Vierzehntes Kapitel

Alle Vorbereitungen für das Erscheinen der Gesellschaft waren getroffen.

Es sollte eine Zeitschrift großen Stiles werden. Hervorragende

Parteigenossen des In- und Auslandes hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt.

Eine junge Künstlerin, von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den

Umschlag gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen die Feuerflammen

der kommenden Zeit emporschlagen. Es gab Leute, die angesichts der

schönen Ausstattung, des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die

wir festgesetzt hatten, bedenklich die Köpfe schüttelten. Aber der

Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an unsere Sache, den wir

von jeher besessen hatten, nur noch gestärkt. Jetzt war wirklich die

Zeit gekommen, wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu werden

begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbständig praktische Politik zu

treiben. Breite Schichten der Arbeiterschaft, die erstarkten

Gewerkschaften an der Spitze, verlangten danach, und die Masse der

Mitläufer, die unseren Sieg hatte vergrößern helfen, war zweifellos

nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat zu uns gekommen,

sondern durch die Hoffnung auf Reformen der Gegenwart.

Eines Morgens kam Heinrich verärgert aus dem Bureau: »Der Lindner läuft

umher wie die Jungfrau von Orleans: 'und mich, die all dies Herrliche

vollendet, mich freut es nicht, das allgemeine Glück'. Sollten die

Schwarzseher ihn schon beeinflußt haben?! Das könnte mir passen!«

Wir hörten eine Woche lang nichts von ihm. Dann kam ein Brief; --

während mein Mann ihn überflog, veränderten sich seine Züge: »Hier hast

du den Wisch,« rief er wütend und warf die Türe hinter sich ins Schloß.

»Da ich mich überzeugt habe, daß ein gedeihliches Zusammenarbeiten

zwischen uns nicht erreichbar sein wird, trete ich von unserem Vertrag

zurück --,« las ich.

Das ist doch nicht möglich, -- das kann doch nicht sein, fuhr es mir

durch den Kopf; wie kann er sein Wort brechen, jetzt, in diesem

Augenblick, wo er weiß, das damit alles steht und fällt!

Heinrich war beim Rechtsanwalt gewesen. »Nichts zu machen,« knirschte

er, als er nach Hause kam, »mein Anstand, oder sagen wir lieber meine

Dummheit, die mich hinderten, den Vertrag notariell zu machen,

ermöglichen diesen erbärmlichen Rückzug.«

Was nun?! Heinrichs trotzige Energie hatte auf diese Frage nur eine

Antwort: »Erst recht!«

Ich fühlte mich im ersten Augenblick wie gelähmt und war geneigt, im

Rücktritt Lindners etwas zu sehen, das einem Wink des Schicksals oder

einem Gottesurteil gleichkam. Aber die Ereignisse innerhalb der Partei

zerstreuten den Nebel, der meinen Blick vorübergehend verdunkeln wollte.

Überall hatten nach den Wahlen Siegesfeiern stattgefunden. Hunderte von

Rednern hatten das »Unser die Welt!« in die überfüllten Säle

hinausgeschmettert und ein vieltausendstimmiges Echo gefunden. Dann aber

war der Rausch verflogen, und jenes erwartungsvolle Schweigen war

eingetreten, das jedem großen Ereignis zu folgen pflegt. Man konnte sich

nicht vorstellen, daß nun der Alltag wieder da ist, -- genau so wie

vorher; es mußte irgend etwas folgen, das dem Ungeheueren entsprach, das

wir erlebt hatten! Doch es geschah nichts. Nur der Sommer war gekommen

mit seiner Blumenpracht, -- wie immer. Ein unbestimmtes Gefühl der

Enttäuschung erkältete die eben noch glühenden Herzen. Die durch den

Kampf aufgepeitschten Nerven erschlafften plötzlich; eine nörgelnde

Empfindung der Unzufriedenheit entstand; kaum einer war, der sich ihr

entziehen konnte, und wer am leidenschaftlichsten um den Sieg gerungen

hatte, den packte sie mit doppelter Gewalt.

Einige der führenden Geister in der Partei waren sich bewußt, daß die

nervöse ungeduldige Frage der Massen nach dem Preise des siegreichen

Kampfes Antwort heischte. Aber sie empfanden nicht, daß die Antworten,

die sie gaben, angesichts der Größe der Erwartungen wie eine Verhöhnung

wirken mußten. Kautsky, der Theoretiker des Radikalismus, versuchte ihr

als der Vorsichtigere aus dem Wege zu gehen, indem er sich nur mit den

Wahrscheinlichkeiten der künftigen Haltung unserer Gegner beschäftigte,

und im übrigen die Gemüter durch den Hinweis auf »die alte, bewährte

Taktik der Partei« zu beruhigen suchte. Eduard Bernstein dagegen, der

Revisionist, hatte in dem Bestreben, zu momentanen praktischen

Resultaten zu gelangen, acht Tage nach dem Siege auf die Frage: was

folgt aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen? keine andere Antwort als

die: ein sozialdemokratischer Vizepräsident im Reichstag! Was in ruhigen

Zeiten vielleicht zu einer Erörterung innerhalb der Fraktion geführt

hätte, das wurde jetzt das Signal zum Aufruhr.

Wie, darum haben wir monatelang unsere Haut zu Markte getragen, darum

haben drei Millionen Deutsche einundachtzig Sozialdemokraten in den

Reichstag geschickt, damit einem von ihnen die Gelegenheit geboten wird,

vor dem Kaiser zu katzbuckeln, -- dem Kaiser, dessen Faust wir von Essen

und Breslau her noch auf unserer Wange brennen fühlen?! So tönte es von

allen Seiten.

Vergebens, daß Vollmar von München aus versuchte, der kühlen Vernunft zu

ihrem Rechte zu verhelfen, indem er die tatsächlichen Vorteile der

Vertretung der Partei im Präsidium hervorhob und die Haltlosigkeit der

prinzipiellen Gegnerschaft zu dem »Hofgang« dadurch illustrierte, daß

die Parteigenossen in den Einzelstaaten es mit ihrer republikanischen

Gesinnung vereinigen müssen, dem jeweiligen Landesherrn Treue zu

schwören, der Eid aber doch bedeutungsvoller sei, als ein offizieller

Besuch im Kaiserschloß, -- bis nach Norddeutschland drang seine Stimme

nicht. Zu tief empfanden Alle die unbewußte Verhöhnung ihrer Hoffnungen

und ihres Glaubens in Bernsteins Antwort auf die Frage, die sie bewegte.

Und auch ich konnte mich dem niederdrückenden Eindruck nicht entziehen.

Die Empörung über Bernstein verdichtete sich zur allgemeinen Wut auf die

Revisionisten, die sie ihrerseits mit einem Ungeschick, das sich nur

aus ihrer Temperamentlosigkeit erklären ließ, schüren halfen.

»Wir müssen die liberalen Parteien ersetzen --,« erklärte der eine; die

aufgeregten Massen lasen daraus: wir müssen unsere sozialdemokratischen

Grundsätze in die Tasche stecken.

»Ein proletarischer Klassenkämpfer sein, das heißt nicht auf die

bürgerliche Gesellschaft unterschiedslos drauflos prügeln --,« sagte ein

anderer; die Arbeiter ergänzten: wir sollen mit ihr liebäugeln.

Sie hatten unrecht -- zweifellos --, wie jeder unrecht hat, den die

Leidenschaft nicht nur dem Ziel entgegen vorwärts reißt, sondern blind

und taub macht für alles, was rechts und links geschieht. Aber weit

größer war das Unrecht derer, die imstande gewesen waren, an dem

Siegesfeuer, dessen himmelauflodernde Flammen die Begeisterung der

Kämpfer entfacht hatten, ihr armseliges Süppchen zu kochen und es den

Andächtigen, deren Glauben noch glühender brannte als das Feuer, als

sättigende Speise darzureichen.

Ein mächtiger Helfer erwuchs ihrem Zorn, einer, der noch immer

wundergläubig gewesen war, wie sie; einer, den, wie sie, der Sieg

trunken gemacht hatte: August Bebel. In einer Erklärung, die dem

Pronunziamento des Nachfolgers Christi auf dem apostolischen Stuhle

gleichkam, verurteilte er Bernstein und die Seinen und drohte überdies

mit der Entscheidung des nächsten Parteitages. Nun erst, nachdem der

Führer gesprochen, entbrannte der Bruderkrieg in vollem Umfang. Was

Bebel nur hatte ahnen lassen, das sprachen andere aus: fort aus der

Partei, wer uns den Sieg verekelt.

Ich fürchtete das Schlimmste. Meine persönlichen Besorgnisse

verschwanden wie Tautropfen im Meer. Jetzt galt es, den Bedrohten einen

Mittelpunkt schaffen, der zum Ausgang einer starken, jungen Bewegung

werden könnte. Aus tiefster Überzeugung wiederholte ich Heinrichs: »Erst

recht!«

* * * * *

Der Verkauf des Archivs war der erste Schritt zu unserem Ziel. Heinrich

wandte sich an einen der größten Verleger, der seine Bereitwilligkeit

aussprach, das Archiv zu übernehmen, wenn der alte Herausgeber ihm

erhalten bliebe. Er bot ein Redaktionshonorar dafür, das uns zeitlebens

der Sorgen enthoben hätte. Wir besannen uns keinen Augenblick, seine

Vorschläge zurückzuweisen.

»Nun bliebe noch Romberg,« sagte ich zögernd; ich wußte, seit jener

ersten Anfrage war eine leise Entfremdung zwischen den beiden Männern

eingetreten.

