Zwölftes Kapitel

Probleme werden nicht durch Resolutionen aus der Welt geschafft. Auch

der beste Wille der Streitenden, -- und es gab Augenblicke, wo selbst

Eduard Bernstein die Schwäche dieses »guten Willens« hatte und

Hervorragende unter seinen Anhängern den »Revisionismus« als eine neue

Richtung innerhalb der Partei abschworen, -- vermag das Streitobjekt

nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene Gedanken lösen

sich gleichsam von dem, der sie dachte, ab und haben ein selbständiges

Leben.

Die Beschlüsse des Parteitags von Hannover hatten nichts zur Folge, als

einen Waffenstillstand. Bernsteins Rede im sozialwissenschaftlichen

Studentenverein eröffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden und

Broschüren wurde er mit steigender Erbitterung geführt. Und die

aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die vom nächsten Tage die Spaltung

der Sozialdemokratie erwarteten und erhofften, erhitzte die Kämpfenden

noch mehr. Die wachsende Leidenschaft tötete jede Objektivität. Keiner

gestand dem anderen die Ehrlichkeit der Gesinnung zu. Hinter jeder

Äußerung eines Revisionisten entdeckte der orthodoxe Marxist

Parteiverrat, in jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der

Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewußtes Demagogentum. Er

überhörte geflissentlich die Lehren der Psychologie und der Geschichte,

aus denen er hätte folgern können, daß die Verteidigung der Tradition,

der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig zu demselben Haß,

derselben Verfolgung der Angreifer führen muß, wie einst die des

Heidentums gegen die Christen, der römischen Kirche gegen die

Reformation.

Aber ein noch merkwürdigeres Zeichen dafür, wie wenig bloße Erkenntnisse

des Verstandes die ursprüngliche, nur auf die Einflüsse des Gefühls

reagierende Natur des Menschen zu ändern vermögen, war die Haltung der

Radikalen. Sie verleugneten in ihrem Zorn eine der Grundlagen ihrer

eigenen Anschauung: die materialistische Geschichtsauffassung. Es war

die befreiendste Lehre, die Marx hinterließ, zu der sich allmählich,

bewußt oder unbewußt, auch Nichtsozialisten bekannten: daß, da »alles

fließt«, auch die Theorien sich entwickeln müssen, entsprechend den

Wandlungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem Sinne war

der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus reaktionär.

Die ernsten Kämpfe zwischen den beiden Richtungen spielten sich zwischen

den geistigen Führern ab, von denen die einen die Masse der

Arbeiterschaft hinter sich hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne

Armee. In dem harten Schädel der Proletarier saß jeder Buchstabe des

sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde der Kampf daher in die

Volksversammlungen getragen, so äußerte er sich in wüstem Geschimpfe

gegen die Neuerer, die dem Armen das Beste zu erschüttern drohten, was

ihnen der Sozialismus gegeben hatte: ihren Glauben. Es kam aber noch ein

anderes hinzu: der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus

sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem glühenden Verlangen nach

Wissen. Bildungsschulen, wissenschaftliche Vorträge und Kurse kamen

diesem Verlangen entgegen und pfropften auf den lebensschwachen Baum der

Volksschule ein Reis, unter dessen Früchten Dilettantismus und

Bildungsdünkel am besten gediehen. Wozu ernste Denker Jahrzehnte

brauchen, das glaubte der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen

zu können. Daß er es glaubte, war nicht seine Schuld: die Naivität

seiner Jugend unterstützte die Partei, die ihm in Wort und Schrift

nichts mehr einprägte als die Überzeugung von der Dummheit seiner

Gegner. Als Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu seinem

gefühlsmäßigen Haß gegen die Unruhstifter trat die hochmütige Verachtung

der Akademiker hinzu.

* * * * *

Einmal, -- ich war gerade von einer Agitationsreise zurückgekehrt, --

beklagte ich mich darüber, als Reinhard gerade bei uns war.

»Ich habe Sie sonst für so verständig gehalten,« sagte er; »daß Sie nun

auch so nervös, so empfindlich geworden sind! -- Ich kann Ihnen

versichern: mir selbst kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht

unsere Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs Butterbrot

geschmiert. Außerdem haben wir doch jetzt, ein Jahr vor den

Reichstagswahlen und angesichts der Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun,

als uns über die Verelendungstheorie die Köpfe blutig zu schlagen.«

»Sind wir etwa daran schuld?!« fuhr Heinrich auf. »Oder nicht viel mehr

die Großinquisitoren der 'Neuen Zeit', die seit Jahr und Tag ihre

Spürhunde auf uns hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet

haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente Genossen,

-- einen Jaurès, einen Auer, einen Vollmar, -- wie gegen Schwachköpfe

oder Verräter vom Leder zu ziehen?!«

»Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen, die desgleichen

tun --,« unterbrach ihn Reinhard mit einem sarkastischen Lächeln.

