FUSSNOTEN:

[116] =geizig=, gierig.

[117] =nisteln=, nesteln, festbinden, schnüren, sonst auch im

Allgemeinen: sich zu schaffen machen.

[118] ~s. v. salva venia.~

[119] Grimmelshausen meint sicher ein damals verbreitetes Schelmenlied,

das noch nicht wieder aufgefunden worden ist.

[120] =Heuratsnotul=, Ehecontract.

[121] =Kernessig=, =ausgestochener Essig=, ein ausgemachter

Schelm. Vgl. Simplicissimus, ~I~, Cap. 18 (Th. ~I~, S. 77).

[122] =sich entblöden=, (die Blödigkeit ablegen) sich erdreisten.

[123] =trutzen=, ~trans.~ Trotz bieten.

[124] =Ists um diese Zeit=, verhält es sich so.

[125] =Schmiralia=, von schmieren, Bestechungen.

Das siebzehnte Capitel.

Was der Courage vor ein lächerlicher Poß wiederfuhre, und wie sie sich

deswegen wieder rächete.

Schaue, mein Simplice, also war ich bereits deines Cameraden

Springinsfelds Matresse und Lehrmeisterin, da du vielleicht deinem Knan

noch der Schwein hütetest und ehe du geschickt genug warest, anderer

Leute Narr zu sein, und hast dir doch einbilden dörfen, du habest mich

im Saurbrunnen betrogen. Nach der ersten Mantuanischen Belägerung

bekamen wir unser Winterquartier in einem lustigen Städtlein, allwo

es bei mir anfieng ziemlich Kundenarbeit zu geben. Da vergieng kein

Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courage fand, und wo sie

sich einstellete, da galten die italiänische Putani[126] wol nichts,

dann bei den Italiänern war ich Wildbret und etwas Fremds, bei den

Teutschen konte ich die Sprach, und gegen beiden Nationen war ich

viel zu freundlich, darneben noch trefflich schön; so war ich auch

nicht so gar hoffärtig und theuer, und hatte sich niemands keines

Betrugs von mir zu besorgen, von dem aber die Italiänerinnen dichte

voll staken. Solche meine Beschaffenheiten verursachten, daß ich den

welschen Huren viel gute Kerl abspannete, die jene verließen und mich

hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Geblüt gegen mir setzte.

Einsmals lude mich ein vornehmer Herr zum Nachtessen, der zuvor die

berühmteste Putana bedient, sie aber auch meinetwegen verlassen hatte.

Solches Fleisch gedachte mir jene wiederum zu entziehen und brachte

mir derowegen wiederum durch eine Kürschnerin bei demselben Nachtimbiß

etwas bei, davon sich mein Bauch blähete, als ob er hätte zerspringen

wollen; ja die Leibsdünste drängten mich dergestalt, daß sie endlich

den Ausgang mit Gewalt öffneten und eine solche liebliche Stimm über

Tafel hören ließen, daß ich mich deren schämen muste. Und sobald sie

die Thür einmal gefunden, passierten sie mit einer solchen Ungestüm

nach einander heraus, daß es daher donnerte, als ob etliche Regimenter

eine Salve geben hätten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch aufstunde,

um hinweg zu laufen, gieng es bei solcher Leibsbewegung allererst

rechtschaffen an. Alle Tritt entwischte mir aufs wenigst einer oder

zehen, wiewol sie so geschwind auf einander folgten, daß sie niemand

zählen konte. Und ich glaube, wann ich sie alle wol anlegen oder der

Gebühr nach fein ordentlich austheilen können, daß ich zwo ganzer

geschlagener Glockenstund trutz dem besten Tambour den Zapfenstreich

darmit hätte verrichten mögen. Es währete aber ungefähr nur eine halbe

Stund, in welcher Zeit beides Gäst und Aufwarter mehr Qual von dem

Lachen, als ich von dem continuirlichen Trompeten erlitten.

Diesen Possen rechnete ich mir vor einen großen Schimpf und wolte vor

Scham und Unmuth ausreißen; eben also thät auch mein Gastherr, als

der mich zu etwas anders, als diese schöne Music zu halten, zu sich

kommen lassen, hoch und theuer schwerend, daß er diesen Affront rächen

wolte, wann er nur erfahren könte, durch was vor Pfefferkörner- und

Ameiseneier-Köch[127] diese Harmonia angestimmt worden wäre. Weil ich

aber daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den ganzen Handel

angestellt, sihe, so saße ich dort zu protzen, als wann ich mit den

blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles hätte tödten wollen,

biß ich endlich von einem Beisitzenden erfuhr, daß obengedachte

Kürschnerin damit umgehen könte, und weil er sie unten im Hause

gesehen, müste er gedenken, daß sie irgends von einer eifersüchtigen

Damen gedinget worden, mich einem oder andern Cavalier durch diesen

Possen zu verleiden; maßen man von ihr wüste, daß sie eben dergleichen

einem reichen Kaufherrn gethan, der durch eine solche Music seiner

Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen Leute

Gegenwart hören lassen. Darauf gab ich mich zufrieden und bedachte mich

auf eine schleunige Rach, die ich aber weder offentlich noch grausam

ins Werk setzen dorfte, weil wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das

Land dem Feind abgenommen) gute Ordre halten musten.

Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, daß es nämlich nit anders

hergangen, als wie obengedachter Tischgenoß geargwohnet, als erkundigt

ich derjenigen Damen, die mir den Possen hatt zugerichtet, Handel und

Wandel, Thun und Lassen auf das genaueste, als ich immer konte. Und als

mir ein Fenster gewiesen wurde, daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr

wolten, Audienz zu geben pflegte, offenbart ich meinen auf sie habenden

Grollen zweien Officiern; die musten mir, wolten sie anders meiner noch

fürderhin genießen, die Rach zu vollziehen versprechen, und zwar auf

solche und kein andere Weis, als wie ich ihnen vorschriebe; dann mich

däuchte, es wäre billich, weil sie mich nur mit dem Dunst vexirt, daß

ich sie mit nichts anders als mit dem Dreck selbst belohnen solte. Und

solches geschahe folgender Gestalt. Ich ließe eine rinderne Blasen mit

dem ärgsten Unrath füllen, der in den untersichgehenden Caminen durch

M. Asmussen[128], deren Säuberern, zu finden. Solche ward an eine

Stange oder Schwinggerten, damit man die Nüß herunter schlägt oder

die Rauchcamin zu säubern pflegt, angebunden und von dem einen bei

finsterer Nacht, als der ander mit der Putanen leffelte, welche oben an

ihrem gewöhnlichen Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in das

Angesicht geschlagen, daß die Blase zersprang und ihr der Speck beides

Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt allen Zierden und Kleinodien

besudelte, nach welchem Streich sowol der Leffler als Executor darvon

liefen und die Hur am Fenster lamentiren ließen, so lang sie wolte.

Die Kürschnerin bezahlte ich also. Ihr Mann war gewohnet, alle Haar,

und solten sie auch von den Katzen gewesen sein, so genau zusammen

zu halten, als wann er sie von dem güldenen Widderfell aus der Insul

Colchis abgeschoren hätte, so gar daß er auch kein Abschrötlin von dem

Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung kommen ließe, es wäre gleich vom

Biber, Hasen oder dem Lamm gewesen, er hätte solches dann zuvor seiner

Haar oder Woll blutt[129] hinweg beraubt gehabt. Und wann er dann so

ein paar Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Geld darum,

welches ihm auch etwas zu bröslen[130] ins Haus verschaffte; und wann

es gleich langsam und gering kam, so kam es doch wol zu seiner Zeit.

Solches wurde ich von einem andern Kürschner innen, der mir denselben

Winter einen Pelz fütterte. Derowegen bekam ich von dergleichen Woll

und Haaren so viel, als genug war, und macht eitel Schermesser[131]

daraus. Als solche fertig oder, besser zu erläutern, als mit ihrer

Materi wie der Quacksalber ihre Büchslin versehen oder besalbet waren,

ließe ich sie einem von meinen Jungen dem Kürschner unten um sein

Secret herum streuen, als welches ziemlich weit hinaus offen stunde.

Da nun der erbsenzählerische Haushalter diese Klumpen Haar und Woll

sonder[132] liegen sahe und sie vor die seinige hielte, konte er sich

nicht anderst einbilden, als sein Weib muste sie dergestalt verunehrt

und zu Schanden gemacht haben, fienge derowegen an mit ihr zu kollern,

gleichsam als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset und

verloren hätte, und weil sie ja so beständig als eine Hex leugnete und

noch darzu trutzige Wort gab, schlug er sie so lederweich, als gelind

er sonst anderer wilder und bissiger Thieren Felle bereiten konte, der

heimischen Katzenbälg zu geschweigen, welches mich so wol contentirte,

daß ich keinen Dutzend Kronen darvor genommen haben wolte.

Nun war der Apotheker noch übrig, der meines Vermuthens das Recept

verfertigt hatte, dardurch ich aus der Niedere ein so variable Stimme

erheben müssen; dann er hielte Singvögel, die solche Sachen zur Speise

genossen, so die Würkungen haben sollen, einen Lärmen zu erregen,

wie ich allererst einen erzählet. Weil er aber bei hohen und niedern

Officiern wol dran war, zumaln wir ihn täglich bei unseren Kranken, die

den italiänischen Luft nicht wol vertragen konten, brauchen musten, ich

auch selbst zu sorgen, ich möchte ihm etwan heut oder morgen in die Kur

kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich an ihn reiben; gleichwol

wolte und konte ich so viel Luftkerls, die zwar vorlängst wieder in

der Luft zerstoben waren, ohngerochen nicht verdauen, obwol sie auch

andere riechen musten, da gleichwol sie selbst schon verdauet waren.

Er hatte einen kleinen gewölbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin

er allerhand Waar enthielte[133], die zu ihrer Aufenthaltung[134]

einen solchen Ort erforderten; dahinein richtete ich das Wasser aus

dem Röhrbrunnen, der auf dem Platz zunächst dabei stunde, durch einen

langen Ochsendarm, den ich am Brunnenröhrn anbande, mit dem andern

Ende aber zum Kellerloch hinein henken und also das Brunnenwasser

die ganze lange Winternacht so ordentlich hineinlaufen ließe, daß

der Keller am Morgen geschwappelt voll Wasser war. Da schwammen

etliche Fäßlein Malvasier, spanischer Wein und was sonst leicht war;

was aber nit schwimmen konte, lag mannstief unter dem Wasser, zu

verderben. Und demnach ich den Darm vor Tags wieder hinweg nehmen

ließe, vermeinte jederman des Morgens, es wäre entweder im Keller eine

Quell entsprungen, oder dieser Posse seie dem Apotheker durch Zauberei

zugerichtet worden. Ich aber wuste es zum besten, und weil ich alles so

wol ausgerichtet, lachte ich in die Fäuste, als der Apotheker um seine

verderbte Materialia lamentirte. Und damals war mirs gesund, daß der

Name Courage bei mir so tief eingewurzelt gewesen, dann sonst hätten

mich die unnütze Bursch ohne Zweifel die Generalfarzerin genant, weil

ichs besser als andere gekönt.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 29 / 92 题