Mein Mann lächelte: »Ich sage ja: Sie sind Revisionist.«

»Zum Donnerwetter, nein! -- Ich bin Sozialdemokrat!« -- Reinhards Augen

glänzten -- »Und ihr seid Rabulisten.«

Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten, gutmütig-freundlichen

Ausdruck an.

»Nichts für ungut, Genossen!« brummte er mit einem leichten Anflug von

Verlegenheit; dann reichte er meinem Mann die Hand. »Sie können auf mich

rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben wird, -- in bewußtem

Gegensatz zu unseren Zeitschriften von rechts und links, die sich um des

Kaisers Bart raufen, -- so wird es befreiend wirken und seines Erfolges

bei unseren Genossen sicher sein.«

Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen Brief von Romberg.

»... Ihre Pläne sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen,« schrieb

er, »und der Gedanke, das 'Archiv' selbst zu erwerben, ließ mich nicht

los. Trotzdem bin ich zu dem Entschluß gelangt, meine persönlichen

Wünsche nicht nur zu unterdrücken, sondern Ihnen überdies den dringenden

Rat zu geben, die Verkaufsidee überhaupt fallen zu lassen. Sie wissen

selbst, daß das neue Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv,

opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg ein ganz

unsicheres ist. Stünden Sie allein, so könnten Sie meinetwegen den

Husarenritt unternehmen, aber Sie haben Familie, -- verübeln Sie es

meiner aufrichtigen Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um sie in

diesem Zusammenhang von ihr sprechen läßt. Ich weiß: Frau Alix zieht in

diesem Augenblick zürnend die Brauen zusammen; sie ist ja noch

fanatischer, noch leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug

für beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann einmal die Rolle der

Planke spielen, die Sie vor dem Ertrinken rettet ...«

Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. »Daß Romberg solch bourgeoise

Anschauungen hat!« rief ich aus. »Als ob wir beide nicht im Notfall

schwimmen könnten!« Heinrich zog mich zärtlich in die Arme.

»Daß du so denkst, weiß ich,« sagte er, »trotzdem werde ich handeln wie

ein Bourgeois!« Ich wollte auffahren. »So höre doch erst zu, ehe du

schimpfst!« meinte er lächelnd. »Besinnst du dich auf Lindner, den

jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongreß getroffen haben?« Ich

nickte. »Er tauchte vor kurzem hier auf und besuchte mich, während du

weg warst: ein sympathischer Mensch, dessen Schüchternheit alle seine

guten Absichten im Keime erstickt. Er möchte in der Partei wirken; aber

auf der einen Seite fürchtet er als Akademiker das Mißtrauen der

Genossen, auf der an deren Seite stößt ihn die Pöbelgesinnung zurück,

die ihm vielfach schon begegnete. Er schüttete mir sein Herz aus; dabei

erfuhr ich, daß er der einzige Sohn reicher Leute ist. Ich sprach ihm

von unserem Plan, er war sofort Feuer und Flamme dafür.«

»Und gibt die Mittel?!« unterbrach ich Heinrich erregt.

»Wenn die Eltern, von denen er noch abhängig ist, sie ihm

bewilligen ...«

Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke, der mich beherrschte;

winzig erschienen ihm gegenüber die noch vorhandenen Hindernisse.

Einige Tage später kam Lindner zu uns: ein lang aufgeschossener blonder

Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden blaßblauen Äuglein und schlaffen,

feuchten Händen. Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdrückte rasch diese

erste instinktmäßige Empfindung.

»Ich möchte den Arbeitern die Kunst nahe bringen,« sagte er im Verlauf

unseres schwerfällig sich hinschleppenden Gesprächs.

»Die Freien Volksbühnen erfüllen, wie mir scheint, Ihren Wunsch. Sie

haben Tausende von Mitgliedern aus Arbeiterkreisen und leisten

Vorzügliches,« antwortete ich.

»So meinte ich es nicht, nein --,« und die Stimme unseres Gastes, die

noch den Timbre der Knabenstimme hatte, obwohl er längst über die

Entwicklungsjahre hinaus war, wurde lebhafter; »ich dachte, es müßte

möglich sein, das Künstlertum im Proletariat zu erwecken, eine neue

Kunst -- die Kunst der Zukunft -- entstehen zu lassen. Ich würde das als

meine Aufgabe ansehen.«

Ich musterte ihn genauer: er war gar nicht dumm, er hatte sogar einen

originellen Zug.

»Ich glaube nicht recht daran,« sagte ich dann langsam. »Daß die Talente

sich durchsetzen, gehört zu den Fabeln der Menschheit. Der harte Kampf

ums Dasein erstickt die meisten ihrer Keime. Und die davon doch zur

Blüte gelangen, verkümmern schließlich im Dilettantismus. Vielleicht

würden die von Ihnen erhofften Talente statt freier Künstler Hörige des

Proletariats, wie die Talente, auf die wir vor zehn Jahren hofften,

Hörige des Kapitalismus geworden sind..«

Mein Junge kam herein und erfüllte das Zimmer im Augenblick mit seiner

strahlenden Frische. Wie eine Pflanze, die im Dunkel gestanden hat mit

blassen saftlosen Trieben, wirkte Lindner jetzt auf mich. Er tat mir

leid, und ich wurde darum weicher. Er erzählte von seinen Eltern. Sie

hatten große Hoffnungen auf ihn gesetzt, und daß er sie immer wieder

enttäuschte, machte ihn selbst mutlos. Aber jetzt, -- jetzt würde er um

seine Überzeugung, -- um seine Zukunft mit ihnen kämpfen!

