In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee um die Schultern, trat
das neue Jahr seine Herrschaft an. Gleichgültig sahen seine kalten Augen
über die Menge hinweg, die jammernd die Arme zu seinem Thron erhob.
Die Not war groß. Brot und Fleisch waren teuer, und für die
Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es keine Arbeit. Der Winter
trieb die Arbeitslosen in Scharen in die Wärmehallen; vom frühen
Nachmittag an drängten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. Wer in
ihre Nähe kam, den trafen Blicke, in denen der Haß gegen die
Herrschenden, der Groll mit dem Schicksal flammte. Das waren keine
Almosen heischenden Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick
Ergebenen.
Das Proletariat füllte den ganzen Winter über die Säle, um gegen eine
Politik zu protestieren, die zwar mit den Insignien des
Konstitutionalismus prunkte, aber nur ein Werkzeug des Absolutismus war.
Es wußte von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es hatte
erfahren, daß es gegen die geeinte Reaktion machtlos war, daß die
eiserne Hand Preußens auf ihm ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es
erkannte, daß es Mauern und Gräben zu bewältigen galt, ehe die feste
Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen hielten sie besetzt,
bereit, nur über ihre Leichen den Weg frei zu geben.
Der erste Akt des Dramas begann.
* * * * *
Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrängte Menschenmasse.
Polizisten zu Fuß und zu Pferd, den Revolver im gelben Gürtel, halten
die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, Männer, Frauen,
Kinder. Sie warten. Sie besetzen die Auffahrt des gegenüberliegenden
Kunstgewerbemuseums. Sie halten Umschau von oben. Und plötzlich biegt in
scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz Albrechtstraße. »Der
Reichskanzler!« gellt es laut. Die Menge flutet ihm entgegen, ihm nach,
eine einzige dunkle Welle. Und brausend tönt es um ihn: »Hoch das freie
Wahlrecht!« Dann wieder Stille. Sie wartet weiter.
Und auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses erscheint Fürst Bülow
zur Beantwortung des freisinnigen Antrags: Einführung des allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe für den
preußischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen, ruhig und selbstbewußt,
den harten Ausdruck geborener Herrscher auf den Zügen, sitzt die
Mehrheit vor ihm. Sie weiß, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist ein
Erwählter des Kaisers, nicht des Volkes, und der Kaiser ist der Ihre.
»... Für die Königliche Staatsregierung steht es nach wie vor fest, daß
die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen dem Staatswohl
nicht entspricht und daher abzulehnen ist. Auch kann die Königliche
Staatsregierung die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe durch die
geheime nicht in Ansicht stellen.«
Scharf, ohne die liebenswürdigen Floskeln des Weltmannes, ohne das
verbindliche Lächeln des Diplomaten, klingt die Erklärung durch den
Saal.
Das Volk draußen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; hart
schlägt ihr Tritt auf den Asphaltboden auf, Pferdehufe klappern
dazwischen, -- die Begleitung zum Text des Kanzlerliedes.
Das Volk zieht sich zurück.
* * * * *
Zwei Tage später. Ein heller Wintersonntag. Mittags Unter den Linden das
gleiche Bild wie immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere und
Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees neugierige
Sonntagsbummler.
Wir gehen langsam dem Schloßplatz entgegen. Schutzleute erscheinen. Aus
allen Nebenstraßen blitzen ihre Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem
Museum, am Dom und rings um das Schloß -- lauter Pickelhauben. Mit
klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und glänzend, eine Augenweide
für alle Farbenfrohen. An der Kreuzung der Friedrichstraße stockt der
Zug der Soldaten, ein anderer überschreitet seinen Weg, ein einförmig
dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der Stadt kommen, wo heute die
Wahlrechtsversammlungen tagen. Schweigend zieht er vorüber. Es ist, als
ob er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe.
Da -- Signaltöne aus der Hupe. Die Spaziergänger stutzen; drei gelbe
Automobile rasen vorbei, dem Schlosse zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein
Gruß, alles bleibt still, -- wie benommen.
