Achtzehntes Kapitel

In Schleier aus durchsichtigem Silber gewoben hüllte sich der blaue

Frühlingshimmel. Milde lächelnd glänzte sein großes Sonnenauge. Und die

kleinen weißen Wolken standen ganz still wie erwartungsvoll staunende

Kinder, ehe der Vorhang vor dem Märchenspiel aufgeht. Die Luft

streichelte mit weichen Händen die Erde, als wäre sie sehr, sehr krank.

Jetzt trugen sie den letzten Hausrat aus der alten Wohnung. Der große

gelbe Wagen vor der Tür wartete darauf, ihn in die neue hinüberzufahren.

Ich sah mich um in den leeren Räumen: auf dem Boden lag Papier und Stroh

und Scherben, in den Winkeln Staub in großen grauen Flocken. Zögernd,

als hielte eine unsichtbare Hand mich zurück, öffnete ich die Tür zu

meines Sohnes Zimmer. Von seinen unruhigen Füßchen war die Diele

zertreten. Dunkel zeichnete sich der Platz am Boden ab, wo sein Bett

gestanden hatte; -- wie oft, seitdem er fort war, hatte ich den Kopf in

die leeren Kissen vergraben --

Eine Hand berührte meine Schulter.

»Komm, Alix,« sagte Heinrichs weiche, tiefe Stimme hinter mir. Auf

seinen Arm gestützt, mit tief gebeugtem Nacken ging ich die Treppen

hinab. Auf der Straße versagte mir der Atem; mein Begleiter hatte einen

so raschen, elastischen Schritt, daß ich ihm nicht zu folgen vermochte.

Er trug auch den Kopf ganz hoch, wie einer, der noch als Eroberer ins

Leben tritt. Und waren wir nicht Geschlagene?! Ich hatte meinen Gedanken

laut werden lassen. Heinrich blieb stehen.

»Hast du die Waffen gestreckt?!« fragte er stirnrunzelnd mit scharfer

Betonung. »Ich nicht! Was uns nicht umbringt, das macht uns stärker.«

Ich senkte den Kopf noch tiefer; eine jähe Röte schoß mir in die

Schläfen.

Er hatte die Türe zu unserer neuen Wohnung mit Blumen bekränzen lassen.

Daß ich sie nicht abriß, geschah nur, um ihm nicht wehe zu tun. Drinnen

empfingen uns schon die stummen vertrauten Gefährten unseres Lebens.

Aber an dem großen Schreibtisch stand jetzt nur noch ein Stuhl. Ich

hatte ein eigenes kleines Zimmer.

»Das ist der erste Schritt zur Ehetrennung,« lächelte mein Mann, mit

einem Blick auf mich, in dem eine ernste Frage lag. Ich blieb ihm die

Antwort schuldig.

»Freust du dich denn gar nicht, daß all der Kram dir nun doch erhalten

blieb?!« sagte er nach einer Pause in einem erzwungen leichten Ton. »Wie

hast du darum gezittert, du armer Angsthase du!« Und wieder stieg mir

das Blut ins Gesicht. Ich schämte mich, daß ich so hatte empfinden

können.

»Dem, der mir dazu verhalf, werde ich immer dankbar sein,« sagte ich

leise, -- es war keiner der alten Freunde, keiner der offiziellen

Vertreter der »Brüderlichkeit« gewesen! -- »Aber mehr darum, weil ich

doch noch einen Menschen mit warmem Herzen gefunden habe, als um der

Stühle und Schränke und Kisten und Kasten willen ...«

Heinrich drückte mir die Hand. Dann nahm er eine der letzten Nummern der

Neuen Gesellschaft aus dem Bücherschrank.

»'Solchen Menschen, welche mich etwas angehen, wünsche ich Leiden,

Verlassenheit, Mißhandlung, Entwürdigung, -- ich wünsche, daß ihnen das

Elend der Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit

ihnen, weil ich ihnen das einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob

Einer Wert hat, oder nicht, -- daß er standhält ...'« las er. »Diese

Worte Nietzsches habe ich abgedruckt, weil sie meine eigene tiefe

Überzeugung aussprechen.«

Seine Kraft verletzte mich fast. Ich wollte nicht überwinden. Es kam mir

wie ein Verrat an meinem Kinde vor, wenn auch mich ein Gefühl ergriff,

als ginge ich gestärkt einem neuen Leben entgegen. Ich pflegte mein Leid

mit selbstquälerischer Wollust. Ich liebte es.

Aber -- seltsam --: Je länger es neben mir herging, desto mehr wandelte

sich sein gräßliches Medusenhaupt in das stille, ernste Antlitz eines

Freundes. Es nahm mich bei der Hand und führte mich langsam, Schritt vor

Schritt, -- mein Herz ertrug es nicht anders, -- einen hohen Berg

hinauf. Und von da oben sah ich in das Tal meines Lebens. Ich erkannte

seine großen Umrisse und geraden Linien, aber all die Hindernisse auf

den Wegen -- den Unrat auf den Straßen -- sah ich nicht mehr.

* * * * *

Eines Tages trat mein Mann mit einem großen Strauß duftender Rosen in

mein Zimmer.

»Zum Zeichen, daß ich dir wieder Blumen bringen kann,« sagte er

lächelnd. Nun erfuhr ich erst von seiner Arbeit, von den Plänen, die

ihrer Verwirklichung entgegengingen, -- rein geschäftlichen

Unternehmungen, denen er neben seiner literarischen Tätigkeit all seine

Kräfte widmete, ohne sich eine Stunde der Ruhe, eine Pause der Erholung

zu gönnen, -- nur das eine Ziel im Auge: die drückenden Schulden zu

zahlen, uns eine Existenz zu gründen und -- er sprach es so leise aus,

als ob er sich scheue, daran zu rühren -- »dir dein Kind zurückzugeben.«

»Heinz!« rief ich, -- die Tränen stürzten mir aus den Augen, -- ich

griff nach seinen beiden Händen und drückte sie zwischen den meinen.

»Was meinst du, wenn du den Buben holen gingst?!« Und vorsichtig, als

wäre ich etwas sehr Zerbrechliches, zog sein Arm mich an sich.

