FUSSNOTEN:

[77] =Geschlechter=, Patricier.

[78] =beischießen=, etwas in das Geschäft geben.

[79] =weder=, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen.

[80] =verderben=, zu Grunde richten.

[81] =Tummel=, Taumel, Rausch.

[82] Vgl. die Einleitung.

[83] =Schnarcher=, die mit groben Redensarten auftreten.

Das elfte Capitel.

Nachdem Courage anfähet sich fromm zu halten, wird sie wieder

unversehens zu einer Wittib.

Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser als mein

Hauptmann wuste, was darzu gehörete; und indem ich mich ängstigte, daß

ich wieder dahin muste, wo man die Courage kennete, erzählte ich meinem

Mann mein ganzes geführtes Leben, biß auf die Hurenstücke, die ich hie

und da begangen, und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen.

Vom Namen Courage überredet ich ihn, daß er mir wegen meiner Tapferkeit

zugewachsen wäre, wie dann sonst auch jedermann von mir glaubte. Mit

dieser Erzählung kam ich denjenigen vor, die mir sonst etwan bei ihm

einen bösen Rauch gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch

mehr darzu, ja mehr als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und gleich

wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen Schlachten

gegen dem Feind gehalten, biß es folgends andere Leut bei der Armee

bezeugten, also glaubte er nachgehends auch andern Leuten nicht, wann

sie ihm von meinen schlimmen Stücken aufschnitten, weil ich solche

läugnete. Sonst war er in allen seinen Handlungen sehr bedächtig und

vernünftig, ansehenlich von Person und einer von den Beherzten, also

daß ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da ihm

doch billicher etwas Ehrliches gebührt hätte.

Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Köchin, weil

sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe unseren Bagagewagen mit allem

dem, was man ersinnen hätte mögen, das uns im Feld solt nöthig gewesen

sein, und machte eine solche Anstalt unter dem Gesind, daß weder

mein Mann selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte;

mich selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd,

Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei den Häusern

Gleichen[84] zu der Tillischen Armee, alwo ich bald erkant, und von den

mehristen Spottvögeln zusammen geschrieen wurde: »Lustig, ihr Brüder,

wir haben ein gut Omen, künftige Schlacht zu gewinnen!«

»Warum?«

»Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.«

Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der Sach, dann das Volk,

mit dem ich kam, war ein Succurs von drei Regimentern zu Pferd und

zweien zu Fuß, welches nicht zu verachten, sondern der Armada Courage

genug mitgebracht, wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre.

Meines Behalts[85] den zweiten Tag nach dieser glücklichen Conjunction

geriethen die Unserige dem König von Dänemark bei Lutter in die

Haar, allwo ich fürwahr nicht bei der Bagage bleiben mochte, sondern

als des Feinds erste Hitze verloschen und die Unserige das Treffen

wieder tapfer erneuert, mich mitten ins Gedräng mischte, wo es am

allerdicksten war. Ich mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen,

sondern wolte meinem Mann gleich in der Erste[86] weisen, daß mein

Zunamen an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen

hätte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines gleichen in

Prag nicht gehabt, mit dem Säbel Platz, biß ich einen Rittmeister von

vornehmen dänischen Geschlecht beim Kopf kriegte und aus dem Gedräng

zu meinem Bagagewagen brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke

Püff; wir ließen aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern

trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich dann sahe,

daß es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr wieder fertig,

jagte hin und holete noch einen Quartiermeister samt einem gemeinen

Reuter, welche nicht ehe gewahr wurden, daß ich ein Weibsbild war, als

biß ich sie zu obengedachten Rittmeister und meinen Leuten brachte.

Ich besuchte[87] keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und

Geldswerth heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber ließe ich den

Rittmeister fast höflich tractiren und nit anrühren, viel weniger gar

ausziehen. Aber als ich mich mit Fleiß ein wenig beiseits machte,

vertauschten meine Knecht mit den andern beiden ihre Kleider, weil sie

trefflich wol mit Köllern mondirt waren. Ich hätte es zum dritten mal

gewagt und fortgeschmiedet, dieweil das Eisen weich gewesen und die

Schlacht gewähret, so mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel

zumuthen. Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten von

denen, die sich aufs Schloß Lutter retiriert und ewiglich auf Gnad und

Ungnad ergeben hatten, also daß wir beide in und nach dieser Schlacht

in allem und allem aus tausend Gulden werth vom Feind erobert, welches

wir gleich nach dem Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel

nacher Prag zu meinen alldortigen 2000 Reichsthalern überschafft, weil

wir dessen im Feld nicht bedörftig und täglich hofften, noch mehr

Beuten zu machen.

Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, und schätzte

sich als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte,

und wann wir uns nit beide geschämt hätten, so glaub ich, ich wäre Tag

und Nacht, in den Laufgräben, auf der Wacht und in allen Occasionen

niemal von seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser

Vermögen, also daß das Letztlebende, wir bekämen gleich Erben oder

nicht, das Verstorbene erben[88], meine Säugamme oder Mutter aber

gleichwol auch ernähren solte, so lang sie lebte, als welche uns großen

Fleiß und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus hinterlegten wir, weil wirs

in Duplo ausgefertigt, eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in

meines Manns Heimath hin, Hochteutschland[89], so damals noch in seinem

besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste nicht erlitten.

Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck, Verden[90],

Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, in welchem

letztgenanten Schloß Hoya mein Mann mit etlichen commandirten Völkern

ohne Bagage muste liegen verbleiben. Gleichwie mich aber sonst nirgends

keine Gefahr von meinem Mann behalten[91] konte, also wolte ich ihn

auch auf diesem Schloß nit allein lassen, aus Furcht, die Läuse möchten

mir ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca

gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem Regiment,

welches hingieng, die Winterquartier zu genießen, bei welcher ich auch

verbleiben und solchen Genuß hätte einziehen sollen.

Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen, und Tilly

dergestalt seine Völker zertheilet, sihe, da kam der König in Dänemark

mit einer Armee und wolte im Winter wieder gewinnen, was er im Sommer

verloren. Er stellte sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die

Nuß zu hart zu beißen war, ließe er selbige Stadt liegen und seinen

Zorn am Schloß Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend

Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen lieben Mann traf

und mich zu einer unglückseligen Wittib machte.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 23 / 92 题