Und plötzlich, als hätte die Erde sie ausgespieen, wimmelt es auf der
breiten Straße von Menschen; im selben Augenblick bildet sich vor dem
Schloß eine Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mißt ihre Gegner mit
dem spöttischen Blick der Überlegenheit: Wenn wir wollten --! Aber sie
wollen nicht. Sie haben stärkere Mauern zu stürmen.
Aus der Ferne klingen Töne, wie Donnerrollen. Sie schwellen an. Sie
begleiten den gleichmäßigen Tritt Tausender: -- soweit das Auge die
Friedrichstraße hinunter gen Süden reicht -- ein Meer von Menschen. Es
überflutet die Linden. Rechts und links weichen die Spaziergänger
zurück. Noch nie hat die Allee der Fürstentriumphe solch einen Aufzug
gesehen! Eine Schwadron Berittener sprengt den Demonstranten entgegen,
mitten in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen ängstlicher Weiberstimmen,
-- dann gewitterschwangere Stille.
Einsam liegt das Königsschloß. Leer gefegt ist der weite Raum ringsum.
Schwer hängt die Kaiserstandarte in der unbewegten Luft. Hier hält das
Leben seinen Atem an.
Aber ringsum, von Norden und Osten, von Süden und Westen, strömen sie
jetzt herbei in hellen Scharen. Sie singen. Niemand hat den Taktstock
geschwungen, sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe
Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille gestürmt hat und
die Barrikaden: die Marseillaise. Es schlägt gegen die Mauern der
Kirchen und der Paläste, -- und ihr Echo muß es wiedergeben. Es braust
sieghaft hinweg über die Ketten der Hüter der Ordnung. Hoch über dem
Königsschloß fluten seine Töne zusammen, -- es klingt wie das Klirren
scharfer Klingen, -- wie Wotans gespenstisches Heer.
Und nun hüllt der Abend die Stadt in seinen dunkeln Mantel. Der Gesang
verstummt. Das Pferdegetrappel der Polizisten, das Geschrei der
Verfolgten tönt nur noch von weit her.
Mir aber ist, als sähe ich in einen unermeßlichen Saal. An seinen Wänden
prangen die Bilder verflossener Jahrhunderte: die Geschichten von den
Königen und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn und
Fürsten, Priester und Propheten. In der Mitte aber auf goldenem Stuhl
thront Er. Um das Haupt den Krönungsreif wie einen Heiligenschein; die
Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, -- die Weltenkugel; in
der rechten das Zepter, -- eine Peitsche, um Nacken zu beugen,
Widerspenstige zu zähmen; auf der Brust ein großes leuchtendes Kreuz.
Ich staune ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns tot ist,
umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein Glanz erhellt, erscheint das
Licht des Tages grau und kalt.
Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir überwinden müssen.
* * * * *
Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich in einem Restaurant der
Friedrichstadt in der Nacht nach den Wahldemonstrationen zufällig
zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte, verscheuchte
jede Müdigkeit. Große Ereignisse lösen die Lippen. Auch die Kühlen waren
warm geworden. Man diskutierte lebhaft: über die heutige Eroberung der
Straße, über die künftige Entwickelung der Bewegung, über die
Möglichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich nicht um die Aufrichtung
des Zukunftsstaates, sondern um die Niederwerfung der Junkerherrschaft
handelte, das liberale Bürgertum und alle Schmollenden, die unsicher
abseits standen, mobil zu machen. »Ein Riesenkampf gegen die Reaktion,
-- das ist's, was die stagnierenden Gewässer in Fluß bringen würde!«
sagte einer.
»Er würde die Geister scheiden, wie nichts zuvor --,« ergänzte
enthusiastisch ein anderer.
»Sie glauben wirklich, daß das Ziel des allgemeinen Wahlrechts für den
preußischen Landtag solch weltbewegende Kräfte entfesseln könnte?«
fragte ich. Mein Spott rötete die Gesichter der Begeisterten noch mehr.
»Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur Stummheit ergriffen!«
meinte vorwurfsvoll mein Nachbar.