Ich fuhr schon am nächsten Morgen nach Waltershof. Wie langsam schlich

der Zug durch die blühende Sommerpracht, wie endlos hielt er sich an all

den vielen Stationen auf! Endlich, endlich kam ich an. Droben auf der

Höhe, wo jetzt das Korn in hohen Garben stand und alle Ähren grüßten und

nickten, als wüßten sie um mein Glück, kam mir mein Junge

entgegengelaufen -- --

Wie groß und wie braun, und wie stark und wie froh er war! Sonderbar,

daß irgend etwas dabei mich schmerzte. Er küßte und herzte mich immer

wieder, -- aber nicht mit dem Bedürfnis nach Schutz, nach Anlehnung,

wie die kleinen Kinder, wenn sie sich an die Mutter schmiegen. Ich sah

ihn dann im Kreise der Kameraden auf der grünen Wiese, im Tannenwald:

wie er seine Kräfte an den ihren maß. Ich dachte an unsere Straße,

unsere enge Wohnung; -- ich wagte noch nicht, ihm zu sagen, warum ich

gekommen war. Und als ich am nächsten Vormittag dem Unterricht

beiwohnte, in Klassen, wo kaum mehr als zehn Kinder beieinandersaßen und

der Lehrer imstande war, sich mit jedem einzelnen zu beschäftigen, auf

seine Interessen und Fähigkeiten einzugehen, -- da dachte ich an die

überfüllten städtischen Gymnasien mit all ihrem Gefolge von Krankheit

und Laster und Stumpfsinn; ihre unglückseligen Opfer fielen mir ein, die

den Martern des Geistes und Körpers den Tod vorzogen. Mich schauderte:

hatte ich ein Recht, über mein Kind zu verfügen nach meinem Gefallen?

Kein Zweifel: sein Instinkt hatte für Freiheit und Natur entschieden.

»Ich komme morgen nach Haus, und komme -- allein,« schrieb ich an meinen

Mann. »Otto ist ein selbständiger Mensch geworden, und ich habe hier

gelernt, was keine pädagogische Buchweisheit mir hätte beibringen

können: daß auch die Kinder sich selbst gehören, nicht uns; daß die

Kindheit einen Wert an sich hat. Es mußte so sein, wie es ist. Wenn

unser Sohn stark genug ist, um auch neben uns ein Eigener zu bleiben,

wird er vielleicht freiwillig zurückkehren ... Ich schreibe das Alles so

hin, und die Worte sehen aus, als kosteten sie mich nichts. Ich glaube,

ich brauche Dir nicht erst zu sagen, was ich überwinden mußte. Es wird

noch lange dauern, bis ich von meiner Mutterliebe abgestreift haben

werde, was jeder Liebe eigentümlich ist: den Willen zum Besitz. Seitdem

Du mich fühlen ließest, daß auch Du unser Kind entbehrst, weiß ich: Du

wirst Geduld mit mir haben.«

Jetzt erst wurde ich mir der ganzen Leere meines Lebens bewußt: war ich

schon so alt, um nur noch in philosophischer Ruhe seine Resultate zu

ziehen? Um abseits zu stehen wie Zuschauer am Schlachtfeld?

* * * * *

Als mir von seiten der Gewerkschaften die Aufforderung zuging, einige

ausschließlich Bildungszwecken dienende Vorträge im internen Kreise

organisierter Arbeiter zu übernehmen, ergriff ich die Gelegenheit, von

der ich glaubte, daß sie mir wenigstens eine befriedigende Tätigkeit

eröffnen würde. Seit dem Jahre 1906 hatten die Partei und die

Gewerkschaften, einem Beschluß des Mannheimer Parteitags folgend, den

Bildungsbestrebungen tatkräftigeres Interesse zugewandt. Außer der

Partei- und Gewerkschaftsschule in Berlin und ähnlichen Einrichtungen in

den größeren Provinzstädten, wo eine beschränkte Zahl ausgewählter

Schüler systematischen historischen und nationalökonomischen Kursen

regelmäßig folgte, wurden Referate gehalten, die Allen zugänglich waren,

die ihre Mitgliedschaft zu einer Arbeiterorganisation nachweisen

konnten. Die Lehrer der Parteischule waren Radikale strengster

Observanz. Sie sprachen von »bürgerlicher« Wissenschaft, »bürgerlicher«

Kunst, zu der die vom Zukunftsstaat zu erwartende in scharfem Gegensatz

stünden. Sie waren Geist vom Geist des preußischen Kultusministers, der

einen Privatdozenten abgesetzt hatte, weil er Sozialdemokrat war. In

ihrem Kreise waren die kühnen Sätze gefallen, daß die Philosophie eine

ideologische Begleiterscheinung der Klassenkämpfe und ihre Geschichte

eine Geschichte bürgerlichen Denkens sei.

Die Gewerkschaften standen zu ihnen in einem leisen aber darum nicht

weniger starken Gegensatz, der auch in der Wahl ihrer Referenten zum

Ausdruck kam. Schon als ich zum erstenmal sprach, -- vor einer

Zuhörerschaft von ein paar hundert Arbeiterinnen, -- wurde mir erzählt,

wie empört die führenden Genossinnen seien, daß man mich dazu

aufgefordert habe.

Durch Fragen, durch Bitten um Ratschläge für ihre selbständige

Fortbildung, durch Bücher, die ich auslieh, und die mir persönlich

zurückgebracht wurden, kam ich in Berührung mit Männern und Frauen, die

noch nicht zu den »gehobenen Existenzen« gehörten. In der Nüchternheit

des Alltagslebens, fern der Begeisterung, die Feste und Kämpfe

entzünden, lernte ich ihr Leben, ihr Denken und Fühlen kennen. Es stand

fast ausnahmslos unter dem Zeichen der Unzufriedenheit, des Mangels an

einem Inhalt, der über die Misere des Daseins hinaus stark und

hoffnungsfroh macht. Eine gewisse seelische Leere kam vielen zum

Bewußtsein, etwa wie ein Gefühl dauernden Frierens. Die Ideale des

Sozialismus hatten, da ihre Verwirklichung so fern gerückt war, für das

persönliche Leben viel von ihrem Feuer verloren.

