Siebzehntes Kapitel

Vor einem halben Menschenalter war's. Ich stand allein auf Bergesspitze

im Gewittersturm. Dicht über mir hingen die Wolken, aus denen das Wasser

brausend in die Tiefe schoß, unter mir ballten sie sich zusammen und

verdeckten jeden Ausblick auf stille Dörfer und freundliche Heimstätten.

Der Donner rollte; die Berge antworteten ihm, -- ein Gelächter der

Riesen über das kleine Menschengeschlecht. Jeder Blitz öffnete die

Wolkenwand; das Himmelsgewölbe dahinter stand in Flammen.

Ich aber konnte nicht vor, -- nicht zurück. Ich mußte mich dem Wetter

preisgeben, -- und ich fürchtete mich -- --

* * * * *

Wir lagen nächtelang wach. Jeder tat, als schliefe er, aus Schonung für

den anderen. Unsere Arbeit lähmte Hoffnungslosigkeit. Wir lächelten, als

wären wir froh, um dem anderen nicht wehe zu tun.

»Ilse meldet sich an --,« sagte Heinrich, als er eines Morgens die Post

durchsah.

»Jetzt?!« rief ich erschrocken. Sie kam schon am nächsten Tage, hatte

einen seltsam verängstigten Zug im Gesicht und ein erzwungen

leichtsinniges Lächeln um die Lippen.

»Ich muß einmal wieder Großstadtluft atmen,« meinte sie; »die Stille bei

uns ist oft schaurig.«

Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war der Telegraphenbote

unser häufigster Gast. Zuerst glaubte ich, ihres Mannes besorgte,

sehnsüchtige Liebe käme in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum

hatte sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm gekommen war?

Da, eines Morgens, stürmte einer in unser Zimmer, die Haare zerzaust,

die Augen rot unterlaufen, -- der Gatte meiner Schwester. Vor seinen

Verfolgern sollten wir ihn schützen, schrie er verzweifelt und barg den

dunkeln Kopf in Ilsens Schoß, die mit erloschenem Blick auf ihn

niedersah, die kleinen schwachen Hände auf seinem Haar. Noch am selben

Tage kam er ins Irrenhaus. Er war tobsüchtig. Dann brach auch Ilse

zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht über ihr Schicksal,

sie war nur wie erstarrt. Auch als sich herausstellte, daß ein großer

Teil ihres Vermögens am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war,

zuckte sie nur die Achseln.

Um so furchtbarer traf es uns. Bisher wäre der Verlust des Geldes, mit

dem sie sich an der Neuen Gesellschaft beteiligt hatte, keine ernste

Frage für sie gewesen. Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen

geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft zurück, eine des

Fiebers.

»Wir müssen aushalten, Heinz, wir müssen!« sagte ich, und wenn eine

seiner vielen Bemühungen, Hilfe zu schaffen, wieder vergeblich gewesen

war, so trieb ich ihn zu immer neuen Versuchen an. Und hie und da

glückten sie. Für ein paar Monate konnten wir weiter schaffen, konnten

leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung schöpften, erschien sicherlich

irgendein Hetzartikel in der Parteipresse gegen uns, oder in den

Wahlvereinen wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei

beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Geschäftssozialismus wurde laut.

Wir spürten das alles an der Abnahme der Abonnenten.

Wie kann ich Geld schaffen, -- wie?! Die Frage beherrschte meine

Gedanken immer mehr. Ein »freier« Schriftsteller war ich, -- einer von

den Tausenden, die ausziehen, ihre Feder zu führen wie ein Schwert. Aber

die Not heftet sich an ihre Füße, zuerst ein Zwerg, und dann ein Riese,

der sie in seine Dienste zwingt.

»Lieber sterben!« stöhnte ich.

Doch dann sah ich mein Kind, -- wie es blaß war, welch forschende Augen

es auf mich richtete! Ich riß es in meine Arme:

»Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken für dich,« dachte ich

verzweifelt.

Ich beschloß, Vorträge zu halten gegen Entree. Das war nichts

Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universität bekommt ein Honorar für

die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er den Hörern vermittelt.

Trotzdem widerstrebte es mir. Ein Gefühl grenzenloser Scham trieb mir

den Angstschweiß jedesmal auf die Stirn, wenn ich die Rednertribüne

betrat. Ich hatte immer einen vollen Saal. Ich »zog«, -- ich war eine

Sensation. Wie ein gezähmter Löwe im Zirkus. Gegen ein paar Mark

Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft, ohne sich etwas zu

vergeben, die berüchtigte Sozialdemokratin ansehen, -- mit dem Opernglas

sogar. Meine Zuhörer trugen rauschende Kleider und viele Brillanten an

den weißen Händen, mit denen sie Beifall klatschten, um zu erzwingen,

daß ich mich vor ihnen verbeugte.

»Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden Saal zu reden

und sich von diesem Publikum bezahlen zu lassen --,« sagte eine

Besucherin, als ich gerade an ihr vorüber ins Freie trat. Ich preßte die

Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren --.

Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die nicht mehr die meine

war. Im letzten Wahlkampf hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und

rauh geworden. Und ich hatte sie geliebt, weil sie meine Worte so leicht

und willig bis in jeden Winkel trug. Doch: -- was bedeutete das jetzt?!

Es war mehr verloren gegangen als der helle Ton meiner Stimme.

Ich fing an zu reisen; von einer Stadt in die andere. Zuweilen auf die

Einladung irgendeines literarischen Vereines hin. In Hannover sagte mir

der Vorsitzende:

»Nicht wahr, Sie richten sich darauf ein, daß Offiziere unter unseren

Mitgliedern sind.«

In Köln hieß es: »Wir rechnen darauf, daß Sie auf unsere jungen Mädchen

Rücksicht nehmen.«

Hätte ich ihnen doch den Rücken kehren können!

Wenn ich nach Hause kam, umklammerte mich mein Sohn mit überströmender

Zärtlichkeit. Wie ich ihm fehlte! Niemand hatte Zeit für ihn! Und doch

bedurfte er immer mehr der Freundschaft der Eltern! Über hundert

Rätselfragen des Daseins begann er in seinen vielen einsamen Stunden

nachzugrübeln. Und seine Phantasie, deren üppige Ranken ohne Stütze

blieben, ohne die Hand des Gärtners, der sie zur rechten Zeit zu

beschneiden versteht, überwucherten sein Gefühl. Er fürchtete sich oft

vor seinen eigenen Träumen, so daß ich ihn des Nachts zu mir betten

mußte.

»Du verzärtelst den Jungen --,« sagte Heinrich dann ärgerlich. Und für

übertriebene Sentimentalität hielt er es, wenn ich von der Atmosphäre

des Unglücks sprach, die sichtlich auf des Kindes Seele lastete. So

lernte ich schweigen, auch über das, was mir am tiefsten das Herz

bewegte. Und in sehr dunkeln Stunden bemächtigte sich meiner ein

fremdes, böses Gefühl. Dann häufte ich auf meinen Mann alle Schuld.

In solch einer Stimmung traf mich Romberg. Er war voll aufrichtiger

Teilnahme.

»Lange halte ich es nicht mehr aus,« sagte ich, den Kopf in den Händen

vergraben. Er sollte nicht sehen, daß meine Kraft nicht einmal mehr

ausreichte, um die Tränen zurückzuhalten.

»Ich wüßte eine Hilfe,« begann er dann langsam, »eine, durch die Sie

frei würden und sorgenlos.«

Ich hob den Kopf; alles Blut strömte mir zum Herzen. Eine Hilfe! Er

zögerte. Dann sah er mich an mit einem festen warmen Blick, der die

Freundschaft langer Jahre in sich schloß und sagte, jedes Wort betonend:

»Trennen Sie sich von Ihrem Mann.«

Als Minuten vergingen, ohne daß ich antwortete, erhob er sich.

»Zürnen Sie mir?« fragte er.

»Nein,« antwortete ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Dann überliefs

mich kalt. Auch jetzt lag die seine schlaff und kraftlos zwischen meinen

Fingern.

Ich überlegte seinen Rat und erschrak nicht einmal vor der kühlen Ruhe,

mit der ich es zu tun vermochte. Er hatte recht: allein mit meinem Sohn,

der Last der Zeitschrift ledig, die das meiste verschlang, was ich

verdiente, würde ich, wenn auch noch so bescheiden, von meiner Arbeit

leben können. Und ich wäre frei, -- frei! Unwillkürlich streckte ich die

Arme weit aus, als gelte es, die Welt zu umfassen. Aber dann sah ich

ihn: meinen Mann, meinen Kampfgefährten, meinen Leidensgenossen, -- den

Vater meines Kindes! Ich fing an, ihn zu beobachten. Wie er leiden

mußte. Und wie er mich liebte!