»Damit er mich wieder behandelt, wie der hochmögende Vormund,« brauste

Heinrich auf.

Noch am selben Abend schrieb ich an Romberg. Wenige Tage später war er

in Berlin. Ich setzte ihm die Lage auseinander.

»Ich appelliere lediglich an Ihr Interesse für die Zeitschrift,« sagte

ich, »die heute eine der angesehendsten ihrer Art ist. Es lag Ihnen

daran, sie in die Hand zu bekommen; -- Sie sprachen seinerzeit davon,

als von einem Ersatz der ordentlichen Professur.«

Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Wenn ich nun aber statt meines

persönlichen Interesses, das sich nicht verändert hat, meine

Freundschaft entscheiden ließe?!« rief er aus. »Mir scheint, ich müßte

Sie vor einem Unglück bewahren!«

»Das lassen Sie meine Sorge sein,« antwortete ich herb. Er schwieg

verletzt, und als gleich darauf mein Mann eintrat, stellte er sich auf

einen ausschließlich geschäftlichen Standpunkt und verhandelte nur mit

ihm.

Kurze Zeit darnach war die Angelegenheit entschieden: Mit zwei anderen

Herren übernahm Romberg das Archiv.

Ich hatte im Augenblick meine ganze Zuversicht wiedergewonnen und lud

ihn ein, den Abschluß fröhlich mit uns zu feiern. Aber er war schon

abgereist.

»Dann geben wir uns allein ein Fest,« meinte mein Mann; »wir haben

Ursache genug dazu als selbständige Inhaber der Neuen Gesellschaft!«

Doch es schien, als sollte es nicht sein. Zuerst verschlang die Arbeit

unsere Zeit, und dann kam die Stimmung nicht wieder.

* * * * *

Der Hader in der Partei nahm immer bösartigere Dimensionen an. Was Bebel

an Erklärungen und Artikeln veröffentlichte, das klang so maßlos, daß

die Vizepräsidentenfrage und die Mitarbeit der Parteigenossen an

bürgerlichen Blättern unmöglich die einzige Ursache seines Vorgehens

sein konnte. Er mußte irgendwo Parteiverrat wittern, wenn er alle

politische Klugheit so völlig zu vergessen vermochte und den Gegnern die

bittere Pille der Wahlniederlage durch den Kampf in den eigenen Reihen

versüßte.

»Die Zeit des Vertuschens und Komödienspiels ist vorbei --,« rief er;

»jetzt heißt es Farbe bekennen, jetzt gibt's kein Ausweichen mehr --,«

was hieß das anders, als daß Elemente in der Partei vorhanden waren, die

nicht hinein gehörten, die entfernt werden mußten?

»Die Masse der Parteigenossen halte die Augen auf!« mahnte er; was

bedeutete das anders, als daß sich Verräter in ihrer Mitte befanden?

Aber während Bebels Zorn vom Feuer der Leidenschaft noch immer verklärt

erschien, sekundierten ihm die Zionswächter des Radikalismus mit der

Kälte systematischer Verfolgungssucht. Und nun erwachte im Proletariat,

auf dessen rohe Instinkte sie spekulierten, der Pöbel. Er warf sich

keifend auf alles, was nicht mit ihm lärmte.

Wir, die wir dem Revisionismus eine selbständige Zeitschrift schaffen

wollten, standen, das zeigte sich bald, mit auf der ersten Seite der

Liste der Konskribierten. Noch ehe die erste Nummer unseres Blattes

erschienen war, wurde es als ein kapitalistisches Unternehmen

gebrandmarkt; von Mund zu Mund ging der Klatsch, daß wir einen reichen

Gönner gefunden hätten, der es wie einen Sprengstoff in die Partei

werfen wollte, und in einer der wild erregten Versammlungen, die dem

Parteitag vorangingen, fiel zum erstenmal das verächtliche Wort, das

wohlgefällig weitergetragen wurde: »Geschäftssozialisten.«

Es traf mich wie ein Keulenschlag. Eben erst hatten wir eine gesicherte

Existenz von uns gewiesen, -- und nun dies Wort!!

Ich brütete stumm vor mich hin. Ich ging nicht auf die Straße, denn ich

fühlte mich wie beschmutzt.

Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen begegnete, die unter

dem Namen Revisionisten zusammengefaßt wurden. Das zahnlose alte Weib,

der Klatsch, ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den dürren

Fingern, die in jeder Gosse gierig wühlen. Als Mandatsjäger wurde der

eine verdächtigt, als lügnerischer Verleumder Bebels der andere. Und

wessen wir bisher fälschlich beschuldigt worden waren, -- eine

geschlossene Gruppe zu sein, -- das machte die Verfolgung aus uns. Den

Kopf umnebelt von den giftigen Dünsten, die rings um uns aufstiegen,

erschien uns der Haß der Personen, die uns bekämpften, als das Primäre;

kaum einer war, der noch wußte, daß es der Gegensatz der Anschauungen

war, der ihn zeugte, und niemand gab zu, daß Bebel recht hatte, wenn er

an kleinen Symptomen die ganze Richtung erkannte, -- die Richtung, die

seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er die ganze

Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, erschüttern mußte, wenn sie zur

allgemeinen Anerkennung kam.

Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen entlud, die im

Augenblick als die Sünder erschienen, so entlud sich der unsere auf

einen Mann, der seit Jahren das Feuer schürte, das uns verbrennen

sollte, der, ohne sich jemals in das Gewühl der Volksversammlung zu

wagen, von der Abgeschiedenheit seiner Studierstube aus Jeden verfolgte,

der kein Buchstabengläubiger des Marxismus war. Seine glänzende

journalistische Fähigkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen; die

fanatische Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner verfolgte, hatte

sie erhalten helfen. Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen. Selbst

seine Gesinnungsfreunde fürchteten ihn, denn er haßte heute, was er

gestern noch liebte.

»Er ist das böse Prinzip der Partei,« hieß es in unserem Kreise, während

tatsächlich nur der konservative Radikalismus mit all seiner

Unduldsamkeit, all seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.

»Wenn wir die Partei von ihm befreien können, so haben wir sie

gerettet,« erklärten unsere Freunde.

Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch immer hatte seine

überschäumende Willenskraft sich an Aufgaben erproben wollen, die

niemand sonst übernahm. Er hörte um so weniger auf die warnenden

Stimmen, die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur bestärkte.

Die Partei aus der inneren Zerrüttung erretten, in der sie sich befand,

sie einer neuen gesicherten Einheit entgegenführen, -- keine Aufgabe

wäre mir im Augenblick größer erschienen.

* * * * *

Es war am Abend vor unserer Abreise nach Dresden, wo der Parteitag

stattfand.

»Es wird ein Kampf bis aufs Messer,« sagte Heinrich; »aber was auch

kommen mag, mich soll's nicht kränken, wenn ich nur deiner sicher bin!«

Ich legte beide Arme um seinen Hals: »Du kannst es, Heinz! Noch niemals

liebte ich dich so wie heut!« Und zärtlich schmiegte ich meinen Kopf an

seine Schulter, während mein Auge in demütiger Liebe an dem seinen hing.

»Ihr törichten Frauen wollt in den Männern immer nur Helden sehen,«

meinte er. Seine Lippen brannten auf meinem Mund. Wir vergaßen der Ehe,

wie in allen glücklichen Stunden unseres Lebens; -- der Ehe, die alle

Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt, so daß die Liebe, die nur

von Sehnsucht lebt, sterben muß.

Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr entsetzt aus dem Schlaf.

»So bleib doch, Liebste,« flüsterte Heinrich traumbefangen. Aber schon

war ich im Nebenzimmer am Bett meines Kindes. Seine Wangen glühten,

verständnislos irrten seine Augen an mir vorbei. Und wieder löste sich

ein Schmerzensruf von seinen trockenen Lippen. Ich wickelte den

zuckenden Körper in nasse Tücher und schickte die Berta zum Arzt. Jetzt

erst erwachte mein Mann und erschien an der Türe.

»Papachen,« sagte der Kleine und verzog den Mund mühsam zu einem

Lächeln.

»Was ist denn nur?!« rief Heinrich mit gerunzelter Stirn und

ungeduldiger Stimme; »komm doch ins Bett, -- du erkältest dich ja!«

Ich lief ins Schlafzimmer zurück, um mir einen Mantel zu holen.

»Du siehst doch, -- Ottochen ist krank,« flüsterte ich ihm im

Vorübergehen zu.

»Krank!« wiederholte er laut und trat näher. »Nicht wahr, mein Junge,

dir fehlt nichts, -- du träumtest nur schlecht, -- du siehst ja rund und

rosig aus, wie's liebe Leben!«

Mit einem ängstlich fragenden Blick sah der Kleine von einem zum

anderen.

»Gewiß, Papa, gewiß,« sagte er dann mit stockender Stimme, »jetzt ist

schon alles wieder gut.« Aber seine tränenumflorten Augen, die flehend

zu mir aufsahen, sein heißes Händchen, das krampfhaft meine Finger

umschloß, strafte seine Worte Lügen. Ich drängte Heinrich hinaus. Wo

nur die Berta blieb? Warum der Arzt nicht kam? -- Im Wohnzimmer schlug

die Uhr sieben.

»Es ist die höchste Zeit, daß du dich anziehst, Alix,« rief Heinrich.

Wir hatten uns mit unseren Freunden für den Achtuhrzug verabredet. Ich

wechselte rasch die Kompresse auf der brennenden Stirn meines Kindes und

ging ins Schlafzimmer.

