Zehntes Kapitel

Ein eisiger Wind pfiff aus dem Passeier Tal über Meran; die

Schneeflocken fielen so dicht, daß es aussah wie lauter weiße Schleier,

die der Winter, mißgünstig, einen nach dem anderen der Natur vor das

schöne Antlitz zog. Und ich war mit der ganzen Sonnensehnsucht des

Deutschen, der jenseits des Brenners zu jeder Jahreszeit blauen Himmel

und blühende Bäume erwartet, gen Süden gefahren!

»Du hast mir das Sommerland versprochen, -- ich will ins Sommerland --,«

weinte mein Bübchen, als es am ersten Morgen aus dem Fenster unseres

kleinen Zimmers in die weiße Welt hinaussah. Während ich ihn durch

lauter Hoffnungen zu beruhigen suchte, fröstelte auch mich.

Das Sanatorium »Iduna«, das westlich von Meran einsam zwischen Wiesen

und Obstbäumen lag, war uns empfohlen worden. »Es nimmt nur eine

beschränkte Anzahl von Patienten auf, bewahrt daher den Charakter eines

behaglichen Privathauses,« hieß es im Prospekt. In Wirklichkeit war's

ein altes Landhaus, das, wie so viele seinesgleichen im Süden, mit

dünnen Wänden und zugigen Fenstern den Winter zu ignorieren schien. Ein

paar eiserne Ofen strahlten stundenweise rotglühende Hitze aus, um dann

wieder kalt, schwarz und feindselig dazustehen, als freuten sie sich des

grausamen Spiels mit den armen Bewohnern.

Ich hatte nicht schlafen können: der Wind rüttelte an den Fenstern, mein

Sohn warf sich unruhig in dem ungewohnten großen Bett hin und her, und

ein hohler Husten, nur von stöhnenden Seufzern unterbrochen, klang aus

dem Zimmer unter uns unaufhörlich zu mir empor. Müde und abgespannt ging

ich zum Frühstück in den Eßsaal, -- einer verglasten Veranda, durch

deren breite Fenster der Winter von allen Seiten hereinsah. In der Mitte

stand der lange schmale weißgedeckte Tisch, darauf in nüchterner

Regelmäßigkeit Reihen weißer Teller und Tassen. Eine Frau saß daran in

schwarzem Kleid mit vergrämten Zügen, neben ihr im Rollstuhl ihr blasser

Mann, finstere, gerade Falten auf der Stirne, -- einer jener Kranken,

die hoffnungsloses Leiden böse gemacht hat, -- ihm gegenüber am

äußersten Ende der Tafel ein schmalbrüstiger Jüngling, dessen Antlitz

nur noch mit der Haut bespannt schien, -- einer fahlen, graugelben --.

Ich zögerte an der Schwelle, mir grauste vor dem Bilde, in dem alle

Farben des Lebens erloschen waren.

Da sprang mein Kind an mir vorbei, im feuerroten Kleidchen, mit frischen

Wangen und glänzenden Augen. Und der ganze Raum war erhellt. Ein

freundliches Lächeln spielte um die blutleeren Lippen des Jünglings; die

Falten auf der Stirn des Gelähmten glätteten sich, nur die Frau im

schwarzen Kleid wandte wie verletzt den Kopf zur Seite.

Ich wäre am liebsten wieder fortgezogen. Aber ich war viel zu müde,

viel zu apathisch dazu. Der Arzt, ein gütiger alter Mann mit weichen

Frauenhänden, versprach mir ein anderes Zimmer mit einem Balkon nach

Süden. »Das unter Ihnen,« sagte er, »der Herr reist ab --,« dabei

verschleierten sich seine hellen Augen. Dann gab er mir

Verhaltungsmaßregeln. »Meine wichtigste Verordnung ist: ein

Kindermädchen. Sie müssen Ruhe haben, -- Tag und Nacht, der Bub dagegen

soll sich tüchtig Bewegung machen,« begann er.

Ruhe, -- schon das Wort war wie einlullendes Streicheln. Am nächsten

Tage brachte er mir ein hübsches, brünettes Landmädchen, das mir gefiel;

sie zog mit dem Kleinen, der sich an die lustige Gefährtin rasch

gewöhnte, in das Zimmer nebenan. Nun erst fühlte ich, wie krank ich war:

den ganzen Tag lag ich still, und bewegungslos wie mein Körper waren

Gedanke und Gefühl. Auch meine Umgebung störte mich nicht mehr; -- wenn

ich nur mein Bett hatte und meinen Liegestuhl.

»Nun wird er bald abreisen,« sagte der Arzt eines Tages und drückte mit

der Spitze des Zeigefingers in den Augenwinkel, als sei ihm ein

Staubkörnchen hineingeflogen.

»Dann soll ich hinunter?« fragte ich und dachte entsetzt an die Mühe des

Umräumens. »Ja,« meinte er, »denn nun es täglich wärmer wird, müssen Sie

in der Sonne liegen.« »In der Sonne?!« Ich lächelte ungläubig. Seit

einer Woche hatte der Schnee sich in Regen verwandelt.

Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf mich im Bett hin und

her, und plötzlich wußte ich, was mir fehlte: der regelmäßige Husten

unter mir war verstummt; die Stille lastete auf mir, die unheimliche

Stille. Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das huschte im

Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und flüsterte, -- knarrend

öffnete sich unten eine Tür. Ich erhob mich und trat ans Fenster: ein

Leiterwagen stand im Garten; Männer waren darin, die sich durch Gebärden

mit denen im Hause zu verständigen schienen; und auf einmal schwebte

etwas in der Luft dicht unter mir, etwas Schwarzes, Großes, -- der Regen

klatschte darauf, -- eintönig. Schon wollt' ich schreien, -- da geriet

das Schwarze in den Lichtkreis der nächsten Laterne: es war ein Sarg.

Ich schwankte ins Bett zurück und verkroch mich zitternd unter der

Decke. So war er »abgereist«! --

Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht, mit den Menschen,

deren Körper im Sterben lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren.

Und das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen, in denen das

Wasser aussah, als wäre es Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen,

hatte mir Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen und

Fugen lauernd saß. Und mein Kind hatte ich die Pestluft atmen lassen!

Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Früh fuhr ich nach Meran und

drüber hinaus nach Obermais, so hoch und so weit als möglich. Dort fand

ich neben alten efeuumsponnenen Schlössern ein freundliches Haus

zwischen Nußbäumen und Weinreben.

Am selben Abend zogen wir ein.

Es war, als ob der Winter uns nicht hätte folgen können. Die Berge

entschleierten sich. Der Schnee, der eben erst wie ein Leichentuch die

Erde verhüllt hatte, blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine

Hochzeitskrone auf ihren Häuptern. Errötend entfalteten sich an den

Mandelbäumchen die ersten Blüten. Ich lag auf der Veranda und ließ mich

wie sie von der Sonne durchglühen und fühlte, daß auch mir die

Lebensfarbe in die Wangen stieg. Täglich brachte mir mein Söhnchen

frische Wiesenblumen.

»Ich werde dich führen, Mamachen, wenn du nicht mehr Auau hast,«

schwatzte er, »zu den so vielen Vergißmeinnicht, und zu den Musikmännern

auch, wo die Damen und Herren sind.« Ich lachte ihn an: wirklich, die

Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder in mir. Liegen sollt' ich,

immer liegen, sagte der Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war.

»Dann müßt' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin,« antwortete ich

ihm, »denn daß mein Herz so gegen alle Vorsicht klopft, ist nur ein

Beweis, daß ich lebe.«

Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf, streckte und reckte mich

und blinzelte in die Sonne. Mir war so wohl, -- so wohl! Warum nur?! Und

in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist. Ich sah mich

erschrocken um, als könnte irgend jemand dies tiefe Geheimnis, daß ich

kaum mir selbst gestand, erkundet haben. Ich war frei -- wirklich frei;

ich konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden Fragen

erst beantworten zu müssen: stört es den Anderen? Verletzt es ihn?

Beeinträchtigt es seine Ruhe, seine Wünsche, seine Liebe? Jetzt, zum

Beispiel, konnte ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer

trällern, -- läge Heinrich neben mir, ich würde mich aus Rücksicht auf

seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten. Und dann konnt' ich gemächlich

im Wasser planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne jene

quälende Scham des Häßlichen, des Unästethischen, -- die einzig

berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander lieb haben, und die

einzig notwendige, wenn sie ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches

erhalten wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm, mit einem

bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie wissen nicht, daß die Liebe eine

zarte, kostbare Blume ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie

in den Küchengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.