Er brachte mir täglich ein paar Blumen mit, und wenn es nur wenige

Veilchen waren. Das schlimmste suchte er mir aus dem Wege zu räumen, so

lange es ging. Er hatte eine ritterliche, zurückhaltende Zärtlichkeit

für mich. Und mein Junge hing an dem Vater.

»Ich kann nicht, lieber Freund,« sagte ich mit einem wehen Lächeln, als

Romberg wiederkam. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Ich legte

ihm die Hand auf den Arm.

»Sie müssen versuchen, mich zu verstehen, Sie vor allem!« bat ich.

»Haben Sie mich nicht selbst verspottet, als ich einmal die freie Liebe

predigte, weil ich überzeugt war, das Eheproblem dadurch lösen zu

können? Heute weiß ich, daß der Zettel auf dem Standesamt nicht die

stärkste Fessel ist, die sie unfrei macht. Ich habe Frauen gesehen, die

sich voll Idealismus dem Mann ihrer Wahl vermählten, ohne ihren Bund

nach außen sanktionieren zu lassen. Nach kurzer Zeit sind sie

bedauernswertere Sklavinnen geworden als die staatlich abgestempelten

Ehefrauen. Ihre und ihres Kindes Existenz war von ihrem Manne abhängig,

und jeden Tag konnte er sie verlassen. Darum klammerten sie sich an ihn,

unterwarfen sich ihm, ertrugen seine Brutalität, seine Launen, seine

Treulosigkeiten. Ich erkannte, daß die wirtschaftliche Selbständigkeit

der Frau die Voraussetzung des freien Liebesbundes sein muß..«

»Nun -- und sind Sie etwa wirtschaftlich abhängig?! Sie, mit Ihrer

Begabung, Ihrer Arbeitskraft?« unterbrach er mich heftig.

»Nein, gewiß nicht,« entgegnete ich; »diese Fessel trag' ich nicht mehr,

und keine Frau brauchte ihre Menschenwürde von ihr erdrosseln zu lassen,

wenn sie arbeiten gelernt hat. Aber es gibt andere Fesseln, -- zart und

weich wie Seide, -- die unzerreißbar sind. Mein Sohn liebt seinen Vater.

Wie kann ich sein Kinderherz verwunden, solch einen Zwiespalt in seine

Seele tragen?«

»Ein Kind überwindet rasch,« antwortete Romberg mit einer wegwerfenden

Handbewegung.

Ich verstummte. Er, der mir so nahe gewesen war, rückte plötzlich weit,

weit von mir ab. Ihm von Heinrichs Liebe, von seinem Unglück und den

anderen für mich unzerreißbaren Fesseln zu reden, wäre mir wie eine

Preisgabe vorgekommen.

Und doch: irgend etwas mußte geschehen.

»Bald, -- bald reise ich nicht mehr fort ohne dich,« hatte ich immer

wieder beim Abschiednehmen mein Kind getröstet.

»Wann bleibst du wieder bei mir, Mamachen?« fragte es, und jedesmal

wurde der Ausdruck seines Gesichtchens quälender.

* * * * *

Meine nächste Vortragsreise führte mich nach Leipzig. Dort wohnte einer

jener stillen Genossen, der für den Revisionismus eine offene Hand zu

haben pflegte. Als mein Mann sich im Interesse der Neuen Gesellschaft

einmal schriftlich an ihn gewandt hatte, war seine Antwort ein

unfreundliches glattes Nein gewesen. Trotzdem hoffte ich noch auf die

Wirkung einer persönlichen Unterredung. Es galt einen letzten

verzweifelten Versuch.

Ich werde die Reise nie vergessen, nie den Augenblick, wo ich, zitternd

vor Scham und Angst, in des reichen Mannes Zimmer trat. Er mochte ahnen,

daß ich als Bittende kam. Es dauerte Sekunden, ehe er mich zum Sitzen

nötigte. Vielleicht würde er es gar nicht getan haben, wenn er nicht

gesehen hätte, daß mir die Kniee bebten. Ich hatte einen Mantel an.

Während der Zeit, die ich bei ihm war, nahm er ihn mir nicht ab. Er ließ

mich reden, ohne eine Miene zu verziehen. Und dann sprach er -- langsam,

jedes Wort betonend, sodaß es mir weh tat, wie lauter Schläge: »Ihr

Mann ist ein guter Redakteur; das hat er am Archiv bewiesen. Aber er ist

ein schlechter Geschäftsmann, sonst hätte er das prosperierende Archiv,

das ihm eine sichere und angesehene Stellung bot, nicht hingegeben, um

ein aussichtsloses Unternehmen zu beginnen. Ich mag nicht Wasser in ein

hohles Faß schöpfen.«

»Und doch erkannten Sie, wie ich hörte, selber an, daß die neue Aufgabe,

die er sich stellte, wichtig, ja notwendig war,« wandte ich ein.