»Selbstverständlich bleibe ich hier,« sagte ich, die Stimme dämpfend.

»Das wäre noch schöner!« antwortete er heftig. »Wegen eines Schnupfens,

den der Junge im schlimmsten Fall kriegen wird, willst du in diesem

Augenblick mich und die Sache im Stiche lassen!«

Ich fühlte, wie das Blut mir siedendheiß in das Antlitz schoß: »So

sprich doch wenigstens leise --«

Aber Heinrich wollte nicht hören: »Du weißt, was auf dem Spiele steht,

-- du kommst mit,« schrie er mich an, und seine Hand umkrallte meinen

Arm.

»Und wenn die ganze Partei darüber zugrunde ginge, -- ich bleibe hier,«

zischte ich, außer mir vor Empörung.

»Mama, -- Mama!« rief eine süße weinende Stimme. Der Kleine stand auf

der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen Augen, wie im Schwindel auf

den bloßen Füßchen hin und her schwankend. Auf meinen Armen trug ich ihn

ins Bett zurück und riegelte die Tür hinter uns zu. Nach kurzer Zeit

hörte ich Heinrich das Haus verlassen. Ich fühlte keinen Schmerz, -- nur

eine ungeheure Leere in meinem Herzen. Darüber nachzugrübeln, war ich

nicht imstande: in wilden Fieberphantasien wälzte sich mein Kind auf

seinem Lager.

Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir mein Mann: »Verzeih. Wie

geht es?« Mußte ich ihm nicht jetzt, wo er so schweren Stunden

entgegenging, die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum diese

Rücksicht?! War er doch mehr als schonungslos, war grausam gewesen! Nie

würde ich ihm das verzeihen können!

»Otto schwere Blinddarmentzündung,« antwortete ich kurz, dem Ergebnis

der ärztlichen Untersuchung entsprechend.

Zwei Tage vergingen und zwei Nächte. Noch immer stieg das Fieber; der

kleine Körper krümmte sich vor Schmerzen. Die Schreie der Angst wurden

schwächer; an ihre Stelle trat ein Wimmern -- jammervoll,

ununterbrochen. Ich wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand

auf das heiße Köpfchen des Kranken legte, schien er für Augenblicke

ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn schmiegte, verlor sein Blick

den Ausdruck tiefen Entsetzens. Einmal glaubte ich schon beglückt, er

schliefe. Da riß er sich ungestüm aus meinen Armen, richtete sich hoch

auf, starrte mich verständnislos an und schrie: »Mama, -- Mama, -- warum

bist du so weit, -- so weit weg, -- ich sehe dich gar nicht mehr --« und

in verzweifeltem Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz krampfte

sich mir zusammen, -- und doch hatte ich noch Kraft genug ihm beruhigend

zuzulächeln, während ich den kleinen Körper wieder in nasse Tücher

hüllte. Er wurde still, er schloß die Augen, er atmete regelmäßiger.

Aber in meinen Ohren dröhnten seine Worte: warum bist du so weit weg! Er

hatte mich angeklagt, -- und ich sprach mich schuldig: War ich nicht

Tage, Wochen, Monde lang von meinem Sohn »weit weg« gewesen?! War nicht

auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, -- hatte nicht mit seinem

Herzen gefühlt, -- mit seinen Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen

wollte?! Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem Bette sank ich

in die Kniee; ich faltete die Hände auf seinen Kissen; -- ich betete.

Nicht zu den Schutzengeln, die mir ein Märchen waren, nicht zu dem

Christengott, den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Frömmigkeit, ob

es auch keine Worte hatte, mein Gebet war voll Glauben, ob es auch

glaubenslos war, mein Gebet war voll Kraft, denn es richtete sich nicht

gen Himmel, -- es brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum Opfer

dar ...

Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein Kind schlief mit einem

Lächeln um die blassen Lippen. Ich küßte es leise. Mir war, als wäre ich

erst in der letzten Nacht seine Mutter geworden.

Draußen läutete es. Es war der Telegraphenbote: »Wie geht es? Rege dich

über Zeitungen nicht auf.« Ich mußte den zweiten Satz noch einmal lesen;

gab es noch irgend etwas in der Welt, über das ich mich nach dieser

Nacht hätte aufregen können?! Ja so! Der Parteitag, -- ich hatte nichts

gelesen. »Otto besser. Bin ruhig. Wünsche dir das Beste,« antwortete

ich.

Während Berta mich bei dem Kranken vertrat, las ich die Berichte. Ich

erschrak, als ich sah, daß Heinrich entgegen seiner Absicht, durch den

Artikel eines sächsischen Parteiblattes herausgefordert, in der

Diskussion über die Mitarbeit von Genossen an der bürgerlichen Presse

als Erster gesprochen hatte. Die ganze Erregung über unser

Auseinandergehen, die wachsende Sorge um das kranke Kind mußte ihn

beherrscht, seine Stimmung beeinträchtigt haben. Und ich fühlte zwischen

jeder Zeile der Rede die Bitterkeit seines Herzens, die quälende Angst.

Über jenen Mann hatte er gesprochen, der sich herausnahm im Kampf gegen

uns den Ton anzugeben, der uns um einiger Artikel in einer bürgerlichen

Zeitschrift willen wie Verräter verfolgte; und er hatte ihn

gekennzeichnet, als das, was er war: ein doppelter Renegat, in der

Jugend Sozialdemokrat, gleich darauf der Verfasser einer der giftigsten

Schmähschriften gegen die Sozialdemokratie, nach wenigen Jahren wieder

Mitglied der Partei, und jetzt: ihr unfehlbarer Sittenrichter. Keiner,

so schien mir, würde sich dem Eindruck der Rede meines Mannes entzogen

haben, wenn nicht in jedem Ton die Aufregung gezittert hätte, deren

Ursache niemand kannte als ich. Immer wieder hatte ihn Bebel

unterbrochen, mit stets gesteigerter Heftigkeit, und jeder Zuruf mußte

meinen Mann, dessen ganze Seele wund war, doppelt schmerzhaft treffen.

Und dann waren sie alle über ihn und uns hergefallen, und am tollsten

hatten uns, die freien Schriftsteller -- »frei« wie der Lohnarbeiter,

der seinem Verdienst nachgehen muß --, die Genossen geschmäht, die in

sicheren Parteipfründen saßen. Ein Gefühl von Ekel stieg mir bis zum

Hals. Wie hatte doch Romberg einmal gesagt? »Durch eine bestimmte

Personengruppierung kann eine Sache rettungslos verloren gehen.« War

diese Gesellschaft wütender Proleten wirklich noch der würdige Träger

der menschheitbefreienden Gedanken des Sozialismus?

In einem kurzen Brief, den ich von Heinrich erhielt, hieß es: »... Die

Lage der Dinge ist unbeschreiblich. Die eingeschlossene Luft in diesem

engen halbdunkeln Saal scheint gefüllt mit Sprengstoff. Das gezwungene

dicht Nebeneinandersitzen erhöht die Reizbarkeit ... Bebel ist selbst

für Freunde, die ihn beruhigen wollen, unnahbar. Er hat sich stundenlang

in sein Hotel zurückgezogen und hat den Ausdruck eines Rachegottes, wenn

er wieder erscheint. Warum? Niemand weiß es. Er soll sich während der

Wahlkämpfe überanstrengt haben, sagen die einen; die Erbschaft, die ein

bayerischer Offizier ihm hinterließ, und das, was an Prozessen mit den

Verwandten dieses Offiziers darum und daran hängt, soll ihn aufregen,

meinen die anderen. Jedenfalls kommt mehr denn je alles auf seine

Haltung an; und sein Benehmen mir gegenüber läßt wenig Gutes hoffen.

Übrigens scheint er auf uns beide ganz besonders wütend zu sein. Als

Wanda Orbin die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern als todeswürdiges

Verbrechen kennzeichnete und dabei von den sündigen 'Genossen' sprach,

rief er wiederholt mit starker Betonung dazwischen: 'Und Genossinnen!'

Damit bist Du in erster Linie gemeint ... Man spricht von einer

Resolution, durch deren Unannehmbarkeit die Revisionisten hinausgedrängt

werden sollen ...«

Seltsam, wie kühl, fast gleichgültig ich dieser Möglichkeit gegenüber

blieb.

Gegen Abend fieberte mein Kind wieder. Es phantasierte von Riesen, die

das Zimmer füllten, und am Morgen war mir, als ob ich die ganze Nacht

mit ihnen hätte ringen müssen, um sie vom Bett meines Lieblings

fernzuhalten. Ich fühlte mich zu Tode erschöpft.

»Wir sind noch nicht über den Berg,« sagte der Arzt mit einem ernsten

Gesicht, »aber Sie sollten sich trotzdem schonen --.«

»Ich bin die Mutter,« unterbrach ich ihn.

»Gerade darum,« antwortete er.

Aber wie konnte ich von meinem Sohne weichen, solange seine Augen sich

trübten, wenn ich den Platz an seinem Bett verließ!

Während er ein paar Bleisoldaten auf den weißen Berg seiner Kissen

klettern ließ, überflog ich zerstreut den neuen Parteitagsbericht. Erst

Bebels Rede fing an, mich zu fesseln. Er zählte die Sünden jener

Wochenschrift auf, für die wir fünf Angeklagten geschrieben hatten: Vor

genau zehn Jahren hatte deren Herausgeber ihn als »rote Primadonna«

verulkt. Ich staunte: sollte Bebel, der große Bebel, von so kleinlicher

Empfindlichkeit sein, daß er dergleichen Nebensächlichkeiten als

unauslöschliche Kränkungen empfand?! Und im vorigen Jahre während des

Zollkampfes hatte derselbe Redakteur sich gegen die Obstruktionspolitik

der Sozialdemokraten ausgesprochen. War das nicht sein gutes Recht?

