[178] =Letze=, Abschiedsmahl, Abschied.
[179] =Kriegspossen=, Kriegslist.
[180] Vgl. die Einleitung.
[181] =Gugelfuhr=, Kappenfahrt, Narrenaufzug.
[182] =ausgehen=, zu Ende gelangen.
[183] =beschlagen=, reichlich versehen, ausrüsten, vgl. gut
beschlagen sein, befriedigen, abfinden.
[184] =leidenlich=, leidlich, erträglich.
[185] =Anstalt=, Veranstaltung.
[186] =ungeheuer=, wie nicht geheuer, unheimlich.
Das dreiundzwanzigste Capitel.
Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach gehalten habe.
Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als ich mich
versehen hatte. Es war mir gar zu pfäffisch und zu andächtig; ich hätte
lieber an Statt der Nonnen Soldaten oder an Statt der Mönche einige
Hofbursch dort sehen mögen, und gleichwol verharrete ich daselbsten,
weil damals nicht nur Böhmen, sondern auch fast alle Provinzen des
Teutschlandes mit Krieg überschwemmt waren. Indem ich nun sahe, daß
alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte
ich mich gleichfalls aufs wenigst äußerlich nach ihrer Weis und
Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine böhmische Mutter oder
Kostfrau das Glück, daß sie an diesem andächtigen Ort unter dem Glanz
der angenommenen Gottseligkeit den Weg aller Welt gieng, welche ich
dann auch ansehenlicher begraben ließe, als wann sie zu Prag bei S.
Jacobs Thor gestorben wäre. Ich hielte es vor ein Omen meiner künftigen
Unglückseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der Welt mehr hatte,
dem ich mich und das Meinige rechtschaffen hätte vertrauen mögen,
und derentwegen haßte ich den unschuldigen Ort, darin ich meiner
besten Freundin, Säugammen und Auferzieherin war beraubt worden.
Doch patientirt ich mich daselbst, biß ich Zeitung bekam, daß der
Wallensteiner Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und
wiederum in des Römischen Kaisers Gewalt gebracht; dann auf solche
erlangte Zeitung und weil der Schwed zu München und in ganz Baiern
dominirt, zumalen in Passau seinetwegen große Forcht war, machte ich
mich wieder in besagtes Prag, wo ich mein meistes Geld liegen hatte.
Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich noch nicht recht
daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes Geld und Gut im Frieden
und meinem Bedunken nach in einer so großen und dannenhero auch meinem
Vermuthen nach sehr sichern Statt wollustbarlich zu genießen, sihe,
da schlug der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er
daselbst 53 Fähnlin erobert, kam er, Prag zu ängstigen. Aber der
Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt, als er
selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu Hülfe, durch welchen
Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern auch ganz Böhmen wiederum
zu verlassen genöthigt wurden.
Damals sahe ich, daß weder die große und gewaltige Städte noch ihrer
Wäll, Thürn, Mauren und Gräben mich und das Meinige vor der Kriegsmacht
derjenigen, die nur im freien Feld, in Hütten und Zelten logieren
und von einem Ort zum andern schweifen, beschützen könten. Derowegen
trachtet ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer
beifügen möchte.
Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber gleichwol doch
bei weitem nicht mehr so schön als vor etlich Jahren. Dannoch brachte
mein Fleiß und Erfahrenheit mir abermal aus dem Gallassischen Succurs
einen Hauptmann zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es
der Stadt Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest wäre,
mich auf allen Fall mit Männern und zwar mit Hauptleuten zu versehen.
Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, und solche war
kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu der kaiserlichen Armada
vor Nördlingen zu begeben, die sich kurz zuvor mit dem hispanischen
Ferdinand Cardinal-Infant conjungirt, Donauwerth eingenommen und
Nördlingen belagert hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und
Gustavus Horn zu entsetzen, worüber es zu einer blutigen Schlacht
geriethe, deren Verlauf und darauf erfolgte Veränderung nicht vergessen
werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie aber auf unserer
Seiten überall glücklich abliefe, also war sie mir gleichsam allein
schädlich und unglückhaft, indem sie mich meines Manns, der noch
kaum bei mir erwarmet, im ersten Angriff beraubte. Ueberdas so hatte
ich nicht das Glück, wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten
widerfahren, vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen,
weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch wegen meines
Manns allzufrühen Tods nirgends zukommen konte. Solches bedunkten mich
eitel Vorbedeutungen meines künftigen Verderbens zu sein, welches dann
die erste Melancholia, die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in
meinem Gemüth verursachte.