»Ich bin es noch,« antwortete ich; »mir war, als hätte ich wirklich den
Flügelschlag der neuen Zeit gefühlt. Ich fürchte nur, sie rauscht an uns
vorüber.«
»Das aber liegt doch an uns!« rief über den Tisch herüber ein jungem
Literat, der darauf brannte, sich die politischen Sporen zu verdienen.
»Wir müssen sie festhalten, wir müssen das Eisen schmieden, solange es
warm ist.«
»Womit, wenn ich fragen darf?« --
Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander: »Durch die
Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische Ära,« -- »auf
wirtschaftliche Reformen großen Stils,« -- »Verminderung der Steuern,«
-- »der Militärlasten,« -- »Trennung von Kirche und Staat --«
»Lauter Einzelforderungen, die große, heute noch indifferente Massen
kaum begeistern, die heterogene Elemente nicht zusammenschweißen werden,
die, vor allen Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind,« sagte
ich ruhig.
»So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!«
Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gespräch Fragen berührte,
die mir sehr nahe gingen, überkam mich oft eine gewisse verlegene
Unbeholfenheit. »Stünde ich vor einer Volksversammlung, so würde es mir
leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen und --
lächelnden Mienen,« meinte ich.
»So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,« sagte mein Nachbar
sichtlich belustigt; »wir sind die letzten Gäste, beherrschen also im
Moment die Situation. Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das
Wort.«
Ich sah zu meinem Mann hinüber. Er nickte mir zu. Ich klammerte meinen
Blick an den seinen und erhob mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal
klar vor Augen gestanden hatte, das sollte ich in Worte fassen. -- Mir
war die Kehle wie zugeschnürt. Und doch fühlte ich, es mußte sein.
Nicht um dieser Tafelrunde willen, -- sondern meinetwegen. Der Gedanke
zerflattert, wenn er nicht in die Form der Sprache gepreßt wird.
»Mir scheint,« begann ich zögernd, »daß es nicht so sehr darauf ankommt,
einzelne praktische Ziele zu setzen. Das haben die Parteien schon längst
getan und sind über die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in
Gruppen und Grüppchen auseinander gefallen. Alle großen entscheidenden
Weltbewegungen sind von _einem_ Geist getragen worden --« »Und die
materialistische Geschichtsauffassung?!« unterbrach mich ein Genosse.
»Von _einem_ Geist --,« fuhr ich unbeirrt fort, »der sich
selbstverständlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen und
sozialen Verhältnissen heraus entwickeln konnte und immer erst dann
entstand, wenn der Widerspruch der Gegenwart zur Vergangenheit überall
schmerzhaft fühlbar geworden war. Das gilt für das Christentum, -- den
Muhamedanismus --« »die Revolution,« rief einer dazwischen.
»Nein,« antwortete ich. »Es gibt Zeiten, in denen der Geist der
Verneinung, wie ich ihn einmal nennen will, nicht zu reinem, vollem
Ausdruck kommt, wo er nur beschränkte Schichten des Volkes ergreift, --
wie zur Zeit der Renaissance, der Revolution, -- und wo er darum
schließlich gezwungen wird, mit dem Geist der Vergangenheit zu
paktieren. So baute die Renaissance christliche Kirchen, und die
Revolution übernahm die Phraseologie des Christentums. Auch wir
versuchen mit jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken,
neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Ich erinnere an die Bemühungen,
die Kirche zu modernisieren, an das Bestreben, in der Partei die Ethik
Kants für den Sozialismus in Anspruch zu nehmen.«
Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter Kantianer, und
vergaß im Eifer des Widerspruches die von ihm selbst gewollte
parlamentarische Ordnung.
»Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen Herkunft
losgelöst, ist tatsächlich der dirigierende Geist, auf den Sie offenbar
hinauswollen,« rief er.
»Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser transzendentalen
Herkunft nicht loslösen läßt, weil er Geist vom Geist des Christentums
ist, weil wir auf Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung
und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, daß es ein allgemein gleiches,
verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt, weil nicht einmal zwischen
Einzelindividualitäten eine Äquivalenz der Handlungen besteht --«
»Ich höre Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche!« spottete jemand.
