[102] =Stormarn=, im südlichen Theil Holsteins.
[103] erbitten, losbitten.
[104] =hechel=, heikel.
[105] =überzwergs=, quer.
Das fünfzehnte Capitel.
Mit was vor Conditionen sie den Ehestand lediger Weis zu treiben
einander versprochen.
Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich
damals meine Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg
richten können, dann meine angenommene Mutter mit noch zweien von
meinen Pferden und etwas an baarem Geld erkundigt mich und gab mir
den Rath, ich solte mich aus dem Krieg zu meinem Geld auf Prag oder
auf meines Hauptmanns Güter thun und mich im Frieden haushäblich[106]
und geruhlich ernähren. Aber ich ließe meiner unbesonnenen Jugend
weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier
gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. Ich und gedachte meine
Mutter hielten sich bei einem Marquetenter unter demjenigen Regiment,
darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, alwo man
mich seinetwegen ziemlich respectirte; und ich glaub auch, daß ich
wieder einen wackern Officier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig
gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil
unsere Kriegsmacht von 20000 Mannen, in drei Heeren bestehend, schnell
auf Italia marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen
gemacht, brechen muste, sihe, da gedachten wenig Witzige[107] an das
Freien, und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib.
Ueberdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst ihr
Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir extra oder
neben her etwas zuzumuthen. Darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich,
weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, daß mich männiglich
vor ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer
langwierigen Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige
Musquetier, so mir in der Occasion, die ich mit obengedachten beiden
Reutern gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und
vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern mir manchen
Trab schenkte[108], wann er nur Zeit haben und abkommen konte. Ich
sahe wol, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er
aber die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courage zu entdecken,
war bei mir die Verachtung so groß als das Mitleiden. Doch änderte
ich nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte,
eine Officiererin zu sein; dann als ich des Marquetenters Gewerb und
Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, was ihm immerzu
vor Gewinn zugieng, und daß hingegen mancher braver Officier mit dem
Schmalhansen Tafel halten muste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie
ich auch eine solche Marquetenterei aufrichten und ins Werk stellen
möchte. Ich machte den Ueberschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen
und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in
meiner Brust vernähet wuste, gar wol bastant[109] zu sein. Nur die Ehr
oder Schand lag mir noch im Weg, daß ich nämlich aus einer Hauptmännin
eine Marquetenterin werden solte. Als ich mich aber erinnerte, daß ich
damals keine mehr war, auch wol vielleicht keine mehr werden würde,
sihe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits an, in
meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Geld auszuzapfen und ärger zu
schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren thun mag.
Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen
Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es
mit meines Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne daß er noch das
geringste Wort darvon mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem
Vorwand, ein Maß Wein zu trinken, zu meines Marquetenters Zelt und sahe
so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind bekommen
und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder gewüst hätte.
Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste
Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte,
erkühnete er gleichwol also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau
Hauptmännin (dann Courage dorfte er mich nicht nennen), wann ich ihr
mein Anliegen erzählen solte, so würde ich sie entweder erzörnen, daß
sie mir ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt[110] und mich
in Ewigkeit ihres Anschauens nicht mehr würdigt; oder ich würde einen
Verweis meines Frevels von ihr empfangen, deren eins von diesen beiden
genugsam wäre, mich dem Tod vollends aufzuopfern.«
Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann euch
deren eins kan umbringen, so kan euch auch ein jedes davon erquicken.
Und weil ich euch dessentwegen verbunden bin, daß ihr mich, als wir
in den Vierlanden zwischen Hamburg und Lübeck lagen, von meinen
Ehrenschändern errettet, so gönne ich euch herzlich gern, daß ihr euch
gesund und satt an mir sehen möget.« »Ach, mein hochgeehrte Frau«,
antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; dann
da ich sie damals das erste mal ansahe, fieng auch meine Krankheit
an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich sie nicht mehr
sehen solte, ein wunderbarlicher und seltzamer Zustand, der mir zum
Recompens widerfahren, dieweil ich mein hochzuehrende Frau aus ihrer
Gefährlichkeit errettete.«
Ich sagte, so müste ich einer großen Untreu zu beschuldigen sein, wann
ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte.