Sollte er selbst mit seiner Überzeugung hinter dem Berge halten, wenn er

allen seinen Mitarbeitern die vollste Meinungsfreiheit gewährte?

Ich las weiter. Ich rieb mir die Augen, -- vielleicht war ich es jetzt,

die fieberte, -- der Kopf fing an, mir zu brennen. Ich las noch einmal.

Aber ich irrte mich nicht. Hier stand es, ganz deutlich, und noch

unterstrichen durch den »stürmischen Beifall«, mit dem es begrüßt worden

war: »Es gibt unter uns Marodeure, die ein solches Blatt

unterstützen --«, »Elemente, die moralisch tief gesunken sind --«,

»ihnen gebührt nichts anderes, als ein kräftiges Pfui!«

Griff mir nicht eine rohe Faust an die Kehle --, traten die Augen nicht

schon aus ihren Höhlen? Und der Boden unter mir, auf dem ich stand,

schwankte er nicht? -- -- Meine Familie, meine Freunde, meine Existenz,

-- alles hatte ich der Partei geopfert, -- und jetzt kam dieser Mann und

beschimpfte mich, weil ich ein paar literarische Kritiken in ein Blatt

geschrieben hatte, das ihm nicht paßte?! Er, dieser Ritter der Frauen,

hatte den traurigen Mut, mich vor der ganzen Welt für ehrlos zu

erklären?! Ich sprang vom Stuhl, -- vergaß mein krankes Kind, -- und

lief ins Nebenzimmer. Dort in der alten Truhe lag sie noch, -- meines

Vaters Pistole! Wenn ich ein Mann wäre --! Meine Hand krampfte sich um

ihren Griff, mein Finger suchte den Hahn. Wenn mein Vater noch lebte!

Vor ihre Mündung würde er den Räuber meiner Ehre fordern!

»Mama!« rief es von nebenan. Ich strich mit der Hand über meine heiße

Stirn und warf mit einem spöttischen Achselzucken über die romantische

Anwandlung, die ich eben gehabt hatte, die alte Pistole in die Truhe

zurück. Ich stehe ja nicht allein, dachte ich; mein Mann, der auf die

kleinste Kränkung, die mir angetan wird, mit hellem Zorn reagiert, hat

mich in diesem Augenblick schon verteidigt, und die anderen alle, die

getroffen wurden, genau wie ich, werden zu flammendem Protest einmütig

zusammenstehen.

Aber schon, daß die Diskussion ohne Unterbrechung ihren Fortgang

genommen hatte, machte mich stutzig. Freilich, der eine der

Angegriffenen, der eben einen Wahlkreis erobert hatte wie wir,

verteidigte sich in aufflammender Empörung.

»Auch dem Parteiführer, der die Ehre eines Menschen beschmutzt, gebührt

ein Pfui,« rief er aus. Aber mitten in seiner Rede war er imstande

gewesen, mit sentimentaler Rührung von der Verehrung zu erzählen, die er

für den Beleidiger empfunden hatte! Ich schämte mich, auch nur mir

selbst solch ein Gefühl zuzugeben. Und als Bebel nachher ein paar

väterliche Worte der Anerkennung für ihn aussprach, bedankte er sich

dafür!

Der andere stimmte seine Rede auf denselben Ton und sprach von der ganz

besonderen Verehrung, die er für den Veteranen der Partei stets

empfunden habe. Der Dritte endlich brauste zwar in jugendlichem Eifer

auf, hatte aber schon vorher reumütig abgebeten. Ich schüttelte mich.

Wer sich so behandeln ließ, war wert, daß er so behandelt wurde. Mein

Mann, dachte ich triumphierend, wird anders zu sprechen wissen!

Jetzt endlich fand ich seinen Namen unter den Rednern. Unwillkürlich

suchte ich zuerst nach den Zwischenrufen, nach den wilderregten Szenen,

die sein Zorn hervorrufen mußte; -- und da stand es ja schon:

»stürmische Unterbrechungen« -- »große Unruhe« -- »Skandal«. Aber das

bezog sich gar nicht auf eine Zurückweisung der Beleidigungen Bebels.

Meine Hände, die das Blatt hielten, begannen zu zittern.

Wie?! Auch was er sagte, klang wie eine halbe Entschuldigung?!

»Wir sind entschlossen, an der fraglichen Wochenschrift nicht mehr

mitzuarbeiten, da das Interesse der Partei es fordert ...« Und dann:

»Ich erwarte von Bebel, daß er das schwere und bittere Unrecht, das er

begangen hat, einsieht und durch eine Erklärung gut zu machen sucht.«

War das alles? Wirklich alles?! Ich ballte die Hände und drückte die

Nägel ins Fleisch, ich preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten.

Nur nicht weinen, nur jetzt nicht weinen, -- wiederholte ich immer

wieder. Die große Uhr über dem Schreibtisch tickte laut und vernehmlich,

-- meines Vaters Uhr, die ich vor fremden Händen gerade noch gerettet

hatte.

»Er hat dich nicht verteidigt, -- nicht verteidigt --,« sagte sie

unaufhörlich; oder war es des Vaters Stimme? -- »Nicht verteidigt --«

Ich schrieb an den Vorsitzenden des Parteitags und forderte ihn auf,

Bebel zu einer Rücknahme seiner Beleidigung zu veranlassen. Mein Wunsch

wurde abgelehnt. Ich verlangte ein Schiedsgericht, das über meine Ehre

entscheiden sollte. »Wegen der Meinungsäußerung eines Genossen über den

anderen kann ein solches nicht angerufen werden,« lautete die Antwort.

Jetzt also war ich vogelfrei; ausgestoßen aus meiner alten Welt, als

Ehrlose gebrandmarkt in der neuen!

Ich wurde merkwürdig ruhig. Ich spielte lächelnd mit meinem Sohn, der

sich langsam erholte. Es gab Stunden, in denen ich dem Schicksal dankbar

war, das mich an diese Stelle zwang, das es mir deutlicher sagte, als

Worte es je vermocht hätten: dein Kind allein ist deine Welt.

Fast mechanisch, interesselos, fing ich wieder an, die Berichte zu

lesen.

Inzwischen war die Abstimmung über die Erklärung des Parteivorstandes

zur Frage der Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Preßunternehmungen

vor sich gegangen. Mit überwältigender Mehrheit war sie zur Annahme

gelangt. Ich lachte unwillkürlich laut auf. So orthodox war bisher nicht

einmal die Kirche gewesen! Sie war viel zu klug dazu; sie benutzte jede

Tribüne, wenn es galt, auch nur eine Seele zu gewinnen.

»Nicht darauf kommt es an, _wo_ Parteigenossen schreiben, sondern _was_

sie schreiben. Je mehr sie mit ihrer Überzeugung und ihrer Person in die

Reihen der uns noch feindlich Gesinnten eindringen, desto besser ist es

für unsere Sache, denn wir sind keine Sekte, die sich zu ihrem

Gottesdienst in ihrer Kapelle verschließt, sondern eine Bewegung, die

der ganzen Menschheit dienen und die Welt erobern will ...«

Das wäre eine unserer sozialistischen Grundsätze würdige Erklärung

gewesen. Niemand beantragte sie. Nur vierundzwanzig -- unter ihnen mein

Mann, Göhre, Vollmar -- hatten den Vorstandsbeschluß abgelehnt.

Und nun stand der zweite Streitpunkt: die Taktik der Partei, die

Vizepräsidenten-Frage, auf der Tagesordnung.

Bebel referierte. Nach allem Vorhergegangenen erwartete ich eine wütende

Philippika. Aber das, was er sagte, übertraf jede Erwartung. War das

derselbe Bebel, der in Hannover so klug und so einsichtig gewesen war?

»Nie und zu keiner Zeit waren wir in der Partei uneiniger als jetzt --;«

das erklärte er, nachdem wir eben einmütig den größten politischen Sieg

erfochten hatten! »So geht's nicht weiter, -- jetzt müssen wir endlich

reinen Tisch machen,« und: »Wer nicht pariert, der fliegt hinaus!« War

das noch die Sprache des Führers einer demokratischen Partei, oder nicht

vielmehr die eines Diktators? Er sprach von den Revisionisten als von

den Leuten, die mit der Bourgeoisie liebäugeln, und verlangte, daß man

sie öffentlich denunzieren müsse, damit die Genossen sich vor ihnen

hüten könnten. Er erklärte auf der einen Seite, um einen

Gewerkschaftsantrag zu Falle zu bringen, daß es für die Fraktion viel zu

schwierig sei, ganze Gesetzesvorlagen auszuarbeiten, und versicherte auf

der anderen, daß, wenn die Partei heute zur Herrschaft im Staate käme,

sie schon morgen wissen würde, was sie zu tun habe. Der heimliche Haß

gegen die Akademiker, durch den er die Masse des Proletariats

unzerreißbar mit sich verband, ohne zu fühlen, daß er dem ersten

Grundsatz des Sozialismus dadurch ins Gesicht schlug, durchglühte seine

Rede.

