Sechzehntes Kapitel

»Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die Revolutionäre von den

Soldaten zusammengeschossen,« -- »fünfzehntausend Gefallene bedecken

Straßen und Barrikaden --,« so meldete der Telegraph aus Moskau; »die

Regierung hat uns betrogen! Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die

Knute der Kosaken herrscht wieder über uns,« -- so klangen die

Verzweiflungsschreie der Freiheitskämpfer über die Grenze. Und schwer

und dumpf grüßten die Glocken das Jahr 1906.

Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten unsere russischen

Brüder ihre Siegeszeichen aufgepflanzt, und an ihnen waren die üppigen

Ranken unserer Hoffnung wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am

Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.

* * * * *

Und doch bedurften wir in dem Kampf, den wir führten, der

Siegeszuversicht. Ein rocher de bronce war Preußen noch immer, dem er

galt, denn als die Frage der Abänderung des Dreiklassenwahlrechts im

Landtag endlich zur Besprechung kam, da erklärte die Regierung: das

Reichstagswahlrecht ist unannehmbar, und fügte der Absage durch den

Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte Drohung hinzu:

»das Gefühl der Unlust besteht ja auch im Reiche, wo wir noch dieses

angeblich ideale Wahlrecht besitzen.« Noch! -- Wir hatten achtzig

Abgeordnete im Parlament, und doch würde Preußens Reaktion sie mit einer

Handbewegung beiseite schieben. Es klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht,

wenn der Kanzler die Machtmittel des Staats für ausreichend erklärte, um

»Pöbelexzesse zu verhindern.« Er hatte recht. Es kam zu keinen Exzessen.

* * * * *

Die Einführung des Zolltarifs stand vor der Türe. Mit neuen Steuern und

Abgaben drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund lauerte das

Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten, die mondelang in Algeciras

beisammensaßen, um es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen groß

zu füttern. Für neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien und

malten den Weltbrand glutrot auf die leere Leinwand der Zukunft. Aber

das Volk hörte gleichgültig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo es

im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum Reichstag um sein Verdikt

gefragt worden war, hatte es Junkern und Junkergenossen das Feld

überlassen.

»Mir ist eine kleine Schar überzeugter Genossen lieber, als eine große

Menge unsicherer Mitläufer,« hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte

ein Trost sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung einer

Tatsache, denn der Zuzug aus bürgerlichen Kreisen hatte sich verlaufen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- das war der Trunk gewesen, an

dem sich deutsche Träumer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er von

der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie aber erwachten und die

Welt noch immer nicht ihren Dichteridealen entsprach, und die Genossen

die Ritter vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen

hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichgültigkeit.

In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif der Enttäuschung

gefallen. Es schien fast, als ob alle Knospen daran sterben sollten.

An jenem »roten Sonntag«, der in ganz Preußen der Demonstration gegen

das Dreiklassenwahlrecht gewidmet war, sprach ich in einem kleinen

Fabrikort Brandenburgs. Es war ein trüber Abend; der Saal lag abseits

zwischen hohen Mauern in einem feuchten Grunde. Mein Appell an die

Begeisterung, an die Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war

nicht nur meine Schuld, daß das Feuer nicht brennen wollte. Regenschauer

hatten das Holz naß gemacht, so daß es nur knisterte. Wir protestierten

gemeinsam gegen die preußische und gegen die russische Reaktion, aber

mir schien, als stünde hinter diesem Protest nicht der Wille zur Tat,

sondern ein resigniertes Gefühl der Ohnmacht.

* * * * *

Die Neue Gesellschaft führte die Sprache der Kraft. War sie nicht mehr

die der Massen, daß sie sie nicht hören wollten?

Frühling und Sommer zogen an unseren Fenstern vorbei. Wir saßen gebückt

am Schreibtisch und wagten nicht, einander in das Antlitz zu schauen.

Zuweilen war mir wie einem, der in eine Hütte mit blinden Scheiben

gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die Dürftigkeit der

nächsten Nähe. Dann durstete ich so sehr nach Luft und Sonne, daß ich

jeden Hauch, der durch die Türe drang, jeden Strahl, der sich hinein

verirrte, wie einen Boten der Erlösung begrüßte.

Meine Schwester hatte sich verlobt.

»Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist,« hatte sie mir mit glühenden Wangen

und heißen Augen zugeflüstert. Das Leben war ihr viel schuldig

geblieben, darum glaubte ich freudig daran, und ihr Glück ließ mich ihr

gegenüber freier atmen, darum unterdrückte ich jeden Zweifel. Sie führte

uns ihren Verlobten zu, einen jungen Arzt, hinter dessen auffallender

Schweigsamkeit ich den Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben

konnte. Sie heirateten bald. Auf den Höhen der Schwäbischen Alb übernahm

er die Leitung eines Sanatoriums. Sie schrieb Briefe, die ein einziger

Jubel waren, und sandte Bilder mit Bergen und Wäldern und weiten Blicken

über friedliche Täler. Aber es fiel auf meine Seele nur wie ein

Sonnenstrahl aus dem Gewölk, das sich danach nur noch dichter und

dunkler zusammenzog.

* * * * *

Um jene Zeit erging von einem aus den Anhängern der verschiedensten

Parteien bestehenden englischen Komitee, dem unter anderen auch eine

große Zahl englischer Parlamentsmitglieder angehörte, an die Zeitungen

aller deutschen Parteien die Einladung zu einem Besuch nach England.

Angesichts der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei

höfisch-militärischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der Presse sollte

diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre Gesinnung des englischen

Volkes kennen zu lernen und die freundschaftlichen Beziehungen der

beiden Länder wieder fördern zu helfen. Keir Hardie, der Führer der

englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet. Auch

bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft lief sie ein, von einem Brief

meines alten Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach, wir

würden ihr Folge leisten.

