[106] =haushäblich=, angesessen mit einer eigenen Haushaltung.
[107] =witzig=, verständig.
[108] manchen Gang um mich that.
[109] =bastant=, genügend.
[110] =entzucken=, entrücken.
[111] =erläutern=, erklären, ausführlich darstellen.
[112] =erworgen=, ~intr.~ ersticken, umkommen.
[113] =Gebiet=, Herrschaft.
[114] =zum Eifern=, zur Eifersucht.
[115] =mit dem Judenspieß laufen=, wuchern und schachern.
Vgl. Simplicissimus, ~II~, Cap. 25 (Th. ~I~, S. 69).
Das sechzehnte Capitel.
Wie Springinsfeld und Courage miteinander hauseten.
Mein junger Mann ließe sich trefflich wol an in allem demjenigen,
worzu ich ihn angenommen und zu brauchen hatte. So hielte er auch
oben vermeldte Articul so nett und erzeigte sich so gehorsam, daß ich
die geringste Ursach nicht hatte, mich über ihn zu beschweren. Ja,
wann er mir ansehen konte, was mein Will war, so war er schon bereit,
solchen zu vollbringen; dann er war in meiner Liebe so gar ersoffen,
daß er mit hörenden Ohren nit hörete noch mit sehenden Augen nit sahe,
was er an mir und ich an ihm hatte, sondern er vermeinete vielmehr,
er hätte die allerfrömste, getreueste, verständigste und keuscheste
Liebste auf Erden, worzu mir und ihm dann meine angenommene Mutter,
die er meinetwegen auch in großen Ehren hielte, trefflich zu helfen
wuste. Diese war viel listiger als eine Füchsin, viel geiziger[116]
als eine Wölfin, und ich kan nicht sagen, ob sie in der Kunst Geld
zu gewinnen oder zu kupplen am vortrefflichsten gewesen sei. Wann
ich ein los Stücklein in dergleichen Sachen im Sinn hatte, und ich
mich um etwas scheuete (dann ich wolte vor gar fromm und schamhaftig
angesehen sein), so dorfte ichs ihr nur anvertrauen, und war damit
soviel als versichert, daß mein Verlangen ins Werk gestellt würde; dann
ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser Colossi Schenkel auseinander
gespannet, zwischen welchen die gröste Schiff ohne Segelstreichung
durchpassiren können. Einmal hatte ich große Begierden, eines Jungen
von Adel theilhaftig zu sein, der selbiger Zeit noch Fähndrich war
und mir seine Liebe vorlängstens zu verstehen gegeben. Wir hatten
eben damals, als mich diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken
geschlagen, wessentwegen so wol mein Gesind als ander Volk um Holz
und Wasser aus war; mein Marquetenter aber gieng beim Wagen herum
nisteln[117], als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen und die Pferd
zunächst bei uns zu andern auf die Weid laufen lassen. Weil ich nun
mein Anliegen meiner Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben
Fähndrich, wiewol zur Unzeit, an die Hand, und als er kam, war
das erste Wort, das ich ihn in Gegenwart meines Mannes fragte, ob
er Geld hätte, und da er mit ja antwortet, dann er vermeinte, ich
fragte allbereit um ~s. v.~[118] den Hurenlohn, sagte ich zu meinem
Marquetenter: »Spring ins Feld und fange unsern Schecken! Der Herr
Fähndrich wolte ihn gern bereuten und uns denselben abhandlen und
gleich baar bezahlen.«
Indessen nun mein guter Marquetenter gehorsamlich hingieng, meinen
ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte Schildwacht, dieweil wir
den Kauf miteinander machten und auch einander ritterlich bezahlten.
Demnach sich aber das Pferd nicht von meinem Marquetenter so leichtlich
wie seine Marquetenterin vom Fähndrich fangen lassen wolte, kam er
ganz ermüdet wiederum zum Zelt, eben so ungeduldig, als sich der
Fähndrich wegen seines langen Wartens stellet. Dieser Geschichten
halber hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »der
Scheck«[119] genant, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein
&c.«, mit welchem sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche Jahr
geschleppt, da doch niemand wuste, woher es seinen Ursprung hatte.
Mein Marquetenter aber bekam hierdurch kraft unserer Heuratsnotul[120]
den Namen Springinsfeld, und diß ist eben der Springinsfeld, den du,
Simplicissime, in deiner Lebensbeschreibung oftermal vor einen guten
Kerl rühmest. Du must auch wissen, daß er alle diejenige Stücklein,
die er und du beides in Westphalen und zu Philippsburg verübet, und
sonst noch viel mehr darzu, von sonst niemand als von mir und meiner
Mutter gelernet; dann als ich mich mit ihm paaret, war er einfältiger
als ein Schaf, und kam wieder abgefeimter von uns, als ein Luchs und
Kernessig[121] sein mag.
Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine Wissenschaften
nicht umsonst ankommen, sondern er hat mir das Lehrgeld zuvor genug
bezahlen müssen. Einsmals da er noch in seiner ersten Einfalt war,
discurirten er, ich und meine Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber,
und er entblödete sich[122] zu rühmen, daß ihn kein Weibsbild betrügen
solte, sie wäre auch so schlau als sie immer wolte. Gleichwie er
nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte, also bedauchte
mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen Weiber
Dexterität viel zu nahe und nachtheilig geredet, sagte ihm derowegen
unverhohlen, ich wolte ihn neunmal vor der Morgensuppe betrügen können,
wann ichs nur thun wolte. Er hingegen vermaß sich zu sagen, wann ich
solches könte, so wolte er sein Lebtag mein leibeigner Sclave sein,
und trutzte[123] mich noch darzu, wann ich solches zu thun mich nicht
unterstünde, doch mit dem Geding, wann ich in solcher Zeit gar keinen
Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, daß ich mich alsdann zur
Kirchen führen und mit ihm ehrlich copuliren lassen solte. Nachdem wir
nun solcher Gestalt der Wettung eins worden, kam ich des Morgens frühe
mit der Suppenschüssel, darin das Brod lag, und hatte in der andern
Hand das Messer samt einem Wetzstein, mit Begehren, er solte mir das
Messer ein wenig schärfen, damit ich die Suppe einschneiden könte. Er
nahm Messer und Stein von mir; weil er aber kein Wasser hatte, leckte
er den Wetzstein mit der Zunge, um selbigen zu befeuchtigen. Da sagte
ich: »Nun, das walt Gott! das ist schon zwei mal.«
Er befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine.
Hingegen fragte ich ihn, ob er sich dann unserer gestrigen Wettung
nicht mehr zu erinnern wisse. Er antwortet: »ja«, und fragte, ob und
womit ich ihn dann schon betrogen. Ich antwortet: »Erstlich machte ich
das Messer stumpf, damit du es wieder schärfer wetzen müstest; zweitens
zog ich den Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht einbilden kanst,
und gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.«
»Oho!« sagte er, »ists um diese Zeit[124], so schweig nur still und
höre auf! Ich gib dir gern gewonnen und begehre die restirende Mal nit
zu erfahren.«
Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen. Bei Nacht,
wann ich sonst nichts Bessers hatte, war er mein Mann, bei Tag mein
Knecht, und wann es die Leute sahen, mein Herr und Meister überall. Er
konte sich auch so artlich in den Handel und in meinen Humor schicken,
daß ich mir die Tage meines Lebens keinen besseren Mann hätte wünschen
mögen, und ich hätte ihn auch mehr als gern geehlicht, wann ich nicht
besorget, er würde dadurch den Zaum des Gehorsams verlieren und in
Behauptung der billichen Oberherrlichkeit, die ihm alsdann gebühren
würde, mir hundertfältig wiederum eintränken, was ich ihm etwan
ohnverehlicht zuwider gethan und er ohne Zweifel mit großem Verdruß
zuzeiten verschmerzen müssen. Indessen lebten wir bei und mit einander
so einig, aber nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein Mutter
versahe die Stelle einer Marquetenterin an meiner Statt, ich den Stand
einer schönen Köchin oder Kellerin, die ein Wirth darum auf der Streu
hält, damit er viel Gäst bekommen möge; mein Springinsfeld aber war
Herr und Knecht und was ich sonst haben wolte, das er sein solte. Er
muste mir glatt parirn und meiner Mutter Gutachten folgen; sonst war
ihm alles mein Gesind gehorsam, als ihrem Herrn, dessen ich mehr hielte
als mancher Hauptmann; dann wir hatten liederliche Commißmetzger bei
dem Regiment, welche lieber Geld zu versaufen als zu gewinnen gewohnt
waren; darum drang ich mich durch Schmiralia[125] in ihre Profession
und hielte zween Metzgerknecht vor einen, also daß ich das Prä allein
behielte und jene nach und nach caput spielte, weil ich einem jeden
Gast, er wäre auch herkommen, woher er immer wolte, mit einem Stück
von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen konte, ob er es gleich
rohe, gesotten, gebraten oder lebendig haben wollen. Gieng es dann
an ein Stehlen, Rauben und Plündern, wie es dann in dem vollen und
reichen Italia treffliche Beuten setzt, so musten nit nur Springinsfeld
samt meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, sondern
die Courage selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, die sie in
Teutschland getrieben, wiederum an, und indem ich dergestalt gegen
dem Feind mit Soldatengewehr, gegen den Freunden aber im Lager und
in den Quartiern mit dem Judenspieß fochte, auch wo man mir in aller
Freundlichkeit offensive begegnen wolte, den Schild vorzusetzen wuste,
wuchse mein Beutel so groß darvon, daß ich beinahe alle Monat einen
Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, und litte samt
den Meinigen doch niemals keinen Mangel; dann ich beflisse mich dahin,
daß mein Mutter, mein Springinsfeld, mein übrig Gesind und vornehmlich
meine Pferde zu jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung
hatten, und hätte ich gleich selbst Hunger leiden, nackend gehen und
Tag und Nacht unter dem freien Himmel mich behelfen sollen. Hingegen
aber musten sie sich auch befleißen, einzutragen und in solcher Arbeit
weder Tag noch Nacht zu feiern, und solten sie Hals und Kopf darüber
verloren haben.