Elftes Kapitel

Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. Mir schien, als wären

wir Fremde. Wie klein, wie armselig war das alles: die Linden mit ihren

kraftlosen Bäumen und stillosen Häusern, der Pariser Platz mit seiner

bedrückenden Engigkeit. Und die neuen Stadtteile: eine gute Bürgersfrau,

die sich herausgeputzt hat, und das bißchen echte Kultur, das sie besaß,

darüber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: Der Kontrast

zwischen ihrer kreischenden Lautheit in Tönen und Farben und dem matten

Grau des Märztages tat Augen und Ohren weh.

»Ich möchte wissen, wo ich zu Hause bin,« seufzte ich und legte mich

abends mit jenem Gefühl innerer Leerheit schlafen, das uns zuweilen

überkommt, wenn wir eine Staatssoirée hinter uns haben. Mir träumte von

einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am Morgen hörte ich sein

Rollen und Rauschen, und je wacher ich wurde, desto stärker schwoll es

an. Vom Potsdamer Platz herauf klang es; Straßenbahnen, Omnibusse,

Lastwagen, eilende Menschenfüße waren die Instrumente dieses Konzertes;

Berlin ging auf Arbeit. Da war kein Winkel ohne Leben.

Drüben in der Leipzigerstraße waren unter der Spitzhacke alte

Mauern zusammengebrochen, und sieghaft erhob sich jetzt, von

Riesengranitpfeilern getragen, ein mächtiges Warenhaus, wie selbst Paris

es nicht kannte, aus dem märkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau Gotik,

Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie seine reklameschreienden

Schaufenster die Waren, -- ein Stück neuer Kultur vielmehr, die die

Schönheit der Zweckmäßigkeit erkannte und doch allen Zauber der Kunst

über sie ausgoß. Die Menschen strömten aus und ein. Sie trugen von all

jenen glänzenden Goldblumen und köstlichen Steinreliefs, die seine

inneren Räume schmückten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten und

gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen und Lichtgirlanden einen

Schimmer von Schönheit mit sich nach Haus.

Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestürzt, denn dem Verkehr mußte

die Straße sich weiten, und an der Peripherie der Stadt standen

reihenweise die Holzgerüste, wie gewaltige Pallisaden, -- Zeichen dafür,

daß das alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.

Ein Emporkömmling ist sie, -- gewiß! Aber keiner, den das Glück aufwärts

trug. Vielmehr einer, der sich durch die Kraft seiner Fäuste den Weg

bahnte.

Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten jenes gemächliche

Schlendern nicht, mit dem Lächeln der Behaglichkeit auf den Lippen und

kokettierenden Blicken hin und her. Aller Züge schienen gespannt von

nervöser Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.

Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kündeten das Nahen von

Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in Preußen die bewaffnete Macht

erscheint, gehört ihr die Straße. Und hypnotisiert durch den Marsch,

durch die Masse, durch wehende Federbüsche und blinkende Uniformen,

drängte jung und alt ihr nach, ihr voran.

Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue Kaserne: in nächster

Nähe des Schlosses war sie errichtet worden, eine Zwingburg mit Mauern

und Schießscharten; und vom Lustgarten aus führte der Kaiser selbst

seine Garde dem neuen Heime zu, während die Polizei in weitem Bogen das

gaffende Volk beiseitedrängte, damit der Herrscher allein blieb mit

seinen Truppen. »Ihr seid die Leibwache eures Königs,« sagte er, »und

wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 sich wider ihn erheben wird, so

seid ihr berufen, die Frechen und Unbotmäßigen mit der Spitze eurer

Bajonette zu Paaren zu treiben.«

Fürwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum befunden hatte, nun

wußte ich: wir waren in Berlin.

* * * * *

Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren erst kürzlich von einer langen

Seereise zurückgekehrt, die der Arzt ihnen verordnet hatte, und

schienen, nach den Briefen meiner Schwester zu schließen, befriedigt von

ihrem Erfolg. Und nun standen sie mir gegenüber, so anders als ich sie

verlassen hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen aus meines

Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug hing um ihn, als wäre sein Körper

nichts als ein Knochengerüst. Nur sein Geist schien lebensvoller als je

und sprühte Funken. Das Schwesterchen dagegen war ebenso still, wie sie

blaß und schmal war. Wo war das runde Kindergesicht und die glänzenden

Augen? Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer

verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals lauter Wärme

ausströmte, hatte eine Atmosphäre abweisender Kühle um sich. Ihre Lippen

glichen jetzt denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, daß

sie sich mir nicht öffnen würden, und forschte in ihren Zügen; aber auch

sie blieben verschlossen. Ob sie unglücklich war, weil sie kein Kind

hatte? Erdmann spielte stundenlang mit meinem Buben, während sie ihn

kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der Mutter, die den

Winter in Italien verlebt hatte und Briefe schrieb wie ein junges

Mädchen, das zum erstenmal in die Welt sieht.

»Sie ist glücklich, seitdem sie allein ist,« sagte Ilse. Ein flehender,

gequälter Blick ihres Mannes traf sie.

»Was spielst du jetzt?« fragte ich, zum Flügel deutend, um das Gespräch

abzulenken.

»Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich nervös,« antwortete sie.

»Auch die Oper??«

»Die erst recht! Die offenen Mäuler und gespreizten Arme all der dicken

Tenöre und Primadonnen zerstören jeden Rest von Illusion. Man kann sie

bestenfalls ertragen, wenn man geschlossenen Auges zuhört. Aber da man

immer den übrigen Pöbel um sich hat -- --«

Sie unterbrach sich und schürzte ein wenig spöttisch die Lippen: »Ach

so, -- entschuldige! Ich vergaß, daß ich euer proletarisches Empfinden

kränken könnte.«

Erdmann lachte. »Nun -- nun,« meinte er begütigend, »der Pöbel des

Parketts dürfte doch auch in euren Augen mit dem Proletariat nicht

identisch sein. Übrigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus und

das Überbrettl sind für unsereins allein noch erträglich. Hohe Kunst auf

der Bühne ist verletzend für Menschen von Kultur. Man sollte dafür

Marionettentheater schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller

hängen, damit sie wie Schatten wirken.«

»Unvergleichliche Wirkungen müßten sich dadurch erzielen lassen,« sagte

Ilse, etwas lebhafter werdend, »zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie

diesen hier.« Sie wies auf das neuste Heft der Blätter für die Kunst,

das dramatische Gedichte von Schülern Stefan Georges enthielt.

