Fünfzehntes Kapitel

Draußen auf dem Asphalt brannte die Sommersonne. Ein Geruch von Pech und

Staub erfüllte die gewitterschwere Luft. In dem dunkelsten Winkel einer

jener öden Straßen Berlins, die keine anderen Farben haben als die

grellbunten der Firmenschilder, die kein neugierig flanierendes Publikum

kennen, weil ihnen die Anziehungskraft glänzender Schaufenster fehlt,

hatte der Sommer sein ganzes Füllhorn ausgeschüttet: Ein enger Hof war

zum Blumenteppich geworden, eine graue Eingangshalle zum Laubengang. Und

öffnete sich die Doppeltür des hohen Gebäudes dahinter, so schlug

Sommerblumenduft dem Eintretenden entgegen. War er von der nüchternen

Straße in einen Palast geraten? Zwischen blühenden Büschen standen weiße

Bänke, auf den Tischchen davor rote Rosen in Gläsern von geschliffenem

Kristall. Eine Flucht fürstlicher Räume schloß sich daran, mit weichen

Teppichen auf dem Estrich und Gobelins an den Wänden und tiefen Sesseln

vor den Kaminen. Frauenbildnisse hingen in den langen Galerien daneben;

ein Rascheln und Knistern von Frauenkleidern, ein Wispern und Flüstern

von Frauenlippen war darin. In den großen Sälen saßen dicht gedrängt von

früh bis spät lauter Frauen und lauschten mit sehnsüchtigen Augen und

heißen Wangen den Rednerinnen, die ihnen vom Kampf und Sieg, vom

Wünschen und Hoffen ihres Geschlechts erzählten.

Das Weltparlament der Frauen tagte hier. Während acht Tagen wurde in

vier Sektionen zugleich verhandelt. Kunst und Wissenschaft, Erziehung

und Unterricht, Recht und Sitte -- nicht ein Gebiet, das das Leben des

Weibes berührt, blieb unerörtert. Die Großen sprachen und die Kleinen,

die Vorsichtigen und die Draufgänger, die Weiten und die Engen. Es war

eine Revue der Frauenbestrebungen, ein neutraler Boden für alle

Richtungen, eine freie Bahn, um einander kennen zu lernen. Nur die

Sozialdemokratie Deutschlands hatte sich selbst ausgeschlossen, obwohl

die Leitung des Kongresses ihr alle Referate über die Arbeiterinnenfrage

hatte überlassen wollen und ihr damit die Gelegenheit geboten worden

wäre, das Elend der Massen zu schildern, das sonst in diese Säle keinen

Eingang fand, und die Lehren des Sozialismus zu verkünden, die die

Hunderte und Tausende, die hierher kamen, nur in den Zerrbildern seiner

Gegner gesehen hatten.

Vor acht Jahren hatte ich mich diesem Beschluß gefügt: die christliche

Idee der notwendigen Einheit von Glaubensdienst und Selbstaufopferung,

die ich durch ein Leben der Selbstbehauptung glaubte überwunden zu

haben, hatte in dem Augenblick wieder von mir Besitz ergriffen, wo ich

mich der Sozialdemokratie anschloß. Die »Sache« war die mystische Macht

gewesen, die über mir gestanden hatte. Sie war bei mir, wie bei

Hunderttausenden meiner Genossen, -- als wolle Gott, der von uns

verlassene, sich an uns rächen, -- an seine Stelle getreten. Nun aber

war der Bann gebrochen. Daß ich den zur Hochburg der Frauen verwandelten

Musikpalast Berlins betrat, war ein erstes Zeichen innerer Befreiung.

Ich sprach überall, wo die Interessen der Arbeiterinnen zur Debatte

standen. Und allmählich strömten die Frauen mir nach, wenn ich von einem

Saal zum anderen ging, und manche Diskussion, manche persönliche

Unterhaltung bewies mir besser als Beifallssalven, die oft nur der

Freude an der Sensation gelten mochten, daß der Samen des Sozialismus

auf guten Boden gefallen war. Gewiß, solche Wirkungen lassen sich nicht

messen, sie kommen nicht in den Zahlen der Partei- oder

Gewerkschaftsmitglieder zu sichtbarem Ausdruck, aber auch sie rufen in

Haus und Schule, in Gesellschaft und Staat jene Kräfte hervor, die von

innen heraus an der allmählichen Umwandlung der Geistesrichtung der

Menschen tätig sind. Während ich hin und herging und diese und jene

hörte, sah ich wie groß die Wandlung schon war, die die Frauenbewegung

im Laufe des letzten Jahrzehnts durchgemacht hatte.

Damals hatten sie sich vor mir gefürchtet, als ich in ihrem Kreise der

Sozialdemokratie Erwähnung tat, heute stimmten die meisten von ihnen in

ihren wesentlichen Gegenwartsforderungen mit denen der Partei überein.

Damals war es innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung eine vereinzelte

Tat gewesen, als ich das Frauenstimmrecht in öffentlicher Versammlung

forderte, heute wurde in den Mauern Berlins der Bund für

Frauenstimmrecht gegründet So ging es doch vorwärts, auch da, wo meine

Parteigenossen nichts als Stillstand sahen, nichts anderes bemerken

wollten, weil sie meinten, den dunkeln Hintergrund einer einheitlichen

Reaktion nötig zu haben, um sich selbst in um so hellerem Licht zu

sehen, statt auch aus leisen Tönen den Siegesmarsch des Sozialismus

herauszuhören. Mein Mann hatte ein wenig spöttisch den Mund verzogen, --

zu einem wirklichen Lächeln kam es bei ihm kaum mehr, -- als ich an dem

Kongreß teilnahm.

