Wir näherten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer Fahrt.
»Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an,« sagte Merten, »Strohdächer,
-- Fenster, wie Mauselöcher, Türen, daß sich ein ordentlicher Mann
bücken muß, -- wahrscheinlich, damit man's nich verlernt! Nischt als
Leisetreter gab's hier, die die Mütze bis auf die Erde zogen, wenn die
herrschaftliche Kutsche sie mit Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders,
sage ich Ihnen, janz anders --« dabei strahlte er förmlich -- »sehen Sie
dort, das Weiße, das ist unser Gewerkschaftshaus!«
Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation der Partei so gut
wie unzugänglich gewesen war, weil kein Lokal ihren Versammlungen zur
Verfügung stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet.
Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die Schankkonzession, aber sie
hatten ein Dach über dem Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.
»Sie hätten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus eins -- zwei --
drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule herauswuchs!« erzählte Merten.
»Wir hatten ja nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen man
so. An eenem Sonntag in aller Frühe, als sie nach Jusow zur Kirche
fuhren, fingen wir zu buddeln an, und als sie nach dem letzten Amen
wieder vorbeikamen, sahen die Mauern schon aus der Erde!«
Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll Menschen. Sie schoben sich
hinter mir in den kleinen Saal; auf den Bänken an den Wänden saßen schon
die Frauen mit heißen Gesichtern.
Ich sprach vom Sturm, der draußen den Staub von den Dächern fegte und
alles Morsche zu Boden riß. Und von dem Sturm des Sozialismus. Ich
schilderte die politische Lage Deutschlands und zählte die Sünden der
Regierung und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs bis zum
Zollraub, ich erzählte von den Milliarden, die dem armen Mann in Gestalt
von indirekten Steuern, Zöllen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel
gezogen werden, während sein Weib daheim im kleinen Haushalt seufzend
mit jedem Pfennig rechnen muß. An der Hand der Untersuchungen
bürgerlicher Gelehrter wies ich nach, wie die Verteuerung der
Lebensmittel auf die Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalität, der
Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die ärztlichen Forschungen heran, um zu
zeigen, wie ganze Volkskreise entarten, wenn die Ernährung eine
unzureichende ist: »Schwächerer Wille, schneller versagende
Aufmerksamkeit, raschere Erschöpfung sind die Folgen einer Politik, die
das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland ständig im Munde führt, in
der Tat aber die Leistungsfähigkeit der Arbeiter untergräbt, und unsere
Stellung auf dem Weltmarkt erschüttert. Die wirtschaftliche Krise, unter
der wir alle leiden, die Zunahme der Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge
von Kinderjammer und Frauenausbeutung sind ein Beweis dafür. Keine
'gepanzerte Faust' kann uns davor retten ... Einmal im Laufe von fünf
Jahren ist es jedem Deutschen vergönnt, Urteil zu sprechen über die, die
sein Schicksal sind. Des Volkes Not und Unterdrückung liegt auf der
einen Schale der Wage, des Volkes Glück und Freiheit auf der anderen.
Wir, die 'Vaterlandslosen', wir, die 'Elenden', wir, die 'Rotte von
Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen', machen unser Urteil
davon abhängig, welche Seite der Wage schwerer wiegt ...«
Man hatte mir bewegungslos zugehört, die Frauen, mit den Händen gefaltet
im Schoß, die Männer, ohne den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da
sah ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen Erde trug sein
Herz nicht auf den Lippen und wußte nichts von der Reaktion
empfindlicher Nerven, worin oft der ganze Beifall des Städters besteht.
Aber nachher, als ich nicht mehr über ihnen stand, ging ein Fragen und
Erzählen an, das mehr als jedes Händeklatschen bewies, wie jedes Wort
vom durstenden Boden ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im
engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen, aber ein
jeder umschloß das große Leid der Welt.
Ich wurde in Arbeiterhäuser geführt: so klein, so arm, so eng. »Und hier
is doch so ville Sand, auf dem jut noch zehn Häuser stehen könnten!«
Sie zeigten mir das Armenhaus: in einem winzigen Raum hauste ein uraltes
Paar mit vier kleinen Enkelkindern. Das einzige Bett nahm fast die
Hälfte der Stube ein.
»Immer, von kleen auf, haben wir hier uf'n Jut jearbeetet,« sagte der
Mann, eine zusammengeschrumpfte Gestalt mit einem kleinen braunen
Gesicht wie eine Wurzelknolle, »nu essen wir's Jnadenbrot --,« dabei
kicherte er halb verlegen, halb höhnisch. »Det Schloß aber, det hat woll
an die fufzich leere Zimmer ...«
Wir gingen durch das nachtdunkle Dorf zum Bahnhof. Einer, der jüngste
der Schar, begann mit heller Stimme zu singen. Allmählich fielen die
anderen ein. Die Türen der Häuser, an denen wir vorüberkamen, öffneten
sich. Einige der Bewohner traten neugierig bis zur Schwelle. Andere
lockte das Lied und die feuchtwarme Märznacht, -- sie folgten uns. Und
so ging es im Takt auf die Straße hinaus und immer, immer länger wurde
der Zug singender Menschen.
»Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
Die wir von Gottes Zorne sind, -- das Proletariat -- das Proletariat --«
klang es schmetternd hin über das schlafende Bruch.
Allmählich, je mehr ich dem Land und seinen Bewohnern nähertrat, gewann
ich es lieb, und die weite Ebene enthüllte mir all ihre verborgene
Schönheit, und die Menschen ihr weiches, trotziges Herz. Sie fühlten
noch nicht die Distanz zwischen sich und mir, darum begegnete mir
nirgends Neid oder Mißtrauen. Fingen sie doch kaum an, das
Allerhandgreiflichste zu empfinden: wie etwa den Gegensatz ihrer Hütte
zum Herrschaftsschloß. Und gerade an diesem Punkt ihres Wesens sah ich,
wo ich eingreifen mußte.
