Probleme werden nicht durch Resolutionen aus der Welt geschafft. Auch
der beste Wille der Streitenden, -- und es gab Augenblicke, wo selbst
Eduard Bernstein die Schwäche dieses »guten Willens« hatte und
Hervorragende unter seinen Anhängern den »Revisionismus« als eine neue
Richtung innerhalb der Partei abschworen, -- vermag das Streitobjekt
nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene Gedanken lösen
sich gleichsam von dem, der sie dachte, ab und haben ein selbständiges
Leben.
Die Beschlüsse des Parteitags von Hannover hatten nichts zur Folge, als
einen Waffenstillstand. Bernsteins Rede im sozialwissenschaftlichen
Studentenverein eröffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden und
Broschüren wurde er mit steigender Erbitterung geführt. Und die
aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die vom nächsten Tage die Spaltung
der Sozialdemokratie erwarteten und erhofften, erhitzte die Kämpfenden
noch mehr. Die wachsende Leidenschaft tötete jede Objektivität. Keiner
gestand dem anderen die Ehrlichkeit der Gesinnung zu. Hinter jeder
Äußerung eines Revisionisten entdeckte der orthodoxe Marxist
Parteiverrat, in jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der
Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewußtes Demagogentum. Er
überhörte geflissentlich die Lehren der Psychologie und der Geschichte,
aus denen er hätte folgern können, daß die Verteidigung der Tradition,
der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig zu demselben Haß,
derselben Verfolgung der Angreifer führen muß, wie einst die des
Heidentums gegen die Christen, der römischen Kirche gegen die
Reformation.
Aber ein noch merkwürdigeres Zeichen dafür, wie wenig bloße Erkenntnisse
des Verstandes die ursprüngliche, nur auf die Einflüsse des Gefühls
reagierende Natur des Menschen zu ändern vermögen, war die Haltung der
Radikalen. Sie verleugneten in ihrem Zorn eine der Grundlagen ihrer
eigenen Anschauung: die materialistische Geschichtsauffassung. Es war
die befreiendste Lehre, die Marx hinterließ, zu der sich allmählich,
bewußt oder unbewußt, auch Nichtsozialisten bekannten: daß, da »alles
fließt«, auch die Theorien sich entwickeln müssen, entsprechend den
Wandlungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem Sinne war
der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus reaktionär.
Die ernsten Kämpfe zwischen den beiden Richtungen spielten sich zwischen
den geistigen Führern ab, von denen die einen die Masse der
Arbeiterschaft hinter sich hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne
Armee. In dem harten Schädel der Proletarier saß jeder Buchstabe des
sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde der Kampf daher in die
Volksversammlungen getragen, so äußerte er sich in wüstem Geschimpfe
gegen die Neuerer, die dem Armen das Beste zu erschüttern drohten, was
ihnen der Sozialismus gegeben hatte: ihren Glauben. Es kam aber noch ein
anderes hinzu: der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus
sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem glühenden Verlangen nach
Wissen. Bildungsschulen, wissenschaftliche Vorträge und Kurse kamen
diesem Verlangen entgegen und pfropften auf den lebensschwachen Baum der
Volksschule ein Reis, unter dessen Früchten Dilettantismus und
Bildungsdünkel am besten gediehen. Wozu ernste Denker Jahrzehnte
brauchen, das glaubte der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen
zu können. Daß er es glaubte, war nicht seine Schuld: die Naivität
seiner Jugend unterstützte die Partei, die ihm in Wort und Schrift
nichts mehr einprägte als die Überzeugung von der Dummheit seiner
Gegner. Als Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu seinem
gefühlsmäßigen Haß gegen die Unruhstifter trat die hochmütige Verachtung
der Akademiker hinzu.
* * * * *
Einmal, -- ich war gerade von einer Agitationsreise zurückgekehrt, --
beklagte ich mich darüber, als Reinhard gerade bei uns war.
»Ich habe Sie sonst für so verständig gehalten,« sagte er; »daß Sie nun
auch so nervös, so empfindlich geworden sind! -- Ich kann Ihnen
versichern: mir selbst kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht
unsere Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs Butterbrot
geschmiert. Außerdem haben wir doch jetzt, ein Jahr vor den
Reichstagswahlen und angesichts der Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun,
als uns über die Verelendungstheorie die Köpfe blutig zu schlagen.«
»Sind wir etwa daran schuld?!« fuhr Heinrich auf. »Oder nicht viel mehr
die Großinquisitoren der 'Neuen Zeit', die seit Jahr und Tag ihre
Spürhunde auf uns hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet
haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente Genossen,
-- einen Jaurès, einen Auer, einen Vollmar, -- wie gegen Schwachköpfe
oder Verräter vom Leder zu ziehen?!«
»Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen, die desgleichen
tun --,« unterbrach ihn Reinhard mit einem sarkastischen Lächeln.