»Ja. Für einen Mann, der ausreichende Mittel hat, um die Sache

durchzuführen.« Damit erhob er sich.

Ich war entlassen. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Nun war der Moment,

der einzige, der mir noch blieb. Ich war ja nicht gekommen, um einen

Rechtsanspruch durchzusetzen, -- ich mußte bitten -- bitten. Ich fühlte

die Tränen der Aufregung mir heiß die Augen füllen. Nur nicht weinen, --

jetzt nicht weinen, dachte ich und biß die Zähne aufeinander. Da aber

sah ich plötzlich mein Kind vor mir -- ganz deutlich: mit dem ernsten

Blick und der sehnsüchtigen Frage auf den Lippen. Mein Kind! Glühende

Schweißtropfen bedeckten meine Stirn, der Atem stockte. Mit einer

raschen Bewegung warf ich den schweren Mantel von mir und riß das

Fenster rücksichtslos weit auf. Ein konvulsivisches Schluchzen, dessen

ich nicht Herr werden konnte, erschütterte meinen Körper. Dann wandte

ich mich um und hob den Mantel von der Erde auf.

»So will ich gehen --,« kam es tonlos über meine Lippen, -- ich konnte

nicht bitten, ich konnte nicht!

»Setzen Sie sich!« -- Es war wie ein Kommando. Die Erschöpfung, nicht

der Gehorsam zwang mich, ihm zu folgen.

»Ich werde Ihnen helfen, -- Ihnen persönlich, -- dieses eine Mal --«

Ich kehrte zum Hotel zurück. Plötzlich fiel mir ein, daß ich die kühle

Hand mit meinen Fingern dankend umschlossen hatte. Die Hand des Mannes,

vor dem ich mich so erniedrigt hatte!

* * * * *

Und nun ging es zu Ende. Unweigerlich. Trotzdem ich noch hergab, was ich

eben empfangen hatte. Ein einziges Mal noch stieg unsere Hoffnung hoch

auf, wie eine Leuchtkugel. Heinrich erhielt von einem, der helfen

konnte, ein festes Versprechen. Er schloß darauf hin aufs neue mit dem

Drucker ab und mit dem Papierlieferanten. -- Aber die Leuchtkugel

zerplatzte, und es wurde ganz, ganz dunkel.

Ich verlangte Klarheit von meinem Mann, -- rückhaltlose. Er gab sie mir

mit einer Ruhe, von der ich glaubte, daß sie eine erzwungene sei: Alles

war verloren. Da wir den Konkurs vermeiden wollten, blieb uns eine

Schuldenlast, an der wir Jahre zu tragen haben würden. Um die

allernächsten Zahlungen leisten und selbst leben zu können, gab es nur

einen Ausweg.

»Wir verpfänden unsere Möbel --,« sagte Heinrich, mit einem Ton, als

spräche er von dem Gleichgültigsten von der Welt.

Bisher hatte ich zusammengekauert auf dem großen Stuhl gesessen, der mir

immer wie etwas Lebendiges gewesen war, weil seine Lehne den müden Kopf

stützte, seine Arme sich schützend an mich schmiegten.

Jetzt fuhr ich auf. »Das Letzte soll ich hergeben?! Und du meinst, ich

täte das so kaltblütig wie du es aussprichst?!« rief ich, vor Entrüstung

am ganzen Körper zitternd. »Das hier ist der Rest Heimat, den ich habe.

Fast jedes Stück erinnert mich an den Vater, -- die Großmutter, -- an

Georg, an meine Jugend --« Tränen erstickten meine Stimme.

Mein Mann maß mich mit einem kühl-erstaunten Blick. »Stellung, Vermögen,

Familie, -- alles hast du geopfert ohne ein Wort der Klage, und nun

jammerst du um diesen Trödel,« sagte er kopfschüttelnd. Mein Verstand

gab ihm recht, aber mein Herz blutete, als wäre ihm die schwerste Wunde

geschlagen worden.

