[92] =plitzen=, =plützen=, plutzen, niederfallen.
[93] =Carania=, ital. ~carogna~, Luder, liederliches Weib.
[94] Vgl. die Einleitung.
Das dreizehnte Capitel.
Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß genosse,
und wie sie selbige wieder verloren.
Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb
erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer
kommt; dann ich hatte damals auf der Welt sonst nichts zu thun, als
auf der Streu zu liegen und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier
auszumästen, um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter zu
erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto frischer
gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder ganz heil,
glatthärig und meines Cavaliers begierig. Der stellte sich auch bei
mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen
Frühlingszeit so wenig als ich mit Geduld erwarten konte.
Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der
eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte.
Es ist nicht zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein
Mitleiden, das er mit mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen
Wittibstand gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich
seiner getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit er
mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter mein Gefangner
worden wäre.
»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat mich mein
Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz
und gar eueren Sclaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders
begehrt und darum hieher kommen, als aus ihrem Munde den Sentenz zum
Tod oder zum Leben anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren
elenden Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der
Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, oder zum
Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe nicht theilhaftig werden oder
solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt werden solte. Ich schätzte mich
glückselig, da sie mich wie ein andere ritterliche Penthesilea[95]
mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch
äußerliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit
wieder zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich
diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen hielte,
zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen beiderseits
wider einander strebenden Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht
zu bekommen. Solchen meinen bißherigen elenden Jammer bezeugen viel
tausend Seufzer, die ich seithero zu meiner liebwürdigen Feindin
gesendet, und weil solche alle vergeblich in die leere Luft giengen,
geriethe ich allgemach in Verzweifelung und wäre auch ----«
Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, mich zu
demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so sehr als er selbst
verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen Schulen gewesen und
wol wuste, daß man dasjenige, was einem leicht ankommt, auch gering
achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner Meinung entfernt
zu sein, und klagte hingegen, daß ich im Werk befande, daß ich sein
Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in
seinem Gewalt aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich ihm
vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten
verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern errettet, erkennete
auch, daß mein Schuldigkeit seie, solche ehrliche und lobwürdige Rach
wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber
solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust
meiner Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem Ende
an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht sehen, was er
bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr
und bei mir vor einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle
sich durch eine That, die ihn vielleicht bald wieder reuen würde,
keinen Schandflecken anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden
Cavaliers den Nachklang zufreien[96], daß er ein armes verlassenes
Weibsbild in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng ich an
zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre,
nach dem alten Reimen:
Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
Gleich als gieng es ihn von Herzen;
Sie pflegen sich nur so zu stellen
Und können weinen, wann sie wöllen.
Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm 1000
Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und
mich wiederum zu den Meinigen sicher passieren lassen wolte. Aber
er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so beschaffen, daß er mich
nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln könte; zu dem seie
er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es
eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten
brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann
ein Täubler irgend einen Tauber und eine Täubin zusammen sperret, daß
sie sich paaren sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, biß
sie des Handels endlich eins werden. Eben also machten wirs auch, dann
nachdem mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt,
wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht über
zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, das ich
auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er begehrte. Ich
schlug ihm auch so wol zu, daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe;
doch wuste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte
Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. Gnaden
tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet:
Ein Schneider auf eim Roß,
Ein Hur aufm Schloß,
Ein Laus auf dem Grind --
Seind drei stolzer Hofgesind.
Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er
sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an
einen Nagel gehenkt; aber er muste beides seinen Herren Vattern und den
König selbst scheuen, als der sich den Krieg, wiewol mit schlechtem
Glück, ernstlich angelegen sein ließe. Doch macht ers mit seinem
Besuchen so grob und kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter
und Frau Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was
er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der seine
Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen erkundigten sie
die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen große Sorge
für ihren Sohn, daß er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen
bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte.
Derowegen wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so
behutsam damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch
meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich etwan, wie sie von der
Haushofmeisterin vernommen, von einem gräflichen Geschlecht geboren
sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe versprochen haben solte.
Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß mich die alte
Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten
Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich enthielte,
mit derer er sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehelichen
gedächte, so sie aber durchaus nicht zugeben könten, dieweil sie ihn
allbereit an ein fast hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären
derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber
weiters mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit
erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst nicht
allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann
mich der große Moger[97] aus India wo nit beschützen, doch wenigst
revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines Liebhabers große Liebe
und stattliche Verheißung verlassen, von welchem ich auch gleichsam[98]
alle acht Tage nit nur bloße liebreiche Schreiben, sondern auch
jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng. Dargegen beklagte ich
mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin
verstanden[99], mit Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen
und verhindern, daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe.
Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in meines
Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben
brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen solte, um mich
nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich
lieb oder leid, offentlich zur Kirchen führen wolte; wann alsdann
solches geschehen wäre, so würden beides Vatter und Mutter wol ja
sagen und als zu einer geschehenen Sach das Beste reden müssen. Ich
war gleich fix und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so
Tags so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes Hamburg
führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang
nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen ließen, der mich heurathen
würde, als ich immer wolte. Da wurde ich allererst gewahr, daß der
Hagel geschlagen und die Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde
gesagt, ich möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und
Gott danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See ertränkt
worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten noch stark genug,
mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir vielleicht ein vergebliche
Sicherheit einbilde, einen Sprung[100] zu weisen, der einer solchen
gebühre, worvor man wüste daß ich zu halten sei. Was solt ich machen?
Mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf
ich gespannet[101], war dahin und mit einander zu Grund gefallen. Die
verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von
einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen,
und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie
abgeben, mich an den Ort zu bringen, da ich jetzt saße und allgemach
anfienge mit dem Schmalhansen zu conferirn, der mich leichtlich
überredete, mein täglich Maulfutter mit einer nächtlichen Handarbeit zu
gewinnen.