Ich war frei -- wirklich frei. Und ich konnte hingehen, wohin ich

wollte! Ganz erstaunlich kam mir das vor, -- gerade, als ob die Welt mir

auf einmal ihre Tore aufschlösse. In den ersten Jahren meiner Ehe hatte

Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, -- aus zärtlichster Liebe, nicht

etwa aus Mißtrauen oder aus Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg

machen können, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich die

Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich ein Geheimnis vor ihm

gehabt hätte, sondern nur um einmal ohne innere Hemmung in den Straßen

herumlaufen zu können. Allmählich hatte unsere verschiedenartige

Tätigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht; aber

selbstverständlich blieb, daß ich ihm erzählte, wo ich gewesen war, was

ich getan hatte. Und da ich ihn nicht unzufrieden machen, nicht ärgern

wollte, so stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal seiner

Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es vor, daß ich -- log.

Kaum, daß der Gedanke daran in mein Bewußtsein trat, als ich ihn auch

schon, dunkel errötend, zurückweisen wollte. Aber je mehr ich mich

mühte, desto klarer stand er vor mir. Ich mußte ihm Auge in Auge sehn:

»Es kam vor, daß ich meinen Mann belog.« Nicht, weil ich ihn

hintergehen, sondern weil ich ihn nicht ärgern, nicht erregen wollte.

Aus Liebe also! Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen lügen, weil sie

des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Persönlichkeit auslöscht

wie ihren Namen. Wie vielen, die gerade gewachsen waren, hat sie das

Rückgrat zerbrochen! Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre

Physiognomie, -- sind farblos, zermürbt.

Ein brennendes Verlangen nach Menschen überkam mich. Wie war ich doch

mein Leben lang an den bunten Schwarm um mich gewöhnt gewesen! In den

letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr verflüchtigt. Den alten

Freunden war ich gestorben, seit ich Sozialdemokratin geworden war; neue

hatte ich unter den Genossen nicht gefunden, und von den Künstlern, von

den Gelehrten, die unsere Räume einmal betraten, kamen nur wenige

wieder. Romberg war im Grunde unser einziger Verkehr gewesen. Und der

wohnte nicht in Berlin.

Woher kam das alles? War ich weniger anziehend als die Frauen, die »ein

Haus ausmachten«? Waren sie geistreicher als ich? Ich schürzte spöttisch

die Lippen. Stießen sich die Sittenstrengen noch immer an der Geschichte

meiner Eheschließung? Sie machten sich doch sonst nichts daraus, mit

Frauen zu verkehren, die »eine Vergangenheit« hatten, die Gegenwart

geblieben war! Nein, in alledem lag die Ursache nicht. Bei meinem

Manne, schien mir, war sie zu suchen. Er war ein Menschenschwärmer

gewesen, leicht geneigt, zu bewundern und zu verehren und sich den

anderen gegenüber gering zu achten. Um so schmerzhafter hatte jede, auch

die leiseste Enttäuschung ihn getroffen, und je häufiger sie sich

wiederholte, desto scheuer zog er sich zurück, desto mißtrauischer wurde

er. Und für jenen leichten Verkehr, der wie mit Libellenflügeln nur die

Oberfläche des Lebensstromes streift, war er zu schwerblütig. Er hatte

nie getanzt; -- seltsam, daß mir das erst heute einfiel. Er hatte nie

gelernt, eine Gesellschaftsmaske zu tragen. Darum fühlten sich immer nur

die Menschen, die er aufrichtig gern hatte, wohl bei uns. Die anderen

stieß er ab.

Draußen lachte der Frühlingstag. Zwischen blühenden Bäumen und Beeten

von Hyazinthen spielte die Musik fröhliche Weisen, die Passer sprang

dazu in entfesselter Wildheit über Stock und Stein. Ich ging mit meinem

Buben an der Hand zwischen der Menschenmenge hin und her. Ich freute

mich, als wäre ich zwanzig Jahr, über die bewundernden Blicke, die uns

folgten. Täglich wollt' ich von nun an hinuntergehen, Sonnenschein

trinken und Lebenslust. Ich traf Bekannte und geriet durch sie in einen

Kreis fröhlicher Weltbummler. Wie gut das tat, einmal wieder

unterzutauchen in Glanz und Freude! Einmal wieder lachen zu können aus

Herzensgrund! Bewundernde Blicke zu fühlen! Man brachte mir täglich

Blumen, -- jene großen glühenden Rosen von Meran, deren Duft nicht an

Gärten erinnert, sondern an berauschende Essenzen des Morgenlandes. Ich

ließ mir gefallen, daß man mir huldigte; ich spielte mit heißen

Gedanken, wie ein Kind mit rotleuchtenden Giftblumen. Eines Abends,

während bunte Lichterkränze sich an den alten Bäumen vor dem Kurhaus von

Ast zu Ast schwangen und die Geigen der Zigeunerkapelle in die laue

Nacht hinein seufzten und lockten, ließ ich mich in den Kursaal führen,

um den Tanzenden zuzuschauen. Süße Walzermelodien umschmeichelten meine

Sinne. Der Rausch des Tanzes ergriff mich. Willenlos überließ ich mich

ihm. Erst als der letzte Ton verklagen war, kam ich zu mir und erschrak.

Leichtsinn und Genuß, die Zaubergeister, drohten mich in ihre Gewalt zu

bekommen. Das durfte nicht sein!

»Meran fängt an, schwül zu werden,« schrieb ich am nächsten Morgen an

meinen Mann; »so sehr die weiche Luft meiner Gesundheit nützte, so sehr

schädigt sie meine Arbeitskraft. Und ich wünsche jetzt nichts mehr, als

mich Hals über Kopf in meine Arbeit zu stürzen. Darum möchte ich fort.

Der Arzt verordnet mir Höhenluft; ich selbst fühle, daß ich etwas

Starkes, Herbes atmen müßte. Wollen wir nicht miteinander irgend ein

stilles Plätzchen suchen? Wir waren lange genug getrennt..«

Statt aller Antwort kam er selbst. »Ich habe gewartet, bis du mich rufen

würdest --, es ist mir schwer genug geworden,« flüsterte er zärtlich,

»nun aber wirst du mich nicht mehr los.« Dunkel errötend barg ich den

Kopf an seiner Brust.

* * * * *

An der Ampezzostraße, südlich von Cortina, liegt ein kleines Dorf,

Pezzié genannt. Zwischen seinen braunen, ärmlichen Hütten ragte ein

einzelnes Bauernhaus mit weißgetünchten Mauern und großen Altanen

stattlich hervor. Über ein Vierteljahr wohnten wir dort in tiefster

Stille und Zurückgezogenheit. Im Lärchenwald hinter dem Hause spielte

mein Junge mit den braunen Bauernkindern, auf der Altane, angesichts des

weiten blühenden Tals und des gewaltigen schneebedeckten Felsenmassives

der Tofana, fing ich wieder an zu arbeiten. Wenn mir in den vergangenen

Wochen die Aufgabe eingefallen war, die ich mir mit meinem Buch gestellt

hatte, so war sie mir wie ein unübersteigbarer Berg erschienen. Jetzt,

da ich sie aufs neue in Angriff nahm, war mir's, als habe all die Zeit

hindurch eine fremde Kraft unter der Schwelle meines Bewußtseins weiter

an ihr gearbeitet.