Er gewann Vertrauen zu mir. Und wenn er meine instinktive Abneigung

immer wieder hervorrief, so überwand das Mitleid mit dieser armen

Greisenseele eines Jünglings sie eben so oft. Seine Besuche waren oft

recht unbequem. Wie die meisten Menschen, für die die Arbeit nur eine

Nebenbeschäftigung ist, hatte er keinen Respekt vor der Zeit. Er fühlte

nicht, daß er störte, und wenn man es ihm andeutete, so war er gekränkt.

Nur wenn er mit Ottochen spielen konnte, merkte er nicht, daß ich ihn

hatte los werden wollen. Er liebte die kleinen Kinder und ließ sich von

meinem fünfjährigen Wildfang mit einer Gutmütigkeit tyrannisieren, die

rührend war. Oft hörte ich durch die Türe die hellen Kommandotöne meines

Jungen.

Mein Bub'! Daß ich nur heimlich, wie aus dem Hinterhalt, sein Geplauder

belauschen durfte! Daß ich mir die Stunden für ihn stehlen mußte! Ich

war abermals einem falschen feministischen Lehrsatz auf der Spur. Nicht

der Säugling bedarf der Mutter am meisten. All die vielen, mechanischen

Dienste, die der kleine Körper fordert, versteht eine geschulte

Pflegerin besser als sie. Erst der erwachende Geist braucht die Augen

der Mutter, die jede seiner Regungen sieht, und ihre Sorgfalt, die

allein weiß, welche seiner vielen Triebe beschnitten, welche gestützt,

welche der Sonne und dem Wetter ausgesetzt werden können. Und Millionen

Frauen dürfen es nicht! Nie erschien mir unsere Gesellschaftsordnung

widersinniger: sie zwingt den Staat, Gefängnisse zu bauen für die

Verbrecher und Fürsorgeerziehungsanstalten für die verwahrloste Jugend,

der sie die Mütter genommen hat.

Sollten wir wirklich darauf warten müssen, bis sich in hundert und

aberhundert Jahren der Prozeß der Sozialisierung der Gesellschaft

abgespielt hat? War unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung

nicht heute schon so weit vorgeschritten, um durch eine sozialistische

Organisation in Verbindung mit der allgemeinen Arbeitspflicht, die

Herabsetzung der Arbeitszeit auf das geringste Tagesmaß zu ermöglichen

und den Kindern nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater

zurückzugeben? In dem leidenschaftlichen Zorn, der mich gegen die Hüter

der bestehenden Ordnung erfüllte, konnte ich nicht anders, als sie für

Heuchler oder für Dummköpfe zu erklären. Die Frauen galt es, wider sie

zu empören! Mutterliebe ist das stärkste Gefühl in der Welt, stärker als

die Leidenschaft der Geschlechter, stärker als der Hunger. Einmal von

den Fesseln befreit, in die die Tradition sie zwängte, muß sie zum Motor

werden, der die Gesellschaft aus den Angeln hebt.

Ich wandte mich in meinen Reden immer mehr an die Frauen. Ich peitschte

ihre Empfindung auf; ich erklärte sie für die Schuldigen, wenn ihre

Kinder hungerten an Leib und Geist, wenn sie verkamen, wenn die Maschine

ihre Jugend zerfraß, wenn sie im Zuchthaus endeten. Der Zolltarif mit

seiner Verteuerung aller Lebensmittel, der zu gleicher Zeit die

Reichstagsdebatten beherrschte, die Fleischteuerung, die eine Folge der

Schließung der Grenzen war, -- kurz, die ganze agrarische Reichspolitik,

in die die Regierung eingeschwenkt war, boten mir die Handhabe, um an

die nächsten Interessen der Frauen anzuknüpfen, an jene Frage, die je

nach der Bedeutung, die sie für die Glieder des Volkes hat, ein

Gradmesser der Menscheitskultur sein kann: wie sättige ich meine Kinder?

Von einer meiner Versammlungen war ich fast stimmlos zurückgekehrt.

»Sie dürfen weder in Rauch noch in Staub sprechen,« sagte der Arzt wie

schon einmal vor Jahren.

Ich lachte ihm ins Gesicht, ließ mir den Hals ein paarmal einpinseln und

fuhr nach Schlesien. Mit äußerster Anstrengung gelang es mir, noch zwei

Reden zu halten. Dann versagte die Stimme ganz.

Jetzt erklärte der Arzt, daß ich sobald als möglich fort müsse: »In

gute reine Luft, am besten ins Gebirge.« Ich schüttelte den Kopf. Wie

konnte ich an eine Sommerreise denken?!

»Die Gesundheit geht allem anderen voraus,« sagte mein Mann, »heute noch

kannst du packen und morgen in den Alpen sein.«

Die Frage, ob solch eine Reise möglich wäre, schien ihn keinen

Augenblick zu beunruhigen.

»Ich kann den Kleinen nicht wochenlang allein lassen --,« wandte ich

ein.

»Natürlich: Ottochen nimmst du mit,« antwortete Heinrich ohne Besinnen,

»auch diesem Stadtpflänzchen wird das Landleben gut tun.«

* * * * *

Um jene Zeit war mein Schwager Erdmann gestorben. Meine Mutter kam mit

Ilse nach Berlin zurück. Ich erschrak, als ich sie sah. Jetzt erst war

sie wirklich alt geworden, unauslöschlich hatten sich die Falten der

Verbitterung um ihre Mundwinkel eingegraben. Zwischen ihre fest

aufeinandergepreßten Lippen kam kein Laut der Klage. Aber wenn Ilse

neben ihr stand in all ihrer strahlenden Jugend, mit den Augen, die

sehnsüchtig die Sonne suchten nach all dem monatelangen Leid, dann

fühlte ich die ganze Qual dieses Zusammenlebens.