»Ich lese sie noch immer nicht,« entgegnete ich lächelnd; »weniger denn

je kann ich heute die hochmütige Abkehr vom Leben vertragen, die das

Kennzeichen all dieser Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der

Sprache und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hände wie

Absinthtrinker.«

Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schärfer zuspitzte. Ilse

bekam heiße Wangen und mitten im Gespräch einen heftigen Hustenanfall,

der mich angstvoll aufhorchen ließ. Erdmann sah in diesem Augenblick wie

verstört drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck abzuschütteln,

beschloß er, uns durch den Tiergarten zum Hotel zurückzubegleiten.

»Ich bin zu müde --,« sagte Ilse.

»In der frischen Luft wirst du schon munter werden,« damit drängte er

sie hinaus.

Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns grüßten. Das stimmte ihn

fröhlich. »Lauter Leute, die ich einrichte,« sagte er. »Wenn ich erst

all den Berlin-W.-Protzen zu anständigem Wohnen verholfen haben werde,

kann ich den ganzen Kram an den Nagel hängen und Pinsel und Palette

wieder vorholen. Was, mein kleines Ilschen?!« Und zärtlich schob er

seinen Arm in den ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.

* * * * *

Als die Mutter zurückkehrte, äußerlich und innerlich verwandelt, frisch

und strahlend, dabei mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles

stürzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.

»Er wird sich erholen, sobald es warm wird,« sagte sie zuerst, und

erzählte voll freudigem Eifer von ihren schweizer Sommerplänen. Ein paar

Tage später sah ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen

Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die Ärzte hatten sie

aufgeklärt. Erdmann hatte die Schwindsucht, Ilse schien angesteckt.

Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten in ein heidelberger

Sanatorium übersiedeln. Die seidene Decke, unter der er lag, bauschte

sich kaum sichtbar über dem Körper; die mageren Finger führten eifrig

den langen Bleistift über das Papier auf seinem Schoß. »Ich muß doch für

Prinzessin Ilse Geld verdienen,« und ein leidenschaftlicher Blick traf

die schöne junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und

pflichttreu, die Arznei zum Munde führte.

Ich kämpfte mit den Tränen, als ich nach Hause kam. Nicht nur, weil

meine Schwester in einem Augenblick, wo ich sie unglücklich wußte, mir

fremd, fast feindselig gegenüberstand, sondern weil sie das Opfer einer

Ehe war, von der ich sie vielleicht hätte zurückhalten können. Ich

empfand ihre Kühle wie einen Vorwurf.

»Vor Kinderschmerzen hast du mich einst gehütet,« schienen ihre Augen zu

klagen, »warum hast du mich vor dem schlimmsten nicht bewahrt?« Und wenn

sie meinen Buben geflissentlich übersah, so wußte ich, was sie damit

sagen wollte: »Du hast mich über ihm vergessen.«

* * * * *

Unser Einzug in die neue Wohnung, -- einem Gartenhaus der Uhlandstraße,

-- war kein fröhlicher. All die tausenderlei Dinge, die mit ihm

zusammenhingen, vom Auslösen der Möbel auf dem Speicher bis zu den

Löhnen der Handwerker, hatte unser letztes Geld verschlungen.

»So mach dir doch nichts draus, -- quäle nicht dich und mich mit

unnützen Sorgen,« rief Heinrich heftig, als ich ihm unsere Lage

auseinandersetzte. Ich schwieg verletzt. Er war wie ein geistig

Weitsichtiger, der das Nächste nicht sieht, dem immer nur das Ferne

gegenwärtig ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn völlig. So

mußte ich mir selber helfen. Ich bat den Verleger meines Buches um mein

Honorar. Er erfüllte meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte

sich nicht einmal, wieso ich plötzlich Geld hatte. Für ihn schienen die

pekuniären Seiten des Lebenskampfes nicht zu existieren, mir dagegen

nahmen sie alle Schwungkraft und machten mich bis zur Grausamkeit bitter

gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um ein Darlehn, so gab er,

was er in der Tasche hatte. Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben

sich seine Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer häufiger vor, daß

er mir mit einem: »Sieh lieber, daß deine Berta dich nicht betrügt!«

antwortete. Dann erst war die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien

mir ungerechter, als dieses Mädchen zu verdächtigen, das sich für uns

aufopferte und nicht einmal eine Aufwärterin zu ihrer Hilfe zuließ. Daß

sie allmählich in ihrem Aussehen und Benehmen zu einem »Fräulein«

geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen nur vorteilhaft,

während Heinrich es als Folge meiner Verwöhnung ansah und behauptete,

ich verdürbe nur das einst so schlichte Bauernmädchen.

Lange freilich währten unsere gegenseitigen Verstimmungen nie. Vor den

klaren Augen unseres Kindes, denen nichts entging, schämten wir uns

ihrer. Seine Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern

vergiftet werden, wie die meine.

»Nu lach doch wieder ein ganz kleines bißchen!« Damit kletterte er

schmeichelnd auf seines Vaters Knie. »Nich wahr, Mamachen, du gibst dem

Heinzpapa gleich einen dicken, runden Kuß!« Damit lief er zu mir und

legte das weiche Bäckchen zärtlich an meine Wange.

Waren wir so versöhnt, so fühlten wir den Stachel nicht, der sich

trotzdem immer tiefer in unsere Herzen bohrte.

* * * * *

Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen meine Rückkehr

mitgeteilt. Auch das war der Anlaß zu einer kleinen Auseinandersetzung

zwischen uns gewesen.

»Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare Arbeit stürzen?!«

sagte mein Mann ärgerlich.

»Gewiß,« entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die mich immer überkam,

wenn ich meine persönliche Freiheit durch ihn gefährdet glaubte. »Ich

sehe die Frauenbewegung mehr denn je als das Gebiet an, auf dem ich

wirken muß.«

»Du wirst in unserer Zeitschrift genug für sie tun können, -- mehr als

in eurem Kaffeekränzchen!«

Ich zuckte spöttisch die Achseln und meinte gedehnt: »Wenn ich darauf

warten soll!« Im selben Moment aber bereute ich schon, ihn an seiner

empfindlichsten Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an

ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.

Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschluß von Bernstein, der sie noch von

London aus in Briefen an meinen Mann lebhaft begrüßt hatte, stimmten ihr

rückhaltlos zu, aber es fand sich niemand, der auch nur einen Pfennig

für sie gegeben oder sich sonst um ihre Ausführung bemüht hätte. Daß

auch dies nur ein Symptom für die Uneinigkeit und Unklarheit des

Revisionismus war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung war vorhanden,

aber es fehlte ihr die starke Hand eines Führers, der sie

zusammenzufassen und ihr Richtung zu geben vermag. Wir erwarteten für

die Sache wie für unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten stehen

sollte, von dem persönlichen Eingreifen Bernsteins nicht wenig.