Oder sollten Gedanken wie Samen sein, die einmal in den Boden des

Geistes gestreut, sich aus eigener Macht weiter entwickeln? Die vielen

Zahlen, die ich in meinen Büchern vor mir hatte -- Ergebnisse der Volks-

und Berufszählungen europäischer und außereuropäischer Länder, Lohn- und

Arbeitsstatistiken --, wurden merkwürdig lebendig, als zuckten in ihnen

die Leiden der Millionen. Immer deutlicher sah ich das Bild, das ich zu

malen hatte: den Zug der Frauen, wie er durch glutheiße Wüsten und rauhe

Steppen dahinschleicht, jede einzelne in ihm gebeugt unter den Lasten,

die sie zu tragen hat: der Hacke und dem Spaten, der Sichel und der

Spindel, dem einen Kinde auf dem Rücken, dem anderen unter dem qualvoll

klopfenden Herzen. Was mich zuerst nur wie ein Instinkt in die Reihen

der kämpfenden Arbeiterschaft geführt hatte, das wurde mir jetzt zur

bewußten Erkenntnis: die Berufsarbeit der Frau, die ihre Entstehung der

Umwandlung der Produktionsweise durch die Maschine zu verdanken hat, ist

immer mehr zu einem notwendigen Bestandteil dieser Produktionsweise

geworden. Aber indem sie sich ausdehnt, untergräbt sie zu gleicher Zeit

die alte Form der Familie, erschüttert die Begriffe der Sittlichkeit,

auf denen der Moralkodex der bürgerlichen Gesellschaft beruht, und

gefährdet die Existenz des Menschengeschlechtes, deren Bedingung gesunde

Mütter sind. Es bleibt der Menschheit schließlich nur die Wahl: entweder

sich selbst oder die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufzugeben.

Diese Konsequenz zu scharfumrissenen Ausdruck zu bringen, sodaß niemand

ihr aus dem Wege zu gehen vermöchte, -- das war mein Wunsch.

Das Fieber der Arbeit, das alle Pulse schneller schlagen läßt, das über

jede Müdigkeit hinwegtäuscht, das die Gedanken des Tages in den Traum

der Nacht verflicht, hatte mich ergriffen. Und zugleich jener gesunde

Egoismus des Schaffenden, der ihn für seine Umgebung blind und taub

macht, nur damit das Werk wachsen kann. Dankbar überließ ich der Berta,

dem meraner Kindermädchen, die sich mit solcher Klugheit in jede Lage zu

schicken schien, die Sorge um unseren kleinen Haushalt. Daß sie für uns

kochte und wusch und nähte und eifersüchtig jede andere Hilfe abwehrte,

war mir nur ein Beweis für ihre Tüchtigkeit; und daß der Kleine mit

solcher Liebe an ihr hing, machte sie mir vollends unentbehrlich.

Wenn ich mit meinem Mann spazieren ging, so sprach ich von nichts

anderem als von meiner Arbeit, von all den Ideen, all den Plänen, die

sie in mir auslöste. Und er hörte mir nicht nur ruhig zu, er ging voller

Anteilnahme auf meine Interessen ein und half mir durch seine

Fachkenntnisse.

Daß auch er ein selbständiges Leben hatte, daß auch in ihm vieles bohrte

und gärte, das nach Ausdruck verlangte, daß er um so einsamer wurde, je

mehr ich mich in die Arbeit verlor, -- von alledem wußte ich nichts.

Zuweilen stiegen am Horizont drohend die Sorgenwolken empor: was das

Grunewaldhaus uns übrig gelassen hatte, war bald verzehrt, die Einnahmen

aus dem Archiv blieben unzulänglich, mein Buch, auf dessen Erfolg ich

rechnete, war noch lange nicht vollendet; wie würden wir auskommen?! Mit

aller Anstrengung vertrieb ich die bösen Gedanken, ich arbeitete noch

ununterbrochener, um mir selbst keine Zeit zu lassen, ihnen

nachzuhängen.

* * * * *

Eines Morgens bekam Heinrich einen Brief, den er mir stumm

herüberreichte: Ob er während der nächsten Monate für ein uns

nahestehendes Blatt die Pariser Korrespondenz übernehmen könne? Ihr

bisheriger Leiter sei erkrankt und habe einen längeren Urlaub

angetreten.

Es überlief mich heiß und kalt. Wie der Name Rom auf die Deutschen des

Mittelalters, so wirkt der Name Paris auf die Menschen des zwanzigsten

Jahrhunderts. Aus ihren dunklen Wäldern, ihren finsteren Burgen und

engen Städten sehnten sich unsere Vorfahren nach dem lachenden Himmel

Italiens; und aus dem Ernst unseres strengen Alltagslebens verlangt

alles, was jung ist in uns, nach dem Glanz, nach dem Leichtsinn von

Paris. Aber ich bemühte mich, ruhig zu scheinen und meiner stürmisch

aufwogenden Freude Herr zu werden.

»Was sagst du dazu?« fragte mein Mann. »Wir würden uns rasch

entschließen müssen. Mit dem internationalen Sozialistenkongreß, der in

zehn Tagen zusammentritt, müßte meine Tätigkeit anfangen.«

»Und dein Archiv?!« warf ich ein. »Du kannst es doch nicht monatelang

von Frankreich aus redigieren!«

»Ach, -- das Archiv..!« meinte er mit einem halb wegwerfenden, halb

ärgerlichen Ton, der mich erstaunt aufsehen ließ. Das Archiv war seine

Schöpfung, sein liebstes Geisteskind.

»Das Archiv könnte ich von überall her leiten! In Paris aber scheint mir

jetzt der rechte Ort, um den Sozialismus in seiner neusten Phase zu

studieren, in Paris, wo ein Millerand Minister ist, wo die

Intellektuellen, -- unter ihnen ein Zola, ein France, ein Steinlen, --

mit Jaurès Arm in Arm gehen!.. Wenn du also nichts dagegen hast, so

nehme ich den Antrag an.«

* * * * *

Paris! Die untergehende Septembersonne umgab die schwarz hingestreckte

Stadt mit rotglühender Glorie. Mir war, als klänge im Räderrollen

unseres Zugs ein rhythmisches Jauchzen, als könne die fauchende

Riesenschlange es nicht erwarten, sich in die lodernde Glut zu stürzen.

Am Morgen nach unserer Ankunft wanderten wir durch die Straßen. Es war

die vollkommenste Überraschung, die mich mehr und mehr verstummen ließ.

Ich hatte etwas Lautes, Buntes erwartet, etwas, das übereinstimmt mit

dem Begriff »Paris«, den wir uns draußen gebildet haben. Und nun sah ich

Häuserzeilen in gleichmäßig feiner zurückhaltender Architektur, hohe

Fenster mit schmalen Gittern davor, sah Mauern, über die der Efeu kroch,

und Baumriesen, die aus alten verschwiegenen Höfen geheimnisvoll

herüberrauschten.

Ich sah, wie sich die vielen Alleen plötzlich in weite, weite Gärten

verloren, unter deren Büschen graue Statuen träumten, und unter runden

Lorbeerbäumen stille Bassins goldig glitzernd von den vielen kleinen

Fischen darin. An altertümlichen Kirchen kamen wir vorbei mit runden und

viereckigen dicken Türmen, oder dem mystischen Maßwerk keuscher Gotik

über alten Portalen.

Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe empor und traten aus

der heidnischen Pracht ihrer Säulenhalle in das Dämmerdunkel ihres

Inneren. Eine wunderschöne Nonne kniete regungslos am Eingang, die

Sammelbüchse vorgestreckt in schmalen weißen Händen. Und als wir uns

wieder zum Gehen wandten, schweifte der Blick über die zu unseren Füßen

sich dehnende Straße und die majestätische Größe der Place de la

Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren wie Spielzeug, bis weithin

zur Kuppel des Invalidendoms. Er hütete, was sterblich war an dem

korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem Willen, und der, ein

Lebender, noch heute die Stadt Paris erfüllt.

Durch Alleen breiter Kastanienbäume, deren dunkle große Blätter schwarze

Schatten auf die hellen Wege warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der

Triumphbogen des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt, mit den

Wolken zu verschmelzen schien. Und in den Gärten der Tuilerien verloren

wir uns. Zarte Kinder mit künstlich geringelten Locken spielten auf

feinen Plätzen, alte Herren, mit dem roten Bändchen im Knopfloch,

fütterten die Vögel, von einer Schar Zuschauer umgeben, deren Interesse

fast wie Andacht war. Von den Bäumen tanzten leise die gelben Blätter;

eine träumerisch süße Luft, die Geräusche und Farben dämpfte, spielte

zärtlich um den grauen Königspalast des Louvre und streichelte sanft die

Gesichter der Vorübergehenden, als wollte sie sie trösten, weil es schon

Herbst geworden war. Und selbst die Bettler auf der Brücke, und die

schmutzigen Savoyardenknaben, die ihre Ware feil boten, und die alten

Buchhändler, die ihre stockfleckigen Schartäken auf den Quaimauern

aufbauten, lächelten leise. Der Fluß aber wälzte sich lautlos vorüber;

seine Wasser schimmerten in gebrochenen Farben wie müde Opale.

