»Heinrich ertrüge es nicht,« antwortete die Stimme meines Herzens.
* * * * *
Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin zurück. Sie war in einem
Sanatorium gewesen und hatte dann eine lange Seereise gemacht.
»Nun bin ich heil und gesund,« damit trat sie wieder vor mich hin, »und
jetzt komme ich zu dir und will arbeiten.« Mit ungläubigem Lächeln sah
ich sie an. »Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses
Leben aus?« schmollte sie, weil ich sie nicht ernst nehmen wollte.
»Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der ein heimlicher Genosse
ist,« fuhr sie zu plaudern fort. »Er holte nach, was du zu tun
versäumtest; gab mir Bücher und Zeitungen und klärte mich auf. Ich bin
überzeugte Sozialdemokratin.«
»Aber Ilse!« lachte ich. »Du?! Die Ästhetin?! Du mit deinem Grauen vor
dem Pöbel?!«
Nun wurde sie wirklich böse. »Ist es so unwahrscheinlich, daß man sich
entwickelt? -- Bist du vielleicht als Genossin auf die Welt gekommen?!
-- Ich bildete mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude
zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich werde dir beweisen,
wie ernst ich es meine: noch heute will ich mich dem Vertrauensmann
meines Wahlkreises vorstellen, ich werde sogar Flugblätter austragen,
wenn er mich brauchen kann.«
Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen Wandlung meiner
Schwester, als Heinrich sie begrüßte. Er fand sich rascher in die
veränderte Situation.
»Da hätten wir ja eine neue Mitarbeiterin,« sagte er lebhaft.
»Ja, -- ob ich aber schreiben kann?!« meinte sie zögernd.
»Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript?« wandte er sich an
mich. »Und prädestiniert sie nicht ihre ganze Vergangenheit, gerade das
wichtige, noch so sehr vernachlässigte Gebiet der künstlerischen
Volkserziehung zu dem ihren zu machen?«
Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden hatte, war jetzt
vergessen. Die kleine Ilse war wieder mein Kind, wie einst, da sie
nichts so gerne hörte wie meine Geschichten, mit nichts spielen mochte
als mit den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide Hände
entgegen:
»Du brauchst keine Flugblätter auszutragen, um zu beweisen, daß du zu
uns gehörst. In der Partei ist viel Raum für Kräfte wie die deinen.«
Am Abend sah ich an Heinrichs grüblerischem Gesichtsausdruck, daß
irgendein Gedanke ihn beschäftigte. Er ging schweigsam im Zimmer auf und
nieder. Endlich blieb er vor mir stehen: »Was meinst du, wenn wir Ilse
aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft mit einem Kapital zu
beteiligen?«
Ich hob die Hände, als gelte es einer Gefahr zu begegnen.
»Um Gottes willen nicht!« rief ich aus.
»Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen,« entgegnete er
stirnrunzelnd. »Daß wir alles aufs Spiel setzen, ist dir
selbstverständlich; daß Ilse einen Bruchteil ihres Vermögens opfern
soll, kommt dir unmöglich vor. Und doch könnte das ihr geben, was ihr
fehlt: einen ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr
ist als Laune und Spielerei.«
Ich widersprach auf das heftigste: »Was wir tun und lassen, ist unsere
Sache, aber die Verantwortung für Ilse dürfen wir nicht auf uns nehmen.
Niemals ertrüg' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!«
Heinrich brauste auf. »Wie kannst du von Ruin sprechen, wo uns nichts
fehlt als die Mittel, noch einige Zeit auszuhalten, -- wo wir in zwei,
drei Jahren über das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so gar
keinen Glauben an die eigene Sache?«
»Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewiß --,« meine Hände preßten sich
flehend ineinander, »-- aber lieber will ich mir die Finger blutig
schreiben, lieber will ich von Ort zu Ort gehen, um die Mittel für die
Neue Gesellschaft zusammenzubringen, als daß ich mich an Ilse wende.«
Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. »Ich finde deinen
Standpunkt kleinlich, -- deiner und deiner Schwester unwürdig. Sie wird
sich freuen, mit einem Teil ihres Überflusses etwas Nützliches leisten
zu können.«
Aber ich ließ mich nicht überzeugen. »Laß uns wenigstens noch versuchen,
ob sich nicht auf anderem Wege Hilfe schaffen läßt,« bat ich. Heinrich
schwieg, sichtlich verletzt.