Sie kamen häufig allein zu mir, und ich mußte immer wieder zwischen

ihnen vermitteln. Endlich faßte ich den Mut, der Mutter ehrlich meine

Meinung zu sagen:

»Warum läßt du sie nicht frei? -- Viele in ihrem Alter stehen allein in

der Welt. Wozu quälst du dich selbst und sie?«

Die Mutter wurde hochrot im Gesicht. »Da sieht man, wohin eure

religionslose Moral euch führt!« rief sie. »Nicht genug, daß du im Lande

umherziehst und die Frauen gegen Kirche und Staat aufhetzst, wie mir

mein Bruder erzählt, du respektierst nicht einmal mehr die

selbstverständlichsten Gebote der Mutter- und der Kindespflicht.«

»Nein,« antwortete ich erregt. »Eine Pflicht, die kein Gebot des Herzens

ist, eine Pflicht, die sich wie ein antiker Schicksalsspruch durchsetzen

will, auch wenn die Menschen dabei zugrunde gehen, erkenne ich nie und

nimmer an. -- Was Onkel Walter erzählt, sollte dir übrigens nichts Neues

sein: du weißt, daß ich Sozialdemokratin bin. Daß meine Agitation ihm

jetzt, wo sie sich gegen seine speziellen agrarischen Interessen

richtet, besonders antipathisch ist, scheint mir auch nur

selbstverständlich.«

»Und ich hatte gehofft, daß die Mutter in dir dich allmählich von diesen

Abwegen zurückführen würde --«

»Die Mutter in mir treibt mich vorwärts!« unterbrach ich sie.

»Lehrt sie dich auch jede Familienrücksicht über Bord werfen? Nicht

daran denken, wie du alle kompromittierst, die unseren Namen tragen? Wie

mein Bruder sich sogar gezwungen sieht, ein Mandat für den nächsten

Reichstag nicht mehr anzunehmen?!« Ihr Zorn fing an, mich zu entwaffnen.

»Liebe Mutter, das alles wollen wir, denke ich, nicht wieder aufrühren,«

sagte ich ruhig. »Die Verwandten haben sich längst in aller Form von

mir losgesagt, und wenn es für mich Familienrücksicht gibt, so ist es

allein die auf mein Kind.«

»Gerade an diesem Kind wirst du für all das Unglück, das du über uns

gebracht hast, büßen müssen!« rief die Mutter mit funkelnden Augen.

Ich war von dem drohenden Ton ihrer Stimme betroffen. »Was meinst du

damit?!« frug ich.

»Solltest du für Otto etwa nicht auf Klotildens Erbe hoffen?« entgegnete

sie. »Hat sie dich seit deiner Heirat jemals eingeladen?!«

»Ich stehe dauernd in brieflichem Verkehr mit ihr. Sie hat mir erst

kürzlich über meine 'Frauenfrage' Worte wärmster Anerkennung

geschrieben. Und daß sie mich nicht bei sich sehen kann, begreife ich

vollkommen. Ich würde ihre Freunde vertreiben, an denen sie hängt,«

antwortete ich ausweichend.

»Nun so laß dir von mir gesagt sein, daß die Berichte über deine

agitatorische Tätigkeit sie aufs äußerste empörten. Jenny Kleve kam eben

aus Augsburg zurück --«

Ich biß mir heftig auf die Unterlippe. »Jenny Kleve! Allerdings eine

gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin meiner Interessen!« spottete

ich. »Bist du es nicht gewesen, die alles daran setzte, um zwischen ihr

und ihren Geschwistern und Tante Klotilde nähere Beziehungen

herzustellen?! Dein eigener Bruder warnte dich damals, dir kein

Kuckucksei ins Nest zu legen!«

»Ich habe nur meine Pflicht getan,« erklärte die Mutter.

* * * * *

Tante Klotildens Erbschaft! Der Gedanke bohrte sich mir in Hirn und

Herz. Mit einer Sicherheit, die nie auch nur den geringsten Zweifel

aufkommen ließ, hatte ich stets auf sie gerechnet. Ich wußte: ihrem

geliebten ältesten Bruder, meinem Vater, hatte sie versprochen, für mich

sorgen zu wollen; er hatte mir noch kurz vor seinem Tode den Inhalt

ihres Testamentes vorgelesen, und hinzugefügt: »Daß ich Deine und Deines

Jungen Zukunft gesichert weiß, wird mir das Sterben erleichtern. Habe

ich doch selbst gar nicht für Euch sorgen können!« Über manche schwere

Stunde hatte die Erinnerung daran mir hinweggeholfen: Mag kommen, was

will, mein Kind wird einmal nicht darben! Sollte sie ihr Wort brechen

können?! Ein kalter Schauer erschütterte meinen Körper. Ich wußte, wie

es tat, an die jämmerliche Notdurft des Lebens ständig denken zu müssen.

Wie viele junge Menschen hatte ich aus der Flut des Lebens auftauchen

sehen, von einem starken Talent emporgetragen, und nach ein paar Jahren

hatte das Bleigewicht der Not sie niedergezwungen!

Mein Sohn sollte sich frei entwickeln können. Ich mußte mich selbst

überzeugen, ob die Warnung meiner Mutter berechtigt war.

