Und so trat ich mit meinem Kind auf dem Arm in die alte Wohnung. Die
Schwester kam mir entgegen: »Nun wird meine Hochzeit erst ein richtiges
Fest für mich sein,« sagte sie und küßte mich stürmisch. Sie öffnete die
Tür zum Zimmer des Vaters. »Er kommt gleich,« flüsterte sie und lief
davon. Ich mußte mich setzen; die Kniee zitterten mir. Alles hatte ein
Gesicht, ein liebes, vertrautes: die verblichenen Sessel, die so
einladend die Armlehnen nach mir ausstreckten, der alte, grüne Teppich,
der sich warm und weich unter meine Füße schmiegte, die dunkeln Bilder
an der Wand, die zu lächeln schienen. Auf dem Schreibtisch lagen wie
einst in Reih und Glied die sorgfältig gespitzten Bleistifte und die
Gänsefedern, die der Vater sich selbst zu schneiden pflegte, und der
»Soldatenhort«, für den er schrieb. Und in der Ecke -- die alte
Reiterpistole! Aus dem Zimmer war ich einmal geflohen vor ihr. -- Der
sie auf mich gerichtet hatte, rief mich heut zurück! Nein, -- mich
nicht! Nur dieses süßen blonden Kindes Mutter!
Die Türe ging auf. »Apapa!« rief der Kleine und streckte ihm die Ärmchen
entgegen. Im nächsten Augenblick fühlte ich uns beide umfaßt: Die Lippen
zitterten, die meine Stirn berührten. »Wir wollen einander nicht weich
machen, Alix,« sagte er leise. »Wir wollen so tun, als wärst du gar nie
weg gewesen.«
Von nun an sahen wir uns oft. Mühsam, mit schwerem Atem, auf jedem
Treppenabsatz minutenlang innehaltend, kam er immer häufiger zu uns
herauf, und meist um die Stunde, die er früher im Kasino zuzubringen
pflegte. Er hatte stillschweigend auch diese alte Gewohnheit aufgegeben,
und als die Mutter ihn darnach fragte, sagte er: »Was soll ich mich
jetzt noch über Menschen und Zeitungen ärgern?!«
Mein Mann, der sich nie als »Schwiegersohn« fühlte, sondern stets sehr
zurückhaltend, sehr förmlich blieb, gefiel ihm. »Du ahnst ja kaum, wie
der Frieden auf mich wirkt,« schrieb er mir einmal. »Ich bin Dir die
Erklärung schuldig, daß dein Mann, dessen vollendeter Takt mir so
wohltuend ist, ganz auf mich zählen kann.«
Zuweilen fuhr er mit uns in den Grunewald, wo er zum Frühjahr in unserer
Nähe eine Wohnung gemietet hatte. Er strahlte vor Freude, wenn er unser
Häuschen wachsen und werden sah.
»Wie mich das glücklich macht, dich so ohne Sorgen zu wissen,« sagte er
zu mir, während er unermüdlich über die Balken kletterte und jeden Raum
in Augenschein nahm. Dann drückte er Heinrich die Hand: »Daß du meiner
Alix solch eine Heimat schaffst!«
Draußen im Garten freute ihn jeder Strauch, der gepflanzt wurde. »Hier
muß Ottochen einen großen Sandhaufen haben,« -- meinte er, »und eine
Schaukel und eine Kletterstange, damit seine Muskeln straff werden.