England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir wach! Es war mir das

Sprungbrett des neuen Lebens gewesen. Vielleicht, daß es mich nun aus

seinem Labyrinth wieder ins Freie zu führen vermöchte! Meine Hoffnung

sah einen Weg aus der Not und der Enge heraus, -- und wenn's nur ein

flüchtiges Aufatmen wäre in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung

beiseite wie etwas selbstverständlich Abgetanes.

»Meinst du nicht, daß ich sie annehmen könnte, -- in unserem Namen,«

fragte ich zögernd. »Ich möchte fort, -- hinaus, ein einziges Mal nur!«

--

Er sah verwundert von der Arbeit auf. »Wenn dir soviel daran liegt,

bedarf es gar nicht der tragischen Gebärde!« antwortete er ruhig.

Nun erschien mir mein Wunsch doch im Lichte sträflicher

Vergnügungssucht. Ich mußte mich und ihn beruhigen, der nicht anders

denken mochte: »Ich werde Berichte schreiben, -- neue Beziehungen

anknüpfen. Vielleicht verschaffe ich mir sogar bei der Gelegenheit die

Korrespondenz für ein englisches Blatt.«

Der Gedanke besonders elektristerte mich: das wäre doch eine Sicherheit,

wenn die Neue Gesellschaft zusammenbräche.

Kurz vor meiner Abreise besuchte uns Reinhard. »Ich lese Ihren Namen

unter denen der Journalisten, die nach England fahren,« begann er

erregt.

»Gewiß,« entgegnete ich, »und was haben Sie dagegen? Keine der berühmten

bindenden Parteitagsresolutionen hindert mich daran!«

»Aber Ihr Gefühl müßte es tun,« brach er los; wollen Sie sich denn

gewaltsam jeden Vertrauens berauben?! Kein Genosse wird es begreifen,

daß Sie mit einer Reihe unserer ärgsten Gegner gemeinsame Sache machen!«

»Schlimm genug, wenn dem wirklich so sein sollte!« rief ich aus. »Haben

wir nicht auf dem Heimarbeiterschutzkongreß mit Gegnern zusammen

gearbeitet, tun wir es nicht dauernd im Parlament? Und mir sollte es

verdacht werden, wenn ich mich an einer Reise beteilige, deren Zweck

durchaus im Interesse der Partei liegt? Wir Mitreisenden sollen uns doch

nicht untereinander verbrüdern; uns wird nichts als die Gelegenheit

geboten, es mit aufrichtigen Friedensfreunden in England zu tun.«

»Das mag alles so sein, wie Sie sagen,« antwortete er, »trotzdem dürfen

Sie -- gerade Sie, deren Stellung doch schon schwierig genug ist --

nicht als einzelne der Empfindung der Massen entgegenhandeln.«

Ich warf den Kopf zurück. Jetzt erst wußte ich, daß diese Reise nicht

nur meine persönliche Angelegenheit war. »Ich verstehe Ihre gute

Absicht,« sagte ich, »aber wenn etwas mich in meinem Vorhaben noch

bestärken könnte, so sind es die Gründe, durch die Sie mich davon

abbringen wollen. Nichts ist mir von jeher so verächtlich gewesen wie

Lakaiengesinnung, gleichgültig ob sie vor dem einzelnen oder vor der

Masse zum Ausdruck kommt --«.

»Ich mute Ihnen doch nicht Lakaiengesinnung zu!« unterbrach er mich

heftig.

»Was ist es anderes, wenn Sie verlangen, ich sollte mich der Empfindung

der Masse beugen, nicht weil sie die rechte, sondern weil sie die

herrschende ist?! Wir kommen nie vom Fleck, wenn wir unsere bessere

Einsicht nicht zur Geltung bringen; wir erziehen dadurch im Volk nur

einen noch beschränkteren, noch despotischeren Herrscher, als unsere

Fürsten es sind.«

»Im Grunde bin ich ja Ihrer Meinung,« lenkte er ein; »es handelt sich

doch in diesem Fall nur um eine kleine Konzession, für die Sie größere

Werte eintauschen werden.«

Ich lachte spöttisch auf: »Meinen Sie?! Man wird mir nicht mehr

vertrauen und mich nicht weniger verleumden, wenn ich auf die Reise

verzichte. Aber man wird wissen, daß ich kein Zeug zum Demagogen habe,

wenn ich auf meinen Entschluß beharre, -- auch jetzt, wo mir die Folgen

klar sind.«

Reinhard verabschiedete sich kühl und fremd. Er war einer der Besten

und Selbständigsten unter den Genossen. »Ich fürchte, wir haben ihn

verloren,« sagte mein Mann. Ich unterdrückte einen schweren Seufzer.

* * * * *

Mitte Juni reisten wir ab. Schon im Zuge, der uns nach Bremerhaven

führte, freute ich mich der Gegenwart Theodor Barths; -- ein freier

Mensch und ein Gentleman, also einer der Seltenen, mit denen sich über

alle trennenden Schranken der Politik verkehren läßt. Auf dem Schiff

fanden sich die übrigen Reisegefährten ein: neunundvierzig Journalisten,

unter denen ich die einzige Frau war. Ich empfand, wie meine Anwesenheit

sie beunruhigte. Sollten sie mich als Dame oder als Sozialdemokratin

behandeln? Sie entschlossen sich in der Mehrzahl, ihrer politischen

Gesinnung auch auf dem neutralen Boden unseres Dampfers unverfälschten

Ausdruck zu geben. Offenbar störte es sie nur, daß ich ihnen durch mein

Benehmen keinen besseren Anlaß dazu bot.

Ich kümmerte mich wenig um sie; mit durstigen Zügen atmete ich die

frische Salzluft ein, und mit jeder Meile, die wir uns von der Küste

entfernten, fiel mehr und mehr von mir ab, was lastend und quälend mein

Herz bedrückte. Ich stand lange am Zwischendeck, wo sie beieinander

hockten, all die Männer, Frauen und Kinder, die das Vaterland

ausgestoßen hatte. In dem Antlitz der meisten blitzte etwas wie

Zukunsfshoffnung auf. Fast dünkte es mich beneidenswert: das alte Leben

hinter sich zu lassen und nur mit dem leichten Bündel unter dem Arm

einem neuen entgegen zu gehen.