Aber gerade in der zum Ausdruck kommenden Unzufriedenheit mit den

äußeren Erfolgen und den inneren Werten der Partei lag eine starke

latente Kraft, die bereit war, jeden Augenblick alles Lastende,

Hindernde fortzuschieben, wenn nur irgendwo der Weg ins Freie sich

zeigte.

Nach einer meiner Versammlungen begrüßte mich Reinhard. Er war zuerst

ein wenig verlegen, als ich aber harmlos und freundlich blieb, taute er

auf. Ich erzählte ihm von meinen Beobachtungen. »Ich bilde mir natürlich

nicht ein, daß sie maßgebend sind, aber ich halte sie doch für

Symptome.«

Er gab mir recht. »Wir befinden uns zweifellos in einer inneren Krisis,«

sagte er, »die sich immer wieder nach außen bemerkbar macht. Jetzt

beginnt der Zank schon wieder. Diesmal um die Frage der

Budgetbewilligung. Sobald wir versuchen durch eine Politik, die immer

mehr oder weniger auf Konzessionen beruht, Schritte nach vorwärts zu

tun, Vorteile oder Einfluß zu gewinnen, kommen die anderen und schwenken

mit Geschrei die angeblich von uns verratene Fahne des Prinzips. Ich

möchte wissen, was geschehen soll, wenn wir einmal in den Parlamenten

eine Vertretung haben, mit der gerechnet werden muß? Ob wir dann das

prinzipienfeste Neinsagen unseren Wählern gegenüber verantworten können?

-- Ich sehe schwarz in die Zukunft, Genossin Brandt, sehr schwarz! Ich

fürchte, wenn erst einmal unsere Alten tot sind, dann fällt die Partei

auseinander.«

»Und wäre das wirklich so fürchterlich?« wandte ich ein. Er fuhr auf.

Seine Augen blitzten mich an wie früher.

»Genossin Brandt!« rief er entrüstet. »Sollten die Leute recht haben,

die von Ihnen behaupten, daß Sie nicht mehr die unsere sind?!«

»So --,« sagte ich gedehnt, »das also erzählt man von mir?! Und Ihnen

erscheint es möglich, weil ich eine Spaltung der Partei nicht für den

schrecklichsten der Schrecken halte?! Es zeugt für ein sehr geringes

Vertrauen in die Notwendigkeit der Entwicklung zum Sozialismus, wenn wir

annehmen wollten, daß solch ein Ereignis einen mehr als vorübergehenden

Nachteil nach sich zöge. Unser Ziel bleibt doch unverändert dasselbe, in

wie viel Heerscharen wir ihm auch entgegenmarschieren!«

Reinhards Gesicht färbte sich dunkelrot. »Sie scheinen ja ein solches

Unglück fast zu wünschen!« sagte er mit verbissenem Grimm.

»Davon bin ich ebensoweit entfernt wie Sie,« antwortete ich. »Ich suche

nur, Sie und mich von der Angst davor zu befreien. Dabei frage ich mich,

ob es nicht viel korrumpierender für den einzelnen und lähmender für die

Aktion der Masse ist, wenn immer wieder um der äußeren Einheit willen

Resolutionen angenommen werden, die für sehr viele nur auf dem Papiere

stehen, und das Erfurter Programm krampfhaft aufrecht erhalten wird,

obwohl immer weitere Kreise von Genossen ganze Sätze daraus für

unrichtig halten. Die Radikalen, die in der Form des Ausschlusses aus

der Partei eigentlich nichts anderes wollen als eine Spaltung, gehen

dabei von einer ganz richtigen Empfindung aus: daß die innere Einheit

die Voraussetzung der äußeren sein muß. Nur daß sie wie Kurpfuscher an

den Symptomen herumkurieren.«

»Und Sie wüßten ein Mittel, die Krankheit zu heilen?« Dabei sah Reinhard

mich an, als erwartete er eine Offenbarung von mir.

Ich lachte. »Wenn ich ein Mittel wüßte, glauben Sie, ich hätte es nicht

schon längst auf allen Gassen ausgeschrien?! Nur einen Weg dahin glaube

ich zu wissen. Die Übel, unter denen wir leiden, lassen sich alle auf

eine Ursache zurückführen: die fehlende richtige Grundlage unserer

Bewegung. Was bisher als solche galt, hat sich zu einem Teil als falsch

oder nicht ausreichend erwiesen.«

Er machte ein enttäuschtes Gesicht: »Also ein neues Programm! Wenn es

weiter nichts ist!«

»Ich las gestern in einem Brief von Hegel einen Satz, der sich mir ins

Gedächtnis geprägt hat,« fuhr ich fort, »'die theoretische Arbeit bringt

mehr in der Welt zustande als die praktische; ist das Reich der

Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand'.

Gerade wir Revisionisten haben diese tiefe Wahrheit fast vergessen. Sie

auch, wie ich sehe. Und doch glaube ich, hätten wir ein Programm, das

alle inzwischen zweifelhaft gewordenen Theorien beiseite ließe, alle

praktischen Forderungen den Entscheidungen des Tages anheimgäbe und nur

den Ausgangspunkt feststellte, -- den Klassenkampf, -- und das Ziel, --

die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln; wir würden

weniger zerrüttende Kämpfe in unseren Reihen haben, und Millionen

Außenstehender würden nicht Mitläufer, sondern Parteigenossen werden.«

»Ich wundere mich, daß Sie bei Ihrem gründlichen Aufräumen den

Klassenkampf nicht auch zum Fenster hinauswerfen,« spottete Reinhard mit

einem Anflug von Ärger.

»Sie sind hellsehend, lieber Genosse,« entgegnete ich, »denn die Form,

in die er vor einem halben Jahrhundert gezwängt wurde, ist freilich

unbrauchbar geworden. Leute wie ich zum Beispiel haben keinen Platz in

ihr. Man redet uns ein, und wir glaubten es, daß wir aus reinem

selbstlosen Edelmut in die Partei eintraten; wir blieben infolgedessen,

als nicht recht dazu gehörig, unsichere Kantonisten in den Augen der

geborenen Klassenkämpfer. Ich bin inzwischen schon für mich allein von

dem Kothurn dieses Edelmuts herabgestiegen und habe gefunden, daß ich

mit demselben Recht wie der Arbeiter im Klassenkampf stehe. War ich

nicht, mittellos, auf meine Arbeit angewiesen? War ich nicht abhängig

von meiner Familie, also unfrei? Der hungernde Arbeiter sucht freilich

in erster Linie Brot; aber das könnte ihm auch eine vernünftige

bürgerliche Sozialreform sicherstellen. Er ist Sozialdemokrat, weil er

mehr will: Freiheit. Genau dasselbe, wonach ich verlangte, als es mich

in die Partei trieb; genau dasselbe, wonach Hunderttausende sich sehnen,

-- lauter Abhängige, -- lauter geborene Klassenkämpfer, die die Partei

mit ihrem engen: 'die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der

Arbeiter selbst sein', mit der 'Diktatur des Proletariats' als

notwendiges Befreiungsmittel zurückstößt, im besten Falle nur

duldet ...«

Wir waren vor der Tür meiner Wohnung angekommen.