»Seht Euch die Akademiker dreimal an, ehe Ihr ihnen Vertrauen schenkt!«

»Stürmischer Beifall« stand daneben. Und doch waren es Akademiker

gewesen, die dem Proletariat die Organisation, seiner Bewegung die

Grundlage und das Ziel gegeben hatten. Schließlich warnte er noch vor

»dem anderen Teil der Revisionisten, den Proletariern in gehobenen

Lebensstellungen«. Und niemand lachte ihm ins Gesicht, -- und niemand

wies mit Fingern auf die, die Beifall jauchzten: Gastwirte, Redakteure,

Parteibeamte, lauter ehemalige Proletarier in gehobenen

Lebensstellungen, -- und ihn selbst, der ein wohlhabender Mann geworden

war. Fielen denn heute lauter Schleier von meinen Augen, oder war ich

nur vorher blind gewesen?

Nach ihm sprach Vollmar. Er zeigte, wie die Partei seit Jahren

angesichts der praktischen Forderungen des Tages ein Vorurteil nach dem

anderen habe fallen lassen, wie zum eisernen Bestand ihrer Taktik

geworden sei, was kurz vorher als hochverräterische Forderung

gebrandmarkt worden war. Dann aber wandte er sich persönlich gegen

Bebel, -- der erste und der einzige, der es mit der Autorität seines

Namens zu tun vermochte.

»Ein ungezügeltes Temperament schadet nicht nur auf Fürstenthronen,

sondern auch auf denen der Partei,« rief er aus. »... In welchem Ton hat

Bebel sich an die ganze Partei gewandt? 'Ich werde nicht dulden ...',

'Ich werde den Kopf waschen ...', 'Ich werde Abrechnung halten'. Ich,

ich, ich -- so hat der Lordprotektor Cromwell zum langen Parlament

gesprochen ...«

Ich atmete tief auf. Auch eine Verteidigung meiner Ehre war diese

Anklage gewesen. Nur eins verstand ich nicht: er betonte die innere

Einheit der Partei mit derselben Schärfe, wie Bebel sie geleugnet hatte.

Wie konnte er nur?! Wären all die Wutausbrüche dieses Parteitages

möglich gewesen, wenn eine innere Einheit bestanden hätte? Sie waren

doch nichts anderes als Symptome der Zerrissenheit. Aber die

Revisionisten schienen sich das Wort gegeben zu haben, Vollmars Ansicht

nicht nur zu teilen, sondern zu unterstreichen. Dieselben Männer,

die ständig und, wie mir schien, mit Recht diese und jene

Programmforderungen der Sozialdemokratie kritisierten und einer

Umänderung für bedürftig hielten, erklärten plötzlich, daß prinzipielle

Gegensätze nicht vorhanden seien. War das Feigheit oder nur Schwäche? --

Schwäche, die in ihren Folgen viel gefährlicher ist als sie? Und ich

befand mich plötzlich in Übereinstimmung mit einem der schroffsten

Radikalen in der Partei: »Das ist ja der Jammer des deutschen

Revisionismus, daß er nie mit einem bestimmten Programm hervorkommt,«

sagte Kautsky, nachdem er versucht hatte, den auch seiner Ansicht nach

vorhandenen Gegensatz als den zwischen der Zusammenbruchs- und der

Evolutionstheorie zu kennzeichnen; »die einen erwarten die Befreiung von

der sozialen Revolution, die anderen von der allmählichen Entwicklung.«

Mein Mann schrieb mir noch einmal: »Für die Partei wird diese traurige

Tagung mit ihren zahllosen Hintergründen von Gemeinheit, Klatsch und

Verhetzung schließlich noch zum guten Ende führen. Der Resolution des

Parteivorstandes zur Frage der Taktik sind ihre schärfsten Spitzen, auf

denen wir gespießt werden sollten, genommen worden, und ihre einmütige

Annahme scheint danach gesichert, was den Frieden in der Partei wieder

herstellen wird.«

Ich antwortete umgehend: »Ich verstehe Dich und die anderen nicht.

Selbst wenn die Resolution ihrem Wortlaut nach annehmbar wäre, so ist

sie es ihrem Sinn nach nicht, und Euer Ja bedeutet keinen Frieden,

sondern Unterwerfung. Ich bedaure, bei der Abstimmung nicht zugegen zu

sein. Ich würde, -- und wenn ich die einzige bliebe, -- laut und

deutlich Nein sagen.«

Als ich den Wortlaut der Resolution zu Gesicht bekam, wurde mir die

Haltung der Revisionisten vollends unverständlich. Wie viele unter ihnen

hatten dem Eintritt des Sozialdemokraten Millerand in das französische

Ministerium zugestimmt, hatten eine allmähliche Eroberung der

Regierungsgewalt überall für möglich, ja für wahrscheinlich erklärt,

und jetzt beugten sie sich einer Resolution, in der es hieß: Die

Sozialdemokratie kann einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der

bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben. Wie viele verurteilten laut

und leise die lediglich negierende Haltung der Partei gegenüber der

Kolonialpolitik, und jetzt verpflichteten sie sich selbst zum

»energischen Kampf« gegen sie. Aber daß dreihundert ja sagten, traf mich

immer noch nicht so tief, als daß Heinrich unter ihnen war.

* * * * *

Mein Kind lag noch immer. Den Genesenden zu beschäftigen, kostete fast

noch mehr Zeit als den Kranken zu pflegen. Herrisch verlangte der kleine

Tyrann immer wieder nach Mama, wenn Berta mich ablösen wollte. Aber

meine Gedanken waren doch wieder frei, und wenn er zur Ruhe gebracht

worden war, konnte ich, wenn auch mit mattem Blick und müden Händen, in

den Trümmern meines Lebens suchen, was zu neuem Aufbau noch stark genug

war. Und ich fand eine unerschütterte Grundmauer: meine politische

Überzeugung. Vor der Partei konnte ein Bebel mich diskreditieren, konnte

mir die Arbeit in ihren Reihen kraft seines Bannfluchs unmöglich machen.

Aber erschöpfte sich denn der Sozialismus in der Partei?

Mein Verstand war befriedigt, und doch blieb es so kalt, so leer in mir.

Ich sah mich suchend um, -- war die Wärme und die Farbe aus meinem Leben

gewichen? Ach, im Garten meiner Liebe waren alle Blumen geknickt! Hatte

der eine rohe Griff meines Gatten so viel vernichten können? Oder war es

nur ein letzter Herbststurm gewesen, der die schon lange heimlich

welken endgültig von den Stielen riß?

Eines Abends, ganz plötzlich, öffnete sich die Türe, und Heinrich stand

vor mir. Wie sah er aus! Aschfahl, die Augen tief in den Höhlen, dunkel

umschattet, die ganze Gestalt gebeugt.

»Heinz!« schrie ich auf und schlang die Arme um ihn.

»Wenn du mich nur noch liebst -- du,« flüsterte er und bedeckte mein

Antlitz mit Küssen. »Ich fürchtete mich vor der Heimkehr, weil ich

dachte, ich könnte auch dich verloren haben, -- aber nun ist alles gut,

-- nun mögen sie mich steinigen. Ich fühle nichts, nichts als Seligkeit,

weil deine Liebe mich unverwundbar macht!«

Mir stürzten die Tränen aus den Augen, -- Tränen der Reue, des

Schmerzes. Er sollte nicht umsonst an meine Liebe geglaubt haben. War es

nicht Liebe, die wieder erwachte, da er so zerschlagen vor mir stand?

Ich erfuhr allmählich, was geschehen war. Artikel, Erklärungen, Briefe

legte er mir vor, voll wütender Angriffe auf ihn, den »Urheber des

Dresdener Parteitages«, den »geistigen Vater eines nie dagewesenen

Parteiskandals«, voll niedriger persönlicher Verleumdungen. Selbst in

unserem Leben wühlten fremde Hände, und unter ihrem Griff wurde auch das

Reinste schmutzig.

Es war ein grauer Herbstabend mit tiefhängenden Wolken und langen

Schatten in den Zimmern. Ich kauerte in der Ecke des Sofas, unfähig,

mich zu rühren, wie zerprügelt. Heinrich ging auf und nieder, rastlos,

-- hie und da griff er mit der Hand nach seinem Kopf, als ob er sich

vergewissern müsse, daß er noch lebe.

»Nach meiner ersten Rede schon sagte mir Victor Geier: 'Das ist

politischer Selbstmord'. Als ich dann Bebel antworten wollte, wie es

nach seinem Angriff allein richtig gewesen wäre,« -- so hatte mich

Heinrich doch verteidigen wollen! -- »da haben sie mich alle bearbeitet,

haben im Namen des Parteiinteresses an mich appelliert, und ich war so

töricht, durch all die widerwärtigen Szenen so erschöpft, daß ich mich

wirklich unterwarf. Was nützte es?! Nichts! Der Skandal nahm seinen

Fortgang. Und auf der Strecke bleibe schließlich ich allein!«

Einige Tage später kam Geier zu uns. Die erste Nummer der Neuen

Gesellschaft war eben in hunderttausend Exemplaren verbreitet worden.

»Ich muß mit Ihnen reden, Genossin Brandt,« sagte er nach einer raschen

Begrüßung. »Sie haben sich, fern von Dresden, hoffentlich so viel kühle

Überlegung bewahrt, um eher Vernunft anzunehmen als Ihr Mann.«

Und dann setzte er mir auseinander, was seiner Meinung nach geschehen

müsse. Zunächst habe sich Heinrich dem Schiedsspruch eines

Parteigerichts zu unterwerfen.

»Vielleicht einem so objektiven Richter wie Bebel --,« warf ich bitter

ein.

