Dreizehntes Kapitel

»Genosse Weber aus Frankfurt a. O. -- meine Frau.« Ich war gerade zur

Türe eingetreten, als Heinrich mir seinen Gast vorstellte, einen kleinen

lebhaften Menschen mit blanken, braunen Augen und kahlem Schädel.

Verwundert sah ich von einem zum anderen: sie waren beide heiß und rot

vor Erregung.

»Helfen Sie mir, Genossin Brandt,« sagte der Fremde und trommelte mit

den Fingern auf der Tischplatte. Komisch, was für einen breiten, nach

außen gebogenen Daumen er hat, wie bei der Spinnerin im Märchen, dachte

ich zerstreut, während meine Augen gewohnheitsmäßig an seinen Händen

hängen blieben.

»Weber bietet mir die Kandidatur seines Wahlkreises an,« erklärte

Heinrich. Nun erst horchte ich auf.

»Und er zögert, sie anzunehmen. Bringt lauter Wenn und Aber vor. Und

will Bedenkzeit. Als ob es jetzt noch was zu bedenken gäbe! Jeder von

uns muß ins Geschirr, -- so oder so,« rief unser Gast, und seine Worte

überstürzten sich vor Eifer. »Machen Sie kurzen Prozeß, -- schlagen Sie

ein!«

»Schade, daß Sie mich nicht brauchen können, -- ich täte es

besinnungslos,« antwortete ich und legte meine Hand in die seine, die

er noch vergeblich meinem Mann entgegenstreckte. Weber hielt sie fest.

»Ein Weib -- ein Wort,« lachte er. »Sie sollen sehen, wie wir Sie

brauchen können, -- zuerst müssen Sie uns den Kandidaten und dann den

Wahlkreis erobern helfen!«

Aber mein Mann blieb fest, trotz allen Zuredens.

»In vierundzwanzig Stunden werden Sie meine Antwort haben...« sagte er.

Als Weber gegangen war, schalt er mich: »Du bist unüberlegt wie ein

Kind! Glaubst du, daß das Archiv nicht sehr geschädigt wird,

wenn ich für die Partei kandidiere, oder gar als Mitglied der

sozialdemokratischen Fraktion in den Reichstag komme?!«

Ich machte eine wegwerfende Bewegung: »Ach, -- das Archiv und immer das

Archiv! Lindner wird sich über kurz oder lang entscheiden müssen, und

wenn du erst eine ausgesprochen sozialistische Zeitschrift leitest, so

wird das auf das Archiv nicht anders wirken, als wenn du Abgeordneter

bist...«

Einen Augenblick lang schwieg ich und sah ihn erwartungsvoll an, aber er

blieb am Schreibtisch sitzen mit gesenkten Augen und zusammengekniffenen

Lippen, während seine Hand unruhig mit dem Bleistift spielte.

»Heinz --,« fuhr ich mit weicherer Stimme fort, »Heinz, das bist nicht

du, den ich unschlüssig vor mir sehe! Alle Wetterzeichen deuten auf

einen großen Kampf, und du könntest abseits bleiben, wenn man dich zu

den Waffen ruft?! Du, den ich liebe um seiner Kühnheit willen, der all

die tausend jämmerlichen Rücksichten des Alltagsmenschen nicht kennt --«

»Ich sage dir, wie schon einmal, daß ich an euch zu denken habe, an dich

und das Kind,« unterbrach er mich, aber seine Stimme hatte keinen Ton

dabei.

»Hat Romberg, der den Freien spielt und im Grunde nichts ist als ein

Philister, so viel Macht über dich?!« antwortete ich heftig. »Soll auch

für uns die Familie der Götze sein, dessen Unersättlichkeit wir das

Beste opfern: unsere Freiheit, unsere Überzeugung, unser Menschentum?!

Sie wäre wert, daß wir sie zerstörten, wie unsere Gegner es von uns

behaupten, wenn dem so wäre!«

Heinrich erhob sich und reichte mir die Hand. Seine Augen glänzten

wieder. »Du bist mein tapferer Kamerad,« sagte er, -- nichts weiter. Und

ich stellte keine Frage mehr an ihn.

