Neuntes Kapitel

Der Winter des Jahres 1899 wollte kein Ende nehmen. Die Stadt Berlin,

die durch Reinlichkeit zu ersetzen pflegte, was ihr an Schönheit

gebrach, war dem Schnee, der sich auf den Straßen bis in den April

hinein in schmutzig-grauen Schlamm verwandelte, nicht gewachsen.

Heerscharen, mit Spaten und Hacke bewaffnet, schickte sie aus, um den

hartnäckigen Feind aus den Toren zu treiben, und um die Massen der

Arbeitslosen, die unter seinem Regiment immer stärker angeschwollen

waren, zu verringern. Vergebens. Der Schnee ballte sich zu Haufen; vor

den Asylen der Obdachlosen staute sich die Menge. Mehr als je waren

kräftige Männer darunter. Selbst um die am schlechtesten bezahlte

Heimarbeit rissen sich die Frauen; wovon sollten sie die Kinder

ernähren, da die Väter feiern mußten und das Fleisch immer teurer wurde?

»Der Winter ist mit den Ausbeutern im Bunde,« sagte eine blasse, kleine

Parteigenossin, die jedesmal mit entzündeteren Augen in die Sitzungen

kam. »Die Agrarier, die Konfektionäre und die Kohlenfritzen werden dick

und fett, und wir kriegen die Schwindsucht.« Sie stickte Hemden, --

»ganz feine aus Battist, mit 'ner Fürstenkrone. Ich wünschte man bloß,

jeder Stich wäre 'ne Nadelspitze, wenn sie den durchlauchtigsten Körper

berühren,« fügte sie hinzu. Die Bitterkeit, mit der sie sprach, erfüllte

mehr denn je ihre Klassengenossen.

Sie froren und hungerten. Im Reichstag aber bewilligte die Mehrheit der

bürgerlichen Parteien eine Militärvorlage, die Millionen und

Abermillionen kostete. Sie suchten vergeblich nach Arbeit, und im

Abgeordnetenhaus brachten die Junker den Plan des Mittellandkanals zu

Fall, der zahllose neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnet hätte. Überall

siegten die Interessen der Besitzenden gegen die der Arbeiter,

und nun drohte die Zuchthausvorlage, ihnen im Kampf um bessere

Arbeitsbedingungen die letzte Waffe zu nehmen: Das Koalitionsrecht.

Noch zögerte die Regierung mit der Veröffentlichung des Wortlautes der

Vorlage, aber sie warf ihre Schatten voraus, so daß an ihrem Inhalt

niemand mehr zweifeln konnte.

* * * * *

Um diese Zeit erschien Eduard Bernsteins längst erwartete Broschüre:

»Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der

Sozialdemokratie.« Sie faßte zusammen und führte aus, was er ein Jahr

vorher in seiner Artikelserie über die Probleme des Sozialismus gesagt

hatte. Jetzt, wo die erste Erregung hinter mir lag und ich mit ruhigem

Verstand zu lesen vermochte, spürte ich den Einfluß der englischen

Fabier, der Webb, der Shaw, der Burns, in deren geistiger Atmosphäre

dies Buch entstanden war. Ich spürte aber auch den deutschen Gelehrten,

der der rauhen Luft Preußens seit Jahrzehnten entwöhnt war und es in

seiner stillen londoner Studierstube, fern der Heimat, verfaßt hatte. Er

konnte drüben nicht wissen, wie der deutschen Partei im Augenblick jede

Aufnahmefähigkeit für theoretische Erörterungen gebrach, und wie der

Masse der Parteigenossen, die sich von allen Seiten in ihrer physischen

und rechtlichen Existenz bedroht sahen, seine Mahnung, den Liberalismus

nicht zurückzustoßen, zu handeln wie eine demokratisch-sozialistische

Reformpartei, als blutiger Hohn erscheinen mußte. Wo waren denn die

freigesinnten Elemente der Bourgeoise, auf die es sich verlohnte,

Rücksicht zu nehmen, um mit ihnen gemeinsam demokratische Forderungen

durchzusetzen? Sie entflammten in schöner Begeisterung für

Völkerfreiheit, -- wenn es sich um den Kampf der Buren gegen die

Engländer handelte. Sie empörten sich wider Unrecht und Vergewaltigung,

-- wenn von Dreyfus und dem französischen Generalstab die Rede war. Es

kam sogar etwas wie ein Entrüstungssturm zustande, als das Zentrum die

Kunst in die Ketten kirchlicher Moral zu legen drohte, -- aber dem

Urteil von Löbtau, das neun Maurer, die sich mit ihren über die schwer

errungene zehnstündige Arbeitszeit hinaus arbeitenden Kollegen in eine

Schlägerei verwickelten, mit Zuchthaus bestrafte, standen sie stumm und

kalt gegenüber.

So sehr ich mich genötigt sah, der theoretischen Kritik Bernsteins

zuzustimmen, so wenig seiner Auffassung von der Notwendigkeit eines

Paktierens mit dem Liberalismus. »Wer nicht mit uns ist, der ist wider

uns --.« Getäuschte Liebe trägt die Maske brennenden Hasses; darum

urteilt der Renegat über die Klasse, die er verließ, am schärfsten. Wo

waren all die, auf die ich gerechnet hatte? Ein einziger hatte seitdem

den Weg zu uns gefunden: Göhre. Alle anderen starrten geblendet in die

Fata Morgana deutscher Zukunftsweltmacht.

* * * * *

»Ich habe den Genossinnen einen Vorschlag zu unterbreiten,« begann

Martha Bartels in einer unserer Frauensitzungen. »Unter uns ist kaum

eine, die nicht wenigstens die Bernsteindebatten im Vorwärts verfolgt

hätte. In engeren Parteikreisen haben wir wohl auch Gelegenheit gehabt,

uns darüber auszusprechen und Belehrung durch andere zu empfangen. An

einer großen öffentlichen Auseinandersetzung fehlt es leider noch. Ich

beantrage, Genossin Orbin zu bitten, in öffentlicher Volksversammlung

einen Vortrag über den Streit, der uns so nahe angeht, halten zu

wollen.«

Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit stimmte man ihr zu. Ich wußte, daß es

Wanda Orbin selbst gewesen war, die ihr diesen Gedanken souffliert

hatte. Sie wütete in der »Freiheit« gegen Bernstein. »Soweit es sich um

die Erörterung der praktischen Vorschläge Bernsteins handelt, scheint

auch mir der Antrag annehmbar,« sagte ich. »Seine Theorien aber sind

doch wohl kein Thema für eine öffentliche Volksversammlung.«

»Genossin Brandt hält uns mal wieder für zu dumm,« hörte ich die

schrille Stimme der rotäugigen Stickerin sagen. »Bernstein meent ja

ooch, daß wir noch nich reif sind,« meinte eine andere mit einem

giftigen Blick auf mich, »er is nischt als so'n verkappter Bourgeois,

der uns zum St. Nimmerleinstag vertrösten will, damit's ihm nich an den

Schlafrock jeht.«

Ich hielt diesem Ausbruch proletarischer Eitelkeit, die die Partei groß

gezogen hatte, ruhig stand. Die apodiktische Sicherheit, mit der die

Partei in ihrer Presse ihre Ansichten vertrat; die verflachende

Popularisierung der Lehren ihrer Vorkämpfer, durch die sie sie den

Massen mundgerecht machte; der Hohn, mit dem sie die Äußerungen

»bürgerlicher Wissenschaft« überschüttete, konnten keine andere Wirkung

haben.

»Wie wär's, wenn Genossin Brandt das Korreferat übernähme?« fragte Ida

Wiemer, die vor allem gewerkschaftlich tätig war und infolgedessen zu

einer weniger radikalen Auffassung neigte.

»Selbst wenn Sie das wünschen, müßte ich nein sagen,« antwortete ich

rasch; »ich bin außer stande, theoretische Fragen zu beurteilen, die

einen Mann wie Bernstein jahrelang beschäftigt haben, ehe er eine

Antwort fand.« Rings um mich sah ich spöttisches Lächeln in den Mienen,

Ida Wiemer senkte errötend den Kopf, als schäme sie sich für mich.

Tatsächlich hätte ich nicht törichter vorgehen können: Nur wer keck

alles zu wissen und zu können behauptet, verschafft sich Ansehen in der

Öffentlichkeit. Ich hatte mir eine Blöße gegeben, die mir nicht

vergessen werden würde.

Luise Zehringer sprach nach mir, eine Genossin aus Hamburg, eine

Zigarrenarbeiterin mit harten vermännlichten Zügen. Es fehlte ihr, auch

in dem Klang der Sprache, jede Spur von Weiblichkeit. Ein ernstes

Arbeitsleben von Kindheit an hatte der ganzen Erscheinung jede

Weichheit genommen.

»Ich gehöre zu denen, die eine energische Zurückweisung der

Bernsteinschen Angriffe auf unsere Grundanschauungen nicht nur für

notwendig, sondern für jede von uns, die im Besitze proletarischen

Klassenbewußtseins ist, für möglich hält,« sagte sie. »Ich habe keine

vornehme Erziehung genossen, wie die Genossin Brandt, aber meine fünf

Sinne habe ich beieinander. Ich weiß darum, ohne jahrelanges Studium,

daß Bernstein Marx und Engels Unterstellungen macht, die sie niemals

vertreten haben, daß er gegen eine Verelendungstheorie kämpft, die

niemals von uns propagiert worden ist. Wir verstehen unter Proletariat

nicht diejenigen, die mit zerlumptem Rock und knurrendem Magen

umherlaufen, sondern jeden, der abhängig ist vom Kapital. Und diese

Abhängigkeit wächst von Tag zu Tag und damit die Masse des Elends. Und

ist die Zunahme der Erwerbsarbeit proletarischer Hausfrauen und Mütter

nicht ein weiterer, schlagender Beweis für die Zunahme des Elends?

Glauben Sie vielleicht, Genossinnen, sie verließen aus Vergnügungssucht,

wie die Damen der Bourgeoisie, ihr Zuhause und ihre Kinder?!«

Aller Augen hingen an der Sprecherin, die ihre leidenschaftlich

vorgestoßenen Worte mit lebhaften eckigen Gestikulationen begleitete.

»Ich weiß aber noch mehr: ich weiß, daß die Empörung gegen das Elend mit

ihm wächst, daß die Gleichgültigsten, wenn sie hungernd über den

Jungfernstieg gehen, während hinter den Spiegelscheiben der feinen

Restaurants die Protzen schmatzen und saufen, die Fäuste ballen lernen

und weniger denn je von einem Techtelmechtel mit den schlauen

Verführern der Bourgeoisie, den Liberalen, wissen wollen. Zwischen uns

und ihnen gibt es nur Kampf, -- Kampf bis aufs Messer, -- bis zur

Diktatur des Proletariats, vor dem der behäbige, gut genährte Herr

Bernstein und seinesgleichen solch ein Grausen hat ...« Sie schwieg

erschöpft; ihre Züge waren noch um einen Schein blasser geworden. Wanda

Orbins Referat war gesichert.

* * * * *

»Wie stellen sich die Parteigenossen Berlins zu Bernsteins Schrift?« Auf

leuchtend gelben Zetteln prangte diese Frage an den Litfaßsäulen. Im

Westen gingen die Spaziergänger achtlos daran vorbei. In der

Friedrichstadt blieben Studenten mit unverkennbar russischem Typus

nachdenklich davor stehen, während ihre deutschen Kollegen der Anzeige

der Amorsäle ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Im Norden und im Osten

dagegen sammelten sich Gruppen von Arbeitern vor ihr, und in die

Kneipen, in die Arbeitssäle und in die Wohnungen wurde die Frage weiter

getragen. Als Wanda Orbin die Tribüne betrat, erwarteten nur wenige

ihrer Zuhörer von ihr etwas anderes, als die Bestätigung der Antwort,

die für sie selber schon feststand.

