[10] =scilicet=, ironisch, öfter bei Grimmelshausen: wer es glauben
will!
[11] =Gurre=, schlechter Gaul. Die sprichwörtliche Redensart noch
gebräuchlich.
[12] =Bragoditz=, =Pragatitz=, jetzt Prachatitz in Böhmen,
Prachiner Kreis.
[13] Vgl. die Einleitung.
[14] =Anliegen=, Sorge, Kummer.
[15] =Dauben=, Einbildungen.
[16] =schmecken=, riechen, merken.
[17] =Kürbe=, =Kirbe=, Kirchweih, Festlichkeit, wobei es wild
hergeht; auch im »Simplicissimus« öfters gebraucht.
[18] =Kuder=, Werch, Heede.
[19] =aus der Küheweid=, aus seiner Heimat, in eine andere Gegend.
[20] =Maultasche=, Maulschelle, statt des Ritterschlags.
Das dritte Capitel.
Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten
Rittmeister um den Namen Courage.
Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger
Cavalier, ein guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein
reuterischer Soldat und überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich
mit Windhunden die Hasen zu hetzen, war sein größter Spaß. Er hatte so
viel Barts ums Maul als ich, und wann er Frauenzimmerkleider angehabt
hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine schöne Jungfrau gehalten.
Aber wo komm ich hin? Ich muß meine Histori erzählen. Als Budweis und
Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich zwar
tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken
seine Straf empfieng. Von dannen ruckten sie auf Rakonitz[21], allwo es
die erste Stöß im Feld setzte, die ich sahe. Und damals wünschte ich
ein Mann zu sein, um dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es gieng
so lustig her, daß mir das Herz im Leib lachte. Und solche Begierde
vermehrte mir die Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag, weil die
Unsere einen großen Sieg erhielten und wenig Volk einbüßten. Damals
machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber ließe mich nicht
wie ein Page oder Kämmerling, vielweniger als ein Mägdchen, sondern wie
ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon
seine Besoldung hat.
Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Baiern in Oesterreich,
der sächsische Churfürst in die Lausnitz, und unser General Buquoy in
Mähren, des Kaisers Rebellen wiederum in Gehorsam zu bringen. Und indem
sich dieser letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung
curiren ließe, sihe, da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir
seinethalber genossen, eine Wunden in mein Herz, welche mir meines
Rittmeisters Liebwürdigkeit hinein druckte; dann ich betrachtete nur
diejenige Qualitäten, die ich oben von ihm erzählet, und achtete gar
nicht, daß er weder lesen noch schreiben konte und im übrigen so ein
roher Mensch war, daß ich bei meiner Treu schweren kan, ich hätte ihn
niemalen hören oder sehen beten. Und wann ihn gleich der weise König
Alphonsus[22] selbst eine schöne Bestia genant hätte, so wäre mein
Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich
aber heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende
jungfräuliche Schamhaftigkeit also riethe. Es geschahe aber mit solcher
Ungeduld, daß ich, unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns
werth war, mir oft wünschte, derjenigen Stelle zu vertreten, die ich
und andere Leute ihm zu Zeiten zukuppelten. So hemmte anfänglich auch
nicht wenig den ungestümen und gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, daß
mein Liebster von einem edlen und namhaften Geschlecht geboren war,
von dem ich mir einbilden muste, daß er keine, die ihre Eltern nicht
kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein, konte ich mich
nicht entschließen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren sahe
preißmachen.
Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte,
mich greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja
von einer solchen Natur, daß mir weder mein innerlichs Anliegen noch
die äußerliche Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte
zwar nichts zu thun, als einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber
solches lernete mich die Liebe mit solchem Fleiß und Eifer verrichten,
daß mein Herr tausend Eid vor einen geschworen hätte, es lebte kein
treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen Occasionen, sie wären auch
so scharf gewesen, als sie immer wolten, kame ich ihme niemalen vom
Rucken oder der Seiten, wiewol ichs gar nicht zu thun schuldig war,
und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu thun wuste,
das ihm gefiele. So hätte er auch gar wol aus meinem Angesicht lesen
können, wann ihn nur meine Kleider nicht betrogen, daß ich ihn weit mit
einer anderen als eines gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet.