Am nächsten Morgen gingen wir in den Reichstag. Seit Wochen tobte hier

der Kampf um den Zolltarif. Mit eiserner Konferenz hatte die

sozialdemokratische Fraktion es bisher durchgesetzt, daß über jeden

einzelnen Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn sie die

schließliche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern konnte, -- sie

hatte eine geschlossene Mehrheit gegen sich; von den bürgerlichen

Parteien wagte es nur die kleine freisinnige Vereinigung unter Führung

von Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende Verteuerung aller

Lebensmittel Front zu machen --, so wollte sie wenigstens nichts

versäumen, um ihre Folgen abzuschwächen, oder, -- das war die Hoffnung

der Optimisten in ihrer Mitte, -- die Entscheidung so lange

hinauszuschieben, bis die neu gewählten Volksvertreter sie zu fällen

haben würden. Sie wußten genau: wenn sie mit dem Zolltarif als

Agitationsmittel vor die Wählermassen treten könnten, so würde eine

verstärkte Opposition in den Reichstag zurückkehren. Aber ihre

politischen Gegner fürchteten diese Entwicklung der Dinge ebenso sehr,

als die Sozialdemokraten sie wünschten. Schon hatten sie versucht, durch

eine Umänderung der Geschäftsordnung die Verhandlungen zu beschleunigen,

-- umsonst. Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit vier- und

fünfstündigen Dauerreden, mit immer neuen Anträgen. Die Empörung stieg

bis zur Siedehitze. Und jetzt, -- darüber war kein Zweifel, -- hatten

die Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen Beratungen

ein Mittel gefunden, das den Einfluß der Opposition endgültig lahmlegen

sollte.

In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle Novembertag noch öder,

noch farbloser erscheinen ließ, warteten wir auf unsere Tribünenkarten.

Abgeordnete eilten an uns vorüber, in schwarzen Röcken oder in Soutanen,

schwere Mappen unter den Armen, mit müden, überwachten Gesichtern, oder

sie gingen flüsternd zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die

Köpfe zueinandergeneigt, wie Verschwörer. Erhob sich ihre Stimme im

Eifer des Gesprächs, so hallten abgerissene Worte durch den hohen Raum

und schwebten wie verirrt in der Luft. Ein langsamer fester Schritt

näherte sich uns: Ignaz Auer.

»Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt,« lachte er, indem er uns

kräftig die Hände schüttelte; »heute platzt hier irgend eine Bombe. Und

da müssen Sie dabei sein, was?!« Er führte uns in den Wandelgang, der

den Sitzungssaal umschließt, und mit seinem weichen Teppich und seiner

braunen Täfelung behaglich gewirkt hätte, wenn nicht ein unaufhörliches

hastiges Hin und Her die Luft in ständiger nervöser Schwingung erhalten

hätte. Wir setzten uns.

»Mir ist die Kandidatur für Frankfurt-Lebus angeboten worden. Was halten

Sie davon?« wandte sich mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich

mit der breiten Hand den Bart, während ein leiser Spott seine Lippen

kräuselte.

»Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere Berliner sagen?! --

Übrigens,« fügte er lauter hinzu, »ich kenne den Wahlkreis: Äcker,

nichts als Äcker, und Bauern- und Rittergüter, wenig Industrie, -- kurz,

ein böser Winkel.«

»Aussichtslos?« fragte Heinrich.

»Aussichtslos? Nein!« antwortete Auer. »Nur erleben wir beide seine

Eroberung nicht.« Ich biß mir ärgerlich die Lippen, -- ich hatte

erwartet, daß er zureden würde.

Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die Sitzung war eröffnet.

Wir stiegen zur Tribüne hinauf. Jeder Platz war besetzt. Gespannte

Erwartung lag auf allen Zügen. Man zeigte einander flüsternd die

Hauptführer im Kampf. Allmählich füllte sich unten der Saal. Das

gelbgraue Licht, das von den farblosen Wänden und der tiefen Glasdecke

ausstrahlte, ließ alle Gesichter gleichmäßig fahl erscheinen.