»Selbst wenn Sie recht hätten, -- was ich nicht weiß --,« sagte

Reinhard; »die radikale Tradition ist viel zu stark innerhalb der

Arbeiterschaft, als daß solch eine Programmänderung möglich wäre. Mir

scheint auch, es würde immer noch etwas fehlen --«

Ich nickte. »Es fehlt noch immer etwas, -- ja --,« meinte ich

nachdenklich. Dann trennten wir uns.

* * * * *

Als mein Vortragskursus zu Ende war, bekam ich keine Aufforderungen

mehr. An meinen Zuhörern lag das nicht; ihr regelmäßiges Erscheinen, ihr

wachsendes Interesse zeugte dafür. Aber der Einfluß der Zionswächter des

Radikalismus war stärker als sie.

»Nun haben sie dich wieder an der Arbeit verhindert,« sagte mein Mann

ärgerlich.

»Es ist vielleicht für mich das beste,« meinte ich. »Zuviel

Zweifelfragen sind in mir wach geworden. Jahrelang hat das Fieber der

Tagesforderungen sie immer wieder unterdrückt. Jeder denkende Mensch

sollte eigentlich die Möglichkeit haben, sich hie und da von der Welt

zurückziehen zu können, um zu sich selbst zu kommen. Trappistenklöster

für Ungläubige, -- das wäre eine erlösende Einrichtung.«

»Möchtest du den Schleier nehmen?!« fragte er, -- etwas wie Besorgnis

sprach sich in seiner Frage aus.

»Für ein paar Monate, ja!« entgegnete ich. »Um als ein starkes und

frohes Weltkind zurückzukehren.«

Aber wenn ich ihn ansah, schämte ich mich, solche Wünsche zu haben. Er

war abgespannt und müde. Er bedurfte mehr als ich einer Zeit der Ruhe.

So wenig er von sich selber sprach, ich erfuhr doch, daß das Mißlingen

sich mit grausamer Hartnäckigkeit an seine Fersen heftete.

Die Sorgen, die er hatte von unserer Türe fernhalten wollen, krochen

durch die Fenster herein; aber wenn ich sah, wie er ruhig blieb, wie

neue Hindernisse nur immer neue Widerstände in ihm entwickelten, dann

überkam mich das Bedürfnis, mich an ihn zu schmiegen, ganz dicht,

geschlossenen Auges, voll tiefen Vertrauens ...

Im Herbst begann ich meine Vortragsreisen wieder. Ich mußte Geld

verdienen. Und was dies Publikum verlangte: ein wenig Anregung, ein

wenig Sensation, war ich fähig zu geben. Es wurde mir diesmal leichter

als sonst. Viele Menschen kreuzten meinen Weg, und was mir bei den

Proletariern begegnet war, das fand ich in anderer Form wieder: wer

nicht im Genußleben ertrank oder im Kampf ums Dasein zerrieben wurde,

den beherrschte ein Gefühl brennender Unzufriedenheit, ein unbestimmtes

Suchen.

Es war die Zeit, wo Fürst Bülow, in der Hoffnung auf diese Weise die

Steuerforderungen der Regierung durchzusetzen, die unnatürliche

Verbindung zwischen Liberalen und Konservativen herbeigeführt hatte. Wer

noch vom echten Liberalismus einen Blutstropfen in sich fühlte, mußte

sich dieser Paarung schämen.

Die besten Elemente des Bürgertums waren politisch obdachlos. Ihr

steuerloses Schiff näherte sich unwillkürlich wieder der Flut des

Sozialismus.

»Den Kulturwert der Arbeiterbewegung erkennt wohl jeder von uns an,«

sagte mir ein junger Gelehrter in einer kleinen Universitätsstadt. »Und

daß ihr ökonomisches Streben zugleich ein sittliches ist, wird kein

objektiv Denkender bestreiten. Sie ist im Kampf gegen die Reaktion auch

die Hoffnung derer, die nur zusehen müssen.«

Der Kreis der modernen Snobisten, die aus der Erkenntnis der

Notwendigkeit sauberer Wäsche und reiner Nägel eine Weltanschauung

konstruiert und Rombergs Ausspruch, daß Bildung und Politik unvereinbare

Begriffe wären, zu dem ihren gemacht hatten, schrumpfte sichtlich

zusammen.

Und auch auf anderen Gebieten geistiger Interessen wuchs die

Innerlichkeit, der Ernst. Aus einer Spielerei müßiger Stunden wurde die

Kunst zu einer Angelegenheit persönlichen Lebens, -- eine Kunst, die von

den Göttern und Madonnen zur Erde herabgestiegen war, die den

charakteristischen Stempel innerer Notwendigkeit allem aufprägte, -- vom

geringfügigen Gebrauchsgegenstand bis zum hamburger Bismarckdenkmal. Aus

einer Tradition, der man sich nur an jedem Feiertag erinnerte, wurde die

Religion zu einer die Gemüter erregenden Bewegung; daneben drängten

pädagogische und sexuelle Probleme sich mehr und mehr in den

Vordergrund, und neben den alten Werten der Schule, der Ehe, der

Familie, erschienen wie aus Flammen gebildet riesengroße Fragezeichen.

Als eine reaktionäre Masse wurde die Bourgeoisie nach altem Rezept von

der Partei bezeichnet. Die Wirklichkeit strafte sie Lügen. Was ich sah,

war wie ein Strom, dessen Wassermassen der alten Dämme zu spotten

schienen und sich nun wahllos, ziellos ausbreiteten. Es fehlte nur das

neue Bett, um ihre große Kraft zu vereinen und nutzbar zu machen.