In der Nacht darauf öffnete sich die Tür zu meines Sohnes Zimmer, er

stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals und schluchzte verzweifelt:

»Warum weinst du nur so? Warum weinst du nur so?!«

In diesem Augenblick wußte ich, daß ich ein Opfer bringen mußte wie

keines zuvor. Ich weinte nicht mehr. Ich war ganz still und ganz

entschlossen. »Otto darf den Zusammenbruch nicht mit erleben,« sagte ich

zu meinem Mann. »Schon jetzt ist er wie vergiftet, -- gar kein Kind

mehr --«

Ich erwartete eine heftige Szene.

Statt dessen erhellten sich Heinrichs Züge. »Nun bist du wieder meine

tapfere Alix« -- damit drückte er mir die Hand, so herzlich wie seit

Monden nicht -- »natürlich ist das für alle Teile das Beste. Wir beide

bauen ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo auf dem Land

wieder ein starker, froher Junge ...«

Ich hörte seine Stimme nur noch wie ein fernes Brausen. So nahm er auf,

wovon ich nie gesunden würde: -- fast froh! Ich starrte ihn an; die

schreckliche Erregung verzerrte mir sein Bild, als hätte ich ihn noch

nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben verknüpft, -- und eben

noch den Gedanken an eine Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir

schien, als wäre die Trennung vollzogen, lange schon, sonst hätte er in

dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach, so nicht zu mir

sprechen können, -- so nicht!

* * * * *

Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit der Zeit, da ich ihn in

dessen Hause traf, hie und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen

war, mit einem Gefühl warmer gegenseitiger Anteilnahme waren wir uns

immer begegnet. Jetzt leitete er eine Schule hoch oben im Thüringer

Wald. Ich sprach ihm rückhaltlos von der Lage, in der wir uns befanden.

»Mein Sohn leidet darunter, halb unbewußt, und ich will ihm das

Schlimmste ersparen, will seine Jugend nicht hineinreißen in den Strudel

unseres künftigen Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer das

ich von Ihnen erwarte --,« hier zitterte mir die Hand und versagte den

Dienst.

Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der mir wohltat: »Ihr

Sohn soll uns von Herzen willkommen sein. Und kein drückendes Gefühl

darf Ihnen daraus entspringen. Überlassen Sie ruhig der Zukunft die

materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist, wird er unserer Schule

mehr geben, als er erhält und sich durch Gold aufwiegen läßt..«

Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob es von Tag zu

Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war so glücklich, daß ich auf einmal

immer bei ihm war, mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm

Geschichten erzählte wie in der schönen alten Zeit.

* * * * *

Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen Gesellschaft, mit einem

kurzen Abschiedswort an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen

hatte ein Wort des Bedauerns dafür, niemand von denen, für deren

Überzeugung sie gekämpft hatte, ohne sich durch gehässige Angriffe und

gemeine Verleumdungen vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als der

rechte erschien, kümmerte sich um uns. Keinem konnte es ein Geheimnis

sein, daß wir alles verloren hatten, aber kaum ein einziger hatte auch

nur eine teilnehmende Frage danach. Wir waren abgetan, -- fertig. Die

Genossen gingen über uns hinweg wie die Soldaten im Krieg über die

gefallenen Kameraden auf dem Schlachtfeld.

Damals hatte ich dafür nur eine verächtliche Gebärde. Große Schmerzen

sind ein Palliativmittel gegen die kleinen.

Nur eins erfüllte mich mit tiefer Bitterkeit: daß auch Romberg nicht

wiederkam. Er hatte eine Auseinandersetzung mit meinem Mann gehabt, bei

der seine lange im stillen herrschende Feindschaft gegen ihn zu offenem

Ausbruch gekommen war. Ich erfuhr nicht viel davon. Aber um mich mochte

sich's gehandelt haben und darum, daß Romberg meinem Mann vorwarf, unser

Unglück verschuldet zu haben, und dieser sich jede Einmischung in unser

Tun und Lassen verbat. War das Grund genug, um mich gerade jetzt im

Stich zu lassen? Und an seine aufrichtige Freundschaft hatte ich

geglaubt!

* * * * *

Ein Ostermorgen war es, hell und leuchtend. Ein Auferstehungsfest, das

die geflügelten Musikanten der Natur mit hundertstimmigem Gesang

begrüßten. Mit lauter lustigen goldgelben Flecken bedeckte die Sonne den

Erdboden unter den Kieferstämmen. Wir gingen durch den Grunewald nach

Schildhorn, mein Sohn und ich. Wie er sich freute! Jedes armselige

Blümlein, das der karge Sand hervorsprießen ließ, bewunderte er. Und die

Luft, die ein Odem erwachenden Lebens war, sog er ein mit tiefen

durstigen Zügen.