»Ein vornehmer Raum!« sagte eine Dame neben mir. Daß man so oft für

vornehm hält, was nur kühl, nur leblos ist! Die Architekten öffentlicher

Gebäude sollten den psychologischen Einfluß der Farben auf die Menschen

studieren. Vielleicht würden dann manche Parlamentsverhandlungen und

Gerichtsbeschlüsse anders ausfallen.

Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der mit einförmiger

Langsamkeit über die Petitionen zu den Vieh- und Fleischzöllen

berichtete. Niemand hörte auf ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der

Rechten und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer von ihnen

zur Tür, um bald darauf achselzuckend wiederzukommen. Irgend etwas

sehnlich Erwartetes fehlte. Die Linke nur saß scheinbar ruhig auf ihren

Plätzen, und auf dem Präsidentenstuhl lehnte Graf Ballestrem in

erzwungener Gelassenheit den weißen Kopf an die hohe Lehne. Der

Berichterstatter schloß. Graf Ballestrem erhob sich: »Wir treten nunmehr

in die Beratung des Zolltarifs ein ...«

In diesem Augenblick stieg Herr von Kardorff, der greise Führer der

Rechten, mit jugendlicher Elastizität die Stufen zur Estrade empor. Ein

weißes Papier zitterte in seinen Händen. Die Stimme, mit der er scharf

und hell seine Worte in den Saal hinausstieß, vibrierte:

»In wenigen Minuten wird dem Hause ein Antrag vorliegen, der dahin geht,

in Paragraph 1 der Gesetzesvorlage die Enbloc-Annahme des Zolltarifs

auszusprechen ...«

Ein Hohngelächter übertönte jedes weitere Wort. Die Linke sprang auf und

umdrängte die Estrade.

»Eine Guillotinierung!« klang es aus dem schwarzen Menschenknäuel.

»Sie haben uns selbst auf diesen Weg gedrängt ...,« rief Kardorff. Er

ballte die Faust um das weiße Papier, reckte die überschlanke Gestalt

hoch auf und maß mit einem hochmütigen Blick die Gegner unter ihm.

Man wartete auf die Verteilung des Antrages. Eine lange, atemlose Pause.

Endlich traten die Diener ein. Man riß ihnen die bedruckten Blätter aus

der Hand. Dicht unter der Rednertribüne, auf der Kardorff noch immer

aushielt -- gerade, starr, scheinbar gleichgültig --, warf einer der

Sozialdemokraten in fanatischem Zorn das zusammengeballte Blatt zu

Boden. Um den heftig gestikulierenden Bebel sammelte sich die Linke.

»Zur Geschäftsordnung!« rief Singers tiefe Stimme immer wieder dem

Präsidenten zu.

Und dann sprach er. Aber durch den frenetischen Beifall der Linken und

die empörten Zwischenrufe der Rechten und des Zentrums klangen nur

abgerissene Sätze zu den Tribünen empor.

»... Dieser Antrag ist der Ausfluß des persönlichen Interesses, welches

die Herren Gesetzgeber an der Zolltarifvorlage haben ... Sie fördern den

Umsturz, Sie propagieren die Revolution, indem Sie die Interessen des

Volkes mit Füßen treten... Neunhundert Positionen, von denen jede

einzelne die wirtschaftliche Existenz Tausender bedroht, wollen Sie in

einer Abstimmung zur Entscheidung bringen ... Sie fürchten sich, die

Beute könnte Ihnen entgehen ... Sie sind die Schleppenträger der

Agrarier und die Regierung ist ...«

»Ihr Zuhälter!« kreischte eine Stimme dazwischen.

Der Präsident erhob sich und schwang die Glocke. Aber das Wort saß fest;

flüsternd ging es schon durch die Menschenreihen auf den Tribünen.

Noch einmal übertönte Singers Rede den Sturm im Saal: »Mehr denn je

wird das Recht der Minorität, sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur

heiligen Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz zu

ersparen, das es der Not ausliefert, während es Ihre Taschen füllt ...«

Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen Augenblick lang lag

die Hand Theodor Barths in der seinen.

»Das Wort zur Geschäftsordnung hat der Herr Abgeordnete von Kardorff.«

Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt. Wie er den Namen

hörte, drehte er sich um und blieb zwischen den Seinen stehen, groß,

schwer, breitschultrig. Über ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade

führten, stand Bebel, die dunkelglühenden Augen fest auf den Redner

gerichtet, während seine Finger sich nervös bewegten, sich spreizten und

wieder zusammenzogen, als prüften sie ihre Kraft.

Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten Aristokraten, begann

Kardorff zu sprechen: »Wir sind der Überzeugung, daß der vorliegende

Antrag das einzige Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung wir

für ein großes vaterländisches Interesse halten ...«

»Vaterländisch?!« fragte jemand ironisch; ein schallendes Gelächter

antwortete.

Der Redner gab sich nicht die Mühe, den Lärm zu überschreien.

Gleichgültig sah er über die Menge hinweg und wartete, bis der Präsident

die Ruhe wieder hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die

Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht die Mühe, überzeugen

zu wollen; in seiner ganzen Art lag eine souveräne Verachtung des

Gegners.

»...Daß die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen auch gegen den Willen der

Minorität durchsetzt, ist eine grundlegende Forderung unseres

konstitutionellen Lebens...«

Tosender Lärm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedrängten Haufen, der sich

allmählich immer näher zur Rednertribüne emporschob, erhoben sich

geballte Fäuste. »Räuber!« -- »Taschendieb!« -- »Volksverräter! --«, wie

Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft. Die Mitglieder der

Rechten erhoben sich und besetzten wie zum Schutz die andere Seite der

Treppe. Kardorff sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser

geworden, und seine schmalen Hände umklammerten krampfhaft das Pult.

Hier stand nicht mehr der einzelne, der um einen momentanen Vorteil

kämpft, -- in diesem Mann erhob sich vielmehr die alte Welt wider die

neue und umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit dem

dunklen Glanz tragischer Größe.

Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen Reden über die

Zulässigkeit des Antrags.

»Acht Tage läßt sich die Sache wohl noch hinziehen,« meinte einer

unserer Reichstagsabgeordneten, den wir in der Wandelhalle trafen, »dann

ist der Zolltarif angenommen. Ein Pyrrhussieg für die Rechte, -- der

Nagel zum Sarg für die Nationalliberalen!«

»Und hundert Mandate für uns!« fügte ein anderer frohlockend hinzu; »das

wird ein Wahlkampf werden, der seinesgleichen nicht hatte!«

In einem Kaffee der Potsdamerstraße erwartete uns Weber. Fragend sah er

von einem zum anderen. Mein Mann reichte ihm die Hand.

»Hier haben Sie mich, wenn Sie noch mögen. Auer sagt, wir würden die

Eroberung von Frankfurt-Lebus nicht erleben, -- das gab den Ausschlag.

Die gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir nicht. Wir

wollen uns zusammen ein Wild erjagen.«

Wir blieben noch lange beieinander. Weber erzählte von seinem eigenen

Leben: wie er als armer Schustergeselle in die Welt hinausgewandert war,

sich schließlich seßhaft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.

»Eine verbissene Zähigkeit gehört dazu, wenn's gelingen soll,« meinte

er, »dieselbe Zähigkeit, die wir haben müssen, soll die Partei vom

Flecke kommen. Nur ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die

seit Jahren den steinigen Boden beackern, unermüdlich, in täglicher

Kleinarbeit, gegen den Haß und die Verfolgungssucht des ganzen

bourgeoisen Klüngels, -- und doch sind wir ein gut Stück weitergekommen.

Seit zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an, die seit dem

ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt im Winkel steht. Der

schönste Tag meines Lebens wär's, wenn ich sie einmal flattern sehen

könnte!« Und mit dem breiten Schusterdaumen wischte er sich einen

feuchten Tropfen aus dem Augenwinkel.