Ich fühlte, wie ich froh wurde angesichts der neuen Erkenntnis, wie

meine Hoffnung ihre Flügel regte und Überzeugungen, die im Sturm der

Zweifel geschwankt hatten, nur noch tiefere Wurzeln schlugen.

Aber es war, als stünde unser Leben unter einem bösen Zauber: Sahen

junge Triebe der Freude mit einem hellen Frühlingslächeln aus dem

Erdboden hervor, so prasselten Hagelkörner vom Himmel und schlugen sie

grausam nieder.

Mitten in einer Vortragsreise versagte meine Stimme völlig. Was die

Ärzte schon lange vorausgesagt hatten, geschah: von einer Tätigkeit wie

der bisherigen konnte keine Rede sein.

* * * * *

Was nun? Ich saß vor meinem Schreibtisch, -- einem ganz alten aus hellem

Birnbaumholz mit schwarzen Säulchen, der früher irgendwo in einem Winkel

gestanden hatte, -- und lehnte mich müde in den tiefen Stuhl zurück.

Großmutters Stuhl! Mir war, als sähe ich sie vor mir: das schmale,

dunkle Gesicht mit den großen Augen, und einem Lächeln um die feinen

Lippen, das über alles Erdenleid zu triumphieren schien. Viel, viel zu

früh hatte ich sie verloren! Plötzlich fielen mir die Papiere ein, die

ich von ihr besaß: Briefe, Tagebuchnotizen, Stammbücher. Sie hatte sie

mir hinterlassen, mir allein. Als ob sie mir sich selbst habe schenken

wollen. Ich suchte sie hervor und las und las. Aus den vergilbten

Blättern duftete der Frühling berauschend, und die Sonne schien bis tief

hinein in das winterstarre Herz, und aus schweren dunkeln Wolken strömte

warmer Regen, segenspendender. Und eine weiche Hand streichelte mich,

als wäre auch ich krank, sehr krank.

Ihr Leben war voll stiller Kämpfe gewesen, und aus einem jeden war sie

stärker hervorgegangen. Es hatte ihr den Geliebten ihrer Jugend, hatte

ihr Freunde und Kinder geraubt, und ihr Herz war bei jedem Verlust nur

reicher geworden an Kraft und Liebe. Dann war sie einsam

zurückgeblieben, zwischen lauter Fremden, und war doch nicht bitter

geworden, und verstand auch den Fernsten und den Ärmsten. Nur eins

überwand sie nie: das unverschuldete Elend in der Welt --.

Ich ging jeder Regung ihrer Seele, jeder Spur ihres Daseins nach. Dabei

entdeckte ich ein Gewebe feiner Fäden, das sich von ihr bis zu mir

herüberspann, eine ununterbrochene Folge von Ursache und Wirkung, eine

eherne Gesetzmäßigkeit.

Nun schrieb ich das Buch von ihr, weil ich es schreiben mußte. Von früh

bis spät arbeitete ich. Es war dabei sehr still um mich und in mir. Nur

wenn ein Brief von meinem Kinde kam, -- einer jener kurzen, frohen,

lebensprühenden Zeichen seiner Jugendkraft, -- nahmen meine Gedanken

eine andere Richtung an. Aber sie trieben mir nicht mehr die Tränen in

die Augen: denn mein Sohn lebte, mein Sohn blieb mir nah, auch wenn er

fern war. Meiner Großmutter Kinder waren ihr fern gewesen, wenn sie sie

mit Händen hatte greifen, mit Augen hatte sehen können. Und auch daran

war sie nicht zugrunde gegangen. Sie hatte standgehalten.

Ich schrieb wie im Fieber. Die Arbeit war wie eine Wünschelrute. Sie

schloß in meinem Innern lauter verschüttete Quellen auf.

Von dem glühenden Abendhimmel der klassischen Periode Weimars war der

Großmutter Jugend umstrahlt gewesen; die geistigen Heroen des

neunzehnten Jahrhunderts hatten auf ihren Lebensweg breite Schatten

geworfen. Je deutlicher mir der geistige Werdegang der Vergangenheit

entgegentrat, zu desto klareren Bildern schoben sich die scheinbar wirr

durcheinanderlaufenden Zeichen der Gegenwart zusammen. Unter dem Gesetz

dieses großen Entwicklungsprozesses stand auch ihr Leben; das gab ihm

seine Bedeutung, so eng, so still es an sich auch gewesen war.

Mein Buch erschien. Und plötzlich schien die Großmutter nicht nur für

mich lebendig geworden. Sie stand da, mitten in der Welt und redete mit

den Menschen. Selbst aus den verstimmten Instrumenten der Seelen lockte

sie wie einst Melodien hervor. Viele kamen und dankten mir, als ob ich

sie geschaffen hätte!

Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften; es war in

dem Buch auch von Fürsten und Aristokraten die Rede, die keine Schufte

waren. Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller

klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein? Oder stand

ich den alten Genossen so fern? Erst allmählich fing ich an, mich selbst

zu verstehen.

»Geht es dir so nahe, daß du nicht darüber zu sprechen vermagst?« fragte

mich mein Mann.

»Es ärgert mich nicht einmal,« antwortete ich.

Sein Gesicht leuchtete auf: »So stehst du endlich über den Dingen und

wertest die Menschen, wie sie es verdienen.«

»Du verstehst mich nicht ganz,« wandte ich ein. »Nicht nur weil ich

weiß, daß sie mir in Wahrheit nichts anhaben können, gräme ich mich

nicht mehr über Urteile wie diese, sondern weil ich sie verstehe --«

Er sah mich ungläubig lächelnd an.

»Ja, ich verstehe sie,« wiederholte ich. »Uns trennt ein

unüberbrückbarer Abgrund: der der inneren Kultur. Wie die Genossinnen

sich ständig über mein Äußeres ärgerten, -- weil ich eben anders war als

sie, -- so muß der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen Anstoß

nehmen.«

»Hm --,« machte mein Mann, »das klingt --«

»Sehr hochmütig,« vollendete ich. »Ganz gewiß! Und doch ist es weit von

jedem Hochmut entfernt. Was ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht

nur meinen Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren

gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr sklavisches

Arbeitsleben erst möglich machten.«

»Folgerst du nun aus deiner Behauptung, daß Menschen wie du sich von der

Partei fern halten müßten? Daß also der Satz: 'Die Befreiung der

Arbeiterklasse kann nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein' im

Sinne der radikalen Genossen, die heute jeden Überläufer zurückweisen

möchten, aufgefaßt werden darf?« fragte Heinrich interessiert.