Daneben aber baut mir eine Laube, in der ich im Sommer, ohne euch zu
stören, sitzen und mit meinem Jungen spielen kann.«
* * * * *
An einem dunkeln Spätherbsttag, kurz vor der Hochzeit meiner Schwester,
kam ich nach Hause. »Exzellenz ist beim Kleinen,« sagte das Mädchen. Ich
nickte lächelnd. Ottochen war nicht ganz wohl und durfte des schlechten
Wetters wegen nicht ausgehen. Nun kam der Großvater zu ihm. Ich trat in
sein Zimmer. Auf dem Teppich saß mein Kind, vertieft in die neuen
Soldaten, die ihm »Apapa« mitgebracht haben mochte; im Lehnstuhl lag der
Vater tief zurückgelehnt und schlief. Der sonst so lebhafte Junge
bewegte sich leise zwischen dem Spielzeug und sah erschrocken auf, als
ich näher trat. »Pst, pst!« machte er und legte ein Fingerchen auf die
Lippen. »Apapa baba!«
Der graue Schatten des frühen Abends kroch durch die Fenster. Schwer lag
er über den Zügen des Schlafenden, verwischte jede Lebensfarbe, ließ
jede Falte tiefer erscheinen. Ich faltete unwillkürlich die Hände: Wie
alt, wie blaß, wie müde sah er aus! Und war doch ein so starker Mann
gewesen und den Jahren nach kein Greis! Ich sank in die Kniee und küßte
die herabhängende Hand. Der Kummer um mich war es gewesen, der ihm ein
Stück seines Lebens gekostet hatte.
* * * * *
Ende November wurde Ilse im Elternhaus mit Oskar Erdmann getraut. Nur
die nächsten Verwandten waren geladen worden, und auch von ihnen hatten
manche abgesagt, als sie erfuhren, daß wir zugegen sein würden. Meine
Schwester sah aus wie eine Frühlingselfe. Alles Licht im Raum ging von
ihren goldenen Haaren aus, deren Glanz selbst der keusche Brautschleier
nicht zu dämpfen vermochte. Erdmann schien mir noch schmaler als sonst.
Ein unbestimmtes Angstgefühl beschlich mich. Meiner Schwester »Ja!«
klang so froh, so hell an mein Ohr, daß es die Sorge verscheuchte. Als
aber der Geistliche sich fragend an ihn wandte, verschlang ein rauher
Husten, unter dem ich seinen Rücken beben sah, seine Antwort. Mir war,
als wechselten seine Geschwister, die neben uns standen, einen
erschrockenen, vielsagenden Blick. Doch wie das junge Paar sich uns
zuwandte, überstrahlte ihr Glück auch diesen Eindruck.
Vor der Hochzeitstafel überkamen mich alte Träume. Sie stiegen aus den
schlanken Kelchen, die einst aneinanderklangen, während Walzermelodien
mich umrauschten, sie schimmerten in den silbernen Jardinieren, in denen
so viel Rosen, -- duftende Zeugen meiner Balltriumphe --, verblüht
waren.
Jemand schlug ans Glas. Nun, wußte ich, wird meines Vaters klare Stimme
die Luft in rasche Schwingung versetzen, sein Geist und sein Witz wird
alle bezaubern, und alle verdunkeln, die nach ihm reden werden.
Erwartungsvoll sah ich ihn an.
Seine Finger zerdrückten unruhig die Serviette, seine Lippen öffneten
sich einmal -- zweimal, bis daß ein Ton sich ihnen entrang, der rauh und
heiser war. Und dann sprach er, -- langsam, schwerfällig, wie
eingelernt. Meine Erwartung verwandelte sich in Staunen, mein Staunen in
Angst. Seine Hand hob sich wie zu einer jener alten Gesten, die so
wirksam zu unterstreichen pflegten, was er sagte, -- gleich darauf sank
sie schlaff herab, die Lippen zuckten, -- der begonnene Satz zerriß; --
eine qualvolle Pause; -- dann griff er hastig nach dem Kelchglas, hob es
empor, wobei die Tropfen zitternd über den Rand spritzten: »Die Familie
Erdmann lebe hoch -- hoch -- hoch!« -- In den Stuhl sank er zurück;
seine Augen wanderten wie um Verzeihung bittend von einem zum anderen,
und als sein Blick den meinen traf, sah ich die Träne, die ihm in den
Wimpern hing.
* * * * *
Im Winter ging es meinem Vater Woche um Woche schlechter. Es duldete ihn
nicht im Hause; schon früh trieb ihn eine unerklärliche Unruhe fort;
versuchte die Mutter, ihn zurückzuhalten, so setzte er ihren Bitten
einen so heftigem Widerstand entgegen, daß sie ihn gehen lassen mußte.