In London hatte Beerbohm Tree in seinem Theater für die deutschen Gäste

den ersten Empfang bereitet. Ich ging nicht hin; unsere heimische

Bühnenkunst hat uns den Geschmack für ein Komödiantentum verdorben, das

vielleicht vor fünfzig Jahren auch bei uns noch das herrschende war. Ich

erwartete statt dessen Stratfords Besuch.

»Wissen Sie noch, wie wir damals voneinander gingen?« fragte er nach der

ersten Begrüßung.

Ich nickte lächelnd: »Ein Mann, wie Sie, gehört der Sache des

Sozialismus, sagte ich Ihnen.«

»Wären nur nicht der Fesseln so viele, antwortete ich, und Sie riefen

mir zu: 'wir werden sie beide zerbrechen müssen' -- nun haben wir sie

zerbrochen!«

Überrascht sah ich ihn an.

»Ich kandidiere als Vertreter der Arbeiterpartei für das Parlament,«

fügte er mit einem Aufleuchten in den hellen Augen hinzu.

Ich drückte ihm die Hand.

Er schien einen Ausdruck größerer Freude erwartet zu haben. »Haben Sie

das Kettenbrechen bereut?!« fragte er zweifelnd.

»Nein, lieber Freund,« antwortete ich mit starker Betonung, »nein! Ich

erinnerte mich nur der wunden Hände, die es kostet.«

Am nächsten Morgen sprach ich John Burns auf der Themseterrasse des

Parlaments. Mir schien, als sei es gestern gewesen, daß er mir auf den

Marmortisch die Situation der deutschen Sozialdemokratie aufgezeichnet

hatte.

»Habe ich nicht recht behalten?« fragte er im Laufe des Gesprächs.

»Nicht ganz,« entgegnete ich; »der Druck von außen preßt uns zwar

zusammen, aber er hindert nicht nur die Wirkung über seinen Ring hinaus,

er trägt auch dazu bei, daß wir unsere Kräfte im gegenseitigen

Kleinkrieg verzetteln.«

»Sie übertreiben,« meinte er leichthin. »Jeder Kampf ist Leben und weckt

Leben! Sie sind wie der Akteur auf der Bühne, der das Ganze nicht

übersehen kann, während wir, die Zuschauer, von fern mit unserem

Opernglas Handlung und Szenerien begreifen. Der deutsche Revisionismus

siegt nicht nur, -- er hat schon gesiegt.«

Ich lächelte ein wenig von oben herab zu seinen apodiktischen Sätzen und

lenkte die Unterhaltung auf sein eigenes Wirken.

»Ich bin nach wie vor Sozialist, gerade weil mich keine Arbeit schreckt,

wenn es gilt, meiner Überzeugung auch nur einen Fuß breit Boden zu

gewinnen,« sagte er, »ich scheue nichts, wenn der Preis dafür mehr Macht

ist. Wer immer nur zuschaut und schimpft und kritisiert und dazwischen

moralische Bomben wirft, ist in meinen Augen Anarchist.«

Einer der deutschen Englandfahrer näherte sich in respektvoller Haltung.

Unser langes Gespräch setzte ihn offenbar in Erstaunen. Er wartete

darauf, vorgestellt zu werden. Und erst jetzt fiel mir ein: der John

Burns von heute war ja Minister!

Der Gastfreundschaft, mit der uns die Engländer empfingen, entzog ich

mich von da an nur selten. Ich hatte meine leise Freude an den

verblüfften Gesichtern meiner Reisegefährten, die allmählich einsahen,

daß im Lande alter Kultur nur die Erziehung, nicht aber die politische

Stellung des Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede herbeiführt, und

ich merkte erst jetzt, wo ich einmal wieder als Gleiche von Gleichen

behandelt wurde, wieviel ich entbehrt hatte.

Eines Vormittags besichtigten wir den Tower. Schon als ich aus dem Hotel

trat, war mir aufgefallen, daß die photographischen Kameras der

englischen Reporter sich plötzlich auf mich richteten.

Auf dem Wege kam Bernard Shaw mir entgegen und reichte mir mit einem

sarkastischen: »Da haben Sie wieder einmal ein unverfälschtes Zeugnis

der deutschen Sozialdemokratie,« ein englisches Morgenblatt.

Es enthielt ein Telegramm aus Berlin: »Der 'Vorwärts' beschuldigt Frau

Alix Brandt, die einzige Vertreterin der sozialdemokratischen Presse bei

der Englandreise deutscher Journalisten, des Parteiverrats und kündigt

ihr an, daß sie ihres unbotmäßigen Verhaltens wegen zur Rechenschaft

gezogen werden würde.«

Ich ballte das Blatt Papier heftig zusammen und schleuderte es zu Boden.

»Das glaube ich nicht,« stieß ich zornig hervor.

Shaw lachte: »Und doch ist nichts gewisser, weil nichts folgerichtiger

ist! Die deutsche Partei ist von nichts freier als von -- Freiheit. Sie

ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und die

bürgerlichste Partei Europas. Sie ist keine rohe Partei der Tat, sondern

eine Kanzel, von der herab Männer mit alten Ideen eindrucksvolle

Moralpredigten halten. Mit Millionen von Stimmen zu ihrer Verfügung,

widersteht sie den Lockungen des Ehrgeizes und denen realer Vorteile,

die ein öffentliches Amt mit sich bringt, und bezeichnet denjenigen, der

sich von den Freuden tugendhafter Entrüstung zu den Arbeiten praktischer

Verwaltung wendet oder auch nur an einer allgemeinen Veranstaltung in

öffentlichem Interesse teilnimmt, als einen Abtrünnigen und Verräter.