»Du bist ein Trotzkopf,« hatte er gesagt; »du übersiehst in dem Eifer,

mit dem du dich dem Beschluß der Genossinnen entgegenstemmst, die

Folgen, die solch eine Handlungsweise für dich haben kann. Man wird dich

vollends boykottieren.«

Ich zuckte die Achseln.

»Solltest du wirklich schon so weit über den Dingen stehen?!« fragte er

zweifelnd. Ich wandte mich ab. Er sollte nicht sehen, daß ich schwächer

war, als ich mich zeigte.

Als ich sichtlich erfrischt aus den Verhandlungen nach Hause kam, meinte

er unmutig: »Vor acht Jahren gefielst du mir besser als jetzt, wo du

dich freust, weil dieselben Leute dir Beifall klatschen, die damals

sittlich entrüstet waren --«

Ich unterbrach ihn heftig: »Wie kannst du mich so mißverstehen! --

Gewiß, ich bin nicht von Stein, ich freue mich, wenn ich höre, wie die

Ideen meiner 'Frauenfrage' Verbreitung gefunden haben, ich

freue mich, daß die Mutterschaftsversicherung, daß selbst die

Haushaltungs-Genossenschaft aus dem Stadium des Bewitzelns in das

ernster Erörterung getreten ist, und ich leugne auch gar nicht, daß

Anerkennung mir wohl tut, als tröpfle mir jemand ein schmerzstillendes

Mittel in eine unheilbare Wunde, -- aber das Alles ist doch nicht die

Ursache meiner Befriedigung. Mein Glaube an die Entwicklung im Sinne des

Sozialismus ist das einzig Feste, was mir noch nach all dem

Zusammenbruch geblieben ist. Wenn ich nur das Geringste entdecke, was

ihn zu stützen, zu kräftigen vermag, so macht mich das stärker.«

»Du bist doch noch sehr jung und sehr bescheiden!« warf Heinrich ein.

Ich unterdrückte einen Seufzer. Seine morose Stimmung war imstande, jede

Spur erwachter Freudigkeit wieder zu zerstören, wie der Fluß, wenn er im

Frühjahr aus seinen Ufern tritt, mit öder weiter Wasserfläche die

blühenden Wiesen bedeckt. Ich fühlte, wie auch meine Arbeitskraft

darunter litt, wie Gedanke und Gefühl erstarrten, sobald sie in die

eisige Atmosphäre seiner Deprimiertheit gerieten.

Leise, unmerklich zunächst und doch von Tag zu Tag mehr, löste ich mich

von ihm. Das Problem der Ehe wuchs, eine üppige Schlingpflanze, und

drohte zu überwuchern, was noch an Liebe zu blühen verlangte.

* * * * *

Für die Frauenbewegung war der Kongreß neuer Wind in die Segel gewesen.

Alle Fragen, die sie umfaßte, standen wieder im Mittelpunkt der

öffentlichen Diskussion. Das Für und Wider wurde leidenschaftlich

erörtert, und in der konservativen kirchlichen Presse erhoben sich

lauter als früher die Stimmen derer, die mit dem Feldgeschrei: Erhaltung

der Ehe und der Familie! den Emanzipationsbewegungen des weiblichen

Geschlechts gegenübertraten. In einer Versammlung, die von einem der

bürgerlichen Frauenvereine einberufen worden war, sollte diesen

Angriffen begegnet werden. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde, und weil es

mich belustigte, daß lauter ehelose alte Mädchen sich für berufen

hielten, über diese Probleme zu urteilen, als in der Absicht selbst zu

sprechen.

Die Referentin verteidigte zuerst die Frauenbewegung als die Begründerin

eines neuen, schöneren, festeren Ehe- und Familienlebens:

»Gerade der Bund zwischen zwei gleichen, geistig und sittlich gereiften

Menschen ist der glücklichste, dauerndste,« sagte sie. »Der Mann wird in

der Frau nicht mehr nur die Geliebte, die Mutter seiner Kinder sehen,

sondern eine Kameradin, die seine Interessen teilt und fördert. Das

Familienleben wird sich dadurch erneuern, denn der Mann braucht nicht

mehr außerhalb seines Hauses geistiger Anregung, geistigem Austausch

nachzugehen...«

Mich reizte der salbungsvolle Ton, mit dem sie sprach, und die Art, wie

sie die Wogen der Frauenbewegung durch das Öl unbeweisbarer

Prophezeiungen zu besänftigen suchte. Ich meldete mich zum Wort.