Indessen wuchse mir mein Busen je länger je größer, und druckte mich
der Schuh je länger je heftiger, dergestalt, daß ich weder von außen
meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger zu verbergen
getraute.
Als wir Iylau[23] bestürmet, Trebitz[24] bezwungen, Znaim zum Accord
gebracht, Brün und Olmütz unter das Joch geworfen und meistenteils
alle andere Städte zum Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten
zugestanden, welche mir mein Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen
alle schenkte, wormit ich mich trefflich mundirte[25] und selbst zum
allerbesten beritten machte, meinen eignen Beutel spickte und zu Zeiten
bei dem Marquetentern mit den Kerln ein Maß Wein trank. Einsmals machte
ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid empfindliche Wort gaben,
und sonderlich war ein Feindseliger darunter, der die böhmische Nation
gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor, daß die
Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen
hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei
gewesen wäre. Derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von
den Worten zu Nasenstübern, und von den Stößen zum Rupfen und Ringen,
unter welcher Arbeit mir mein Gegentheil mit der Hand in Schlitz
wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu ertappen, das ich doch nicht
hatte; welcher zwar vergebliche, doch mörderische Griff mich viel
mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre. Und eben darum
wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also daß
ich aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammengebote und mich
mit Kratzen, Beißen, Schlagen und Treten dergestalt wehrete, daß ich
meinen Feind hinunter brachte und ihn im Angesicht also zurichtete, daß
er mehr einer Teufelslarven als einem Menschen gleich sahe. Ich hätte
ihn auch gar erwürgt, wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm
gerissen und Fried gemacht hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon
und konte mir wol einbilden, daß der schlimme Kund gewahr worden, was
Geschlechts ich gewesen; und ich glaub auch, daß ers offenbart hätte,
wann er nicht gefürchtet, daß er entweder mehr Stöße bekommen oder zu
denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden wäre, um daß er
sich von einem Mägdchen schlagen lassen. Und weil ich sorgte, er möchte
noch endlich schnellen[26], sihe, so drehete ich mich aus.
Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam,
sondern bei einer Gesellschaft anderer Officier, mit denen er sich
lustig machte, allwo er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht
gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er liebte mich als ein resolutes junges
Bürschel, und eben darum war mein Filz[27] desto geringer; doch
unterließe er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu geben. Als aber
die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warum ich meinen
Gegentheil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darum,
daß er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines
Mannsmenschen Hände kommen sein.«
Dann ich wolte es verzwicken[28] und nicht so grob nennen, wie die
Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister
wäre, auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heißen
müste. Und weil meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen
befand, zumalen ich wagen[29] muste, mein Gegentheil würde mich doch
verrathen, sihe, so entblößte ich meinen schneeweißen Busen und zeigte
dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste.
»Sehet, Herr«, sagte ich, »hie sehet ihr eine Jungfrau, welche sich zu
Bragoditz verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten, und
demnach sie Gott und das Glück in eure Hände verfügt, so bittet sie und
hofft, ihr werdet sie auch als ein ehrlicher Cavalier bei solcher ihrer
hergebrachten Ehr beschützen.«
Und als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu
weinen, daß einer drauf gestorben wäre, es sei mein gründlicher Ernst
gewesen.
Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und muste doch lachen,
daß ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein
Schild und Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach
mit gelehrten Worten, meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen;
mit den Werken aber bezeugte er alsobalden, daß er der erste wäre,
der meinem Kränzlein nachstellte, und sein unzüchtig Gegrabel gefiele
mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen. Doch wehrete ich
mich ritterlich, nicht zwar ihme zu entgehen oder seinen Begierden zu
entrinnen, sondern ihn recht zu hetzen und noch begieriger zu machen,
allermaßen mir der Poß so artlich angieng, daß ich nichts geschehen
ließe, biß er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen,
unangesehen ich mir wol einbilden konte, er würde solches so wenig im
Sinn haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du
guter Simplex, du dörftest dir hiebevor im Sauerbrunnen vielleicht
eingebildet haben, du seiest der erste gewesen, der den süßen Milchraum
abgehoben! Ach nein, du Tropf, du bist betrogen; er war hin, ehe
du vielleicht bist geboren worden, darum dir dann billich, weil du
zu spat aufgestanden, nur der Zeiger[30] gebührt und vorbehalten
worden. Aber diß ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich
sonst angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar
ordenlich von mir vernehmen solt.