* * * * *

Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im Reichstage brutaler; selbst die

politisch Gleichgültigen wurden aufgerüttelt und verfolgten ihn mit

gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen versuchte die Mehrheit

die Kraft der Minderheit zu erschöpfen, aber mit trotziger Ausdauer

hielt sie stand, und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer

wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige Haß zerriß in

zügelloser Leidenschaft alle Bande äußerer Gesittung. Konservative

Abgeordnete bezeichneten die Arbeiter Berlins, die in riesigen

Versammlungen gegen den Umsturz der Geschäftsordnung durch den Antrag

Kardorff protestierten, als »skrophulöses Gesindel«, und ihre Presse

forderte von der Regierung: »der Bestie den Zaum anzulegen«. Die

»Bestie« blieb ihre Antwort nicht schuldig. Die größten Säle der

Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die nichts mehr war, als

ein Wille: nieder mit der Reaktion! und eine Hoffnung: der Rachefeldzug

der nächsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen in den

Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat gehörten. Bewunderung für

die wilde Energie der kleinen Schar Belagerter riß so manchen aus dem

politischen Schlummer, und der Groll führte andere hierher; sie fühlten

ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen Vertreter im Reichstag --

die Bassermann, die Richter -- schmählich verraten. Zu früh vernarbte

Wunden brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte, durch die

Kunst und Wissenschaft tödlich getroffen worden wären, wenn die Roten im

Reichstag sie nicht so wütend verteidigt hätten; und die Rede des

Kaisers klang lauter, als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die

sich bisher vom Getümmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei und ihren

Schreibtisch zurückgezogen hatten. »Eine Kunst, die sich über die von

mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst

mehr,« hatte er angesichts der vollendeten Standbilder in der

Siegesallee erklärt, und die großen Eroberungen neuer künstlerischer

Möglichkeiten, wie sie denen um Manet und van Gogh, um Liebermann und

Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen in den Rinnstein

bezeichnet. Jetzt rötete das Schamgefühl manchem die Wangen, der den

Streich ruhig empfangen hatte. »Wahrlich, es gilt mehr als den

Zolltarif,« sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, »es gilt die

Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung. Wenn es zu diesem Ende

nichts anderes gibt, als den Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner

zu bedienen wissen.« Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor, und

im stillen hoffte ich wieder, daß sie zu einer Revolutionierung der

Geister führen würde.

Aber auch die Gegner außerhalb des Reichstages rüsteten sich schon für

die kommenden Wahlen. Was der Adel Preußens vor zwanzig Jahren noch für

unmöglich gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant vereinigten

sich, da der gemeinsame Feind drohte: die Sozialdemokratie. Und der

Kaiser selbst wurde in diesem Kampf der erste Agitator: »Zerreißt das

Tischtuch zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen gegen

Thron und Altar, um Euch zugleich auf das rücksichtsloseste auszubeuten

und zu knechten --;« wie auf Windesflügeln durcheilten diese seine

Worte, die er an eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das

Reich, denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter, immer

lauter wurde der Groll: »Wer anders beutet uns aus als die Zollwucherer,

die uns das Fleisch vom Tisch nehmen und das Brot verteuern? Wer anders

knechtet uns als die Stützen von Thron und Altar, die das Joch der

Fronarbeit auf unsere Schultern laden?«

Während die Folgen der schweren Krankheit mir die agitatorische

Tätigkeit noch unmöglich machten, stand mein Mann schon mitten im

Wahlkampf. Er kam jedesmal hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen

Aufgabe wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der

Alleinherrschaft über unseren Schreibtisch zur Abfassung einer

Agitationsbroschüre, in der ich die politische Situation vom Standpunkt

der Frau aus beleuchtete. Für den kommenden Wahlkampf sollte sie die

Arbeiterinnen aufklären, anfeuern, mit Waffen versehen. Das Häuflein

ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen, aber

Hunderttausende gab es, zu denen ich sprechen konnte.

»Jetzt mache ich auch mit Lindner kurzen Prozeß,« sagte Heinrich eines

Abends, als er eben von Frankfurt zurückkehrte. »Gehen wir aus dem

Wahlkampf in der Stärke hervor, wie wir es hoffen dürfen, so treten die

Aufgaben praktischer Politik mit zwingender Notwendigkeit an uns heran,

und meine Zeitschrift hat einen Wirkungskreis ohnegleichen ...«

Lindner kam. Mit Wünschen und Hoffnungen und ohne Entschlossenheit, wie

immer.

»Sie haben mich lange genug genarrt,« fuhr ihn Heinrich an; »im

Vertrauen auf Sie habe ich gewartet und immer wieder gewartet. Nun aber

verlange ich ein Ja oder Nein.«

Lindners schmale Gestalt sank förmlich in sich selbst zusammen. Halb

verlegen, halb gekränkt versprach er eine rasche Entscheidung.

