[84] Die festen Häuser, die =Gleichen=, südwestlich von Göttingen.
Vgl. die Einleitung.
[85] =meines Behalts=, soviel ich behalten habe.
[86] =in der Erste= (nieders. ~in der erst~), gleich zu Anfang.
[87] =besuchen=, durchsuchen nach Werthsachen.
[88] =erben=, ~trans.~ beerben.
[89] =Hochteutschland=, der höher liegende südliche Theil
Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland.
[90] =Verden=, vgl. die Einleitung.
[91] =behalten=, abhalten, trennen.
Das zwölfte Capitel.
Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt.
Als nun die Unserige das Schloß aus Forcht, es möchte einfallen und
uns alle bedecken, dem König übergaben und herauszogen, ich auch also
ganz betrübt und weinend mit marschierte, sahe mich zu allem Unglück
derjenige Major, den ich hiebevor von den Braunschweigischen bei dem
Mainstrom gefangen bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewißheit
meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen damaligen Stand
erfuhre, daß ich nämlich allererst zu einer Wittib worden wäre, da
nahme er die Gelegenheit in Acht und zwackte mich ohnversehens von dem
Troupen hinweg.
»Du Bluthex«, sagte er, »jetzt wil ich dir den Spott wieder vergelten,
den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast, und dich lehren, daß
du hinfort weder Wehr noch Waffen mehr führen, noch dich weiters
unterstehen sollest, einen Cavalier gefangen zu nehmen!«
Er sahe so gräßlich aus, daß ich mich auch nur vor seinem Anblick
entsetzte. Wäre ich aber auf meinem Rappen gesessen und hätte ihn
allein für mir im Feld gehabt, so hätte ich getraut, ihn eine andere
Sprache reden zu lernen. Indessen führte er mich mitten unter einen
Troupen Reuter und gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher
alles, was ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese
Stell bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erzählte mir
hingegen, daß er beinahe damals, als ich ihn gefangen bekommen, schier
den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren hätte, um daß er sich
von einem Weibsbild vor der Brigaden hinweg fangen lassen und dardurch
dem Troupen eine Unordnung und gänzliche Zertrennung verursacht, wofern
er nicht sich damit ausgeredet, daß ihn diejenige, so ihn hinweg
genommen, durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er doch aus Scham
resignirt und dänische Dienst angenommen.
Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin wenig zum
besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang, zu Revanche seiner
Schmach, wie ers nennete, seine viehische Begierden zu vollbringen,
worbei doch (pfui der schändlichen Thorheit) weder Lust noch Freud
sein konte, indem er mir an statt der Küß, ob ich mich gleich nit
sonderlich sperret, nur dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen
sie unversehens aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen die Windhund
herstreichen, also daß ich mir nichts anders einbilden konte, als
daß sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht gejagt zu
werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da der Bauer den Tisch
deckte. Da lude mein tapferer Held von Officiern seines Gelichters
zu Gast, die sich durch mich mit ihm verschwägern musten, also daß
meine sonst ohnersättliche fleischliche Begierden dermalen genugsam
contentirt wurden. Die dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal
gelassen waren, als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar
nit besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich
überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt hatten (pfui,
ich schämte michs beinahe zu sagen, wann ichs dir, Simplicissime, nit
zu Ehren und Gefallen thäte), muste ich auch vor der Herren Angesicht
mich von den Knechten treffen lassen. Ich hatte bißher alles mit Geduld
gelitten und gedacht, ich hätte es hiebevor verschuldet; aber da es
hierzu kam, war mirs ein abscheulicher Greuel, also daß ich anfieng zu
lamentiren, zu schmälen und Gott um Hülf und Rach anzurufen. Aber ich
fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen Unmenschen, welche
aller Scham und christlichen Ehrbarkeit vergessen mich zuerst nackend
auszohen, wie ich auf diese Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen
auf die Erden schütten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit
Spießruthen nöthigten. Ja sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, daß
ich gumpen und plützen[92] muste wie ein Esel, dem man ein Handvoll
Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden; und ich glaube, wann
es nicht Winterszeit gewesen wäre, daß sie mich auch mit Brennesseln
gegeißelt hätten.
Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis geben, oder
mir als einer Zauberin den Proceß durch den Henker machen lassen
wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche ihnen allen zu schlechter
Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig gemacht. Zudem sagten die
Verständigste (wann anders diese Bestien auch noch ein Fünklein des
menschlichen Verstands gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit
mir hätte vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich
anfangs unberührt gelassen und in die Hände der Justitz geliefert
haben. Also kam das Urtheil heraus, daß man mich den Nachmittag (dann
sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit still) den Reuterjungens
preisgeben solte. Als sie sich nun des elenden Spectaculs des
Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich meine Kleider wieder
anziehen, und da ich allerdings damit fertig, begehrte ein Cavalier
mit dem Obristleutenant zu sprechen, und das war eben derjenige
Rittmeister, den ich vor Lutter gefangen bekommen; der hatt von meiner
Gefangenschaft gehört. Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte
und zugleich sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor Lutter
gefangen, führete ihn der Obristleutenant gleich bei der Hand in
das Zimmer und sagte: »Da sitzt die Carania[93]; ich will sie jetzt
strack den Jungen preisgeben.« Dann er nicht anders vermeinte, als der
Rittmeister würde sowol als er ein grausame Rach an mir üben wollen.
Aber der ehrliche Cavalier war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum
so kläglich dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu
schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf die
Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden willen,
daß er sich über mich elende Dame erbarmen und mich vor mehrerer
Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der Hand auf und sagte zu
dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden: »Ach, ihr rechtschaffene
Brüder, was habt ihr mit dieser Damen angefangen?«
Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig gesoffen,
fiele ihm in die Red und sagte: »Was, sie ist eine Zauberin!« »Ach
mein Herr verzeihe mir«, antwortet der Rittmeister; »so viel ich von
ihr weiß, so bedunkt mich, sie sei des tapfern alten Grafen von T.[94]
seiner leiblichen Frauen Tochter, welcher rechtschaffene Held bei dem
gemeinen Wesen Leib und Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also daß
mein gnädigster König nicht gut heißen wird, wann man dessen Kinder so
tractirt, ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche
Seiten gefangen bekommen. Ja ich dörfte glauben, ihr Herr Vatter
richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider den Kaiser aus, als
mancher thun mag, der eine fliegende Armada gegen ihn zu Felde führet.«
»Ha«, antwortet der flegelhaftige Oberstleutenant, »was hab ich gewust?
Warum hat sie das Maul nicht aufgethan?«
Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten und wusten,
daß er nicht allein von einem hohen dänischen Geschlecht, sondern
auch bei dem König in höchsten Gnaden war, baten gar demüthig, der
Rittmeister wolte diß übersehen, als eine geschehene Sach zum besten
richten und vermittlen, daß sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen;
dahingegen obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit
mit Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich auch
alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber nur mit Weinen
vergeben. Und also kam ich, zwar übel geschändt, aus dieser Bestien
Gewalt in des Rittmeisters Hände, welcher mich weit höflicher zu
tractiren wuste; dann er schickte mich alsobalden, ohne daß er mich
einmal berührt hatte, durch einen Diener und einen Reuter von seiner
Compagnia in Dänemark auf ein adelich Haus, das ihm kürzlich von seiner
Mutter Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin
unterhalten wurde; welche unversehene Erlösung ich beides meiner
Schönheit und meiner Säugamme zu danken, als die ohne mein Wissen und
Willen dem Rittmeister mein Herkommen verträulich erzählt hatte.