»All Ihre schönen Argumente,« rief ich aus, »beruhen auf einem

Trugschluß: der Instinkt der Sinne ist doch nicht identisch mit dem

geistigen Verständnis! Nichts gibt die Gewähr dafür, daß zwei geistig

reiche Individualitäten, die einander in heißer Liebe begehren, nun auch

mit all den feinen Regungen ihres Seelen- und Geisteslebens

zusammenstimmen, Regungen, die um so differenzierter sind, je höher

entwickelt der Einzelne ist. Und wer vermag zu sagen, ob nicht trotz

geistiger Übereinstimmung die Liebe erkaltet oder sich auf einen anderen

Gegenstand richtet? Denn auch die Liebesgefühle und das Liebesbegehren

ist vielgestaltiger, differenzierter geworden und nicht mehr so leicht

und so unbedingt zu befriedigen ... Nein, meine Damen, lassen Sie sich

nicht einlullen durch falsche Prophezeiungen, sammeln Sie vielmehr Ihre

Kräfte durch die klare Erkenntnis neuer Probleme. Mit dem durch die

Angst um die Gefährdung alten geliebten Besitztums geschärften Spürsinn

des Feindes haben die Gegner bald empfunden, was ihnen droht: Je mehr

sich das Weib zur selbständigen Persönlichkeit entwickelt, mit eigenen

Ansichten, Urteilen und Lebenszielen, desto mehr ist die alte Form der

Ehe bedroht. Ihr Glück beruhte nicht auf Gleichheit, sondern auf

Unterordnung, nicht auf Arbeitsgemeinschaft, sondern auf Arbeitsteilung.

Für den Mann war die Ehe von einst, an der Seite einer von den Kämpfen

der Zeit unberührten, nur der Sorge des Hauses lebenden Gattin, der

Hafen der Ruhe. Heute findet er daheim neben der ihm geistig

ebenbürtigen Frau dieselbe Nervosität, dasselbe geistig angespannte

Leben wie draußen. Für die Frau war er das einzige Symbol alles äußeren

Lebens, allein von ihm empfing sie gläubig die Botschaften der Welt, die

Ansichten und Urteile über sie. Jetzt kennt sie das Leben aus eigener

Anschauung, sie denkt selbständig, sie übersteht ihn vielfach; sie

findet in ihm so wenig den Schöpfer ihres inneren Lebens, als er in ihr

die Quelle der Ruhe und des Behagens findet. Was früher einte: das

Zusammenleben, kann heute schärfer trennen, als jede äußere Trennung es

vermag ... Es kommt aber auch gar nicht darauf an, daß wir mit heißem

Bemühen die Ehe retten; mag sie an der Entwicklung zerschellen, wie

manche andere Lebensform, wenn nur der Kern erhalten bleibt: die Liebe.«

Man hatte mir mit steigender Erregung zugehört. Ich sah, wie eine Frau

nach der anderen sich mit hochrotem Gesicht zum Worte meldete. Sie

überfielen mich förmlich. Als eine Vertreterin der freien Liebe, eine

mit deren Ideen ihre Begebungen nicht das mindeste zu tun hätten,

griffen sie mich an.

»Ihre Verteidigung nützt Ihnen nichts,« antwortete ich nochmals. »Die

ersten Träger einer Entwicklung sind nur in seltenen Fällen zugleich die

Propheten ihrer letzten Konsequenzen gewesen. Als Luther seine 93 Thesen

an die Schloßkirche zu Wittenberg schlug, glaubte er, die Zyklopenmauer

der katholischen Kirche, die hier und da abzubröckeln begann, fester

aufzubauen. Als Montesquieu seinen 'Esprit des lois' und Rousseau seinen

'Emile' schrieb, glaubten sie einige dunkle Gebiete des Staats und der

Gesellschaft aufzuhellen. Keiner von ihnen wußte, daß sie die

Brandfackel in das ganze Gebäude warfen. Auch Sie propagieren Reformen

und werden zu Trägern der Revolution...«

Als ich geendet hatte, kämpfte lautes Zischen mit vereinzeltem Beifall;

als ich aber den Saal verließ, leuchteten mir aus jungen Gesichtern

dankerfüllte Blicke entgegen; es war nicht nur mein eigenes Erleben

gewesen, das ich in Worte gefaßt hatte.

An der Türe traf ich meinen Mann, der mir, ohne daß ich es wußte,

gefolgt war. Ich errötete unwillkürlich.

»War das ein Bekenntnis?« fragte er. Ich nickte. »Wollen wir nicht auch

unsere Liebe retten?« fuhr er leise fort und zog meinen Arm durch den

seinen. Mir wurde warm ums Herz: wie gut er war! Ein tiefes

Schuldbewußtsein bemächtigte sich meiner: Waren es nicht im Grunde

lächerliche Kleinigkeiten, die uns voneinander entfernten, war es nicht

frevelhaft, aus selbstischen Motiven den großen Schatz der Liebe aufs

Spiel zu setzen? Ein böser Zauber hatte ihn in die Tiefe versenkt, war

er es nicht wert, daß ich ihn durch meine Hingabe erlöste?

Ich wußte, was meinen Mann bedrückte, aber ich hatte es bisher nicht

sehen wollen. Je mehr er litt, desto schweigsamer wurde er; nur an den

gefurchten Zügen, an den finsteren Blicken, und hie und da an einem

hingeworfenen Wort erkannte ich, daß er sich in selbstquälerischen

Vorwürfen verzehrte. Die Schatten des Dresdener Kongresses fielen noch

breit über den Weg der Partei, -- er fühlte sich mitschuldig daran. Und

er hatte in einem Moment fortgeworfen, wodurch er der Partei wieder

hätte helfen können, die Schatten zu bannen: die Neue Gesellschaft.

»Das Aufgeben der Zeitschrift war heller Wahnsinn,« sagte er zuweilen.

Aber war nicht der Verkauf des Archivs schon Wahnsinn gewesen? Und ich

hatte ihn darin bestärkt, ich war mitschuldig, wenn er Schiffbruch litt!