An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft vom Brodem

lebensschwangerer Erde so gesättigt war, daß er selbst mitten in der

steinernen Öde der Stadt fühlbar wurde, drängten sich die Menschenmassen

in einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren Haaren und

Kleidern den Duft des Frühlings mit herein, und der ganze Raum schien

erfüllt von seinem Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die

intellektuelle Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich selbst?

War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die einer großen Kraft und

eines großen Kampfes würdig waren? Die sozialwissenschaftliche

Studentenvereinigung Berlins hatte diese Versammlung einberufen und

Eduard Bernstein zum Redner gewählt. Ihre berühmtesten Lehrer saßen

unter ihnen, dazwischen die politischen Führer jener Linken, -- die

Barth, die Naumann, die Gerlach, -- die, abgestoßen von allen anderen

bürgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie die

unfruchtbare Rolle des Puffers spielte. Sie alle hofften, -- bewußt oder

unbewußt, -- daß dieser Abend irgendeine Quelle erschließen würde, an

der sie nicht nur ihren Durst stillen könnten, sondern deren Wasser sich

zum Strome weiten und alle ihre irrenden Schiffe zu tragen vermöchten.

»Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?« lautete die Frage, auf

die Bernstein die Antwort geben wollte. Er trat an das Rednerpult.

Hinter den Brillengläsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem

verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhörer. Dann sprach er.

Mit einer Stimme, die brüchig klang. In abgehackten Sätzen. Ein Mann,

der an die Enge der Studierstube gewohnt war, nicht an die

Volksversammlung. Schon zog der Schatten der Enttäuschung über den

hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. Schüchtern und leise tauchte

hie und da schon die Frage auf: »Was hat er eigentlich? -- Was will er?«

Daß der Sozialismus von spekulativem Idealismus erfüllt und darum nicht

Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen Streben nach Erkenntnis

bestehe; daß die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten Zieles,

vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild getragen sei und nicht vom

Wissen, -- es war kaum möglich, aus der langen Rede etwas anderes

herauszuhören, als diese wenigen, für den Ausgangspunkt einer neuen

Bewegung viel zu negativen Gedanken.

Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wäre als das laut

gewordene Grübeln eines Menschen über Dinge, die ihn selbst noch als

Probleme quälen. Er war so mit sich beschäftigt, daß er nicht fühlte,

jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhörern verband, sich

mehr und mehr verflüchtigte, statt daß er ihn benutzt hätte, um die

unerschütterten, befreienden Gedanken des Sozialismus diesen offenen

Seelen einzuprägen, ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach dem

ihre junge Kraft sich sehnte.

Wir hatten einen Künder neuer Wahrheit erwartet, und ein Zweifler war

gekommen, dem des Pontius Pilatus Frage Geist und Gewissen bewegte.

Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, als wir den Saal

verließen. Mich fröstelte. Ich wäre am liebsten still nach Hause

gegangen.

»Nun?! In diesem zweieinhalbstündigen Redefluß sind Ihnen wohl alle

Felle weggeschwommen?« sagte eine sarkastische Stimme neben mir. Ich sah

in Rombergs lächelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; mir

war nicht zum Scherzen zumute. »Und nun rasch, kommen Sie beide mit, in

irgend einen gemütlichen Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzählen;«

damit versuchte er, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Seine

aufrichtige Freude über unser Wiedersehen tat mir in diesem Augenblick,

in dem ich so viel verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.

»Lassen wir's heute,« meinte mein Mann mißmutig, »wir würden nur Ihre

gute Laune verderben.«

»Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere ist,« lachte

Romberg.

Wir gingen zusammen in eins der zunächst gelegenen Restaurants, aber der

»gemütliche Winkel«, den wir uns aussuchten, wurde rasch zum

Kriegsschauplatz, denn eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand

sich allmählich ein, und jeder hatte das Bedürfnis seinem Herzen Luft zu

machen. Es zeigte sich nun erst recht, wie unklar Bernstein gesprochen

hatte: je nach der politischen oder philosophischen Richtung, der der

einzelne zugehörte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.

»Das Todesurteil des Marxismus!« triumphierte der Nationalsoziale.

»Nein,« antwortete scharf einer unserer radikalen Parteigenossen, »ein

Todesurteil seiner selbst! Er hat als wissenschaftlicher Sozialist

abgedankt.«

Und nun wurden aus seiner Rede einzelne Sätze herausgerissen, die der

und jener sich notiert hatte, und betrachtet und zerpflückt. Als eine

Rückkehr zum Utopismus wurde bezeichnet, daß er die »Wünschbarkeit einer

sozialistischen Gesellschaftsordnung« für den Hebel der Agitation und

die werbende Kraft der Partei erklärt hatte.

»Nur alte wundergläubige Weiber lockt man damit hinter dem Ofen hervor,«

spottete einer; »auch das himmlische Jerusalem war 'wünschbar', und doch

haben wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar

blieb.«

»Vollends lächerlich,« fügte ein anderer hinzu, »ist die Behauptung, daß

die Einsicht in die größere Gerechtigkeit sozialistischer Einrichtungen

uns zu Sozialisten gemacht hat. Mag sein, daß Mitleid mit den Armen,

Empörung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst in unsere Reihen

trieb. Aber bloße Empfindungen verflüchtigen sich, wenn die Erkenntnis

sie nicht auf realen Boden zwingt. Würde Bernstein wirklich die Frage

nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen können, so wäre

er so viel wert, als das Christentum bisher gewesen ist.«

Romberg hatte zuerst ruhig zugehört.

»Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er ihnen nicht die letzte

Wahrheit gab!« sagte er nun, während aller Augen sich auf ihn richteten.

»Die Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges Suchen!

Er sucht, und beweist dadurch, daß er denkt. Wissenschaftlich abgedankt

hat nicht er, sondern haben diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im

Lehrgebäude des Sozialismus für ein unersetzliches Glied in der Kette

der sozialistischen Beweisführung halten. Dieser Dogmatismus könnte die

Bewegung töten, nicht aber der Revisionismus, auch wenn er sich noch so

täppisch gebärdet.«

»Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende Ideen des

Marxismus?« wandte der Nationalsoziale ein.