Die anderen lächelten vielsagend.
»Sie haben mir vorgegriffen,« entgegnete ich ruhig. »Ich hätte den Namen
des Mannes genannt, der zwar nicht der Erlöser, wohl aber sein Prophet
sein kann.«
»Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich,« hörte ich entrüstet rufen;
»wie vermögen Sie Ihre sozialdemokratische Gesinnung mit dem Nachbeten
Nietzschescher Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine
Vergötterung der 'Herrenmenschen', an seine Verhöhnung jedes
'Sklavenaufstands'!«
»Diesen Einwand mußte ich erwarten. Ich erinnere Sie demgegenüber
zunächst nur daran, daß es derselbe Nietzsche war, der anerkannte, daß
die einzelne starke Individualität am leichtesten in einer
demokratischen Gesellschaft sich erhalten und entwickeln könne. Aber
diese Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum
unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, daß ich nicht weiter darauf
einzugehen brauche. Natürlich gebe ich _den_ Nietzsche preis, der unsere
große soziale Bewegung weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann
das um so leichter, weil er unbewußt selbst im Flusse dieser Bewegung
schwamm, weil er dem Sozialismus das gab, was wir brauchen: eine
ethische Grundlage.«
Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen, aber jetzt, da ich mir
selbst immer klarer wurde, störte mich das nicht mehr.
»Alle seine großen Ideen leben in uns: der Trieb zur Persönlichkeit, die
Umwertung aller Werte, das Jasagen zum Leben, der Wille zur Macht. Wir
brauchen die blitzenden Waffen aus seiner Rüstkammer nur zu nehmen, --
und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des größten Glücks der größten
Anzahl, -- an das ich glaubte, wie Sie alle, -- schaffen wir eine
Gesellschaft behäbiger Kleinbürger.... Und spüren Sie den Geist der
Verneinung nicht in allem, was heute lebenskräftig ist und vorwärts
will? Kunst und Literatur, Wissenschaft und Politik setzen ihr Nein der
Vergangenheit entgegen, die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend
war, -- Unterwürfigkeit, Demut, Ergebung in das Schicksal, Ungehorsam
gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen Obere es fordert, --
erscheint uns mindestens als Schwäche, wenn nicht als Unrecht. Der
Glaube an die gottgewollten Zustände von Armut und Reichtum, von
Herrschaft und Dienstbarkeit ist weit über die Kreise der Partei hinaus
zerstört. Und mit alledem, das wir unbewußt und bewußt von uns geworfen
haben, panzert sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert Jahren
unterwarf die Moral des Christentums die heidnische Welt. Vergebens hat
die Renaissance und die Revolution sich gegen sie empört, -- die Zeit
war noch nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat ihr den
Boden bereitet. Wäre ihre Fahne voll entfaltet, so würden sich vor ihr
die Feigen von den Mutigen, die Schwachen von den Starken sondern, und
alles würde ihr zuströmen, was jungen Geistes ist, was Zukunft in sich
hat. Den Weg zu unserem Ziel finden wir nur, wenn die Idee der ethischen
Revolution der Idee der ökonomischen Umwälzung Flügel verleiht....«
Die Türe ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte mißmutig die
seßhaften Gäste. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die anderen blieben
stumm. Ob aus Überraschung, aus Empörung, aus Müdigkeit? »Ich möchte
heim,« sagte ich leise zu meinem Mann. Wir gingen allein und schweigsam
nach Hause.
Ich hörte danach, daß man mich verspottete: Die Sozialdemokratin und
Verkünderin der »Herrenmoral«! Mir schien, als gingen mir die Genossen
noch mehr als sonst aus dem Wege. Aber es kränkte mich nicht.
* * * * *
Ein feuchter Märzwind strich durch die Straßen. Die Bäume und Büsche
zitterten in seiner Umarmung, denn er flüsterte ihnen vom Frühling die
frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein weicher Atem. Hatte
ich nicht geglaubt, daß ich den Lenz wie alte Leute grüßen würde:
versunken in Erinnerungen? --
Ich saß am Fenster und las meines Sohnes Briefe. Seit einiger Zeit
schrieb er mir oft: Seiten und Seiten voller Fragen und erregter
Geständnisse. Zum erstenmal stand sein junger Geist in offenem Kampf mit
der Wahrheit und den Autoritäten. Und er unterwarf sich nicht. Er war
mein Kind.
Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu zeigen, was er schrieb.
Wir waren früher heftig aneinander geraten, weil ich schon des kleinen
Kindes Selbständigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu
fürchten als nur den väterlichen Zorn. Ein Prüfstein würde es sein auch
für unsere Beziehungen. Ich liebte meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer
als zu jener Zeit, da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte
ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu groß, um Unterwerfung ertragen zu
können. Wenn er das Kind nicht verstand, so würde er auch mich nicht
verstehen. Wieder aneinander gebunden sein, so daß jeder selbständige
Schritt des einen den anderen ins Fleisch schneiden muß; die Blume der
Liebe, die nichts als der Persönlichkeit reichste Entfaltung ist,
abpflücken, nur damit sie die Brust des anderen schmückt, zu frühem
Welken verurteilt, -- das vermochte ich nicht mehr --
Es läutete draußen, lang und heftig. Ich sprang auf, beide Hände auf das
wild klopfende Herz gepreßt. Wer lärmte zu früher Morgenstunde so
ungeduldig an der Türe? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins Zimmer flog
es herein wie ein Wirbelwind, und zwei Arme umschlangen mich, und ein
glühendes Gesicht mit zwei glänzenden Augen hob sich zu mir empor. »Mein
Kind! Mein Kind!« --
Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. »Davongelaufen bin ich --
bei Nacht und Nebel, -- ich hielt's nicht länger aus,« sprudelte es
hervor, atemlos, triumphierend.
Ich hörte kaum, was er sprach, ich sah nur, daß er da war, wirklich da
war!
Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner Versunkenheit. »Der
Vater!« rief ich angstvoll und legte wie schützend den Arm um meinen
Sohn. Der aber riß sich los, lachte mich an und lief mit einem: »Ich
fürchte mich nicht!« dem Kommenden entgegen.
Ich stand wie angewurzelt. Ich hörte einen Wortwechsel, dann ein langes,
ernstes Gespräch. Frage und Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins
Zimmer. »Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten müssen,«
lächelte mein Mann, »und heute soll für uns drei ein Feiertag sein.«
Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die Kiefern standen schwarz
gegen den hellen Himmel, und lichtgrün schmiegten sich die Büsche ihnen
zu Füßen. Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit voraus sprang
unser Sohn.
»Weißt du noch?!« sagte Heinrich.
»Ich weiß! Damals schüttelte der Sturm die Bäume. Mich fror, und du
schlugst deinen Mantel um mich --«
»Und habe dich doch nicht schützen können --«
»Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.«
»So stark, daß du allein zu gehen vermagst --,« seine Stimme schwankte
dabei. Mich traf's wie blendendes Licht, -- ich sah auf dem Wasser
nichts mehr als die goldene, schimmernde Sonnenstraße.
»Damals warnte ich dich vor mir,« fuhr er fort.
»Ich aber ließ dich nicht --«
»Und heute?! --«
»Du siehst: ich gehe auf eigenen Füßen, aber neben dir --«
Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbeglänzten Wiese öffnet,
tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes auf. Er hielt einen Zweig
jungen Grüns in der hochgehobenen Hand. Der wehte über ihm wie eine
Fahne.
* * * * *
Und dann kam das Leben wieder und der Alltag, und sein Pfad blieb rauh.
Aber ich hatte ihn freiwillig gewählt, und meines Herzens Glut schützte
mich vor dem Frost. Er blieb einsam. Aber ich wußte vorher: wer eigene
Wege sucht, findet wenig Gefährten. Und über das Donnern der Sturzbäche
hinweg flog siegreich hin und her der Gruß der Liebe.
Einmal, als der Föhn mich umheulte und die Steine meine Füße
verwundeten, sah ich forschend zurück. Und ich erkannte, daß ich nicht
irre gegangen war.