Mein Mann war böse, als ich davon sprach. »Du wirst dich doch nicht mit

den Kleves auf eine Stufe stellen?!« rief er aus. »Unser Junge hat es

nicht nötig, daß seine Mutter sich erniedrigt. Er wird stark genug sein,

sich selbst durchzukämpfen.«

Ich war so erregt, daß all die verschwiegenen Qualen hervorstürzten wie

ein entfesselter Wildbach: »Du freilich wirst nichts davon merken, wenn

er sich grämt, gerade so, wie du nicht merkst, nicht merken willst, wie

mich die Sorgen niederdrücken. Du schiltst, wenn ich nach deiner Ansicht

nicht genau genug auf jeden Wurstzipfel achte, der in die Küche kommt,

aber du fragst nicht danach, woher ich das Geld nehme, wenn du keins

mehr hast und wir leben wollen!«

Und ich erzählte ihm, wie ich im vorigen Jahr den Verleger um Vorschuß

hatte bitten müssen, wie ich mein bißchen Schmuck heimlich aufs

Versatzamt getragen hatte. Er wurde ganz blaß, und sein Gesicht nahm

jenen harten, kalten Ausdruck an, vor dem ich mich immer fürchtete.

Tagelang gingen wir stumm nebeneinander her, während das gezwungene

Zusammensein uns stets aufs neue reizte.

»Die Ehe ist doch eine gräßliche Einrichtung,« sagte Heinrich

schließlich und reichte mir in versöhnlicher Stimmung die Hand.

Ich nickte eifrig und meinte lächelnd: »Wie stark muß die Liebe sein, um

sie auszuhalten!«

»Die besten Freunde müssen einander unerträglich werden, wenn sie Tag

und Nacht in denselben Käfig gesperrt sind,« ergänzte er.

»Ich glaube, es ist Zeit, daß wir für ein paar Wochen in Freiheit

gesetzt werden,« wagte ich zögernd auszusprechen; -- ich erwartete jeden

Tag die Antwort von Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie

gefragt hatte, ob es ihr recht wäre, wenn ich mit dem Kleinen nach

Grainau käme. Ich würde mir eine eigene Wohnung nehmen, -- natürlich, --

und sie nur besuchen, wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar

noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend: »Mach, daß du

wegkommst, damit ich die Gattin los werde und die Geliebte wiederfinde.«

Die Antwort kam, -- eine kühle, glatte Ablehnung. »Die Welt ist groß,«

schrieb sie, »Du brauchst Deine Sommerferien nicht gerade in Grainau zu

verleben, wo die Situation für dich, -- ganz abgesehen von der meinen,

auf die Du ja keine Rücksicht zu nehmen scheinst --, eine wenig

gemütliche wäre. Die Bauern würden Dir fremd, wenn nicht feindlich

gegenüberstehen. Seit der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel Lärm in

Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine ständigen

Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser« -- hier hörte ich die Stimme

der Kleves, die nur in der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten --

»haben den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerstört ... Ich

bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und äußere Ruhe. Im

übrigen wird meine Liebe zu Dir durch die räumliche Entfernung eher

erhalten, als beeinträchtigt werden ...«

Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg zu ihr bahnen könnte?

»Gehen Sie ins Gebirge,« hatte der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen

würde, -- mit dem Kleinen, -- irgend wohin nicht allzuweit von Grainau,

wo der glückliche Zufall eine Begegnung ermöglichen könnte! Ich war

überzeugt: sah sie mein Kind, ihr ganzes Herz würde gewonnen werden!

* * * * *

In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei einem Bauern ein

Giebelzimmerchen und die große, bunte Wiese, die ich meinem Liebling

versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit dem kleinen Sohn

des Hauses, dem Hansei, und seine weiße Stadthaut bräunte sich, und

seine Muskeln wurden straff. Ich saß indessen auf der Altane und schrieb

alle möglichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar immer wieder

eine Woche längeren Aufenthalt möglich machte. Von fernher glänzte und

lockte die Zugspitze bis zu mir herüber. Ich sah sie bei Nacht im

Mondschein, wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd um sie

scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn die Sonne sie inbrünstig küßte und

ihr doch nichts zu rauben vermochte von ihrer jungfräulichen Reinheit.

Ihr zu Füßen war das Stückchen Erde, das ich liebte, wie keins in der

Welt. Wo ich mein Jugendglück fand und -- begrub. Ich verstand, daß es

Menschen gibt, die vor Heimweh krank werden.

Auf unseren Spaziergängen suchte ich immer die Wege, auf denen ich dem

weißen Berge näher kam, und erzählte dem aufhorchenden Kleinen von ihm

als der verzauberten Prinzessin und ihrem grauen finsteren Wächter, dem

Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen feucht. »Sei nich

traurig, Mamachen,« tröstete mich mein Kind. »Ein großer Held wird

kommen und die Prinzessin befreien!«

Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufwärts gingen, plauderte er

lustig von den Kühen und den Blumen. Dann wurde er plötzlich still, ein

grübelnder Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine Wangen

färbten sich dunkler.

»Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden,« begann er

unvermittelt; »ist das nicht dumm?!«

Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.

Als wir uns aber im Walde lagerten, zog er meinen Kopf dicht an den

seinen und flüsterte aufgeregt: »Ich muß dir ein großes Geheimnis sagen,

-- dir ganz allein. Ich will ein Held werden und alle schlechten Leute

totschlagen!«

Ich streichelte seinen Lockenkopf. »Das ist nicht leicht, mein Kind,«

sagte ich ernst.

»Oh, ich weiß! Aber was man will, das kann man auch!« rief er mit einem

hellen Jauchzen in der Stimme. Ich zog ihn zärtlich an mich. Hatte ich

es nötig, um ihn zu bangen? Brauchte ich zu fürchten, daß seine Zukunft

von der Gunst der harten Frau dort drüben abhängig werden könnte? Ich

vergaß allmählich, weshalb ich hierher gekommen war. Ich sah nicht mehr

erwartungsvoll die weiße Straße hinauf, wo ich vor Zeiten so oft mit der

Tante gefahren war.