Und in diesem Augenblick hatte ich ihn im Stiche lassen wollen! Hatte

mich bitter gekränkt gefühlt, weil er seine Stimmung nicht beherrschte,

weil er es an Liebesbeweisen fehlen ließ!

Ich wußte auch, was ihm helfen würde. Oft genug sprach er davon: die

Neue Gesellschaft wollte er wieder erscheinen lassen. Aber wenn er mich

dabei fragend ansah, so schwieg ich, und ein heftiges Wort schwebte mir

jedesmal auf der Zunge. Richtete er eine direkte Frage an mich, so

äußerte ich rücksichtslos meinen Widerspruch.

»Nicht drei Monate würden wir mit dem bißchen, was wir aus dem

Zusammenbruch gerettet haben, die Zeitschrift halten können,« sagte ich,

»und ich habe schon zu viel an Sorgen ertragen, um sehenden Auges dem

vollständigen Ruin entgegenzugehen.«

* * * * *

Wenn Graf Bülow im Reichstag über den Dresdener »Jungbrunnen« höhnte,

wenn jedes ernste Wort unserer Fraktionsredner im Gelächter der

bürgerlichen Parteien erstickte und die Kraft unserer 81 Abgeordneten

lahmgelegt blieb seit Dresden, so waren das nicht vereinzelte

Erscheinungen, sondern Symptome der allgemeinen Stimmung der Partei

gegenüber. Und ein Wochenblatt sollte imstande sein, sie zu zerstreuen?

Immer deutlicher rückte alles ab von uns, was uns nahegestanden hatte.

Noch kam ich zuweilen in Künstler- und Literatenkreise, aber ich fühlte

sogar ein persönliches Sichzurückziehen. Das Interesse wandte sich

augenscheinlich ganz anderen Gebieten zu. Die l'art pour l'art-Stimmung

breitete sich aus. Mit dem Verschwinden der Arme-Leute-Bilder und Dramen

verschwand die oppositionelle Gesinnung. Dichter und Maler, die noch vor

kurzem wenigstens durch lange Haare, Samtjacken und fliegende Krawatten

den Bohemien markiert hatten, exzellierten jetzt in tadellos

weltmännischen Allüren und beurteilten den lieben Nächsten nach seinem

Schneider. Wie vor wenigen Jahren noch der Weg ins Volk die Parole der

künstlerisch-literarischen Jugend gewesen war, so wurde jetzt die

Vornehmheit Trumpf. Nicht jene echte der Bewegung und Gesinnung, die der

Gefahr des Kopiertwerdens nicht ausgesetzt ist, sondern die müde der

Dekadenz, die sich jeder aneignen kann, dessen Finger genügend lang,

dessen Gestalt genügend schmal und dessen Charakter genügend biegsam

ist.

»Und von diesem dürren Boden glaubst du ernten zu können?!« fragte ich

meinen Mann.

»Nein,« entgegnete er, »aber ich bin optimistisch genug, um auch ihn für

bearbeitungsfähig zu halten.«

Wir widersprachen einander immer. Nur wenn die Ereignisse in der

Sozialdemokratie die feindliche Haltung gegen die Revisionisten gar zu

deutlich hervortreten ließen, kam es vor, daß er selber sagte:

»Es ist doch vielleicht noch zu früh!«

Jeder geringfügige Anlaß genügte, um in der Partei den heftigsten Streit

hervorzurufen. So war einem der in die Dresdener Skandale verwickelten

Revisionisten die Kandidatur eines sächsischen Wahlkreises angeboten

worden. Alle höheren Parteiinstanzen erklärten sich dagegen; die

Vernichtung der bisher geltenden Autonomie der Wahlkreise war die Folge,

und nun entspann sich eine leidenschaftlich erregte Diskussion in der

Presse, die auch in Volksversammlungen ihr Echo fand.

»Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu fügen,« hieß es kategorisch auf

Seite der Radikalen.

»Die Sozialdemokratie hat jede Art von Machtentfaltung, die die

Minderheit in ihrer Existenz bedroht, zu bekämpfen, also zu allererst

die in den eigenen Reihen. Es ist Despotie und nicht Demokratie, wenn

die Rechte der Minderheit schutzlos sind,« lautete die Antwort auf Seite

der Revisionisten.

In einem anderen Fall vertrat ein Parteigenosse in bezug auf die

Zollfragen theoretisch von den Ansichten der Partei abweichende

Meinungen. Er wurde einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen, und sein

Ausschluß aus der Partei war die Forderung vieler. Wortglaube,

nicht Geistesglaube war für die Dogmatiker Voraussetzung der

Parteizugehörigkeit.

Ich hörte überall dieselbe Dissonanz heraus, die in mir tönte:

Selbstbehauptung gegen Selbsthingabe, -- Individualismus gegen

Sozialismus, -- dieselbe Dissonanz, die dem Dresdener Konzert

zugrundegelegen und keine Auflösung gefunden hatte. Ob mein Mann und mit

ihm seine politischen Freunde wohl im Rechte waren, wenn sie

behaupteten, daß die Einheit in der praktischen Tagespolitik über diese

inneren Gegensätze hinweghelfen würde?

Wenn ich meine Zweifel äußerte, so war es Reinhard vor allem, der sie

auf Grund seiner Erfahrungen zu entkräften suchte.