Er besuchte meine Schwester und schleppte sich bis zu uns herauf, obwohl
es ihm täglich schwerer wurde. Es war, als ob er das Alleinsein mit der
Mutter nicht ertrüge. Nur wenn sein Enkel bei ihm war, wich seine innere
Unruhe einem Ausdruck stillen Friedens. Zuweilen verließ ihn das
Gedächtnis, dann nannte er den Kleinen »Alix« und war noch zärtlicher zu
ihm als sonst. Einmal kaufte er eine Puppe, um sie »Alix« zu schenken;
als ihn die Mutter auf den Irrtum aufmerksam machte, geriet er in helle
Wut. »Alle Freude willst du mir verderben,« schrie er und sprach
stundenlang nicht mit ihr. Irgendeine Pflege duldete er nicht; er schloß
sich im Schlafzimmer ein, wenn der Arzt kommen sollte.
Ich sah, wie meine Mutter sich mühte, ihm alles recht zu machen. Aber
die Sorgfalt, mit der sie ihn umgab, hatte etwas Kühles, Fremdes, -- als
ob das Herz nicht dabei wäre. Sie litt unter seiner Heftigkeit; es kam
vor, daß ihre starre Selbstbeherrschung zusammenbrach; dann weinte sie
bitterlich, aber es waren Tränen des Zornes, nicht des Leides. »Er ist
so böse zu mir, so böse!« kam es krampfhaft zwischen ihren fest
geschlossenen Zähnen hervor. Hilflos stand ich vor der Offenbarung der
Ehetragödie meiner Eltern. Manches Erlebnis, das meine Jugend verbittert
hatte, tauchte in der Erinnerung wieder auf, und ich fand jetzt den
Schlüssel dazu.
»Die Ehe hat sie zerstört,« sagte ich zu meiner Schwester, als wir
darüber berieten, wie ihnen vielleicht noch zu helfen sei.
»Ja, -- das glaube ich gern,« antwortete sie mit einem grüblerischen
Ausdruck, der ihrem weichen Gesichtchen sonst fremd war.
Ich horchte auf; -- kaum zwei Monate war sie verheiratet! Von da an
führte mein Weg, wenn ich zu den Eltern ging, regelmäßig bei ihr
vorüber. Ich hatte sie in ihrem jungen Glück nicht stören wollen, jetzt
trieb mich die Sorge, zu sehen, ob es nicht schon gestört war. Aber ich
fand sie stets heiter inmitten ihrer schönen Häuslichkeit, die in Formen
und Farben so harmonisch zusammenstimmte, daß eine Vase, ein
Blumenstrauß schon störend zu wirken vermochte, wenn sie nicht in
bewußtem Einklang damit gewählt worden waren. Und ich fand ihren Mann
zärtlich um sie besorgt, -- in einer Art freilich, die ich nicht
vertragen hätte, die der Natur Ilsens aber zu entsprechen schien. Er
bestimmte ihre Kleidung, er beaufsichtigte die Hauswirtschaft, er
ordnete den Tisch, wenn Besuch erwartet wurde. Und alles nahm unter
seiner Hand den Charakter seines Künstlertums an: der Vornehmheit, die
jedes äußeren Schmuckes entbehren konnte, weil sie das Wesen des
Materials zu reinstem Ausdruck brachte; der jedem lauten Ton abholden
Ruhe, die wie Sonnenuntergang am Tage durch die orangeseidenen Vorhänge
klang und am Abend in den Falten der grünen, die sich darüber breiteten,
träumte; und der Liebe zur Natur, die sich in allem, was ihn umgab,
widerspiegelte, -- in den dunkelroten Kastanienblättern der Tapete, den
zarten Pflanzen- und Vögelstudien japanischer Stiche, dem Wandteppich
mit dem stillen Waldbach, auf dem die Schwäne ziehen. Es war gut sein
bei ihnen, und wer davon ging, dem kam die Welt draußen doppelt häßlich,
unharmonisch, laut und herzlos vor. Aber es ging auch etwas wie eine
Lähmung von dieser Umgebung aus, etwas, das vom wirklichen Leben
gewaltsam abzog.