»Stehen Sie erst einmal am Ende der Laufbahn und müssen zusehen, wie

andere den ganzen Gewinn Ihrer Lebensarbeit in Frage ziehen!« rief Geier

heftig, um sich gleich darauf wieder zur Ruhe zu zwingen. »Ohne eine

Rüge wegen seiner Dresdener Rede wird es natürlich nicht abgehen,« fuhr

er fort, »im übrigen aber, dafür lege ich jetzt schon meine Hand ins

Feuer, werden sich alle Verleumdungen als solche erweisen, und Heinrich

wird nachher eine gesichertere Stellung haben als zuvor.«

»Du weißt, daß ich die Einsetzung eines Schiedsgerichts in meinem

Wahlkreis bereits selbst veranlaßt habe,« unterbrach ihn mein Mann,

»wozu also das Gerede?! Komm lieber gleich zur Sache!«

»Wie du willst,« antwortete Geier ruhig und wandte sich wieder mir zu.

»Er hat Sie, wie es scheint, von meiner anderen Forderung noch nicht

unterrichtet: das Erscheinen der Neuen Gesellschaft einzustellen.«

Ich fuhr auf: »In diesem Augenblick sollen wir unsere einzige Waffe von

uns werfen?!«

»Eine nette Waffe!« höhnte Geier. »Solange das Dresdener Spektakelstück

noch in aller Munde ist, werden vielleicht ein paar Dutzend Leute euer

Blatt kaufen. Aber über kurz oder lang bleibt euch von der Waffe nichts

mehr als eine zerbrochene Klinge.«

»Wir haben schon ein kleines Vermögen in die Sache hineingesteckt --,«

murmelte ich mit gepreßter Stimme.

»Kann mir's denken,« meinte Geier und kräuselte spöttisch die Lippen;

»vorsichtige Geschäftsleute seid Ihr offenbar nicht. Aber so rettet

wenigstens, was zu retten ist!«

Heinrichs Gesicht hatte sich mehr und mehr gerötet. Jetzt blieb er dicht

vor Geier stehen.

»Du benutzt unsere Notlage, um die Partei von einem revisionistischen

Blatt zu befreien,« zischte er ihn an.

Mit einer heftigen Bewegung sprang Geier vom Stuhl und hieb mit der

Faust auf den Tisch: »Ich komme nach Berlin gereist, um euch einen

Freundschaftsdienst zu erweisen, und du begegnest mir so --. Stürze

dich denn meinetwegen kopfüber in dein Verderben --« Und hinaus war er.

Wir gingen tagelang schweigsam nebeneinander her. Inzwischen fanden

überall Parteiversammlungen statt, die sich mit den Dresdener

Ereignissen und ihren Folgen beschäftigten. In den Angriffen auf die

Revisionisten, ganz besonders auf meinen Mann, übertrafen sie noch den

Parteitag. Und stets wurde vor der Zeitschrift gewarnt, mit der wir uns

»auf Kosten der Partei« bereichern wollten. Es gab keinen Ausweg mehr,

als sie zunächst aufzugeben. Wir hatten die Mittel nicht, um sie gegen

die herrschende Stimmung in der Partei durchzusetzen.

»Alle freiheitlichen Elemente hatten sich am 16. Juni um Ihre Fahnen

geschart,« schrieb mir Romberg, »weil sie, von den bürgerlichen Parteien

im Stiche gelassen, bei der Sozialdemokratie den Schutz der

Geistesfreiheit, den Hort des Kulturfortschritts zu finden glaubten.

Dresden hat diesen Wahn zerstört, hat gezeigt, daß der Dogmatismus, die

Verfolgungssucht Andersdenkender, kurz die ganze Seelenverfassung der

Inquisitoren, nirgends in so krasser Form zu finden ist, als bei den

privilegierten Menschheitsbefreiern. Wir sind nun wieder vogelfrei. Und

Sie?!«

* * * * *

In der Nacht, nachdem unsere zweite und letzte Nummer erschienen war und

wir wieder schlaflos den huschenden Wolken draußen und der wachsenden

Mondsichel zusahen, sagte Heinrich zu mir: »Was meinst du, wenn ich

ginge?«

Zuerst verstand ich ihn nicht, -- dann aber packte ich mit aller Kraft

seine beiden Hände und sah ihm mit stummem Entsetzen in das blasse

Gesicht.

»Ich warnte dich schon einmal, -- vor Jahren,« fuhr er leise und langsam

fort. »Ich bringe Allen Unglück, -- dir, -- der Partei. Mir scheint, ich

habe hier nichts mehr zu tun.«

Ich stammelte in heller Angst tausend Liebesworte, ich schmiegte mich an

ihn, als ob ihm aus meiner Lebenswärme Lebensmut zuströmen könnte. Aber

er blieb ernst und fest und wußte immer neue Gründe nicht nur für die

Berechtigung, sondern für die Notwendigkeit seiner Absicht vorzubringen.

Nach alter Gewohnheit pochte morgens unser Bub an die Türe und sprang

herein, ohne unsere Aufforderung abzuwarten. Es war das erstemal nach

seiner Krankheit, daß er so früh schon aufstehen durfte. Er kletterte

eilig auf Heinrichs Bett und sah ihn an, halb überrascht, halb

erschrocken. Mit jenem rätselvollen Scharfblick des Kindes schien er das

Fremde, Dunkle erkannt zu haben, das von der Seele seines Vaters Besitz

ergriffen hatte. Er legte ihm das Händchen auf den Kopf; »so hat Mama

auch gemacht, wie ich krank war,« erzählte er wichtig, und dann küßte

und streichelte er »den lieben, guten Papa«, bis sich doch noch ein

Lächeln um dessen festgeschlossene Lippen stahl.

»Hast du wirklich hier nichts mehr zu tun?!« fragte ich leise, als der

Kleine wieder davongelaufen war. »Soll dein Sohn einmal von dir glauben

müssen, daß du dich feige davonstahlst?!«

Er drückte mir die Hand, fest und lang. Ich wußte: wenn die Gespenster

der Nacht auch nicht auf immer gebannt waren, so würden sie doch keine

Macht mehr gewinnen über ihn.

* * * * *

Die Schiedsgerichts-Verhandlungen zogen sich wochenlang hin. Es war eine

seelische Folter für meinen Mann, und wenn er nach Hause kam, gab ich

mir alle Mühe, ihn nicht merken zu lassen, wie ich selber litt.

Draußen entwickelte sich wieder in der alten Weise der politische Kampf:

Radikale und Revisionisten arbeiteten scheinbar einmütig zusammen. Es

galt diesmal den Landtagswahlen. Mich rief niemand zu Hilfe. Zu keiner

der zahllosen Versammlungen forderte man mich auf. Ich war die

Gezeichnete. Und nirgends schien eine Lücke entstanden, weil ich fehlte.

Ich war wie die Welle, die im Meere aufsteigt und zurücksinkt, ohne eine

Spur zu hinterlassen.

Zuweilen trafen wir mit unseren politischen Freunden zusammen, --

zufällig nur, denn die Revisionisten schienen sich nach Dresden noch

mehr aus dem Wege zu gehen, als vorher. Einmal kamen wir in eine

ernstere Unterhaltung, und ich verurteilte unumwunden ihre Annahme der

Dresdener Resolution.

»Mir ist es sogar fraglich,« sagte ich, »ob ihre Ablehnung nicht von

einem gemeinsamen Austritt aus der Partei hätte begleitet werden

müssen.« Aber ich stieß auf allgemeinen Widerspruch.

»Damit hätten die Radikalen erreicht, was sie wollten,« rief der eine.

»Wegen einiger Gegensätze in taktischen Fragen werden wir doch die

Partei nicht im Stiche lassen,« sagte der andere.

»Es wäre nichts als Fahnenflucht,« erklärte einer der Gewerkschafter.

»Und wir würden zurückbleiben, als Offiziere ohne Armee,« meinte mein

Mann. Ich ließ mich nicht überzeugen.

»Sie haben trotz allem Bekenntnis zum historischen Materialismus aus der

Geschichte nicht allzu viel gelernt,« entgegnete ich. »Noch immer ist

die Entwicklung die gewesen, daß eine große Bewegung aus sich heraus

neue Bewegungen zeugt, deren Träger zunächst nichts sind als ein paar

Vorläufer, als Offiziere ohne Armee. Und was nun gar die Gegensätze

betrifft, so glauben Sie doch nicht ernsthaft an ihre Geringfügigkeit.«

»Nein,« antwortete einer der anderen, »aber ich glaube, und habe nach

unserer bisherigen Entwicklung ein Recht dazu, daß unsere Ideen sich im

Proletariat von unten herauf durchsetzen. Wir schließen

Lohntarif-Verträge mit den Unternehmern, und niemand zeiht uns deshalb

eines Vertuschens der Klassengegensätze; wir arbeiten in den Gemeinden,

in den Landtagen, und keiner wagt uns deshalb wegen des Paktierens mit

der bürgerlichen Gesellschaft anzuklagen. Unsere Genossenschaften fangen

an, wie unsere Gewerkschaften zu einer wirtschaftlichen Macht zu werden,

und kein Radikalinski hat uns noch vorgehalten, daß das gegen die

Zusammenbruchstheorie verstößt und wir damit bis zum großen

Kladderadatsch warten müßten.«

Ich schwieg. Der Mann der praktischen Arbeit mochte gegenüber meinen

unklaren Theorien doch wohl recht haben.

* * * * *

Kurz vor Weihnachten legte das Schiedsgericht von Frankfurt-Lebus dem

Parteitag des Kreises die Resultate seiner Untersuchungen vor, und die

Genossen erteilten ihren Abgeordneten daraufhin einstimmig das

Vertrauensvotum.