Es fiel von meiner Seele wie lauter dunkle Schleier. Die Sonne und die

freie Bergluft berührten sie wieder. Zuweilen kam ich mir selbst wie

verzaubert vor: als sei all mein Träumen, mein Hoffen und Sehnen aus mir

herausgetreten und lebendig geworden in der Gestalt dieses Kindes.

An den Wiesenwegen standen überall Kruzifixe, Wahrzeichen jener

Verneinung des Lebens, die uns gelehrt hat, Armut und Unglück nicht als

unsre ärgsten Feinde, sondern als gottgewollt anzusehen.

»Ich kann einen angenagelten Gott nicht anbeten,« sagte mein Sohn.

Unser Aufenthalt ging zu Ende. Ich mußte zum Parteitag nach München.

Aber ich konnte nicht fort, ohne drüben gewesen zu sein, wo auf dem

Hügel die kleine weiße Kirche steht und der grüne Badersee im Walde

träumt, mit dem Bilde der Zugspitze im Herzen. Wir fuhren nach Garmisch

und wanderten über die Wiesen, an den braunen Heuschobern vorbei,

dorthin, wo sich in leisen Wellenlinien das Tal erhebt, Hügel an Hügel

von alten Baumriesen bekrönt und blühenden Büschen. Glänzend wie ein

Silberstreifen schlängelt sich der Weg durch die Gründe, -- braune und

rote Dächer tauchen auf, -- schon plätschert der Bergbach, der ganz,

ganz oben in den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und vom

Schnee sich nährt und vom Eis: Das war Grainau --. »Und nun, Bubi, paß

auf: nun kommen die blauen und goldgelben Häuser mit den lustigen

Heiligenbildern daran und den vielen, vielen Nelken auf den Altanen.«

»Wo denn, Mamachen?!«

Ich sah mit großen Augen um mich. Wo waren sie nur? Die Erinnerung malte

mir wohl ihr Bild, aber die Zeit hatte ihre Farben verlöscht, und

überall standen neue Häuser mit kalkweißen Wänden, -- ohne den heiligen

Florian in den Nischen, -- blumenlos. Wie verschüchterte Bauernkinder

vor den Städtern verkrochen sich die alten scheu in den Winkeln. Ich

beschleunigte meine Schritte. Der Wald war derselbe geblieben, und

zwischen den Buchenstämmen leuchtete schon der See. Dort wollt' ich

stille Andacht halten! -- Mein Fuß stockte: ein großes Hotel erhob sich

an seinem Ufer. In seine kristallklare Flut hatte man eine Nixe aus

Bronze versenkt; auf den Kähnen drängten sich die Menschen um sie und

starrten hinunter. Aber den Badersee sahen sie nicht. Der lag ganz still

und sah zum Himmel empor in großer, großer Einsamkeit. Und hinter

dunkeln Wolken versteckten sich die Berge, als schämten sie sich der

Welt unter ihnen.

Ich kämpfte mit den Tränen. Meine Jugend hatte ich gesucht, -- war ich

nicht statt dessen plötzlich uralt geworden? Ich mochte nichts mehr

sehen, auch das Rosenhaus nicht. Aber mein Junge gab nicht nach.

Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen Rosensee uns zu

Füßen, am jenseitigen Ufer das traute grünumrankte Haus. Hier hatte sich

nichts verändert. Und all die Bilder von Glück und Leid, die dieser

Rahmen einst umschloß, zogen an mir vorüber. Die Jahre zwischen damals

und heut wären mir wie ein Traum erschienen, wenn nicht das Kind neben

mir mich an die lebendige Gegenwart erinnert hätte. Ich stand auf und

reckte den Körper. Der Abschied von diesem Haus, diesem See, diesem Wald

war der erste Schritt in das neue Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht.

Dankbar sah ich noch einmal hinüber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel

blieb mein.

Eine weißhaarige Frau, die den schweren Körper nur mühsam am Stock

vorwärts bewegte, trat aus der Tür in den Garten. Uns entgegen auf dem

schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes Mädchen. Dicht vor mir

blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen stehen. Es war Jenny

Kleve. Dann sah ich noch, wie sie hinüberlief, mit erregten Gesten auf

die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen Diener eine

Weisung erteilte. Ich lachte auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich

nicht vorzulassen, dachte ich; -- Jenny Kleve, auf diesen Triumph freust

du dich umsonst!

* * * * *

In München erwartete uns Berta, mit der der Kleine nach Berlin

zurückreisen sollte.

Hätte ich nur mit ihnen heimreisen können! All der Staub der Stadt, der

meine Lunge erfüllt, der grau und schwer die Glut meines Herzens fast

erstickt hatte, war vom Bergwind weggeweht worden. Mein Kind, -- mein

Geliebter, -- waren sie nicht der Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter,

-- nicht mein Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein Stück

Papier. »Die geläuterte Moral der Zukunft wird die Roheit unserer

Gesittung nicht verstehen,« schrieb ich an Heinrich, »die die

Beziehungen der Geschlechter, wie die zwischen Unternehmer und Arbeiter,

zwischen Herrn und Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln

wollte, die die Frau nötigte, als Symbol des Auslöschens ihrer

Persönlichkeit, den eigenen Namen mit dem des Mannes zu vertauschen.