»Eine vornehme Frau ist Paris,« sagte ich nachdenklich, als wir von

unserem ersten Ausgang zurückgekehrt waren, »eine vornehme Frau, deren

schöne Züge die Wehmut des Alterns umflort ...«

Am Abend verließen wir wieder das Hotel. Jetzt brauste die Weltstadt:

rauschende Kleider, rollende Wagen, girrendes Lachen, wüstes

Geschrei --, zu einem einzigen Ton verschmolz das alles. Zwischen den

Bäumen der Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten,

breit quoll das Licht aus den Cafés über wippende Federhüte und

spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen Concordienplatz wirkten die

Bogenlampen wie Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.

Da plötzlich leuchtete jenseits zwischen den Bäumen ein Wunder auf: ein

schimmerndes Tor aus Juwelen erbaut, eine Märchenstadt dahinter, deren

Mauern Kristall, deren Türme Feuerbrände waren; die Weltausstellung. Wir

folgten dem wimmelnden Menschenstrom, dessen Rauschen sich aus allen

Sprachen der Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus

Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden Goldfäden gewoben, trug

auf seiner diamantenen Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In

tiefdunkle Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der stille Fluß

spiegelte Paläste wieder, die allen Glanz der Welt an seinen Ufern

vereinigt hatten. Die Brücken spannten sich über ihn wie lauter

glückverheißende Regenbogen. Und wer sie überschritt, den empfing

jenseits ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, -- als gäbe es nirgends

Tränen mehr. Ein Taumel erfaßte die Menschen: von den Terrassen

herunter, -- aus den weit geöffneten Türen bunter Häuser lockte die

Freude in sehnsüchtigen Geigentönen, in wilden Trompetenstößen. Dort

tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme: wenn sie sich

aufwärts schwang, züngelten die Schleier über ihrem Haupte, wenn sie

sich neigte, leuchtete sekundenlang ihr schneeweißer Busen. Drüben

trippelte auf Stöckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus ihren

geschlitzten Augen sprühten Blitze fanatisierter Kunst, auf ihren

Gewändern leuchteten Blumen der Hölle und Vögel des Paradieses. Und

unter dem bunten Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten

Leib der Indierin, züngelten zärtlich um ihre braune Haut, während ihre

kleinen Füße, von goldenen Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und

ihre Arme sich ausstreckten -- eine einzige Gebärde verlangender

Lust ...

* * * * *

Mitten im Gewühl trafen wir Geier, der zum Sozialistenkongreß nach Paris

gekommen war. »Ein Riesenvarieté, -- nichts weiter,« brummte er, »im

Grunde widerwärtig.« Ich erwachte wie aus einem Traum: die Gesichter der

Tänzerinnen erschienen mir plötzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich

verwischte, grinste hinter dem Lächeln der Freude die rohe Sucht nach

Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der den Himmel trug, war aus Eisen;

Menschlein kletterten selbstbewußt bis in seine Spitze, und hoheitsvoll

wich die Sternenkuppel weit, weit zurück vor ihnen. Kulissen aus Gips

und Leinwand waren die Paläste, Glas die Juwelen im Portal.

»Man soll einen Mondsüchtigen nicht anreden,« sagte ich. »Schon glaubt

ich mich wirklich auf dem Wege zur Erfüllung einer Sehnsucht, die mit

mir geboren zu sein scheint --«

»Und die wäre?« fragte Heinrich. Ich zögerte; ich wußte, wie falsch ich

verstanden werden könnte.

»Bacchantische Lust zu sehen, überströmende, jauchzende Lebenswonne, --

die dabei eines Gottes würdig wäre. Immer ist Freude so etwas

Armseliges, -- Mutloses.«

»Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort. Übrigens hätte ich

Ihrer norddeutschen Prinzessinnenwürde nicht so exotische Phantasien

zugetraut,« spottete Geier. »Aber immerhin, -- ich, als alter Pariser,

kann Ihnen vielleicht heute noch dienen.«

Wir verließen die Ausstellung, überquerten den Platz bis zur Rue Royal.

»Maxim« stand in großen Buchstaben über der Tür des Restaurants, in das

wir eintraten. Auf den hohen Stühlen vor dem Schenktisch der Bar saßen

elegante Männer mit müden, gelangweilten Gesichtern. Aus dem Saal

dahinter klang gedämpfte Musik. Die Frauen unter seinen Spiegelwänden an

den kleinen, blumengeschmückten Tischen flüsterten nur hie und da

miteinander. Sie waren alle schön und jung. Hellblond und üppig die eine

im weißen Seidenkleid, Perlen in den rosigen Ohren, rieselnde Perlen um

den runden Hals und einen matten Perlenglanz in den großen hellen Augen.

Statuenhaft die andere neben ihr, die prachtvolle Gestalt eng in roten

Samt gehüllt, die schmalen Finger von Brillantringen bedeckt, die

nachtschwarzen Haare in glatten Scheiteln um die Schläfen. Und

rothaarige, hinter deren durchsichtiger Haut blaue Adern klopften,

brünette, mit dem bräunlich warmen Ton der Südländerin, reihten sich

ihnen an, eine schneeweiße dazwischen, mit rosigem Antlitz, als wäre die

Pompadour aus dem langweiligen Jenseits in ihr geliebtes Paris

zurückgekehrt. Zuweilen standen sie auf und schritten langsam auf und

nieder; ihre Kleider raschelten, als ob schillernde Salamander durch

dichtes Blattwerk schlüpften, das aufreizende gleichmäßige Klipp-klapp

der hohen Absätze ihrer Seidenschuhe tönte dazwischen, in ihren Juwelen

brachen sich hundertfarbig die Lichter, Wolken betäubenden Duftes zogen

hinter ihnen her. Sie waren wie exotische Blumen aus fremden Urwäldern.

Die Musik ging in Walzermelodien über. Und durch die offenen Türen kamen

allmählich die Herren aus der Bar, -- alte und junge Greise. Nüchtern,

lustlos, wie der Trainer ein Rennpferd, musterten sie die Frauen. Sie

erwachten erst zum Leben, als der Sekt in den Gläsern vor ihnen perlte.

Ihre Blicke wurden zu lüsternem Greifen, ihr Lachen wurde gemein. Sie

erschienen wie rohe Barbaren gefangenen Königinnen gegenüber. Und jetzt

begannen die Geigen zu jauchzen, rascher und rascher füllten sich die

Gläser und leerten sich wieder, die Paare schwangen sich in rasendem

Tanz; -- dort senkte ein Graubart die zittrigen Kniee vor einer jungen

Schönen und trank aus ihrem weißseidenen Schuh.

»Nun?!« fragend wandte sich Geier mir zu. Ich zuckte die Achseln:

»Nennen Sie das bacchantische Lust?! Wenn Männer sich erst betrinken

müssen, um für Frauenschönheit zu entflammen, und Frauen nur durch den

Rausch, der ihre Augen und ihre Sinne umnebelt, den Ekel vor diesen

Männern zu überwinden vermögen?!«

Wir gingen. Über die Boulevards schob und drängte sich die Menge:

Fremde, mit gespannten Zügen, überall ungeheuerliche Enthüllungen der

Sünde erwartend, kleine bescheidene Provinzfrauen mit einem dirnenhaften

Funkeln in den Augen, Kinder, blaß und übernächtig, immer noch Blumen

verkaufend, den alten wissenden Blick halb neidisch auf die geschminkten

Kokotten gerichtet, die wie Götzenbilder sich durch die dunkeln Massen

bewegten.

War Paris nicht doch ihresgleichen?