»Wer andere Zustände schaffen soll, muß doch erst den Druck der eigenen
empfinden lernen,« sagte ich zu Romberg, der mir meine agitatorische
Tätigkeit durchaus verleiden wollte.
»Ich kann Sie mir nun einmal nicht vorstellen, in einer Dorfkneipe
Unzufriedenheit predigend,« antwortete er ärgerlich.
»So überzeugen Sie sich durch eignen Augenschein, daß ich es kann,«
meinte ich. Auf meiner nächsten Fahrt kam er mit. Diesmal war es ein
Leiterwagen, der uns in strömendem Regen über aufgeweichte Landwege nach
einem kleinen Dörfchen fuhr, Lehmannshöfel mit Namen.
»Wie wird's mit unserer Versammlung bei dem Wetter?« fragte ich den
alten Genossen, der uns an der Bahn empfangen hatte.
»Jut, -- sehr jut,« entgegnete er. »Was unser oller Pfarrer is, der hat
vorichte Woche die Weiber ufjehetzt. Sie sollten man bloß nich in die
Versammlung jehn, hat er jesagt, so wat jinge sie jar nischt an, am
wenichsten, wenn 'ne Frau reden tut, die lieber zu Haus det Mittagbrot
kochen und mit die Kinder beten sollte. Nu können Se sich denken, daß se
justament in die Versammlung jehn. Proppenvoll war's schonst heut
morjen.«
Radfahrer begegneten uns, von oben bis unten bespritzt, Fußgänger mit
aufgeweichten Sohlen, denen das Wasser von der Mütze tropfte. Wir luden
auf, so viel der Wagen fassen konnte. Seit dem Morgengrauen hatten sie
Flugblätter ausgetragen. Voll guten Humors erzählten sie ihre Abenteuer.
Auf manchem Hof hatten sie über Zäune klettern müssen, weil das Tor vor
ihnen verschlossen wurde; der eine war als reisender Handwerksbursche
bis in die Gesindestuben der Rittergüter vorgedrungen, der andere hatte
mit demütigem Gesicht, als wär's ein Traktätchen, den Kirchgängern die
Zettel in die Hand gedrückt; im Vorübersausen hatte der Radler sie
geschickt durch offene Türen und Fenster geworfen.
In der Wirtsstube von Lehmannshöfel glühte der eiserne Ofen. Nasse
Mäntel und Stiefel trockneten daran. Tabaksqualm zog in schweren
Schwaden an der niedrigen Decke. Mein Platz war mit Kiefernzweigen
umwunden. Vor mir auf dem Tisch standen rechts und links zwei
Blumensträuße in flachen weißen Papiermanschetten.
»Von den Tagelöhnerinnen aufs Jut --,« erklärte dunkel errötend ein
junges Mädchen, das als letzten Rest der alten Tracht die strohblonden
Flechten unter dem schwarzseidenen Kopftuch verborgen hatte. Wie in der
Kirche saßen die Leute vor mir: rechts die Männer, links die Frauen, --
lauter Gesichter, in die kein anderer Gedanke als der an die nächste Not
des Daseins seine Zeichen gegraben hatte. Noch nie war eine Versammlung
hier gewesen. Ob ich den Ton finden würde, der zu ihnen drang? Ich
erzählte von ihrem eigenen Dasein, wie es in ewigem Gleichmaß
dahinfließt, nach der alten eintönigen Melodie: Leben, um zu arbeiten,
arbeiten, um wieder leben zu können. Wie Freude für sie nur ein kurzer
Rausch ist mit bösem Erwachen -- ein Alkoholrausch, ein Liebesrausch --
und die Sorgen allein sie nie verlassen. Wie die Welt voll Glanz und
Schönheit ist; wie das größte und schönste, was die Menschheit in
Jahrhunderten gedacht und empfunden, in Tausenden von Büchern und
Statuen und Bildern aufbewahrt wurde für ihre Nachkommen. »Aber eine
Mauer baute man ringsum, und nur wer den goldenen Zauberstab besitzt,
dem öffnet sich die Pforte ...«
Ein junger Mann, der ein bißchen stumpfsinnig vor mir gesessen hatte,
sah plötzlich auf -- mit ein paar Augen, in deren Tiefe die Sehnsucht
flammte.
»Das Kind der armen Tagelöhnerin hat vielleicht die Seele eines
Dichters, -- mit vierzehn Jahren schon muß es Kartoffeln buddeln und
Rüben ziehen, und die Arbeit tritt mit ihren eisenbeschlagenen Füßen
seine Seele tot ...«
An der Tür drüben sah ich ein altes Mütterchen, das den weißen Kopf
schluchzend in den knochigen Händen vergrub.
»Für diese Welt ist Armut ein Verbrechen, das mit lebenslänglicher
Zwangsarbeit bestraft wird ... Tränen darüber sind genug vergossen
worden. Vor lauter Jammern haben wir das Handeln vergessen. Von der
Kanzel herab haben sie gepredigt, daß die Ergebung in das Geschick eine
Tugend ist. Ich sage Euch, sie ist ein Laster. Denn an all dem Elend in
der Welt sind wir schuld, -- wir mit unserer Demut, unserer
Unterwürfigkeit, unserer Trägheit ... Jeder Blick in das bleiche
Gesichtchen ihres Lieblings, jede jammernde Bitte um Nahrung sollte der
Frau nicht Tränen fruchtlosen Leids erpressen, sondern sie anspornen,
ihrem Kind die Zukunft erobern zu helfen ... Wo die Mutter unfrei und
furchtsam ist, wächst ein Geschlecht von Knechten mit knechtischer
Gesinnung empor, und der Wert einer Mutter wird in Zukunft nicht blos
daran gemessen werden, ob sie ihre Kinder gewaschen, gekleidet und
genährt hat, sondern ob sie sie zu Kämpfern erzog und ihnen mit dem
Vorbild tatkräftiger Begeisterung voranging.«
An Beispielen des täglichen Lebens suchte ich ihnen klar zu machen, wie
jeder Einzelne, auch der Bescheidenste, an dem großen Befreiungsfeldzug
des Sozialismus teilnehmen kann, wie er nie zum Ziele führen würde ohne
die Arbeit des einzelnen. Mir war, als hörte ich die Atemzüge der
Menschen vor mir und ihre Seufzer. O, daß ich sie doch ins Herz
getroffen hätte!