Sie verkündete mit priesterlichem Fanatismus den beseligenden Glauben an

die Herrlichkeit des nahe bevorstehenden Zukunftsstaates gegenüber der

kühlen Beweisführung seiner langsamen Entwicklung; sie schürte den Haß

wider die bürgerliche Gesellschaft, sie mahnte zum Vertrauen allein auf

die eigene Kraft des Proletariats. Zwischen ihr und der Zuhörerschaft

entstand jene hypnotische Verbindung, durch die der Redner nur als

Sprachrohr der Massen erscheint und die Massen wieder unter der

Suggestion des Redners stehen. Sie war die Stimme des Volkes, das die

Ketzer verdammte, die ihm nehmen wollten, was ihres Lebens einziger

Reichtum, ihres Willens einzige Triebkraft war: den religiösen Glauben

des Sozialismus. In ihr lebte die Urkraft der Bewegung, die nur Freunde

und Feinde kannte, die kämpfen wollte, aber nicht paktieren, die im

Eroberungskrieg das Leben jedes einzelnen zu opfern bereit war, nicht

aber die Hoffnung auf raschen Sieg.

Ein alter Mann saß neben mir. Er war müde gekommen; jetzt glänzten seine

Augen, seine Wangen glühten, sein gebeugter Rücken richtete sich auf. An

einem Tische nicht weit davon sah ich eine Gruppe junger Arbeiter; sie

trommelten mit den breiten Fäusten auf den Tisch, und Haß und Lust und

barbarische Kampfbegier leuchtete aus ihren Zügen. Unter dem Spiegel an

der Wand lehnten umschlungen ein paar schwarzhaarige Studentinnen; aus

ihren Blicken sprach jene Schwärmerei, die Hirtenmädchen zu Heldinnen

macht. Auch ich war erschüttert; was mein Verstand, mir selbst zum

Trotz, Stein um Stein aufgerichtet hatte, das drohten die Pfeile von der

Rednertribüne zu zerstören. Aber dann vernahm ich schrille, falsche

Töne, für die nur mein Gehör fein genug schien: die Rednerin verhöhnte

die Kraft ethischer Motive als einen in Rechnung zu stellenden Motor in

der revolutionären Bewegung. Sie überschüttete mit Spott jene

»bürgerliche Intelligenzen«, die mit der »Gerechtigkeitsidee« ins weite

Meer gesteuert und mit gebrochenen Masten in den Hafen der Entsagung

zurückgekehrt sind. »Nur der aus seinen Klasseninteressen entstehende

Klassenkampf des Proletariats wird dem Sozialismus die Welt erobern.«

Welche Motive hatten denn die Marx und Engels, die Lassalle, die

Liebknecht auf die Seite der Enterbten getrieben? Waren sie nicht

»bürgerliche Intelligenzen« gewesen, wie Wanda Orbin selbst? Mit

frenetischem Beifall nahm das Volk ihren Kniefall vor seiner Majestät

entgegen, während mir die Schamröte in die Schläfen stieg. Als sie dann

mit einer Stimme, die nur noch ein Kreischen war, weil nicht mehr das

Feuer der Begeisterung, sondern weibische Rachsucht sie belebte, in den

Saal hinausschrie: »Wenn die Gegensätze so schroff zutage treten, wie

zwischen der Masse der Genossen und den Bernstein, den Heine, den David,

den Schippel, so ist eine reinliche Scheidung besser als ein fauler

Friede,« und die Zuhörer trampelnd und johlend Beifall klatschten, da

wußte ich, daß die Partei der Freiheit Scheiterhaufen zu schichten

imstande sein würde.

Still davon zu gehen, nachdem die Versammlung geschlossen worden war,

wäre gewiß am klügsten gewesen. Der Wirbelsturm meiner Gefühle, der sich

aus Bewunderung und Empörung, aus Schüchternheit und Angst

zusammensetzte, hatte mich gehindert, in der Diskussion zu sprechen,

jetzt aber kochte mir das Blut; ich wollte nicht feige erscheinen, ich

mußte mit Wanda Orbin sprechen, die mich noch immer für ein Glied ihrer

Gefolgschaft hielt. Sie kam meinem Wunsch entgegen.

Wir gingen noch in ein Kaffee, und schon auf dem Wege dahin sprach sie

mich an: »Sie waren gegen mein Referat, hörte ich?« »Ja, und ich bin es

nachträglich noch mehr, als vorher,« antwortete ich. »Das ist ja sehr

interessant,« meinte sie spitz und wandte sich von mir ab. Ich war den

Rest des Abends Luft für sie.

Wir verabschiedeten uns mit einer kühlen Verbeugung, und während sie,

umringt von den Genossinnen, ihrem Absteigequartier entgegenging, fuhr

ich allein nach Hause. Ich kämpfte mit den Tränen. In dem engen Kreise

der Arbeiterinnenbewegung Wanda Orbin als Gegnerin gegenüberzustehen,

das bedeutete entweder mein Ausscheiden aus ihm oder einen endlosen

aufreibenden Kampf.

* * * * *

Spät in der Nacht kam ich nach Hause. Hier draußen im Grunewald bedeckte

eine feste Schneedecke Straßen und Gärten, tiefschwarz stiegen die

Kiefern aus ihrer hellen Weiße empor; ihre dünnen, dürftigen Wipfel

verloren sich im Nebel. Ich fürchtete mich. Nacht und Dunkelheit waren

meine schlimmsten Feinde. Dann sah ich, wie in meiner Kindheit, drohende

Gestalten hinter Baum und Busch, und hörte die Tritte Unsichtbarer

hinter mir. Ich lief. Auf dem kleinen Platz wenige Schritte vor unserem

Garten blieb ich stehen. Der Atem wollte versagen. Ich sah hinüber:

Grau, düster, als wäre es selbst nur ein Gebilde des Nebels, schlief

unser Haus zwischen den schwarzen Stämmen, die es umstanden wie lauernde

Wächter.

Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken: wir hatten hier noch keinen

frohen Tag gehabt. Der Kleine schlief schlecht, -- der Kiefernduft rege

ihn auf, meinte der Arzt, -- er war oft krank gewesen. Und zwischen mir

und meinem Mann richteten die Sorgen sich auf, immer höher und höher,

wie eine trennende Mauer, in die die Kraft unserer Liebe nur hie und da

Bresche schlug. Wir trugen unsere Qualen allein, -- aus Rücksicht; wir

hüllten unsere Seelen in den dunkeln Mantel des Schweigens, damit der

Anblick ihrer Not nicht den anderen verletze. Daß einer den anderen

überhaupt nicht mehr sehen konnte, blieb uns verborgen. Unausgesprochene

Vorwürfe wirkten auf unsere Gefühle wie früher Frost auf entfaltete

Rosen. Uralte Vorurteile, Traditionen, deren triebkräftige Wurzeln den

Boden umklammern, wenn auch der Baum gefällt ist, nährten sie.

Unter der Schwelle des Bewußtseins lebte in mir, der Emanzipatorin ihres

Geschlechts, die Vorstellung: daß der Mann, dem das Weib sich

anvertraute, wie ein Schutzengel über ihrem Leben stehen müsse, daß er

verpflichtet sei, sie vor Sorgen zu hüten. Statt dessen hatte der meine

-- der Vorwurf wühlte in mir -- sie über mich heraufbeschworen! Und in

dem Grunde der Seele des Mannes, der aus eigener Überzeugung meine

Berufsarbeit förderte, lebte der Gedanke: daß die Frau das Reich des

Hauses zu regieren habe, daß ihr die Pflicht obliege, durch ihr Wirken

die Not von seiner Schwelle zu bannen. Statt dessen verstand die seine

nichts von alledem, und nur zu oft las ich in seinen sprechenden Zügen

den Vorwurf: Du -- du bist schuld.

Ein Licht, das im Erdgeschoß, wo die Köchin schlief, aufflammte, riß

mich aus meinem Sinnen. Ich eilte der Gartenpforte zu. Da öffnete sich

die Türe zum Kücheneingang, -- »auf morgen!« hörte ich flüstern, ein

Mann trat heraus, kletterte gewandt über den Zaun und ging, vor sich

hinträllernd, die Straße hinab. Das Licht im Mädchenzimmer erlosch.

Ich schlich hinauf. Mein Mann schlief fest. Wie ich ihn schon um diesen

Schlaf beneidet hatte! Ihn suchte er auf, ich mußte ihn mir erst

erzwingen! Heute wollte er sich überhaupt nicht festhalten lassen. Der

Gedanke, daß ich morgen die Minna schelten mußte, peinigte mich:

dadurch, daß ich ihre Arbeitskraft in Anspruch nahm, hatte ich doch noch

kein Recht über ihre Person. Wie durfte ich verlangen, daß sie mir ihre

Liebe opfern sollte? Und doch würde vermutlich die Konsequenz meiner

Nachsicht nichts anderes sein, als daß sie ihren Liebhaber mit ernährte.

Eine gute Hausfrau nimmt alle Schlüssel an sich, -- die des Hauses wie

die der Speisekammer. Ich vermochte es nicht: Konnte ich einen fremden

Menschen einsperren, wie einen Sklaven? Vor einer Hausgenossin alles

verschließen, als hielte ich sie von vornherein für eine Diebin? Wieder

rollte sich durch einen geringfügigen Anlaß ein ganzes Problem vor mir

auf. Ich grübelte ihm nach, über die kleinen Nöte meiner eigenen vier

Wände hinaus, und fand keine andere Lösung als die radikalste:

Vernichtung des patriarchalischen Haushalts, Entwicklung des

Dienstmädchens, das unter ständiger Kontrolle steht, das Tag und Nacht

dienstbereit sein soll, zur freien Arbeiterin, die stundenweise

beschäftigt und entlohnt wird.

Mit dem grauenden Tage kehrte ich wieder zu mir selbst zurück. Die

nächste Zeit stellte starke Anforderungen an mich: der Feldzug gegen den

Zuchthauskurs sollte auf der ganzen Linie eröffnet werden, -- ich würde

häufig abends fort sein müssen. Wenn ich doch irgend jemand hätte, der

mich im Hause vertreten könnte. Aber die guten Hausgeister der

Vergangenheit, -- all die unbeschäftigten Tanten und Cousinen waren

ausgestorben, hatten sich in selbständige Berufsarbeiterinnen

verwandelt. Und meine Mutter?!

* * * * *

Gleich nach des Vaters Tod hatte sie ihren Haushalt aufgelöst und war zu

Erdmanns gezogen. Eine Lungenentzündung hatte Ilse aufs Krankenlager

geworfen, die Mutter war Pflegerin und Haushälterin zugleich gewesen.

Durfte ich sie jetzt, wo sie selbst der Erholung bedürftig war, für mich

in Anspruch nehmen?

Sie besuchte uns am nächsten Tag. Ottochen lief ihr entgegen. Er suchte

immer noch den »Apapa« und weinte, wenn er nicht mitkam.

Wie leicht, wie elastisch der Gang der Mutter ist, dachte ich erstaunt,

als ich sie näher kommen sah. Mir war, als wäre sie sonst schwer und

hart aufgetreten. Ihre Wangen waren gerötet, der bittere Zug um ihren

Mund wie weggewischt, die schmalen, blassen, zusammengepreßten Lippen

wölbten sich plötzlich, wie von jungem Blut durchglüht.

»Nun kann ich reisen!« sagte sie mit einem Aufleuchten in den Augen.

