FUSSNOTEN:

[4] =Schelle=, »schellenlaute Thörin«.

[5] =Gumpen=, Springen, Hüpfen.

[6] =deren=, der, ~dat.~ wie öfters bei Grimmelshausen.

[7] =~Cholera~=, Galle.

[8] =~Phlegmam~=, Acc. als ~fem.~ genommen.

[9] =beschweret=, beschwöret.

Das zweite Capitel.

Jungfrau Lebuschka (hernachmals genante Courage) kommt in den

Krieg, nennet sich Janco und muß in demselben eine Zeitlang einen

Kammerdiener abgeben; dabei vermeldet wird, wie sie sich verhalten und

was sich Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.

Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne

Unterthanen tractirn, dörften wol vermeinen, ich wäre von einem

böhmischen Edelmann und eines Bauren Tochter erzeugt und geboren worden.

Wissen und Meinen ist aber zweierlei; ich vermeine auch viel Dings

und weiß es doch nicht. Wann ich sagte, ich hätte gewust, wer meine

Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre nicht das erste

mal. Dieses aber weiß ich wol, daß ich zu Bragoditz[12] zärtlich genug

auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum

Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit

angeführt worden bin. Das Kostgeld kam fleißig von meinem Vatter;

ich wuste aber drum nicht woher, und meine Mutter schickte manchen

Gruß, mit deren ich gleichwol mein Tage kein Wort geredet. Als der

Baierfürst[13] mit dem Buquoy in Böhmen zog, den neuen König wiederum

zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von dreizehen Jahren,

welches anfieng nachzutichten, wo ich doch herkommen sein möchte; und

solches war mein größtes Anliegen[14], weil ich nicht fragen dorfte und

von mir selbst nichts ergründen konte. Ich wurde vor der Gemeinschaft

der Leut verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub. Meine Kostfrau

behielte mich immer in den Augen, und weil ich mit andern Töchtern

meines Alters keine Gespielschaft machen dorfte, sihe, so vermehrten

sich meine Grillen und Dauben[15], die der Fürwitz in meinem Hirn

ausheckte, außer welchen ich mich auch mit sonst nichts bekümmerte.

Als sich nun der Herzog aus Baiern vom Buquoy separirte, gieng der

Baier vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei

Zeiten und thät sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den

Gewalt der kaiserlichen Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen

grausam umgiengen. Da nun meine Kostfrau schmeckte[16], wo die Sach

hinaus wolte, sagte sie zeitlich zu mir: »Jungfrau Libuschka, wann

ihr eine Jungfrau bleiben wolt, so müst ihr euch scheren lassen und

Mannskleider anlegen; wo nicht, so wolte ich euch keine Schnalle um

euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu beobachten.«

Ich dachte: was vor fremde Reden sein mir das!

Sie aber kriegte eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf

der rechten Seiten hinweg; das auf der linken aber ließe sie stehen, in

aller Maß und Form, wie es die vornehmste Mannspersonen damals trugen.

»So, mein Tochter«, sagte sie, »wann ihr diesem Strudel mit Ehren

entrinnet, so habt ihr noch Haar genug zur Zierd, und in einem Jahr kan

euch das ander auch wieder wachsen.«

Ich ließe mich gern trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt

gewesen, am allerliebsten zu sehen, wann es am allernärrischten

hergieng. Und als sie mir auch Hosen und Wamst angezogen, lernte sie

mich weitere Schritte thun, und wie ich mich in den übrigen Geberden

verhalten solte. Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch

in die Stadt, meine Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit

großer Begierde, zu sehen, was es doch vor eine neue, ungewöhnliche

Kürbe[17] setzen würde. Solches wurde ich bald gewahr. Ich will

mich aber drum nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer in der

eingenommenen Stadt von den Ueberwindern gemetzelt, die Weibsbilder

genothzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden, sintemal

solches in dem verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekant

worden, daß alle Welt genug darvon zu singen und zu sagen weiß. Diß bin

ich schuldig zu melden, wann ich anders mein ganze Histori erzählen

wil, daß mich ein teutscher Reuter vor einen Jungen mitnahm, bei dem

ich der Pferde warten und forragirn, das ist stehlen helfen solte. Ich

nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich ließe

michs, aller Böhmen Brauch nach, drum nicht merken. Darneben war ich

zart, schön, und adelicher Geberden, und wer mir solches jetzt nicht

glauben wil, dem wolte ich wünschen, daß er mich vor 50 Jahren gesehen

hätte, so würde er mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugniß geben.

Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte

ihn sein Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer

Cavalier war, was er mit mir machen wolte. Er antwortet: »Was andere

Reuter mit ihren Jungen machen, mausen und der Pferde warten, worzu die

böhmische Art, wie ich höre, die beste sein soll. Man sagt vor gewiß:

wo ein Böhm Kuder[18] aus einem Haus trage, da werde gewißlich kein

Teutscher Flachs in finden.«

»Wie aber«, antwortet der Rittmeister, »wann er diß böhmisch Handwerk

an dir anfieng und ritte dir zum Probstück deine Pferd hinweg?«

»Ich wil«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf ihn geben, biß ich ihn

aus der Küheweid[19] bringe.«

»Die Baurenbuben«, antwortet der Rittmeister, »die bei den Pferden

erzogen worden, geben viel bessere Reuterjungen als die Burgerssöhne,

die in den Städten nicht lernen können, wie einem Pferde zu warten. Zu

dem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind und viel zu häckel

auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.«

Ich spitzte die Ohren gewaltig, ohne daß ich dergleichen gethan hätte,

daß ich etwas von ihrem Discurs verstünde, weil sie teutsch redeten.

Meine größte Sorg war, ich möchte wieder abgeschafft und nach dem

geplünderten Bragoditz zuruckgejagt werden, weil ich die Trommeln und

Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von welchem Schall mir das

Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört hatte. Zuletzt

schickte sichs, ich weiß nicht zu meinem Glück oder Unglück, daß mich

der Rittmeister selbst behielte, daß ich seiner Person wie ein Page

und Kammerdiener aufwarten solte; dem Reuter aber gab er einen andern

böhmischen Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer

Nation haben wolte.

Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wuste

meinem Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen

so sauber zu halten, sein weiß leinen Zeug so nett zu accomodirn und

ihn in allem so wol zu pflegen, daß er mich vor den Kern eines guten

Kammerdieners halten muste. Und weil ich auch einen großen Lust zum

Gewehr hatte, versahe ich dasselbe dergestalten, daß sich Herr und

Knechte darauf verlassen durften; und dannenhero erhielte ich bald von

ihm, daß er mir einen Degen schenkte und mich mit einer Maultasche[20]

wehrhaft machte. Ueber das, daß ich mich hierin so frisch hielte,

muste sich auch jederman über mich verwundern und vor die Anzeigung

eines unvergleichlichen Verstands halten, daß ich so bald teutsch

reden lernete, weil niemand wuste, daß ichs bereits von Jugend auf

lernen müssen. Darneben beflisse ich mich aufs höchste, alle meine

weibliche Sitten auszumustern und hingegen mannliche anzunehmen; ich

lernte mit Fleiß fluchen wie ein anderer Soldat und darneben saufen

wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen, die ich vermeinte,

daß sie meines Gleichens wären, und wann ich etwas zu betheuern hatte,

so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand merken

solte, warum ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst

nicht mitgebracht.

Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2) · 第 15 / 92 题