Freiheit vom Dogmenglauben ist eines der Grundprinzipien des echten

Sozialismus, -- die Deutschen sind dogmatischer als die Kirchenväter.

Der Wille zur Macht ist ein anderes, -- die Deutschen machen den Willen

zur Phrase daraus. Die Herrschaft des Geistes ist ein letztes, im

Gegensatz zur Herrschaft des Kapitals, -- die Deutschen stellen das auf

den Kopf und verlangen die Unterwerfung unter die Herrschaft der Masse.«

Ich hatte seinen raschen Redefluß, den der Zorn diktierte, nicht

unterbrochen. Ich hörte den gleichen Ton heraus wie bei den Worten von

Burns, und in mir begann eine Saite, die schon lange leise tönte,

lebhaft mitzuschwingen.

Noch am selben Abend bekam ich einen Brief von Keir Hardie.

»... Ich bin ganz außerstande, zu begreifen, welches der Grund sein

konnte, Ihre Teilnahme an der Englandreise zu verurteilen,« hieß es

darin. »Es ist für uns Sozialisten in England eine selbstverständliche

Gewohnheit, gelegentlich mit Nichtsozialisten zusammenzugehen, wenn es

im Interesse der Förderung einer großen und guten Sache gelegen ist.

Unsere Erfahrung hat uns bewiesen, daß der Sozialismus dadurch nur

gestärkt werden kann. Ich will damit nicht behaupten, daß unsere

deutschen Genossen unserem Beispiel unbedingt folgen müßten, aber im

vorliegenden Fall bleibt ihre Haltung Ihnen gegenüber mir vollständig

unverständlich ...«

Ich stand nun plötzlich im Mittelpunkt des Interesses und wurde von

Interviewern belagert, die von der ganzen Sache keine andere Auffassung

hatten, als daß die große deutsche Arbeiterpartei sich dadurch dem

Gelächter der Welt ausgesetzt habe. Und ich gab ihnen stets die gleiche

Antwort: »Die Sozialdemokratie, der ich stolz bin anzugehören, hat mit

den Quertreibereien einzelner von preußischem Polizeigeist durchseuchter

Genossen nichts zu tun.« Als aber mein Mann mir die Zeitungen schickte,

-- nicht nur den 'Vorwärts', sondern eine ganze Anzahl anderer

Parteiblätter, -- da schämte ich mich und ging den Interviewern so weit

als möglich aus dem Wege, um nicht reden zu müssen. Und doch war es

weniger die beleidigende Form der Angriffe, die mich verletzte, als die

Gehässigkeit, die dabei zum Ausdruck kam. Wie stark mußte sie sein, um

alle Klugheit, alle Rücksicht auf das Ansehen der Partei beiseite zu

schieben? Oder gab es etwas Lächerlicheres, als meine Reise, --

gleichgültig, ob man sie verurteilte oder nicht, -- zu einem

Parteiskandal aufzubauschen? Nur eine tiefe, innere Krankheit konnte

solche Symptome zeitigen. Ich kämpfte noch mit mir, ob es nicht meiner

unwürdig wäre, mich gegen Ausbrüche der Pöbelgesinnung zu verteidigen,

als ich die Antwort erhielt, die mein Mann der Parteipresse hatte

zugehen lassen. Das waren Rutenstreiche, -- es blieb mir nichts zu

sagen übrig. Seltsam nur, daß die Ritterlichkeit, mit der er für mich

eintrat, eine alte Wunde aufs neue bluten machte, statt sie zu

schließen.

Der Schatten, der sich mir über Englands schöne Sommertage breitete,

wich nicht mehr.

* * * * *

Ich hatte immer gegen Massen-Museumsführungen, gegen Gesellschaftsreisen

und dergleichen eine ausgesprochene Abneigung gehabt. Wem Kunst und

Natur mehr sein soll als ein Gesprächsthema, der muß ihnen Auge in Auge

still und allein gegenüberstehen. Und wer vor den Heiligtümern der

Menschheit seine Andacht verrichten will, der kann es nur in Gegenwart

derer, die seine Nächsten sind.

Wir traten zusammen an Shakespeares Grab, -- es war wie ein Sakrileg.

Wir kamen in sein Geburtshaus und in die blumenumrankte, strohgedeckte

Hütte seiner Liebsten, -- aber Shakespeares Geist floh vor uns.

Wir kamen nach Cambridge, jener alten Universität, die sich den Typus

der mittelalterlichen Klosterstadt noch erhalten hat. Wer ihre

Säulenhallen um alte Gärten allein betreten könnte, dem müßten die Bäume

in den Weisen derer rauschen und flüstern, die hier dichteten: eines

Marlowe, Milton, Byron. Und wer sich still an einen alten Pfeiler lehnen

und in die dämmernden Bogengänge blicken dürfte, dem würde aus dunkel

geschnitzten Pforten Erasmus von Rotterdam entgegentreten, und Cromwell,

und Newton.

Wir sahen nur freundliche Professoren und Photographen und hörten Reden

und Tellergeklapper.

* * * * *

Als die Mehrzahl der Geladenen England wieder verlassen hatte, sprach

ich meinen Freund Stead, der als Reisemarschall der Gäste unaufhörlich

in Anspruch genommen gewesen war, zum erstenmal allein.

»Ihnen geht es gut,« sagte er, als wir einander in seinem Heim gegenüber

saßen.

»Woher wissen Sie das?« fragte ich mit einem bitteren Gefühl im Herzen.

»Sollten Sie etwa noch den alten Glücksbegriffen huldigen?« fragte er

dagegen.

»Jeder hat seine persönlichen,« antwortete ich ausweichend.

»Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle anderen entwickeln:

leistungsfähig zu sein,« ergänzte er. War ich schon so alt, daß er mir

solch einen Glücksbegriff zumutete, der mir nur mit äußerster

Selbstverleugnung Hand in Hand zu gehen schien?