»Und wenn schon?!« antwortete Romberg. »Der Bau des marxistischen

Systems ist so genial, daß sich Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu

gefährden. Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus der

Welt, sie allein genügt, um die Naturnotwendigkeit des Sozialismus zu

beweisen.« Er trank sein Glas leer und erhob sich mit einem hochmütigen

Blick auf die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. »Unser Schicksal

ist unentrinnbar, -- damit muß man sich abfinden,« sagte er, »aber

wünschbar -- weiß Gott! -- ist's für unsereinen nicht. Ich bin bloß

froh, daß die berühmte 'lutte finale' sich erst auf meinem Grabe

abspielen wird.«

Wir gingen zusammen.

»Ich danke Ihnen,« sagte ich, als wir draußen waren; der niederdrückende

Eindruck der Rede Bernsteins war verwischt.

»Im Grunde habe ich ja auch nur für Sie gesprochen --,« es war der

teilnehmende Blick eines Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die

Augen sah, -- »ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, daß mir Ihr

Kummer förmlich weh tat.«

Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte ihn in unsere Pläne

ein.

»Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende gar mittun?!« wandte er

sich an mich.

»Mit allen Kräften, -- gewiß!« antwortete ich. »Was können Sie dagegen

haben, nach all den Gedanken, die Sie heute über den Sozialismus

entwickelten.«

»Ich mag Sie mir nicht vorstellen, -- auf dem Drehschemel vor dem

Redaktionspult, -- die Schmierereien anderer Leute korrigierend. Sie

gehören ins achtzehnte Jahrhundert --«

»Gewiß! An die Seite der Madame Roland --!« unterbrach ich ihn rasch.

Nach und nach erwärmte er sich für unseren Gedanken. »Mit all dem

Kleinbürgerlichen, Philiströsen in Ihrer Partei werden Sie gründlich

abrechnen müssen,« meinte er im Laufe des Gesprächs, »weite Horizonte

geben, die über den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen.« Und er

verbreitete sich über die Stellung der Partei zur auswärtigen Politik.

»Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor,« sagte mein Mann. »Sie

werden kaum erwarten, daß ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre

Wandlungen mitmache.«

»Wandlungen?! Wieso?!« ereiferte sich Romberg. »Es entspricht der

Konsequenz meiner Entwicklung, daß ich für den Kolonialbesitz

Deutschlands eintrete und demzufolge für die Flottenvorlage agitiert

habe. Traurig genug, daß ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren

lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt! Das ist, -- verzeihen

Sie, liebe Freundin! -- der unglückselige feministisch-sentimentale

Einschlag in der Sozialdemokratie, der sie für die notwendigen, großen,

-- wenn Sie wollen -- grausamen Forderungen der Kultur blind und taub

macht. Der Kampf um die Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung.

Die Frage, die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns

die Erde gehören oder den Negern und den Chinesen? Die Antwort scheint

mir nicht zweifelhaft.«

Ich sah empört zu ihm auf: »So sind Sie für das Chinaabenteuer mit all

seinem Gefolge von Hunnentum und für die Kolonialkriege mit all ihrer

Unmenschlichkeit?! Das heißt doch nicht, Forderungen der Kultur

erfüllen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!«

»Ich bin für die Erschließung Chinas, die für unseren Handel eine

Notwendigkeit ist; ich bin für die Kolonialkriege, die den Boden

gewinnen für unsere Volksvermehrung, aber daraus folgt doch nicht, daß

ich die Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um der größeren

Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich sind ... Wir würden

heute noch in Urwäldern wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid

gehabt hätten.«

Eine lebhafte Debatte über die volkswirtschaftliche Bedeutung der

Kolonien und der »offenen Tür« Chinas entspann sich zwischen meinem Mann

und Romberg. Ich hörte kaum zu; der Gedanke an die Urwälder und die

wilden Tiere ließ mich nicht los und spann sich wie von selber weiter.

Ich horchte erst auf, als Romberg sagte: »Wenn die Sozialdemokratie sich

nicht entschließt, die Sache der Starken zu führen, so wird ihr Sieg

eine Niederlage der Menschheit sein.«

Vor unserer Haustür nahmen wir Abschied voneinander.

»Was wird denn aber mit dem Archiv?« wandte sich Romberg noch einmal an

Heinrich; »es wäre ein Jammer, wenn es zugrunde ginge!«

Mein Mann zuckte die Achseln. »Wissen Sie einen Käufer dafür?« fragte

er statt einer Antwort.

»Einen Käufer? -- Vielleicht!« meinte Romberg nachdenklich.

Eine leise Hoffnung stieg in uns auf.

* * * * *

An einem der folgenden Tage kam ich zum erstenmal seit meiner Rückkehr

mit den Genossinnen zusammen. Man empfing mich kühl, -- fast als bedaure

man, mich überhaupt wieder zu sehen. Ich unterdrückte den aufsteigenden

Ärger. Bald würden sie mir ganz anders begegnen. Lag erst mein Buch in

ihren Händen, -- das Buch, das eine wissenschaftliche Leistung und ein

Bekenntnis war, -- so würden sie mich alle freudig willkommen heißen.

In dem Jahr meiner Abwesenheit waren die Fortschritte der

Arbeiterinnenbewegung nicht erheblich gewesen. Man hatte versucht, durch

Einrichtung von Beschwerde- und Auskunftsstellen einen persönlichen

Zusammenhang mit den der Bewegung noch fremd gegenüberstehenden

Arbeiterinnen zu schaffen. Ich lächelte unwillkürlich, als ich davon

hörte. Vorschläge der Art hatte mein so leidenschaftlich bekämpfter Plan

eines Zentralausschusses für Frauenarbeit enthalten.

Für den Arbeiterinnenschutz und gegen die Beschränkung der Fabrikarbeit

verheirateter Frauen war auf Grund eines Parteitagsbeschlusses eine

größere Agitation entfaltet worden. Die Erfolge waren minimal.

»Es fehlt uns immer noch an packenden Schriften, die wir verbreiten

könnten,« meinte eine der Frauen.

»Ist denn Genossin Orbins Broschüre noch nicht erschienen?« fragte ich

und begegnete erstaunten Gesichtern.

»Genossin Orbins Broschüre?!« wiederholte Ida Wiemer. »Von der wissen

wir nichts!«

»Ich habe doch darauf hin meine eigene Absicht, eine solche zu

schreiben, aufgegeben!« rief ich aus, -- noch immer wollte ich nicht

glauben, woran doch nicht mehr zu zweifeln war: sie hatte mich nur an

der Arbeit hindern wollen! Martha Bartels lächelte ironisch. Ich hörte,

wie sie ihrer Nachbarin zuflüsterte: »Sie will sich nur aufspielen, --

uns glauben machen, daß sie auch mal was zu arbeiten die fromme Absicht

hatte --,« und ich sah wie ihre Worte von Mund zu Mund gingen und die

Mienen sich klärten.

