FUSSNOTEN:

[95] =Penthesilea=, Tochter des Ares und der Otrera,

Königin der Amazonen, bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid,

~Heroid~., Ep. 21. V. 118. Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von

Achilleus getödtet, der, als er sie sterben sah, von Liebe erfüllt

wurde.

[96] =zufreien=, verbinden mit, hinzufügen.

[97] =Moger=, Mogor, Mogul.

[98] =gleichsam=, fast, beinahe, =schier=, in dieser letzten

Bedeutung öfter bei Grimmelshausen.

[99] =verstehen= ~c. genet.~, von etwas verständigen, unterrichten.

[100] =einen Sprung weisen=, wie: die Wege weisen.

[101] =spannen=, abzielen.

Das vierzehnte Capitel.

Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod sich

einem Musquetierer theilhaftig machte.

Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht

wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe.

Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr zu genießen hatte, und ich

glaub, daß er auch gern noch länger mit mir vorlieb genommen hätte,

wann ihm nur seine Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen

gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und

der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder mit einem

Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die Hamburger

so wol als andere Ort mit Proviant und Munizion aushelfen musten.

Dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche

Kundenarbeit. Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich

zwar noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine Bagage

biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den Compaß gewaltig

verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wol zu, und ich hätte mir

mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht. Weil aber solche Fortuna

nicht länger bestehen konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so

muste ich bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte

mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und

bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und

unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn in meine Strick brachte

und so verliebt machte, daß er mir Salat aus der Faust essen mögen

ohne einigen Ekel. Dieser versprach mir bei Teufelholen die Ehe und

hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht

zuvor seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen

er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte, also

daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Copulation würklich

vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Cameraden,

woher ihm das Glück so eine schöne junge Maitresse zugeschickt, unter

welchen die allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann

damals waren die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen

glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch Ueberfluß

aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der gröste Theil, durch

Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer Wollust nachzuhängen und

solchen abzuwarten als um Beuten zu schauen oder nach Brod und Fourage

zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines Hochzeiters

Corporal ein solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am

allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus

machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine große

Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden und nicht

werkstellig machen mögen. Wir lagen damals in Stormaren[102], welches

noch niemals gewust, was Krieg gewesen; dannenhero war es noch voll von

Ueberfluß und reich an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den

Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da währete

Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein Reuter den andern auf

seines Hauswirths Speis und Trank zu Gast. Diesen ~modum~ hielte mein

Hochzeiter auch, worauf angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir

hinter die Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit

zweien von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals

Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der Corporal

und commandirte ihn zu der Standarten auf die Wacht, damit, wann mein

Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir ergötzen könte. Weil aber

mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein

anderer seine Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn

der Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, daß noch

etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen. Der

Corporal hingegen sagte ihm, er solte nicht viel disputirn, sondern

seinem Commando parirn, oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte

diese seine Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus

Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen

gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, biß er von Leder

zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder in Kraft habenden Gewalts so

exemplarisch zeichnen wolte, daß ein andermal ein anderer wisse, wie

weit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre.

Aber ach, mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er

war eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal

eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzten

Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt vertriebe,

daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide Gäst giengen ihrem

Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und mit ihren Fochteln auch auf

meinen Hochzeiter los, davon er den einen alsobalden durchstach und den

andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit

allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl

brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an

Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar

kurz mit ihm, dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten,

und ob zwar sonnenklar an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern

Ursachen halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an Statt

seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam gegen den

Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit

Ruthen ausgehauen werden solte, weil ich an solcher That ein Ursächerin

gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbeten[103], daß mein

Hochzeiter harquebusirt, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment

geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.

So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden sich doch zween

Reuter in unserm Quartier, die mir und ihnen solche versüßen wolten,

dann ich war kaum ein Stund gehend hinweg, da saßen diese beide in

einem Busch, dardurch ich muste passiren, mich willkommen zu heißen.

Ich bin zwar, wann ich die Wahrheit bekennen muß, meine Tage niemal so

hechel[104] gewesen, einem guten Kerl eine Fahrt abzuschlagen, wann ihn

die Noth begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in meinem Elend

eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich verjagt

und mein Auserwählter todt geschossen worden, widersetzte ich mich

mit Gewalt; dann ich konte mir wol einbilden, wann sie ihren Willen

erlangt und vollbracht, daß sie mich auch erst geplündert hätten, als

welches Vorhaben ich ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen

ablesen konte, sintemal sie sich nicht schämten, mit entblößten Degen

auf mich wie auf ihren Feind loszugehen, beides mich zu erschrecken und

zu dem, was sie suchten, zu nöthigen. Weil ich aber wuste, daß ihre

scharfe Klingen meiner Haut weniger als zwo Spießgerten abhaben würden,

sihe, da waffnete ich mich mit meinen beiden Messern, von denen ich in

jede Hand eins nahm und ihnen dergestalt begegnete, daß der eine eins

davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versahe. Der ander war

stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme dann so

wenig als er mir an den Leib kommen konte. Wir hatten unter währendem

Gefecht ein wildes Geschrei. Er hieße mich eine Hur, eine Vettel,

eine Hex und gar einen Teufel; hingegen nante ich ihn einen Schelmen,

einen Ehrendieb, und was mir mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul

kam, welches Balgen einen Musquetierer überzwergs[105] durch den Busch

zu uns lockte, der lang stunde und uns zusahe, was wir vor seltzame

Sprüng gegen einander verübten, nicht wissend, welchem Theil er unter

uns beistehen oder Hülfe leisten solte. Und als wir ihn erblickten,

begehrte ein jedes, er wolte es von dem andern erretten. Da kan nun ein

jeder wol gedenken, daß Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano

beigestanden, vornehmlich als ich ihm gleich güldene Berge versprach

und ihn meine ausbündige Schönheit blendet und bezwang. Er paßte auf

und schlug auf den Reuter an und brachte ihn mit Bedrohung dahin, daß

er mir nicht allein den Rucken wendet, sondern auch anfieng darvon zu

laufen, daß ihm die Schuchsohlen hätten herunter fallen mögen, seinen

entseelten Cameraden sich in seinem Blut wälzend hinterlassend.

Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein beisammen

befanden, erstummte dieser junge Musquetierer gleichsam über meiner

Schönheit und hatte nit das Herz, etwas anders mit mir zu reden, als

daß er mich fragte, durch was vor ein Geschick ich so gar allein zu

diesem Reuter kommen wäre. Darauf erzählte ich alles ihm haarklein, was

sich mit meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem Corporal und dann

auch mit mir zugetragen, so dann, daß mich diese beide Reuter, nämlich

der gegenwärtige Todte und der Entloffene, als ein armes verlassenes

Weibsbild mit Gewalt schänden wollen, deren ich mich aber bißher,

wie er selbst zum Theil wol gesehen, ritterlich erwehrt, mit Bitt,

er wolte als mein Nothelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen

helfen, biß ich irgendshin zu ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit

käme, versicherte ihn auch ferner, daß ich ihme vor solche seine

erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Recompens zu begegnen

nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den Todten und nahme zu

sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, welches ihm seine Mühe

ziemlich belohnte. Darauf machten wir uns beide bald aus dem Staub,

und indem wir unseren Füßen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen

wir desto ehender durch den Bosch und erreichten denselben Abend noch

des Musquetierers Regiment, welches fertig stunde, mit dem Colalto,

Altringer und Gallas in Italia zu gehen.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 26 / 92 题