»Sie mißverstehen mich,« meinte er. »Ich begreife darunter die stärkste

Selbstbehauptung: die Entwicklung aller Fähigkeiten zum äußersten Maß

ihrer Leistungskraft ...« Wir wurden unterbrochen; es war gut so, denn

um so stärker prägten sich mir seine Worte ein.

Nun blieb mir noch übrig, ehe ich heimfuhr, zu erreichen, was ich mir

vorgenommen hatte. Ich verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen

der Übernahme einer deutschen Korrespondenz. In den Briefen meines

Mannes spürte ich immer deutlicher den schweren Atem der Sorgen. Um

irgend eine ihrer Lasten erleichtert, mußte ich nach Hause kommen. Aber

so oft ich auch durch die glutheißen Straßen Londons von einem Bureau

zum anderen ging, meine Abreise immer wieder aufschiebend, weil eine

neue leise Hoffnung mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives.

Inzwischen war auch die bürgerliche Presse Deutschlands meiner Reise

wegen über mich hergefallen, -- die vereinzelten Stimmen der

Verteidigung waren im Chor der Schreier verhallt, -- das mochte die

höflich ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mußte mich entschließen,

mit leeren Händen zurückzukehren. Nur einer Einladung wollte ich noch

Folge leisten.

In Warwick, einem Städtchen am Avon, das von den dicken Türmen einer

uralten Burg überragt wird, fand eines jener historischen Festspiele

statt, an denen sich alljährlich in den verschiedenen Gegenden Englands

die ganze Bevölkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park des

Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen Teiles der englischen

Geschichte, von der seine Mauern noch erzählen. Auf der weiten, von

mächtigen Bäumen zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenfläche, mit dem

Fluß in der Mitte, der zwischen blühenden Rosenbüschen und hängenden

Weiden lautlos vorüberzieht, und dem Hintergrund einer sanft

verschwimmenden Hügellandschaft zogen Jahrhunderte vorüber. Und zuletzt

vereinigten sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fuß und zu Pferde

in den Rüstungen und Gewändern aller Zeiten. Nun kommt die

Schlußapotheose, dachte ich, mit der Büste des Königs und einem »Rule

Britannia« aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.

Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die Fürsten und Könige

langsam und leise hinter Bäumen und Büschen verschwanden. Nur einer

blieb zurück, allein, weltbeherrschend, als wäre die jahrhundertelange

Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen hervorzubringen, der

größer ist als alle: William Shakespeare.

* * * * *

Der Wille zur Macht, -- die höchstmögliche Entwicklung der

Persönlichkeit als Ziel des einzelnen, -- der Übermensch als Ziel der

Menschheit --: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten sich

plötzlich die Klänge, die mir diesmal in England entgegengetönt hatten.

Mein Herz schlug zum Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die

Ketten vom Fuße gelöst werden und die Pforten sich öffnen zur freien

Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die alte vertraute Welt seiner

Jugend, und doch erscheint sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes

Kind war ich gewesen, als ich aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft den

ersten Ruf persönlicher Befreiung vernahm: »Das Leben sagt: Folge mir

nicht nach; sondern dir! sondern dir!« -- Galt nicht derselbe Ruf heute

der Menschheit?

* * * * *

Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts traf ich auf der Straße eine

Kapitänin der Heilsarmee, die mich herzlich begrüßte.

»Sie kennen mich wohl nicht mehr?« fragte sie lächelnd; »aber der Nacht

in Whitechapel vor elf Jahren erinnern Sie sich gewiß.«

Im Augenblick sah ich das Weib wieder vor mir, die, von den Gefährten

ihres Jammers umringt, im Schmutz der Gasse geboren hatte. Ich streckte

meiner einstigen Führerin erschüttert die Hand entgegen.

»Sie würden mir heute, nach all den Reformen des Grafschaftsrats, nichts

Ähnliches zeigen können,« sagte ich.

»Man hat aufgeräumt, -- gewiß,« antwortete sie ruhig, »und an Stelle

mancher elenden Häuser neue gebaut, aber das Elend ist immer dasselbe.

Die einen sterben, andere wandern zu ...«

»Entsetzlich!« rief ich aus. »Wie können Sie das nur ertragen?!

Erscheint Ihnen nicht Ihre ganze Arbeit hoffnungslos?!«

Sie lächelte freundlich: »Ich habe viele Seelen gewonnen, denen für

allen Erdenjammer der Himmel offen steht.«

Noch nie war mir der Christenglaube so grausam erschienen als in diesem

Augenblick. Wie eine Zyklopenmauer richtete er sich auf zwischen den

Menschen und ihrer Erlösung. Ich verabschiedete mich rasch. Den vollen

Akkord, den ich eben noch vernommen hatte, durchtönte eine schrille

Dissonanz. Ich war der schaffende Künstler nicht, der die einheitliche

Lösung hätte finden können. Als ich aber dann heimwärts fuhr,

beherrschte mich nicht mehr jene niederdrückende Empfindung, mit leeren

Händen zu kommen.

* * * * *

Mein Mann empfing mich mit wehmütiger Zärtlichkeit, sodaß ich ihm

angstvoll forschend ins Auge sah. »Es ist nichts, Kind, nichts!« wehrte

er in nervöser Erregung ab. »Ich bin nur abgespannt, -- nur müde.« Aber

allmählich erfuhr ich doch, was geschehen war: eine Gruppe von

Parteigenossen seines Wahlkreises forderte von ihm die Niederlegung

seines Mandats, weil -- ich mich an der Englandreise beteiligt hatte,

und ein außerordentlicher Kreistag sollte darüber entscheiden.