»Wenn Sie sich mit der Frage beschäftigt haben,« sagte sie dann laut und

hochmütig, »so können Sie ja ein paar Referate übernehmen.«

Ich war bereit dazu.

»Vielleicht sprechen Sie auch bei uns?« fragte die Vorsitzende des

Arbeiterinnenbildungsvereins; »es müßte freilich ein anderes Thema

sein.«

»Gern!« antwortete ich und war entschlossen, die Frage der

Haushaltungsgenossenschaft bei der Gelegenheit zur Erörterung zu

bringen.

»Frauenarbeit und Hauswirtschaft« nannte ich meinen Vortrag, der schon

eine Woche später stattfand. Der niedrige, enge Raum der Arminhallen war

überfüllt, als ich eintrat. Eine Anzahl bürgerlicher Frauenrechtlerinnen

suchten sich in den Winkeln des Saales zu verbergen. Sie hatten mein

Auftreten bei Gelegenheit des internationalen Frauenkongresses nicht

vergessen und zeigten nicht gern ihr Interesse für mich.

Ich stellte in großen Zügen die Entwicklung der Frauenarbeit dar, von

ihrer ersten Beschränkung auf das Haus bis zu ihrer heutigen Ausdehnung

auf alle Berufe, und die parallel laufende Evolution der Hauswirtschaft

von jenen Zeiten an, wo innerhalb ihres Kreises alle Bedürfnisse der

Familie hergestellt wurden, bis zur Gegenwart, wo nichts von ihr übrig

geblieben war als der Herd. Ich schilderte die Lage der erwerbstätigen

Familienmütter, die physischen und seelischen Gefahren, denen ihre

Kinder ausgesetzt sind, und ich erörterte die Zunahme der Berufsarbeit

verheirateter Frauen nicht nur auf dem Gebiet der manuellen, sondern

auch auf dem der geistigen Arbeit. »Die unausbleiblichen Folgen dieser

Tatsachen liegen auf der Hand: entweder bricht der weibliche Körper

unter der doppelten Arbeitslast des Hauses und des Berufs vorzeitig

zusammen und der Geist büßt seine Leitungskraft ein, oder die

Häuslichkeit wird vernachlässigt, und die junge Generation wird durch

Mangel an Pflege und hygienisch einwandfreier Ernährung aufs äußerste

geschädigt ... Die Gefahr ist zu groß, zu dringend, als daß wir uns mit

dem Appell an die Hilfe des Staats genügen lassen dürften, wir müssen zu

gleicher Zeit zur Selbsthilfe greifen.« Und nun entwarf ich

meinen Plan. »Hungernde englische Weber waren die Schöpfer der

Konsumgenossenschaften, deren Kauffahrteischiffe heute die Meere

durchziehen; der Wohnungsnot armer Arbeiter entsprang die Idee

der Baugenossenschaften, deren Häuser überall aus der Erde

wachsen, -- sollte der Jammer der Frauen und der Kinder nicht die

Haushaltungsgenossenschaft ins Leben rufen können?«

Ich fühlte die wachsende Erregung, die sich der Zuhörerschaft

bemächtigte. Es war das Zentrum der Interessensphäre der meisten, in das

ich getroffen hatte. Aber auf den Sturm, der sich erhob, war ich doch

nicht gefaßt gewesen. Alle jene Gründe, mit denen die Sozialdemokratie

vor Jahrzehnten der Selbsthilfe der Gewerkschaften entgegengetreten war,

mit denen sie heute noch vielfach den Genossenschaften entgegentritt, --

als Ablenkungen vom Hauptziel, der Verwirklichung des Sozialismus, und

vom allein wichtigen Kampf: dem politischen; als Versöhnungen des

Proletariers mit dem Gegenwartsstaat, -- wurden mir wie ein Hagel von

Pfeilen entgegengeschleudert. Es fehlte nicht an scharfen Seitenhieben

auf meinen Revisionismus, der sich darin dokumentiere, daß ich innerhalb

der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sozialistische Ideen

verwirklichen wolle, wie die alten, überwundenen Utopisten.

Nur wenige unterstützten mich. Die Frauenrechtlerinnen schwiegen.

Bereits am nächsten Morgen ging mein Vortrag durch die Presse,

entstellt, verspottet, beschimpft.

»Der Zukunfts-Karnickelstall, wo sich das Familienleben auf das

Schlafzimmer beschränkt«, hieß es in der konservativen Presse; von der

»Kaserne als Idealzustand« sprach die liberale. Als die Spottlust

befriedigt war, kamen die pathetischen Artikel, die angesichts der

drohenden Zerstörung der Familie ihre Kassandrastimme erhoben. Und in

den »Sprechsälen« und »Frauenecken« zeterten die guten Hausfrauen, deren

einziges Zepter der Kochlöffel war. Hatte ich sie schon durch die

Dienstbotenbewegung gegen mich aufgebracht, -- jetzt standen sie mir als

ein Heer gerüsteter Feinde gegenüber. Der Kochherd war wirklich nicht

nur der Inhalt, sondern die Grundlage ihres Familienlebens.

»Die Männer werden überhaupt nicht mehr heiraten, wenn sie keine

Hausfrau brauchen,« jammerte eine ehrliche Naive.

Ich wartete vergebens auf die Unterstützung der Frauen, die mir ihre Not

oft selbst geklagt hatten: der Schriftstellerinnen, Ärztinnen,

Künstlerinnen.

»Nur ein Jahr lang sollten unsere männlichen Kollegen Suppe kochen und

Strümpfe stopfen,« hatte einmal eine von ihnen ausgerufen, »und wir

würden an dem Fehlen großer Leistungen ihre geistige Minderwertigkeit

beweisen können!«

In den Blättern der Frauenbewegung fand mein Plan keinen Widerhall.

Helma Kurz rief Ach und Wehe über mich, die ich »alle Frauen aus der

trauten Häuslichkeit in die Kaserne« treiben wolle. Keine der

Führerinnen der Frauenbewegung begriff, daß die Befreiung der

erwerbstätigen Frau von der Sklaverei der Küche eine ihrer

Programmforderungen sein müßte. Nur eine kleine Gruppe Menschen, die in

der Öffentlichkeit unbekannt waren, schloß sich mir allmählich an, und

ein paar Baumeister meldeten sich, die den Mut gehabt hätten, ein Haus

nach meinem Plan aufzuführen, -- mit abgeschlossenen kleinen Wohnungen

und Speiseaufzügen aus der Zentralküche. Wir waren überzeugt, nur ein

lebendiges Beispiel würde genügt haben, um die Bewegung in Fluß zu

bringen. Aber wir waren zu wenige, um das Bestehen des Hauses zu

sichern, und mein Name, -- der der Sozialdemokratin, -- schreckte viele

ab. Sie fürchteten den kommunistischen Zukunftsstaat im Kleinen.