»Meine Pflicht Erdmanns gegenüber ist erfüllt, -- sie wollen selbst so

rasch als möglich auf See, um ihre Lungen auszuheilen; da bin ich

frei --,« sie dehnte dies letzte Wort, als müßte sie es ganz auskosten.

Nach Italien wollte sie zuerst. Sie erzählte von einem ganzen Stoß

kunsthistorischer Bücher, die sie mitnehmen wollte. »Ich bin nie zum

Lesen gekommen,« meinte sie; »wie viel hab' ich versäumt, wie viel kann

ich nachholen!«

Ich sah sie verwundert an, wie eine Fremde: hatte sie mich nicht so und

so oft aus der Lektüre herausgerissen, als ich noch daheim war, und mich

neben sich an den Flickkorb gezwungen? Hatte sie jemals etwas anderes

gelesen als die Zeitung und hie und da einen Roman?

»Du bist erstaunt?« lächelte sie. »Du wirst es noch selbst erfahren, wie

die Pflicht für andere zu leben uns Frauen fast bis zur

Selbstvernichtung treiben kann.« Ich fand keine Antwort. Wie unglücklich

mußte sie gewesen sein, -- und wie unglücklich gemacht haben, da sie

fünfunddreißig Jahre lang nur aus Pflichtgefühl die Ketten der Ehe

getragen hatte!

»Im nächsten Winter werde ich mich hier in einer Pension etablieren,«

fuhr sie fort, »du glaubst nicht, wie allein der Gedanke mich beruhigt,

alle Haushaltsquälerei los zu sein!« Und sie war scheinbar in ihrem

Haushalt aufgegangen!

»Was geschieht aber dann mit den Möbeln?« fragte ich, um nur irgend

etwas zu sagen.

»Ich habe heute das letzte verkauft -- --«

»Verkauft?!« Ich starrte sie entgeistert an. Wie?! Ohne uns, ihren

Kindern, auch nur eine Mitteilung davon zu machen, hatte sie all die

hundert lieben Dinge, die ein Stück Heimat für mich gewesen waren,

achtlos in alle Winde verstreut?! Des Vaters Schreibtisch mit den

geschnitzten Eulen, -- den alten Stuhl davor, -- die Reiterpistole! Ich

strich mir mechanisch mit der Hand über die heiße Stirn, um den bösen

Traum zu verscheuchen, -- denn es war doch nur ein Traum!

»Auch die grünen Lehnsessel -- und das alte Sofa, das in meinem Zimmer

stand?« murmelte ich.

»Gewiß!« antwortete sie mit heller Stimme, aus der der scharfe

ostpreußische Akzent mehr als sonst hervortrat. »Ihr alle habt, was ihr

braucht, -- das Gerümpel hätte kaum noch einen Umzug ausgehalten; -- nur

Silber, Glas und Porzellan ließ ich bei Ilse auf den Boden stellen. Ich

habe lang genug all dies Schwergewicht mit mir gezogen.«

Mir schoß das Blut in die Schläfen: So strich sie Jahrzehnte ihres

Lebens aus und mit ihnen die Erinnerung! Schon hatte ich bittere Worte

auf der Zunge. Ich hob den Blick: Der Ausdruck ihrer Züge entwaffnete

mich. Mir war, als sähe ich plötzlich bis zum Grunde ihres Herzens. Dem

Götzen der Pflicht hatte sie ihr Leben geopfert und wußte nun nicht

einmal, wie groß ihre Sünde gewesen war. Jetzt erst trat sie aus dem

Dämmerdunkel seines Tempels ans Tageslicht und grüßte es, als sähe sie

es zum erstenmal. Arme Mutter! Keinen Strahl deiner schon leise

sinkenden Sonne will ich dir verdunkeln, dachte ich, und bat ihr im

stillen ab, was ich an heimlichem Groll gegen sie im Herzen getragen

hatte. Als ich sie zum Abschied küßte, liebte ich sie, -- mit jener

mitleidigen Liebe, die eine einzige Trennung ist.

Es war gut, daß sie ging, -- für sie und für mich. Der Glaube, daß ihre

Kinder keine materiellen Sorgen hatten, gehörte zu dem Glücksgefühl, mit

dem sie die späte Freiheit genoß. Hätte ich sie zurückgehalten, ihr in

meine Häuslichkeit Einblick gewährt, er wäre doch erschüttert worden.

Ich mußte selbst mit mir und den Verhältnissen fertig werden.

* * * * *

»Eine Villa im Grunewald, --« wie oft hörte ich in den Kreisen der

Parteigenossen mit einem mißtrauisch-hohnvollen Blick auf mich diese

vier Worte flüstern. Sie wußten nicht, daß uns kein Stein von ihr

gehörte, daß sie aber mit dem Gewicht aller ihrer Steine auf uns

lastete. Die Zinsen, die wir zu zahlen hatten, waren schließlich doch

höher, als die Miete gewesen; Haus und Garten erforderten mehr

Arbeitskräfte, als die kleine Etagenwohnung, und das Leben hier draußen

war auf Rentiers und Millionäre zugeschnitten, die den Grunewald

allmählich bevölkert hatten. Noch mehr als früher war jeder Erste des

Monats ein Schreckenstag für mich. Und wenn ich am Schreibtisch saß und

meine Gedanken auf das Buch, an dem ich arbeitete, konzentrieren wollte,

kamen die Sorgen grinsend aus allen Winkeln gekrochen und bohrten ihre

Knochenfinger in mein Gehirn und zerdrückten meine Gedanken zwischen

ihnen. Dann lief ich zu meinem Sohn hinauf oder spielte im Garten mit

ihm, -- denn über seinen Zauberkreis wagten sich die grauen Gespenster

nicht.

Wie hatte die Mutter gesagt, als sie mit jungen Augen von ihrer

Freiheit sprach? »Lang genug hab' ich dieses Schwergewicht mit mir

gezogen -- --« Ein Schwergewicht, -- eine Kette am Fuß, -- so empfand

ich auf einmal das Haus, in dem ich wohnte. Flügellos machte es mich und

-- alt, alt!

Du hast Falten um Mund und Nase, sagte mein Spiegel, Falten, und trübe

Schleier über den Pupillen wie all jene Frauen, denen der jämmerliche

Kleinkram des Lebens die Seele zertritt. Ich aber will nicht alt sein,

schrie es in mir; noch braust und schäumt der Strom der Jugend in meinem

Innern, der starke Strom, der Felsen höhlt und Riesen des Waldes

entwurzelt, und den die Ehe in ihre gemauerten Kanäle zwang.

»Heinz, hab' einmal Zeit für mich,« sagte ich eines Abends. Wir saßen

fast immer bis zum Schlafengehen arbeitend an unserem Schreibtisch.

Gemeinsame Abende gab's für uns nicht. Ich hatte unter diesem Mangel im

Beginn unserer Ehe schwer genug gelitten. Er sah von seiner Lektüre auf;

ein helles Licht huschte über seine Züge. »Immer, mein Schatz -- nur

leider verlangst du nie danach.«

»Ich weiß, du hast es sehr gut gemeint,« begann ich stockend, »du hast

nur meinen Wunsch erfüllen wollen, als du dieses Haus für uns bautest.

Keiner von uns hat vorher gewußt, daß -- daß es eine unerträgliche Last

für uns sein würde -- --«

»Aber, Alix, du kommst auf diesen vernünftigen Gedanken, du?!«

unterbrach er mich. »Du könntest -- du wolltest --?!«

»Das Haus verkaufen, -- ja! Tausendmal lieber, als in dieser Angst

weiterleben --« Mir stürzten die Tränen aus den Augen, trotz aller

Selbstbeherrschung.

Heinrich gehörte zu den wenigen Männern, die durch Frauentränen nicht

weicher, sondern härter werden. »Wozu die Tragik,« sagte er ärgerlich.

»Wenn du einsiehst, was mir längst klar ist: daß wir über unsere

Verhältnisse leben, so sind wir einig, und die Konsequenzen sind

selbstverständlich.«

Meine Tränen flossen nur noch stärker; ich hatte unwillkürlich so etwas

wie ein Lob für meinen Opfermut erwartet. Erst allmählich kam ich zur

Ruhe.

Wir saßen aneinandergeschmiegt wie in den ersten Zeiten unserer Ehe auf

dem pfauenblauen Sofa und spannen neue Zukunftsträume, als wäre durch

unseren bloßen Entschluß schon die Bahn für sie frei.

* * * * *

Wochen und Monde vergingen. Niemand fragte nach unserem Haus. Indessen

zog mit blauem Himmel und heißer Sonne der Sommer ein, und auch unter

den Kiefern lachten und dufteten Rosen, Nelken und Lilien. Grüne Ranken

kletterten übermütig an den grauen Wänden empor, vor allen Fenstern

nickten rote Geranien. Und mitten in all der Pracht blühte mein Kind. Es

spielte den ganzen Tag im Grünen, jeder Busch wurde ihm ein lebendiger

Gefährte. Und wenn es droben im Giebelstübchen hinter den Blumenbrettern

schlief, dann saßen wir noch lange auf der Altane und atmeten den

würzigen Duft der Nacht und genossen der zauberischen Ruhe des Waldes.

Ich fing an, dies Stückchen Erde zu lieben: es hatte meinem Sohn eine

Heimat werden sollen. Ich trennte mich immer schwerer von dem stillen

Winkel.

Nichts ist gefährlicher für den Altruismus, als die mit Egoismusbazillen

gefüllte Luft häuslicher Gemütlichkeit. Nur die ganz Starken,

Widerstandsfähigen entziehen sich der Ansteckung.

Die Vorkämpfer der Menschheit waren fast immer die Heimatlosen.

Aber auch meine Körperkräfte hinderten mich oft an der agitatorischen

Tätigkeit. War ich genötigt, ein paar Abende hintereinander zu sprechen,

so versagte meine Stimme. »Sie dürfen sich niemals in Rauch und Staub

aufhalten,« sagte dann der Arzt und verordnete mir Schweigen und frische

Luft. Meine robusten Genossinnen, für die die Atmosphäre der

Versammlungssäle nicht schlechter war als die ihrer engen Stuben, ihrer

überfüllten Werkstätten und Fabrikräume, hielten mich für schulkrank und

mißtrauten mir mehr noch als früher.

* * * * *

Wir hatten im Winter einen Arbeiterinnenbildungsverein gegründet, --

einen Notbehelf, da das Gesetz den Frauen die Teilnahme an politischen

Organisationen untersagte und seine Handhabung den Arbeiterinnen

gegenüber besonders streng war. Er wurde aber rasch zum Selbstzweck; die

Frauen hatten ein lebhaftes Bedürfnis nach geistiger Aufklärung aller

Art, und es war für mich eine Erfrischung, seinen Zusammenkünften

beizuwohnen. Zwei Abende war schon über Erziehung gesprochen worden,

und die Debatte bewies, mit wie viel Ernst, mit wie viel Eifer diese

armen Arbeiterfrauen ihre Aufgabe als Mütter erfaßten.