Glühende Sommerhitze brütete über der Mark; an den Bäumen in den Straßen

hingen die Blätter schon gelb und tot; kein Lüftchen rührte sich, und

doch umgaben dichte Staubwolken den Wagen, der uns von Gusow nach

Platkow führte. In dem kleinen Saal herrschte unerträgliche Schwüle. Er

war schon gefüllt, als wir kamen: von lauter schweigenden Menschen mit

harten Zügen und finsteren Blicken. Unsere alten Kampfgefährten rührten

kaum an die Mütze bei unserem Eintritt. Einen Augenblick lang

umklammerte ich den Arm meines Mannes, -- außer ihm hatte ich hier

keinen Freund mehr. Die Anklage wurde verlesen. Es war die Sprache des

»Vorwärts«, den sie führte. »Das hat Berlin diktiert!« rief Heinrich.

Die Falten auf der Stirn unserer Richter vertieften sich.

Mein Mann antwortete zuerst. Er erinnerte daran, wie häufig schon

hervorragende Parteigenossen sich mit politischen Gegnern zu gemeinsamer

Arbeit vereinigt hätten, wie es auch an Beispielen für das harmlosere

Zusammensein zu geselligen Zwecken nicht gefehlt habe. Und als einer

wütend dazwischen schrie: »Die Monarchentoaste!« erklärte er, daß die

Teilnahme an dieser Form internationaler Höflichkeit um so weniger als

eine Verleugnung der republikanischen Gesinnung angesehen werden könne,

nachdem wir uns den viel ernsteren Treueiden der Landtagsabgeordneten

unterwerfen müßten. Als er geendet hatte, hoben sich ein paar Hände zu

schüchternem Applaus; die Mehrzahl der Genossen aber verharrte weiter in

finsterem Schweigen. Die nach ihm sprachen, hatten ihre Reden alle auf

einen Ton gestimmt: daß die Partei durch uns geschädigt worden sei.

»Für uns jibt's nur ein rechts und links,« rief der Maurer Merten; »die

Akademiker, die nich Fleisch sind von unserem Fleisch, die zieht's eben

immer wieder zu den Bourgeois. Ich aber sage Euch, Jenossen« -- dabei

hieb er mit der breiten Faust auf den Tisch -- »sowas dürfen wir uns

nich länger gefallen lassen, am wenigsten von unserem Abgeordneten. Was

wäre verloren, wenn die Jenossin Brandt nich nach England jefahren

wäre?! Es wäre ooch noch so! Nu aber, wo sie hinfuhr, sehen wir, daß sie

kein proletarisches Bewußtsein hat; daß sie den Klassenkampf in

Harmonieduselei verwandeln möchte und statt gegen die Gegner neben uns

zu stehen mit ihnen bei Schampagner un Braten techtelmechtelt ...«

»Bravo, Bravo« -- klang es von allen Seiten, während mein Mann wütend

vom Stuhl sprang und ein »Unverschämt!« zwischen den Zähnen hervorstieß.

Mich packte ein jäher Schreck, als habe sich plötzlich vor mir die Erde

gespalten: standen wir allein auf der einen Seite und jenseits die

selbsterwählten Gefährten?!

»Die Genossin Brandt hat das Wort,« hörte ich wie von weit her sagen.

Ich sammelte mich rasch. Aller Augen sah ich auf mich gerichtet.

»Mein Vorredner,« begann ich, »hat einen konsequenten Standpunkt

vertreten, er hätte nur hinzufügen müssen, warum bei uns zum Verbrechen

gestempelt wird, was anderen kein Härchen krümmte: wir sind des

Revisionismus verdächtig. Das Schauspiel, das Sie hier aufführen, wäre

noch kläglicher, als es so wie so schon ist, wenn nicht im Hintergrund

tiefere Differenzen schliefen. Sie stehen auf dem Boden des

Klassenkampfes, -- wir auch; Sie hassen die kapitalistische

Wirtschaftsordnung, -- wir auch. Aber ihrer selbst unbewußt, führen Sie

den Klassenkampf im Sinne des Krieges; Sie wollen den Gegner

niederzwingen, Sie wollen sein Land erobern. Sie, die Sie seit

Jahrtausenden die Lastträger der Menschheit sind, würden es schon als

gerecht empfinden, wenn nur die Rollen der Unterdrücker und

Unterdrückten vertauscht würden. Sie sehen in jedem Vertreter der

herrschenden Gesellschaft einen Feind, weil Sie ihm als die Abhängigen,

Unfreien gegenüberstehen, weil Sie ihm schon das bloße Sattsein neiden

müssen. Wir können Ihren von der Bitterkeit des eigenen Herzens

genährten Haß nicht mitfühlen, denn nicht persönliches Leiden machte uns

zu Ihren Genossen. Uns ist das Ziel des Kampfes nicht die veränderte

Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern die uneingeschränkte

Herrschaft der Menschheit über die Natur. Die Erde wollen wir erobern,

um gleiche Entwicklungsbedingungen für alle zu schaffen, nicht

Feindesland, das Unterworfene beackern sollen ...«

Ein unwilliges Gemurmel erhob sich. Im Saal fing es an zu dämmern. Ich

unterschied nur noch die Zunächstsitzenden. Sonst war alles eine

schwarze Masse, aus der nur hie und da ein kahler, breiter Schädel, ein

weißer Bart, der glühende Punkt einer Zigarre herausleuchtete.

»Die Diktatur des Proletariats!« klang es mit tiefer Stimme drohend aus

dem dunkelsten Winkel.

Die Jakobiner! antwortete es in meinem Innern. Ich fühlte, die Luft war

geladen mit Sprengstoff gegen mich.