»Wie kannst du nur!« rief ich, als die Türe sich hinter ihm schloß. »Nun

wird er ganz gewiß zurücktreten!«

»Und wenn schon!« lachte Heinrich fröhlich, »glaubst du, die Zeitschrift

hinge von ihm allein ab?«

Drei Tage später war der Vertrag abgeschlossen, die Zeitschrift

gesichert. Lindner schien umgewandelt; die Aufgabe, die er vor sich sah,

wirkte auf ihn wie Morphium auf Hysterische: sie gab ihm Kraft,

Tatendurst, Selbstbewußtsein.

»Nun fehlt nur noch die notarielle Beglaubigung,« sagte er, nachdem er

seinen Namen unter das Schriftstück gesetzt hatte, »und morgen kann die

Arbeit losgehen!«

Mein Mann legte ihm die Hand mit einer bevormundenden Bewegung auf den

Arm: »Arbeiten müssen wir tüchtig, alle drei, aber über den geeigneten

Zeitpunkt des Erscheinens wollen wir noch andere hören. Und eine

notarielle Beglaubigung?« -- Er lachte -- »Ich denke, solche Scherze

schenken wir uns. Unser Wort genügt, auch wenn wir es nicht schriftlich

gegeben hätten.«

An einem der nächsten Abende folgten die Führer der Revisionisten

unserer Einladung. Wie zu einem Feste hatte ich unser Zimmer geschmückt

und unsere Tafel bereitet. Und festlich war mir zumute, -- wie den

Soldaten nach der Kriegserklärung. Die frankfurter Fahne fiel mir ein,

die eingerollt im Winkel stand, -- eine im Sturme immer voran flatternde

sollte unsere Zeitschrift werden!

Unsere Gäste gratulierten uns, -- aber sie hatten doch viel Bedenken, ob

unser Plan durchführbar sei. Sie anerkannten die Wichtigkeit der

Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, -- aber an der Stärke der Wirkung

zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, -- aber ohne den

Enthusiasmus für die Sache, den ich erwartet hatte. Der Name der

Zeitschrift wurde bestimmt: Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres

Erscheinens wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem Parteitag. --

Es war eine nützliche und verständige Besprechung, die wir hatten, aber

wir feierten kein Fest. Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir

leid.

Was ich schon oft empfunden hatte, das verstärkte sich jetzt: der

Revisionismus besaß den Verstand und die Einsicht des Alters, das Feuer

der Jugend war ihm jedoch darüber verloren gegangen. Wer aber die

Zukunft erobern will, der muß es erhalten, muß es mit seiner Liebe,

seinem Haß, seiner Hoffnung nähren, damit es weithin leuchtet und wärmt,

und die Fackeln derer, die ihm folgen, sich daran entzünden können.

* * * * *

An einem frühen Märzmorgen des Jahres 1903 war ich zu meiner ersten

Wahlagitation von Berlin weggefahren, das grau und grämlich, jenseits

aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen hatte. In Gusow verließ

ich den Zug. Auf dem Bahnsteig stand ein Mann, die Schirmmütze keck auf

ein Ohr gezogen, eine Nummer unserer märkischen Parteizeitung in der

Hand -- unser Erkennungszeichen. Er lachte mich fröhlich an.

»Ich bin der Jenosse Merten,« sagte er. »So was war noch nich da in

Jusow und Platkow. Alles, aber auch alles lauert auf Ihnen --«

Wir stiegen in ein klappriges Wägelchen und fuhren zwischen Weiden und

Erlen die Straße hinauf. Überrascht sah ich um mich. Ich hatte es gar

nicht gewußt, daß es schon Frühling geworden war!

»Welch eine Luft!« sagte ich mit tiefen Atemzügen.