* * * * *

Als wir am nächsten Morgen den Sitzungssaal des Internationalen

Kongresses betraten, blieb ich schon an der Tür erschrocken stehen: das

tobte und schrie, pfiff und trampelte, als sollte ein Sensationsstück zu

Fall gebracht werden. Vandervelde, der belgische Volksführer, stand auf

der Rednertribüne, aber weder seine Autorität, noch der sonore Klang

seiner schönen Stimme, noch die beschwörenden Gesten seiner

aristokratischen Hände wurden Herr über die entfesselte Leidenschaft der

Menge. Drohende Fäuste reckten sich zu ihm empor: »À bas les

ministériels!« tönte es im Takt von der einen Seite, wo sich um Jules

Guesde, den französischen Liebknecht, die Anhänger scharten. Wer es

nicht vorher wußte, erfuhr es angesichts dieser Versammlung: nur um eine

Kardinalfrage des Sozialismus konnte ein so wüster Kampf entbrennen. Die

Vertreter des alten revolutionären Gedankens behaupteten standhaft ihre

Intransigenz: »Die Befreiung der Arbeiter kann _nur_ ein Werk der

Arbeiterklasse selbst sein, jedes Paktieren mit der bürgerlichen

Gesellschaft ist ein Verrat an der Sache des Proletariats.« Von diesen

lapidaren, jedem Arbeitergehirn leicht einzuprägenden Sätzen aus,

verurteilten sie notwendigerweise den Eintritt des Sozialisten Millerand

in das Ministerium und forderten vom Kongreß eine offizielle Anerkennung

ihres Standpunktes. Wider Vandervelde, der die Vermittlungsresolution

der Deutschen verteidigt hatte, erhob sich der Italiener Ferri; die

schönheitstrunkenen Romanen jubelten schon seiner bloßen Erscheinung zu,

und als er mit all den klassischen Worten der Revolution jonglierte, wie

ein geschickter Taschenspieler mit glänzenden Kristallkugeln, und den

Revisionismus von der Landtagswahlbeteiligung der Deutschen bis zum

Ministerialismus der Franzosen als einen Abfall brandmarkte, dankte

ihm brausender Beifall. Die graziösen Französinnen auf den

Zuschauertribünen, denen der Kongreß dieselben Nervenreize bot wie eine

Première, schlugen begeistert die weißbehandschuhten Händchen

aneinander, und des Redners dunkler Blick grüßte dankend die

seidenrauschenden Vertreterinnen des Kapitalismus, gegen den er eben zum

Kampf gerufen hatte.

Dann kam Jaurès, der das moderne republikanische Frankreich in der

Dreyfusaffäre gegen Klerikalismus und Militarismus verteidigt hatte, --

eine untersetzte Gestalt, mit dem breiten blonden Kopf eines Germanen.

Er wird es schwer haben, dachte ich angesichts dieser Versammlung, die

ihre Redner ästethisch zu werten scheint. Aber schon der erste Laut

seiner Stimme zog die Menge in seinen Bann: sie war wie das Meer;

selbst wenn sie ruhig schien, war Sturm in ihr, und wenn sie anschwoll,

schlug sie donnernd gegen die Mauern, wie die Wogen gegen den Fels. Ich

war nicht imstande auf die Worte zu achten, ich hörte nur den Klang,

jenen musikalischen Tonfall der Sprache, der die Wesensart des ganzen

Volkes enthüllt, eines Volkes, das durch logische Schlüsse

wissenschaftlicher Deduktionen niemals überzeugt zu werden vermag, wenn

nicht der Künstler in ihm durch die Schönheit der Form, durch das Pathos

des Ausdrucks gepackt wird, eines Volkes, von dem ich plötzlich begriff,

daß es die Bastille stürmen und Napoleon Bonaparte zu seinem Kaiser

krönen konnte.

Ich war noch wie benommen, als wir abends den Saal verließen. An der Tür

begrüßten uns unsere Landsleute. »Eine unglaubliche Gesellschaft!«

schimpfte der eine. »Für nichts ist gesorgt: nicht mal Bleistift und

Papier gibt's auf den Tischen.« -- »Und keine Möglichkeit, die Anträge

rechtzeitig drucken zu lassen,« fügte ein zweiter hinzu, -- »man weiß

nich mal, wo man essen jehn soll,« brummte ein dritter.

Jetzt fühlte ich mich wieder in Deutschland.

Wir unterhielten uns, als wir zusammensaßen, über die deutsche

Resolution. »Sie ist aus Wenn und Aber zusammengesetzt, und einem Fall

Millerand ist zwar die Tür geschlossen, aber das Fenster geöffnet,« --

räsonierten die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises, für die der

Eintritt eines Sozialisten in ein bürgerliches Ministerium keine

taktische, sondern eine prinzipielle Frage war. »'Die Eroberung der

Regierungsgewalt kann nicht stückweise erfolgen,'« las stirnrunzelnd

einer der Wortführer des Revisionismus; »das ist ein Satz, den wir

unmöglich unterschreiben können, denn in parlamentarisch regierten

Staaten kann und wird sie nicht anders als allmählich vor sich gehen.«

Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem geschlossen für die

Resolution, um die Einigkeit der Partei zu dokumentieren, und sicherten

ihr dadurch ihre Annahme. Ich war froh, daß ich kein Mandat besaß, denn

die vielgerühmte Disziplin unserer Genossen mißfiel mir, die die

persönliche Ansicht dem Willen der Mehrheit unterwarf; die

individualistische Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis größerer

innerer Stärke zu sein. Ich äußerte meine Ansicht, als wir mit unseren

näheren Bekannten nachts vor einem Boulevardcafé zusammensaßen, und

stieß auf heftigen Widerspruch. »Unsere Disziplin hat uns groß gemacht,«

hieß es von allen Seiten. »Numerisch groß, -- gewiß,« antwortete ich,

»ob aber entsprechend einflußreich?! In England, wo die Partei so

zerrissen ist wie hier, durchdringt die sozialistische Idee alle Kreise,

gehören Sozialisten allen öffentlichen Körperschaften an, in Frankreich

stützt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger

sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr Reformen auf dem

Gebiete des Arbeiterschutzes durchzuführen, als seine Vorgänger während

Jahrzehnten --«

»Und in Deutschland übernahm unsere Reichstagsfraktion im Kampf gegen

die Lex Heinze die Führung und rettete Wissenschaft und Kunst vor

unerhörter Knebelung,« unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft; »es

geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die Resolution, deren

Annahme durch uns Sie so verurteilen, ist ein Zeichen des

Fortschrittes. Sie hat dem falschen Radikalismus eine seiner Spitzen

abgebrochen indem sie der politischen Taktik freie Hand ließ.«

»Dazu, scheint mir, werden die Verhältnisse Radikale und Revisionisten

stets ohne weiteres zwingen. Die Preisgabe persönlicher Überzeugung war

überflüssig,« antwortete ich.

»So halten Sie es für besser, wenn man um verschiedener Ansichten willen

wie verzankte Kinder nach rechts und links auseinander läuft?!«

»Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende Gegensätze mit den

morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen überbrücken zu wollen.«

Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll auf Geier,

der eben hinzugetreten war.

»Politik besteht aus Konzessionen,« erklärte er und strich gleichmütig

die Asche von seiner Zigarre; »aber davon versteht ihr Weiber nichts.

Für das Geschäft seid ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum laßt

die Finger davon. Übrigens: -- Ich habe eine Nachricht in der Tasche,

die den Wünschen der Genossin Brandt entgegenkommt: Euer neuer Prophet,

Bernstein, wird Deutschland in persona beglücken dürfen.«

Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und Warum bestürmt, fuhr Geier

mit einem spöttischen Blick auf mich in seinem Berichte fort: »Die

deutsche Regierung hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist Bülows,

des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn er das Ausweisungsdekret

gegen Bernstein nicht mehr wiederholt. Viel Glück zu diesem Zuwachs, Ihr

lieben Reichsdeutschen!« Damit erhob er sich, flüchtig grüßend.

Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und ich, in unsere kleine

möblierte Wohnung, die wir nach langem Suchen endlich gefunden hatten.

Ich fühlte auf diesem Heimweg deutlicher als je, daß wir allmählich auch

innerlich nebeneinander und nicht miteinander gingen. In der Nacht hörte

ich, wie unruhig er sich hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das

matt durch die Fensterscheiben drang, wie zerquält seine Züge waren. Er

litt, -- und ich wußte nicht warum; ich, die ich ihm am nächsten stand,

hatte ihn allein gelassen! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren

nicht jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts hatten sein

wollen, als ein allzeit offenes Gefäß für die Schmerzen und die Kämpfe

des Gatten? Vielleicht waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.