Den Faden meiner Rede hatte ich verloren, und unsicher und leise fuhr

ich fort: »Ich habe Schulter an Schulter mit Ihnen gekämpft, -- was

bedeutet das gegenüber der Tatsache, daß ich mit politischen Gegnern auf

demselben Schiff nach England fuhr! Wir haben zusammen diesen Wahlkreis

erobert, und in jener Nacht, da die alte rote Fahne als Zeichen des

Sieges über uns flatterte, hat uns ein starkes Gefühl, wie ich glaubte,

auf immer verbunden, -- aber was bedeutet das gegenüber dem Verbrechen

der Kaisertoaste! Der Zweck der Reise war nichts anderes, als was im

Interesse des Sozialismus gelegen ist, -- was bedeutet das gegenüber der

Sünde, mit Nichtsozialisten an einem Tische gesessen zu haben! Dafür

ist's nicht genug, daß unsere Presse mich beschimpfte, wie kein

bürgerliches Blatt jemals zuvor, -- nein, es muß auch noch ein Exempel

statuiert werden: der Genosse Brandt muß fallen! ... Nicht um

unsertwillen, denn nicht wir sind die Unterlegenen, wenn Sie den

vorliegenden Antrag annehmen, sondern im Interesse der Partei erwarte

ich von Ihnen seine Ablehnung. Leisten Sie ihm Folge, so enthüllen Sie

eine schwärende Wunde, und das in einem Augenblick, wo die bürgerliche

Welt gierig darauf wartet, uns bei einer Schwäche ertappen zu

können ...«

Keine Hand rührte sich. Die Petroleumlampe, die von einem roten

Papierschirm umgeben, von der Decke herabhing, flammte auf und warf ein

unsicher flackerndes Licht über heiße Gesichter.

Mein Mann sprach noch einmal, -- kalt, zornig. »Ich verlange nicht nur,

daß Sie den Antrag ablehnen, sondern daß Sie ihn zurückziehen,« sagte

er.

Der Geruch der qualmenden Lampe machte mich schwindeln. Während der

Pause, die die Genossen zur internen Beratung anberaumt hatten,

verließen wir den Saal. Draußen empfing uns die stille, mondhelle Nacht.

Das Armenhaus gegenüber warf einen breiten, schwarzen Schatten auf den

Sand.

»Der Antrag, den Genossen Brandt zur Niederlegung seines Mandats zu

veranlassen, ist zurückgezogen,« erklärte der Vorsitzende, als wir

wieder eintraten.

Die Versammlung ging ruhig auseinander. Wir verabschiedeten uns mit

einem förmlichen Gruß. Auf unserem Wege nach der Station geleitete uns

niemand.

Kaum waren wir ein paar Tage lang in unsere Arbeit wieder vertieft, als

ich erfuhr, daß die Berliner Parteileitung mich aus der offiziellen

Rednerliste der Partei gestrichen habe. Ich legte Protest ein und

verlangte, gehört zu werden.

Man lud mich vor. Rings um den Saal saßen die Männer, in der Mitte an

einer langen Tafel die Frauen, Wanda Orbin an ihrer Spitze. Sie waren

meine Ankläger gewesen. Martha Bartels war der Staatsanwalt. Sie zählte

alle meine Sünden auf, von einer Agitationsreise an, die ich vor vier

Jahren hatte absagen müssen, bis zur Englandfahrt. Aber auch meine

Verteidigung war eine Anklage: ich verschwieg nichts. Mitten in meiner

Rede erhob sich Wanda Orbin ungestüm von ihrem Platz; ich sah, wie ein

Zittern ihren Körper durchlief, wie der Zorn ihre Züge verzerrte. Im

nächsten Augenblick stand sie vor mir und erhob die Faust, -- einer der

zunächst sitzenden Genossen sprang dazwischen.

»So diskutieren wir nicht!« rief er empört.

Der Beschluß, meinen Namen von der Rednerliste zu entfernen, wurde

aufgehoben. Das Verhalten Wanda Orbins mochte die Genossen stutzig

gemacht haben. Trotzdem war mein Sieg nur ein scheinbarer; in seinen

Folgen blieb der Beschluß bestehen.

Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner. Jeder Kampf um

Ideen wirkt erfrischend, selbst wenn er mit den schärfsten Waffen

geführt wird. Aber was ich erlebte, war so eng, so klein, hinterließ

einen so arm, mit einem so bitteren Geschmack auf der Zunge. Nicht

Gewitterschwüle war's, die lastend auf mir ruhte und die Hoffnung auf

Blitz und Wolkenbruch weckt, sondern feuchtwarmer Nebel, ganz dichter,

undurchdringlicher. Und er umschlang mit seinen langen Armen, die sich

nicht greifen, noch weniger zurückstoßen lassen, die ganze Partei.

* * * * *

Unter dem Zeichen der siegreichen russischen Revolution hatte der Jenaer

Parteitag gestanden, eine tiefe Erregung, die nach Taten schrie, hatte

sich aller bemächtigt; die Resolution zum Massenstreik hatte angesichts

dieser Stimmung, so vorsichtig sie gefaßt war, wie eine Fanfare

geklungen. Und nun war der Rausch vorüber; die Ernüchterung allein

blieb. In kleinlichem Hader, in gegenseitigen Vorwürfen machte sie sich

Luft.

Mit steigendem Mißbehagen empfanden die Nur-Politiker den leisen Hohn,

mit dem die Gewerkschafter ihnen begegneten. Sie hatten von jeher dem

Theoretisieren über den Massenstreik skeptisch gegenübergestanden, und

auf ihrem Kongreß in Köln sprachen sie sich rückhaltlos aus; von der

Unfruchtbarkeit der Partei, von dem stagnierenden Sumpf der

gegenwärtigen Situation, von der kläglichen Lage, in die wir durch die

wirkungslos verpuffte Landtagswahldemonstration gekommen seien, von dem

Mißverhältnis zwischen Worten und Taten war viel die Rede. Nicht ohne

berechtigten Stolz wiesen sie darauf hin, daß die anderthalb Millionen

gewerkschaftlich Organisierter eine stärkere Macht repräsentierten als

die viermalhunderttausend Mitglieder der sozialdemokratischen

Wahlvereine.