»Das sag ich nicht«, antwortet mein Musquetierer. Ich replicirte: »Was
habt ihr dann zu klagen?« »Ueber mich, über meine Unglückseligkeit«,
antwortet er, »und über meine Verhängnus oder vielleicht über meinen
Vorwitz, über meine Einbildung oder ich weiß selbst nicht über was. Ich
kan nicht sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um der
geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden Reuter
verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft
genugsam, welchen mein hochzuehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich
beraubte, damit er sie ihrer Ehr nicht schändlich berauben solte. Meine
Frau Gebieterin«, sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten
Stand, der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung,
noch mein Anliegen, noch mein oder ihre Beschuldigung, weniger meine
Unschuld oder so etwas erläutern[111] möchte, dardurch mir geholfen
werden könte. Sehet, allerschönste Dam, ich sterbe, weil mir das Glück
und mein geringer Stand nicht gönnet, ihrer Hoheit zu erweisen, wie
glückselig ich mich erkennete, ihr geringster Diener zu sein.«
Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch
sehr jungen Musquetierer solche, wiewol untereinander und, wie er
selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüth laufende Reden hörete. Doch
kamen sie mir vor, als wann sie mir nichts desto weniger einen muntern
Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig
und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Marquetenterei,
mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen zu bedienen.
Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein
Freund, ihr nennet mich fürs erst euer Gebieterin, fürs zweit euch
selbst meinen Diener, wann ihrs nur sein köntet; fürs dritt klagt ihr,
daß ihr ohne meine Gegenwart sterben müst. Daraus nun erkenne ich
eine große Liebe, die ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir
nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will gegen einen
solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet, nicht undankbar
erfunden werden.«
»Mit Gegenlieb«, sagte mein Galan; »und wann ich dann würdig wäre, so
wolte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen in der ganzen Welt
schätzen.«
Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß euer Stand zu
gering sei, bei mir zu sein, den ihr zu sein wünschet, und was ihr
gegen mir mit weitläufigen Worten weiters zu verstehen gegeben habt.
Was Raths aber, damit euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung
der Undankbarkeit und Untreu, ihr aber euers Leidens entübrigt werden
möchtet?«
Er antwortet, seines Theils sei mir alles heimgestellt, sintemal er
mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Creatur halte, von
deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens,
die Servitut oder Freiheit, ja alles gern annehmen wolte, was mir nur
zu befehlen beliebte. Und solches bezeugte er mit solchen Geberden,
daß ich wol erachten konte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher
in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen[112], als in seiner
Libertät ohne mich leben würde.
Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen,
dieweil das Wasser trüb war; und warum wolte ichs nicht gethan haben,
da doch der Teufel selbst diejenige, die er in solchem Stand findet,
wie sich mein Leffler befande, vollends in seine Netze zu bringen
unterstehet? Ich sage diß nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch,
den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu folgen an mir
ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß
Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was
er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du
erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen
erwiesen, dergestalt wieder eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du
ausgeben, wieder ein Centner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen
brachte ich so weit, daß er mir folgende Puncten eingieng und zu halten
versprach.
Erstlich solte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er anderer
Gestalt mein Diener nicht sein könte, ich aber keine Musquetiererin
sein möchte.
Alsdann solte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer
Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, eben
desgleichen zu thun schuldig sein, und ich ihme hinwiederum.
Jedoch solte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirchen
nicht ehe bestätigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm
befruchtet.
Biß dahin solte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die
Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur
selbsten haben und behalten, in aller Maß und Form, wie sonst ein Mann
das Gebiet[113] über sein Weib habe.
Kraft dessen solte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern
noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern
Mannsbildern conversire oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst
Ehemänner zum Eifern[114] verursachte.
Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Marquetenterin abzugeben,
solte er zwar in solchem Geschäfte das Haupt sein und der Handelschaft
wie ein getreuer und fleißiger Hauswirth so Tags, so Nachts emsig
vorstehen, mir aber das Obercommando, sonderlich über das Geld und ihn
selbsten lassen und gehorsamlich gedulden, ja ändern und verbessern,
wann ich ihme wegen einiger seiner Saumsal corrigirn würde; in Summa
er solte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen
werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir obenangeregte
Schuldigkeit in allweg in Acht nehmen. Und solches alles verschrieben
wir einander.
Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, solte
er zum siebenden gedulden, daß ich ihn mit einem sonderbaren Namen
nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden
solte, wormit ich ihn das erste mal etwas zu thun heißen würde.
Als er mir nun alle diese Puncten eingangen und zu halten geschworen,
bestätigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber vor dißmal
nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich
hingegen griffe mich an und brachte unter einem andern Regiment zu
Fuß zuwegen alles, was ein Marquetenter haben solte, und fieng an mit
dem Judenspieß zu laufen[115], als wann ich das Handwerk mein Lebtag
getrieben hätte.