FUSSNOTEN:

[31] =dermalen eins=, dermaleinst.

[32] Libuschka faßt die Erzählung im Buch der Richter Cap. 11

in ihrer Weise auf!

[33] =toll=, auffallend.

[34] =in Duckas gehen=, sprichwörtlich wie: in die Brüche

gehen.

[35] =Georgi=, Szt. György.

[36] =die Insul=, Schütt.

[37] =Neusoll=, Neusohl, Ungarn, Com. Sohl. Der Verfasser

ist im Irrthum; Buquoi fiel bei der Belagerung von Neuhäusel an der

Neitra 1626; vgl. die Einleitung.

[38] =das Leid klagte= (eigentlich: ihr Leid beklagte), sein

Beileid bezeigte.

[39] =gut edel=, von gutem Adel.

Das fünfte Capitel.

Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares

züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie

einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen

bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig

unterwirft.

Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach

Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in

den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein

Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine

Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40]

zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus

kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht

viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks

und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant,

welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen

Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die

sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich

wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und

ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür

leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und

eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen,

Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich

aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund

vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen,

das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen

anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner

Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich

meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit

solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit

mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer

besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern,

wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen,

sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen.

Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und

lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode

aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie,

wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch

glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte

sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem

schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte.

Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden

Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den

»Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu

ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen

machte, das ließe sie nicht unterwegen.

Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die

Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich

zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen

wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach

an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm

gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag

hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig,

welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt

hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte,

noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich

die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol

unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen

anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um

ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in

der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser

spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es

ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit

nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft

vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener

alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt,

und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten

oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen,

die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf

meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend

neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit

mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und

lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer

solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten,

da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und

dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit

mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte,

daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste

nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil

seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu

ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen

Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines

Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten,

die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal

mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen

ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er

seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte,

wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte

mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol

leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles

verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich

in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den

Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte

maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur

seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich;

ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht

sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine

Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte

sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe

damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber

nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin

kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von

jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber

ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein

von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem

Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da

ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe

Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen

Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer

guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem

ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen

weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte

mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen

Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht

darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück

columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid

geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß

ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt

hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador,

welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach

diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren

konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das

mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern

behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle

gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß

ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten ~in specie~ zusammen brachte,

ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern,

Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte

wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen

verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz

zu machen, weil ich wuste, daß es heißt:

Ein jeder Tag bricht dir was ab

Von deiner Schönheit biß ins Grab.

Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger

gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen

mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die

Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt

dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich

beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich

allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können,

sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar

daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte,

seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr

blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber

getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und

zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte

einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich

eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 18 / 92 题