»Und du freust dich gar nicht?!« sagte mein Mann, als er nachts aus

Platkow zurückkam, wo die Versammlung stattgefunden hatte.

»Gewiß freue ich mich, -- aber im Grunde ist doch das alles

selbstverständlich und macht das Geschehene nicht ungeschehen,«

antwortete ich und dachte an die Zeitschrift, mit der wir unsere

Aufgabe, wie mir schien, geopfert hatten, an die ungesühnte Kränkung,

die noch immer wie eine schwärende Wunde an mir fraß, an das

verstümmelte, beschmutzte Bild der Partei, das einst in so leuchtenden

reinen Farben vor mir gestanden hatte, an die große Flamme meiner

Liebesleidenschaft, die über dem Aschenhaufen nur noch leise glimmte.

Aus meines Mannes Wahlkreis wurde ich wieder zu Vorträgen aufgefordert.

Seltsam genug: es gab noch Genossen, die mir vertrauten, obwohl der

erste unter ihnen mich für ehrlos erklärt hatte! In diesen Kreisen

schien das Verständnis für eine Empfindung zu fehlen, die eine

Reminiszenz an meine aristokratische Herkunft sein mochte, und offenbar

zu jenen »Eierschalen der Vergangenheit« gehörte, über die in der Partei

so oft gespottet wurde. Aber wenn auch die anderen alle darüber

hinwegsehen konnten, ich konnte es nicht. Ich lehnte ab. Meine

Zurückhaltung wurde falsch gedeutet. Meine Bemerkung über den Austritt

aus der Partei mochte irgendwie durchgeackert sein. Ich sah, daß ich die

Stellung meines Mannes, die trotz des Vertrauensvotums eine schwierige

geblieben war, noch mehr erschwerte. Und ich hatte mir vorgenommen, ihm

nach wie vor ein treuer Kamerad zu bleiben.

»Sie können wieder über mich verfügen,« schrieb ich nach Frankfurt und

stürzte mich in die Arbeit, von der ich hoffte, daß sie sich als

Morphium für die Schmerzen meiner Seele erweisen würde. Und so lange ich

am Schreibtisch über den Zeitungen und Broschüren saß, hielt sie, was

ich von ihr erwartet hatte.

* * * * *

Die Ereignisse schienen mit besonderem Eifer dafür zu sorgen, daß wir

nicht im Bruderzwist aufgehen konnten. Der Riesenstreik der

Textilarbeiter von Crimmitschau, die nun schon seit Wochen mit einer

Ausdauer ohnegleichen um den Zehnstundentag kämpften und dem lockenden

Gold der Unternehmer ebenso standhielten wie den Verfolgungen der

Polizei, ließ uns fühlen, daß wir gegen den Feind so einig waren wie

immer. Und die russische Revolution, die wie ein vom Sturm gepeitschter

Brand von einem Ende des Riesenreichs zum anderen übersprang, entzündete

in uns allen eine Hoffnung, als ginge der Stern der Menschheitserlösung

nun wirklich im Osten auf. Daß Preußen-Deutschland sich zum

Schleppenträger des Zarismus erniedrigte, daß russische Polizisten im

Verein mit den unseren die russischen Gäste der Hauptstadt verfolgen

konnten, daß ein Minister die Reichstagstribüne benutzte, um die

russischen Studenten der Berliner Universität samt und sonders als

Anarchisten zu verdächtigen und ihre weiblichen Kollegen der

Unsittlichkeit zu zeihen, daß der Reichskanzler von ihnen als von

»Schnorrern und Verschwörern« sprach, -- das löste einen Schrei der

Entrüstung aus. Die Partei stand wieder auf dem Posten als die einzige,

die leidenschaftlichen Protest erhob. Und wenn die politischen

Ereignisse nicht auszureichen schienen, um das Bewußtsein ihrer

Zusammengehörigkeit in den Genossen aufs neue zu festigen, so sorgten

unsere Gegner dafür. Sie schufen den Reichsverband zur Bekämpfung der

Sozialdemokratie, aber die Kette, die sie schmiedeten, um uns damit zu

fesseln, verband uns nur.

Ich sah das alles. Ich schöpfte Hoffnung daraus nicht nur für den Kampf

nach außen, sondern auch für die innere Entwicklung, die um so kräftiger

zu sein pflegt, je unbeachteter sie ist.

Aber als ich zum erstenmal wieder in Frankfurt auf die Rednertribüne

trat und all die vielen Augen sich auf mich richteten, da versagte meine

Kraft. Das Blut brannte mir in den Wangen; -- sahen die Menschen mir

den Schlag nicht an, den ich empfangen hatte?! Und ich fühlte

feindselige Blicke, spöttisches Lächeln, ich sprach wie gegen ein Tor

von Erz. Meine Zuhörer blieben kalt.

»Was fehlte dir nur?« fragte Heinrich mich kopfschüttelnd. Ich gab eine

ausweichende Antwort.

Noch ein paarmal machte ich ähnliche Versuche. Von nervöser Aufregung

geschüttelt, die mir sonst fremd gewesen war, trat ich schon vor die

Versammlung. Und dann sprach ich, daß ich mich selbst nicht wieder

erkannte.

* * * * *

»Laß mich eine Zeitlang irgendwo zur Ruhe kommen,« bat ich eines Tages,

mit den Tränen kämpfend, meinen Mann, der in mich drang, ihm die Ursache

meiner tiefen Verstimmung anzuvertrauen. »Das alles war ein wenig viel

für mich ...«

Er stimmte mir ohne Besinnen zu. »Wenn es nichts weiter ist, als daß du

Ruhe brauchst!« sagte er aufatmend und entwarf mir die schönsten

Reisepläne. »Ich würde dir den Weg auf den Mond bahnen wollen, wenn ich

sicher wäre, daß meine Alix wieder gesund und froh würde.« Und in alter

Zärtlichkeit zog er mich an sich.

Doch ich wollte weder auf den Mond, noch nach Italien, noch an die See.

»Ich möchte nach Grainau --,« bat ich zaghaft, denn ich wußte, es regte

sich immer eine leise Eifersucht in ihm, wenn die Sehnsucht mich dorthin

trieb, wo so viele Erinnerungen geweckt wurden. »Ilse weiß von Tante

Klotilde, daß sie diesen Sommer in Augsburg bleibt, -- die Bahn ist also

frei, und ein Zimmer find' ich schon irgendwo für mich und den Kleinen.«

»Der Bub soll mit?« fragte er mißbilligend. »Dann hast du ja keine

Stunde Ruhe!«

»-- Ich hätte keine, wenn er nicht bei mir wäre,« antwortete ich.

Eine Woche später fuhren wir den Bergen entgegen. Ich biß mir die Lippen

wund, um die Tränen zu unterdrücken, als ich im blauen Dunst der Ferne

die ersten weißen Spitzen aufsteigen sah. Wie hatte ich so lange leben

können ohne sie!

Es war früh im Jahr. In Garmisch fingen sie gerade an, die Betten zu

lüften und die Fenster weit aufzureißen. Vier Wochen noch, dann kamen

erst die Fremden. Jetzt war's so still! Kein Radler, kein Wanderer

begegnete uns auf dem Wege nach Grainau. Die Wiesen standen voll bunter

Frühlingsblumen, voll goldgrüner Spitzen die Bäume, und aus dem Walde

kam der erste süße Maiblumenduft.

Im Dorf, hinter dem Kirchlein, wo der Weg empor zum Eibsee führt, stand

ein neues blitzblankes Haus mit einer großen himmelblauen Madonna in der

Mauernische. Der Hof vom Bärenbauern sah daneben ganz alt und

griesgrämig aus.

»Bä-cke-rei,« buchstabierte mein Junge, der auf seine Lesekünste sehr

stolz war; »hurra! -- da gibt's immerzu weiße Brötchen,« rief er und

machte einen Luftsprung -- Semmeln waren sein Leibgericht, »-- dahin

ziehen wir!«

Und schon lief er am Gartenzaun entlang, mit dem großen schwarzen Hund

dahinter um die Wette. In der Tür erschien der Meister, dicht hinter

seinem breiten Rücken lugte neugierig der kleine Lehrling hervor, beide

mehlbestaubt, und an ihnen vorbei trat grüßend, den gewichtigen

Schlüsselbund über der weißen Schürze, die blonde Hausfrau. Eben erst

hatten sie das Haus gebaut, erzählte sie lebhaft, als wir die

blankgescheuerte Treppe hinaufstiegen, und schon hätten sie die

Kundschaft der ganzen Gegend. An der »feinen« Wohnung im ersten Stock

gingen wir vorüber, trotz der neuen städtischen Möbel, die sie uns

anpries.

»Hier droben in den Stuben steht halt nur der alte Bauernkram,« meinte

sie entschuldigend und stieß die Türe auf. Ein blauer Schrank mit roten

Herzen darauf, eine alte Pendeluhr mit blumenbestreutem Zifferblatt und

einem kreuztragenden Christus darüber, eine breite gewichtige Truhe voll

bunter Heiligenbilder lachten uns an, wie die Wiesen draußen, so

farbenfroh. Einem Vogelnest ähnlich hing ein kleiner Balkon vor der

Glastür, und durch die Fenster guckte der Waxenstein mit seinem faltigen

Felsengesicht.

»Da bleiben wir,« sagte ich, und mein Junge lief durchs Haus in den

Garten, und den Hügel hinauf zum Wald und wieder hinunter auf die Wiese,

als müsse er von allem ringsum Besitz ergreifen.