Die Gäste des Hauses entsprachen dieser Stimmung; keine der Fragen, die
uns bewegten, traten mit ihnen über seine Schwelle. Die Kunst stand im
Mittelpunkt all ihres Denkens und Fühlens; nicht jene nebenabsichtslose,
die wächst wie ein Baum, gleichgültig, ob nur einsame Wanderer ihn
finden, oder ob Scharen unter seinem Schatten ruhen, sondern jene
märchenhafte Treibhausblume, die nur für die Auserwählten gezogen wird.
Sie vertraten alle den Individualismus, aber hinter ihrer Forderung der
höchsten Kultur des Individuums verbarg sich nur sein Kultus. Man sprach
mit halber Stimme, man las Bücher, die in numerierten Exemplaren nur für
einen kleinen Kreis von Freunden gedruckt wurden; am Flügel saß häufig
ein katholischer Priester, der in dem milden Wachskerzenlicht des
zartgetönten Salons Palestrinas feierliche Weisen ertönen ließ.
Dieselbe Atmosphäre, die sich weich um die Stirne legt, herrschte hier,
wie im Theater, wo Hofmannsthals Hochzeit der Sobëide jenen
Haschichrausch hervorrief, der der Welt entrückt. Und am Ende des
Jahrhunderts jauchzte die Jugend den neuen Göttern ebenso stürmisch zu,
wie wir die Ibsen und Gerhart Hauptmann empfangen hatten. Flüchteten die
Menschen nur im Gefühl ihrer Schwäche aus der Wirklichkeit, oder waren
nicht unter denen, die sich abseits des rauhen Lebens in einem weißen
Tempel versteckten, auch solche, die als geweihte Priester der
Menschheit wieder aus ihm hervorgehen werden?
Ich hätte die Frage nicht entscheiden können, aber mein Optimismus
glaubte gern an Keime neuen Werdens, wo andere Fäulniserscheinungen
sehen. Auch Erdmanns Persönlichkeit berechtigte dazu. Er selbst wurzelte
zu bewußt im Boden der Erde, als daß er seine Kunst ihr hätte entreißen
können. Er behandelte die jungen Männer, die seine genial geknoteten
Krawatten nachahmten, von seinem tiefsten Wesen aber wenig wußten, mit
leiser Ironie. Die l'art pour l'art-Devise war für ihn nicht das Letzte.
»Wir müssen den Snob benutzen,« sagte er, als wir einmal unter uns
waren, »um allmählich zum Volk zu kommen. Es ist mit dem Kunstgewerbe
wie mit der Mode: Das Neueste ist zuerst ein Vorrecht der Wenigen und
nach einem Jahr die Gewohnheit der Massen.« Lebhaft hin- und hergehend
setzte er uns dann seine Zukunftspläne auseinander: Handwerkerschulen
wollte er schaffen, in denen nicht alte Klischees immer wieder benutzt
werden, sondern die neuesten und schönsten Errungenschaften der Kunst zu
Mustern dienen.
»Es ist bewundernswert, wie verständnisvoll all die kleinen Handwerker,
die ich jetzt schon zusammengesucht habe, meinen Ideen entgegenkommen.
Sie sind in ihrem Geschmack weniger verdorben, sie haben vor allem weit
mehr Gefühl für das Material, das sie bearbeiten, als die meisten
unserer Kunstgewerbetreibenden, die vor lauter theoretischem Wissenskram
jede persönliche Stellung zu den Dingen verloren haben --.« Ein heftiger
Hustenanfall unterbrach ihn, rote Flecken zirkelten sich auf seinen
eingefallenen Wangen ab. Meine Schwester erblaßte, lief hinaus und
brachte ihm eine Tasse Tee, die er entgegennahm, wie etwas längst
Gewohntes. »Der berliner Winter, -- dies ekelhafte Regenwetter --,«
sagte er dann und lehnte sich müde in den Stuhl zurück, während seine
Brust sich noch krampfhaft hob und senkte. »Ich war um diese Zeit immer
im Süden --,« fügte er halblaut wie zu sich selbst hinzu.