»Heinz,« flüsterte ich zaghaft und griff nach seiner Hand, »warum

sprichst du nicht mit mir? -- Irgend etwas lastet auf dir --.«

Er lächelte mich an. »Gutes Kind, -- beunruhige dich doch nicht! Du hast

mit dir selbst genug zu tun und mit deiner Arbeit.«

»Du aber nimmst teil daran, -- du hilfst mir, und ich sollte dir nicht

helfen dürfen?! -- Hängt es am Ende damit zusammen, daß du dem Archiv

innerlich untreu geworden bist?« drängte ich.

»Woher weißt du das?« fuhr er auf.

»Ich habe doch Augen im Kopf, -- ich sehe, wie oft du die Korrekturen

ungeduldig zur Seite wirfst --«

»Du hast recht,« antwortete er, »ich hätte dich nur gern mit meinen

Angelegenheiten verschont, so lange sie mir selbst so unklar sind. Als

ich das Archiv ins Leben rief, war die Sozialpolitik ein unbebautes

Ackerland. Jetzt, wo der Samen aufging, kann jeder Garben schneiden --«

»Ich verstehe,« unterbrach ich ihn lebhaft, »wir beide gehören zu denen,

die Wege anlegen, aber nicht die Steine dafür karren können.«

»Wege anlegen --,« wiederholte er, »ganz richtig! Und dafür ist in der

Partei jetzt die Zeit gekommen. Gräßlich, angesichts dieser Aufgabe die

Hände gebunden zu haben! Dem Revisionismus fehlt es an einem geistigen

Mittelpunkt, einem unabhängigen Organ, das an Stelle bloßer Verneinung

die Ideen praktischer Politik in die Köpfe der Massen hämmert, das die

geistigen Kräfte der Intellektuellen in den Dienst unserer Sache zieht.

Die Lex Heinze hat sie aus dem Schlaf geweckt, -- auch hier müßte das

Eisen geschmiedet werden, solange es warm ist.«

»Und wieso sind dir dafür die Hände gebunden?!« rief ich aus, von den

Gedanken, die er aussprach, gepackt. »Der Plan muß ausgeführt werden!«

»Bei all deiner Klugheit bist du doch ein ganz dummes Katzel!« sagte er.

»Oder wächst dir ein Kornfeld auf der flachen Hand?! Kein bürgerlicher

Verleger würde ihn verwirklichen helfen, ein Parteiverlag erst recht

nicht ...«

Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der Idee der

Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst schrieb und druckte. Ob

wir nicht diesem Beispiel folgen könnten? Mein Mann lachte mich aus.

»Selbst wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern würden, ohne

pekuniäre Mittel hülfe das nichts. Ich sehe nur eine Möglichkeit, um

zum Ziel zu gelangen --,« er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.

»Die wäre?«

»Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erlös könnte man die Zeitung ins Leben

rufen --«

»Warum versuchst du das nicht?!« Ich ärgerte mich, daß er nur einen

Moment hatte zögern können. Er sah mich forschend an.

»Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir spricht? -- Mit dem

Verkauf des Archivs ist die Sicherheit unserer Existenz preisgegeben.

Wir können bei dem neuen Unternehmen alles verlieren --«

»Darüber bin ich keinen Augenblick im Zweifel,« antwortete ich ernst.

»Aber mir scheint, gegenüber der Größe der Aufgabe fallen persönliche

Bedenken nicht ins Gewicht.«

Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann all seine freie Zeit der

Verwirklichung seines Gedankens. Er trat mit deutschen Verlegern in

Verkaufsverhandlungen, und wenn ich angesichts ihrer wiederholten

Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren, so schien

der seine mit jedem Mißlingen neu zu wachsen. Er wandte sich an die

bekannteren Revisionisten, und wenn ihre zögernden Antworten mich

deprimierten, so steigerten sie nur seine Energie. Und meine Liebe, die

unter der grauen Asche der Alltäglichkeit nur noch leise geglimmt hatte,

glühte auf, wie Waldfeuer im Sturm. Je stärker ich die Überlegenheit

seines Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt, mein

eigenes Erleben zu betrachten wie der Forscher ein wissenschaftliches

Experiment, aus dem er bestimmte allgemeine Schlüsse zieht, sah ich,

daß eine der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts der

Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion erwies.

»Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib ist die

Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder Beziehungen zwischen

den Geschlechtern,« hatte meine alte Gegnerin, Helma Kurz, noch kürzlich

in dem ihr eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift

verkündet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft, weil sie -- das

einsame alte Mädchen -- wie der Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe

ist Hingabe an den Höherstehenden, gleichgültig ob das Herz, das sie

empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd oder dem Talar der

Doktorin beider Rechte schlägt. Darum wird die erotische Treue um so

seltener sein, je stärker das Weib sich geistig und seelisch

individualisiert.

* * * * *

Mit noch größerem Eifer als früher stürzte ich mich in meine Arbeit;

nicht nur, weil der Augenblick schreckhaft näher rückte, in dem ich das

Honorar dafür nicht mehr würde entbehren können, sondern mehr noch, weil

das Buch vollendet sein mußte, ehe die neue Aufgabe -- die Zeitschrift

meines Mannes -- an mich herantrat.

Archive, Arbeitsämter und Bibliotheken öffneten sich mir ohne

Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier verleugnet der Franzose die

Kultur des achtzehnten Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die ihm

begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr behilflich zu

sein, ihr entgegenzukommen, kein spöttisches Lächeln, keine

herunterhängenden Mundwinkel verraten der arbeitenden Frau, wie der Mann

sie im Grunde wertet.

Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto höher türmten sich

die Probleme der Frauenfrage um mich auf, -- die sozialen, die

ethischen, die sexuellen entwickelten sich eines aus dem anderen, als

kröche ein Drache aus dunkler Höhle hervor, ein Glied um das andere

vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich mich morgens zum Fortgehen

rüstete und mein Kind die runden Ärmchen um meinen Hals schlang und bat

und schmeichelte: »Mamachen, bleib doch mal bei mir, -- Mamachen, bitte,

bitte, erzähl' mir nur eine einzigste schöne Geschichte --,« dann

erschien mir mein eigenes Leben wie jene unheimliche Höhle, und in mein

eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie gläubig hatte ich

früher den alten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung gelauscht, wenn sie

von jenen Amerikanerinnen erzählten, die ihre Pflichten als Mütter,

Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche Harmonie

zueinander zu setzen vermochten. Ich erinnerte mich vor allem jener

Advokatin, die neben ihrer großen Praxis sechs Kinder erzogen und einen

großen Haushalt allein geleitet haben sollte.

»Infame Lügen alter Jungfern!« dachte ich grimmig. Und doch war ich

selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich nach Haus, so fand ich mein Kind in

guter Obhut und unseren Tisch gedeckt.

Der Berta, die mit so viel Tränen durchgesetzt hatte, bei mir zu

bleiben, verdankte ich die äußere Arbeitsmöglichkeit. Ich konnte ihr

nicht dankbar genug sein.

Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt und in der

Fabrik, während die Straße ihrer Kinder Hüterin ist und sie gezwungen

sind, nach der Hast der Arbeit noch die unzureichende Ernährung für sich

und die Ihren selbst zu bereiten. So unschätzbar die wirtschaftliche

Selbständigkeit des Weibes sein mag, sind die Opfer des Mutterherzens

und des Kinderglücks nicht ein zu hoher Preis für sie? Ich fand aus der

Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not, auf der anderen

Seite die liebezerstörende pekuniäre Abhängigkeit des Weibes vom Mann.

Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene Zeit eine

Untersuchung über die Arbeit verheirateter Frauen in der Industrie

angestellt. Die Ergebnisse lagen mir vor: überall war es die bittere

Notwendigkeit, die ihnen zwischen dem natürlichen Weibesberuf und dem

Erwerb außerhalb des Hauses keine Wahl ließ. Und alles deutete darauf

hin, daß ihre Zahl ständig zunehmen würde. Nichts schien mir im

Augenblick so wichtig, als die Lösung dieser brennenden Frage. Es galt

auf der einen Seite, dem Säugling die Mutter zurückzugeben, und auf der

anderen, das Weib von der Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich

baute meinen alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, -- fest

überzeugt, daß über kurz oder lang die Regierungen gezwungen sein

würden, ihm näher zu treten. Aber selbst seine Verwirklichung würde die

notwendige Arbeitsteilung zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht

herbeiführen.