Feuchte Nebel hingen wie lange Trauerschleier über den Feldern. Wir
fuhren stumm zurück. Frostgeschüttelt lehnte ich mich in die Kissen, als
wir endlich den Zug nach Berlin bestiegen hatten.
»Wie Sie das verantworten können!« brach Romberg los, der bis dahin kein
Wort gesprochen und den armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte,
sein Unbehagen so deutlich fühlen ließ, daß ich schon bedauerte, ihn
mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus dem Halbschlaf auf.
»Ich verstehe Sie nicht!« sagte ich.
»Um so schlimmer!« rief er. »Sie nehmen diesen Menschen das einzige, was
sie besitzen, was ihnen das Leben erträglich machte: ihre Unwissenheit,
ihren Stumpfsinn, -- ohne ihnen irgend etwas dafür geben zu können.«
»Wie, das Erwachen aus der Lethargie wäre nichts?!« entgegnete ich
heftig. »Sich durch die Teilnahme an dem Befreiungswerk der
Klassengenossen über sich selbst und sein kleines Schicksal
hinauszuheben, -- das wäre nichts?! Von Ihnen hörte ich zuerst das Wort
von der Politik der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die
Disharmonien des aufwühlenden Schmerzes, ohne die Grausamkeit der
Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord ihrer Lösung.«
»Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!«
»Sie wären auch am Leben zugrunde gegangen!«
Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen Erstaunen wehe tat,
streifte er mich.
»Ist Weichheit und Schwäche auch für Sie noch ein Attribut der
Weiblichkeit?« fragte ich, und das Herz klopfte mir, als fürchtete ich
die Antwort.
»Ich weiß selbst nicht recht --,« meinte er zögernd. »Aber daran soll
unsere Freundschaft nicht Schiffbruch leiden.«
»Haben Sie gar keine Zeit mehr für mich?« fing er nach einer Pause
wieder zu sprechen an, als der Zug sich Berlin schon näherte. Ich sah
auf. »Ich möchte, daß Sie wenigstens zwischendurch wieder ein
Kulturmensch werden!«
Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen, versprach ich
ihm, mich am nächsten Tag seiner Führung zur »Kultur« anzuvertrauen. Am
Bahnhof empfing uns Heinrich, der eine Stunde früher aus einer anderen
Gegend seines Wahlkreises zurückgekehrt war. Wir waren beide so erfüllt
von unseren Erlebnissen, daß wir im Eifer des Erzählens Romberg fast
vergaßen. Er verabschiedete sich steif und verstimmt.
»Bildung und Politik sind für mich schwer vereinbare Begriffe --,« sagte
er am nächsten Morgen, als wir zusammen in die Stadt gingen.
»Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen, der bisher nur
einer Frau gestattet war,« entgegnete ich ärgerlich. »Es ist noch nicht
lange her, daß Sie mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen
habe, die Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der Zeit
feierten.«
Er lächelte. »Frauenlogik! Es tut mir ordentlich wohl, diesen weiblichen
Zug bei Ihnen zu finden! Was hat mein Urteil über den Klassenkampf des
Proletariats mit meiner Meinung über die Beteiligung des Gebildeten an
der Politik zu tun?! Wir sollten um höhere Werte ringen --«
»Gibt es höhere, als die Befreiung der Menschheit von all den Fesseln,
die sie an die Erde schmieden und ihren Höhenflug hemmen?!« unterbrach
ich ihn erregt.
»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, -- die alte Parole, unter der
schon die Bastille gestürmt wurde,« entgegnete er mit spöttischem
Lächeln; »fügen Sie noch das Ideal des Christentums, -- die
selbstentsagende Nächstenliebe hinzu, so beweist das alles, wie
unsäglich arm eine Zeit sein muß, die selbst einer so gewaltigen
Bewegung wie der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen
können.«
Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden, das ich um so
energischer zu unterdrücken gesucht hatte, als mir die Wege dunkel
erschienen waren, zu denen es hätte führen können.
Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins. Der Holzbogen der
Eingangshalle, der in seinen geschwungenen Linien alle Sprödigkeit des
Materials siegreich überwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten
Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare Lichtspender
von innen strahlend, lagen auf grauem Samt Gürtel, Schnallen, Armreifen
und Diademe; Vogelgefieder und Schmetterlingsflügel aus durchsichtigem
Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber; Perlen in
phantastischen Formen standen neben Edelsteinen von unerhörter
Farbenpracht --
»Ein Schmuck für Märchenprinzessinnen, von einem Dichter geschaffen,«
sagte Romberg bewundernd und versenkte sich in den Anblick. Er mochte
weißer Arme gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenköpfe mit
lachenden Lippen und duftenden Locken. In meinen Augen aber hafteten
andere Bilder: rissige Hände, gebeugte Rücken, sorgendurchfurchte
Gesichter --, ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.
Der nächste Raum war voll sanften Lichtes und tiefer, weicher Sessel.