Liebe sollte immer ein Geheimnis sein, eins, um das nur die

Allernächsten wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und erzählt

zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib gehört jenem Mann!.. Ich

sehne mich nach Dir. Mit tieferer, heißerer Sehnsucht, als da die Liebe

mir nur ein Traum war. Ich möchte untertauchen bis auf den Grund ihres

Ozeans, denn mir ist, ich wäre bisher nur auf der Oberfläche gefahren,

und in der Tiefe warteten Schätze auf mich von unermeßbarem Wert. Aber

wenn ich an unsere laute Straße denke, an die engen Zimmer, in die

unsere große Liebe sich sperren ließ, um Magddienste zu tun, -- dann

sinkt meine Sehnsucht in sich zurück, wie ein Springbrunnen, der eben in

Milliarden Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der Gärtner

den Hahn abdreht, plötzlich verschwindet ...« --

»Du hast recht,« antwortete er, »tausendmal recht! Aber glauben kann ich

Dir erst, wenn Du Deine Empfindung nicht nur aussprichst, sondern ihr

folgst ... Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel, wo uns

niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst ... Der Parteitag braucht Dich

nicht. Dieser Augenblick jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns

beiden die Erinnerung an die Ehe auslöscht ...«

Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie hätte ich es mir eingestanden,

und doch war es so: ich stand, wie die Mutter, noch unter dem kalten

Gesetz der Pflicht. Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um

meiner Wünsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erfüllung mir

widerstrebte.

* * * * *

Wie schön hatte ich es mir einst gedacht, wenn zu den Kongressen der

Partei die Gesinnungsgenossen von Ost und West, von Nord und Süd

zusammenkommen würden, ungleich nach Beruf und Alter und Geschlecht, und

doch ein einiges Heer, von derselben Kraft durchdrungen, von demselben

Willen beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit heiliges

Land zu suchen. Und jetzt?

Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen waren, musterte

man sich mißtrauisch, begrüßte sich kühl. Und Gruppen bildeten sich, die

berieten, ob und wie man die Ansichten der anderen Gruppen überstimmen

könne.

Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus. Als ich in den Kreis der

fünfundzwanzig Genossinnen trat, fühlte ich die abweisende Kälte, die

mir entgegenströmte. Nur Ida Wiemer schüttelte mir herzhaft die Hand.

»Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?!« flüsterte sie erregt.

Ich lachte spöttisch: »Sie wollen offenbar in anderthalb Tagen die ganze

Frauenfrage lösen. Arbeiterinnenschutz, Kinderschutz, gesetzliche

Regelung der Heimarbeit, politische Gleichberechtigung, -- ein

imponierendes Programm! Es ist ja aber auch eine hübsche Zahl von

Jasagern beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.«

»Aber Krach gibt's auch,« antwortete Frau Wiemer. »Ihnen müßten die

Ohren geklungen haben, so giftig ist die Bartels auf Sie.«

»Auf mich?! Ich habe ja gar nichts getan!« meinte ich verwundert.

»Aber die düsseldorfer Genossinnen haben einen Antrag auf Anstellung

einer Parteisekretärin eingebracht. Man meint, Sie müßten

dahinterstecken --«

Darum also die bösen Gesichter!

»Und dann: daß Sie als Einzige von uns morgen im Kindlkeller sprechen!«

Darum also die gekränkten Mienen!

Die arme Düsseldorferin wußte offenbar nicht, in was für ein Wespennest

sie mit ihrem Antrag gestochen hatte, und konnte die Erregung, die er

hervorrief, nicht begreifen. Ich kam ihr zu Hilfe und goß nur Öl ins

Feuer. Alles fiel über uns her. Martha Bartels sah in dem Antrag ein

Mißtrauensvotum gegen ihre Tätigkeit als Zentralvertrauensperson und

spielte die persönlich Gekränkte, Luise Zehringer gab der offenbar

allgemeinen Meinung, wonach ich mir auf diese hinterlistige Weise eine

fette Pfründe schaffen wollte, drastischen Ausdruck, indem sie mit einem

wütenden Blick auf mich erklärte:

»Die Genossinnen, die nur ab und zu von sich hören lassen, sonst aber

praktisch gar nicht arbeiten, können wir für solche Stelle nicht

brauchen. Die haben unser Vertrauen nicht.«

Dabei begann sie krampfhaft zu schluchzen und kreischte, wie ich es von

ihr noch nie gehört hatte. Aller Klang und alle Weichheit waren aus

ihrer Stimme verschwunden. Ob das das unausbleibliche Schicksal aller

Agitatorinnen war?!

Die Bartels sekundierte ihr: »Uns können nur Frauen nützen, die Fleisch

von unserem Fleische sind ... Keine akademisch gebildeten Damen, die nur

mal, um sich zu zeigen, ab und zu in einer großen Versammlung einen

Vortrag halten --.« Ich stand dicht vor ihr und sah ihr gerade ins

Gesicht. »Solche Paradepferde können wir nicht brauchen,« schrie sie.

Mein Nachbar, ein belgischer Genosse, schüttelte verwundert den Kopf:

»Es scheint, die ganze Konferenz richtet sich gegen Sie. Was haben Sie

nur getan?!« fragte er.

»Ist's nicht Verbrechen genug, daß ich überhaupt da bin?!« antwortete

ich bitter.

Als im weiteren Verlauf der Debatte die Frage des Arbeiterinnenschutzes

besprochen wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr, abermals die

Forderungen einer umfassenden Mutterschaftsversicherung zu verteidigen.

Ein paar Beifallsrufe wurden laut, die meisten der Frauen jedoch, ihr

Leben lang gewohnt, sich unterjochen zu lassen, waren durch die

Anwesenheit so anerkannter Parteiautoritäten, wie Wanda Orbin und Martha

Bartels, viel zu verschüchtert, als daß sie ihnen hätten opponieren

können. Kaum hatte ich geendet, als Wanda Orbin sich zum Worte meldete.