Inzwischen kam Wanda Orbin nach Berlin und bat mich, da sie krank sei,

»in wichtiger Angelegenheit« um meinen Besuch. Sie reichte mir nur die

Fingerspitzen, als ich eintrat.

»Sie haben die Interessen der Partei auf das schwerste verletzt,« begann

sie im Ton eines Inquisitors, »und da es nicht das erste Mal geschieht,

so bin ich verpflichtet, Sie zu warnen.«

Ich griff mir an die Stirn: was war es nur, was ich verbrochen hatte?!

»Ihre Agitation für die Haushaltungsgenossenschaft --« ich lachte ihr

ins Gesicht; sollte sie mit so strenger Miene scherzen?! Aber sie

runzelte die Stirn, -- es war ihr Ernst, blutiger Ernst! -- »hat weitere

Kreise gezogen, als gut ist. Dergleichen verwirrt die Köpfe, stört die

Einheitlichkeit des Vorgehens --«

Ich stand auf. »Möchten Sie mir wohl noch mitteilen, worin meine erste

Verletzung der Parteiinternen bestand?« fragte ich ruhig.

»Sollten Sie Ihren Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit schon

vergeben haben?« rief sie aus.

»Und durch ihn habe ich die Partei geschädigt?! -- Sie sind ja jetzt

schon im Begriff, teilweise auszuführen, was ich wollte --!«

Wanda Orbins Augen funkelten mich zornig an: »Wenn Sie die Unterschiede

nicht verstehen, so beweist das nur wieder Ihren Mangel an

proletarischem Bewußtsein --;« dabei kreischte ihre Stimme wie auf der

Rednertribüne.

»Mag sein!« entgegnete ich scharf. »Mir fehlt das Demagogentalent, um

mich zur Proletarierin aufzuspielen.« Damit wandte ich mich zum Gehen,

auf das tiefste verwundet.

Mein Vortrag erschien im Verlag des »Vorwärts« als Broschüre. Wanda

Orbin »vernichtete« ihn in vier Leitartikeln, und ihre Autorität war

viel zu gewichtig, als daß sich innerhalb der Partei irgendeine Stimme

für ihn erhoben hätte. Wie die Schnecke, wenn ihre Fühlhörner unsanft

berührt werden, sich in ihr Haus zurückzieht, so hatte ich das

Bedürfnis, mich zu verkriechen.

»Laß deine Ideen erst Wurzel fassen, Liebste,« tröstete mich mein Mann;

»sind sie lebenskräftig, so fällt dir die Frucht von selbst in den

Schoß.«

Ich lächelte wehmütig über den Irrtum, in dem er sich befand. Was mich

schmerzte, war nicht das momentane Scheitern eines Planes, sondern daß

ich Wanda Orbin so klein gesehen hatte, die mir, auch mit ihren Fehlern,

so groß erschienen war. Und daß sie die anderen beherrschte, zum Teil

mit Mitteln, gegen die ich mich waffenlos fühlte!

Nun galt es, statt alle Kräfte auf den Kampf für die gemeinsame Sache zu

konzentrieren, sich für den eklen Streit im eigenen Lager stets

gewappnet zu halten.

Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbrödler werden könnte,

mit Scheuklappen vor den Augen, immer nur ein Teilchen des allgemeinen

Zieles verfolgend?! Daß ich unfähig dafür war, bewies mir die Erfahrung

mit meinem eigenen Plan. Hätte ich das Talent und die Zähigkeit des

Organisators gehabt, ich würde ihn in jahrelanger steter Arbeit,

unbekümmert um die Spötter, haben durchsetzen können. Und nun stand ich

da und sah erschrocken auf meine Hände, die so leer geworden waren und

so kraftlos.

* * * * *

Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und verdorrt hingen die Blätter

an den armen Bäumen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln drang keine Luft

und kein Tau. Grauer Staub deckte die Büsche wie mit Trauerschleiern.

Wer draußen im Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die Kiefern

schwarz und ernst und die blumenlosen Felder. O, daß ich empor auf einen

Berg steigen könnte zu reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte

mich, -- Heimweh nach den schmalen Pfaden zwischen duftenden,

buntblühenden Wiesen, nach dem stillen See im Buchenwald, wo zwischen

Moos und Gestein Märchenblumen ihre Kelche öffnen. Heimweh nach der

großen Einsamkeit!

Ob nicht der Geist der Frauen verkümmert und ihr Gemüt verdorrt, weil

sie nicht einsam sein dürfen?

»Geh, -- erhole dich, -- ruh' dich aus, und wenn es nur ein paar Tage

sind, -- es wird dir gut tun,« sagte mein Mann, dem meine

Schlaflosigkeit, meine Blässe anfiel; »ich und die Berta hüten den

Jungen.«

Es bedurfte keiner Überredungskünste, meine Sehnsucht, allein zu sein,

ganz allein, war zu groß. Ich fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs

packte mich die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht alles

geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten mich am Tage, ängstliche

Träume verfolgten mich bei Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd

waren, blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen eine

fremde Sprache.

Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus Heidelberg. »Erdmann ist

aufgegeben,« hieß es darin, »und Ilse hat Lungenentzündung, deren

Ausgang unabsehbar ist. Sie spricht oft von Dir ...«

Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann: »Liebster! Ich halte es

nicht aus ohne Dich, ohne Otto. Aber ehe ich zurückkehre, muß ich Ilse

wiedersehen. Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu fürchten.

Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal sagte, daß ich mich ihr

gegenüber schuldig fühle. Es kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine

Schuld im Sinne landläufiger Moral besteht, sondern darauf, ob ich sie

empfinde. Ich muß das gut machen, -- damit ich mich nicht quäle, wenn

das arme Kind sterben sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn

sie lebt und meiner bedarf ...«

Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter empfing mich am

Bahnhof.

»Es geht zu Ende,« sagte sie auf meinen fragenden Blick. »Und Ilse?«

»Sie fiebert noch immer! Meine Ahnung betrog mich nicht. Diese

unglückselige Ehe!«

Die letzten drei Worte stieß sie zwischen den Zähnen hervor. Es war kein

zärtliches Mitleid, das sie empfand, sondern Empörung gegen das

Geschick.