Wie gut es war, wieder schlafen zu können und die müden Augen in lauter

Grün und Blau gesund zu baden! Von den Bauern im Dorf erkannte mich

keiner. Nur der Sepp, mein alter Spielkamerad, rückte mit einem

flüchtigen Aufblitzen des Erkennens in den Augen an seinem verblichenen

grünen Hut. Morgens, während mein Junge sich unten am See aus Moos und

Steinen einen kunstvollen Hafen baute, saß ich auf der alten Bank, dem

Rosenhaus gegenüber, das sich mit seinen geschlossenen Läden und

blumenlosen Altanen still und verzaubert im grünen Wasser spiegelte.

Alle Rosenbüsche vor der Terrasse waren fort.

»Letzten Herbst hat die alte Frau Baronin sie ausgraben lassen,«

erzählte meine Hausfrau. »Sie wird wohl nimmer wiederkommen,« fügte sie

hinzu.

»Warum nicht?!« fragte ich erstaunt.

»Schon wie sie wegfuhr, war sie nicht zum Erkennen. Auch so arg brummig

und bös. Der alte Doktor von Garmisch meint, sie macht's nimmer lang.«

Ich erschrak. Von ihrer Krankheit wußte ich, aber nicht, daß es so

schlimm um sie stand.

»Das Fräulein von Kleve ist allweil um sie, Tag und Nacht,« berichtete

die kleine blonde Frau weiter, die froh war, wenn sie schwatzen konnte,

»aber die Theres', die alte Köchin, hat mir kurz vor der Abreis' noch

erzählt, daß die Frau Baronin Herzweh hat nach einer anderen,« -- dabei

traf mich ein neugierig-forschender Blick -- »einer, die sich grad so

schreibt, wie Sie --«

Ich antwortete nicht ... Mit meiner Ruhe war es wieder vorbei. Alles

wurde lebendig, was unter diesen Buchen, an diesem See, angesichts

dieser Berge an Haß und Liebe, an Sehnsucht und Verzweiflung, an

Trennungsweh und Zukunftshoffnung geweint und gejauchzt, geseufzt und

gelächelt hatte. Ich war nie mehr allein, und es war nie mehr still um

mich. Wo ich ging und stand, -- meine ganze Vergangenheit umringte mich,

und wenn ich schlafen wollte, flüsterte es mir ins Ohr: anklagend,

höhnend, drohend.

Eines Vormittags, -- ich saß wieder am alten Platz, mit dem Buch im

Schoß und sah zu dem toten Haus hinüber, -- kam der Bub vom Bärenbauern

mir nachgelaufen:

»A Depeschen wär da für Sie --« Ich riß sie ihm aus der Hand, sie

bestätigte nur, was ich erwartet hatte: »Baronin Artern heute morgen

verschieden. Ihr sofortiges Kommen erwünscht.«

Wir reisten noch am selben Tage nach Augsburg. Mich erfüllte nur ein

Gefühl: daß ich ihr viel zu verdanken hatte und sie im Kummer um mich

gestorben war.

In voller Sommerpracht blühte der Garten um das schöne Haus. Weinend

empfing mich die Theres'.

»Warum sind's bloß nit a Wochen früher gekommen --,« sagte sie immer

wieder. Ich vertraute meinen Sohn ihrem Schutz. »Du herzig's Buberl,«

schluchzte sie, »wenn die Frau Baronin nur dich gekannt hätt'!« Ich fing

an zu begreifen, und jetzt erst fiel mir ein, daß der Tod dieser Frau

meines Sohnes ganze Zukunft sichern sollte.

Einen Augenblick lang fröstelte mich. Aber nein: wie konnt' ich nur

zweifeln, -- auch die alte Theres' sah in ihrer Liebe zu mir nur

Gespenster. Meinem Vater hatte die Tote ihr Wort verpfändet. Ich wandte

mich zur Treppe.

»Gnä' Frau wollen doch nicht --,« rief die Theres' und griff nach meinem

Arm.

»Selbstverständlich,« antwortete ich und nahm den Strauß frischer

Maiglöckchen vom Grainauer Wald aus ihrer Hülle.

»Sie sind alle oben, -- die Herren Leutnants und das Fräulein,«

flüsterte sie ängstlich.

Ich warf den Kopf zurück und richtete mich gerade auf. »Hier bin ich zu

Hause gewesen, nicht sie,« sagte ich laut und schritt die Stufen empor.

Hinter der Türe des Eßzimmers hörte ich Stimmengewirr.

»Sie wird nicht kommen --,« sagte einer. Ich trat ein. Wie vor einer

Geistererscheinung sprangen sie von den Stühlen, meine Vettern und

Basen, die sich hier häuslich niedergelassen hatten. Ich ging ohne Gruß

an ihnen vorüber, durch die Flucht der Zimmer mit ihren kostbaren

Teppichen und seidenen Möbeln, die mir alle so lebendig schienen, so

vollgesogen von Vergangenheit. Im Musiksaal, vor der letzten Türe

zögerte ich. Mir klang in den Ohren, was die Tote vor Jahrzehnten aus

diesem Flügel hervorgezaubert hatte. Ich war ein Kind gewesen damals;

die Töne waren an mir vorbeigerauscht; jetzt erst verstand ich sie:

wieviel Leidenschaft, wieviel ungestillte Sehnsucht hatte das Herz der

Frau bewegt, die nun auf immer verstummt war.

Sie lag aufgebahrt, vom betäubenden Duft unzähliger Blumen umgeben, auf

ihrem Lager. Ich stand wie erstarrt. Ich konnte nicht in die Kniee

sinken und nicht den Blick losreißen von ihr: das war sie doch gar

nicht, -- das war eine Fremde! Nie hatte ich um ihren Mund diesen

grausamen Zug gesehen und auf ihrer Stirn diese vielen finsteren Falten.

Die ich gekannt hatte, die mich liebte, war eine andere gewesen. Ich

hielt den Strauß Maiglöckchen noch in der Hand, als ich das Haus

verließ.

Wir geleiteten sie zu Grabe. All jene alten augsburger Familien mit den

berühmten Namen und unberühmten Nachkommen folgten ihrem Sarge. Aber vor

der dunkeln Pforte des Erbbegräbnisses der Artern weinten von allen, die

es umgaben, nur zwei: die alte Theres' und ich. Und von denen, die mir

einst nahe gestanden hatten, grüßte mich nur einer: mein alter Lehrer,

der Pfarrer.

Er besuchte mich am Nachmittag im Hotel, und erzählte mir von seinem

letzten Zusammensein mit der Verstorbenen. Vor kaum zwei Monaten war es

gewesen; sie hatte ihn zu sich bitten lassen, um von mir zu sprechen.

»Sie hat Ihretwegen mehr gelitten, als sie sich merken ließ,« sagte er.

»Meinen Sie?!« fragte ich zweifelnd und dachte an das fremde Gesicht,

das ich auf dem Totenbett gesehen hatte.

»Ich bin dessen sicher,« antwortete er; »sie wird es Ihnen auch noch

beweisen,« fügte er bedeutungsvoll hinzu.

Dann kam ihr Bankier, um mir über den Zeitpunkt der Testamentseröffnung

Mitteilung zu machen. »Frau Baronin hat mich ausdrücklich beauftragt,

Sie, als ihre Haupterbin, um Ihre Anwesenheit zu ersuchen,« erklärte er.

Etwas wie Freude begann heimlich von meinem Herzen Besitz zu ergreifen,

und Dankbarkeit löschte alle Erinnerung an die grausamen Züge der Toten

aus. Sie hatte mir, da sie lebte, oft bitter weh getan, und nun nahm sie

die schwere Sorgenlast des Lebens auf einmal von mir!

Es kränkte mich, daß die Theres' mich so mitleidig ansah.

»Ich weiß, was ich weiß --,« sagte sie, »die da oben --« und sie ballte

die Faust nach dem Zimmer, wo die Kleves mit dem Testamentsvollstrecker

verhandelten, »-- waren immer bei ihr, -- ich hab' oft genug gehört,

wie sie von Alix Brandt erzählten --.«

Acht Tage später versammelten sich die Erben zur Testamentseröffnung im

Gerichtsgebäude. Ein nüchterner Raum mit kahlen Wänden. Kastanienbäume

vor den Fenstern, durch die kein Sonnenstrahl drang. An den Pulten der

grauköpfige Richter, der krumme Schreiber. Auf den steifen Stühlen wir

alle in schwarzen Kleidern. Zwei Schriftstücke aus verschiedenen Zeiten

wurden verlesen. Das erste entsprach der Mitteilung ihres Bankiers. Das

zweite, -- sie hatte es sechs Wochen vor ihrem Tode auf dem Krankenbett

geschrieben, -- enthielt nur ein paar Zeilen: »Hiermit enterbe ich meine

Nichte, Frau Alix Brandt, geborene von Kleve, weil sie in Wort und

Schrift der Umsturzpartei dient.«

Es wurde ganz still im Zimmer. Die Köpfe all derer, die neben mir saßen,

senkten sich; mich aber überkam ein Gefühl des Triumphes. Mit fester

Hand setzte ich als Erste meinen Namen unter das Protokoll und verließ

das Zimmer, an den anderen vorbeigehend, die scheu zur Seite wichen,

erhobenen Hauptes.

Jetzt war meiner Überzeugung auch das letzte zum Opfer gefallen. Die

Schmach von Dresden war ausgewischt. Das Schicksal selbst zwang mich auf

meine eigenen Füße. Nun war ich stark genug, allein zu gehen.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 23 / 30 题