»Sie sollten bei uns in den Gewerkschaften lernen,« sagte er; »da

besteht diese Einheit tatsächlich und ist die Grundlage unseres

wachsenden Einflusses geworden.«

Ich erinnerte mich dann der Zeiten, wo er unter den Politikern der

radikalsten einer gewesen war, und ich konnte mich der Empfindung des

Bedauerns nicht erwehren: damals durchglühten die Ideale des

Sozialismus seine Reden, heute schien nicht nur sein Handeln, sondern

auch sein Denken den Horizont des Auges nicht mehr zu überschreiten.

Arbeiterrechte und Freiheiten rang er mit eiserner Energie dem

Unternehmertum ab und richtete den Blick bei jedem Schritt vorwärts

konsequent nur auf den nächsten Schritt. Darin lag vielleicht seine

Kraft. Aber die Stimmung praktischer Nüchternheit, die ihn beherrschte,

war nicht die Atmosphäre, in der die umfassenden Ideen der

Menschheitsbefreiung sich entfalten.

Mein Mann, der gerade in dieser Richtung auf die Forderungen des Tages

das Heilmittel für die inneren Schäden der Partei zu finden glaubte,

beschäftigte sich viel mit den Gewerkschaften.

»Das sind die Kerntruppen,« meinte er, »ihre Wünsche und Bedürfnisse

müssen wir kennen, wenn wir einmal mit unserer Zeitschrift wirken

wollen.«

Wir besuchten ihre Versammlungen. Ruhige Arbeit herrschte hier. Mit

tiefgründiger Kenntnis wurden sozialpolitische Fragen behandelt,

besonders die des Heimarbeiterschutzes, die damals im Mittelpunkt des

Interesses standen. Es war bezeichnend für den Geist der

Gewerkschaftsbewegung gewesen, daß fast zu gleicher Zeit, wo die

Einladung zum Frauenkongreß von den Sozialdemokratinnen abgelehnt

worden war, die Generalkommission der Gewerkschaften den

Heimarbeiterschutz-Kongreß einberufen und die Interessenten aus

bürgerlichen Kreisen zur Teilnahme aufgefordert hatte.

Aber wenn die bewußte Beschränkung der Bewegung auf der einen Seite

einen erstaunlichen Grad von Wissen, von Energie, von Zielsicherheit

zeitigte, so entwickelte sich auf der anderen Seite eine gewisse

Engigkeit, ein Organisationsegoismus, der vom Standesdünkel alter Zeiten

nicht zu weit entfernt war. Ich agitierte selbst für die Gewerkschaften;

ich verfocht in Versammlungen die Forderungen zum Heimarbeiterschutz,

die wir im Kongreß aufgestellt hatten, ich wußte, wie notwendig das

alles war, aber ich hätte darin nicht aufzugehen vermocht, und es schien

mir nicht unbedenklich, daß so viele tüchtige Kräfte, von der

politischen Bewegung angewidert, mehr und mehr darin aufgingen. Tönte

nicht der starke Pulsschlag der Zeit nur gedämpft hierher, wo sich

Kräfte und Gedanken im engen Kreis der Organisationsarbeit, der

Sozialreform bewegten? Lagen hier nicht die Keime einer gefährlichen

Entwicklung von Egoismus gegen Sozialismus?

Allmählich war's, als öffneten sich mir immer neue Tore mit weiten

Ausblicken auf unbekannte Gebiete der Arbeiterbewegung. Eine

Schulvorlage, die von der preußischen Regierung schon lange in Aussicht

gestellt war und auf Einführung konfessioneller Schulen hinauslief, rief

in der Presse und in Versammlungen eine lebhafte Kontroverse über

Erziehungsfragen hervor. Der bloße selbstverständliche Protest dagegen,

die bloße Forderung der Trennung von Schule und Kirche genügte nicht

mehr. Wer sich aus Arbeiterkreisen an den Debatten beteiligte, der hatte

sich auch mit den Details der Frage beschäftigt, und ein Verlangen nach

weiterer Aufklärung wurde laut. In einer kleinen Versammlung vor den

Toren Berlins hörte ich einen alten Arbeiter von Pestalozzi sprechen. Er

hatte ihn nicht nur gelesen, sondern in sich aufgenommen und schilderte

die Arbeitsschule der Zukunft, die an Stelle der »Paukschule« der

Gegenwart treten würde, mit demselben Enthusiasmus, wie ein anderer sich

über den Zukunftsstaat verbreitet haben würde. Auf solche und ähnliche

Erfahrungen hin wagte ich es, die »pädagogische Provinz«, Goethes

Erziehungsutopie, zum Gegenstand eines Vortrags zu machen. Ein

Riesenauditorium, das nur aus Arbeitern bestand, folgte mit gespannter

Aufmerksamkeit allem, was ich sagte, und in der Diskussion zeigte sich

nicht nur, daß ich verstanden worden war, sondern auch wie viele ihren

Goethe gelesen hatten. Jetzt fing ich an, mit erwachtem Interesse den

nicht politischen Versammlungen nachzugehen, und ich entdeckte mit

wachsendem Staunen suchende Menschen, nicht nur fordernde. Wo religiöse,

wo philosophische Fragen angeschnitten wurden, war das Interesse am

stärksten. Jener brutale philosophische Materialismus, der alles

leugnete, was sich nicht mit Händen greifen ließ, und für die Masse der

Sozialdemokraten um so mehr an die Stelle kirchlich-dogmatischen

Glaubens getreten war, als sie ihn in naheliegender Begriffsverwirrung

mit dem Grundprinzip des Marxismus, dem historischen Materialismus,

zusammengeworfen hatten, beherrschte nicht mehr so uneingeschränkt wie

früher die Gemüter. Der Unglaube, der geblieben war und neben alles

Unabweisbare sein Fragezeichen aufrichtete, schien erfüllt von Sehnsucht

und Heimweh.