»Das ist lieb, daß du kommst, gute Schwester,« rief mir Ilse entgegen,

als ich an ihr Bett trat. Seit langem hörte ich wieder den alten warmen

Ton in ihrer Stimme, und ihr Gesichtchen hob sich rund und rosig von den

weißen Kissen ab, als wäre es wieder das des süßen kleinen Mädchens von

einst. Wußte sie nicht, daß ein paar Türen weiter ihr Mann im Sterben

lag? Der Arzt trat ins Zimmer mit den Tropfen und dem Fieberthermometer.

Ich sah, wie ihre Augen jeder seiner Bewegungen folgten, wie sie ihn

anlächelte, voll dankbaren Vertrauens. Und in der Sorgfalt, mit der er

ihr die Kissen rückte und den Vorhang am Fenster weit zurückschlug,

damit die Sonnenstrahlen ihre Haare umspielen konnten, lag tiefere

Empfindung, als die des Arztes. Blühte dem armen Kinde eine Herbstrose

auf dem Totenacker?

»Du gehst zu ihm?« fragte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen

müde zurück.

»Ja,« antwortete ich leise. Das Lächeln aus ihrem Antlitz verschwand,

die Lippen preßten sich zusammen.

In Decken gehüllt, am weit offenen Fenster lag er. Die weißen Wände des

Zimmers, die Betten, das weiße Geschirr, von blinkenden Metall

unterbrochen, die weiße Schürze der Pflegerin strahlten über sein

eingefallenes gelbes Gesicht eine grausame Helle aus. Er war so

geistvoll, so lebendig wie je; das hätte täuschen können, wenn mein Auge

nicht eben auf die Morphiumspritze in der Hand der Diakonissin gefallen

wäre.

»Sieh nur, wie wunderschön das ist!« sagte er und sein Blick umfaßte in

leidenschaftlicher Liebe das bunte Herbstlaub der Bäume draußen. Er

hatte den Schoß voll kleiner Skizzen und ließ den Pinsel nur aus der

Hand, wenn die Schwäche ihn übermannte.

»Hast du Ilse gesehen?« fragte er schließlich.

Ich nickte.

»Sie ist noch viel, viel schöner als die Berge und der Wald,« flüsterte

er sehnsüchtig.

Am nächsten Tage verließ ich Heidelberg wieder. Eine bleierne Müdigkeit

bemächtigte sich meiner. Ich hätte immerfort schlafen mögen. Dabei fand

ich lauter dringende Briefe vor: der Verleger wünschte eine raschere

Erledigung der Korrekturen, der Verein für Haushaltungsgenossenschaften

lud mich zur nächsten Sitzung, ein paar Parteigenossen erinnerten an die

ihnen bereits zugesagten Vorträge.

Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertribüne. Jene Glut der

Leidenschaft, die allein fähig ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den

Kummer und Not um die Herzen der Ärmsten schmiedete, jene Klarheit der

Überzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und der Unwissenheit

zu durchleuchten vermag, fehlten mir und ließen sich nicht erzwingen.

»Ich bin unfähig, zu sprechen, -- erlassen Sie es mir diesmal,« bat ich

einen der Genossen; »die Menschen kehren heim, ohne einen Gran Kraft und

Klugheit gewonnen zu haben.«

Aber er bestand auf seinem Schein: »Ihr Name zieht, und wir brauchen

einen vollen Saal.«

Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren. Als ich kam,

war der Saal leer, und der Wirt erzählte mir, daß die Versammlung schon

vor zwei Tagen stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe. Ich

zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das Datum war angegeben,

nicht der Tag, und dieses stimmte. Der Vertrauensmann der Gewerkschaft,

zu dem ich ging, mußte mir bestätigen, daß der Irrtum nicht auf meiner

Seite lag. Wenige Tage später hörte ich, eine der Genossinnen habe

behauptet, ich hätte das Datum gefälscht, um mich der Aufgabe zu

entziehen, und habe hinzugefügt, sowas sei bei mir schon öfter

vorgekommen. Auf das äußerste empört, verlangte ich eine Untersuchung

der Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In endlosen

Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte geprüft,

verglichen. Ich ballte die Fäuste unter dem Tisch vor Erregung und

konnte mich doch dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige

Gründlichkeit all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und

Objektivität, an Takt und Würde standen sie turmhoch über ihren

weiblichen Klassengenossen, mit denen ich bisher zusammengekommen war.

Eine formelle Ehrenerklärung, die mir schriftlich zuging, war das

Resultat der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu sein, wurde

ich lange Zeit nicht los.

Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner »Frauenfrage«. Und die

Genugtuung über meine Arbeit wirkte wie ein stärkendes und reinigendes

Bad.

Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte mich die

weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises. Für eine große

Volksversammlung, die in den allernächsten Tagen stattfinden und sich

mit den von der Regierung angekündigten Zollerhöhungen beschäftigen

sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte ab. Meine

Besucherin wurde immer dringender.

»Sie müssen kommen,« erklärte sie schließlich.

»Ich muß?! Warum?!« fragte ich verwundert.

»Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!«

»Das ist Ihre Schuld, -- nicht die meine,« entgegnete ich; »selbst wenn

ich Zeit hätte, mich binnen zwei Tagen auf ein schwieriges Thema, wie

den drohenden Zolltarif, vorzubereiten, würde ich bei meiner Ablehnung

bleiben und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens tragen

lassen.«

Sie warf mir noch einen rachsüchtigen Blick zu und ging.

* * * * *

Mein Buch erschien. Die Aufnahme, die ihm zuteil wurde, entschädigte

mich für viele Schmerzen und gab mir das Vertrauen in die eigene Kraft

zurück.

»Sie haben mehr geleistet, als ich erwartet hatte, und das will viel

sagen,« schrieb mir Romberg. »Ihr Werk ist eine wissenschaftliche

Leistung, dem keine Kritik und keine Zeit den Charakter eines standard

work nehmen wird, und -- was für mich seinen größten Wert ausmacht --

der Ausdruck einer starken Persönlichkeit. Die objektive Wissenschaft

ist zweifellos etwas sehr Großes, aber der Mensch bleibt immer das

Allergrößte ...«

Nur zwei Zeitschriften rissen meine Arbeit herunter: die Monatsblätter

von Helma Kurz und -- die »Freiheit« von Wanda Orbin.

»Alix Brandts Buch ist jeder Mütterlichkeit und jeder

Wissenschaftlichkeit bar,« hieß es in dem einen Blatt; »die Genossin

Brandt hätte in der Kleinarbeit der Agitation erst lernen und sich

bewähren müssen, ehe sie etwas für die Arbeiterinnenbewegung wirklich

Nützliches hätte schaffen können,« lautete das Endurteil in dem

anderen.