Alle Schritte, die er in den nächsten Wochen unternahm, waren umsonst.
Immer näher rückte die Zeit, die uns vor die letzte Entscheidung
stellte. Mich schauderte im Gedanken daran.
Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen Reise
zurückkehren sah, -- so müde, so gebrochen, da hielt es mich nicht
länger: »Geh zu Ilse,« sagte ich.
* * * * *
War es der Leichtsinn der Jugend, war es die Überzeugungskraft der
Reife, die Ilse ohne einen Augenblick des Überlegens dem Vorschlag
Heinrichs entsprechend handeln ließ? Wie kam es nur, daß in dem
Augenblick, wo sie sich nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln mit
mir vereinte, ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume
meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die freie Bewegung
meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft angezogen.
Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede ruhige Stunde als
Unterlassungssünde empfanden ließ. Selbst in den Augenblicken, wo die
Sache, der ich diente, mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, daß ich
arbeiten mußte, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren. Daß die
Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere Liebe zueinander festigen
sollte, -- daran dachte ich kaum mehr. Kam mir in heißen Nächten nach
gehetzten Tagen die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich saß meinem
Mann gegenüber, tagaus, tagein, über Manuskripte und Korrekturen
gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr, mich für den Geliebten zu
schmücken, keine Zeit mehr für das süße Spiel der Liebe, für Suchen und
Finden, Zurückstoßen und Wiedererobern. Nur für mein Kind stahl ich mir
morgens und abends noch eine Stunde; aus der Frische seines Denkens und
Fühlens floß mir der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter
schaffen zu können.
Meinen kleinen Haushalt überließ ich nun schon lange der Berta. Zuweilen
wunderte ich mich wohl, daß er bei seiner Einfachheit so kostspielig
war. Aber jede Spur von Mißtrauen lag mir fern. Opferte die Berta uns
nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es nicht, die unter Hinweis auf
die entstehenden Kosten jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein
besorgte?
Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem Nähtisch liegen.
»Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag geschenkt,« sagte sie.
Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend war, ein Paket für
»Fräulein Berta«, die Uhrkette sei darin, die sie sich durch sie habe
besorgen lassen, fügte sie erklärend hinzu. Ich wurde stutzig und ließ
mich in ein Gespräch mit ihr ein.
»Auch das Armband hat mein Mann besorgt,« schwatzte sie, »es kostete nur
sechzig Mark. Und Fräulein Berta kann sich wohl mal was selber gönnen,
nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.«
Nach Hause?! dachte ich verblüfft, ihr Vater war doch, wie sie oft
genug erzählt hatte, in behäbiger Lage. Nun verfolgte ich erst
aufmerksam ihr Tun und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle
Beweise in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen worden. Im
ersten Gefühl der Empörung wollte ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige
bringen. Aber dann schämte ich mich. War ich nicht die Schuldige
gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernmädchen eine Freiheit
gelassen, eine Selbständigkeit aufgebürdet hatte, der sie geistig und
moralisch nicht gewachsen war; ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit
Geschenken überhäuft hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken
mußten? Sie war für die Lebenssphäre, in die sie zurücktreten mußte, bei
mir und durch mich verdorben worden.
Ich entließ sie; ich bekannte meinem Mann meine Schuld. Von nun an mußte
ich mich um die täglichen Sorgen des Haushalts kümmern, mußte vor allem
die Zeit erübrigen, um mit meinem Buben ins Freie zu gehen. Ich war viel
zu ängstlich, um ihn sich selbst zu überlassen. Wie müde fühlte ich
mich, wenn ich abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich morgens
erwachte! Wie lange noch würde ich aushalten können?!
Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze Nervenkraft, die
volle Anspannung des Willens. Ein neuer Parteiskandal forderte
gebieterisch unsere Stellungnahme. Die Auseinandersetzungen über den
Massenstreik hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder die Formen
persönlichen Gezänks, gegenseitiger Verdächtigungen angenommen. Zur
Empörung der radikalen Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den
Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer Parteitag eine
wenigstens äußere Verständigung zwischen beiden Richtungen herbeiführte
und auch die Preßfehde zu schlichten schien, ließ sich Groll und
Mißtrauen nicht durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen
Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorwärts-Redaktion, die ihre
Ansichten weder dem Votum der Masse unterwerfen, noch sich zu einem
Inquisitions-Tribunal hergeben wollte, des Revisionismus verdächtig.
Kaum war der Parteitag vorüber, als der Parteivorstand mit den Berlinern
in Verhandlungen eintrat, deren Resultat die Entlassung und der Ersatz
eines oder mehrerer Redakteure und die Neugestaltung der
Mitarbeiterschaft über den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter
verschlossenen Türen, mit strengstem Schweigegebot für die Teilnehmer
und -- unter Ausschluß der Angeklagten ging das alles vor sich. Ein
Fehmgericht nach demselben Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der
Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die Gleichheit, wo die
Brüderlichkeit?! Als die Redaktion trotz aller Vorsichtsmaßregeln von
den Vorgängen erfuhr und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein
allen Grundsätzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten schroff
zurückwies, handelte sie, wie organisierte Arbeiter handeln, wenn der
Unternehmer ihre Kameraden ohne sie zu hören mit Aussperrung bedroht:
sie erklärte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre Entlassung
ein und begründete ihre Handlungsweise vor der Öffentlichkeit. Mit
gezückten Schwertern standen einander nun wieder zwei Richtungen in der
Partei gegenüber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien der
Demokratie, sondern die der Despotie.
»Wie können wir noch mit freier Stirn unsere Ideale gegenüber der
Willkürherrschaft monarchischen Absolutismus verteidigen,« schrieben wir
in der Neuen Gesellschaft, »wie können wir die Selbstherrlichkeit des
Unternehmertums, seinen rücksichtslosen Herrenstandpunkt gegenüber dem
Arbeiter angreifen, wenn der Gegner uns mit den eigenen Waffen zu
schlagen vermag? Wie können wir an den endlichen Sieg unserer Sache
glauben und uns unterfangen, andere davon überzeugen zu wollen, wenn die
Ansichten einzelner, -- hier des Parteivorstands, ganz besonders die
Bebels, -- zum Kredo erhoben werden und jeder Andersgläubige der
Ketzerei beschuldigt wird, -- ungehört, wie bei den Hexenprozessen? ...
Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan, tun wir die unsere! ...«
Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird, nicht nur weite und immer
weitere Kreise zieht, sondern auch den Grund aufwühlt, sodaß dieser
plötzlich in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt, so war
es hier. Man hatte vergessen, den Grund zu säubern und auszumauern, ehe
der frische Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die Moral der
bürgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum mit Feuer und Schwert
und Verfolgung eingeimpft hatte, beherrschte alles menschliche Denken
und Fühlen.
»Besser unrecht leiden, als unrecht tun,« predigten salbungsvoll unsere
Parteiblätter; also sich beugen, sich der Macht unterwerfen, Demut und
Unterwürfigkeit für der Tugenden größte erklären, -- konnte, durfte das
die Ethik des Sozialismus bleiben?
Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum; ich hatte keine Zeit,
Gedanken zu formen; ich hatte auch keine Kraft.
Sonderbar, wie elend ich mich fühlte. Als stünde mir eine große
Krankheit bevor. Ich ballte die Hände, sodaß die Nägel mich in der
Handfläche schmerzten: ich durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit
meinem Sohn durch die Straßen ging, überfiel mich ein Schwindel. Dann
lehnte ich mich an irgend eine Mauer, und er blieb vor mir stehen, die
großen ernsten Augen ängstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich abends
mit irgend einer notwendigen Näharbeit bei ihm war, und er mir mit all
dem überzeugten Pathos des Kindes vorlas, -- Märchen und Gedichte, die
feierlichsten am liebsten, -- dann brauste es mir vor den Ohren, sodaß
ich kaum seine Stimme noch hörte. Was war das nur?
Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein Junge war mein
Vertrauter und mein Verbündeter zugleich. Er hatte mir versprechen
müssen, dem Vater nichts zu sagen.
»Papachen hat soviel Ärger, er soll sich nicht auch noch um mich Sorge
machen!« -- Und dies erste Zeichen eines freundschaftlichen Vertrauens
seiner Mutter hatte ihn sichtlich reifer gemacht.
Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte unaufhörlich an die
Scheiben; um meinen Kopf lag es wie ein Band von Eisen. Plötzlich aber
mußte ich vom Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen
hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz. Wie hatte ich nur
so lange fragen können, was mir fehlte: ich war guter Hoffnung. »Guter«
Hoffnung?! Sehnsüchtig hatte ich mir oft noch ein Kind gewünscht, hatte,
wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein Naturgebot empfunden, mehr
seinesgleichen zu gebären. Und jetzt? Wie anders fühlte ich mich, als da
ich ihn unter dem Herzen trug: schwach, schwermütig, arbeitsunfähig. Und
ich mußte doch arbeiten!
Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die Rechte der
Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe auf das
»parteischädigende Treiben der Neuen Gesellschaft«. Auf wessen Tisch die
rotleuchtende Flammenschrift unseres Blattes entdeckt wurde, der
erschien schon verdächtig.
Wenn meine Schwester kam, wurde mir heiß und kalt. Etwas wie
Schuldbewußtsein machte mich ihr gegenüber immer scheuer. Wir mußten uns
durchsetzen, -- um jeden Preis! -- Und ich biß die Zähne zusammen und
trug schweigend meine Qual, bis ich nicht mehr konnte.
Meine Ärztin machte ein ernstes Gesicht: »Sie müssen sich vollkommen
ruhig halten, sich vor jeder Aufregung hüten,« sagte sie mit scharfer
Betonung.
Ich verzog den Mund zu einem Lächeln und ging heim, als schleppte ich
eine Zentnerlast mit mir. Und wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel
hätte verkriechen können, sie würde weiter drückend auf mir liegen. Wen
einmal die Sorge umstrickt, den hält sie fest.
Eine krankhafte Angst bemächtigte sich meiner. Ich fürchtete mich vor
dem keimenden Leben in mir wie vor einem Mörder. Ich malte mir in
dunkeln Nachtstunden den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin vor der
Türe stand.
Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in meinem Schoß Leben gewesen
war, starb es. Während der langen dunkeln Stunden, die ich nun
regungslos auf dem Rücken lag, richtete das Ungeborene zwei starre Augen
auf mich, anklagend, richtend. Und ich beweinte es, als hätte es schon
in meinen Armen gelegen.
Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner Großmutter
Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben gemaltes Bild: ein Köpfchen
mit weißen Rosen bekränzt, -- ihr jüngstes Kind, das gestorben war, ehe
seine Lippen das erste »Mutter« zu lallen vermochten. Ich stellte es auf
den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte mich zu jeder Stunde daran
erinnern, daß mein Kind zum Opfer gefallen war.
Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur Kraft.
Eines Abends saß ich mit meinem Sohne zusammen unter der grünumschirmten
Lampe. Er war in das Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem
Tische lag.
»Das mußt du hören, Mama,« rief er aus; seine Augen glänzten vor
Entzücken.
»Nun geht in grauer Frühe
Der scharfe Märzenwind,
Und meiner Qual und Mühe
Ein neuer Tag beginnt ...«
las er. In den Stuhl zurückgelehnt, hörte ich ihm zu.
»Kein Dräuen soll mir beugen
Den Hochgemuten Sinn;
Ausduldend will ich zeugen,
Von welchem Stamm ich bin..«
Ich richtete mich auf. »Ausduldend will ich zeugen, von welchem Stamm
ich bin,« wiederholte ich leise, nahm meines Kindes Kopf zwischen beide
Hände und küßte ihn auf die Stirn. Es war ein Gelöbnis.