»Die gehören in dieselbe Kategorie, nur daß ihre, -- na, sagen wir

parlamentarisch: Unbescheidenheit noch größer ist. Vom Kothurn ihrer

Unentwegtheit herab führen sie das große Wort, und ihr Ziel ist

offensichtlich der Bannfluch, d. h. der Ausschluß aller derer aus der

Partei, die eine selbständige Meinung haben.«

»Wenn man Sie so schimpfen hört, lieber Brandt, könnte man die

Schicksalsfügung segnen, die Sie bisher verhinderte, Ihre Zeitschrift

ins Leben zu rufen,« sagte Reinhard. »Wenn Sie all Ihre Wut noch in

Druckerschwärze verwandeln würden!!«

»Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein Blatt zum Kampfplatz

für Theoretiker machen,« entgegnete Heinrich ruhig. »Mir würde es in

erster Linie darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Daß das auf

allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig ist, daß es endlich an

der Zeit wird, den ruhenden Koloß der Partei in Bewegung zu setzen und

Tagesarbeit verrichten zu lassen, -- das scheint mir das wichtigste

Ergebnis der gegenwärtigen Bewegung.«

Reinhard stand auf, stampfte ärgerlich mit der Krücke auf den Boden und

sagte: »Als ob das alles eine blitzblanke neue Erfindung wäre! Was war

es denn, was wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den

Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften getrieben haben?!

Der ganze Unterschied zwischen den Revisionisten und den Radikalen ist,

daß die einen in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts-

und Genossenschaftsbewegung, in der allmählichen Demokratisierung des

Staats nichts als Erziehungsmittel für das Proletariat erblicken, und

die anderen Sozialisierungen der Gesellschaft, Voraussetzungen des

Sozialismus. Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die Dinge

heißen, die er bekommt, wenn er sie nur überhaupt kriegen kann. Und

darum --« er ging erregt im Zimmer auf und nieder -- »begreife ich die

ganzen Skandale nicht und fühle es meinen Genossen nach, wenn sie euch

Akademiker mißtrauisch betrachten. Wir sind ja auf dem besten Wege, --

was werft ihr Steine in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die

Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses an! Sie waren

ja dabei, als man sich wütend an die Gurgeln fuhr, weil der eine die

sozialpolitische Tätigkeit der Gewerkschaften forderte, der andere sie

für schädlich hielt. Und ich selbst, -- Sie besinnen sich! -- war der

radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung mögen Sie die

Entwicklung der ganzen Bewegung messen. In aller Stille ist viel Wasser

die Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin in der

Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung in der inneren

Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung der Badener im vorigen

Jahr, -- Bebel hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, -- oder an

die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion zur Wahlreform, --

Bebel wird sie natürlich darum auch noch unter die Lupe des Prinzips

nehmen --. Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die ärgsten

berliner Revolutionäre mit dem dreifachen R jetzt stramm und einig zur

Landtagswahl aufmarschieren. Von dem Augenblick an, wo der

Parlamentarismus den Charakter des Kräutchens Rührmichnichtan für uns

verloren hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.«

Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört. »Und was wollen Sie mit

alledem beweisen?« fragte ich.

»Daß der ganze Stank und Zank überflüssig ist. -- Sowohl vom Standpunkt

eurer Angst um Versumpfung und Verknöcherung der Partei, wie vom

Standpunkt all der radikalen Kassandras männlichen und weiblichen

Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil zittern.

Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie paktieren, so doch nur, um für

uns das Schäfchen ins Trockne zu bringen!«

»Ich folgere aus Ihren Beweisführungen etwas ganz anderes,« rief ich

aus. »Da die Praxis wieder einmal der Theorie vorausgeeilt ist, so muß

die Theorie sich ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band

zwischen beiden zerreißt. Die Lehre von der planmäßigen Demokratisierung

und Sozialisierung der kapitalistischen Gesellschaft muß an Stelle des

Dogmas von der alleinseligmachenden Revolution treten --«

»Aber das ist doch genau dasselbe!« polterte Reinhard. »Selbst der

dümmste Radikale denkt doch nicht im Schlaf daran, daß er die Hände nur

in den Schoß zu legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht

zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! Jeder Rekrut in

unserer Armee sieht alle Tage, wie sie sich jede Handbreit politischer

Macht schrittweise erobern muß. Ebenso wächst ihr Einfluß nur nach und

nach, und das berühmte Endziel kann nichts anderes sein als die letzte

Krönung des Gebäudes.«

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 19 / 30 题