»Wie wohltuend, wie ruhig!« meinte jemand. »Eine schöne alte Frau mit
sehr weißen stillen Händen müßte ihren Lebensabend hier verträumen.«
Aber die Armenstube von Platkow sah ich vor mir.
Vor ein großes Bild traten wir dann: auf weichem, blumendurchwirktem
Rasenteppich, der sich im stillen Wald verlor und zärtlich eine Quelle
umgab, die diesen Frieden mit keinem Plätscherlaut stören mochte, kniete
ein Jüngling, den dunkeln Dantekopf andachtsvoll zu der Jungfrau
erhoben. Aus der Säulenhalle des Tempels tretend, krönte sie ihn; lange,
schmale, durchsichtig bleiche Finger hielten den Kranz. Mädchen, so
schlank und hoheitsvoll wie sie, standen zur Seite. Und das alles
leuchtete in mystischem Blau, in trunkenem Purpur, in sattem Grün, --
weitab allen grauen Tönen der Wirklichkeit. Fast nahm die fremde
Wunderwelt mich schon gefangen. Da tauchte der sturmdurchpeitschte Park
vor mir auf und der rauhe Mann, der mit harten Arbeitshänden zärtlich
die kleinen Knospen streichelte. Ich war sehr einsilbig.
Wir beschlossen den Tag im Theater, wo Maeterlincks Pelleas und
Melisande unter der Direktion eines jungen Revolutionärs der Bühne zur
Aufführung kam. Böcklins Landschaften schienen lebendig geworden:
Der Zauberwald und die Felsen, die finsteren Schloßtürme und der weiße
Marmorbrunnen verschmolzen mit den schwebenden Gestalten, dem
Sonnenglanz und dem Mondlicht zum reinen Rhythmus bewegter Kunst.
Die lärmende Straße draußen zerstörte den Traum. Mit schmerzhafter
Klarheit empfand ich die gähnende Kluft zwischen all der ästhetischen
Kultur, die um uns her zu blühen begann, und dem Leben, dem Denken und
Wünschen der Millionen, die erst anfingen, um die Befriedigung
ursprünglichster Triebe zu kämpfen. Rombergs Gedanken begegneten den
meinen.
»Fühlen Sie nicht selbst, wie weltenfern Sie denen stehen, deren ganzes
Bedürfen in etwas mehr Zeit, etwas mehr Brot gipfelt?« sagte er. »Sie
müssen Ihre Sinne, Ihre Nerven, an deren subtiler Verfeinerung
Generationen arbeiteten, gewaltsam abstumpfen, um ihr Sprachrohr werden
zu können.«
Meine ganze Freudigkeit kehrte mir wieder.
»Wie eng Sie denken!« lachte ich. »Nicht abstumpfen, steigern muß ich
meine Empfänglichkeit, damit ich immer weiß, wie groß das Entbehren ist
und wie ungeheuer der Gewinn unseres Kampfes.«
»Machen Sie sich denn gar nicht klar, daß, wenn die Masse erreichen
sollte, was Sie heute haben, Sie und Ihresgleichen ihr wieder um
tausend Jahre voran sind?!« sagte Romberg. »So wird die Kluft bleiben,
-- immer bleiben, und die Gleichheit ist eine Chimäre.«
»Ich fordere auch nur die Gleichheit der Lebensbedingungen; wie der Baum
aus diesem Boden wächst, darüber entscheidet seine eigene Kraft,«
antwortete ich.
Wir brachen ein Gespräch ab, das uns nur voneinander entfernen mußte.
Aber einen Gedanken hatte es wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr
einschläfern ließ. Wenn er mich quälte und ich ihn abschütteln wollte,
so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und Herz. Hörbarer, als da die
Völker wanderten, um sich neuen Heimatboden zu erobern, dröhnte die Erde
unter den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt hatten, um
dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen fehlte die einheitliche
Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale lag sie nicht. Und was Marx
ihnen gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erklärungen über die
Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung gewesen, die nur so lange über
den Mangel hinwegtäuschen konnten, als sie unerschüttert waren.
Ein Ereignis bestärkte mich in meiner Idee. Mitten im Wahlkampf, der all
unsere Kräfte auf ein Ziel, -- die Niederwerfung des Gegners, -- hätte
konzentrieren müssen, entspann sich ein wüster Krieg zwischen den
Parteigenossen selbst. Er wäre unmöglich gewesen, wenn nicht jenes
Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges Mißtrauen zur Folge haben
mußte. Was der eine ruhigen Gewissens tat oder ließ, das erschien dem
anderen als ein Verstoß gegen die Partei.
Ein halbes Dutzend Parteigenossen, -- ich gehörte zu ihnen, -- hatten
seit Jahr und Tag an einer bürgerlichen Wochenschrift mitgearbeitet, die
eine Tribüne war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte kamen.
Die literarischen und künstlerischen Kritiken, die ich darin
veröffentlicht hatte, -- Augenblicksarbeiten, denen ich gar kein
längeres als ein Augenblicksinteresse beimaß, -- hatten oft weniger dem
Bedürfnis nach Aussprache, als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu
verdanken. Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verfügung, und um
so seltener, je mehr ich des Revisionismus verdächtig war. In ähnlicher
Lage wie ich waren die meisten derer, die mit mir 'gesündigt' hatten.
Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im heftigsten Feuer der
Wahlkampagne. Aber das hinderte einige radikale Wortführer nicht, uns in
breitester Öffentlichkeit als Schleppenträger der gegnerischen Presse zu
verdächtigen.
Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als ich schon am
Schreibtisch saß, um uns dagegen zu verteidigen. Die Ansicht, daß wir
jede Tribüne benützen müssen, von der aus wir gehört werden können,
hatte sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin beeinflußt,
angesichts des Frauenkongresses verleugnet hatte, nur befestigt. Unsere
Presse, unsere Versammlungsreden erreichten immer nur dieselben Kreise,
und abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den Darstellungen
der Gegner kennen lernten. Ich legte meine Erklärung den Mitbetroffenen
vor. Sie sollte in derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen
hatte. Ich wurde daran verhindert; man wünschte die Ausdehnung des
Zwists zu vermeiden, indem man die öffentliche Antwort, wie ich sie
beabsichtigt hatte, in eine Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte.
Dieser aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne
Auseinandersetzung einzugehen, -- die ganze Presse hatte sich schon der
Sache bemächtigt, unsere politischen Gegner schlachteten sie gegen uns
aus --, er veröffentlichte seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf
an einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in hämischer
oder gehässiger Weise kritisiert. Die ganze Provinzpresse druckte
natürlich die lapidaren Sätze des Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt
vor den Genossen, in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern waren
die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor ihnen zu diskreditieren.
Darüber verging uns das Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort
gewesen wäre. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem Parteiführer
an die Hand gab, mißliebige Blätter auf den Index zu setzen, einen
weiteren Schritt zum Papismus, wir empörten uns, daß gerade diejenigen,
die in der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern, die
dem Verdienst nachgehen mußten, die Zugehörigkeit zur Partei unmöglich
zu machen suchten, und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff
auf die Freiheit der Meinungsäußerung verletzt. Wir Überläufer aus der
Bourgeoisie, die im Kampf gegen alle Autoritäten, -- die der Familie,
der Bildung, der Religion, des Staats --, den Weg zur Sozialdemokratie
gefunden hatten, wären die letzten gewesen, eine neue Autorität, -- die
des Parteivorstands, -- anzuerkennen. Und mein Mann, der seine
Frondeurnatur am wenigsten verleugnen konnte, wurde unser Wortführer
gegen ihn: in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit
der Meinungsäußerung. Nun erst entbrannte der Kampf, der seit dem
Münchener Parteitag schon im stillen die Geister erhitzt hatte, auf der
ganzen Linie, -- mit all jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu
Feinden werden.
Im stillen fürchteten wir, was unsere politischen Gegner hofften: daß
die Wahlen dadurch zu unserem Nachteil beeinflußt werden könnten.
* * * * *
Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, sollte ich in Frankfurt
a. O. die Festrede halten. Mir war im Augenblick wenig festlich zumute:
mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich die Agitation begonnen, --
sollte sie vergebens gewesen sein?! Sollte ich am Ende an ihrer
Erfolglosigkeit mitschuldig sein, weil ich -- es klang wie der dumme
Witz eines Possenreißers -- in einer bürgerliche Zeitschrift über Halbes
Theaterstücke und Laura Marholms Frauenbücher geschrieben hatte?! Aber
schon als der Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verließ und statt
der hohen grauen Häuser sich draußen Laube an Laube reihte, von dem
ersten jungen Grün überhaucht, mit bunten Fähnchen lustig bewimpelt, und
Menschen in Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen
Birken, die grüßend die grünen Schleier ihrer Äste bewegten, den
Versammlungen entgegeneilten, in denen ihres Frühlingsglaubens
Auferstehungsbotschaft gepredigt werden sollte, verschwanden all meine
törichten kleinlichen Ängste. Was hatten die dogmatischen Zänkereien
der Priester mit der Religion der Massen zu tun?
Zwei kleine Mädchen empfingen mich am Bahnhof, mit blauen Bändern in den
Zöpfchen und frisch gewaschenen weißen Kleidern, die sich um sie
bauschten, so daß sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie führten mich
hinunter in die Stadt über den Platz mit seinen geharkten Wegen, seinen
artigen Rasenfleckchen und den kleinen dürftigen Beeten darauf, an
Häusern vorüber mit nüchternen Fassaden und ablehnend verhangenen
Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen wirkte hier wie
erschreckender Lärm. Als wir aber um die Ecke bogen, wo die Kastanien
über das holprige Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das
Leben der träumenden Stadt erwacht: in Trupps zu vieren und fünfen, mit
weißen und braunen und gelben Kinderwägelchen dazwischen, die Männer im
Sonntagsrock, die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen Hüten, so zogen
sie durch die Straße. Und an jeder Gassenmündung gesellten sich andere
hinzu, und wo die Gärten größer und die Häuser kleiner wurden, kamen
Landleute mit Stulpenstiefeln, Mädchen mit Kopftüchern über die
Feldwege. Alles grüßte einander mit dem Blick frohen Erkennens. Weit
hinunter bis zu dem silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten
Weiden umrahmt, üppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie auf die Erde
gebanntes Sonnenlicht, glänzten Butterblumen daraus hervor. Von der
anderen Seite des Wegs, wo der Boden sich hob, nickten über
Weißdornhecken rosig blühende Bäume; darüber klang der langgezogene
Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt der Rotkehlchen, das vielstimmige
Zwitschern buntgefiederter Meisen.
Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben, und eins
war ich mit ihnen. Aus dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir
zogen, tönte Musik. Auf der Bühne der Festhalle, die wir betraten,
warteten schon die Sänger. Ich stieg die Stufen hinauf. »... Ein Sohn
des Volkes will ich sein und bleiben...« sang der Chor. Durch die hohen
weit geöffneten Fenster strömte die Sonne in breiten Wogen; ihre
Strahlen trugen den Duft des Frühlings mit herein und berührten all die
braunen und blonden Scheitel der andächtig lauschenden Menge.
Dicht unter der Bühne hatten sich die Kinder zusammengeschart, die
kleinsten in ihren bunten Kleidchen, wie ein Beet farbenfroher
Sommerblumen, am weitesten nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis
auf die Rampe geklettert, ein strohblondes Mädchen schmiegte sich
schüchtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare -- ein schwarzes und
ein blaues -- hingen an mir wie eine große verwunderte Frage.