»Die gehören in dieselbe Kategorie, nur daß ihre, -- na, sagen wir
parlamentarisch: Unbescheidenheit noch größer ist. Vom Kothurn ihrer
Unentwegtheit herab führen sie das große Wort, und ihr Ziel ist
offensichtlich der Bannfluch, d. h. der Ausschluß aller derer aus der
Partei, die eine selbständige Meinung haben.«
»Wenn man Sie so schimpfen hört, lieber Brandt, könnte man die
Schicksalsfügung segnen, die Sie bisher verhinderte, Ihre Zeitschrift
ins Leben zu rufen,« sagte Reinhard. »Wenn Sie all Ihre Wut noch in
Druckerschwärze verwandeln würden!!«
»Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein Blatt zum Kampfplatz
für Theoretiker machen,« entgegnete Heinrich ruhig. »Mir würde es in
erster Linie darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Daß das auf
allen Gebieten des öffentlichen Lebens notwendig ist, daß es endlich an
der Zeit wird, den ruhenden Koloß der Partei in Bewegung zu setzen und
Tagesarbeit verrichten zu lassen, -- das scheint mir das wichtigste
Ergebnis der gegenwärtigen Bewegung.«
Reinhard stand auf, stampfte ärgerlich mit der Krücke auf den Boden und
sagte: »Als ob das alles eine blitzblanke neue Erfindung wäre! Was war
es denn, was wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den
Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften getrieben haben?!
Der ganze Unterschied zwischen den Revisionisten und den Radikalen ist,
daß die einen in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts-
und Genossenschaftsbewegung, in der allmählichen Demokratisierung des
Staats nichts als Erziehungsmittel für das Proletariat erblicken, und
die anderen Sozialisierungen der Gesellschaft, Voraussetzungen des
Sozialismus. Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die Dinge
heißen, die er bekommt, wenn er sie nur überhaupt kriegen kann. Und
darum --« er ging erregt im Zimmer auf und nieder -- »begreife ich die
ganzen Skandale nicht und fühle es meinen Genossen nach, wenn sie euch
Akademiker mißtrauisch betrachten. Wir sind ja auf dem besten Wege, --
was werft ihr Steine in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die
Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses an! Sie waren
ja dabei, als man sich wütend an die Gurgeln fuhr, weil der eine die
sozialpolitische Tätigkeit der Gewerkschaften forderte, der andere sie
für schädlich hielt. Und ich selbst, -- Sie besinnen sich! -- war der
radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung mögen Sie die
Entwicklung der ganzen Bewegung messen. In aller Stille ist viel Wasser
die Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin in der
Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung in der inneren
Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung der Badener im vorigen
Jahr, -- Bebel hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, -- oder an
die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion zur Wahlreform, --
Bebel wird sie natürlich darum auch noch unter die Lupe des Prinzips
nehmen --. Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die ärgsten
berliner Revolutionäre mit dem dreifachen R jetzt stramm und einig zur
Landtagswahl aufmarschieren. Von dem Augenblick an, wo der
Parlamentarismus den Charakter des Kräutchens Rührmichnichtan für uns
verloren hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.«
Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört. »Und was wollen Sie mit
alledem beweisen?« fragte ich.
»Daß der ganze Stank und Zank überflüssig ist. -- Sowohl vom Standpunkt
eurer Angst um Versumpfung und Verknöcherung der Partei, wie vom
Standpunkt all der radikalen Kassandras männlichen und weiblichen
Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil zittern.
Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie paktieren, so doch nur, um für
uns das Schäfchen ins Trockne zu bringen!«
»Ich folgere aus Ihren Beweisführungen etwas ganz anderes,« rief ich
aus. »Da die Praxis wieder einmal der Theorie vorausgeeilt ist, so muß
die Theorie sich ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band
zwischen beiden zerreißt. Die Lehre von der planmäßigen Demokratisierung
und Sozialisierung der kapitalistischen Gesellschaft muß an Stelle des
Dogmas von der alleinseligmachenden Revolution treten --«
»Aber das ist doch genau dasselbe!« polterte Reinhard. »Selbst der
dümmste Radikale denkt doch nicht im Schlaf daran, daß er die Hände nur
in den Schoß zu legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht
zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! Jeder Rekrut in
unserer Armee sieht alle Tage, wie sie sich jede Handbreit politischer
Macht schrittweise erobern muß. Ebenso wächst ihr Einfluß nur nach und
nach, und das berühmte Endziel kann nichts anderes sein als die letzte
Krönung des Gebäudes.«