»Nich war, jut ist sie!« antwortete mein Begleiter mit einem Stolz, als

wäre sie sein eigenstes Werk. »Wenn die nich wäre, wir gingen längst auf

und davon. Aber wenn wir -- meine Kollegen und ich -- Sonnabends von der

Arbeet aus Berlin nach Hause fahren und unsere Kinder kommen uns

entgegen, nich so blaß und dünn wie die berliner Jöhren, und wir können

im Jarten in der Laube sitzen, an unserem eigenen Jemüse rumpusseln und

an unseren Obstbäumen, -- dann vergessen wir gern die Plackerei der

ganzen Woche.« Wir begegneten vielen Fußgängern. Er grüßte nach rechts

und links. »Kommst du ooch nach Platkow?« redete er sie an.

»Jawoll --« »Natierlich,« riefen sie.

»Sind das alles Maurer? fragte ich.

»Wo denken Sie hin,« antwortete er, »da sind Landarbeeter mang, sogar

Bauern. Heute kommt alles zu uns. Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne

Frau reden jehört.«

Mitten auf der Straße, wo die Aussicht am freiesten war, ließ er den

kräftigen Braunen halten.

»Das ist das Oderbruch,« erklärte er und wies nach links, wo sich das

Land weit, endlos weit in der Ferne verlor, und darauf verstreut, wie

Spielzeug, zwischen knorrigen Bäumen, rotbedachte Häuschen und Kirchen

mit breiten Türmen hervorsahen. Blaßblau, wie von durchsichtigem

Kristall, wölbte sich die Himmelsglocke über der Ebene. Aus den dunkeln

Ackerfurchen stieg lebenverkündend ein würziger Geruch. Vergessene

Geschichten fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare Land

dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den märkischen Junkern, den

Itzenplitz, den Marwitz, den Finkenstein, die hier ringsum seit

Generationen die Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo der

Boden sich hob und Wälder den Horizont begrenzten.

»Hier oben sind die Rittergüter, da sitzen lauter Agrarier, -- unsere

ärgsten Feinde,« erzählte er. »Die sind schlau gewesen, von Anfang an.

Haben sich die guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht

erreichen konnte; während die Bauern unten alljährlich drauf gefaßt sein

mußten, daß es ihre arme Kate davontrug. Sie kennen doch die Jeschichte,

die unsere Kinder in der Schule lernen müssen: 'Hier habe ich in Frieden

eine Provinz erobert,' soll König Friedrich gesagt haben, als er mal

hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz! Als ob es nich arme Luders wie wir

gewesen wären, die die Kanäle gruben und die Dämme aufwarfen!«

»Aber den Gedanken hat doch der König gehabt,« meinte ich.

Ein mißtrauischer Blick streifte mich. »Für'n König mag das freilich

ooch schon 'ne Anstrengung gewesen sein!« spottete er.

Eine breite Kastanienallee führte in das Dorf Gusow. Einstöckige

Häuser, mit weißen Vorhängen an blanken Fenstern, umgaben in weitem

Bogen den Dorfteich, seitwärts öffnete sich der kiesbestreute Weg zum

Schloß, dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur Kirche,

unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein Begleiter sah nach der Uhr.

»Was meinen Sie, wenn wir zu Fuß durch den Park gingen? Sie glauben

nich, wie schön der ist!« Dabei bekam sein breites Gesicht einen fast

schwärmerischen Ausdruck.

An dem stillen Schloß vorbei betraten wir den Park. Weite Rasenflächen

dehnten sich vor der Terrasse, mit einem lichten Schimmer jungen Grüns

überzogen. Zu Füßen uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen Himmel

standen, guckten Schneeglöckchen neugierig aus der Erde hervor und

Krokusblüten schlugen verwundert ihre blauen Augen auf. Ein schmaler

Pfad wand sich zwischen hohem Gebüsch, das plötzlich zur Seite wich, um

dem Wunder fremdartig märchenhafter Bäume Platz zu machen; grau

schimmerten ihre Stämme wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig

über das dunkle Moos des Bodens.

»Zedern sind es,« sagte mein Begleiter, »Zedern vom Libanon;« und

blickte bewundernd auf den Traum des Südens. Über uns in den Kronen der

Bäume brauste der Frühlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich

schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und Linden die

dürren Äste.

Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und jede Pflanze, -- mit

scheuer Zärtlichkeit strichen seine rissigen Hände über die ersten

kleinen Knöspchen an den Sträuchern.

»Daß Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land so lieben!« staunte ich.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 21 / 30 题