Wir gingen. Meine Schwester begleitete uns bis zur Tür. Ich sah sie
fragend an. Sie nickte, um ihren Mund zuckte es verräterisch: »Ich weiß,
-- wir sollten fort, aber er will nicht. Er kann seine Arbeiten nicht im
Stiche lassen, sagte er. Aber später, in Jahr und Tag, wenn er sehr viel
verdient haben wird, --« dabei lächelte sie wieder hoffnungsvoll, --
»dann wollen wir reisen --« »Ilse!« klang es ungeduldig von innen. Sie
fuhr erschrocken zusammen: »Nun wird er wieder böse sein!« und lief,
sich hastig verabschiedend, hinein.
Wochenlang war er an das Zimmer gefesselt. Nun ging meine Mutter
zwischen dem Mann und dem Schwiegersohn unermüdlich hin und her.
»Ilschen ist viel zu zart für solch eine Pflege,« meinte sie, während
sie selbst dabei immer magerer wurde. Bat ich sie, sich zu schonen, so
hatte sie nur die eine Antwort: »Solange mir Gott Pflichten auferlegt,
habe ich sie zu erfüllen.« Dabei rückte der Umzugstermin näher; er mußte
pünktlich inne gehalten werden, denn die Wohnung der Eltern war
vermietet. In der Nacht, wenn der Vater schlief, kramte und packte die
Mutter, um ihn nur ja bei Tage damit nicht zu stören.
Bei uns sah es ähnlich aus, denn unser Häuschen war inzwischen fertig
geworden, und der Tag des Einzugs war festgesetzt. Aber die Freude
fehlte, mit der ich ihm vor Monaten entgegengesehen hatte.
»Sind wir erst draußen, so wird alles gut werden,« versicherte mir
Heinrich immer wieder, wenn meine sorgenvollen Mienen ihm meine Stimmung
verrieten. »Glaubst du, daß wir Taler von den Kiefern schütteln können,
wie das Kind im Märchen?« antwortete ich. »Wertvollere jedenfalls,«
meinte er gereizt. »Deines Kindes und deine Gesundheit, deine
Arbeitskraft sind doch wohl wichtiger, als die paar blauen Lappen, die
du momentan vermißt.« Ich zuckte die Achseln. Die Sorgen waren ja meine
Krankheit, und sie gedeihen auch in der besten Luft.
* * * * *
Hans geht es schlecht, kommt bitte gleich --« Meine Mutter schickte
diese Zeilen. Wir fuhren in die Ansbacherstraße. Auf seinem Lehnstuhl
saß der Vater, halb angezogen, mit blaurotem Gesicht und
blutunterlaufenen Augen. Gepackte Kisten standen umher, öde starrten uns
die vorhanglosen Fenster entgegen, grauer Staub lag auf den abgeräumten
Tischen.
»Ich will nicht zu Bett, -- ich will nicht,« stöhnte der Kranke. Der
Mutter liefen die Tränen über die abgehärmten Wangen.
»Er stößt mich zurück, wenn ich ihm helfen will,« flüsterte sie. Der
Arzt trat ein. Mit gewaltsamer Anstrengung erhob sich der Vater, stützte
sich mit beiden Händen auf den Tisch vor ihm und schrie, während die
Augen ihm aus den Höhlen zu treten schienen: »Hinaus -- hinaus! Ich mag
keinen Quacksalber!« --
Dann brach er zusammen, krallte die Hand in die linke Seite, -- langsam
wich die Farbe aus seinen Zügen; willenlos ließ er sich ins Schlafzimmer
führen, den Kopf tief gesenkt, schwankend, mit kleinen, unsicheren
Schritten. Im Bett lag er ganz still. Nur die Augen, die merkwürdig groß
und klar geworden waren, sprachen, was die Lippen nicht sagen konnten.
Während Heinrich und Erdmann von den neuen Mietern der Wohnung, die sich
zu einem Aufschub des Einzugs nicht verstehen wollten, zum nächsten
Krankenhaus fuhren, um die Übersiedlung dorthin vorzubereiten, und die
Mutter mit Ilsens Hilfe draußen das Notwendigste zusammenpackte, war ich
allein bei dem Kranken.
Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich forschend in meine
Züge. »Du kannst ruhig, -- ganz ruhig sein, lieber Papa. Ich bin
vollkommen glücklich --,« versicherte ich. Sie leuchteten auf, um sich
gleich darauf in jäher Angst, halb geschlossen, wieder auf mich zu
richten. »Ich liebe dich, Papa, ich habe nie aufgehört, dich zu lieben,«
antwortete ich mit tränenerstickter Stimme. Um seine blassen Lippen
zuckte ein leises Lächeln, seine schwache Hand versuchte, die meine zu
umschließen, die Lider deckten sekundenlang die stahlblauen Pupillen, --
dann zuckten sie schreckhaft wieder empor. Eine einzige, ungeheure,
verzweifelte Frage starrte aus diesen Augen, in die das ganze Leben sich
zu einer letzten Zuflucht zusammendrängte. Ich verstand. Vorsichtig
löste ich meine Hand aus der seinen und ging hinaus -- »Mama!« rief ich
leise. Sie kam. Ich sah noch zwei Hände, die sich zitternd ihr
entgegenstreckten, -- dann zog ich die Türe hinter mir ins Schloß ...
Als der Krankenwagen vorfuhr, trat sie aus dem Zimmer, bleich,
regungslos, wie versteinert. »Er schläft,« sagte sie. Ich beugte mich
über ihn: wie ein Hauch schwebte der Atem nur noch von seinen Lippen.
Die Augen waren geschlossen, das Gesicht weiß und still, beherrscht von
einem Ausdruck feierlichen Ernstes.
* * * * *
Zu Hause lief mir mein Kind entgegen. »Apapa dehn!« schrie es
ungeduldig. Es war die Stunde seiner täglichen Ausfahrt. Ich schüttelte
traurig den Kopf. Da fing es an herzbrechend zu schluchzen.
* * * * *
Noch zwei Tage atmete der Sterbende. Mit einer Ruhe, von der ich nicht
wußte, ob ich sie bewundern oder mich vor ihr entsetzen sollte, ordnete
die Mutter alles an, als wäre er schon gestorben.
Angstvoll sah ich hinüber zu dem starren Gesicht in den weißen Kissen.
»Er ist ohne Bewußtsein,« hatte der Arzt versichert. Zuweilen aber
schien mir, als hörte er noch, als sähe er mit geschlossenen Augen, als
ginge ein Beben durch seinen Körper.
In der dritten Nacht starb er.
* * * * *
Droben an der Hasenhaide, wo der Riesenleib der Stadt sich gigantisch
den Hügeln zu Füßen hinstreckt und der Sturm ungehindert durch die alten
Bäume pfeift, ist die letzte Garnison der Soldaten. Von den
Schießständen grüßen die Flintenschüsse herüber, von den Kasernenhöfen
die Trompetensignale, und vom Tempelhofer Feld klingen zuweilen die
Kriegsmärsche in den Frieden des Kirchhofs.
Dorthin trugen alte Regimentskameraden den Sarg, in dem der Tote
schlief, gehüllt in den Mantel, der in allen Feldzügen sein
unzertrennlicher Begleiter gewesen war. Es war ein stilles Begräbnis.
Für die alten Freunde war er gestorben, als er sich mit mir, der
Abtrünnigen, versöhnte.
Auch der Kaiser hatte des Mannes vergessen, der seinem Ahnherrn in
Frankreichs blutgetränkter Erde die Krone des deutschen Reiches erobern
half.
* * * * *
Acht Tage später verließen wir die Wohnung, in der die Sonne durch alle
Fenster hatte fluten können, in der mein Sohn geboren worden war. »Ottoo
-- addaa --« jauchzte er wieder, als wir davonfuhren; aber die Fenster
des Wagens waren geschlossen, und der Frühlingsregen peitschte an das
Glas. Im Walde draußen empfing uns die neue Heimat: Unter dem tiefen
grauen Dach unseres Hauses schauten die kleinen Fenster wie Augen unter
schattenden Wimpern hervor, geheimnisvoll lockend und feindselig
abwehrend zurück. Darüber wiegten die Kiefern ihre schwarzen Kronen. Es
war wie ein Stück der stillen, ernsten Natur, die es umgab. Und still
und ernst trat ich über seine Schwelle.