Sehr feierlich war mir zumute, als stünde ich, ein geweihter Priester,
zum erstenmal auf der Kanzel. Aber es war nicht die Religion der Liebe,
die ich predigte, -- jener Liebe, die den Haß der Welt in sich trägt, es
war nicht die ewige Seligkeit, die ich verkündigte, -- jene Seligkeit,
in die nur Eingang findet, wer zu kriechen und den Kopf zu bücken
gelernt hat. Was als unklare Empfindung in den Herzen unserer Väter
lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern waren, die
dem steigenden Licht im Lenz die Neugeborenen weihten, -- das ist die
Grundlage unserer Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne
abtötet, sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr am
feinhörigsten ist, um alle Schönheit der Welt in sich aufzunehmen, der
ist der Heiligste unter uns. Und ein Anrecht auf unser Himmelreich
gewinnt nicht, wer leidet und duldet, sondern wer handelt und genießt.
Dulden und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen Kultur
vermag zu genießen, nur der Wissende handelt.
»Wenn sich die Arbeiter der ganzen Welt Jahr um Jahr in der Forderung
des Achtstundentages zu diesem Frühlingsfest vereinigen, so tun sie es,
weil sie wissen, daß sie damit ihre Menschwerdung fordern. Zeit ist die
Voraussetzung für Wissen und Genuß ...«
Halb enttäuscht, halb erwartungsvoll sahen die Frageaugen der Kinder
noch immer zu mir empor. Mit demselben Ausdruck bettelte mein eigen Kind
um eine Geschichte, wenn wir im Walde gingen, wo die Bäume und die
Blumen ihm noch stumm waren. Auch diese Kleinen hier sollten nicht
vergebens warten: von den Bettelkindern erzählt' ich ihnen, die
auszogen, ihre verlorenen Königskronen wiederzufinden ...
Draußen im Garten kamen sie dann alle und dankten mir. Die Kinder hatten
die Fäustchen voll Wiesenblumen und legten sie mir in den Schoß. Die
Alten luden mich an ihren Tisch. Sie wußten nicht, daß ich ihnen zu
danken hatte. Ich war wieder stark und froh, ich hatte in ihnen die Erde
berührt, die kraftspendende.
* * * * *
Der Tag der Entscheidung rückte näher. Immer leidenschaftlicher wurden
die Angriffe unserer Gegner in ihrer Presse, in ihren Flugblättern. Mit
dem alten Märchen vom gewaltsamen Teilen suchten sie den Bauern, der an
seiner Scholle hängt, den kleinen Handwerker, der sich an den kläglichen
Rest seiner Selbständigkeit klammert, in ihre Gefolgschaft zu fesseln.
Mit der Autorität des Kaisers stützten sie ihre Angriffe auf die
sozialistischen Agitatoren.
»Zerreißt das Tischtuch zwischen Euch und jenen Leuten,« -- dieses
kaiserliche Wort machten sie zu ihrem Schlachtruf. Weite Kreise des
Volkes, denen der Thron noch so heilig war wie der Altar, scharte er
unter ihre Fahnen, aber größere noch, empört über die Stellungnahme des
Staatsoberhaupts im Kampf der Parteien, trieb er zu uns herüber. Hochauf
loderte der Zorn in unseren Reihen. Was sich in Jahren angesammelt hatte
an bitterer Enttäuschung und stillem Groll, das brach flammend hervor.
Zu Regimentern, die wider den Gegner aufmarschierten, wurden die
vielstelligen Zahlen, die Milliarden, die Armee und Flotte, China und
Afrika verschlungen hatten; als Raubritter und Ausbeuter wurde
gestempelt, wer je dazu ja gesagt hatte. Malten sie drüben mit blutigen
Farben das Bild der Revolution und rissen dadurch den Gleichgültigen aus
dem verschlafenen Winkel seines Daseins, so beschworen sie hüben alle
Gespenster der Not und des Hungers herauf und schreckten mit ihnen die
Stumpfen aus ihrem Arbeitsleben. Der ehrliche Kampf mit offenem Visier
auf freiem Felde wurde zum Guerillakrieg mit heimtückischen Listen und
nächtlichen Überfällen. Und durch die feindlichen Lager hin und her auf
leisen Sohlen schlich die Verleumdung; wen das Schwert nicht
niederstreckte, den vergiftete sie.
Ich hatte dem Gegner gegenüber gerecht bleiben, mich als einzelne
behaupten wollen, gegenüber der Suggestion der Masse. Aber je länger ich
im Kampfe stand, desto schwerer wurde es, ihrer Gewalt zu widerstehen.
War ich nicht auch nur ein Soldat im Heere, dessen Füße von selbst im
Takt der anderen marschieren, der die gleichen Waffen trägt, und, vom
Rausch des Krieges überwältigt, einen persönlichen Feind in jedem Glied
des gegnerischen Heerbannes sieht?
* * * * *
Der Gegenkandidat meines Mannes war ein alter Reaktionär, den der Bund
der Landwirte auf seinen Schild erhoben hatte. Der Zolltarif galt ihm
als ein »gigantisches Werk«; die Arbeitslosenversicherung, die in diesem
Jahre wirtschaftlicher Depression für uns eine immer dringendere
Forderung geworden war, erklärte er für »unmoralisch«; dem gesetzlichen
Arbeiterschutz, dessen Ausbau auf dem Wege zu unseren Zielen lag, müsse,
so sagte er, ein »Stopp« entgegengerufen werden, und wider den
Großkapitalismus, dessen Entwicklung eine Voraussetzung des Sozialismus
war, galt es, den Mittelstand mobil zu machen. Als der typische
Konservative war er der willkommenste Gegner, weil sich hier, klar
voneinander geschieden, zwei Weltanschauungen gegenüberstanden. Zwischen
ihnen schwankten, als das Zünglein an der Wage, die Liberalen des
Kreises hin und her. Sie wollten nicht glauben, daß wir ein gut Stück
Weges zusammengehen konnten und es einer Verleugnung aller liberalen
Grundsätze gleichkam, wenn sie den Konservativen Gefolgschaft leisten
wollten.