Ich lachte zuerst und dachte daran, wie ich von einer meiner

bürgerlichen Gegnerinnen einmal pathetisch als ein »Tribünenweib«

bezeichnet worden war, »deren Lenden nie ein Kind getragen haben«, und

eine Genossin mir als schwere Unterlassungssünde die Tatsache

vorgehalten hatte, daß ich eine wichtige Parteipflicht -- die,

Flugblätter auszutragen -- noch nicht erfüllt hätte.

Aber dann verging mir das Lachen. Mein ganzes Ich lag in dem Buch, all

mein Wissen, mein Glauben, mein Hoffen. »Meinem Mann und meinem Sohn«

stand als Widmung vor dem Titel. Das war keine bloße Form, es war ein

Bekenntnis: ich hätte es nicht schreiben können ohne das Doppelerlebnis

der Liebe und der Mutterschaft, das aus dem Kinde erst den Menschen

macht, das Schleier von den Augen reißt und eiserne Klammern von den

Herzen. Es sind Männer gewesen, die die Madonna zur Mutter Gottes

erhoben, denn nur der lebendig befruchtete Schoß vermag Lebendiges zu

gebären. Und arme Irre waren es, die die Jungfrauschaft mit dem

Heiligenschein krönten. Denn die Voranleuchtenden sind nur, die des

Lebens Tiefen erschöpften.

An die Mütterlichkeit hatte ich appelliert mit jedem Satz, den ich

niederschrieb. Aus einem primitiven Empfinden, das über die Wiege des

eigenen Kindes kaum hinausging, sollte sie zu weltumspannender Kraft

sich entfalten. All die Tausende und Abertausende Hilfloser und

Entrechteter hatte ich aufgeboten, daß sie die Mütter suchen sollten.

Einst pochte ihr Murmelgebet: »Heilige Maria, bitte für uns!« umsonst an

das Tor des Himmels, -- sollte ihre stumme Not auf der Erde keine

Antwort finden?

Waffen hatte ich geschmiedet für die Proletarierinnen, Waffen, -- ich

wußte es, -- die unzerbrechlich waren. Ich erwartete keinen Dank dafür,

denn daß ich sie schaffen konnte, war Dank genug. Nur nehmen, nur

gebrauchen sollten sie meine Klingen und Pfeile.

»Warte die Zeit ab,« sagte mein Mann. Aber ich fieberte nach Tat, nach

Wirken, -- ich konnte nicht warten.

* * * * *

Dem Arbeiterinnen-Bildungsverein und einzelnen der führenden Genossinnen

hatte ich mein Buch zur Verfügung gestellt. Eines Morgens bekam ich

einen Brief von Martha Bartels. Schon freute ich mich, -- ich werde sie

wiedergewonnen haben, dachte ich, und erinnerte mich, wie sie mir, der

Fremden, einst entgegengekommen war, als ich noch Alix von Glyzcinski

hieß.

Ich ließ ihren Brief in den Schoß fallen, als ich seine wenigen Zeilen

durchflogen hatte, und lehnte mich mit einem Gefühl von Schwindel in den

Stuhl zurück.

»Nachdem Ihre Unzuverlässigkeit in der Ausführung übernommener

Parteipflichten wieder offenbar wurde,« schrieb sie, »haben die

Genossinnen einstimmig beschlossen, Sie zu unseren Sitzungen nicht mehr

einzuladen.«

Ein formeller Ausschluß also, -- ohne Gründe anzugeben, -- ohne mich zu

hören! Und das in einer Partei, die die Ideale der Demokratie vertritt!

Ich verlangte, mir zu gewähren, was die Gesetzgeber des kapitalistischen

Staates den Mördern und Dieben zugestehen: mich vor meinen Richtern

verteidigen zu können. Man antwortete mir nicht. Ich erfuhr schließlich,

daß jene Genossin, die mich vergebens zu einem Vortrag hatte pressen

wollen, die Sache so dargestellt hatte, als ob ich mein gegebenes Wort

gebrochen hätte. Und ich hörte weiter, daß meine »Fälschung« jener

Einladungskarte zum Referat bei den Textilarbeitern noch immer in aller

Munde sei. Ich sandte die Ehrenerklärung der Gewerkschaft ein, ich zwang

die Lügnerin, ihre Behauptung zu widerrufen. Es nützte nichts.

»Wir erkennen an, daß in diesen beiden Fällen ein Irrtum vorlag,«

schrieb Martha Bartels, »aber es stehen noch so viele andere fest, wo

Sie sich als unzuverlässig erwiesen haben, daß die Genossinnen an ihrem

einstimmigen Beschluß, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.«

Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines Schiedsgerichts zu

fordern. »Liebe Genossin,« sagte Auer, mir gutmütig die breite Hand auf

die Schulter legend, »tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere Weiber

kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht geben, -- natürlich! Aber,

glauben Sie, daß damit geholfen ist?! Schon am nächsten Tag werden die

Klatschmäuler, denen Sie nun einmal ein Dorn im Auge sind, neue, noch

schlimmere Sünden über Sie zu verbreiten wissen, und das modernisierte

Gerichtsverfahren der heiligen Fehme wird alle demokratischen

Schiedssprüche umstoßen. Überlassen Sie der Wanda die Weiber! Für Ihren

Tätigkeitsdrang ist in der Partei noch Raum genug.«

Ich fügte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus Müdigkeit, aus

Ekel? Ich weiß es nicht mehr. Auers Hand umspannte die meine schmerzhaft

fest.

»Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf den Weg nehmen?«

fragte er. »Wer auf hoher Warte steht, dem sollten die leid tun, die

sich von unten im Schweiße ihres Angesichts abmühen, mit Steinen zu

werfen. Er sollte immer über sie hinwegsehen. Dann hören sie von selber

auf und besinnen sich, daß ein Weg da ist, auf dem auch sie

aufwärtssteigen könnten ... Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein

Politiker.«

»Die Distanz, -- das bedeutet Fernsein, Kühle,« antwortete ich mit einem

leisen Seufzer, »-- ich liebe die Menschen; ich möchte von ihnen geliebt

sein.«

»Sie lieben die Menschen, -- diese Menschen?! Sie scherzen!« Er reckte

sich zu seiner ganzen Größe. »Wir würden sie erhalten, wenn wir sie

lieben würden. Aber wir wollen sie überwinden -- mit dem gewaltigen

Erziehungsmittel einer neuen Gesellschaftsordnung --, also hassen wir

sie.«

Ich schüttelte den Kopf. War das eine hohe Warte? Würde ich sie je

erreichen, -- erreichen wollen?!

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 18 / 30 题