»Damit würde ich mich selbst negieren,« rief ich lebhaft. »Ich folgere

zunächst etwas rein Persönliches: daß ich den Genossen unrecht tat, wenn

ich ihnen ihre Feindseligkeit zum Vorwurf machte; daß es himmelblauer,

allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war, wenn ich von ihnen

Anerkennung, Verständnis, Anteilnahme erwartete. Sind sie uns denn in

ihrer Masse persönlich anziehend? Stören uns nicht schon eine Menge

bloßer Äußerlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?«

»Du vergißt, wie mir scheint,« warf Heinrich ein, »daß eine Reihe

Akademiker ganz im Proletariat aufging --«

»Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch gebärden mögen, um

den Anschein zu erwecken, es wäre so,« entgegnete ich. »Wenn ihre Kultur

nicht nur Tünche ist, so rächt sich ihre Heuchelei in stillen Stunden

bitter an ihnen. Weißt du --,« fügte ich langsam hinzu, »sobald ich mir

Wanda Orbins früh gealterte, durchfurchte Züge vergegenwärtige, bin ich

gewiß, daß sie empfindlich darunter leidet --«

Heinrich runzelte die Stirn: »Du gehst denn doch ein wenig weit in

deinem Mitgefühl. Willst du vielleicht auch ihr Verhalten gegen dich

beschönigen?«

»Beschönigen -- nein; erklären -- ja! Sie muß herrschen, um die

Preisgabe der inneren Freiheit ertragen zu können. Infolgedessen

beseitigt sie jeden, der ihr im Wege steht, -- ganz abgesehen davon, daß

ich ihrem fanatischen Radikalismus als Schädling erscheinen mußte!«

»Das Endresultat deiner Erwägungen,« sagte mein Mann mit einem leisen

Spott im Ton der Stimme, »ist demnach ein erhaben christliches: Liebet

eure Feinde, segnet, die euch fluchen --«

Ich hob abwehrend beide Hände. »Nein, nein, nein!« rief ich aus und

stand auf, um mit raschen Schritten im Takt meines Herzschlages auf und

ab zu gehen. »Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn je. Die tief

eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist es ja, die uns zu so

falscher Stellungnahme getrieben hat. Da ist zunächst die christliche

Idee der Selbstaufopferung. Keiner von uns Überläufern, mich selbst

eingeschlossen, hat sich nicht zuweilen mit einer Art pfäffischer

Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht, hat sich nicht

innerlich vorgerechnet, was er alles um der Sache willen aufgab, hat

sich nicht das Leben in dem Gefühl verbittert, daß die Genossen dieses

Opfer nicht zu würdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind außerstande

war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, -- nicht nur, weil

er als Gottessohn die Gewißheit ewigen Lebens besaß, sondern weil es mir

nicht so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens für die

Erlösung der ganzen Menschheit zu sterben, -- so weiß ich jetzt, daß

unser Opfer gar kein Opfer ist, sondern im Gegenteil Selbstbehauptung.

Es wäre ein Opfer gewesen, -- und eine Sünde wider den Geist wie jedes

'Opfer', -- wenn ich mich nicht zum Sozialismus bekannt hätte. Seiner

Überzeugung nicht folgen, die Stimmen seines Innern nicht hören wollen,

-- das allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme

Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher Sünden schuldig gemacht: als

ich mich einmal Wanda Orbin unterwarf, als ich Forderungen meines

Geistes und Herzens zum Schweigen brachte.«

»Auch des Herzens?« unterbrach mich mein Mann.

»Weißt du nicht mehr, -- damals, -- als meine Sehnsucht nach dir rief --

und ich sie unterdrückte!«

Er nickte mit gesenktem Kopf. »Ich habe mir schweren Schaden getan,«

bekannte ich, als spräche ich jetzt nur mit mir selber, »die Liebe ist

eine Quelle der Kraft. Daß so viele Frauen so klein sind und so

armselig, liegt wohl nur daran, daß sie sich selbst verurteilen, daneben

zu stehn, während die anderen die freien Glieder in ihrem brausenden

Strome baden.«

Heinrich sah auf. Sein Blick forschte in meinen Zügen. »Hast du -- noch

andere Opfer gebracht? Herzensopfer -- meine ich,« fragte er langsam.

Ich preßte die Handflächen krampfhaft aneinander.

»Mein Kind --,« kam es mühsam über meine Lippen.

Wir schwiegen beide. Ich mußte mir ein paarmal mit der Hand über die

Stirne streichen; mit schweren, grauen Schwingen strichen die Vögel

meiner Schmerzen mir um das Haupt.

»Ich habe dich aus deinem Gedankengang gerissen, -- verzeih!« knüpfte

Heinrich das Gespräch nach einer langen Pause wieder an. »Von der

christlichen Idee der Selbstaufopferung gingst du aus --«

»Mit ihr haben wir nur immer uns selbst irre geführt,« fuhr ich fort,

»aber mit den anderen führen wir die Massen irre: mit der Gleichheit

aller im Sinne gleichen Wertes und gleicher Entwicklungsfähigkeit, mit

der Brüderlichkeit im Sinne gegenseitigen Verständnisses. Als ob die

Natur, die jeden Grashalm vom anderen unterschied, den Menschen nicht

eine noch reichere Mannigfaltigkeit ermöglichen sollte; -- als ob wahre

Brüderlichkeit nicht immer seltener, dafür aber immer tiefer würde, je

mehr wir uns entwickeln! Natürliche Schranken respektieren, statt sie

niederzureißen, -- Distanzen anerkennen, statt sie mit Phrasen zu

überbrücken, -- kurz, im Sinne der Entwicklung handeln, die stets vom

Einförmigen zum Vielfachen schreitet, -- das wäre unsere Aufgabe! Statt

dessen ziehen wir unter der Maske der Brüderlichkeit den Dünkel groß,

rotten die Ehrfurcht vor den Heroen des Geistes aus, so daß schließlich

jeder Hans Narr einen Goethe Bruder nennt. Von dem Dreigestirn der

Forderungen, das die Revolution vom Christentum übernahm und der

Sozialismus von beiden, wird nur eins übrig bleiben: die Freiheit!«

Es wurde wieder sekundenlang still zwischen uns. »Vielleicht begegnen

wir einander allmählich in unseren Gedankengängen und könnten dann

wenigstens noch zu jener seltenen Brüderlichkeit gelangen --,« sagte

Heinrich schließlich.