Diesmal hatte ich Romberg genötigt, mitzukommen. Er war in bezug auf die

geistige Entwickelungsmöglichkeit der Frauen sehr skeptisch, und so sehr

er aus rein ökonomischen Gründen die Frauenbewegung für notwendig

anerkannte, so war sie ihm doch nur eine traurige Notwendigkeit; was sie

erstrebte, erschien ihm nicht als Fortschritt, sondern nur als eine

unausbleibliche beklagenswerte Wandelung. Den Bildungshunger der

»Waschfrauen und Näherinnen« hielt er nun gar für eine meiner

unverzeihlichen Illusionen. Ich wollte ihm einmal statt Gründe Beweise

liefern. Und allmählich schien er wirklich erstaunt. Eine kleine, adrett

gekleidete Frau stand jetzt auf dem Podium. »Mein Mann ist

Maschinenschlosser,« sagte sie, »wir haben nur zwei Kinder und soweit

unser Auskommen, so daß ich nicht mit zu verdienen brauchte. Aber unser

Junge ist ein heller Kopf. Da hab' ich mir gesagt: Der soll was Besseres

werden als seine Eltern, der soll auch mal wissen, wie schön und wie

reich die Welt ist, und nicht, wie wir, bloß durch so'n schmales

Guckloch ein Endchen von ihr zu sehen kriegen. Und nun gehe ich wieder

in die Fabrik, und der Fritze geht dafür aufs Gymnasium. Ich will mich

nicht rühmen, daß ich's tu', ich möcht' nur jeder raten, es ebenso zu

machen.«

In jener Impulsivität, die ich so sehr an meinem Mann liebte, stand er

auf, um der tapferen kleinen Frau, die wieder ihrem Platz zuschritt,

die Hand zu drücken. Romberg dagegen sagte: »Meinen Sie, daß der

'Fritze' als Geistesproletarier glücklicher sein wird!?« »Auf das Glück

kommt es nicht an, sondern auf den Grad der sozialen Leistung, und die

wird größer sein, wenn seine Begabung zu ihrem Rechte kommt,« antwortete

ich rasch.

Ein junges Mädchen trat an unseren Tisch. »Genossin Brandt?« forschend

sah sie mich an. -- »Die bin ich.« -- »Ich wollte Sie nur mal was

fragen. Ich bin nämlich Dienstmädchen gewesen und habe eine Freundin,

die noch Köchin is, und die hat mich neulich in den Dienerverein

mitgenommen, wo sie jetzt wollen auch die Mädchens aufnehmen. Sie

schimpfen aber dort alle gegen die Sozialen, und da wollt ich gern mal

wissen, ob Sie nich mal könnten hinkommen --«

»Sie werden doch nicht!« flüsterte mir Romberg zu. »Verpflichte dich zu

nichts,« sagte mein Mann leise.

»Selbstverständlich komme ich,« entgegnete ich der zaghaft vor mir

Stehenden; ihr Gesicht erhellte sich; wir verabredeten alles weitere.

Beim Heimweg schalt mein Mann: »Du läßt dich von jeder beschwatzen, und

alle spekulieren schließlich auf deine Gutmütigkeit.«

»Wenn diese kleine Begegnung zu einer Dienstbotenbewegung den Anlaß

gibt, so wirst du anders denken.«

»Mir tut es in der Seele weh, wenn ich Sie in der Gesellschaft seh,«

meinte Romberg. Er sah mich mit einem Blick an, der mich erröten machte.

Wie töricht, -- dachte ich gleich darauf, zornig über die eigene

Schwäche, und doch blieb ich den ganzen Abend über im Bann jener

Frauenfreude, die belebend wirkt wie prickelnder Champagner: der Freude

an der Bewunderung. Alix von Kleve stieg aus der Versenkung ernster

Jahre empor und sonnte sich an altvertrauten Triumphen. In meinen

Verkehr mit Romberg trat ein neuer Reiz: er ließ es mich fühlen, daß das

Weib in mir ihn anzog und nicht nur die neutral-interessante

Persönlichkeit. Es gibt Frauen, die angesichts solcher Erfahrung die

Beleidigten spielen. Sie lügen.

»Ich drehe dir den Hals um, wenn du dir von Romberg die Kur machen

läßt,« grollte Heinrich, als wir zu Hause waren, zwischen Scherz und

Ernst. Ich flog ihm in die Arme. »Hast du mich wirklich so lieb?« lachte

ich. Er zog mich stürmisch an sich: »Dich, dich hab' ich lieb,«

flüsterte er leidenschaftlich, »das süße Katzel, -- meinen Schatz; --

die berühmte Frau kann mir gestohlen werden ...«

* * * * *

In der ersten Morgenfrühe weckte mich ein wilder Schrei. »Aus Minnas

Stube,« -- sagte ich mir und stürzte hinunter. Sie lag in ihrem Blut,

und als der Arzt kam, schwand mein letzter Zweifel: sie hatte gewaltsam

die Folgen ihres Liebesverhältnisses beseitigen wollen.

An ihrem Krankenbett studierte ich die Dienstbotenfrage. Sie faßte

Vertrauen zu mir. Ich erfuhr von diesem armen Leben, das von Kindheit an

unter fremden Leuten in ständiger Unfreiheit, in ununterbrochener

Dienstbarkeit verflossen war. »Was muß unsereiner doch auch haben, --

was fürs Herz. Und wenn ich nicht getan hätte, was er wollte, -- dann

wär' er fortgegangen, -- dann hätte er zehn für eine gefunden,«

schluchzte sie.

»Warum heirateten Sie nicht?« wagte ich einmal einzuwenden. »Heiraten?!

Womit denn?! -- Arbeit hat mein Franz keine, -- meine paar Spargroschen

gab ich ihm, -- und vor so einer Jammerwirtschaft in einem Loch auf'n

Hof mit'n halb Dutzend Göhren graut's mich ...« Sie wurde von Tag zu Tag

elender. Ihr Franz fragte nur einmal nach ihr. Als er hörte, daß sie

krank sei, kam er nicht wieder. Ich mußte sie schließlich der schweren

Pflege wegen, die ihr Zustand nötig machte, ins Krankenhaus bringen.

Dort starb sie.

* * * * *

»Wir wollen die Harmonie zwischen Dienstboten und Herrschaften wieder

herstellen ...« -- »die Dienstboten allein können nichts erreichen, es

gehören auch die Herrschaften dazu ...« -- »den Arbeitern fehlt es heute

an tüchtigen Hausfrauen, weil die Mädchen lieber in die Fabrik als in

Stellung gehen, wo sie sich dazu vorbereiten könnten ...« Das waren die

Leitmotive, unter denen die Versammlungen tagten, die der Dienerverein

veranstaltete. Die wenigen weiblichen Dienstboten, die ihm schon

angehörten, schlugen zwar zuweilen eine schärfere Tonart an, wenn die

Erinnerung an all die erlittene Unbill sie überwältige, aber sie trugen

schwarzweiße Kokarden und verwahrten sich nachdrücklich dagegen, mit der

Arbeiterbewegung irgend etwas gemeinsam zu haben.

Ich verhielt mich während der ersten Versammlungen nur als Zuhörerin

und erkannte bald, daß es dem Verein an Mitteln und Mitgliedern fehlte

und er offenbar nichts wollte, als durch Hinzuziehung weiblicher

Dienstboten diesem Übel abzuhelfen. Im Grunde fürchtete er schon, die

Geister, die er gerufen, nicht los zu werden, denn sobald ein Mädchen

ihre Erfahrungen gar zu rückhaltlos zum besten gab, trat irgendein

Beschwichtigungsapostel ihr entgegen.

»Ich stelle den Antrag, daß wir uns der entstehenden Dienstbotenbewegung

mit allem Nachdruck annehmen,« sagte ich, als ich wieder einmal mit den

Genossinnen zusammenkam; »in jeder Versammlung müssen einige von uns

anwesend sein. Wir dürfen die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um

diese rechtlosesten unter den Arbeiterinnen zum Bewußtsein ihrer Klasse

zu erziehen. Wir müssen so bald als möglich eine selbständige

Organisation gründen, damit sie dadurch dem Einfluß dieses

grundsatzlosen Vereins nicht unterworfen bleiben.«

Aber je lebhafter ich sprach, desto kühler und zurückhaltender waren die

anderen. »Genossin Brandt scheint nicht zu wissen, daß die Dienstboten

kein Koalitionsrecht besitzen --,« meinte Martha Bartels naserümpfend.

»Gerade weil ich das weiß, empfinde ich um so mehr unsere Verpflichtung,

ihnen zu helfen, ihnen das Rückgrat zu stärken,« entgegnete ich heftig.

»Die Dienstmädchen sind noch längst nicht reif für unsere Bewegung, --

überlassen wir sie ruhig sich selbst,« sagte eine andere.

»Damit sie den Nationalsozialen in die Hände fallen, die ihre Netze

auslegen, wo immer sie einen Proletariermassenfang erwarten dürfen,«

antwortete ich, und unterdrückte noch rasch eine Bemerkung über die

Schädlichkeit dieses fatalistischen Glaubens an die Alleinseligmachung

der ökonomischen Entwicklung, der uns in geeigneten Momenten die Hände

in den Schoß legen läßt.

»So werde ich denn allein mein Heil versuchen,« erklärte ich

schließlich, als mein Antrag abgelehnt wurde, und verließ die Sitzung.

Von nun an fehlte ich in keiner Dienstbotenversammlung. Mit bunten

Sommerhüten und hellen Blusen füllten die während der Reisezeit der

»Herrschaften« dienstfreien Mädchen die glutheißen Säle. Zuerst kamen

nur die Gutgestellten, die Jungen, die Handschuhe trugen und zuweilen

vornehmer aussahen wie ihre »Gnädigen«. Sie betrachteten die Sache fast

wie eine Ferienlustbarkeit und kokettierten mit den Männern, die hier

auf Abenteuer ausgingen. Aber allmählich überwogen die älteren, die von

zehn und zwanzig und dreißig Dienstjahren erzählen konnten, und die

Armen, die Mädchen für Alles waren, auf deren schmale Schultern die gut

bürgerliche Hausfrau die Lasten des Lebens abzuwälzen sucht. Und ihre

Klagen wurden lauter, ihre Worte deutlicher; das Kichern und Lachen

verstummte vor den Bildern des Grams, die sich enthüllten.

Es gab welche, die ihre Kolleginnen um den dunkeln Hängeboden über der

Küche beneideten, weil sie nichts hatten als ein Schrankbett auf dem

offenen Flur oder eine Matratze im Baderaum: »Dabei wird unsere gute

Stube nur zweimal im Jahre für die große Gesellschaft geöffnet ...«

Ach, und die schmale Kost bei der harten Arbeit: »Eine Stulle mit

Schweineschmalz am Abend, -- während der Herr drinnen Rotwein trinkt zu

fünf Mark die Flasche ...«

Vor allem aber: »Nie ein Stündchen freie Zeit ... Wir schrubbern und

kochen, während die Herrschaft spazieren geht, ... wir hüten die Kinder,

während sie tanzen ...«

Dazwischen schüchterne Bitten der Ängstlichen und Gutmütigen: »Nur ein

wenig geregelte Arbeitszeit, -- und freundliche Worte statt des ewigen

Zanks, -- dann wollen wir gern dienen, wollen treu und fleißig sein.«

Sie waren wie aufgescheuchte Vögel, die ohne Richtung hin- und

herflattern. Als ich zum erstenmal vor ihnen zu reden begann, hielten

sie mich für eine »Gnädige«. »Nu aber jeht's los!« rief kampflustig eine

rundliche Köchin. Alles lachte. Ich sprach von den Gesindeordnungen, den

Ausnahmegesetzen für die Dienstboten, die sie den Dienstgebern fast

rechtlos in die Hände liefern, von der erlaubten »leichten« körperlichen

Züchtigung, von den vielen Gründen zur Entlassung ohne Kündigung und

schließlich von einer jener Schöpfungen der preußischen Reaktion, die

den Streik der Dienstboten mit Gefängnis bestraft. Noch hörte man mir

ruhig zu, unsicher, was ich aus den Tatsachen folgern würde. Nur der

Vorsitzende, der stets aus eigener Machtvollkommenheit »das Hausrecht

übernahm«, sah beunruhigt zu mir auf.

»Für Sie ist demnach die Zuchthausvorlage, die Deutschlands gesamte

Arbeiterschaft knebeln will, immer Gesetz gewesen,« rief ich laut.