»Ich habe die Möglichkeit einer Spaltung der Partei immer weit von mir

gewiesen,« sagte einer der gewerkschaftlichen Führer; »aber wenn die

Dinge sich weiter entwickeln wie jetzt, dann reißt uns, weiß Gott, die

Geduld! Die Radikalen, die, wenn man den Firnis abkratzt, nichts sind

als gewöhnliche Spießer, bilden sich ein, wir tanzen nach ihrer Pfeife,

bloß weil sie so laut ist. Sie sollen sich wundern!«

Auf dem Parteitag zu Mannheim kam es zu einem Duell zwischen Bebel und

Legien. Keiner war unbestrittener Sieger, Wunden trugen beide davon, die

sogenannte Einigungsresolution war nichts als ein Pflaster. Und die

schweren Nebelschwaden senkten sich tiefer.

Plötzlich aber erhob sich ein Sturm, den kein Wetterkundiger

vorausgesehen hatte: die Regierung forderte einen Nachtragsetat für den

Krieg gegen die Hereros, der im Verhältnis zu den Millionen, die die

Reichstagsmehrheit bisher für die Kolonien bewilligt hatte, eine

Lappalie war. Von den Rednern des Zentrums und der Sozialdemokratie

wurde dabei die ganze Kolonialpolitik mit ihren Gewaltmaßregeln, ihren

Grausamkeiten aufgerollt, und zu allgemeiner Überraschung wurde der

Kredit für Südwest-Afrika abgelehnt. Das erschien der Regierung als der

geeignete Moment, dem Volke durch die Tat zu beweisen, daß der

Konstitutionalismus in Deutschland nur auf dem Papiere steht: nicht der

Kanzler und die Minister danken ab, wenn die Volksvertreter sie

desavouieren, sondern die Volksvertreter werden mit einem Fußtritt

hinausgeworfen, wenn sie das persönliche Regiment nicht jasagend

anerkennen.

Wir erfuhren die Nachricht der Reichstagsauflösung, als wir mit Romberg

im Kaffee des Kaiserhofs saßen. Und hier, wo eine Anzahl der politischen

Berichterstatter größerer Zeitungen zu verkehren pflegten, rief sie

einen Aufruhr hervor, wie ihn Berlin sonst nicht kannte.

»Eine unglaubliche Dummheit der Regierung!« rief der eine stirnrunzelnd,

der andere frohlockend.

»Nun geht's in den Kampf --« Ich mußte an mich halten, um es nicht

jubelnd herauszustoßen. Ich sah wieder entwölkten Himmel, weiten

Horizont.

»Wenn die Partei sich selbst zerfleischt, so ist noch immer die

Regierung zugesprungen, um die Wunden zu heilen,« sagte mein Mann.

Romberg zuckte die Achseln:

»Die Kolonialfrage als Wahlparole?! Ich fürchte, Sie täuschen sich über

ihre Bedeutung.«

* * * * *

Der Winter war ungewöhnlich hart damals. Gerade die Not, die ihn zum

Gefolge hat, macht ihn zu unserem Agitator, dachte ich. Alle unsere

Gegner, an ihrer Spitze der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie und

der Flottenverein, rüsteten sich bis an die Zähne wider uns. Ich war

überzeugt: das steigere nur unsere Kampflust und festige unsere

Einigkeit wieder. Fürst Bülow selbst trat auf das Schlachtfeld und rief

die staatserhaltenden Kräfte gegen die Sozialdemokratie auf. Dieses

Eingreifen des höchsten Staatsbeamten wird selbst unsere lauen Anhänger

zu hellem Zorn entflammen, -- dessen war ich gewiß.

Und der Kampf begann. Über knirschenden Schnee flog der Schlitten, der

mich von einem Dorf zum anderen trug. Oft bestieg ich ihn, glühheiß von

der eben gehaltenen Rede, und die Luft, die mir den Atem am Munde

gefrieren ließ, schien mir eine Wohltat. In den niedrigen Sälen fanden

sich die Menschen ein wie sonst, aber der Sturm, der in den

Schornsteinen heulte, der Schnee, der in dichten Flocken gegen die

Fenster flog, trieb ihnen kühle Schauer über den Rücken.

Je näher der Tag der Entscheidung rückte, desto fieberhafter arbeiteten

wir. Den Husten, der mir des Nachts den Körper erschütterte, suchte ich

zu ersticken, meine Stimme, die versagen wollte, zwang ich unter meinen

Willen. Wir glaubten an den Sieg. Und in Augenblicken selbstvergessener

Hoffnung, wo die bösen Geister der Sorge vor unserer Zuversicht die

Flucht ergriffen, wo alle Furcht sich verkroch wie Schakale vor der

aufgehenden Sonne, da fühlte ich, wie mein Herz heiß wurde und der

Aberglaube Gewalt über mich bekam: von der Entscheidung hängt auch

unsere Zukunft ab.

* * * * *

Wieder, wie vor vier Jahren, saßen wir am Abend der Wahl im

Gewerkschaftshaus zu Frankfurt. Und wieder hatte die Gärtnersfrau den

Korb voll roter Nelken neben sich, und die Fahne lehnte eingerollt an

der Wand. Aber die Genossen, die sich allmählich hereindrängten, machten

ernste Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter Hiobsposten.

Kein Ort, ohne einen Rückgang unserer Stimmen! Dazwischen die Depeschen

aus anderen Kreisen: Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten

Nachrichten gekommen waren, leerte sich die Straße unter unseren

Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach dem anderen. Es

schlug Mitternacht, -- die Nelken welkten schon im Korbe. Wir waren nur

noch ein Häuflein in dem großen öden Raum, -- wir wollten uns nichts

ersparen: die Schlacht war endgültig verloren.

Wenige Tage später -- in der Nacht nach den Stichwahlen -- gingen wir

durch die Straßen Berlins: da kamen sie in langen Zügen, unsere

Überwinder -- kein Polizeisäbel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf.

Vor dem Königsschloß sammelten sie sich in schwarzen Massen. »Heil dir

im Siegerkranz --« brausend stiegen die Töne durch die klare Winterluft

zu dem hellen Fenster empor, an dem der sich zeigte, der heute in

Wahrheit der Sieger war: der Kaiser.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 26 / 30 题