Sie sprach mit einer Leidenschaft, als gelte es, die höchsten Prinzipien

des Sozialismus zu verteidigen, und mit einer Stimme, als hätte sie eine

Riesenvolksversammlung vor sich: »Der Gedanke, welcher der

Mutterschaftsversicherung zugrunde liegt,« sagte sie, »ist der Gedanke

der menschlichen Solidarität in seiner weitesten Form. Die

Verwirklichung dieses Prinzips aber steht in so schreiendem Gegensatz zu

dem Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, daß wir sie auf

ihrem Boden nicht erreichen werden ... Sie kann erst zur Verwirklichung

gelangen, wenn das Recht des lebenden Menschen über den toten Besitz zur

Geltung gebracht sein wird, -- in einer sozialistischen

Gesellschaft ...« Ihre Stimme überschlug sich, Schweißtropfen standen

auf ihrer Stirn. Von allen Seiten klatschte man enthusiastisch.

»Bisher hat es nur als ein Kennzeichen der bürgerlichen Frauenbewegung

gegolten, aus Opportunitätsgründen möglichst wenig zu fordern, um

überhaupt etwas zu erreichen,« antwortete ich in ruhigem Gesprächston.

»Wir verlangen im Gegenteil Alles, und nehmen nur als Abschlagszahlung,

was davon stückweise errungen wird. Haben wir etwa jemals aufgehört, für

den Achtstundentag zu agitieren, weil der Gegenwartsstaat ihn nicht

gewähren wird? Mit noch größerem Recht können wir von ihm die

Mutterschaftsversicherung fordern, denn ein gut Teil ihrer Ziele muß er

im eigensten Interesse verwirklichen. Er braucht gesunde Mütter,

arbeitsstarke Männer, kriegstüchtige Rekruten.«

Wanda Orbin erhob sich noch einmal. »Die Forderung der

Mutterschaftsversicherung ist durchaus nicht so radikal sozialistisch,

wie Frau Brandt meint ...,« rief sie. Ringsum klatschte man wieder.

Weder sie noch ihre Zuhörerinnen hatten bemerkt, daß sie, um mir zu

widersprechen, sich innerhalb weniger Minuten selbst widersprochen

hatte.

Als ich ins Hotel zurückkam, müde und verärgert, trat mir überraschend

mein Mann entgegen. Ich errötete dunkel. Er küßte mir nur die Hand.

»Ich wußte, daß du Kämpfe haben wirst,« sagte er, »und daß ein Freund

dir fehlen könnte.« Mit tiefer Dankbarkeit sah ich ihm in die Augen.

Der Geist, der in der Frauenkonferenz umgegangen war, herrschte auf dem

Parteitag.

»Wir brauchen die Akademiker nicht!« war die Parole, unter der er stand.

»Wenigstens die nicht, die sich erlauben, eine andere Meinung zu haben

als wir.«

Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung; er verlangte

nichts weniger, als daß die Mitglieder der Partei verpflichtet werden

sollten, Kritiken über schriftliche oder mündliche Äußerungen von

Parteigenossen nur in Parteiblättern, das heißt solchen Zeitungen und

Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen, zu veröffentlichen.

War es nicht ein grotesker Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien

der Partei, daß solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden

konnte? Daß es Sozialdemokraten gab, die die »Einheitlichkeit der

Partei« dazu mißbrauchten, um die Meinungsfreiheit niederzuknütteln?

»Ich habe geglaubt, die Leute hätten sich in der Adresse geirrt,« sagte

Vollmar und reckte sich zu seiner ganzen Riesengröße auf, sodaß er

turmhoch und turmsicher über der brandenden Woge der Menge stand. »Das

ist ein Antrag für die Zentrumspartei, für die Kirchenorgane mit dem

Zensor obenan, wo nur eine Meinung gilt. Es genügt nicht, ihn zu

bekämpfen, ihn niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn zu

verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form alljährlich wieder und

überwuchert unser Erdreich. Es ist der ewige Geist der Kontrolle, der

Geist der Kasernenhofdisziplin, dem er entspringt. Und gegen ihn müssen

wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdrücken, was eine Schwäche

verraten würde, die nur dem Tode, das heißt der Versteinerung einer

Bewegung vorangehen kann, sondern sie fördern, ist unsere Aufgabe.

Sollte der Versuch unternommen werden, selbständige Menschen mundtot zu

machen, so wäre der kein echter Sozialdemokrat, der es fertig bekäme,

sich solcher Zensur zu unterwerfen. Es wäre wahrhaftig nicht der Mühe

wert, die Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft von sich zu werfen, um

sie nur mit neuen zu vertauschen!«

Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte Gruppen, die Beifall

klatschten. Reihenweise saßen die Genossen an den langen Tafeln mit

verschlossenen oder gleichgültigen Mienen. Unwillkürlich lief mir ein

Schauer über den Rücken. Die »Diktatur des Proletariats«, -- wird sie

die Freiheit sein?

»Sie würde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas anderes wäre,« sagte

einer unserer Genossen, als wir am Abend zusammen waren und ich die

Frage ausgesprochen hatte.

Während der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen sich um die

praktischen Fragen der Arbeiterversicherung und der Kommunalpolitik

drehten, legten sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August Bebel

von den kommenden Reichstagswahlen sprach und seine braunen

Jünglingsaugen unter dem grauen Haarschopf immer feuriger glänzten, je

drastischer seine Darstellung der inneren und äußeren politischen Lage

wurde, je weitgehendere Hoffnungen er für den Wahlkampf daran knüpfte,

da jubelte alles ihm einmütig zu; jener zündende Funke der Begeisterung

sprang von einem zum anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserklärung

für alle waffenfähigen Männer bedeuten mag. Sie werfen ihr Werkzeug

beiseite, sie treten in Reih und Glied, und zum guten Kameraden wird der

Nachbar, mit dem sie eben noch in kleinlichem Hader lebten.