»Eine Sozialdemokratin!« kreischte neben mir eine Frau in hellem

Entsetzen. Ein unbeschreiblicher Lärm erhob sich; auf die Tische

sprangen die Mädchen in hysterischer Erregung, schrieen und winkten mit

den Taschentüchern; eine von ihnen drängte sich neben mich, ballte die

Fäuste und rief schluchzend: »Wir sind königstreu! Wir sind

gottesfürchtig!« Hilflos, mit angstgerötetem Gesicht schwang der

Vorsitzende unaufhörlich die Glocke. Aber in der nächsten Versammlung

erwarteten mich schon ein paar Mädchen an der Türe: »Sie werden

sprechen, nicht wahr? -- Wir werden Ihnen Ruhe verschaffen!«

Und im überfüllten Saal waren außer den Dienstboten: Neugierige,

Hausfrauen, bürgerliche Frauenrechtlerinnen, Journalisten mit der frohen

Erwartung einer in möglichst vielen Zeilen zu beschreibenden Sensation.

Auch ein paar Genossinnen entdeckte ich: Ida Wiemer und Marie Wengs.

»Wir greifen ein, wenn's not tut,« sagten sie, »nur tapfer!« Bis um

Mitternacht ließ mich der Vorsitzende nicht zu Worte kommen. Ich ging im

Saal umher, von Tisch zu Tisch. »Das ist Recht und Freiheit im

Dienerverein,« sagte ich. Jemand rief: »Alix Brandt soll reden!« und der

Ruf pflanzte sich fort und dröhnte schließlich durch den Saal. Als ich

aber auf dem Podium stand, erstickte ihn ein zorniges Zischen; die Kraft

meiner Stimme kämpfte dagegen an, und wie ein Unwetter in der Ferne

verklang es.

»Sie wollen eine Verbesserung der Gesindeordnung, als ob auf

verunkrautetes Feld frischer Samen gesät werden sollte. Es gibt nur eine

Forderung, die Sie stellen dürfen: ihre Abschaffung, damit Sie den

Arbeitern gleichgestellt werden --«

»Wir sind keine Arbeiterinnen, -- wollen keine sein!« rief ein

zierliches Zöfchen mit gebrannten Stirnlocken entrüstet.

»Sie predigen Harmonie zwischen Herrschaft und Dienstboten, und doch

gibt es zwischen ihnen ebensowenig eine Interessengemeinschaft wie

zwischen dem Arbeiter und dem Unternehmer --«

»Unerhört!« -- Ein paar Damen mit hochrotem Gesicht drängten sich zur

Türe. Die Mädchen lachten hinter ihnen: »Sie können die Wahrheit nicht

vertragen!«

»Je mehr Sie Maschinen sind, desto weniger Menschen sind Sie und desto

bessere Dienstboten im Sinne der Hausfrauen ... Sie wollen statt der

endlosen eine beschränkte Arbeitszeit, Sie tun recht daran. Aber die

Masse der Hausfrauen ist nicht in der Lage, statt eines, zwei und drei

Mädchen für dieselbe Arbeit anzustellen. Sie wollen statt einer

Schlafstelle ein Zimmer, das ihnen etwas wie ein Zuhause sein kann. Sie

tun recht daran. Aber bei der heutigen Einteilungsart der Wohnungen und

ihren hohen Preisen sind die meisten Frauen nicht imstande, sie Ihnen zu

geben. Sie wollen -- lassen Sie mich aussprechen, was Sie selbst noch

nicht ausgesprochen haben -- Sie wollen mit Ihren Freundinnen verkehren

können, Ihren Bräutigam sehen, ohne auf die Straße, auf die Tanzböden

gehen zu müssen --«

»Unglaublich!« -- Und wieder leerte sich der Saal um zahlreiche elegante

Zuhörer.

»Das ist Ihr gutes Recht. Und wer sich hier entrüstet gebärdet, den

frage ich: was empört sich in Ihnen? Ihre Sittlichkeit?! Ist es

sittlich, junge, lebensvolle Mädchen, die auf Freude dasselbe Recht

haben wie die höheren Töchter, denen die Natur dasselbe Verlangen nach

der Erfüllung ihrer Geschlechtsbestimmung verlieh wie diesen, auf

Hintertreppen, auf Schleichwege und zweifelhafte Balllokale anzuweisen,

statt ihnen den Schutz des Hauses zu verleihen ..?«

Minutenlanger Beifall unterbrach mich. Dicht um das Podium scharten sich

junge Gestalten und leuchtende Augen hingen an meinen Lippen.

»Es ist vielmehr der natürliche Egoismus, der Interessengegensatz der

Hausfrauen zu den Dienenden, der auch die Wohlwollenden unter ihnen

zwingt, fremden Gästen ihr Haus zu schließen ... Wir werden für die

Gegenwart eine Reihe von Forderungen an die Gesetzgebung im Interesse

der Dienenden zu stellen haben, deren Erfüllung viele Mißstände

beseitigen wird. Aber der Dienst des Hauses wird nur dann den Charakter

des Sklavendienstes verlieren und zur Würde selbständiger Arbeit sich

entwickeln, wenn das abhängige Dienstmädchen sich in die freie

Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft nur stundenweise

verkauft, die imstande ist, in Reih und Glied mit dem in der

Sozialdemokratie organisierten Proletariat für ihre letzten Ziele zu

kämpfen ..«

Ich stieg in den Saal hinunter, umbraust von Beifallsrufen und

Schimpfworten.

Von nun an hatte ich die Mehrheit auf meiner Seite. Die Versammlungen

wurden ruhiger, sachliche Beratungen der aufzustellenden Forderungen

wurden ermöglicht.

Der Lärm tobte statt dessen außerhalb der Säle weiter. Die Presse schrie

nach der Polizei; Hausfrauenversammlungen nahmen geharnischte

Resolutionen an, durch die sich die Anwesenden verpflichteten, ihren

Dienstboten den Besuch unserer Zusammenkünfte zu verbieten. Alles war

von der Angst ergriffen, daß mit der Dienstbotenbewegung die Intimität

des Familienlebens der Sozialdemokratie ausgeliefert sei. Auf mich, die

ich diese Gefahr über die ruhigen Bürger heraufbeschworen hatte,

konzentrierte sich der persönliche Haß. In allen Tonarten wurde ich

beschimpft und verleumdet. Und selbst nahe Freunde, aufgeklärte,

freidenkende Menschen, sprachen mir mündlich und schriftlich ihre

Mißbilligung aus. Die ruhigsten Frauen gerieten dabei in

leidenschaftliche Erregung.

»Der Kanal, in den Sie den Strom der Dienstbotenbewegung geleitet haben,

wird das 'traute Familienleben' überfluten. Was dann?!« schrieb mir

Romberg.

Meine Mutter erfuhr durch die Zeitungen von den Vorgängen in Berlin.

»Immer wieder zerstörst Du durch die Maßlosigkeit Deiner Forderungen

ihren nützlichen Kern und machst Dir und Deiner Sache die

wohlwollendsten Menschen zu Feinden,« hieß es in einem Brief von ihr.

Tags darauf folgte ihm ein zweiter, dem ein Schreiben meiner augsburger

Tante beigelegt war. »Nach den unerhörten Vorgängen in Berlin bin ich

außerstande, an Alix persönlich zu schreiben. Ich habe sie bisher immer

verteidigt, habe ein Auge zugedrückt, wo ich konnte, aber ihre

unverantwortliche Aufhetzung der Dienstboten, -- denen es im Grunde nur

zu gut geht, -- werde ich weder verstehen, noch verzeihen können. Teile

ihr das in meinem Namen mit und sage ihr, was vielleicht nicht ohne

Eindruck auf sie bleiben wird, daß auch ihre alten Freunde, die

Grainauer Bauern, empört über sie sind ...« Ich lächelte unwillkürlich:

wenn ich von der Unfreiheit des Gesindes sprach, mußten sie sich

getroffen fühlen.

Aber dann machte ich mir den Ernst der Sache klar: Ich hatte in Gedanken

an das reiche Erbe der Tante nie auch nur einen Bruchteil meiner

Überzeugungen preisgegeben, die Selbständigkeit meiner Entschließungen

war nie durch sie beeinflußt worden. Jetzt aber besaß ich einen Sohn,

dessen einzige Zukunftsaussicht vielleicht in Frage stand, -- seine

Eltern hatten nicht das Zeug dazu, Kapitalisten zu werden! -- und ich

wußte nur zu gut, was es heißt, unter dem Druck ständiger Sorgen zu

leben, ich ahnte, wie frei sich ein Mensch entfalten, wie ungehindert er

seine Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit stellen kann, der an das

Dach über dem Kopf, an den Rock auf dem Leib und das tägliche Brot

keinen seiner Gedanken zu verschwenden braucht. Ich schrieb an Tante

Klotilde und versuchte, ihr meine Stellung zur Dienstbotenfrage

auseinanderzusetzen. Ich bekam meinen Brief uneröffnet zurück. Meiner

Mutter teilte sie mit, daß sie das Geschehene vergessen wolle, wenn ich

nach dieser Richtung auf meine agitatorische Tätigkeit verzichten würde.

In jenen Tagen erklärte Wanda Orbin in der 'Freiheit', daß die

Genossinnen verpflichtet seien, sich der Dienstbotenbewegung anzunehmen.

Wenn sie schon ohne besonderen Beschluß immer häufiger in den

Versammlungen erschienen, so war dies das Signal zur Änderung ihrer

Stellung der ganzen Sache gegenüber. Die Veranstaltung selbständiger

Versammlungen wurde beschlossen, und zur Rednerin wurde ich bestimmt.

Ich zögerte: verletzte ich nicht ein höheres Interesse, das meines

Sohnes, wenn ich zusagte?

»Lege ihm die Frage vor, wenn er reif genug ist, sie zu verstehen,«

sagte mein Mann. »Wie er sie beantworten wird, kann ich dir jetzt schon

sagen: Meine Mutter darf niemandem, auch mir nicht, ihre Überzeugung

opfern.«

Und ich sprach. Die Empörung in der Öffentlichkeit wuchs mit jeder

Versammlung. Mit einer gewissen Ostentation zogen sich die Menschen von

mir zurück. Aber die Bewegung war im Fluß und durch nichts mehr

aufzuhalten. Wäre ich weise genug gewesen, der fachliche Erfolg allein

hätte mich befriedigt. Aber noch war ich zu jung, war zu sehr Weib, um

den Menschen und den Ereignissen mit der kühlen Objektivität reifer

Politiker gegenüberstehen zu können. Im Grunde sehnte ich mich nach

einem warmen, aufmunternden Wort seitens meiner Kampfgefährten, nach ein

wenig freundlicher Anerkennung. Statt dessen begegneten sie mir stets

mit gleicher Kühle, mit gleicher Zurückhaltung. Zu keiner einzigen

entstand ein persönliches Verhältnis; je länger ich mit ihnen arbeitete,

desto fremder schien ich ihnen zu werden.

»Ich bin aus Liebe zu euch gekommen, mit vollem Herzen und ganzer

Kraft,« hätte ich sagen mögen, »warum stoßt ihr mich zurück?«

Ich kämpfte oft mit den Tränen, wenn ihr Mißtrauen mir immer wieder

begegnete. Und nachher hörte ich, daß man über meinen Hochmut, meine

Unnahbarkeit schalt. Im stillen hoffte ich, man würde mich diesmal zum

Parteitag delegieren, aber ich wurde nicht einmal dazu vorgeschlagen.

Martha Bartels sagte nicht ohne Betonung: »Wir bleiben natürlich dem

Grundsatz treu, nur bewährte Genossinnen mit einer Delegation zu

betrauen.« Darauf wurde die große, hagere Frau Resch gewählt; sie trug

schon seit Jahren unermüdlich Flugblätter aus, und ihr Mann war eine

Größe in der inneren Bewegung.

