühret hätte, nämlich die liebe Franzosen, mit wolgeneigter Gunst.
Diese schlugen aus und begunten mich mit Rubinen zu zieren, als der
lustige und fröhliche Frühling den ganzen Erdboden mit allerhand
schönen wolgezierten Blumen besetzte. Gesund war mirs, daß ich Mittel
genug hatte, mich wiederum darvon curiren zu lassen, welches dann in
einer Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici Vorgeben
nach das Geblüt noch nicht vollkommen gereinigt gewesen, da riethe
er mir, ich solte die Saurbrunnencur brauchen und also meine vorige
Gesundheit desto völliger wiederum erholen. Solchem zufolge rüstet ich
mich aufs beste aus, mit einem schönen Calesch, zweien Pferden, einem
Knecht und einer Magd, die mit mir vier Hosen eines Tuchs war, außer
daß sie die obengemeldte lustige Krankheit noch nicht am Hals gehabt.
Ich war kaum acht Tage im Saurbrunnen gewesen, als Herr Simplicius
Kundschaft zu mir machte; dann Gleich und Gleich gesellt sich gern,
sprach der Teufel zum Kohler. Ich trug mich ganz adelich, und weil
Simplicius so toll aufzoge und viel Diener hatte, hielte ich ihn auch
vor einen tapfern Edelmann und gedachte, ob ich ihm vielleicht das
Seil über die Hörner werfen und ihn, wie ich schon zum öftern mehr
practicirt, zu meinem Ehemann kriegen könte. Er kam meinem Wunsch nach
mit völligem Wind in den gefährlichen Port meiner sattsamen Begierden
angesegelt, und ich tractirte ihn wie etwan die Circe den irrenden
Ulissem; und alsobald faßte ich eine gewisse Zuversicht, ich hätte ihn
schon gewiß an der Schnur. Aber der lose Vogel risse solche entzwei,
vermittelst eines Funds[188], dardurch er mir seine große Undankbarkeit
zu meinem Spott und seinem eigenen Schaden bezeugte; sintemal er
durch einen blinden Pistolenschuß und einer Wasserspritze voll Blut,
das er mir durch ein Secret beibrachte, mich glauben machte, ich
wäre verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich
verbinden solte, sondern auch fast alles Volk im Saurbrunnen hinten und
vornen beschauete, die nachgehends alle mit Fingern auf mich zeigten,
ein Lied darvon sangen und mich dergestalt aushöhneten, daß ich den
Spott nicht mehr vertragen und erleiden konte, sondern eh die Cur gar
vollendet, den Saurbrunnen mitsamt dem Bad quittirte.
Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserzählung im 5. Buch
am 6. Capitel leichtfertig, item sagt er, ich sei mehr mobilis als
nobilis gewesen. Ich gebe beides zu. Wann er selbst aber nobel, oder
sonst ein gut Haar an ihm gewesen wäre, so hätte er sich an so keine
leichtfertige und unverschämte Dirne, wie er mich vor eine gehalten,
nicht gehenkt, viel weniger seine eigene Unehr und meine Schand also
vor der ganzen Welt ausgebreitet und aufgeschrien. Lieber Leser,
was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, daß er (damit ich seine
eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen freien Zutritt und alle
Vergnügung, die er begehren und wünschen mögen, von einer Weibsperson
erhalten, vor deren Leichtfertigkeit er ein Abscheuen bekommen, ja
von deren, die noch kaum der Holzcur[189] entronnen? Der arme Teufel
hat eine gewaltige Ehre darvon, sich dessen zu rühmen, welches er
mit besseren Ehren billich hätte verschweigen sollen. Aber es gehet
dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvernünftige Viehe
einem jedwedern geschleierten Thier wie der Jäger einem jeden Stück
Wild nachsetzen. Er sagt, ich seie glatthärig gewesen; da muß er
aber wissen, daß ich damals den siebenzehenden Theil meiner vorigen
Schönheit bei weitem nicht mehr hatte, sonderlich behalfe mich
allbereit mit allerhand Anstrich und Schminke, deren er mir nicht
wenig, sondern einer großen Menge abgeleckt. Aber genug hiervon!
Narren soll man mit Kolben lausen. Das war noch ein Gerings; jetzt
vernehme der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verließe den
Sauerbrunnen mit großem Verdruß und Unwillen, also bedachte ich mich
auf eine Rach, weil ich von Simplicio beides beschimpft und verachtet
worden. Und meine Magd hatte sich daselbsten eben so frisch gehalten
als ich, und weil die arme Tröpfin keinen Scherz verstehen konte,
ein junges Söhnlein vor ein Trinkgeld aufgebündelt, welches sie auch
auf meinem Meierhof außer der Stadt glücklich zur Welt gebracht.
Dasselbe muste sie mit Namen Simplicium nennen lassen, wiewol sie
Simplicius sein Tage niemals berührte. Sobald ich nun erfahren, daß
sich Simplicius mit einer Baurentochter vermählet, muste meine Magd
ihr Kind entwöhnen und dasselbige, nachdem ichs mit zarten Windeln,
ja seidenen Decken und Wickelbinden ausstaffiret, um meinem Betrug
eine bessere Gestalt und Zierde zu geben, in Begleitung meines Meiers
Knechts zu Simplici Haus tragen, da sie es dann bei nächtlicher Weile
vor seine Thür gelegt, mit einem beigelegten schriftlichen Bericht,
daß er solches mit mir erzeugt hätte. Es ist nicht zu glauben, wie
herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich da ich hörete, daß
er dessentwegen von seiner Obrigkeit so trefflich zur Straf gezogen
worden, und daß ihm diesen Fund sein Weib alle Tag mit Merrettig und
Senf auf dem Brod zu essen gab, item, daß ich dem Simpeln guten Glauben
gemacht, die Unfruchtbare hätte geboren, da ich doch, wann ich der
Art gewest wäre, nicht auf ihn gewartet, sondern in meiner Jugend
verrichtet haben würde, was er in meinem herzunahenden Alter von mir
glaubte; dann ich hatte damals allbereit schier vierzig Jahr erlebt und
war eines schlimmen Kerls nicht würdig, als Simplicius einer gewesen.