Meinen Mann sah ich immer seltener. Trafen wir uns zu Hause, so
schrieben wir zusammen Flugblätter und Artikel, wobei er mit der ruhigen
Sachlichkeit seiner Beweisführung die Gegner zu entwaffnen und ich mit
dem Feuer, das mich durchglühte, Anhänger zu werben versuchte. Hie und
da trafen wir uns in Versammlungen, dann hörte ich, daß er sprach, wie
er schrieb: er wandte sich an den Verstand, er suchte zu überzeugen, wo
ich an das Gefühl appellierte. Er hatte die Sprache des Dozenten, nicht
die des Agitators. Wen er dem Sozialismus gewann, der wurde zum
Bekenner. Was ich entzündete, mochte nur zu oft nichts als ein Feuerwerk
sein.
In den letzten Tagen fuhren wir von Ort zu Ort. Schon blühten
Pfingstrosen in den Gärten, und von Flieder und Hollunder dufteten die
Lauben. Über den staubigen Chausseen brütete die Sommersonne. Die
Menschen in den engen Sälen atmeten rasch und schwer wie im Fieber. In
den Dörfern gab's Schlägereien. War einer als Genosse bekannt, so spieen
die Bauern vor ihm aus, und seinem Weibe gingen die Nachbarinnen aus dem
Wege. Die Kinder aber in der Schule ließ der Lehrer mit besonderer
Vorliebe patriotische Lieder singen. Säle, die uns zur Verfügung
gestanden hatten, wurden uns genommen; breitspurig, ein Herr der
Situation, stand der Gendarm vor der Türe, wenn wir den Eingang
erzwingen wollten. Kamen wir auf freiem Felde zusammen, der Sonne und
dem Regen trotzend, so löste er die Versammlung auf, hatten wir irgendwo
einen Raum für sie gefunden, so erklärte er ihn für feuergefährlich, kam
ich als Rednerin in irgend ein abgelegenes Nest, so hieß es:
»Frauenspersonen dürfen nicht sprechen.« Aber die Genossen waren immer
wieder erfinderischer als er. So fuhren wir einmal in ein kleines Dorf,
das weltverlassen zwischen zwei blauen Seen in der Niederung liegt. Nur
arme Schiffer wohnten hier und kleine Bauern, die elender lebten als der
Fabrikarbeiter in der Stadt. Einer von ihnen hatte seine ganze arme Kate
ausgeräumt, um die Versammlung zu ermöglichen. Das Hausgerät stand auf
dem Hof, die Sonne enthüllte unbarmherzig all seine Armseligkeit. Die
leeren Stuben faßten trotzdem die Menge nicht, das Gärtchen stand noch
voll von ihnen. Selbst auf den Gemüsebeeten trampelten schwere Stiefel,
aber als ich ein Wort des Bedauerns äußerte, sagte des Schiffers Frau
mit glänzenden Augen: »Wenn's auch mit Erbsen nischt is dies Jahr,
wenn's man mit die Stimmen für den Sozi wat sein wird!«
* * * * *
Am Vorabend der Entscheidung kamen wir in Frankfurt an. Im Hauptquartier
der Partei herrschte fieberhaftes Leben: hier meldeten sich Radfahrer,
um zum morgigen Dienst ihre Marschorder in Empfang zu nehmen, blutjunge
Leute unter ihnen, die sich mit um so größerem Enthusiasmus in den
Dienst der Sache gestellt hatten, als sie selbst noch nicht wählen
durften; dort stellten sich Frauen zur Verfügung, um die Säumigen an
die Urnen zu holen, und in später Nachtstunde kamen andere hungrig, heiß
und verstaubt von der letzten Verteilung der Wahlflugblätter zurück. Als
die Stadt schlief, huschten die Unermüdlichen noch durch die Straßen,
und am Morgen leuchtete in weißen und roten Lettern ein »Wählt Brandt!«
an den Zäunen und auf dem Trottoir.
Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten sich allmählich die
Bürger ein, ruhigen Schrittes, ohne sonderliche Erregung; mit dem
Zwölfuhrglockenschlag wurde es auf den Straßen lebendig, und durch die
Türen schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt, wie die Fabrik
und der Bau sie entlassen hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der
sich meldete, strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung an die ihrer
Aufgabe wartenden Frauen. Und die suchten dann die Säumigen in den
Wohnungen, auf den Arbeitsstätten. Nachmittags lag wieder sommerliche
Stille über der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich schon mit rosigen
Wolken überzog, hallte das Pflaster wider von raschen Tritten. Sie kamen
in Scharen: die jungen, rüstigen voran, und zuletzt, von Frauen, von
Kindern geführt, Alte, Kranke und Krüppel. Der Zettel in ihrer Hand, das
war ihr einziges, freies Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen
Tage die Gestalter ihres Geschicks.
Es dämmerte. In den Wahllokalen saßen unter spärlichen Gasflammen, vor
rauchenden Petroleumlampen die Zähler. Wenn wir eintraten, bedurfte es
keiner erklärenden Worte, die leersten Gesichter waren sprechend
geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht drückte sich
in ihnen aus.