»Laß einmal heut deine Nachmittagsarbeit,« sagte Heinrich eines Tages,

als ich in meine Grübeleien versunken nach Hause kam. »Wir sind zur

Einweihung eines Arbeiter-Restaurants geladen, -- France und Jaurès

werden dort sein --«

»Du weißt, ich darf mich nicht ablenken lassen,« antwortete ich

mißmutig.

»Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um eine Ausnahme von der

Regel zu entschuldigen,« meinte er. »Eine genossenschaftliche Gründung

der Art liegt auf dem Wege zu unseren Zielen.« Ich horchte auf: irgend

etwas, halb Unbewußtes, packte mich.

In einer engen Seitenstraße des Boulevard Montparnasse lag ein altes

kleines Haus geduckt zwischen hohen Mietskasernen. In seinem neuen

Anstrich, mit den Girlanden um die Türe und den Fähnchen an den Fenstern

sah es lustig aus wie ein altes Männlein, das goldene Hochzeit feiert.

Drinnen um die festlich gedeckten Tafeln herrschte eitel Fröhlichkeit.

»Daß wir es erreicht haben, -- endlich!« sagte glückstrahlend einer der

Leiter. »Seit Jahren sammeln wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter

dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte zu befreien, und um

den zahllosen arbeitenden Familienmüttern ein gutes und billiges

Mittagsmahl zu verschaffen.«

Ich reichte dem Manne die Hand und drückte sie herzhaft; er sah mich

verwundert an: er konnte nicht wissen, welch ein Geschenk er mir eben

gegeben hatte.

Die breite Gestalt von Jaurès erschien in der Türe, hinter ihm die

elegante eines vornehmen Graubarts, dessen geistfunkelnde Augen über die

große schiefe Nase unter ihnen zu spotten schienen. »Anatole France,«

stellte Jaurès ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem Gespräch.

»Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft irgendwo

einen Fuß breit Boden gewinnt,« sagte er; »je mehr die Bourgeoisie an

Idealismus verloren hat, desto unfruchtbarer ist sie für uns

Intellektuelle. Wir müssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden

halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.«

»Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu denen, die zwar

an Hoffnungen arm, aber an Gold und Juwelen um so reicher sind --,«

antwortete ich.

Er lächelte ungläubig: »Wirklich?! In einem Lande, das sprichwörtlich

reich an hungernden Dichtern und arm an Männern ist?!«

Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus der Tasche, überflog

es wieder und wieder und reichte es Jaurès: »Ich bin kein Redner und

soll durchaus sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage?« Dabei

stieg die Röte der Verlegenheit in das gebräunte Gesicht des berühmten

Mannes.

Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben, daß die vielen

Menschen um uns herum mit den selbstverständlich guten Manieren, dem

freimütigen Ton, der ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des

Milieus ausglich, die Ärmsten der Armen waren. Ich sah es erst

allmählich an den hohlen Wangen und sorgfältig vernähten Flicken auf den

Kleidern. Und doch aßen und tranken sie, als ob sie alle Tage satt

würden.

France sprach; stockend, schüchtern, aber mit einem so warmen Ton in der

Stimme, daß er alle gefangen nahm. Und dann wußten sie auch von ihm:

»Unser großer France,« flüsterte stolz einer dem anderen zu, und ein

paar kleine Nähmädchen mit harten zerstochenen Fingern brachten ihm die

Veilchensträußchen, die sie im Gürtel trugen.

Als ich am nächsten Tage wieder bei der Arbeit saß, war mein neuer Plan

fix und fertig: »Haushaltungsgenossenschaften« nannte ich ihn. In den

Arbeitervierteln der großen Städte sollte jede Mietskaserne mit einer

Zentralküche versehen sein, die den Bewohnern ihre Mahlzeiten liefert.

In den Häusern der Arbeiter-Baugenossenschaften müßte der Anfang damit

gemacht werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt der

Mutterlosen sollten sich anschließen; die genossenschaftliche

Wirtschaft, der Einkauf im Großen müßte, so berechnete ich, die Kosten

für die anzustellenden Arbeitskräfte aufbringen. Einsichtige Kommunen

würden sich allmählich bereit finden, solche, für die physische und

moralische Gesundheit der Bevölkerung überaus wichtige Häuser selbst zu

bauen. Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der

Hauswirtschaft und der außerhäuslichen Erwerbsarbeit würde einer der

wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lösung entgegengeführt werden.

Und was für die Arbeiterin galt, das galt ebenso für die geistig tätige

Frau. Ich war so erfüllt von meiner Idee, daß ich vor freudigem

Herzklopfen nächtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache konnte ich bis

zum Erscheinen meines Buches nicht warten. Gerade jetzt, wo das Problem

der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand, mußte

ich damit hervortreten.

Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, daß ich an der Hand der

neuesten Fabrikinspektorenberichte eine kurze Broschüre über die für die

Arbeiterinnenbewegung so wichtige Frage der Beschäftigung verheirateter

Frauen in der Industrie schreiben wolle und von ihr nur erfahren möchte,

ob nicht etwa von anderer Seite ähnliches geplant würde. Irgendwelche

Details gab ich ihr nicht.

Sie antwortete mir umgehend, daß sie selbst seit längerer Zeit mit der

Bearbeitung der Frage beschäftigt sei. »Ich habe mich nunmehr

entschlossen,« fuhr sie fort, »die einzelnen Teile meiner Arbeit als

selbständige Broschüren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen

leichter zugänglich zu machen. Die erste enthält die grundsätzliche

Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit verheirateter Frauen und

des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes, das Manuskript liegt im

wesentlichen bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten, auf die

Veröffentlichung zu verzichten, weil an anderer Stelle die Behandlung

derselben Frage beabsichtigt wird...«

Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als es mir nichts genutzt

haben würde. Ich wollte auch nicht mit Wanda Orbin in einen lächerlichen

Konkurrenzkampf eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, -- mir

würde nachher genug zu sagen übrig bleiben.

Während der Monate, die wir noch in Paris verlebten, erschien sie jedoch

nicht, und die verschiedenen Parteibuchhandlungen wußten nichts von ihr.

* * * * *

Schwer und grau hing der Winterhimmel über Paris. Zuweilen tanzten weiße

Flocken in der Luft, und dann schien's, als ob es hell werden wollte;

aber die schmutzige Straße verschlang sie. Die Obst- und Gemüseauslagen,

die im Sonnenschein sonst so bunt und lockend den Vorübergehenden

angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus. Die kleinen Mädchen

mit den schönfrisierten Köpfchen, die vor kurzem noch lachend und

kokettierend mit spitzen Hacken klappernd über das Pflaster getrippelt

waren, liefen jetzt fröstelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mißmutigen

Gesichtern.

Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und träumen könnte! Aber nach wie

vor ging ich dieselben Wege durch alte enge Gassen und saß mit eisigen

Füßen in dunkeln Bureaus. Wußte ich noch, daß es Paris war, in dem ich

lebte? Lebte?!! War das wirklich Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich

die schmutzige Taglöhnerstraße verschlungen? Mich, die ich licht und

frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen aus unserem stillen

Stadtwinkel zum rechten Seineufer hinübergingen, wo die Bogenlampen

festlich zu strahlen beginnen, wo hinter glänzenden Spiegelscheiben

Juwelen und Spitzen und märchenhaft schimmernde Gewänder prahlend ihre

Schönheit entfalten und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen,

aus denen schöne Frauenköpfe nicken und lächeln wie seltene

Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, -- nur zum Schmuck einer Nacht

gezüchtet, -- dann fühlte ich im verborgensten Winkel meines Herzens

einen stechenden Schmerz.

Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedrängt arme junge Mädels; sie

warteten auf die eleganten Damen, die mit seidenbeschuhten Füßchen und

langen Schleppen den Wagen entstiegen. Sie ließen sich von den Rädern

mit Kot bespritzen, um vom Glanze des Lebens nur einen Schein zu

erhaschen.

Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, -- auch bei

Millerand, -- und waren mit einer Liebenswürdigkeit empfangen worden,

als wären wir längst erwartete alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar

förmlichen Einladungen mit oberflächlichen allgemeinen Gesprächen.

Während mein Mann einen unvereinbaren Gegensatz in dem Benehmen unserer

Gastgeber empfand, fühlte ich mich plötzlich in die Umgebung meiner

Jugend zurückversetzt und verstand sie.

Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat jene Kultur des

Benehmens, jene Liebenswürdigkeit der Form, die zugleich eine

unübersteigliche Mauer ist, hinter der sich das persönlich Menschliche

verbirgt.

Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen Herrin tout Paris

um sich zu versammeln verstand. Sie war von unverwüstlicher Schönheit,

und ihre Küche war berühmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann

befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. »Hast du dich denn

nicht amüsiert?« fragte er mich schließlich.

»Ganz und gar nicht,« antwortete ich, »und wenn ich nicht fürchten

müßte, daß meine Ehrlichkeit mich in deinen Augen herabsetzt, --«

»Aber Alix,« lachte er und zog meinen Arm fester durch den seinen, »du

weißt, daß du mich immer entzückst, wenn du du selber bist.«

»So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen, daß ich die Rolle

des unbeteiligten Zuschauers in jeder Gesellschaft, -- und wäre es die

interessanteste, -- unerträglich finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu

erfahren, daß der Wert der Frau in Paris mit dem Wert ihrer Kosmetik und

ihrer Toilette steigt und fällt, aber da ich auf dem Gebiet nicht

konkurrieren kann --«

Heinrich lachte noch lauter. »Du liebe Eitelkeit, du,« war alles, was er

sagte, während die Röte der Beschämung mir noch auf den Wangen brannte.

Ein andermal folgte ich der Einladung einer der führenden

Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer Zeitung. Ich bewunderte schon

lange die Energie, mit der sie die Frauen -- französische Frauen! --

zwang, die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an der Seite

der Zola und Jaurès an dem Kampf für Dreyfus teilgenommen hatte. Ich

erwartete unwillkürlich eine typische Feministin: harte Züge, eckige

Bewegungen, männliche Kleidung. Schon die Räume, die ich betrat,

überraschten mich; sie hatten alle das Aussehen und das Parfüm eines

eleganten Boudoirs. Ein paar Damen gingen vorüber, -- sie hätten ebenso

beim five o'clock im Grand Hotel erscheinen können. Dann kam die

Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet wäre, ich hätte mich

nicht gewundert. Ihre Schönheit hatte trotz aller statuenhaften Kühle,

-- oder vielleicht gerade deshalb, -- etwas Sieghaftes.

»Je radikalere Feministen wir sind, desto stärker müssen wir unser

Weibsein betonen,« sagte sie im Lauf des Gesprächs. Ich stimmte ihr

lebhaft zu und dachte an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den

Gegensatz zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin nicht genug

glaubten zeigen zu müssen.

»Sie vergessen nur eins,« fuhr ich fort. »Die Pflege der Schönheit

kostet Zeit und Geld. Und die eigentlichen Trägerinnen der

Frauenbewegung, die Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben

keins von beiden.«

»Darum müssen wir es ihnen schaffen,« warf sie lebhaft ein und führte

mich, um ihre eigene Tätigkeit nach dieser Richtung zu illustrieren, in

den Setzersaal, wo lauter junge Mädchen beschäftigt waren. Unter den

großen Schürzen lugten zierliche Kleider hervor, die hübschen

Lockenköpfchen hätten höheren Töchtern gehören können. Ihre Augen

folgten mit schwärmerischer Bewunderung der stolzen Gestalt ihres

weiblichen Chefs, die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen

Wiegen in den Hüften durch ihre Reihen bewegte. Ich hörte später, sie

sei eine grande amoureuse, eine von jenen, deren Herzen kalt bleiben,

wenn ihre Sinne glühen. »Ihre Mittel sind unerschöpflich,« sagte man mir

mit einem vielsagenden Lächeln. Mich interessierte dieser Typus, der mir

in Deutschland nicht würde begegnen können. Ich versuchte, ihr näher zu

treten. Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebenswürdig, --

aber unnahbar.

* * * * *

Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu. Mein Buch war fast

fertig. Es fing schon an, sich von mir loszulösen und vor mir zu stehen

wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Gehöriges, mit dem ich auch

innerlich abgeschlossen hatte. Es war wie eine erstiegene Höhe, von der

aus ich nun weiter gehen mußte. Meine Gedanken kreisten immer enger um

die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten. Meine Hoffnungen, genährt

von der Liebe zu meinem Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte

gefunden zu haben, übertönten die leise warnenden Stimmen meines

Inneren.

»Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest,« sagten sie.

»Du wirst die Sache zum Siege führen, wenn du dich selbst hingibst,«

frohlockte die Hoffnung.

Ich glaubte ihr.

Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte mich während der letzten

acht Tage, daß ich in Paris war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden

Morgen mit »Mamachen« gehen durfte. Die Berta hatte auf ihren

Spaziergängen mit ihm viel mehr gesehen als ich; der kleine Bub wurde

mir zum Führer. Er kam sich dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich

in atemloser Eile durch die Tuilerien hindurch zu »der Frau, die ein

Soldat war«. Ich lächelte: war es doch meiner frühsten Kindheit Traum

gewesen, das Vaterland zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher,

Frankreichs Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild vor mir;

sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, -- unbeirrt; aus dem

Scheiterhaufen, der ihren Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch

größer.

»Die Jungfrau von Orleans, -- ist das ein Märchen?« fragte der Kleine,

als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, und sah mit nassen Augen zu

der Reiterin empor.

»Nein, es ist Wahrheit,« antwortete ich.

»Warum verbrannten sie denn die bösen Menschen?« Auf seine glatte

Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des Zornes.

»Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist,« sagte ich leise, wie zu mir

selbst.

Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen wir miteinander. Ein

breiter Strom bläulichen Lichtes entsprang ihr und wogte tief unten um

den roten Porphyr, der des großen Korsen Gebeine umschließt. Der Gang

ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im Dämmer zurückzutreten. Mit

leiser Stimme erzählte ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem

Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament der Revolution

vollzog, und der auf der Felseninsel im Weltmeer starb -- in Ketten.

»Auch weil -- weil --« das Kind neben mir suchte nach den Worten, deren

Sinn er nicht verstanden hatte; »weil er zu groß war für die anderen,«

ergänzte ich.

Am letzten Tage vor unserer Abreise kämpfte der erste

Frühlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken; grüne Spitzchen

lugten neugierig an Büschen und Bäumen aus braunen Hüllen hervor; die

Kinder mit den langen gedrehten Locken bevölkerten wieder die Gärten.

Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte die Menschen, die

Welt, die Jahrhunderte durch die Augen der Größten aller Zeiten gesehen

und fühlte meinen Geist heller, mein Herz wärmer werden. In der Kunst

kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern wie die Augen sind,

die sie betrachten. Nur der Künstler hat recht, dem sie immer Objekt

bleibt, der im Häßlichen noch das Schöne, im Bösen das Menschliche

findet.

Und nun, zum Abschied, nahm ich noch einmal den Kleinen mit mir.

»Zur Göttin der Griechen wollen wir,« sagte ich ihm, »die Odysseus und

Achilles anbeteten.«

Die Leute drehten sich um, lächelnd, spottend, entrüstet, als sie mich

mit dem Kind an der Hand durch die Säle gehen sahen, bis dahin, von wo

der Venus von Milo weiße Gestalt uns entgegenleuchtete.

»Warum beten die Menschen nicht?« flüsterte mein Sohn, der die Mütze vom

Köpfchen gezogen hatte.

In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewußtsein ihrer Macht

und Schöne, zeitlos, beziehungslos. Ihr Blick schweifte hinweg über die

Menge, gleichgültig, ob sie ihr Opfer zündete oder die Linien ihres

Körpers mit dem Zirkel maß. Sie herrschte, sie begeisterte und belebte,

nicht weil sie vom Sockel stieg in den Dienst der Massen, sondern weil

sie vollendet war in sich.

Droben in den Sälen hingen die Bilder aller derer, die die Menschen,

denen sie dienten, gekreuzigt hatten: die Heiligen, die Madonnen, die

Christuskinder. Sollte der Zweck des Daseins nicht doch der Olymp der

Griechen und nicht der Himmel der Christen sein?

Ich strich mit der Hand über die Stirn. Es war etwas wach geworden in

mir, das schlafen mußte.

Ein weiches Händchen nestelte sich in das meine: »Warum hat die Göttin

keine Arme, Mamachen?«

»Zur Strafe, weil sie die Menschen nicht festhielt, die ihrem Tempel

entliefen.«

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 17 / 30 题