Junge und alte Männer begegneten mir, die in ihrer freien Zeit

verschlangen, was ihnen an philosophischen Schriften erreichbar war:

neben Kant und Schopenhauer das seichteste Gewäsch sogenannter

Popularphilosophie, neben Dietzgen, dem Parteiphilosophen, allerhand

theosophische, selbst spiritistische Schriften. In der Qual, mit der sie

immer wieder versuchten, die geistige Vernachlässigung ihrer Jugendjahre

zu überwinden, die Grundlagen des Denkens und Wissens, die ihnen

fehlten, nachzuholen, lag eine größere Tragik als in der leiblichen Not.

»Wir sind alle gute Sozialdemokraten,« sagte mir einmal ein

älterer Mann, der es vom einfachen Arbeiter zum einflußreichen

Gewerkschaftsbeamten gebracht hatte, »und der Sozialismus ist das, was

uns zusammengeschweißt hat, uns im Kampf gegen die Feinde unüberwindbar

macht; aber nun will doch jeder auch etwas für sich sein.«

Das war der Wunsch nach Persönlichkeit, der sich regte, die Reaktion

gegen die geistige Nivellierung, die die Stärke und die Schwäche des

Sozialismus war.

Und alles Wünschen und Suchen ging in die Irre. Niemand antwortete

darauf, niemand sprang hinzu, um Taumelnde zu halten, Blinde zu führen.

Eintönig, wie die Zukunftsprophezeiungen der ersten Christen, klang

ihnen aus dem Munde ihrer Führer immer dieselbe Formel entgegen:

»Die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch den

Klassenkampf bringt allen Erlösung.«

Sie fühlten mehr, als daß es ihnen deutlich zum Bewußtsein kam: Über die

Befreiung von Not und Elend hinaus muß es ein persönliches Ziel geben,

für das die Erreichung dieses ersten, rohesten nichts als der

Ausgangspunkt ist. Würden sie im Suchen danach nicht auf Abwege geraten,

sich nicht entfernen vom Wege, der notwendig zuerst zu jener ersten

Etappe führen mußte?

* * * * *

In Rußland warf die Revolution ihre Brandfackel in Städte und Dörfer.

Die Blüte der Jugend, die geistige Elite des Landes trugen die Fahne

voraus, und die schwerfällige Masse des Riesenvolkes geriet in eine

ungeheure Bewegung. Selbst die Bauern in ihren einsamen Steppen grüßten

das Licht, das sie flammen sahen, als ihren Befreier. Hunderte fielen,

Hunderte verschwanden im grausigen Dunkel russischer Zitadellen,

Hunderte wurden in Ketten in die Bergwerke Sibiriens verschleppt, aber

Tausende füllten die Lücken wieder aus, die ihr Verschwinden gerissen

hatte. Die Zeit forderte Helden, und sie wuchsen empor; das Leben galt

ihnen nichts mehr, wo der Tod die Saat der Freiheit war. Das große

Reich, der Hort der europäischen Reaktion, schien in seinen Grundvesten

erschüttert. Vor Arbeitern und Bauern, vor Studenten und Frauen streckte

der Absolutismus die Waffen. Wir sahen, wie der Himmel über der Grenze

sich rötete. Und vielen, auf deren Seelen der häßliche Parteizank

lastete, die sich ernüchtert fühlten durch den langen staubigen Weg, den

sie an Stelle des Schlachtfeldes gefunden hatten, wurde der Glanz zu

einem Hoffnungsschimmer.

Von der Weltenwende der russischen Revolution, von dem Zusammenbruch des

Zarismus sprachen prophetisch die Redner in unseren politischen

Versammlungen.

»Wir leben in den Tagen der glorreichen russischen Revolution --,«

damit wurden die Nörgler und Zweifler niedergeschlagen.

»Sehen Sie nicht, daß die Zeit gekommen ist, die Marx voraussah, wo die

Evolution in die Revolution umschlägt --?«

Daran entflammte sich die Begeisterung der Massen. Meine Empfindung,

meine Phantasie war auf ihrer Seite, meine Hoffnung entzündete sich

daran.

* * * * *

Oft, wenn ich als Kind am Weihnachtsabend erwartungsvoll im dunkeln

Zimmer saß, hatte der Lichtstrahl, der aus dem Raum daneben, wo die

Mutter den Baum putzte, durch das Schlüsselloch drang, mir die ganze

Seele erhellt und alle Angst vor der Finsternis um mich vertrieben. So

war mir jetzt zumut: es drang ein Lichtstrahl in das Dunkel. Noch kannte

ich seine Quelle nicht; nur daß er da war, bannte die Furcht.