»Was kümmerst du dich um die Weiber!« meinte mein Mann ärgerlich, als

ich ihm klagte. Und Ignaz Auer, der uns an einem schönen

Septembersonntag besuchte, wiederholte dasselbe.

»Glauben Sie mir altem Knaster,« meinte er, und sein schönes blasses

Gesicht nahm jenen rätselhaften Ausdruck an, der aus Sarkasmus und

Melancholie zusammengesetzt war, »glauben Sie mir: solange ich denken

kann, war bei den Frauen stets derselbe Krakehl, und wenn ich schon

lange modere, wird's ebenso sein. Sie haben alle Untugenden der

Unterdrückten in konzentriertester Form, und schwingt man nicht, wie die

Wanda, ständig die Knute, so hat man verspielt. Seien Sie versichert:

schon Ihr Aussehen vergeben Ihnen die Weiber nie.«

»Und doch sind Sie als Sozialdemokrat für die Gleichberechtigung der

Geschlechter?« wandte ich ein. Er wehrte ab, mit einer vollendet

geformten starken Männerhand, die aber durch ihre Blutleere an die eines

Toten gemahnte. »Ich werd's ja, gottlob, nicht erleben!« sagte er. »Nach

der Richtung hat die Wanda recht, wenn sie den Auer mit dem Bernstein,

den Schippel und den Heine in einen Topf wirft: ich bin mehr für die

Bewegung als für das Endziel.« So waren wir wieder bei dem Thema

angelangt, in das jede Unterhaltung zwischen Parteigenossen zu münden

pflegte.

»Der Parteitag in Hannover wird eine Klärung bringen,« meinte ich im

Laufe der Unterhaltung.

»Eine Klärung?!« Er lachte kurz auf. »Ich muß Genossin Bartels wirklich

recht geben: Sie sind noch nicht mandatsfähig! Glauben Sie wirklich, so

tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, die auf Unterschieden des

Temperamentes, der Urteilskraft, der Bildung und der Lebenslage beruhen,

ließen sich durch bloßes Handaufheben entscheiden?! Wir werden sie auch

mit zehn Parteitagen nicht aus der Welt schaffen. Und wieder füge ich

hinzu: Gottlob nicht! Es wäre nur ein Zeichen von Altersschwäche, wenn

wir alle ja schrien. Die Hauptsache bleibt die Einigkeit im Handeln. Und

um die ist mir nicht bange, -- die zwingen uns unsere Gegner auf.«

»Die Meinungsverschiedenheiten wären gewiß kein Unglück, wenn nicht die

Unduldsamkeit hinzukäme,« sagte mein Mann.

»Auch die ist noch nicht das Schlimmste. Wenn wir die eigene Ansicht für

die richtige halten, so müssen wir doch konsequenterweise die falsche

des Gegners bekämpfen,« entgegnete Auer. »Nur daß der Andersdenkende

immer gleich als ein hundsgemeiner Kerl gebrandmarkt wird, -- das ist

bitter.« Er verabschiedete sich. Er fürchtete sichtlich, sich zu Klagen

und Anklagen hinreißen zu lassen. An der Gartentür blieb er stehen, ein

spöttisches Lächeln kräuselte seine Lippen: »Wenn Sie übrigens ein

Mandat haben wollen, Genossin Brandt, -- ich verschaff' es Ihnen. Die

liebe Wanda und ihre Leibgarde ein wenig zu ärgern, macht mir Spaß. Sie

müssen sich nur nachher zur Agitation in dem betreffenden Kreis

verpflichten.« Ich schüttelte den Kopf. Mir widerstrebte die Sache.

»Nimm's an, Alix,« mahnte mein Mann, »so zeigst du am besten, daß du von

der Gnade der berliner Frauen nicht abhängig bist.«

»Sie können's tun, -- ganz ohne Gewissensbisse. Sowas haben auch die

obersten Halbgötter nicht verschmäht.« Zögernd sagte ich zu. Es war mir

nicht wohl dabei, so sehr ich auch gewünscht hatte, einem Parteitag, und

vor allem diesem, beizuwohnen.

Kurz ehe wir abreisten, kam meine Mutter zurück. Sie schien um ein

Jahrzehnt verjüngt. »Ich bleibe bei dem Kleinen, während ihr fort seid,«

sagte sie; »das wird mein bedrücktes Gewissen etwas erleichtern, -- nach

diesen selbstsüchtigen Monaten!«

Wir mußten ihr nun auch von unserer Absicht, das Haus zu verkaufen,

erzählen. »Das ständige Hin- und Herfahren zerrüttet unsere Nerven,«

sagte ich leichthin, »ich müßte auf die öffentliche Tätigkeit

verzichten, wenn wir draußen bleiben wollten.«

Sie sah von einem zum anderen in stummer sorgenvoller Frage. »Es ist

wirklich so, Mamachen --,« versicherte ich lächelnd. Sie schüttelte

fast unmerklich den Kopf und fragte nichts mehr.

* * * * *

Zwischen schmalen Gassen und engen Höfen, fern jenem modernen Teil der

Städte, der auch in Hannover ebenso elegant wie charakterlos ist, liegt

eine große dunkle Halle, der Ballhof genannt. Vor Zeiten warfen hier

Kurfürsten, Prinzessinnen und Könige einander im graziösen Spiel ihre

Bälle zu, bis mit schwerem Schritt und ernstem Gesicht einer kam, dem

Spielen fremd war: der Proletarier. Hellere Räume suchten die Fürsten

für ihre Freuden; er nahm für seine Arbeit, was sie übrig ließen: die

dunkle Halle. Mit frischem Grün waren ihre Pfeiler umwunden, hinter

purpurroten Fahnen verschwanden die alten schmucklosen Wände. Das

Parlament der Arbeiter tagte hier. Draußen lachte die Oktobersonne,

drinnen brannte über den langen Tafeln künstliches Licht, das auf alle

Gesichter scharfe Schatten zeichnete, sodaß sie finster und feindselig

erschienen. Dumpf hing die Luft im Raum; der Atem der Jahrhunderte war

hinter den winzigen Fenstern gefangen geblieben. Er beengte die Brust.

Lange vor dem Beginn der Verhandlungen war der Saal schon gefüllt.

Anschwellendes Stimmengewirr, Stühlerücken, Rascheln von Papier, --

jenem Papier, daß alle Süßigkeiten und alle Gifte der Welt auszuströmen

vermag, -- bildete die in ihren ungelösten Disharmonien aufreizende

Ouvertüre. Zeitungsblätter wurden hin- und hergezeigt: »Bernstein

Apostata« stand über dem einen Artikel, »Reinliche Scheidung« über

einem zweiten; »wir werden mit dem Revisionismus fertig werden, oder

wir sind fertig,« hieß es an einer rot angestrichenen Stelle, »die

Genossen im Reich erwarten eine klare Entscheidung,« an einer anderen.

Von der unausbleiblichen Spaltung der Partei sprachen frohlockend

bürgerliche Zeitungen; in linksliberalen Blättern begrüßten

Kathedersozialisten die Anhänger Bernsteins als die ihren.

Bureauwahl. Es hörte kaum jemand zu. Paul Singer war anwesend, das

Präsidium also von vornherein in guten Händen. Die Begrüßungsreden der

Ausländer dämpften das Stimmengewirr im Saal. Frankreich, wo der

Dreyfus-Skandal noch im Mittelpunkt des Interesses stand, wo Millerand,

der Sozialdemokrat, mit Jaurès', des Sozialdemokraten, ausdrücklicher

Zustimmung das in den Augen der deutschen Radikalen unverzeihliche

Verbrechen begangen hatte, in das Ministerium einzutreten, -- Seite an

Seite mit Gallifet, dem Mörder der Kommune, -- war nicht vertreten. Des

alten Liebknecht heftige Angriffe auf die Genossen jenseits der Vogesen

mochte an dieser Zurückhaltung nicht ohne Schuld sein.

Die Verhandlungen begannen. Mit ungeduldiger Hast wurde ein Punkt der

Tagesordnung nach dem anderen erledigt. Alles drängte dem Hauptthema des

Parteitages zu. Und selbst mitten in die nebensächlichsten Debatten

hinein blitzte schon das Wetter der kommenden Tage.

»Sie stehen bereits mit der Brandfackel an unserem Scheiterhaufen --,«

sagte einer der Revisionisten neben uns.

Am Abend, als wir Frauen zu einer internen Besprechung zusammenkamen,

fühlte ich: in Gedanken war die »reinliche Scheidung« schon vollzogen.

Wir berieten einen Antrag für den Arbeiterinnenschutz, der unserer

nächsten agitatorischen Tätigkeit Inhalt und Richtung geben, und dessen

Forderungen durch den Parteitag sanktioniert werden sollten. Im Grunde

waren es lauter Selbstverständlichkeiten. Nur der Schutz der Schwangeren

war neu. Ich hatte dafür gekämpft, obwohl ich wie vor einer Mauer redete

und sie hatten ihn nicht ablehnen können, ohne sich selbst ins Gesicht

zu schlagen. Dafür waren sie um so hartnäckiger, als ich die

Unterstellung der Dienstboten unter die Gewerbeordnung in den Antrag

aufzunehmen empfahl. Das steht bereits in unserem Programm, hieß es.

Aber viele unserer anderen Forderungen standen auch darin. Und gerade

jetzt wäre es wichtig gewesen, uns offiziell mit der Dienstbotenbewegung

solidarisch zu erklären. »Wir dürfen unsere Kräfte nicht verzetteln.« --

Damit war die Sache abgetan.

Die Frauen rückten nach der Besprechung freundschaftlich zueinander,

unterhielten sich mit wohltuender Herzlichkeit mit all den Genossinnen,

die aus Ost und West hierher gekommen waren; mich streifte zuweilen ein

scheuer Gruß, ein fremder Blick; -- ich ging hinaus.

In unserem Gasthof fand ich die Führer in erregte Unterhaltung vertieft.

Ihre Augen glühten in jugendlichem Feuer, selbst die Ausbrüche ihrer

Leidenschaft bändigte der heilige Ernst, mit dem sie alle für ihre Sache

kämpften. Bebel war am stillsten; immer wieder strich er sich nervös die

widerspenstige Locke aus der Stirn; auf ihm lastete die Verantwortung

der kommenden Tage.

* * * * *

Kalt und grau brach der nächste Morgen an. Im Ballhof kämpften die

elektrischen Lampen umsonst gegen das Dunkel; es hockte um so deutlicher

hinter den Pfeilern und zwischen den Tischen, je heller in ihrem

direkten Strahlenkreis das Licht erschien. Nur langsam füllte sich heute

der Saal, und nur wenige Stimmen wurden laut. Ein gemessener Ernst lag

auf allen Gesichtern und eine zweifelvolle Erwartung. Singer betrat das

Podium:

»... zur Verhandlung steht Punkt 4 der Tagesordnung: 'Die Angriffe auf

die Grundanschauungen der Partei'. Das Wort hat der Berichterstatter

Genosse Bebel.« Noch ein heftiges Stühlerücken, dann tiefe Stille.

Bebels Stimme allein beherrschte den Raum.