Schon brannten die Laternen in den Straßen. Im Hause, wo die Partei ihr
Bureau aufgeschlagen hatte, waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben
war es noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte vor dem Tisch
mit dem großen Tintenfaß und den unbeschriebenen weißen Blättern der
kommenden Dinge. Sie grüßten uns kopfnickend, sie waren blaß und
schweigsam vor Erregung. Über Webers Stirn standen helle Schweißtropfen,
seine blanken Augen waren verschleiert. Wir setzten uns. Nach und nach
füllte sich der Raum. Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie
ebenso viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf der
zweite, der dritte, der vierte -- die Wahlbezirke der Stadt.
»Schlecht steht's!« knirschte der eine und warf den Zettel auf den
Tisch.
»Der Westen Frankfurts --,« sagte Weber, »immerhin: zum erstenmal
Stimmen für den Sozi! -- Das Zentrum, -- na, besser hätt's sein dürfen!
-- Und die Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf
Kommando wählten! -- Aber hier --,« sein Gesicht strahlte -- »das reißt
die ganze Stadt heraus!«
»Hurra!« rief einer und schwenkte die alte Soldatenmütze zum offenen
Fenster hinaus.
»Bravo!« antwortete es vielstimmig von unten.
Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle Plätze an den langen
Tischen besetzt.
»Warum dauert das nur so lang --,« seufzte ich.
»Die Radler aus dem Oderbruch können noch nicht hier sein --,« sagte
Weber, der wieder und wieder nach der Uhr sah.
»Telegramme!« schrie jemand. Der Postbote drängte sich durch die Reihen.
Mit bebenden Fingern riß Weber sie auf: »Berlin erobert! -- Ganz Sachsen
unser --!«
Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Straße weiterpflanzte, aber
rasch verklang. Das Schweigen war eine einzige Frage. »Und wir?!« --
Jetzt aber tönte von unten ein donnerndes »Hoch!« Wir stürzten zum
Fenster: über das Pflaster sprangen Lichter in langer Kette, Räder
blitzten auf --, die Treppen stürmte es empor: atemlos, blaurot, mit
zitternden Knien standen sie vor uns, die Männer aus dem Oderbruch. Sie
waren keines Wortes mächtig, aber die Tränen, die hellen Freudentränen
tropften ihnen über die Wangen. Mit einer fast feierlichen Gebärde
breitete Weber die Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen hatten
wir gewonnen. Dicht unter den Augen der Gegner, auf Gutshöfen, in
Dörfern hatten die Landleute für uns gestimmt. Stumm streckte ich dem
Maurer Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen seinen
harten Fingern.
Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch fehlten die
entferntesten Bezirke, -- Buckow, Fürstenwalde. »Entschieden ist noch
nichts,« murmelte Weber angstvoll.
Wieder ein Lärm auf der Straße. »Die Oderzeitung bringt ein Extrablatt!«
schrieen sie zu uns empor. In weitem Bogen flog es von der Tür über die
Köpfe hinweg auf unseren Tisch: »Depeschen aus Süddeutschland --
München, Nürnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt -- alles unser!«
Und nun löste ein Depeschenbote den anderen ab; jede Siegesnachricht
steigerte die elektrische Spannung, selbst die Nachtluft draußen schien
erfüllt von ihr.
Zu elf dumpfen Schlägen holte die Uhr auf der Marienkirche aus.
»Im Haus der Oderzeitung löschen sie die Lampen,« -- rief ein junger
Bursche, und brach sich mit Ellbogenstößen freie Bahn in den Saal. Die
Gesichter ringsum erhellten sich.
Eine Gärtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen säumiger
Wähler, nahm aus ihrem bis dahin sorgfältig gehüteten Korb einen großen
Strauß roter Nelken und stellte ihn vor uns auf den Tisch. -- »Ist's
nicht zu früh?!« -- Ein Brausen lag in der Luft, -- war's nicht das
pochende Blut in meinen Schläfen? Oder waren's die vielen Stimmen vor
dem Haus?
»Die ganze Straße steht schwarz voll Menschen,« flüsterte ein baumlanger
Arbeiter neben mir in scheuer Angst. Es war heiß, -- glühend heiß im
Saal, und doch schien mir, als müßten alle frieren wie ich.
Da -- »Fürstenwalde!« und wie ein Echo: »Buckow!« Weber war weiß im
Gesicht, -- sekundenlang bohrten sich seine Augen in das Papier. Wir
hielten den Atem an, -- dann stieß er mit rauher Stimme ein einziges
Wort hervor: »Gesiegt!«
Einen Augenblick war es noch still. Einem alten Mann, den ich nicht
kannte, und der bis zu mir vorgedrängt worden war, drückte ich
krampfhaft die Hand. Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie,
das jauchzte, das schluchzte --, alte Männer fielen einander um den
Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den Schultern der Nächsten. Und
draußen zerriß ein einziger Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen
nach ihrem Gewählten.
Auf die Fensterbrüstung trat er. »Nicht mir dieses Hoch,
Parteigenossen --,« und seine tiefe Stimme klang voll und warm und die
Luft selbst schien sie weiter und weiter zu tragen, »-- Euch vielmehr,
die ihr den Sieg erkämpftet, und unserer großen Sache vor allem, die die
Siegesgewißheit in sich trägt! Ein Hoch der Sozialdemokratie, ein
dreifaches Hoch!« Und wieder brauste es, als schlügen orkangepeitschte
Wellen an Felsenriffe.
Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun kam er zurück. Er trug
die alte Fahne, von grauen Tüchern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm
er langsam die Hülle ab, hob die schwere Stange hinaus, und das rote
Tuch rollte auseinander und wehte, aufglühend, wo das Licht es traf, wie
entfachte Flammen über die stumme Menge.
»Genossin Brandt! -- -- Alix Brandt!« -- Riefen sie mich?! -- Man schob
mich zum Fenster, -- man hob mich empor, -- ich sah keine Menschen, ich
sah nur ein wogendes Meer, -- ohne Anfang, ohne Ende. Und ich streckte
die Arme weit aus --