Heinrich hatte recht: es gab für uns nur eine Aufgabe: die Neue

Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen, durch sie zusammenzufassen, was

in der Arbeiterbewegung nach allen Richtungen auseinanderzufließen

drohte: den geistigen Hunger der Massen, die praktische Arbeit der

Gewerkschaften und Genossenschaften, die Schwungkraft der kämpfenden

Partei. Und wie sie auf dem Wege zu einer neuen tieferen Einheit

Richtung geben sollte, so sollte sie im Kreise der intellektuellen

Jugend dem Sozialismus Anhänger werben. Wir bedurften dieser Jugend, das

lehrte uns Rußland, das predigten uns die stummen Lippen all der

Suchenden, die der geistigen Führer entbehrten. »Die Wissenschaft und

die Arbeiter«, -- ein Kind dieses Bundes war der Sozialismus gewesen,

ihn zu zerstören und zu verleugnen war der eigentliche Parteiverrat.

Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die zuerst wieder von

unserer Zeitschrift sprach. Und was ich so lange entbehrt hatte,

geschah: Heinrichs verdüsterte Züge erleuchteten sich wie von innen

heraus. Jetzt endlich kamen die Stunden innerer Gemeinschaft zurück, und

im Überschwang der Freude glaubte ich das Mittel wieder gefunden, das

auch die klaffenden Wunden unserer Ehe schließen würde. In gemeinsamer

Arbeit, mit demselben großen Ziel vor Augen würden wir enger,

unauflöslicher zusammenwachsen.

Ein Umstand half uns, mit etwas größerer Zuversicht an die Arbeit zu

gehen. Meine Schwester, eine der sechs Erben der verstorbenen Tante,

hatte, empört über die mir widerfahrene Ungerechtigkeit, versucht, die

Annullierung des letzten Testaments, das meine Enterbung aussprach,

durchzusetzen. Und als die Verwandten einmütig erklärt hatten, den

letzten Willen der Toten respektieren zu müssen, tat sie allein, was sie

von den anderen verlangt hatte, und verzichtete in Anerkennung meines

Anspruchs auf den sechsten Teil ihres Erbes zu meinen Gunsten. Es war

zunächst nur wenig, was ich bekam, -- der größte Teil des Vermögens lag

in Grundstücken fest, -- aber für uns, die wir von Anfang an mit einer

so geringen Summe rechnen mußten, daß kaum ein anderer daraufhin den Mut

gehabt hätte, eine Zeitschrift zu gründen, war es eine willkommene

Hilfe. Nur ganz flüchtig dachte ich daran, die paar tausend Mark für

meinen Jungen festlegen zu wollen, -- ich errötete dabei über mich

selbst. Drüben, im Osten, opferten sie ihr Leben ihrer Sache, und ich

könnte mit dem lumpigen Gelde knausern!

* * * * *

Es war ein frohes Arbeiten damals. Wir fanden Mitarbeiter im eigenen

Lager, die unsere Ideen teilten, wir fanden aber auch Künstler und

Schriftsteller, die nicht abgestempelte Genossen waren und mit Freuden

die Gelegenheit ergriffen, einmal zum Volk zu sprechen. Und zuerst

leuchteten uns überall die aus den schwarzen Schornsteinen glutrot

aufsteigenden Flammen der Neuen Gesellschaft entgegen.

Daß innerhalb der Parteiorganisationen schon gegen uns gehetzt, vor

einem Abonnement unserer Zeitschrift gewarnt wurde, daß uns die Genossen

wieder als »Geschäftssozialisten« öffentlich an den Pranger stellten, --

dafür hatten wir nur ein Achselzucken. Sie glaubten, wir wollten wühlen,

kritisieren; sie würden sich bald eines Besseren belehren lassen, denn

wir dachten nur daran, aufzubauen. Am Himmel der Zeit stiegen

Sturmwolken auf, und wer wetterkundig war, der sah dahinter erfrischte

Luft, zu neuem Segen durchtränkte Erde.

Der Strom der russischen Revolution, der drüben alles mit sich riß,

schien zuerst an Deutschland vorüberzubrausen, als wäre die Grenze ein

Felsengebirge. Allmählich aber begannen seine Fluten Tunnel zu bohren,

und die deutsche Reaktion warf angstvoll Wälle auf. In den Einzelstaaten

kam es zu Wahlrechtsverschlechterungen, und die Angriffe auf das

allgemeine Reichstagswahlrecht wurden lauter. Unter dem Deckmantel der

scheinbar harmlosen Schulvorlage ging der preußische Landtag darauf aus,

mit den Seelen der Kinder die Zukunft dem Fortschritt zu entwinden. Doch

das Proletariat lernte von den russischen Freiheitskämpfern. Zum

erstenmal in Deutschland eroberten sich die Arbeiter die Straße zu

gewaltigen Massendemonstrationen. In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz

durchzogen Tausende und Abertausende, dem Polizeiaufgebot trotzend, die

Stadt. Und wenn sie auch der Hartnäckigkeit der Regierung nichts

abzutrotzen vermochten, sie fühlten sich nicht geschlagen, denn die

Siege jenseits der Grenzen stärkten immer wieder ihren Mut: in dunkeln

Massen, dicht gedrängt, mit einem Schweigen, das mehr als drohende Rufe

von finsterer Entschlossenheit zeugte, war die wiener Partei vor dem

Parlament aufmarschiert, während in ganz Österreich die Arbeit ruhte,

und eroberte im gleichen Augenblick eine Wahlreform, die vor wenigen

Wochen noch von der Regierung abgelehnt worden war. Und angesichts der

blutgetränkten Straßen Petersburgs, der rauchenden Trümmer baltischer

Schlösser versprach der russische Zar dem Volke die Verfassung.