Im Gesprächston begann er, ruhig, fast gemütlich. Jeder Zuhörer fühlte

sich unwillkürlich persönlich angeredet. Selbst als er die unbeschränkte

Freiheit der Kritik an den eigenen Grundanschauungen als die Lebenslust

der Partei bezeichnete, warf er den Satz nicht wie einen Fehdehandschuh

in die Menge, sondern sprach im Tonfall der Konstatierung einer

Selbstverständlichkeit. Die Fragen der materialistischen

Geschichtsauffassung, der Dialektik, der Werttheorie schaltete er von

vornherein aus, -- »der Kongreß ist kein wissenschaftliches Konzil,«

sagte er, -- um zum Problem des Entwickelungsprozesses der

kapitalistischen Gesellschaft überzugehen, das Bernstein anders

darstellte als Marx und Engels. Eine Fülle statistischer Berechnungen

schüttete er vor uns aus, um Bernsteins Ansichten zu entkräften, um

festzustellen, daß das marxistische Dogma von der Zuspitzung der

wirtschaftlichen Gegensätze, von der relativen Verelendung des

Proletariats noch unerschüttert ist.

Und angesichts der verwirrenden Masse des Materials, an der die große

Menge den Grad der Wissenschaftlichkeit mißt, wie sie an der Häufigkeit

der Zitate den Grad der Bildung zu messen pflegt, ging ein Flüstern

staunender Bewunderung durch die Reihen, das sich in einem »sehr

richtig«, einem »hört, hört« wieder und wieder Luft machte.

Bebels Stimme schwoll an, seine Bewegungen wurden lebhafter, seine

kleine Gestalt reckte sich. Er malte die Not des Proletariats. Die

grollende Leidenschaft dessen, dem das Elend Auge in Auge

gegenübertritt, zitterte in seinen Worten, und klein und jämmerlich

erschien dagegen, was Bernsteins nüchterne Schreibstubenweisheit von der

gebesserten Lage des Arbeiters zu berichten gewußt hatte.

Wie der peitschende Ostwind über die Baumwipfel, so wehte seine Rede

über die Köpfe. Und sie neigten sich gedankenschwer, sie wandten sich

einander zu; sie hoben sich wieder, von einem Wort, das sie traf,

emporgerissen. Da und dort stand einer auf, wie magnetisch angezogen von

dem, der sprach. Eine dunkle Gruppe Menschen umringte die Rednertribüne.

Auf einmal aber war es der Wind nicht mehr, der in den Ästen rauscht, --

es war der Sturm. Die jugendstarke Kraft des Revolutionärs, die

begeisterte Schwärmerei des Glaubenshelden donnerte und brauste in den

Worten des Agitators. All der zaghafte Pessimismus, all der unschlüssige

Zweifel, all die resignierte Bedenklichkeit, mit denen Bernstein die

Seelen belastet hatte, flog vor ihnen davon wie Spreu und Staub. Und wie

der Geisterbeschwörer aus dem Nebel Gestalten entstehen läßt, so

entwickelte sich unter dem Zauberstab des Redners die Erscheinung des

alten Marx. War er es wirklich? Seltsam, -- uns allen, die wir

aufmerksam zusahen, kam es vor, als habe Bernstein manche Farben zu

diesem Bilde gemischt. Was Bernstein wider ihn gesagt hatte, das nahm

Bebel für ihn in Anspruch: Die Elendstheorie hat an den Tatsachen

Schiffbruch gelitten, sagte Bernstein, -- nie hat Marx sie im Sinne des

absoluten Niederganges aufgefaßt, erklärte Bebel; der Hinweis auf die

Erlöserkraft der Revolution ist vom Übel, sagte Bernstein, -- auf die

Evolution hat Marx schon das größte Gewicht gelegt und niemals das Heil

im Straßenkampf gesehen, erklärte Bebel. Und während er sein

Feuerschwert gegen all die zückte, die vor lauter Wenn und Aber den

rücksichtslosen Kampfmut einzubüßen im Begriffe standen, traf es auch

die Inquisitoren, die ihn besaßen, aber auf die Ketzer im eigenen Lager

zielten.

Die Menge, die sich zuerst auseinandergerissen wie Steine von einem

Felssturz vor ihm ausgebreitet hatte, -- jeder die scharfe Kante

feindselig wider den anderen gekehrt, -- schien wieder ein Marmorbruch,

aus dem er planvoll gewaltige Quadern schlug, die sich zu Grundmauern

zusammenschließen ließen.

Fünf Stunden sprach er schon. Nun wich der Sturm seiner Rede wieder dem

ruhigen Gesprächston; sich selbst zurückgegeben, atmete die Menge tief

und gesättigt auf. Noch einmal, wie der letzte ferne Donner des

Gewitters, hob sich seine Stimme in ungeschwächter Kraft: »Unsere

Grundanschauungen sind nicht erschüttert, -- wir bleiben, was wir

waren --.« Tobender Beifall verschlang den Schluß.

Minutenlang stand der nächste Redner, Eduard David, an Bebels Stelle,

ehe seine Stimme den Lärm durchdrang. »Ich habe den Mut, auch nach

Bebels Referat, Bernstein in seinen Anschauungen zuzustimmen,« sagte er.

Irgendwo zischte jemand, aber der Respekt vor dem ehrlichen Bekenntnis

unterdrückte rasch jeden Laut des Mißfallens. Kühl, fast nüchtern sprach

er; wer ihn auch nicht kannte, empfand: er kam mitten aus der Praxis des

politischen Gegenwartslebens, er stand nicht mehr im Bann der Tradition

der Sekte mit ihrer Geheimbündelei, ihrem Märtyrertum, ihrer

Glaubensseligkeit. Er ließ das grelle Licht des Tages auf die durch

Bebel beschworene Geistererscheinung von Marx fallen, und hinter ihr

stand der lebendige Bernstein. Wo Bebels Leidenschaft Gegensätze

verwischt oder sein Zorn die Ansichten des Gegners niedergetrampelt

hatte, da malte er sie groß und deutlich, wie der Lehrer die

Rechenaufgaben vor der Klasse auf die schwarze Tafel. Keiner, der nicht

blind war, konnte sich ihnen verschließen. Und er rief in die

Wirklichkeit zurück, wo Bebel uns auf den Flügeln seiner Phantasie in

die Zukunft getragen hatte. »Die höhere prinzipielle Bewertung der

Gegenwartsarbeit, -- das ist es, was Bernstein uns gibt, und das ist

mehr wert, als was er uns genommen hat,« erklärte er und verkündete

gegenüber der einseitigen Betonung des Kampfs um die politische Macht --

als des einzigen Mittels, den Sozialismus zum Siege zu führen -- die

Dreieinigkeit der gewerkschaftlichen, der genossenschaftlichen, der

politischen Bewegung, die durch tägliche Arbeit dem Sozialismus einen

Fußbreit Erde nach dem anderen erobern.

Nun erst war der Kampfplatz abgesteckt. Der Alltagsausdruck trat an

Stelle der Begeisterungsglut, die Bebels Rede angefacht hatte, auf die

Gesichter, und über die Geister herrschten wieder, an Stelle des großen

einigenden Gedankens, all die Streitpunkte der praktischen Politik.

Durfte ich mich deshalb dem Gefühl des Bedauerns überlassen, das mich

momentan überwältigt hatte? Entsprang nicht jenes instinktive Festhalten

an den überkommenen Anschauungen jener Schwerkraft des menschlichen

Geistes, die sich von je im Dogmatismus, im Konservativismus, wie in

Denkfaulheit und Bequemlichkeit geäußert hat? Wir, die wir Vorkämpfer

sein wollten, waren verpflichtet, sie zu überwinden.

Bewegte Tage kamen, ein Kampf, der nicht immer ein Kampf der Meinungen

blieb. Und das »Kreuzige!« tönte am lautesten vom Munde der Frauen.

Wanda Orbin kreischte es in den Saal hinein; Luise Zehringer, die

Hamburger Zigarrenarbeiterin, wiederholte es; eine kleine polnische

Jüdin, die eben erst in die deutsche Partei eingetreten war, kritisierte

mit der Sicherheit einer Parteiautorität die Ansichten und Handlungen

bewährter Führer. Und die Masse klatschte ihr Beifall. »Sehen Sie, --

das ist eine Politikerin,« sagte ein Journalist, »je respektloser sie

die Auer und Vollmar und Bernstein abkanzelt, desto sicherer ist ihr

Erfolg.«

Immer deutlicher sonderten die Parteien in der Partei sich voneinander

ab; über dem tiefer und tiefer wühlenden Streit vergaßen auch die

Leichtsinnigsten die Vergnügungen des Abends; Sitzungen wurden statt

ihrer abgehalten. Es gab dabei Augenblicke, in denen es schien, als

würden die Radikalen vor dem äußersten nicht zurückschrecken. Die

uneingeschränkte Anerkennung des Parteiprogramms wollten sie fordern,

wie der orthodoxe Priester den Schwur auf das Apostolikum. Und jeder

begann im stillen die große Abrechnung mit sich selbst.

Zum ersten Mal kam mir zum Bewußtsein, was all die Jahre hindurch die

unbekannte Quelle meiner Kämpfe und Schmerzen gewesen war: die Sache

forderte den ganzen Menschen restlos, ich aber wollte im Kampfe für sie

ich selber bleiben. Und zu gleicher Zeit schien mir, als ob zuletzt kein

anderes als dies Problem all den Kämpfen, die wir führten, zugrunde lag.

»Warum bist du so stumm?« fragte mein Mann, als wir in der Mittagspause

zusammensaßen.

»Weil ich anfange zu fürchten, daß ich kein Recht habe, Genosse zu sein.

Ich bin ja auch kein Christ --.« Verständnislos, ein wenig erschrocken,

als zweifle er einen Augenblick an meinen gesunden Sinnen, sah Heinrich

mich an. Ich legte meinen Arm in den seinen. »Hab keine Angst, Liebster,

-- ich dachte niemals klarer als jetzt! Hingabe an den Willen Gottes bis

zur Selbstentäußerung fordert das Christentum, Hingabe an den Willen

der Massen der Sozialismus. Ob es zwischen dieser Forderung und dem

Persönlichkeitsrecht eine Brücke gibt, das weiß ich im Augenblick

ebensowenig, als wir es in der Partei wissen.«

»Deine Formulierung ist falsch, ganz und gar falsch,« entgegnete

Heinrich erregt, »nicht an den Willen, sondern an das Wohl der Massen

wird die Hingabe verlangt.«

»Und doch verlangt Ihr als etwas Selbstverständliches das Opfer der

Überzeugung,« unterbrach ich ihn.

Wir traten in den Saal. Mit einer fiebrigen Nervosität, die alle

ergriffen hatte und manche jener robusten sehnigen Arbeitergestalten

tragikomisch erscheinen ließ, rissen die Delegierten den austeilenden

Ordnern die neuen Drucksachen aus der Hand. Es war Bebels Resolution in

neuer Fassung. Wir verglichen.

»... Nach alle diesem liegt für die Partei kein Grund vor, ihr

Programm ...« las ich. »Jetzt heißt es: 'ihre Grundsätze und

Grundforderungen' zu ändern« las Heinrich, »damit können wir uns ohne

weiteres einverstanden erklären,« fügte er hinzu, und mit einem

lächelnden Blick auf mich: »Du siehst, die Klippe tragischer Konflikte

ist glücklich umschifft.«

Auer kam an uns vorüber. In seinem Gesicht wetterleuchtete es. »Jetzt

werde ich ihnen einmal zum Tanz aufspielen,« sagte er in grimmigem

Scherz. Dabei sah ich, wie seine Finger sich zur Faust zusammenzogen.

Von allen Seiten, schriftlich und mündlich, direkt und indirekt war er

angegriffen worden. Er, der sich zur Bernsteinfrage in der

Öffentlichkeit überhaupt nicht geäußert hatte, galt als der eigentliche

und der gefährlichste Führer der Revisionisten, als der Abtrünnige.