»Ich hasse die Stadt,« sagte er mit der ganzen Energie seiner zehn

Jahre. »Warum können wir nicht auf dem Lande leben?«

Das war der rechte Augenblick, um ihm von Waltershof zu sprechen, der

Schule im Thüringer Wald. Mit stockender Stimme begann ich, und erzählte

von dem freien Leben dort und den vielen Kindern.

Seine Augen glänzten. »Das denke ich mir riesig fein!« rief er.

»Möchtest du am Ende gar selber hingehen?« fragte ich zögernd.

Er machte einen Luftsprung. »Natürlich! Aus der scheußlichen Stadt

heraus auf die Berge, -- was gibt es Schöneres!«

Ich hätte mich freuen müssen, -- aber die Tränen traten mir in die

Augen. So würde ihm der Abschied nicht allzu schwer werden!

* * * * *

Ein paar Tage später reisten wir ab. Er war wie umgewandelt; in

leuchtenden Farben malte er sich das Leben aus, das seiner wartete.

Zuweilen schien er zu stutzen, wenn er mich ansah.

»Und du besuchst mich oft, sehr oft, nicht wahr, Mamachen? Und zu den

Ferien komme ich immer nach Haus?« sagte er dann, im Gefühl, mich

trösten zu müssen.

Von der Station fuhren wir mit dem Wagen bergauf durch dichte

Tannenwälder. Mein Sohn verstummte und schmiegte sich an mich. Ob ihn

nun der Abschiedsschmerz packen würde? Das Herz klopfte mir

erwartungsvoll. »Ein bißchen geniere ich mich doch vor den fremden

Jungens,« meinte er.

Oben auf der Hochebene, wo der Wind über freie Felder strich und mit den

kleinen runden Frühlingswölkchen spielte wie ein Kind mit dem Fangball,

verlor er seine scheue Stimmung wieder.

»Wie wunder -- wunderschön das ist,« sagte er mit einem Blick in die

Ferne.

In stiller großer Einsamkeit reihte sich Berg an Berg; die kleinen

grauen Menschenwohnungen verschwanden in den tiefen Tälern.

Der Direktor begrüßte uns wie vertraute Freunde. Die Schüler

betrachteten aus gemessener Entfernung den Ankömmling. Er umfaßte wie

schutzsuchend meine Hand. Jetzt, -- jetzt wird er bei mir zu bleiben

verlangen! -- Da trat ein brauner Bursche aus der Schar.

»Sieh mal die Wiese dort,« sagte er zu meinem Jungen und wies auf den

gelbblühenden Abhang, der sich hinter dem Hause in die Tiefe senkte;

»willst du da hinunter mit mir um die Wette laufen?«

Und im selben Augenblick, -- kaum daß er Zeit gefunden hatte, mir Mantel

und Mütze zuzuwerfen, -- flog er mit ihm davon. Wie heller Sonnenschein

tanzten ihm die blonden Locken um den Kopf. Ich starrte ihnen nach. Mir

gingen dabei die Augen über. Hinter den Fichtenstämmen, -- weit, weit im

Tal, erloschen sie.

»Er wird sich rasch zu Hause fühlen,« sagte der Direktor.

Er wird sich rasch zu Hause fühlen --!

Ich verließ Waltershof schon am nächsten Morgen. Jede Stunde, die ich

blieb, kam wie ein verschlagener Räuber und stahl mir stückweise mein

Liebstes.

Ehe ich in den Wagen stieg, umarmte mich mein Sohn mit stürmischer

Heftigkeit. Nun endlich wird es ihn übermannen --! Ich preßte ihn an

mich, ich hielt ihn fest. Dieser Schoß hat dich geboren, an diesem

Herzen wuchsest du empor, -- schrie es in mir, -- nur ein Wort der Liebe

sag mir, ein Wort der Sehnsucht, und ich verteidige deinen Besitz gegen

Hölle und Himmel! Aber er schwieg. Seine Augen blieben hell. Ringsum

standen die Lehrer und die Schüler --. Ich nahm seinen Kopf zwischen

meine Hände und küßte ihn. Ich grüßte noch einmal lächelnd nach rechts

und links. Dann zogen die Pferde an --

* * * * *

Damals, vor einem halben Menschenalter, als ich im Gewittersturm auf dem

Berge stand, dem Wetter preisgegeben, fürchtete ich den Tod. Was hätte

ich jetzt noch fürchten können?

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 27 / 30 题