[70] =sich leiden=, Verdruß und Aerger haben.
[71] =geschloffen=, ~part. praet.~ zu =schliefen=,
schlüpfen, kriechen.
[72] =äußern=, ~trans.~ meiden.
[73] =schuhriegeln=, Verdruß bereiten.
[74] =das Kalte Wehe=, auch bloß das »Kalte«, das kalte
Fieber.
[75] =sonderbare=, besondere, eigenthümliche.
[76] =hinrichten=, tödten, in diesem Sinne immer in
Grimmelshausen's Schriften.
Das zehnte Capitel.
Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen
andern Mann.
Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts angebissen,
dann die gute Geschlechter[77] verblieben bei ihres gleichen, und was
sonst reich war, konte auch sonst reiche und schöne und vornehmlich
(welches man damals noch in etwas beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen
zu Weibern haben, also daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene
Soldatenhur zu henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot
gemacht oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein Geld, ich
wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut waren mir ohnedas zu
schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir länger
zu gedulden gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich
von der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich
brauchte mein Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte,
den Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen[78], daraus ich
so ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag davon
haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren dorfte. Weilen es
mir dann an einem andern Ort mangelte und meine schwache Beine diese
gute Sache nicht mehr ertragen konten oder wolten, machte ich mein
Geld per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren
hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob
mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe
fande ich gar arm, weder[79] ich sie verlassen, dann der Krieg hatte
sie nit allein sehr verderbt[80], sondern sie hatte auch allbereit vor
dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich
meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie sahe, daß ich nicht mit
leerer Hand angestochen kam; ihr erstes Willkommenheißen aber war doch
lauter Weinen; und indem sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein
unglückseliges Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde
sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, daß sie mir
fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu rathen und vorzustehen
wisse, weil meine beste Freund und Verwandten entweder verjagt oder gar
todt wären.
Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den Kaiserlichen
dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wolten.
Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in ihre Rede nicht
richten, noch begreifen konte, ob es gehauen oder gestochen, gebrant
oder gebohrt wäre. Da ich sie aber mit Essen und Trinken, dann die
gute Tröpfin muste den jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier
beherbergen, wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier
ein Tummel[81] hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig
und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren
der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen
seiner Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden[82]
und, wie die Zeitungen mitgebracht, jetzunder an der türkischen
Porten sei, alda er auch so gar sein christliche Religion in die
türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von
ehrlichem Geschlecht geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie
hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer
aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst
ihr Leibeigener worden, und hätte solche Dienste getrieben, biß er
sie auf einen adelichen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen;
und weilen eben damals sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn
entwöhnet, den sie mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte
sie meine Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich
auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter genugsame
Mittel und Unterhaltung hergeben.
»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen
Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei
Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr
durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.«
Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte
doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so
schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich
keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit
meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter
sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch
auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar,
daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns
vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen
so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich
huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue
Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr
und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000
Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach,
durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter
kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen
Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns
vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben
worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und
Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen,
meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt,
ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern
wolte.
Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam
ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre.
Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer
im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen
getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich
bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu
ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich
selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten
Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man
sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im
Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und
wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel
zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk,
welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen
wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß
er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die
Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines
Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt
und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein
gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst
nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und
nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen
Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel
geschwollen, dem must du schrepfen!
Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich
und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem,
das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu
actioniren.
Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth
seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor
einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der
Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so
weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und
ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten
waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er
aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige
versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte,
ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler,
die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in
stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das
Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich
Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen,
darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht,
hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit
gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der
Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben,
sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg
marschiern müsten.