Die Luft im Saal war immer schwerer geworden. Oder war es nur die

gesteigerte Reizbarkeit der Nerven, die sie so empfand? Irgendeine

Entladung mußte kommen. Mit Naturnotwendigkeit schien jeder Redner die

Gegensätze ins Absurde steigern, den Gegner bis zur Lächerlichkeit

herabsetzen zu müssen. Die Zuhörer wurden unruhiger. Man ging ab und zu,

man unterhielt sich.

Da betrat Auer die Tribüne. Mit dem leisen Spott der Überlegenheit um

die Lippen sah er über die Menge hinweg. Dann kam die Abrechnung.

Unwillkürlich senkten sich alle Köpfe vor diesem gewaltigen Ausbruch

eines feuerbergenden Kraters. Eine öffentliche Anklage war es, und am

Pranger standen alle, die den befreienden Streik der Gedanken in ein

lähmendes Gezänk um Personen verwandelt hatten. Und eine Verteidigung

war es, -- eine Verteidigung des Mannes, den dieselbe Partei, um

deretwillen er aus dem Vaterland verbannt worden war, des Verrats

bezichtigte; -- aber auch eine Verteidigung seiner selbst, des in der

jahrzehntelangen Parteiarbeit aufgeriebenen Kämpfers. Seine breiten

Hände, -- bestimmt, einen Hammer zu führen oder ein Schwert, --

umklammerten, zuweilen krampfhaft zuckend, den Rand des Rednerpults. Sie

waren am Schreibtisch, in der eingeschlossenen Bureauluft weiß geworden.

Das stolze Germanenhaupt, dem ein Ritterhelm gebührte, sank leise nach

vorn. Die Sorgen der Partei lasteten schwer auf ihm. Das Antlitz, das

auf den Bergen seiner Heimat, der Sonne am nächsten, braun und rot sich

hätte färben müssen, war grau und fahl. Durchwachte Nächte sprachen aus

seinen Augen.

Gereizte Zurufe unterbrachen ihn, -- zu wuchtig fielen seine Schläge.

Und seine Stimme, durch hunderte von Reden, hunderte von

Agitationsreisen abgenutzt, drohte zu versagen. Noch eine die Luft

durchschneidende Bewegung mit der Hand, als wolle er ausstreichen, was

sich doch unauslöschlich seiner Erinnerung eingeprägt hatte, noch ein

Witz, den er in die Masse warf, wie der Tierbändiger einen Knochen

zwischen die Tiger, und der Strom seiner Rede erreichte in ruhigem Fluß

sein Ziel.

Die Resolution Bebel wurde angenommen, nur ein kleines Häuflein

Unentwegter, die noch immer ihr »Kreuzige!« schrieen, stimmte dagegen.

»... Auch auf diesem Parteitag hat es sich gezeigt, daß die Partei über

ihre Grundsätze und ihre Taktik einheitlich denkt und auch fernerhin in

voller Einmütigkeit handeln wird ...,« sagte Singer zum Schluß. Die

Arbeitermarseillaise brauste durch den Ballhof. Hörte niemand die

Dissonanz? Es waren nicht die Geister der Vergangenheit, die

Prinzessinnen, die Kurfürsten und die Könige, die sie hervorriefen. Es

war der Geist der Zukunft.

* * * * *

Müde und erschöpft reisten wir heimwärts. Es dämmerte, als wir vom

Bahnhof zum Grunewald fuhren. Wie herrlich die Stille war in den breiten

Alleen! Wie erfrischend der Duft der Kiefern den heißen Kopf umstrich!

Statt der vielen Menschenstimmen nur ein abendlich-süßes

Vogelgezwitscher! Wer doch im Walde bleiben könnte! --

Mit jenem feinen Taktgefühl, das auf dem Baume alter Kultur eine der

köstlichsten Früchte ist, hatte meine Mutter, kurz ehe wir ankamen, das

Haus verlassen. So konnten wir uns ungeteilt am Wiedersehen mit unserem

Jungen freuen. Mir schien, als wären wir Wochen statt Tage weg gewesen:

war er nicht viel größer und viel klüger geworden? Und wie entzückend

ringelten sich die blonden Löckchen um den breiten Schädel! In

übersprudelndem Eifer mußte er alles erzählen, alles zeigen. Seinen

Bauernhof packte er vor mir aus, nahm die Bäume und rief: »Nu laufen sie

zu dem lieben, duten Mamachen!« »Aber Bäume laufen doch nicht!« meinte

ich. Darauf nickte er altklug mit dem Köpfchen und sagte: »Doch, Mama;

in der Elektrischen, da laufen die Bäume.« Und als er zur Feier des

Tages mit uns zu Abend gegessen hatte, rutschte er geschickt von seinem

hohen Stühlchen, stellte sich breitbeinig vor uns hin und rief: »Ich bin

satt!« Das erste »Ich«! -- Lachend schloß ich ihn in die Arme: Nun war

mein Kind ein Mensch geworden. Alle Probleme der Welt verschwanden mir

wieder angesichts dieses Wunders.

Am nächsten Morgen saß ich am Schreibtisch und rechnete. Die Angst

trieb mir Schweißtropfen auf die Stirn: schon das nächste Vierteljahr

würden wir die Zinsen nicht zahlen können. Wie hatte ich als Mädchen

gezittert, wenn die Rechnungen kamen, die der Mutter Tränen erpreßten!

Es war das reine Kinderspiel gewesen im Vergleich mit meiner Situation.

»Mach dir doch keine Sorgen, ehe das Unglück da ist,« sagte mein Mann

ärgerlich, als er sah, wie verstört ich war.

Ich wurde krank. Die alten unausbleiblichen Schmerzen, die jede Erregung

zur Folge hatte, stellten sich mit erschreckender Heftigkeit wieder ein.

Und abends, wenn ich todmüde in die Kissen sank, klopfte mir das Herz

bis zum Halse herauf. Ich war genötigt, ein paar Versammlungen

abzusagen. Ich war froh darüber: in einem Zustand geistiger und

körperlicher Erschlaffung verbrachte ich meine Tage.

»Wir haben einen Käufer!« mit der Botschaft überraschte mich mein Mann

eines Morgens. Ich zweifelte noch. Aber bald darauf kam er selbst, und

in wenigen Tagen war der Kauf abgeschlossen.

»Siehst du nun ein, wie töricht es war, sich zu fürchten?« sagte

Heinrich. Beschämt senkte ich den Kopf. »Ich will in Zukunft mutiger

sein,« versicherte ich.

Schon im Januar sollten wir das Haus verlassen. Dann wollen wir von

vorne anfangen, dachte ich, und begann eifrig nach einer bescheidenen

Wohnung zu suchen.

Bin ich erst in Ruhe, so werde ich auch gesund werden, sagte ich zu mir

selbst, wenn die Schmerzen nicht weichen wollten und das Herz mich nicht

schlafen ließ.

* * * * *

Eines Abends nahm ich wieder an einer Sitzung der Genossinnen teil. Wie

die Befreiung von den persönlichen Sorgen mich aus der Erstarrung

aufgerüttelt hatte, so elektrisierten mich jetzt die politischen

Vorgänge wieder. Das Zuchthausgesetz war endgültig begraben worden, aber

trotz aller gegenteiligen Versicherungen drohte eine neue gewaltige

Flottenvermehrung.

»Unter den Waffen schweigen die Musen,« erklärte ich, als wir die

Aufgaben besprachen, die der kommende Winter uns stellte, und einige der

Frauen den Arbeiterinnen-Bildungsverein und seine Veranstaltungen in den

Vordergrund schieben wollten. »Wir müssen unsere Kräfte konzentrieren:

auf die beschlossene Agitation für den Arbeiterinnen-Schutz und auf den

Kampf gegen die neue Volksausbeutung.«

»Wenn wir so sicher wie stets auf Genossin Brandts wertvolle

Unterstützung rechnen können, wird der Sieg uns nicht fehlen,« spottete

Martha Bartels und berichtete dann, wie ich durch die kürzlich

»angeblich« wegen Krankheit erfolgten Absagen die Sache geschädigt

hätte.

»Unsichere Kantonisten können wir nicht brauchen,« sagte Frau Resch, die

seit ihrer Delegation nach Hannover sehr selbstbewußt geworden war.

Während ich antwortete, drückte ich die Hand krampfhaft in die Seite, wo

die Schmerzen wühlten, und suchte, tiefatmend, die wilden Schläge

meines Herzens zu beruhigen. Aber trotz meiner Verteidigung, setzte der

Zank sich fort. Und plötzlich war mir, als drehe sich das Zimmer um

mich --, ohnmächtig brach ich zusammen. Als ich zu mir kam, übersah ich

mit einem einzigen Blick die Situation: Ida Wiemer hielt mich

umschlungen, auf ihren Zügen lag ein Schimmer aufrichtiger Teilnahme;

aber steif und unbeweglich saßen alle anderen um den Tisch, die Augen

auf mich gerichtet, voll Hohn und Spott, voll Kälte und Mißtrauen. Ein

eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich preßte die Zähne zusammen

und erhob mich. In dem Augenblick kam mein Mann. Der Kellner hatte mich

fallen sehen und ihn, der im Restaurant auf mich wartete,

benachrichtigt. Auf seinen Arm gestützt, verließ ich das Zimmer. Niemand

erhob sich. Niemand sagte mir Lebewohl.

Wir fuhren noch in der Nacht zum Arzt. Er machte ein bedenkliches

Gesicht. »Ein paar Monate im Süden, und Sie können genesen,« sagte er.

Ich empfand seinen Bescheid wie eine Erlösung. Fort, -- weit fort, wo

ich Ruhe finden, wo ich wieder zu mir selber kommen würde!

Wir entschieden uns für Meran. Der Überschuß, der uns vom Kaufpreis des

Hauses bleiben würde, ermöglichte die Reise. Mein Kind nahm ich mit. Und

eine große Kiste mit Büchern und Manuskripten. »Nun werde ich ungestört

meine 'Frauenfrage' vollenden können,« sagte ich hoffnungsvoll.

»Wenn der Arzt dir das Arbeiten erlaubt,« meinte mein Mann und sah dabei

traurig drein. »Ich werde ihn nicht erst fragen,« lachte ich; »Arbeit

ist für mich die beste Medizin.«

* * * * *

Silvester 1899 kamen Erdmanns mit der Mutter zu uns. Als es Mitternacht

schlug, rissen wir alle die Fenster auf und riefen ein schallendes

»Prost Jahrhundert!« in die sternhelle Nacht hinaus. Da war keiner, dem

das Vergangene nicht wie ein Alp von der Seele gefallen wäre. Und unsere

Hoffnungen waren riesenstark. Nur die Mutter sah sorgenvoll von einem

zum anderen: zu Erdmann, dessen eingesunkene Brust nach jedem lauten

Wort trockener Husten erschütterte, zu Ilse, deren Blicke halb

ängstlich, halb verschüchtert an ihrem Gatten hingen, zu uns, von deren

Kämpfen sie manches ahnen mochte.

Schatten gingen um. Ich mußte sie bannen. Aus dem Bettchen droben, wo es

mit heißen Wangen schlief, nahm ich mein Kind und trug es hinunter. Im

Licht der Lampen schlug es die strahlenden Augen auf. Ich hatte es

jubelnd emporheben wollen, nun aber drückte ich es zärtlich ans Herz und

flüsterte leise, ganz leise, damit die anderen nichts hörten: »Dein ist

das Jahrhundert.«

Wenige Tage später schloß sich die Pforte des grauen Hauses hinter uns.

Die Wipfel der Kiefern bewegten sich leise über dem Dach. Schwarz

standen ihre Stämme vor den blumenlosen Fenstern. In jubelnder Vorfreude

auf die Reise warf mein Junge keinen einzigen Blick zurück. So wollte

auch ich nur vorwärts sehen.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 16 / 30 题