Jetzt galt es auch in Preußen, gegen die Hochburg der Reaktion Sturm zu

laufen: gegen den Landtag. Wir schürten in unserer Zeitschrift mit allen

Mitteln den Brand.

»Trotz aller Anerkennung des stark pulsierenden Lebens, das in den

Spalten der Neuen Gesellschaft herrscht,« schrieb mir Romberg damals,

»bleibt Ihre Schornsteinzeitung mir unsympathisch, -- jetzt vollends, wo

ich mit aufrichtiger Trauer sehe, daß Sie jene Vornehmheit preisgeben,

deren Aufrechterhaltung durch alle Fährnisse proletarischer Versuchung

mir bisher so bewundernswert erschien. Den ganzen giftigen Zorn der

Renegaten schütten Sie über Ihre eigenen Klassengenossen, die Junker,

aus.«

»Über Ihren Geschmack streite ich nicht mit Ihnen,« antwortete ich, »er

führt uns, fürchte ich, weit voneinander. Aber mir die Preisgabe der

Vornehmheit vorzuwerfen, dazu haben Sie kein Recht. Gerade weil ich

Aristokratin war und blieb, weiß ich zu scheiden zwischen dem Adligen

und dem Junker. Die Hutten und Berlichingen, die Mirabeau und Lafayette,

die Struve und Krapotkin, -- das waren Aristokraten, das heißt freie

Herren, keine Fürstenknechte, keine Sklaven des Herkommens. Ich bin

stolz, zu ihnen zu gehören und werde, wie sie, bis zum letzten Atemzug

gegen die Junker, das heißt die Dienstmannen, kämpfen.«

Im Abgeordnetenhause erklärte Graf Roon: »Wenn jemals die Regierung

daran denken sollte, uns in Preußen die geheime Wahl zuzumuten, so

würden wir zur schärfsten Opposition übergehen.«

»Auf das nachdrücklichste lege ich dagegen Verwahrung ein, daß das

allgemeine geheime Wahlrecht als Wahlrecht der Zukunft hingestellt

wird,« sekundierte ihm Herr von Manteuffel. Hüben und drüben schlossen

sich die Reihen der Kämpfer. Sollte die Schlacht schon bevorstehen?

In den Köpfen der Parteigenossen spukte diese Frage, der die andere auf

dem Fuße folgte: wie bereiten wir uns vor? Das Mittel immer wiederholter

Arbeitseinstellungen hatte sich in Rußland als das eindrucksvollste

erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen Partei erörtert. Es trennte

die Geister nach einem Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und

Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament riß mich rückhaltlos

auf die Seite derer, die den Massenstreik verteidigten; mein Mann stand

im entgegengesetzten Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten.

Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander.

»Glauben Sie, es läßt sich beschließen, übermorgen nachmittag um vier in

den Massenstreik einzutreten?« höhnte Reinhard. »Revolutionen sind keine

Paraden, die vorher einexerziert werden.«

»Aber die Truppen müssen dafür vorbereitet sein wie für die Kriege,«

entgegnete einer unserer Mitarbeiter; »wir müssen den Gedanken in die

Köpfe hämmern, damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.«

»Von unseren drei Millionen Wählern sind nur viermalhunderttausend

politisch organisiert, und von zwölf Millionen Arbeitern nur anderthalb

Millionen gewerkschaftlich!« rief Reinhard aus. »Mir scheint, wir müssen

zuerst die Köpfe _haben_, ehe wir daran denken können, eine Idee in sie

hineinzuhämmern.«

Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des neu entfachten

theoretischen Streites, der bei uns Deutschen so oft an Stelle des

Handelns tritt. Die Demonstrationen gegen den preußischen Landtag

beschränkten sich auf ein paar große Versammlungen, denen erst das

Aufgebot von Polizei und Militär Bedeutung verlieh. Die Schulvorlage

wurde angenommen. Graf Bülows Politik der Ablenkung des Volksinteresses

bewährte sich wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu

unseren Kerntruppen gehörten, richteten sich wie hypnotisiert auf die

internationalen Verwickelungen. Von der feindseligen Verstimmung sprach

der Reichskanzler, als die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging:

»Deutschland muß stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten zu

können!«

Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine stets schlagbereite

Armee zu haben, sprach der Kaiser. So wurde gegen die revolutionäre die

patriotische Stimmung ausgespielt.

* * * * *

Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft vorwärts gerichtet,

besinnungslos. Wir hatten unser Programm erfüllt, waren jeder tieferen

Volksregung nachgegangen; es hatte an aufrichtiger Anerkennung nicht

gefehlt, und trotz allen lauten und leisen Wühlens gegen uns war in

kurzer Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen worden. Aber die Kosten der

Zeitschrift überstiegen bei weitem die Einnahmen. Wir konnten nicht

länger die Augen davor verschließen, daß unsere Mittel auf einen

winzigen Rest zusammengeschmolzen waren.

»Drei Jahre müssen Sie aushalten können, dann haben Sie sich

durchgesetzt,« sagte uns ein treuer Genosse, der zugleich ein guter

Geschäftsmann war.

»Drei Jahre!« wiederholte ich in Gedanken. »Wo wir kein Vierteljahr mehr

gesichert sind!«

»Wir dürfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute weniger als je,«

erklärte mein Mann; »denn jetzt schädigen wir dadurch die Sache.«

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 24 / 30 题