FUSSNOTEN:

[167] =abführen=, wie anführen, anleiten, namentlich zum

Schlechten.

[168] =Tremel=, Trämel, Prügel, Bengel.

[169] =törmisch=, schwindlig.

[170] =Letenei=, soll heißen Litanei.

[171] =angehend=, sich hebend, schwellend.

[172] =pappeln=, ~ns.~ babbeln, schwatzen.

[173] =stellen=, zum Stehen bringen, stillen.

[174] =Schanz=, ~chance~, Einsatz.

[175] =gibts=, fehlt in allen Ausgaben.

[176] =Tädigmann=, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit,

Schiedsrichter.

[177] =Procedere=, Vorgehen, Verfahren.

Das zweiundzwanzigste Capitel.

Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden, und wormit

sie ihn zur Letze[178] begabt.

Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es wenig Zeit

an, daß Mantua mit einem Kriegspossen[179] eingenommen wurde, ja der

Fried selbst zwischen den Römisch-Kaiserlichen und Franzosen, zwischen

den Herzogen von Savoia und Nivers[180] folgte ohnlängst hernach,

gleichsam als wann der welsche Krieg mit unserm Treffen hätte geendigt

werden müssen. Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya

und stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche Völker aber in

Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich dann so

wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat gewesen wäre.

Wir wurden, uns entweder zu erfrischen, oder weil die rothe Ruhr und

die Pest selbst unter uns regierte, an einem Ort in den kaiserlichen

Erblanden etliche Wochen an die Donau ins freie Feld mit unserem

Regiment logirt, da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten

setzte wie in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als

ich konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr als eine

Hundsdemuth gegen mir verspüren ließe, den Frieden wiederum, doch nur

~pro forma~, geschlossen; dann ich laurete täglich auf Gelegenheit,

vermittelst deren ich seiner los werden möchte.

Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender Gestalt,

welche Begebenheit genugsam bezeuget, daß ein vorsichtiger,

verständiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und nüchtern weder

Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen kan, gar leichtlich

durch seine eigene blöde Gebrechlichkeit schlaf- und weintrunkener Weis

in alles Unheil und Unglück gestürzt und also um alles sein Glück und

Wolfahrt gebracht werden mag.

Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüth auch um die allergeringste

Schmach und vermeinte zugefügte Unbillichkeit ganz rachgierig und

unversöhnlich war, als erzeigte sich auch mein Leib, wann er im

geringsten verletzt würde, gleichsam ganz unheilsam. Nicht weiß ich,

ob derselbe dem Gemüth nachähmte, oder ob die Zärte meiner Haut und

sonderbaren Complexion so grobe Stöße wie ein Salzburger Holzbauer

nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster und von

Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem sonst zarten

Angesicht, die er mir im Lager von Mantua eingetränkt, da er mich in

obbemeldten Lager an der Donau, als ich abermal mitten im besten Schlaf

lag, bei der Mitten kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd,

wie er mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe und

mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste, nachdem ich

erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol merkte ich

meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande und den Springinsfeld

mit mir so schnell gegen dem Feuer zueilen sahe. Derowegen fienge ich

an zu schreien, als wann ich mitten unter die Mörder gefallen wäre.

Davon erwachte alles im Läger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner

Partisan aus seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der

Meinung, einen entstandenen großen Lärmen zu stillen, dann wir hatten

damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts anders als ein

schönes lächerliches Einsehen und närrisches Spectacul. Ich glaube

auch, daß es recht artlich und kurzweilig anzuschauen gewesen sein

muß. Die Wacht empfienge den Springinsfeld mit seiner unwilligen und

schreienden Last, ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie

solche nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal

so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. Indessen

kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und niedern Officiern,

der sich schier zu Tod lachen wolte und welchem nicht allein der

Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant gegenwärtig war, der

allererst neulich den Frieden zwischen mir und dem Springinsfeld durch

Drohung gestiftet hatte.

Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder, ich weiß

selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er wieder zu seinen

sieben Sinnen kommen, fragte ihn der Obriste, was er mit dieser

Gugelfuhr[181] gemeint hätte. Da antwortet er, ihm hätte geträumt,

seine Courage wäre überall mit giftigen Schlangen umgeben gewesen,

derowegen er sie seinem Einfall nach, sie zu erretten und davon zu

befreien, entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste

gehalten, hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie sie

alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches ihm mehr

als von Grund seines Herzens leid seie. Aber beides der Obrist selbst

und der Obristleutenant, der ihm vor Mantua beigestanden, schüttelten

die Köpf darüber und ließen ihn, weil sich schon jedermann satt genug

gelacht hatte, vor die lange Weil zum Profosen führen, mich aber in

mein Gezelt gehen, vollends auszuschlafen.

Den folgenden Morgen gieng unser Proceß an und solte auch gleich

ausgehen[182], weil sie im Krieg nicht so lang zu währen pflegen

als an einigen Orten im Frieden. Jederman wuste zuvor wol, daß ich

Springinsfelds Ehefrau nicht war, sondern nur seine Matreß, und

dessentwegen bedorften wir auch vor kein Consistorium zu kommen, um

uns scheiden zu lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines

Lebens bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen

Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, daß ein

solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könte. Der Obristleutenant,

so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten gewesen, war jetzt

ganz wider ihn, und die übrige vom Regiment schier alle auf meiner

Seiten. Demnach ich aber mit meinem Contract schriftlich hervorkam,

was Gestalt wir beisammen zu wohnen einander versprachen biß zur

ehrlichen Copulation, zumalen meine Lebensgefahr, die ich künftig bei

einem solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und

vorzuschützen wuste, fiel endlich der Bescheid, daß wir bei gewisser

Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein solten, uns um

dasjenig, so wir miteinander errungen und gewonnen, zu vergleichen. Ich

replicirte hingegen, daß solches Letzte wider den Accord unserer ersten

Zusammenfügung laufe, und daß Springinsfeld, seit er mich bei ihm

hätte, oder, teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die

Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen hätte, welches ich

dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun könte. Endlich hieße

es, wann der Vergleich nach Billichkeit solcher Umstände zwischen uns

beeden selbst nicht gütlich getroffen werden könte, daß alsdann nach

befindenden Dingen von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte.

Ich ließe mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, und

Springinsfeld ließe sich auch gern mit einem Geringen beschlagen[183];

dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden Gewinn und

also nit mehr wie in Italia tractirte, also daß es schiene, als ob

der Schmalhans bei uns anklopfen wolte, vermeinte der Geck, es wäre

mit meinem Geld auf der Neige und bei weitem nicht mehr so viel

vorhanden, als ich noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich,

daß ers nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so

halsstarrig zuruck hielte.

Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, darunter du etwan

zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch allerhand junge Bursch, die

sich hin und wieder bei den Officiern der Regimenter zu Fuß befanden

und nun erwachsen waren, aber keine Musquetierer werden wolten,

verstärkt, welches eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war,

wessentwegen er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern[184]

Accord einließe, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher

Gestalt: Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel und

Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet Reuterkoller, so

er in Italia durch meine Anstalt[185] gestohlen; dann wir hatten uns

bißher damit nicht dörfen sehen lassen. Damit wurde auch eingedingt,

daß er mir zugleich meinen Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen

solte, welches auch geschahe. Und in solcher Maß habe ich den

Springinsfeld abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald

hören, mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner

Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine kleine Geduld und

vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld mit seinem Ding im Glas gangen.

Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im Kopf. Wann er nur

einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage niemal nichts Leids gethan, so

hätte er ihn gleich an Hals schlagen mögen; und er spielte auch in

allen seinen Duellen den Meister. Er wuste alle verborgene Schätze

zu finden und andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnnöthig zu melden.

Demnach er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er herbergte,

trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber drum nicht wieder

verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs

Ende kommen war. Ehe er nun selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir

denselbigen wieder anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann

auch auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen wolten,

vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus, und solches zwar nicht

darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein nicht auf, sondern

da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fande er ihn wieder

in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel

etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack

gefunden, biß er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und

also seiner los worden. Indessen er sich nun so hiermit schleppte,

wurde mir ganz ungeheuer[186] bei der Sach; derowegen versilberte

ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind ab und setzte mich mit

meiner böhmischen Mutter nach Passau, vermittelst meines vielen Gelds

des Kriegs Ausgang zu erwarten, sintemal ich zu sorgen hatte, wann

Springinsfeld solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde,

daß mir alsdann als einer Zauberin der Proceß gemacht werden dörfte.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 35 / 92 题