Mit einer raschen Bewegung näherte ich mich ihm und legte den Arm um

seinen Hals. Der Klang seiner Stimme tat mir zu weh. Er löste sich sanft

aus der Umschlingung. »Nicht so, Alix --,« sagte er leise; »weißt du

noch, wie du einmal zu mir sagtest: der Stunde sollten wir warten, der

wir gehorchen müssen?! -- Ich fürchte, sie ist noch fern --!« Und in

ruhigem Gesprächston fuhr er fort: »Du wirst dich darüber in keiner

Täuschung befinden: Alles, was du sagtest, ist für die heutige

Sozialdemokratie Ketzerei.« Ich nickte.

»Noch kennt sie niemand als du. Aber sollten die losen Gedanken sich zur

Kette zusammenschieben, so werde ich den Schatz nicht in meine Truhe

legen.«

»Auch wenn sie dich bezichtigen, falsches Gold zu fabrizieren?!«

Ich warf den Kopf zurück. Ein heißes Gefühl der Kampflust strömte mir

durch die Adern und bewies mir, daß ich lebte. »Auch dann!«

* * * * *

Das Erbe meiner Großmutter befreite mich von einem gut Teil äußerer

Sorgen. Und jetzt erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht mehr

hinter mir stand, fühlte ich alle Striemen, mit denen ihre

Peitschenschläge meinen Körper gezeichnet hatten. Ich sah die Blässe

meiner Wangen, die Falten um meinen Mund, die müden Augen. Und doch

wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor mir, und ich

wollte nicht häßlich sein, denn eine tiefe, tiefe Sehnsucht trieb mir

heißes Blut durch die Adern.

Ich ging in ein Sanatorium in die Nähe von Dresden, um gesund zu werden.

Unter dem Menschenschwarm aus der alten und neuen Welt, der sich dort

ein Stelldichein zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten:

Hessenstein. Meinen alten Tänzer, einen der glänzendsten Kavaliere der

Westfälischen Gesellschaft, hätte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem

gebeugten Rücken kaum wiedererkannt.

»Merkwürdig,« sagte er nach der ersten Begrüßung, »Sie sind immer noch

Alix von Kleve! -- Eben las ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, daß Sie

auch innerlich noch Alix von Kleve sind, oder -- besser gesagt -- daß

Sie heimkehrten.«

»Wie meinen Sie das?« fragte ich lächelnd. »Ich brauchte nicht

heimzukehren, denn ich war immer bei mir!«

»Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen, Luxemburg, und wie die

Zierden der Partei alle heißen mögen, gehörten?!«

»Ich war und bin Sozialdemokratin, -- damit gehöre ich meiner

Überzeugung, nicht den Menschen,« antwortete ich merklich kühler

werdend.

»Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und konnten dies

schreiben --,« er zog das Buch von der Großmutter aus der Tasche,

»-- das Werk eines vollendeten Aristokraten --«

»Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr von Hessenstein,«

unterbrach ich ihn.

»Wer von uns hätte nicht törichten Träumen nachgehangen?!« meinte er.

Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem teilnehmenden

Menschen von meinem Leben zu erzählen.

An einem kühlen Herbsttag, -- dem letzten vor meiner Abreise, wanderten

wir auf die Heide hinaus. »Ich liebe sie,« sagte Hessenstein, »sie geht

mit so stiller Würde dem Winter entgegen, ohne sich durch überflüssige

Stürme über die Hoffnungslosigkeit der Situation aufzuregen.«

»Nun weiß ich endlich, warum ich sie nicht liebe,« antwortete ich;

»diese Ergebung in das Schicksal wird mir immer fremd sein. Ich würde

mich an den Sommer klammern, wenn es Winter werden wollte.«

Er sah mich kopfschüttelnd an: »Nach all Ihren Erfahrungen diese

Lebenskraft?! Nachdem all Ihre Opfer nutzlos waren?!«

Ich schwieg betroffen still. Die Frage, ob ich genutzt hatte oder nicht,

hatte ich mir selbst nie gestellt. Ich überlegte: all die Reformen, für

die ich in hartem Kampf gegen die Genossen eingetreten war, kamen mir

jetzt, aus der Vogelperspektive, nicht mehr so welterschütternd vor.

Aber immerhin; sie hatten sich durchgesetzt. Die Dienstbotenbewegung

war im Gang, die Mutterschaftsversicherung war zur Forderung der Partei

geworden; die Haushaltungsgenossenschaft stand wenigstens

auf dem Diskussionsprogramm; selbst jene Zentralstelle der

Arbeiterinnenbewegung, deren Forderung mir fast den Hals gekostet hatte,

war vor ein paar Jahren geschaffen worden und funktionierte

vortrefflich. Und wie viele mochte ich dem Sozialismus gewonnen haben?

Ich sah wieder glänzende Augen auf mich gerichtet, fühlte den Druck

schwieliger Hände, hörte den Siegesjubel mich umbrausen --.

»Nein,« sagte ich hell und laut, »meine Arbeit ist nicht nutzlos

gewesen! Es gibt kein Wort, das nicht die Luft in Schwingung versetzt,

keinen Gedanken, der sich nicht weiterpflanzt! -- Und daß ich in der

Partei aushalte?! Meinen Sie denn, es würde an meiner Überzeugung irgend

etwas geändert werden, wenn ich ihr nicht offiziell angehörte, oder wenn

sie, -- was ich nicht für unmöglich halte, -- mich noch einmal gehen

heißt? Gewiß, ich zweifle an der Richtigkeit mancher ihrer

Programmforderungen, ich halte ihre Taktik sehr oft für falsch, ich

sehe, daß sie von hundert Schönheitsfehlern behaftet ist, -- aber all

das vermag die Hauptsache nicht zu erschüttern. Der Sozialismus ist das

einzige Mittel, um die Menschheit aus dem Zustand der Barbarei auf die

erste Stufe der Kultur zu erheben --«

Er legte beschwichtigend seine schmale, blaugeäderte Hand auf die meine.