Nach dem Treffen zertheilte sich das sieghafte Heer in unterschiedliche
Troupen, die verlorne teutsche Provinzen wieder zu gewinnen, welche
aber mehr ruinirt als eingenommen und behauptet worden. Ich folgte mit
dem Regiment, darunter mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich
des Bodensees und Wirtenberger Landes bemächtigt, und ergriffe dardurch
Gelegenheit, in meines ersten Hauptmanns, den mir hiebevor Prag auch
gegeben, Hoya aber wieder genommen, Vatterland zu kommen und nach
seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir dasselbe Patrimonium und des
Orts Gelegenheit so wol gefiele, daß ich mir dieselbige Reichsstadt
gleich zu einer Wohnung erwählete, vornehmlich darum, weil die Feinde
des Erzhauses Oesterreich zum Theil biß über den Rhein und anderwärts,
ich weiß als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren, also daß ich mir
nichts Gewissers einbildete, dann ich würde ihrentwegen mein Lebtage
dort sicher wohnen. So mochte ich ohnedas nicht wieder in Krieg, weil
nach dieser namhaften Nördlinger Schlacht überall alles dergestalt
aufgemauset wurde, daß die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten
meiner Muthmaßung nach zu hoffen.
Derowegen fienge ich an auf gut Bäurisch zu hausen; ich kaufte Viehe
und liegende Güter, ich dingte Knecht und Mägd und schickte mich nit
anderst, als wann der Krieg durch diese Schlacht allerdings geendigt,
oder als ob sonst der Friede vollkommen beschlossen worden wäre.
Und zu solchem Ende ließe ich alles mein Geld, das ich zu Prag und
sonst in großen Städten liegen hatte, herzu kommen und verwendete das
meiste hierzu an. Und nun sihe, Simplice, dergestalt seind wir meiner
Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu =einer= Zeit zu Narren
worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber zu Hanau; ich verthät mein
Geld unnützlich, du aber deine Jugend; du kamest zu einem schlechten
Krieg, ich aber bildet mir vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch
in weitem Feld stunde; dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen
Durchzüg und Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones
mit nichten aufhuben; und wann die Menge meines Gelds nicht ziemlich
groß, oder ich nicht so witzig gewesen wäre, dessen Besitzung weislich
zu verbergen, so wäre ich zeitlich caput worden; dann niemand
in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen Manns Freunde
nicht, weil ich dessen hinterlassene Güter genosse, die sonst ihnen
erblich zugefallen wären, wann mich, wie sie sagten, der Hagel nicht
hingeschlagen hätte. Dannenhero wurde ich mit starken Geldern belegt
und nichts destoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet.
Es gieng mir halt wie den Wittiben, die von jederman verlassen sein.
Aber solches erzähle ich dir darum nicht klagender Weis, begehre auch
dessentwegen weder Trost, Hülf noch Mitleiden von dir, sondern ich sage
dirs darum, daß du wissen soltest, daß ich mich gleichwol nicht viel
deswegen bekümmerte noch betrübte, sondern daß ich mich noch darzu
freuete, wann wir einem Regiment musten Winterquartier geben; dann
sobald solches geschahe, machte ich mich bei den Officiern zutäppisch;
da war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren und Buben
in meinem Hause, ich ließe mich gegen ihnen an, wie sie wolten, und
sie musten sich auch hinwiederum, wann sie nur einmal angebissen
hatten, gegen mir anlassen, wie ichs haben wolte, also daß sie wenig
Geld mit sich aus dem Quartier ins Feld trugen; worzu ich dann mehr
als tausenderlei Vörtel zu gebrauchen wuste und trutz jederman, der
damals etwas darwider gesagt hätte. Ich hielte allezeit ein paar Mägd,
die kein Haar besser waren als ich, gienge aber so sicher, klüglich
und behutsam damit um, daß auch der Magistrat, meine damalige liebe
Obrigkeit, selbsten mehr Ursach hatte, durch die Finger zu sehen, als
mich deswegen zu strafen, sintemal ihre Weiber und Töchter, so lang
ich vorhanden war und mein Netz ausspannen dörfte, nur desto länger
from verblieben. Dieß Leben führete ich etliche Jahr, ehe ich mich übel
dabei befande, zu welcher Zeit ich jährlich gegen dem Sommer, wann Mars
wieder zu Felde gieng, meinen Ueberschlag und Rechnung machte, was
mich denselbigen Winter der Krieg gekostet, da ich dann gemeiniglich
fande, daß meine Prosperität und Einnahm die Ausgab meiner schuldigen
Kriegskosten übertroffen. Aber, Simplice, jetzt ists an dem, daß ich
dir auch sage, mit was vor einer Laugen ich dir gezwaget[187]; wil
derowegen jetzt nicht mehr mit dir, sondern mit dem Leser reden; du
magst aber wol auch zuhören und, wann du vermeinest, daß ich lüge, mir
ohngehindert in die Rede fallen.