Noch erging sich die bürgerliche Presse in langatmigen Betrachtungen

über den »Bruderzwist« in der Partei, um Hoffnungen für ihre Sache

daraus zu schöpfen, und schon standen wir in Reih und Glied dem

gemeinsamen Feind gegenüber.

* * * * *

Am Tage unserer Rückkehr nach Berlin ging ich zur Mutter. Drei Monate

hatte ich sie nicht gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos waren,

ließen mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte mit Ilse in einer Pension am

Lützow-Ufer. Als ich aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer

trat, -- die Häuser hier traf nie ein Sonnenstrahl, -- löste sie sich

langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl, in dem sie gesessen

hatte. Ihre Hände nur leuchteten weiß und überschlank aus dem schwarzen

Ärmel des Kleides. Sie war sehr verändert.

Streifen weißen Haares zogen sich durch ihre blonden Scheitel. Auf ihrem

schmalen Gesicht wechselte fahle Blässe mit fliegender Röte. Die

Pupillen in ihren Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gefühl von

Zärtlichkeit überkam mich. Ich küßte ihre beiden Hände.

»Es ist nicht leicht --,« sagte sie.

»Was denn, Mamachen?« fragte ich so sanft, als hätte ich eine Kranke vor

mir.

»Weißt du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschnürte, als sie ein Kind

war? Vor ihr auf den Knieen, -- nur damit sie sich nicht bücken sollte?«

begann sie langsam, traumverloren. »Dann pflegte ich ihren Mann zu Tode,

-- und nun läßt mir die Angst keine Ruhe, daß sie wieder in ihr Unglück

rennt --« Sie ließ sich nicht beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee

sie beherrschte.

Eines Abends schickte Ilse nach mir.

»Um Gottes willen -- rasch --,« rief sie mir schon vor der Haustür

entgegen, »ich fürchte mich so!« Oben fand ich die Mutter im Bett

zusammengekauert, die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. »Hans -- Hans

-- tu mir nichts!« wimmerte sie. »Du hast ja mein Versprechen --« Und

dann streckte sie wie lauschend den Kopf vor. »Hier meine Hand

darauf --« flüsterte sie ruhiger werdend, und ihre weißen Finger griffen

in die leere Luft, um etwas zu umschließen, das niemand sah als sie.

Der Arzt erklärte ihren Zustand für Nervenüberreizung und verlangte die

Trennung von Mutter und Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer

und äußerer Qualen ließ sie sich überreden, ohne Ilse nach Montreux zu

gehen. Ich hatte ihr versprechen müssen, die Schwester zu mir zu nehmen,

und sie selbst überwachte noch ihre Übersiedlung in eine zufällig leere

Wohnung neben uns.

* * * * *

Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller Geheimnisse und voller

Freuden; jene Zeit, die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu haben

scheint. Ich hatte dann immer alle Hände voll zu tun. In den Laden gehen

und kaufen, das kann jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag

des Jahres. Aber den Wünschen derer, die man liebt, nachspüren, und sie

mit eignen Händen zu erfüllen suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung

hat.

Eine Götterburg baut' ich meinem Buben auf mit Wodan und Baldur, mit

Loki im roten Feuerkleid und den Walküren in Schwanengewändern. Stets

fehlte noch irgend was: ich mußte weit umherlaufen, um die Silberflügel

für die Helme der Schlachtjungfrauen oder den goldenen Eber für Freyrs

Wagen zu finden. Und ich war so müde, so schrecklich müde! Es war, als

ob mein Körper täglich schwerer auf den Füßen lastete. Endlich war alles

fertig. Ich lag erschöpft auf dem Sofa.

Wie schwach mir war und wie glühend heiß dabei! Mit einer letzten

Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer und legte mir den

Fieberthermometer unter den Arm: 39½ -- Ich rief nach Berta und schickte

zum Arzt. Dann wußte ich nichts mehr von mir.

Erst allmählich sah ich schattenhaft Gestalten um mein Bett -- Heinrich

-- den Arzt -- die Pflegerin in der weißen Haube und -- die Mutter! Wie

hatte man sie nur rufen können, die arme, kranke Frau?! Oder, -- eiskalt

packte mich die Angst, -- sollte ich sterben müssen?! Ich durfte doch

gar nicht! Ich mußte den Weihnachtsbaum putzen für mein Kind!

Unaufhaltsam liefen mir die Tränen über die Wangen.

Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und über meine Decke ließ

Ottochen alle Götter und alle Walküren reiten.

»Wie kam es nur,« wandte ich mich zur Mutter, die, noch schmaler

geworden, im Stuhl neben mir lehnte, »wie kam es nur, daß du so

plötzlich hier warst? Heinrich gab mir sein Wort, daß er dir nichts von

meiner Erkrankung geschrieben hat, -- und Ilse auch.«

Ein stilles Lächeln glitt über ihre Züge.

»Nein, niemand schrieb mir, -- aber ich sah, daß der Tod neben dir

stand. Ihr mögt noch so sehr zerren wie an einer Kette, das Band

zwischen Mutter und Kind ist stärker als Ihr.«

Am nächsten Tage reiste sie ab. Sie hatte den alten schwarzen Mantel an,

den ich seit Jahren an ihr kannte, und auf ihrem dunkelgrauen Hut saß

ein kleiner grünschillernder Käfer, -- ich weiß noch alles ganz genau.

An der Tür zögerte sie und sah mich an, -- mit einem langen, langen

Blick. Ich wollte mich aufrichten und sie noch einmal umarmen. Aber ich

war viel zu schwach dazu.

Acht Tage später war sie tot.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 20 / 30 题