»Sie sind in keiner Volksversammlung,« sagte er; »sie brauchen nicht so

starke Farben aufzutragen --«

»Ich trage sie nicht auf. Ich spreche in ruhigster Überlegung,« fuhr ich

fort. »Oder ist es etwa keine Barbarei, daß die überwiegende Masse der

Menschheit, daß Millionen, viele Millionen, von Kindheit an bis zum

Greisenalter zu härtestem Frondienst verurteilt sind, daß sie von dem

einzigen Sinn des Lebens, der Entfaltung der Persönlichkeit zur höchsten

Potenz ihrer Leistungs- und Genußkraft, durch den Zufall der Geburt und

des Besitzes ausgeschlossen sind?! Die Befreiung des Menschen von den

blinden Gesetzen des Schicksals, die vollkommene Unterjochung der

Materie unter den Geist, -- das ist uns das Ziel; einer fernen Zukunft

aber wird es zweifellos erst als der Anfang der Menschheitsentwicklung

erscheinen.«

Mein Begleiter blieb stumm. Erst als wir droben von der Heide in den

herbstbunten Wald schritten, sprach er wieder. »Ich bewundere Ihren

Glauben. Sollte wirklich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel

solchem Ziel entgegenführen?! Dann wäre es allerdings sträflich, sich

ihrer Durchsetzung entgegenzustemmen!«

»Ich sehe zunächst kein anderes,« antwortete ich. »Freilich: ein

aktuelles Problem ist sie nicht. Aber so etwas wie eine regulative Idee.

Im übrigen: ich schwöre ja nicht darauf. Ich kann mir vorstellen, daß

sie einmal durch andere Forderungen ergänzt werden müßte. Aber das Ziel

ist für mich unverrückbar.«

Wir näherten uns wieder dem Sanatorium. »Sie gehen nach Java zurück?«

fragte ich, ehe wir uns trennten. »Nein,« entgegnete er. »Dreizehn Jahre

habe ich da unten gelebt, -- eine böse Zahl! -- Ich bin dabei ein

reicher Mann geworden. Aber kein glücklicher. Jetzt will ich --,« er

schürzte in bitterer Selbstverhöhnung die Lippen, »-- mein Leben als

Europäer genießen. Sie sehen: Ihre ersehnte Beherrschung der Materie ist

keine zuverlässige Grundlage des Glücks.«

»Glücklichsein -- im Sinne der Befriedigung unserer Triebe ist doch auch

nur ein Herdenideal. Wessen Leben es ausfüllt, der ist entweder ein

Schwächling oder ein Greis --«

Er drückte mir die Hand. »Sie sind eine merkwürdige Frau. Vielleicht

komme ich nach Berlin und lerne auf meine alten Tage noch leben. Nur

eins geben Sie mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt, daß

Sie das Glück ganz auszuschalten vermögen, und -- wenn nicht -- was

verstehen Sie darunter?«

Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage wie diesem mit dem

Geliebten im Wald, -- die Sehnsucht packte mich, so heiß, so stark, daß

ich erschauerte. Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir

stand, hätte ich nicht sagen können, was mich bewegte. »Kampf, --

Kraftentfaltung, -- Widerstände beseitigen, -- sie aufsuchen, wenn sie

sich nicht von selbst ergeben, -- darin kulminiert das Lebensgefühl der

Starken,« sagte ich.

Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden, mit gebeugtem

Rücken, sehr müde.

* * * * *

Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger als sonst. Ich dachte

an Heinrich. Seine Lebensauffassung war's, der ich Worte geliehen, an

der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die nun wie

ein Fluidum in meine Seele geströmt war. Ein Gefühl tiefer

Zusammengehörigkeit überkam mich, das ich noch nie empfunden hatte, --

am wenigsten dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt,

unzertrennlich waren. Vielleicht, daß Freunde so miteinander leben und

arbeiten können; -- Liebende nicht, sicher nicht! Aber sind es nicht die

besten Ehen, die zur Freundschaft werden? Oder ist das nicht auch eine

jener alle Natürlichkeit knechtenden Anschauungen, die wir armen

Menschen uns von der Moral des Christentums einpauken ließen, einer

Moral, für die die Sinne und die Sünde identisch waren, der ihre

Überwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe ist der Bund zweier

Liebenden; wo sie zur bloßen Freundschaft wurde, sind die Sinne tot oder

äugen sehnsüchtig nach anderer Befriedigung.

Die Ehe von einst beruhte auf der Autorität des Mannes gegenüber der

Frau, der Autorität der Eltern gegenüber den Kindern, -- ein Staat im

kleinen mit Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualitäten

einander gegenüber. Das Leben von einst läßt sich ihnen wohl noch

aufzwingen, aber sie zerbrechen daran. Zur Herdflamme wird die Liebe

nicht mehr. Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen des

Lebens!

Für die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit. Sie wächst mit dem

Pathos der Distanz.

Wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Male liebt, wagte ich kaum mir

selbst zu gestehen, was ich fühlte. Als mein Mann mich am Bahnhofe

empfing und mir die Hand küßte, errötete ich. Und abends ertappte ich

mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Züge musterte und die

Haare anders zu stecken versuchte. -- Er war jetzt immer so förmlich,

so ritterlich zu mir! Ob ich am Ende zu alt war: -- Zweiundvierzig

Jahre! In Paris hatte ich Frauen gesehen, die älter waren als ich und

doch noch schön. Freilich: das Leben hatte mich gezeichnet! -- Ganz

heimlich -- ich hätte mich sonst vor ihm zu sehr geschämt! -- fing ich

an, mich mehr zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die Form

meiner Hüte sorgfältiger auszuwählen. Ich verschwendete fast. Ganz, ganz

in der Ferne sah ich einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch lag er

im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren Erde. Aber meine

Sehnsucht trog mich nicht: er mußte kommen.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 28 / 30 题